Am Mittleren Grund - Irene Euler - E-Book

Am Mittleren Grund E-Book

Irene Euler

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Beschreibung

Als Kopf der Verdeckten Wache weiß Tishanea bald nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Schon der erste Mordfall entwickelt sich zu einer unheimlichen Serie, die Dreistadt an den Rand neuer Fehden treibt. Während Tishanea mit wachsender Verzweiflung den Mörder jagt, fällt es ihr immer schwerer, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Sogar ihre Verbündeten benehmen sich merkwürdig, und Tishanea muss sich fragen, wem sie noch vertrauen kann.

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Irene Euler

Am Mittleren Grund

Dreistadt Band 2

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

Leseprobe: Die Glasbrecherin

Impressum neobooks

I

Zwei Fische stoben blitzartig auseinander, als hätte ein Hai die Ruhe am Riff gestört. Doch die schlanke Gestalt, vor der die Tiere flohen, wurde nicht von den fließenden Schlägen einer Schwanzflosse vorwärts getrieben. Hände mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern und lange Beine ließen sie durch das Wasser gleiten. Die Gestalt interessierte sich auch nicht für die aufgeschreckten Fische. Zielstrebig steuerte sie eine tunnelförmige Öffnung im Riff an. Sie tauchte so schnell, dass ihre dünnen, seetanggrünen Zöpfe kein einziges Mal vor ihren Augen tanzten. Nichts verdeckte ihr die Sicht auf den mächtigen Schatten, der von oben auf sie herabfiel. Ein Lächeln huschte über Tishaneas Gesicht. Wettschwimmen gegen Schurac waren eigentlich Unsinn. Der riesige Halbwasserhafte schlug sie mühelos, auf kurzen Strecken ebenso wie auf langen. Nur wenn sie durch den Tunnel im Seegurkenriff tauchen mussten, hatte Tishanea eine Chance. Sie brauchte weniger Luft und konnte den Tunnel in einem flachen Bogen durchtauchen. Schurac musste einen steileren Winkel wählen und verlor dabei Zeit. Tatsächlich glitt Tishanea als Erste durch den Tunnel. Nun galt es, ihren Vorsprung zu halten! Wie von der Qualle verbrannt hetzte sie durch die Bucht. Kurz vor dem Ziel wurde sie plötzlich am Knöchel festgehalten. Schurac hatte bereits Grund unter den Füßen gewonnen und zog Tishanea mit einem schlitzohrigen Lächeln in seine Arme. Gerade noch rechtzeitig schluckte Tishanea ihre Empörung hinunter. Stattdessen erwiderte sie Schuracs Lächeln und verschränkte ihre Finger in seinem Nacken. Langsam näherte sie ihr Gesicht dem seinen. Im selben Moment, in dem seine Lider sich senkten, wand Tishanea sich blitzschnell aus der Umarmung. Sie stieß sich so fest von Schuracs Brust ab, dass er prustend unterging. Erneut schoss sie auf den Strand zu und fiel zuletzt keuchend in den Sand. Kurz darauf erschien auch Schurac an ihrer Seite.

„Das war Anwendung unlauterer Mittel!“ protestierte er.

„Allerdings!“ japste Tishanea. „Es gilt nicht, seinen Gegner festzuhalten!“

„Ach, das hast du missverstanden! Ich wollte dich nur so schnell wie möglich für deinen Sieg belohnen.“

Nun prustete Tishanea. „Ich habe also unlautere Mittel gegen meine Belohnung angewandt?“

„Vollkommen richtig,“ gab Schurac mit aufgesetzter Strenge zurück. „Und sie damit natürlich verspielt – unwiderruflich.“

„Dann werde eben ich dich trösten müssen.“

Tishanea rückte näher, um den Kuss nachzuholen, den sie im Wasser nur vorgetäuscht hatte. Prompt schlossen Schuracs Arme sich wieder um sie, und diesmal dachte sie nicht daran, ihnen zu entfliehen. Aus dem verhassten, unerbittlich strengen Lehrer war ihr Fels in der Brandung geworden. Sie standen nun auf derselben Seite und kämpften für dasselbe Ziel: Für Frieden zwischen den Felshaften, Erdhaften und Wasserhaften. Für Frieden in Dreistadt.

Nach einer Weile wurde es Tishanea zu heiß in der Sonne. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie, dass Schuracs Augen offen standen. Wie so oft flackerte sein Blick voller Unruhe umher. Tishanea setzte sich auf.

„Denkst du schon wieder an das Haus des dreifachen Friedens?“

Schurac richtete sich ebenfalls auf, schüttelte den Sand aus seinem schwarzen Haar und band es neu im Nacken zusammen. „Das Haus des dreifachen Friedens lässt mich nie los.“ In seinem Ton mischten sich Widerwillen, Stolz und Trotz. „Morgen werden die neuen Zöglinge ausgewählt...“ Schurac hielt inne, um auf Tishaneas Miene nach Anzeichen für Missmut zu fahnden.

Tishanea lachte. „Sprich nur weiter. Ich weiß doch, dass das Haus des dreifachen Friedens das Wichtigste in deinem Leben ist. Ich habe mich schon darüber gewundert, dass du so wenig darüber redest, obwohl sich gerade so vieles ändert.“

„Manchmal möchte sogar ich über andere Dinge reden,“ grollte Schurac.

Den flüchtigen Kuss auf ihre Stirn nahm Tishanea nichtsdestotrotz als Dank für alle Gespräche – auch für das bevorstehende Gespräch über das Haus des dreifachen Friedens.

„Also,“ nahm Tishanea die Angelschnur wieder auf. „Die neuen Zöglinge werden morgen ausgewählt. Fürchtest du, dass euch die Auswahl schwer fallen wird?“

„Nein, die Auswahl wird uns nicht schwer fallen. Es wurden nur elf erdhafte, zehn felshafte und neun wasserhafte Zöglingskandidaten angemeldet. Damit gehen sich gerade die neun Dreigeschwistergruppen aus, die wir früher hatten. Wir müssen also nur zwei erdhafte Kinder und ein felshaftes Kind ablehnen. Es sind die wenigen Anmeldungen, die mir Sorgen machen. Offenbar wird das Haus des dreifachen Friedens in den drei Städten weniger geschätzt als wir angenommen haben – oder besser gesagt: es wird weniger geschätzt als wir gehofft haben. Daneben gibt es noch ein Problem mit den Zöglingskandidaten. Die meisten kommen aus Familien, die es sich nicht leisten können, ihre Kinder in eine gute Schule in Erdstadt, Felsstadt oder Seestadt zu schicken. Für das Haus des dreifachen Friedens müssen sie nichts bezahlen.“

Tishanea hob die Schultern. „Wo ist das Problem? Wenn die Zöglinge aus solchen Familien kommen, werden sie das Haus des dreifachen Friedens umso mehr schätzen. Außerdem tut die Schule noch mehr Gutes, wenn sie Kindern aus armen Familien zu einer guten Ausbildung verhilft.“

Schurac seufzte. „Ich wäre ganz deiner Meinung, wenn ich nicht den Verdacht hätte, dass diese Familien ihre Kinder aus dem falschen Grund in das Haus des dreifachen Friedens schicken. Die neuen Regelungen sollten dafür sorgen, dass kein Kind mehr dazu gezwungen wird, als Zögling zu leben – dementsprechend müssten die neuen Zöglinge aus Familien kommen, die den Frieden zwischen den Haftigkeiten stärken wollen. Stattdessen bekommen wir jetzt Zöglinge, deren Eltern ihren Geldbeutel schonen wollen.“

„Nicht einmal die ärmste Familie würde ihr Kind in das Haus des dreifachen Friedens schicken, wenn sie nicht für Frieden zwischen den Haftigkeiten wäre – die wirklich Engstirnigen würden ihre Kinder doch lieber verhungern lassen als sie auf den Mittleren Grund zu schicken.“

„Mag sein,“ knurrte Schurac. „Aber vergiss nicht, dass die Zöglinge diesmal nicht mehr die ganze Zeit im Haus des dreifachen Friedens leben werden – nach zehn Tagen in der Schule kehren sie für fünf Tage zu ihren Familien zurück. Die Eltern wissen also, dass sie ihren Kindern alle Lektionen aus dem Haus des dreifachen Friedens wieder austreiben können, wenn sie ihnen nicht gefallen. Es wird schwierig werden, die Zöglinge zu loyalen Dreistädtern zu erziehen, wenn sie in den drei Städten ständig etwas anderes hören und sehen. Aber das ist nur eine Sache. Zu viele Erdstädter, Felsstädter und Seestädter verachten das Haus des dreifachen Friedens jetzt schon. Wenn alle unsere Zöglinge aus armen Familien kommen, werden noch mehr unsere Schule verachten.“

„Das glaube ich nicht,“ winkte Tishanea ab. „Nur die Fischköpfe, die jetzt schon gegen das Haus des dreifachen Friedens sind, werden es deshalb noch mehr verachten. Aber denen ist ohnehin nicht zu helfen! Das muss uns egal sein.“

Ein energisches Kopfschütteln war die Antwort. „Es könnte uns egal sein, wenn die Zöglinge die ganze Zeit im Haus des dreifachen Friedens leben würden. Das wird aber nicht der Fall sein. So wie die Dinge stehen, werden sie in den drei Städten doppelte Außenseiter sein. Erstens, weil sie Zöglinge des Hauses des dreifachen Friedens sind, und zweitens, weil sie aus armen Familien kommen. Darunter werden die Kinder leiden – vielleicht sogar so sehr, dass sie beginnen werden, ihre Schule zu hassen und sich gegen alles wenden, was wir ihnen beibringen wollen. Dabei haben wir gehofft, dass die Zöglinge schon während ihrer Schulzeit als Botschafter des Friedens wirken könnten – allein durch das, was sie ihren Freunden und Bekannten in den drei Städten über das Haus des dreifachen Friedens erzählen. Aber wenn die Zöglinge aus verachteten Familien kommen, wird ihnen niemand zuhören. Niemand wird sie ernst nehmen. Du weißt, wie es in Dreistadt ist – nur wer Geld hat, wird gehört. Als die Zöglinge durch das Los ausgewählt wurden, kamen sie aus allen möglichen Familien – aus armen und reichen, friedlichen und engstirnigen. Bei einem Losentscheid würde vieles anders aussehen.“

Tishanea wollte auffahren, doch Schurac hob beschwichtigend die Hände. „Ich habe nicht vergessen, welche Probleme der Losentscheid brachte. Aber er hatte auch seine Vorteile. Nachdem er Zöglinge wie dich hervorgebracht hat, kann er nicht nur schlecht gewesen sein.“

Das Lob besänftigte Tishanea kein bisschen: „Der Losentscheid brachte aber auch einen Zögling wie Rogosol hervor. Und ich wäre beinahe denselben Weg gegangen wie er.“

Die Erinnerung an ihren erdhaften Triasbruder trieb Tishanea auf die Beine. Am liebsten wäre sie davongelaufen. Das Entsetzen über Rogosols Taten und über sein Ende saß immer noch tief. Zu knapp war sie selbst davor gestanden, ihren Hass auf das Haus des dreifachen Friedens an Unschuldigen auszulassen. Mechanisch klopfte Tishanea den Sand von ihrer Fischledertunika, während Schurac sich zu seiner vollen Größe auftürmte. Mit dem massiven Oberkörper eines Erdhaften und den langen, schlanken Beinen eines Wasserhaften überragte er Tishanea fast um zwei Köpfe.

„Es gibt nun einmal kein ideales Verfahren für die Auswahl der Zöglinge,“ stellte Schurac fest. „Jetzt zeigen sich eben die Nachteile der neuen Regelung. Ich bin nicht sicher, ob sie kleiner sind als die Nachteile des Losentscheids – aber ändern kann ich die Regelung jetzt so oder so nicht. Die Entscheidung für die zweite Zöglingsgeneration ist schon gefallen.“

Tishanea blickte auf das Meer hinaus. Würde Schurac jemals begreifen, welche Wunde der Losentscheid in ihr Leben geschlagen hatte? Im Haus des dreifachen Friedens wurde der einzig richtige Weg für Dreistadt gelehrt, gewiss. Aber vielleicht hätte sie schneller und leichter auf diesen Weg gefunden, wenn sie nicht aus ihrer Familie gerissen worden wäre. Bei ihrem Bruder war es so gewesen.

„Wolltest du heute nicht noch Schirron besuchen?“ erkundigte Schurac sich, wie wenn er ihre Gedanken gelesen hätte.

Nichts hätte Tishanea schneller aus ihren trüben Erinnerungen holen können als diese einfache Frage. Die Zwänge der Zöglingszeit lagen hinter ihr. Schurac befahl nicht mehr, er fragte. Mit ihrem Bruder hatte sie zumindest eine kleine Familie. Sie konnte jederzeit den Mittleren Grund verlassen und nach Seestadt gehen. In Zukunft würde es sogar ihre Pflicht sein, nach Seestadt zu gehen.

„Ja, ich möchte Schirron besuchen. Ab morgen werde ich nicht mehr so viel Zeit haben – als Kopf der Verdeckten Wache...“

Schurac blickte mit einem halben Lächeln und einer hochgezogenen Braue auf Tishanea hinunter. „Höre ich da ein wenig Anspannung in deiner Stimme?“

Tishanea setzte zu einer wegwerfenden Geste an, dann schlug sie die Augen nieder. „Ich habe einfach nicht damit gerechnet, zum Kopf der Verdeckten Wache ernannt zu werden,“ brach es aus ihr hervor. „Ich war sicher, dass Paukir der Kopf wird. Jetzt soll ich die Verdeckte Wache leiten, dabei weiß ich doch nichts über die Arbeit einer Verdeckten Wächterin! Die Suche nach den Verschwörern letztes Jahr zählt nicht – ich habe Lehmak und seine Spießgesellen doch nur durch eine ganze Kette von Zufällen gefunden!“

„Unsinn,“ entgegnete Schurac. „Du weißt genug. Du bist dreizehn Jahre lang darauf vorbereitet worden, eine Verdeckte Wächterin zu sein.“

„Aber wir hätten doch erst in unserem letzten Schuljahr für die Gründung einer Verdeckten Wache ausgebildet werden sollen! Und dieses letzte Jahr haben wir mit der Suche nach den Verschwörern verbracht!“ Fahrig zwirbelte Tishanea einen ihrer Zöpfe zwischen den Fingern.

„Ja, eine Trias hätte in ihrem letzten Jahr speziell auf die Aufgaben einer Verdeckten Wache vorbereitet werden sollen. Aber es war doch lange nicht klar, welche Trias zuletzt als Verdeckte Wache arbeiten würde – oder im Haus der dreifachen Gerechtigkeit, oder im Haus des Dreihandels, und so weiter. Diese Entscheidung fiel erst kurz vor eurem letzten Jahr. Deshalb lehrten wir alle Zöglinge, was sie als Verdeckte Wächter, als Richter oder als Handelsinspektoren können müssen und wissen müssen. Du und Paukir – ihr habt im letzten Jahr nur Wiederholungen und Vertiefungen versäumt.“ Behutsam befreite Schurac Tishaneas Zopf aus ihren verkrampften Fingern. „Außerdem kann wirklich keine Rede davon sein, dass du Lehmak und seine Mitverschwörer nur zufällig gefunden hast. Es reicht nicht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Man muss auch das Entscheidende sehen und die Puzzleteile richtig zusammenfügen – genau das hast du getan. Du hast die Verschwörung aufgedeckt und den dritten Sprengstoffanschlag verhindert. Das allein wäre Grund genug, dich zum Kopf der Verdeckten Wache zu ernennen. Es gibt aber noch andere Gründe. Erstens ist der Kommandant der Mittelwache ein Felshafter. Es wäre deshalb unklug, einen weiteren Felshaften zum Kopf der Verdeckten Wache zu machen – schließlich ist die Verdeckte Wache ein Teil der Mittelwache. Und weil es gerade keinen erdhaften Verdeckten Wächter gibt – Rogosol muss ja erst ersetzt werden – lag die Ernennung der Wasserhaften umso näher. Zweitens ist Paukir zwar klug und überaus fleißig, aber er wartet zu oft auf Anweisungen statt eigene Entscheidungen zu treffen. Trotzdem wird er gerne überheblich. Das ist keine gute Mischung für den Kopf der Verdeckten Wache. Deshalb bist du zum Kopf ernannt worden. Natürlich hast du noch viel zu lernen, aber du bringst alles mit, was du für diese Arbeit brauchst.“

Tishanea starrte zu Boden und grub ihre Zehen in den Sand. Die stolze Überzeugung in Schuracs Worten ließ die Verantwortung noch schwerer auf ihren Schultern lasten. Paukir hatte von Anfang an für die Ziele des Hauses des dreifachen Friedens gelebt, während sie sich nur nach Seestadt zurückgesehnt hatte. Und nun sollte sie plötzlich ein besserer Kopf der Verdeckten Wache sein als er? Schurac trat einen Schritt näher und legte seine Hände auf Tishaneas Schultern. Sie lehnte sich an ihn und hörte seine Stimme tief aus seinem Brustkorb kommen:

„Tisha, dein Kopf und dein Herz sind endlich auf dem gleichen, richtigen Platz. Folge einfach dem, was sie dir sagen, und du wirst deine Pflicht als Kopf der Verdeckten Wache erfüllen. Außerdem stehst du ja nicht allein. Die Verdeckte Wache ist ein Teil der Mittelwache. Alle Lehrer aus dem Haus des dreifachen Friedens werden weiterhin für dich und für Paukir da sein. Und vor allem werde ich für dich da sein.“

Endlich begann Tishaneas Unbehagen abzuklingen. Offenbar war sie nochmals von dem Gefühl eingeholt worden, allein gegen alles und jeden in Dreistadt kämpfen zu müssen. Doch in Schuracs Armen fand dieses Gefühl keinen Platz mehr.

***

Tishanea und Schurac erreichten Figass’ Schiffswerft gerade rechtzeitig zum Feierabend. Sie mussten in der Schar der Werftarbeiter nicht lange nach Schirron Ausschau halten. Er hatte den riesigen Halbwasserhaften sofort erblickt und bahnte sich seinen Weg zu ihm. Inzwischen war Schirron daran gewöhnt, dass er Tishanea an Schuracs Seite finden würde. Trotzdem verblasste sein Grinsen etwas, als er nach seiner Schwester auch ihren Begleiter begrüßte. Tishanea machte sich nichts daraus. Schirron hatte Schurac als jähzornigen, herrschsüchtigen Lehrer kennengelernt, der seine Schwester zweimal aus ihrem Elternhaus geschleppt hatte. Es würde einige Zeit dauern, bis er sein Misstrauen gegen den Halbwasserhaften ablegen könnte. Außerdem war Tishanea viel zu sehr von Schirrons Aussehen gefangen, um sich über sein Verhalten Gedanken zu machen. Bisher hatte Schirron sein Haar nach Seestädter Art lang und geflochten getragen. Nun stand es in Sardinengrätenlänge und lose von seinem Kopf ab.

„Bist du irrtümlich in eine Herde Bergziegen geraten, die geschoren wurde?“ neckte Tishanea.

Schirron strich sich mit einem schiefen Lächeln über den Kopf. „Ich hatte es einfach satt, ständig Sägespäne im Haar zu haben – oder mit dem Zopf an einer Holzplanke hängenzubleiben, wenn ich in den unfertigen Schiffsrümpfen herumgeklettert bin. Für die Arbeit in der Werft sind kurze Haare das einzig Wahre.“

Plötzlich fiel Tishanea auf, wie stark Schirron seinem Vater ähnelte. Auch Goschub trug sein Haar kürzer als die meisten Wasserhaften, wenn auch geflochten.

Haar hielt er für eine Beleidigung aller Wasserhaften.

„Wie hast du Vaters Wutausbruch überlebt, als er deine neue Frisur gesehen hat?“

„Dieser Wutausbruch steht mir noch bevor. Ich habe Vater und Mutter in letzter Zeit wenig besucht...“ Schirron seufzte.

Unwillkürlich ballte Tishanea die Fäuste. Sie war so erleichtert gewesen, als Schirron wieder begonnen hatte, ihre Eltern zu besuchen. Ihr selbst fehlte der Mut dazu. Goschub hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er einen Zögling des Hauses des dreifachen Friedens nicht unter seinem Dach dulden würde. Mit seinem Sohn würde er sich vielleicht versöhnen – obwohl Schirron gegen den Willen der Eltern eine Lehre in der Schiffswerft begonnen hatte, eine loyale Dreistädterin liebte, und im Streit ausgezogen war. Schirron ließ sich nämlich nicht beirren. Nicht in seinem Beruf, nicht in seiner Liebe und nicht in seinem Bemühen, die Familie zusammenzuhalten. Er besaß mehr Großzügigkeit, Humor und Geduld als alle anderen Dreistädter, die Tishanea kannte. Wenn einer Goschub und Rabess vernünftige Gedanken über Dreistadt einflößen konnte, dann war es Schirron. Doch anscheinend wollte es nicht einmal ihm gelingen.

„Es wird nicht besser mit ihnen?“

Schirron wedelte mit der Hand durch die Luft. „Nein, aber das war ja auch nicht zu erwarten – das heißt, nicht so schnell. Sie werden mir noch lange nachtragen, dass ich zu Quissa und Assoran gezogen bin. Mir war klar, dass meine Besuche monatelang so aussehen würden wie die letzten – voll eisiger Höflichkeit, und mit Gesprächen, die bestenfalls seicht sind. Aber immerhin haben Mutter und Vater mir nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen – nicht einmal, als ich zuletzt Quissa mitbrachte. Ich habe deshalb gehofft, dass sie mit den Jahren doch noch vernünftig werden – dass sie Dreistadt sehen werden, wie es ist. Aber seit meinem letzten Besuch ist diese Hoffnung um einiges kleiner geworden. Fjurosch ist wieder frei und wohnt seitdem bei ihnen. Er wird jedes meiner Worte zunichte machen – abgesehen davon, dass wegen ihm jeder Besuch zur Qual wird.“

Schirrons Worte ergossen sich wie ein Schwall eiskalten Wassers über Tishanea. Fjurosch saß nicht mehr in einer Zelle im Haus der dreifachen Gerechtigkeit? Das war übel genug! Aber wie kam es überdies, dass sie nichts davon wusste? Sie hatte Fjuroschs Pläne aufgedeckt und dafür gesorgt, dass er gefangen genommen und verurteilt wurde – die Mittelwache musste sie also benachrichtigen, wenn Fjurosch freigelassen wurde! Allerdings war die Anklage damals von Schurac geführt worden, weil sie noch ein Zögling gewesen war. Hatte Schurac von der Freilassung erfahren? Tishanea ließ ihren Blick zu ihm hoch schweifen.

„Die Mittelwache konnte ihn nicht länger festhalten,“ missdeutete Schurac ihre unsichere Miene. „Fjurosch wurde nur wegen seiner Anschlagspläne verurteilt, zur Ausführung des Anschlags kam es ja nicht. Mehr als ein halbes Jahr Gefängnis war nicht drinnen, und diese Strafe hat er inzwischen abgesessen – leider!“

„Die Strafe war allerdings genug, um Fjuroschs Karriere als Seewächter zu beenden,“ schaltete Schirron sich wieder ein. „Wer einmal ins Gefängnis musste, darf kein Seewächter mehr sein. Die meisten Seestädter finden zwar, dass das nur bei Urteilen gelten sollte, die in Seestadt gefällt wurden, aber das Gesetz gilt trotzdem auch für Urteile, die auf dem Mittleren Grund gefällt wurden. Sicher hat der Dreigipfel beim Friedensschluss darauf bestanden. Jedenfalls war Fjurosch ohne Arbeit und geht jetzt jeden Tag mit Vater, Mutter und Riesche auf Fischzug – zur großen Freude von Riesche. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Fjurosch dabei glücklich ist. Kann aber auch sein, dass ich mir nur wünsche, dass er unglücklich ist – in der Hoffnung, dass er bald wieder verschwindet. Ich konnte ihn noch nie leiden, auch nicht vor seiner Verurteilung. Wenn ich mir vorstelle, dass ich jedes Mal diesen Schleimfisch sehen muss, wenn ich Vater und Mutter besuche... Da frage ich mich schon, ob ich die Familienbande wirklich wieder enger knüpfen will – oder ob ich es überhaupt kann.“

Tishanea wollte protestieren, hielt sich aber im letzten Moment zurück. Sie verstand Schirron allzu gut. Fjurosch hatte seinen Hass auf die Erdhaften und auf die Felshaften bestimmt nicht im Haus der dreifachen Gerechtigkeit zurückgelassen. Auf jedes gute Wort über Dreistadt, das Schirron in die Ohren ihrer Eltern legte, würden zehn schlechte von Fjurosch kommen. Kein Wunder, dass Schirron daran dachte, Goschub und Rabess aufzugeben.

„Wenn Riesche und Fjurosch zumindest eine eigene Wohnung suchen würden,“ fuhr Schirron fort. „Aber das werden sie wohl nicht tun. Bei unseren Eltern ist Platz genug, und billiger ist es auch. Also bleibt mir fast nichts anderes übrig, als Mutter und Vater irgendwo anders zu treffen. Ich weiß nur nicht, ob sie sich darauf einlassen werden. Oder wo ich sie treffen sollte. Ich könnte sie ja nicht einmal in eine Schenke einladen – solange ich in meinem ersten Lehrjahr bin, bekomme ich noch keinen Lohn. Und über die Schwelle von Assorans Haus würde ich Mutter und Vater nie im Leben bringen...“

Nachdenklich starrte Schirron ins Leere, als könnte er dort einen geeigneten Ort für künftige Treffen mit seinen Eltern entdecken. Tishanea sah es voller Dankbarkeit. Anscheinend war Schirron doch nicht dazu bereit, Goschub und Rabess ihrer engstirnigen kleinen Welt zu überlassen. Plötzlich hallte ein Satz in Tishanea nach und brachte sie auf etwas ganz anderes:

„Schirron, brauchst du Geld?“

Jäh aus seinen Gedanken gerissen, sah ihr Bruder sie verdutzt an. Die Antwort kam äußerst zögerlich: „Nun ja... nicht wirklich. Assoran verlangt weder Miete noch Kostgeld von mir, und Quissa verdient mit ihren Muschelmosaiken immer besser – ich muss dir endlich einmal einige ihrer Bilder zeigen! Außer Essen und einem Dach über dem Kopf brauche ich eigentlich nichts. Seit meinem achtzehnten Geburtstag wachse ich auch nicht mehr. Alle meine Kleider passen mir noch...“

Zum ersten Mal wirkte Schirrons Lächeln aufgesetzt. Tishanea kannte Assoran und Quissa inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie Schirron ohne jegliches Grollen unterstützen würden, bis er Lohn erhielt. Er würde jedoch nicht mehr von den beiden annehmen als unbedingt notwendig, und selbst das nur mit schlechtem Gewissen. Zumindest dieses Problem konnte sie für ihn lösen:

„Jeder Zögling des Hauses des dreifachen Friedens bekommt am Ende seiner Ausbildung etwas Geld. Schließlich müssen wir Wohnungen einrichten und neue Kleidung kaufen, noch bevor wir Lohn für unsere neuen Ämter auf dem Mittleren Grund bekommen. Und natürlich werde ich von nun an auch Lohn bekommen. Ich möchte dir jetzt einen Teil von meinem Zöglingsgeld geben, und später jeden Monat einen Teil von meinem Lohn.“

Schirron schüttelte heftig den Kopf. „Kommt nicht in die Reuse! Du wirst das Geld doch selbst brauchen!“

„Bei weitem nicht alles! Ich muss keine Wohnung einrichten, weil ich bei Schurac bleibe. Essen werde ich auch im Haus des dreifachen Friedens, und was die Küche dafür von mir verlangt, ist lächerlich. Außerdem wird es ja nicht für immer sein. Wenn dein zweites Lehrjahr anfängt, sprechen wir noch einmal darüber. Eigentlich müssten Vater und Mutter dir dabei helfen, deinen Weg zu gehen. Stattdessen versuchst du, ihnen neue Wege zu zeigen... Ich konnte bisher nie für meine Familie da sein – jetzt könnte ich etwas für dich tun! Und ich möchte dir wirklich gerne helfen!“

Langsam stieg auf Schirrons abweisender Miene ein hoffnungsvoller, beinahe sehnsüchtiger Ausdruck auf. Mit der Andeutung eines Nickens gab er sich geschlagen.

***

Es dämmerte bereits, als Schirron sich vor Assorans Haus verabschiedete. Auf dem Weg in die Krakengasse, wo Schurac nach dem Rechten sehen wollte, versank Tishanea in ihren Gedanken. Die Nachricht, dass Fjurosch nun bei ihren Eltern lebte, lag wie ein giftiger Tentakel um ihren Hals. Dieser schmierige Wasserhafte glitt mühelos in die Köpfe anderer Dreistädter, um mit ihren Ängsten und Sehnsüchten zu spielen. Schaudernd erinnerte Tishanea sich daran, wie es ihm beinahe gelungen war, sie durch seine Lügen und Täuschungen zu einer Mörderin zu machen. Am liebsten hätte sie ihn für alle Zeit vergessen. Leider durfte sie es sich nicht erlauben, ihn zu vergessen. Sie hätte es sich nicht einmal erlauben dürfen, wenn er ihrer Familie ferngeblieben wäre. Es war sein Plan gewesen, die Zisternen des Mittleren Grundes zu sprengen und den brüchigen Frieden zwischen Erdhaften, Felshaften und Wasserhaften im wahrsten Sinne des Wortes fortzuschwemmen. Erst die Zeit würde zeigen, ob die Haft im Haus der dreifachen Gerechtigkeit ihn zumindest entmutigt hatte. Mit einer vollkommenen Läuterung war in seinem Fall ohnehin nicht zu rechnen. Als Kopf der Verdeckten Wache musste sie ihn im Auge behalten. Auch wenn ihr Dienst erst morgen begann, hätte Fjuroschs Rückkehr nach Seestadt ihr niemals verborgen bleiben dürfen. Und die Nachricht hätte von einer ganz bestimmten Person kommen müssen... Tishanea musterte Schurac von der Seite. Wie immer flackerte sein Blick unablässig über die Häuser von Seestadt und über die Wasserhaften, die seiner massiven Gestalt sorgfältig auswichen. War es möglich, dass Schurac vergessen hatte, ihr von Fjuroschs Freilassung zu erzählen? Tishanea unterdrückte ein Seufzen. Als ob Schurac jemals etwas vergessen würde! Vielmehr schien es dem rastlosen Halbwasserhaften schwerzufallen, etwas aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Und ein Ereignis, das den Frieden in Dreistadt bedrohte, würde er erst recht nicht vergessen.

„Schurac – warum hast du mir nicht gesagt, dass Fjurosch aus dem Haus der dreifachen Gerechtigkeit entlassen wurde?“

Schuracs Schultern spannten sich, seine Miene verschloss sich. Er streifte Tishanea mit einem Blick und antwortete weniger prompt als gewöhnlich: „Ich dachte, ich hätte schon nach Fjuroschs Verhaftung klar gemacht, wie sehr ich diesen Kerl verabscheue. Das hat sich nicht geändert. Ich will nach wie vor nicht an ihn denken – geschweige denn über ihn sprechen. Außerdem spielt er keine Rolle mehr. Warum hätte ich also Vergangenes noch einmal aufwühlen sollen?“

Die Bitterkeit in Schuracs Stimme verwirrte Tishanea. Natürlich musste er einen Wasserhaften verabscheuen, der den Tod zahlloser Dreistädter geplant hatte. Und natürlich würde Schurac wünschen, dass diese Muräne für immer von der Bildfläche verschwinden möge. Aber es sah ihm nicht ähnlich, einen Verschwörer beiseitezuschieben statt ihn mit den wachsamen Augen eines Raubfisches zu verfolgen.

„Woher willst du wissen, dass Fjurosch keine Rolle mehr spielen wird? Ich bin der Kopf der Verdeckten Wache. Ich muss alles über die Wege und Pläne von jemandem wie Fjurosch wissen.“

Tishaneas Frage ließ Zorn in Schuracs Augen aufblitzen, danach knirschten seine Zähne in kühlerem Unwillen.

„Sicher,“ presste er hervor. „Aber du trittst deinen Dienst als Kopf der Verdeckten Wache erst morgen an, und du hast im letzten Jahr viel durchmachen müssen. Findest du nicht, dass du eine unbeschwerte Zeit verdient hattest?“

Tishanea war zu dankbar für die zurückliegenden Wochen voller Freiheit und Glück, um zu widersprechen. Aus dem Mund eines Mannes, der sie dreizehn Jahre lang unerbittlich an ihre Pflichten erinnert hatte, klang die Frage dennoch sonderbar. Nur weil sie nun kein Zögling mehr war, würde Schurac es bestimmt nicht dulden, dass sie ihre Pflichten vernachlässigte. Nicht einmal sechs Wochen lang. Schließlich waren ihren Pflichten noch viel größer als früher. Argwöhnisch linste Tishanea zu Schurac hinauf. Auf seiner Miene stand nichts von der Unbeschwertheit, die er soeben als Lohn für große Verdienste bezeichnet hatte. In der Krakengasse rückten Schuracs Brauen noch enger zusammen. Fast feindselig hakte sein Blick sich an dem Haus fest, an dessen Wand ein Relief mit zwei Seelöwen hing. Tishanea senkte betreten den Kopf. An diesem Ort hingen wahrlich keine guten Erinnerungen. Wahrscheinlich trug der Raum im Obergeschoß immer noch die Spuren des weißglühenden Zorns, in den sie Schurac hier getrieben hatte – Sprünge im Verputz und ein Blutfleck an der Wand. Am Tag danach war sie in dem verzweifelten Entschluss, Schuracs Fängen zu entkommen, in Fjuroschs Falle gegangen. Heute schien es Tishanea unfassbar, dass sie Fjurosch glühend verehrt und Schurac ebenso glühend gehasst hatte. Schurac war auf der richtigen Seite gestanden und hatte immer ihr Bestes gewollt. Seine Mittel mochten die falschen gewesen sein, aber das hatte er inzwischen eingesehen. Es gab keinen Grund für Argwohn. Gleich darauf zweifelte Tishanea daran, dass Schuracs düstere Miene mit diesem einen Abend zusammenhing. Der grausame Streit lag zu weit hinter ihnen, um noch einen Schatten auf sie zu werfen. Nach anderen Schatten hatte sie nie zu fragen gewagt – bis jetzt.

„Was hat es eigentlich mit diesem Haus auf sich?“

Tishaneas vorsichtiger Ton weichte den Unmut auf Schuracs Gesicht auf. Trotzdem kam die Antwort voller Grimm: „Es ist das Haus meiner Großeltern. Das heißt, inzwischen ist es mein Haus. Ich habe es von ihnen geerbt. Jedenfalls bin ich hier aufgewachsen.“

Eine Welle des Mitgefühls schwappte über Tishanea hinweg. Hier hatte Schurac also zahllose Lügen über seine Eltern gehört. Hier war er zu jenem heldenhaften Krieger gedrillt worden, der die Herrschaft der Wasserhaften über die Erdhaften und über die Felshaften hätte begründen sollen. Kein Wunder, dass er dieses Haus hasste.

„Ich habe schon oft daran gedacht, es zu verkaufen,“ fuhr Schurac fort. „Mein Heim ist das Haus des dreifachen Friedens. Aber ich konnte mich nie dazu durchringen. Manchmal denke ich, dass dieses Haus besser leer stehen sollte – als hätten die Mauern so viel Hass und so viele Lügen aufgesogen, dass sie auf jeden abfärben könnten, der hier wohnt.“

Betrübt betrachtete Tishanea das Relief mit den beiden Seelöwen, die friedlich nebeneinander auf einem Felsen saßen. Es waren nicht die Häuser, die den Hass in Dreistadt am Leben hielten. Schurac zog einen Schlüssel aus seiner walrossledernen Gürteltasche und öffnete die Tür. Drinnen ergriff der Halbwasserhafte ein Tuch und begann Möbel, Fensterbretter und die wenigen vorhandenen Küchenutensilien vom Staub zu befreien. Im Nu war er fertig und stieg die Treppe hinauf, um der oberen Etage eine ebenso flüchtige Reinigung zukommen zu lassen. Tishanea blieb zurück und ließ geistesabwesend ihren Blick durch den Raum schweifen. Schuracs Großeltern hatten großes Unrecht begangen, das durch nichts wieder gutzumachen gewesen wäre. Sie hatten Schuracs Vater getötet, ihrem Enkel seine gemischthaftige Herkunft verschwiegen und ihn zu einem hasserfüllten Krieger erzogen. Aber was wäre gewesen, wenn seine Großeltern bei der Wahrheit geblieben wären?

„Hast du dich jemals gefragt, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du von deinem erdhaften Vater gewusst hättest?“ fragte Tishanea, als Schurac in die Wohnküche zurückkehrte.

Er hielt in seiner eilig-oberflächlichen Geschäftigkeit inne und legte das Staubtuch beiseite. In gewohnter Manier verschränkte er die Arme vor der Brust, während er sich an das Stiegengeländer lehnte.

„Niemals,“ stellte er nach kurzem, nachdenklichem Schweigen fest. „Ich war zu sehr damit beschäftigt, mit all dem zurecht zu kommen, was in meinem wirklichen Leben geschah. Wieso fragst du?“

„Weil ich gerade daran dachte, wie hart es gewesen wäre, als Gemischthaftiger in Seestadt aufzuwachsen – und dann auch noch die fünfjährigen Fehden zu überstehen. Hätten die engstirnigen Wasserhaften es überhaupt zugelassen, dass ein Gemischthaftiger unter ihnen lebt? Hätten sie dich nicht umbringen wollen? Vielleicht logen deine Großeltern auch, um dich zu beschützen.“

Schurac schnaubte verächtlich. „Meine Großeltern hätten mich beschützen wollen? Indem sie meinen Vater töteten und mich zu einem Krieger erzogen, der sich in eine Schlacht nach der anderen warf? Nein, Tisha. Sie wollten mich nicht davor bewahren, ein Opfer zu werden. Dafür hätte es gereicht, den anderen Seestädtern meine Gemischthaftigkeit zu verschweigen. Stattdessen machten sie mich zu einem Täter. Beschützen ist etwas ganz anderes. Beschützen heißt, die Schläge einzustecken, die einem anderen gelten. Du brauchst nicht zu versuchen, mich mit den Toten zu versöhnen. Die Lebenden zählen – und um die Lebenden werde ich mich kümmern.“

Schuracs Blick verlor bei diesen Worten sein Flackern und ruhte ernst in Tishaneas Augen, wie ein Versprechen.

II

„Ich bin hier, um mich bei Kommandant Kropantin zu melden.“

Tishanea presste die Lippen zusammen, als ihre Worte nicht so fest klangen wie sie gehofft hatte. Umso entschlossener streckte sie dem Erdhaften, der am Tor des Hauses der Mittelwache postiert war, ein Blatt Papier entgegen. Das Schreiben trug das Siegel des Dreigipfels und ernannte sie zum Kopf der Verdeckten Wache. In einem Nachsatz forderte der Brief sie auf, heute beim Kommandanten der Mittelwache ihren Dienst anzutreten. Der Erdhafte warf einen flüchtigen Blick auf das Papier und beäugte Tishanea etwas ausführlicher. Schließlich gab er ihr das Papier zurück und winkte sie hinein:

„Die Haupttreppe hinauf in den ersten Stock, dann links um die Ecke bis zum nächsten Wachposten.“

Vor dem Dienstzimmer des Kommandanten musste Tishanea dieselbe Prozedur nochmals überstehen, diesmal mit einem wasserhaften Mittelwächter. Dann stand sie endlich vor Kropantin. Auf den ersten Blick sah der Felshafte aus, als bestünde er aus rotem, zähem Leder, durch das sich die Enden seiner Knochen zu bohren drohten. Wie er hier an seinem Schreibtisch saß – mittelgroß, mager und weit über sechzig Jahre alt – wirkte er jedenfalls unscheinbar. Wer nicht wusste, dass die Präsidentin des Dreigipfels höchstpersönlich ihn zum Kommandanten der Mittelwache gemacht hatte, würde ihn leicht unterschätzen. Alle anderen vermuteten unwillkürlich Unerschütterlichkeit hinter seinem Gleichmut, Zähigkeit hinter seiner mageren Statur und reiche Erfahrung hinter seinem Alter.

„Freundliche Morgensonne, Kitz.“ Mit einer Geste forderte Kropantin Tishanea auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Seine Augen blieben auf ein Schriftstück geheftet, dem er soeben einige Zeilen hinzufügte.

Kitz? Tishanea konnte ein unwilliges Stirnrunzeln nicht unterdrücken. Kropantin mochte gute fünfundvierzig Jahre älter sein als sie. Aber sie war der Kopf der Verdeckten Wache. Sie unterstand ihm nicht. Sie stand auf derselben Stufe wie er. Zumindest theoretisch. In Wahrheit würde sie ihre Arbeit nur mit Hilfe der Mittelwache erfüllen können. Und die Mittelwache stand unter Kropantins Kommando... Trotzdem wollte sie sich nicht wie ein Bergziegenjunges behandeln lassen.

Tishaneas Stirn hatte sich noch nicht geglättet, als Kropantin seinen Kohlestift beiseite legte und den Kopf hob. In seinem Blick lag nichts Lauerndes. Offenbar hatte er nicht vorgehabt, Tishanea durch seine Anrede zu reizen. Allerdings schien er sich genauso wenig für die Ursache ihres Unmuts zu interessieren. Kropantin sah sie an, als würde er sie von Kindesbeinen an kennen – ohne Neugier, ohne Eindringlichkeit und ohne sie auf irgendeine Weise abzuschätzen.

„Kopf der Verdeckten Wache,“ stellte Kropantin fest. Nach einer kurzen Pause fuhr er im allersachlichsten Ton fort: „Kitz, ich will ehrlich sein: Eine Verdeckte Wache aus dem Haus des dreifachen Friedens ist keine gute Idee. Nicht in meinen Augen. Ihr seid zu jung und zu unerfahren. Dreizehn Jahre Schule sind nichts. Auch nicht in der besten Schule. Ihr werdet im Dunkeln tappen. Das ist keine Katastrophe. Wir alle tappen täglich im Dunkeln. Aber die meisten auf dem Mittleren Grund wissen das. Meine Leute sind täglich dort draußen. Sie wissen, wie es ist. So weit das überhaupt jemand wissen kann. Ihr Zöglinge wisst es nicht. Ihr seid völlig lebensfremd aufgewachsen. Völlig abgeschlossen vom Getriebe der Stadt. Du bist mir als klug und mutig beschrieben worden. Das glaube ich gerne. Verwende Klugheit und Mut vor allem für eines: Halte dir vor Augen, dass du keine Ahnung hast. Und nimm dir Zeit, zu lernen. Langsam. Sehr langsam. Lern meinetwegen jahrelang. Lass die Mittelwächter für Sicherheit sorgen. Dreizehn Jahre lang gab es keine Verdeckte Wache. Dreizehn Jahre lang ging Dreistadt nicht unter. Dreistadt wird noch länger nicht untergehen. Hoffentlich. Falls doch, wird es auch eine Verdeckte Wache nicht verhindern können. Ich hörte, dass du Schurac nahestehst. Dein Blick ist seinem sehr ähnlich. Vielleicht hast du nur die gleiche Willensstärke wie er. Vielleicht bist du genauso hastig wie er. Er will immer zu schnell zu viel. Das würde dir bei deiner Arbeit schaden. Nimm dir kein Beispiel an Schurac. Lern, das Getriebe von Dreistadt an dir vorüberlaufen zu lassen. Ohne ständig eingreifen zu wollen. Dann wirst du sehen, wie die Dinge laufen. Und irgendwann wirst du Muster dahinter erkennen. Hinter dem Lauf der Dinge. Von da an wirst du manches ändern können. Mit deinem kleinen Finger. Und du wirst manches andere akzeptieren – das, was du nicht ändern kannst. Das, wo du immer im Dunkeln tappen wirst. Von da an wirst du wirklich arbeiten. Und mit Krisen in Dreistadt umgehen können.“

Kropantin hielt inne, um einen Schluck Wasser zu trinken. Tishanea saß völlig verwirrt auf ihrem Stuhl. Was sie hier hörte, gefiel ihr nicht im Geringsten. Früher – während ihrer Zeit im Haus des dreifachen Friedens – hätte sie unter solchen Lektionen und Ratschlägen vor Wut gekocht. Jetzt weckten Kropantins Worte nur eine diffuse, kühle Ablehnung in ihr. Als der nüchterne Blick des Felshaften zu ihr zurückkehrte, begriff Tishanea, warum. Kropantin erwartete nichts von ihr. Er erwartete keine Heldentaten und kein bestimmtes Verhalten. Er erwartete nicht einmal, dass sie seine Ratschläge befolgte. Doch sie war daran gewöhnt, dass in einen Zögling des Hauses des dreifachen Friedens die größten Erwartungen gesetzt wurden. Diese Erwartungen hatten ihr ganzes Leben bestimmt – egal, ob sie dazu entschlossen gewesen war, alle Erwartungen zu enttäuschen, oder ob sie versucht hatte, ihnen gerecht zu werden. Dass nicht das Geringste von ihr erwartet wurde, war eine völlig neue Erfahrung für Tishanea. Der trockene Gleichmut des Kommandanten befremdete sie, verletzte sie geradezu. Sie schien in Kropantins Augen bedeutungslos zu sein. Wenn er ihr überhaupt irgendwelchen Einfluss auf Dreistadt zugestand, dann schlechten Einfluss. Am schlimmsten war, dass sie nichts dagegen tun konnte. Selbst der heftigste Ausbruch würde glatt durch Kropantin hindurch gehen. Tishanea blieb nichts anderes übrig, als ihr Unbehagen hinunterzuschlucken und weiter zuzuhören.

„Die Regelungen für eure Arbeit sind dir bekannt. Ihr kümmert euch um Anschläge auf den Frieden. Um ausgeführte Anschläge und um Anschlagspläne. Auf dem Mittleren Grund und in den drei Städten. Eure Aufzeichnungen und die der Mittelwache kommen in dasselbe Archiv. Ihr habt Zugriff auf alle Papiere der Mittelwache. Eure Berichte dürfen nur von hochrangigen Mittelwächtern gelesen werden. Von mir. Von meinen beiden Stellvertretern. Von den sechs Hauptmännern. Wir werden die Berichte regelmäßig lesen. Zur Kontrolle. Und damit wir auf demselben Wissensstand bleiben. Dringende Angelegenheiten werden natürlich mündlich berichtet. Zusammenarbeit wird wichtig sein. Mit der Gründung der Verdeckten Wache kam auch eine neue Regel für uns. Für die Mittelwache. Ab jetzt dürfen Mittelwächter in den drei Städten eingreifen. Nicht nur auf dem Mittleren Grund. Unter gewissen Bedingungen. Es muss unmittelbare Gefahr bestehen. Ein Verdeckter Wächter muss die Mittelwächter anführen. Oder den Mittelwächtern einen Befehl erteilt haben. Die Haftigkeitsbeschränkung muss gewahrt bleiben. Es dürfen also nur erdhafte Mittelwächter nach Erdstadt. Und so weiter. Ein Verdeckter Wächter kann jederzeit Mittelwächter abkommandieren. Maximal drei. Für spezielle Aufgaben und in besonderen Notfällen. Egal, ob für den Mittleren Grund oder für eine der drei Städte. Aus den Reihen der Wächter im Bereitschaftsdienst. Der Einsatz von mehr Mittelwächtern durch die Verdeckte Wache muss genehmigt werden. Von mir. Oder von einem meiner Stellvertreter. Das Kommando wird dann nicht immer bei der Verdeckten Wache liegen. Meistens wird ein Hauptmann die Mittelwächter kommandieren. Die Verdeckte Wache würde also den Einsatz planen. Die Mittelwache würde ihn ausführen.“ Kropantin hielt inne, nahm ein Blatt Papier von einem Stapel und ließ seinen Blick über die Zeilen wandern. „Ach ja. Ein erdhafter Verdeckter Wächter. Als Ersatz für den verstorbenen Triasbruder. Ihr braucht möglichst bald ein erdhaftes Mitglied. Sonst kann die Verdeckte Wache nur in Felsstadt und in Seestadt arbeiten. Wen dachtest du für diese Aufgabe auszuwählen?“

Tishanea erschrak beinahe, als die Aufzählung von Fakten jäh durch eine Frage beendet wurde. Rasch versuchte sie, ihre Gedanken zu sammeln.

„Wir – mein felshafter Triasbruder und ich – wollen erdhafte Mitzöglinge aus dem Haus des dreifachen Friedens fragen, ob einer von ihnen Verdeckter Wächter werden möchte. Zwei oder drei von ihnen haben das Zeug dazu.“

Kropantin blickte Tishanea bedächtig an. „Erdhafte Zöglinge. Zöglinge, die ihr Amt auf dem Mittleren Grund antraten?“

Tishanea nickte, beinahe empört. Der Kommandant konnte doch nicht ernsthaft annehmen, dass sie jemanden in die Verdeckte Wache aufnehmen würde, der dem Haus des dreifachen Friedens den Rücken gekehrt hatte!

„Dieser Zögling würde also einer anderen Trias fehlen.“ Nachdenklich legte Kropantin die Fingerspitzen aufeinander. „Hm. Schon jetzt ist nicht jede Trias vollzählig. Aber für andere Dienste mag leichter Ersatz gefunden werden. Leichter als für die Verdeckte Wache. Versuch es also. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit. Jüngere erdhafte Mittelwächter. Wir nahmen im Winter neue Wächter auf. Um eine Verdeckte Wache zu begründen. Weil es Zweifel gab, ob Zöglinge sie begründen würden. Vier von ihnen sind Erdhafte. Ich schreibe dir ihre Namen auf.“ Kropantin zog ein leeres Blatt heran und griff nach seinem Kohlestift. „Vielleicht möchtest du mit ihnen sprechen. Wegen der Verdeckten Wache. Gut –“ Der Kommandant seufzte, stützte beide Hände auf der Schreibtischplatte ab und stemmte sich von seinem Sitz hoch. „Das war vorerst alles.“

Tishanea sprang auf und nahm das Blatt mit den Namen der erdhaften Mittelwächter, das Kropantin ihr entgegenhielt.

„Meine Tür steht dir immer offen, Kitz. Schick mir bald deinen felshaften Triasbruder vorbei. Damit ich sein Gesicht kennenlerne. Und wie gesagt: Geht es langsam an.“

Tishanea nickte erneut. Weil ihr keine passende Erwiderung einfallen wollte, führte sie ihre rechte Faust an die gesenkte Stirn. Im selben Moment erschien es ihr dumm, dem Kommandanten der Mittelwache den Gruß der Wasserhaften zu bieten. Doch Kropantins Miene blieb völlig ungerührt, während er zum Abschied knapp seinen Kopf senkte.

***

Missmutig stapfte Tishanea die Treppe hinunter. Im Erdgeschoß ließ sie das bewachte Tor links liegen und steuerte einen unauffälligen Ausgang in einer Ecke der Eingangshalle an. Wie erwartet führte die Tür in den ungepflegten Hof hinaus, der vom Haus der Mittelwache und vom Haus des Dreihandels umschlossen wurde. Wer in diesen Hof gelangen wollte, musste eines der beiden Gebäude durchqueren. Deshalb hatte die Verdeckte Wache ein Dienstzimmer im Haus des Dreihandels erhalten. Über den Hof hinweg konnten die Verdeckten Wächter unauffällig mit der Mittelwache in Verbindung bleiben. Wenn ihr Dienstzimmer im Haus der Mittelwache gelegen wäre, hätten aufmerksame Beobachter bald Verdacht geschöpft. Alle Mittelwächter trugen Uniform. Wer keine Uniform trug, aber ständig im Haus der Mittelwache aus- und einging, zog unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich. Aufmerksamkeit konnten die Verdeckten Wächter nicht brauchen Unter den Beamten im Haus des Dreihandels stachen sie nicht hervor und würden unerkannt bleiben. Tishanea fuhr sich seufzend durch die Zöpfe. Kropantin wäre es gewiss lieber gewesen, wenn sie wirklich für den Dreihandel arbeiten würde statt als Verdeckte Wächterin. Das Zusammentreffen mit dem Kommandanten war alles andere als ermutigend gewesen. Und dann war sie auch noch stumm dagesessen! Mit stumpfsinnigem Schweigen würde sie Kropantin gewiss nicht davon überzeugen, dass sie ihre Pflicht erfüllen konnte. Oder sollte sie froh sein, dass er nichts von ihr erwartete? Immerhin nahm er ihr damit die Last ab, die so schwer auf ihren Schultern lag. Aber es fühlte sich einfach nicht richtig an. Kropantin würde die Verdeckte Wache niemals antreiben, sondern zur Vorsicht und zum Abwarten mahnen – als ob ein Dreistädter, der den Frieden liebte, es sich erlauben dürfte, untätig zu bleiben! Die Kriegstreiber blieben bestimmt nicht untätig! Sie würden den Verdeckten Wächtern keine Zeit lassen, jahrelang zu beobachten und zu lernen. Konnte sie doch nicht so stark auf die Hilfe der Mittelwache zählen wie Schurac meinte?

Im neuen Dienstzimmer traf Tishanea plangemäß auf Paukir. Zu ihrer Überraschung trug der Felshafte keine erwartungsvolle Miene zur Schau, sondern eine düstere. Erst durch sein Begrüßungslächeln hellte sie sich ein wenig auf.

„Wie ist unser Kommandant? Können wir auf ihn zählen?“

„Kommandant Kropantin ist sehr...,“ Tishanea suchte nach einem Wort, „...gelassen. Wir werden auf ihn zählen können, solange wir nichts tun, was die Dreistädter darauf aufmerksam machen könnte, dass es eine Verdeckte Wache gibt.“

Paukirs Nasenflügel blähten sich konzentriert. Er schien den Sarkasmus in Tishaneas Antwort zu riechen. Gleichzeitig fiel es ihm offenbar schwer, zu glauben, dass seine Triasschwester sich tatsächlich eine abfällige Bemerkung über den Kommandanten der Mittelwache erlauben würde.

„Er hält uns für Grünflossen,“ stellte Tishanea klar. „Es wäre ihm am liebsten, wenn wir mit der Geschwindigkeit von Seegurken arbeiten würden – weil wir noch nichts über den Lauf der Dinge in Dreistadt wissen. Er meint, unsere Ausbildung im Haus des dreifachen Friedens sei lebensfremd gewesen.“

Paukir gab sich gekränkt: „Kropantin müsste eigentlich wissen, dass wir schon ein ganzes Jahr mitten im Lauf der Dinge verbracht haben – im Dienst des Hauses des dreifachen Friedens, auf der Jagd nach Verschwörern.“

Tishanea hob die Schultern. „Er weiß es wohl, aber das reicht in seinen Augen noch lange nicht. Es kommt mir vor, als würde er am liebsten gar nicht in den Lauf der Dinge eingreifen. Jedenfalls will er nicht, dass wir es tun. Zumindest nicht bevor wir mehr gesehen und gelernt haben.“

Nun kehrte die Düsternis auf Paukirs Miene zurück. „Dann braucht Loschonn sich wenigstens keine Sorgen mehr zu machen, dass meine Arbeit zu gefährlich sein könnte.“

Tishanea musterte ihren Triasbruder alarmiert. Sie brauchte Paukirs ganzen Einsatz – umso mehr, als sie vorerst ohne erdhaften Verdeckten Wächter auskommen mussten. „Wieso macht Loschonn sich plötzlich Sorgen über deine Arbeit? Sie wusste doch schon lange, dass unsere Trias für die Gründung der Verdeckten Wache ausgewählt wurde – und sie schien nie ein Problem damit zu haben.“

„Ja, sicher wusste sie es, aber das war vorher...“ Paukir stockte und winkte ab, doch Tishanea ließ nicht locker:

„Vorher? Bevor aus nebelumwaberter Zukunft klare, harte Gegenwart wurde, oder was?“

„Nein, bevor...“ Paukir stockte, dann brach es mit der Wucht eines Steinschlags aus ihm hervor: „Loschonn ist schwanger! Und wir haben überhaupt nicht damit gerechnet! Du weißt ja – wir waren nicht sicher, ob wir als gemischthaftiges Paar überhaupt irgendwann Kinder haben könnten... Sicher, da ist Schurac, aber sonst gibt es keine Gemischthaftigen! Und dann ist Schuracs Mutter auch noch bei seiner Geburt gestorben – sie war eine Wasserhafte, genauso wie Loschonn! Wir haben keine Ahnung, wie sich alles entwickeln wird – ob alles gut gehen wird! Und jetzt sorgt Loschonn sich eben wegen meiner Arbeit. Schließlich lebt ein Verdeckter Wächter etwas gefährlicher als ein Sekretär im Haus des Dreihandels! Wenn Loschonn... Wenn Loschonn die Geburt nicht überleben sollte, hätte das Kind nur noch mich... Natürlich gibt es auch noch meine Eltern und ihre, aber sie wohnen in Felsstadt und in Seestadt. Aber vor allem – Tisha, denk nur: Ein gemischthaftiges Kind in Dreistadt! Sogar auf dem Mittleren Grund ist das eine Katastrophe! Nicht einmal alle gemischthaftigen Paare wagen es, ihre Liebe offen zu zeigen! Sie verhalten sich so unauffällig wie möglich. Was für ein Leben steht also einem gemischthaftigen Kind bevor! In Dreistadt hat man schon genug zu kämpfen, wenn man einer Haftigkeit angehört – weil man zwischen den Haftigkeitsfanatikern und den loyalen Dreistädtern eingeklemmt wird! Aber wie viel schwerer muss es sein, wenn man zu keiner Haftigkeit gehört!“

Vor lauter Panik klang Paukirs Stimme hoch und dünn. Tishanea konnte es ihm nicht verübeln. Natürlich löste der Gedanke an ein gemischthaftiges Kind in Dreistadt als Erstes Verzweiflung aus. Noch dazu musste die Entdeckung ganz frisch sein. Bei ihrem letzten Treffen vor zwei Tagen hatte Paukir noch völlig unbeschwert über ihre künftige Arbeit gesprochen. Ein Gefühl der Verlorenheit wollte in Tishanea aufsteigen, doch sie unterdrückte es sofort. Es war nicht Paukirs Schuld, dass er noch andere Sorgen hatte als seine Arbeit für die Verdeckte Wache. Und auf jeden Fall brauchte er aufmunternde Worte gerade viel dringender als sie.

„Ein Schritt nach dem anderen!“ sagte Tishanea so ruhig wie möglich. „Jetzt geht es erst einmal darum, dass Loschonn die Schwangerschaft und die Geburt gut übersteht. Und wenn das geschafft ist, werdet ihr auch die Kraft finden, um eurem Kind alles mitzugeben, was für ein Leben in Dreistadt nötig ist. Außerdem wird euer Kind nicht der einzige gemischthaftige Nachwuchs bleiben. Wenn ihr beide ein Kind bekommen könnt, werden andere gemischthaftige Paare auch welche bekommen. Ihr werdet mit eurem Kind nicht allein sein, und euer Kind wird nicht allein sein. Vor allem vergiss nicht, dass du ein Zögling aus dem Haus des dreifachen Friedens bist. Die Friedenslehrer würden sich bestimmt um das Kind ihrer ehemaligen Zöglinge kümmern, falls dir oder Loschonn etwas passieren sollte.“

Tishanea hätte gerne größere Überzeugung in ihre Worte gelegt. Zu hohl klangen sie in ihren Ohren. Zum Glück war Paukir mehr als bereit, sich Hoffnung einflößen zu lassen. Er seufzte tief und entspannte sich ein wenig.

„Ja, du hast Recht, ich sollte nicht gleich mit dem Schlimmsten rechnen. Es ist nur so plötzlich auf mich hereingestürzt. Ich weiß es selbst erst seit gestern. Und ich bin so unsicher, weil es niemanden gibt, der Erfahrung mit gemischthaftigen Kindern hat – fast niemanden... Könntest du Schurac irgendwann genauer über seine Eltern befragen? Vielleicht war sein Vater genauso riesig wie er. Dann hätte seine... ungewöhnliche Gestalt nichts mit seiner gemischthaftigen Abstammung zu tun.“

Sofort schüttelte Tishanea den Kopf. „Schurac weiß doch kaum etwas über seinen Vater. Außerdem würde es euch überhaupt nichts nützen, mehr über Schurac und über seine Eltern zu erfahren. Er ist ein Einzelfall, der nichts über andere Gemischthaftige sagt. Dass seine Mutter bei seiner Geburt starb, muss nichts damit zu tun gehabt haben, dass sein Vater ein Erdhafter war. Es kommt schließlich immer wieder vor, dass eine Frau die Geburt ihres Kindes nicht überlebt – leider.“

Paukir wiegte mit wissender Miene seinen Kopf hin und her.„Und dann wäre da noch die Kleinigkeit, dass Schurac nicht gerne über sich selbst spricht.“

Tishanea warf ihrem Triasbruder einen finsteren Blick zu. Er hatte sie ertappt. Schurac sprach tatsächlich nicht gerne über seine Vergangenheit, und sie empfand eine tiefe Scheu davor, nachzubohren – umso mehr, als sie davon überzeugt war, dass Schurac ihre Fragen ohnehin nicht beantworten würde.

„Schon gut,“ winkte Paukir ab. „Ich kenne ihn ja. Wenn er anders wäre, hätte ich ihn genauso gut selbst fragen können. Ich dachte nur, dass du vielleicht eine Chance hättest, nachdem ihr euch jetzt so nahesteht.“ Er betrachtete Tishanea versonnen. „Du und Schurac. Es fällt mir immer noch schwer, das zu glauben. Ich wäre weniger überrascht gewesen, wenn einer von euch den anderen umgebracht hätte.“

„Dir fällt es schwer, das zu glauben? Du hast doch schon vor Monaten darüber schwadroniert, wie ähnlich Schurac und ich einander wären. Also dürfte es dich eigentlich nicht wundern, dass wir zusammengefunden haben.“ Missmutig funkelte Tishanea ihren Triasbruder an. Musste er sie unbedingt daran erinnern, wie verblendet sie gewesen war und wie sehr sie Schurac gehasst hatte?

„Vielleicht sollte es mich wirklich nicht überraschen,“ sinnierte Paukir weiter. „Andererseits habt ihr euch immer nur in den Haaren gehabt. Dann ist er noch vierzehn Jahre älter als du und war dein Lehrer. Das sind nicht gerade die besten Zutaten für eine Romanze. Vom Größenunterschied ganz abgesehen.“ Er grinste Tishanea an. „Loschonn meint, wenn Schuracs Liebe genauso groß ist wie er selbst, hätte sie an deiner Stelle ständig Angst vor Rippenbrüchen. Außerdem würde sie es niemals wagen, auch nur ein kritisches Wort zu Schurac zu sagen. Aber damit hattest du noch nie ein Problem, und du bist immer noch am Leben.“

„Können wir uns jetzt an die Arbeit machen?“ schnitt Tishanea Paukirs Redefluss ab. Sie fand sein Grinsen und seine Bemerkungen über Schurac unmöglich. Was kümmerte es ihn, dass sie bei Schurac ein Heim gefunden hatte, seit sie in dieselbe Richtung blickten und für dieselben Ziele eintraten? Sie würde Paukir ganz bestimmt nicht erzählen, dass Schurac der größten Behutsamkeit fähig war und dass sie ihre Rippen in bester Sicherheit wusste.

„Natürlich!“ Paukir stolzierte zu seinem Schreibtisch und setzte sich kerzengerade auf seinen Stuhl. „Immerhin haben wir noch die eine oder andere Rechnung offen.“ Er streckte einen Finger in die Höhe. „Erstens mit diesen Felsstädtern, die drei wehrlose Zöglinge entführten, sie betäubt durch ein Höhlensystem schleppten und auf der anderen Seite des Roten Massivs aussetzten. Zweitens,“ ein weiterer Finger gesellte sich zum ersten, „haben wir nie diesen Sprengstoffschmuggler festgenagelt, dem wir in Felsstadt auf der Spur waren bevor wir entführt wurden.“

Tishanea ließ sich die kurze, aber umso energischer vorgebrachte Aufzählung durch den Kopf gehen. Diese Felsstädter, die Paukir, Rogosol und sie selbst entführt hatten, würden sie wohl niemals fassen. Alles war zu schnell gegangen. Kein einziges der Gesichter ihrer Angreifer wollte klar aus Tishaneas Gedächtnis hervortreten. Selbst wenn es Paukir gelingen sollte, in Felsstadt Verdächtige aufzuspüren, könnten sie nie sicher sein, ob sie tatsächlich die Angreifer gewesen waren. Außerdem wäre es bereits ein Wunder, wenn Paukir tatsächlich Verdächtige fände. Kaum ein Felsstädter würde ihm bei der Suche helfen. Zu viele von ihnen waren gegen die Anwesenheit der achten Trias in Felsstadt gewesen. Die wenigen anderen würden entweder nichts wissen oder aus Angst schweigen. Trotzdem sah Tishanea keinen Sinn darin, Paukir von der Suche nach den Entführern abzuhalten. Als Verdeckter Wächter musste er ohnehin herausfinden, welche Felsstädter die ärgsten Kriegstreiber waren – und wer die Zöglinge aus dem Haus des dreifachen Friedens am meisten hasste. Schließlich würden die neuen felshaften Zöglinge regelmäßig nach Felsstadt zurückkehren. Wer schon einmal Zöglinge entführt hatte, würde womöglich vor einer weiteren Entführung nicht zurückschrecken – egal, ob die Haftigkeitsbeschränkung auch diesmal eine Rolle spielte oder nicht. An den felshaften Sprengstoffschmuggler hatte Tishanea nicht mehr gedacht, seit die Anschläge aufgeklärt worden waren. Lehmak und seine Spießgesellen hatten ihren Sprengstoff selbst hergestellt, deshalb war der Felshafte verschont geblieben. Doch sie musste Paukir recht geben. Der Schmuggler war gefährlich. Er würde mit Freuden jedem Wasserhaften und jedem Erdhaften, der neue Fehden heraufbeschwören wollte, unter der Hand Sprengstoff verkaufen.

„Vielleicht wäre es an der Zeit, diesem Sprengstoffschmuggler eine Falle zu stellen,“ begann Tishanea langsam. „Wir wissen, dass er gefährlich ist, aber wir haben nichts gegen ihn in der Hand. Gleichzeitig können wir es uns nicht leisten, zu viel Zeit auf diesen einen Felshaften zu verschwenden. Wir wissen nur, dass er auf dem Mittleren Grund wohnt, aber nicht wo. Wir müssten ihn erst finden, und danach müssten wir ihn ständig beschatten, um ihn auf frischer Tat zu ertappen. Währenddessen würden wir zu nichts anderem kommen. Dabei sollten wir vor allem in Felsstadt und in Seestadt arbeiten, nicht auf dem Mittleren Grund. Mit einer Falle könnten wir den Schmuggler schnell auffliegen lassen und ihn außer Gefecht setzen. Aber diese Falle will sorgfältig geplant sein. Wir müssen die Sache langsam und vorsichtig angehen.“ Mit gemischten Gefühlen hörte Tishanea, wie Kropantins Worte aus ihrem eigenen Mund kamen. Hatte der Kommandant bereits bei der ersten kurzen Begegnung auf sie abgefärbt? Rasch fuhr Tishanea fort: „Die Nachforschungen über die Felshaften, die uns damals entführten, liegen ganz in deinen Händen. Wegen der Haftigkeitsbeschränkung kannst nur du allein in Felsstadt arbeiten. Verbeiß dich aber nicht zu sehr in diese Sache. Am Anfang geht es vor allem darum, in Felsstadt und in Seestadt Informanten zu finden – vertrauenswürdige, loyale Dreistädter, die für uns Augen und Ohren offen halten. Wir können nicht überall sein. Und wir kennen Felsstadt und Seestadt noch nicht gut, weil wir als Zöglinge nie dorthin durften – leider.“ Alter Grimm wollte sich regen, doch ein anderer Gedanke verdrängte ihn sogleich: „Zuallererst müssen wir aber einen erdhaften Verdeckten Wächter finden! Hast du mit Mooriann, Humisa und Lösserib gesprochen? Kann einer der drei sich vorstellen, zur Verdeckten Wächter zu kommen?“

Paukir verzog das Gesicht. „Ich habe mit ihnen gesprochen, aber es sieht nicht gut aus. Wie wir befürchtet haben, hält die siebte Trias so fest zusammen wie Felskletten. Sie sind beinahe über mich hergefallen, als ich es wagte, Lösserib zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, Verdeckter Wächter zu werden. Humisa fühlt sich der Sache nicht gewachsen. Sie fürchtet, dass sie als Verdeckte Wächterin oft kämpfen müsste. Dafür beherrscht sie die Kampftechnik nicht gut, meint sie. Wahrscheinlich hat sie Recht. Als Verdeckte Wächter müssen wir jederzeit mit Angriffen rechnen, und Humisa hat sich im Kampfunterricht nie wirklich wohlgefühlt. Schade. Wir hätten Humisa gut brauchen können. Keiner sieht so schnell und so tief unter die Oberfläche aller Wasserhaften, Erdhaften und Felshaften wie sie. Mooriann will noch überlegen, ob sie Verdeckte Wächterin werden möchte. Aber ich glaube nicht, dass sie Jossis im Stich lässt. Er würde ja als Einziger von der ersten Trias übrig bleiben, nachdem Zirkape dem Haus des dreifachen Friedens den Rücken gekehrt hat – dieses treulose, undankbare Stück Taubstein. Und wenn ich ehrlich sein soll... ich bin nicht sicher, ob ich mit Mooriann zusammenarbeiten könnte.“

Tishanea seufzte verhalten. Paukir war nie gut mit der erdhaften Schwester der ersten Trias ausgekommen. Vom ersten Tag an hatten er und Mooriann um die Rolle des Musterzöglings gewetteifert. Offenbar war er immer noch nicht über diese kindische Rivalität hinausgewachsen. Trotzdem empfand Tishanea mehr Ratlosigkeit als Enttäuschung. Weder Mooriann noch Lösserib noch Humisa waren in ihren Augen ideale Anwärter für die Verdeckte Wache. Aber zumindest waren sie ihr vertraut. Nach dreizehn gemeinsamen Zöglingsjahren kannte sie jede ihrer Stärken und Schwächen. Alle anderen jungen Erdhaften waren ihr völlig fremd. Wie leicht könnte ihre Wahl auf jemanden fallen, der noch weniger für die Verdeckte Wache geeignet war als Mooriann, Lösserib oder Humisa! Missmutig betrachtete Tishanea das Blatt mit den Namen der erdhaften Mittelwächter, das Kropantin ihr gegeben hatte.

***

Die Gewohnheit von dreizehn Jahren trug Tishanea zur Wohnung der achten Trias, als sie abends gedankenverloren in das Haus des dreifachen Friedens zurückkehrte. Erst vor der altvertrauten Schilftür hielt sie inne. Sie wohnte nicht mehr hier. Die achte Trias – oder das, was nach Rogosols Tod von ihr übrig geblieben war – wohnte nicht mehr hier. Bald würden die Zöglinge der siebzehnten Trias in diese Räume einziehen, unter der Obhut ihrer erdhaften Friedenslehrerin Flynna. Paukir hatte schon vor Wochen gemeinsam mit Loschonn eine Wohnung in der Nähe des Oberen Marktplatzes auf dem Mittleren Grund gemietet. Tishanea lebte seit Kurzem mit Schurac in seinem Wohn- und Schlafzimmer. Eigentlich war das Zimmer eines Friedenslehrers nicht groß genug für zwei. Doch weil es in den weitläufigen Gebäuden des Hauses des dreifachen Friedens lag, fühlten Tishanea und Schurac die Enge nicht. Sie brauchten nicht einmal eine zweite Hängematte. Schuracs überdimensionale Schlafstatt bot genug Platz für sie beide. Tishanea machte kehrt, lief die Stiegen hinunter und lächelte der Tür zu Schuracs Zimmer schon von weitem entgegen. So heftig ihre frühere Ablehnung gegen diesen Anblick gewesen war, so groß war nun seine Anziehungskraft.

Schurac saß am Schreibtisch und las. Als er Tishanea hereinkommen sah, schlug er das Buch ohne jedes Bedauern zu. Der Einband verriet ihr, dass es sich um ein altes Werk über die glorreiche Geschichte von Seestadt handelte.

„Frischst du deine Erinnerung an die Märchen auf, die den Kindern in Seestadt erzählt werden?“ Tishanea deutete mit dem Kinn auf das Buch.

„Ja. Ich würde den ganzen Fischabfall nämlich viel zu gerne vergessen.“ Schurac schob den dicken Band von sich und richtete einen forschenden Blick auf Tishanea. „Wie fühlt es sich an, der Kopf der Verdeckten Wache zu sein?“

Tishanea zog eine Grimasse. „Zur Zeit fühle ich mich bestenfalls wie der kleine Finger einer versteckten Wache. Ich habe keine Ahnung, wo ich einen erdhaften Verdeckten Wächter hernehmen soll. Oder womit ich meine Arbeit beginnen soll. Und wenn es nach Kommandant Kropantin geht, brauche ich ohnehin erst in zehn Jahren anzufangen – nachdem ich den Lauf der Dinge in Dreistadt wirklich kennengelernt habe.“

Halb seufzend, halb schnaubend stieß Schurac Luft durch die Nase. „Kropantin war immer schon träge. Ich hatte nicht oft mit ihm zu tun, aber jedes Mal stand ich kurz davor, ihn anzubrüllen – weil er nie den Befehl gab, endlich einzugreifen. Leider hält Mergole ihn gerade deswegen für den idealen Kommandanten der Mittelwache – wegen seiner ,großen Gelassenheit.’ Du weißt, wie sehr ich Mergoles Urteil vertraue, und bis jetzt verlor Kropantin auch nie die Kontrolle über den Mittleren Grund. Aber oft werde ich das Gefühl nicht los, dass er dabei vor allem Glück hatte. Er hält ja jedes Handeln für vorschnell – als ob wir in Dreistadt immer wochenlang Zeit hätten, um das Schlimmste zu verhindern! Je früher man eingreift, desto eher hat man die Chance, Schlimmeres abzuwenden. Stell dir vor, du wärest nicht sofort nach Erdstadt gelaufen, als dir klar wurde, dass Rogosol in die Sprengstoffanschläge verwickelt ist! Dann hättest du den Anschlag auf die Feierlichkeiten zum Tag des Waffenstillstands nicht verhindert, und höchstwahrscheinlich wären neue Fehden ausgebrochen. Lass dich also von Kropantin nicht beirren! Ihr müsst sofort anfangen zu arbeiten. Und wie ich Dreistadt kenne, wirst du dich nicht lange fragen müssen, womit du anfangen sollst. Hier herrschen nie Ruhe und Frieden. Bald wirst du dich fragen, womit du als Erstes anfangen sollst. Es war höchste Zeit für die Gründung einer Verdeckten Wache!“

Schuracs entschiedener Ton dämpfte die Mutlosigkeit, die ihr erster Arbeitstag in Tishanea hinterlassen hatte. Trotzdem weckten seine rastlosen Gesten und sein heftig flackernder Blick gleichzeitig Unruhe in Tishanea. Sonst ließ sie sich kaum von Schuracs Getriebenheit anstecken. Es musste an ihrer Müdigkeit liegen – die Müdigkeit am Ende eines Tages voller neuer Eindrücke und ungelöster Probleme.

„So gesehen sollten wir froh darüber sein, dass uns noch ein ruhiger Abend vergönnt ist.“

Tishanea trat an Schuracs Seite. Sein Arm umfing ihre Taille ebenso selbstverständlich wie ihre Arme sich um seinen Hals legten. Sie hielten einander oft auf diese Weise. Nur wenn Schurac saß und Tishanea neben ihm stand, konnten sie einander direkt in die Augen sehen. Sofort wurde Schuracs Blick ruhiger. Er sah Tishanea auf jene besondere Weise an, die sie erst seit wenigen Wochen kannte: Voll Ernst, aber ohne ein Flackern in den blauen Augen, ohne ein Zeichen für sein ewiges Ringen um Beherrschung. Tishanea nahm diesen Blick als Zeichen dafür, dass Schurac sich in ihrer Nähe ebenso zu Hause fühlte wie sie sich in seiner. In Schuracs Armen fand sie immer Ruhe und Geborgenheit, egal wie hoch die Wogen um sie herum aufbrandeten. Tishanea schmiegte sich enger an den riesigen Halbwasserhaften und überließ sich ganz dem Gefühl, gehalten zu werden.

***