American Boy und sein Prinz - Matt Grey - E-Book

American Boy und sein Prinz E-Book

Matt Grey

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Beschreibung

Konstantin lebt zusammen mit seinem Vater in Köln. Als dieser ein lukratives Jobangebot in der Schweiz erhält, muss der Junge unfreiwillig seine Heimat verlassen und dem Vater nach St. Gallen folgen. Kaum dort angekommen, wird er von drei Jugendlichen überfallen. Mit Schrecken muss er an seinem ersten Schultag am Gymnasium erkennen, dass einer der Täter in seiner Klasse sitzt, nämlich Jeffrey. Auch andere Sorgen machen Konstantin zu schaffen. Sein Vater hat sich frisch verliebt, was Koni fürchterlich nervt. Außerdem vermisst er seinen Kumpel Erik, der in Köln lebt. Denn niemand ahnt, dass Koni und Erik nicht nur Schulfreunde waren. Aber auch der Einzelgänger Jeffrey hat Sorgen. Er versucht seinen kriminellen Kumpels aus dem Weg zu gehen und leidet zuhause unter den Wutausbrüchen seines Vaters, der Alkoholiker ist. Nach Wochen gegenseitigen Misstrauens freunden sich Koni und Jeff allmählich an. Während der Weihnachtsferien in Köln muss Koni feststellen, dass sein Freund Erik seit ihrer unerwarteten Trennung unter Depressionen leidet. Zurück in St. Gallen verbringen Koni und Jeff den Jahresübergang gemeinsam. Bei einem überraschenden Kuss um Mitternacht muss sich Jeff eingestehen, dass er sich in Koni verliebt hat, was er diesem aber verschweigt. Ein von der Schule organisiertes Wintercamp in Adelboden bringt die beiden Jungs endlich zusammen. Aber zwei Mitschülerinnen haben es auf die beiden gut aussehenden Boys abgesehen. Konstantin und Jeffrey genießen ihre junge Liebe, klären endlich die Situation mit ihren beiden „Freundinnen“, erleben ihre erste schwule Party und werden durch eine Unaufmerksamkeit zum Coming Out vor ihren Eltern gezwungen. Das unerwartete Auftauchen von Erik endet aber beinahe mit einem Drama. Bei der Gaypride in Zürich kommt es im Sommer zu amüsanten Verwicklungen und neuen Bekanntschaften. Schließlich wird Jeffrey auf eine harte Probe gestellt, als jemand aus seiner Vergangenheit auftaucht und ihn zu einer kriminellen Tat anstiften will. Kaum ist dieses Abenteuer überstanden, erleben Koni und Jeff stürmische Ferientage im Tessin, die beinahe zum Ende ihrer Freundschaft führen. Nochmals gerät ihre Liebe in Gefahr, als Jeffrey plötzlich in Todesgefahr schwebt und Koni um seinen Freund bangen muss. Wird es aber dennoch ein Happy End für den American Boy (Jeffrey) und seinen Prinzen (Konstantin) geben?

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Matt Grey

American Boy und sein Prinz

Vier Jahreszeiten einer jungen Liebe

 

 

 

 

Himmelstürmer Verlag, part of Production House, 31619 Binnen

www.himmelstuermer.de

E-Mail: [email protected], Oktober 2019

© Production House GmbH

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.

Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

Cover: 123rf.com

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

ISBN print 978-3-86361-783-7

ISBN e-pub 978-3-86361-784-4

ISBN pdf 978-3-86361-785-1

 

 

Alle hier beschriebenen Personen und alle Begebenheiten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt.

Buch 1: Herbststurm

Jener Abend im Oktober

Konstantin

Der Film ist zu Ende und ich verlasse das Kino. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es kurz nach fünf Uhr ist. Es ist schon recht dunkel draußen, aber ich habe keine Lust, nach Hause zu gehen. In der Wohnung stehen noch immer überall Schachteln und Kisten vom Umzug. Von mir aus können die bis Weihnachten dort im Weg herumstehen, denn ich wollte ja nicht umziehen. Soll sich mein Vater darum kümmern. Immerhin sind wir wegen seines neuen Jobs hier in diesem Kaff gelandet. Ein totaler Kulturschock für mich, Köln gegen St. Gallen zu tauschen. Mich hat niemand nach meiner Meinung gefragt. Plötzlich hieß es: „Wir ziehen um. Ich habe einen guten Job bei einer Schweizer Bank angeboten bekommen. Nutzen wir diese Chance, um etwas Distanz zu den Ereignissen der letzten zwölf Monaten zu bekommen!“

Vor einem Jahr ist meine Mutter gestorben. Verkehrsunfall. Völlig unerwartet! Uns beide, meinen Vater und mich, hat das total aus der Bahn geworfen. Für Wochen, ja Monate waren wir wie gelähmt, reagierten wie Roboter und haben verzweifelt versucht zurück ins normale Leben zu finden. Und dann, als ich es endlich geschafft hatte, kam mein Vater mit dieser Hiobsbotschaft.

Und nun bin ich seit drei Tagen hier in der Schweiz. Die Wohnung ist zwar groß und hell und ich habe ein fantastisches Zimmer mit sämtlichen Annehmlichkeiten, aber trotzdem fehlt mir die Lust, meine Sachen auszupacken und in die Schränke einzuräumen. Im Augenblick fühle ich mich wie in einer Luftblase. Ich bin insoliert von allem. Und aus diesem Grund floh ich am frühen Nachmittag in die Innenstadt und verkroch mich in einem Kinosaal, obwohl der Film selber mich gar nicht reizte. Aber immerhin verging so die Zeit.

Jetzt laufe ich durch die Straßen der Stadt, die erfüllt von Leben sind. Die Leute eilen nach Hause oder in die Geschäfte. Es ist neblig, ein typischer Herbstabend. Also suche ich etwas Ruhe und lenke meine Schritte in eine enge Gasse und lasse den Trubel hinter mir, komme aber vom Regen in die Traufe. Denn plötzlich sehe ich mich von drei jungen Typen umringt. Sie sind, schätze ich, in meinem Alter, aber nicht auf der Suche nach neuen Freunden.

„Rück dein Handy und dein Portmonnaie raus! Aber dalli, sonst knall ich dir meine Faust ins Gesicht!“, schreit mich der vermeintliche Anführer an. Ein großer, bulliger Typ mit schwarzer Jacke. Rechts und links stehen seine zwei Lakaien, ein kleiner fetter Kerl mit Lippenpiercing und ein schlanker Junge mit schwarzem, kurzem Haar, der mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrt.

Ich selber erstarre zur Salzsäule, bin völlig bewegungsunfähig.

„Mach schon! Oder willst du tatsächlich meine Faust spüren?“

Der Sprecher der Bande packt mich hart an der Schulter und schüttelt mich kräftig durch, bevor er unerwartet gegen meine Beine tritt, so dass ich das Gleichgewicht verliere und zu Boden stürze.

„Spinnst du, Sämi?“, mischt sich der Schwarzhaarige ins Geschehen ein.

„Halt deine Fresse, Jeff!“, kontert der Bullige, wirft ihm einen wütenden Blick zu und beugt sich dann zu mir herunter.

Ich bin kein Held und war noch nie einer. Ich bin vermutlich ein Angsthase und als solcher bin ich mit dieser Situation einfach überfordert. Ich liege da und schweige. Mit Gewalt reisst mir nun der Typ namens Sämi die Jacke auf, weil er in deren Innentasche wohl seine Beute vorzufinden erwartet.

„Verdammt! Was ist denn hier los?“ Ein Passant ist zufällig in die Gasse eingebogen und wird zu meinem Glück mit dem Überfall konfrontiert und greift ein.

Sämi ist sofort auf den Beinen, starrt den Fremden wütend an und rennt dann blitzschnell seinen Kumpanen hinterher, die bereits beim Eintreffen meines Retters das Weite gesucht haben.

Der etwas ältere Mann reicht mir seine Hand und hilft mir beim Aufstehen. Ich zittere am ganzen Körper, meine Beine wackeln wie Pudding.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragt er mich. Ich nicke, kann aber vor Aufregung nicht sprechen.

„Wollen wir zur Polizei gehen?“

Ich schüttle den Kopf und will nur noch nach Hause.

„Komm, wir gehen zurück zur Einkaufspassage, wo mehr Leute sind!“, sagt er und zieht mich mit sich.

Plötzlich befinde ich mich wieder unter vielen Menschen. Sie hetzen an uns vorbei, nehmen uns nicht zur Kenntnis, wissen nicht, was gerade passiert ist. Vermutlich interessiert es sie auch nicht.

„Soll ich dich irgendwohin bringen?“

Erneut schüttle ich den Kopf und bringe endlich ein paar Worte aus meiner Kehle: „Es geht schon. Danke, dass Sie mir geholfen haben!“

„Tourist?“, fragt der Mann erstaunt.

„Ich komme aus Köln“, stammle ich, „aber wohne hier.“

Der Mann nickt und meint: „Wenn du also alleine zurechtkommst, mache ich mich wieder auf den Weg. Pass auf dich auf!“

Bevor ich etwas erwidern kann, verschwindet er in der Menschenmenge. Ich stehe lange Zeit einfach nur da wie ein liegengelassenes Gepäckstück. Dann endlich setze ich Fuß vor Fuß und laufe durch die Straße. Ich will nur noch heim. Der Schreck sitzt mir noch in den Gliedern. Ich verlasse die hell beleuchtete und stark bevölkerte Straße nicht mehr, gelange endlich zur Busstation, warte mit vielen andern Leuten auf meinen Bus und fahre endlich heimwärts.

Zuhause werfe ich mich aufs Bett und beginne zu heulen.

 

Jeffrey

Es war ein Nachmittag wie immer. Ich traf am Bahnhof Samuel und Andreas. Wir schlenderten durch die Straßen, saßen im Mac und lungerten im Stadtpark herum. Irgendwann fand das Samuel zu öde. Auch Andreas stimmte ihm zu, dass etwas Action nicht schlecht wäre. Also beschlossen wir, Mutproben zu bestehen.

Einem Mädchen hinterher zu pfeifen und eindeutige Gesten dazu zu machen, war die erste. Nichts Besonderes, aber sie brachte Andreas beinahe eine Ohrfeige ein.

Als nächstes Projekt wählten wir ein Kaufhaus aus und ich musste innerhalb fünf Minuten darin etwas stehlen. Mir war echt mulmig zumute. Aber ich überwand mich und löste diese Challenge mit Bravour.

Wir versuchten unsere Proben ständig zu toppen, bis Schließlich Samuel den Einfall hatte, einen kleinen, fingierten Überfall zu starten. Nur so aus Spass ohne Gewalt und Beute. Nur, um jemanden zu erschrecken. Das hörte sich gar nicht so schlimm an und außerdem wollte ich kein Spielverderber sein. Ich habe ja nur meine beiden Freunde. Also machte ich mit und alles lief gewaltig aus dem Ruder.

Der gespielte Überfall wurde zum Fiasko. Samuel drehte durch, griff den unbekannten Jungen tätlich an und wollte ihn tatsächlich ausrauben. Da erschien ein Fremder, griff zum Glück ein und ich rannte einfach davon so schnell, wie mich meine Beine trugen. Andreas mit seinen überflüssigen Kilos vermochte mir nicht zu folgen. Auch Samuel schüttelte ich ab. Ich wollte nur weg, einfach verschwinden. Aber die ganze Zeit, während ich Richtung Stadtpark rannte, sah ich vor mir das Gesicht unseres Opfers. Seine blauen, weit aufgerissenen Augen voller Angst. Das bleiche Gesicht umrahmt von blonden Locken. Wie hatte es nur so weit kommen können?

Nun hocke ich zitternd vor Kälte und Scham auf einer Bank im Park. Nur wenige Leute sind hier unterwegs. Der Nebel wird dichter. Ich bin froh darüber. Denn er versteckt mich. Versteckt mich vor der Welt, vor Samuel und Andreas, vor der Polizei und vor dem unschuldigen Jungen. Mich schaudert es, wenn ich an die Konsequenzen unserer Tat denke. Meine Zukunft ist futsch. Mein Vater wird mich blutig prügeln. Ich ende im Jugendknast. Dort werde ich von den anderen Häftlingen gnadenlos gemobbt und vergewaltigt. Ich bin ja erst siebzehn. Und dann vielleicht mit vierzig werde ich wieder auf freien Fuss gesetzt. Aber vielleicht lyncht mich auch bereits vorher ein aufgebrachter Mob. Meine Fantasie geht wie immer in solch turbulenten Augenblicken mit mir durch und ich male sich die schlimmsten Szenarien aus.

Ich schwöre mir, auf Abstand zu Andreas und Samuel zu gehen. Ich kenne die beiden schon seit Kindertagen, aber unsere Leben haben sich grundlegend verändert. Während ich am Gymnasium büffle, haben beide ihre Lehrstelle geschmissen und treiben sich auf der Straße herum. Ich glaube, dass Samuel hin und wieder auch mit Drogen dealt oder klaut, was er gerade braucht. Auf diese Weise kommt er immer wieder zu Geld. Was Andreas betrifft, so ist er nicht der klügste, hat aber eine herzensgute Mutter, die ihn verwöhnt und ihm ein angenehmes Leben auch ohne Job ermöglicht. Was habe ich eigentlich mit solchen Typen gemeinsam? Nur die nachbarschaftliche und schulische Vergangenheit. Ich bin ein ziemlicher Eigenbrötler und habe am Gymnasium kaum neue Freundschaften geschlossen. Darum riss der Kontakt zu Samuel und Andreas auch nie ganz ab, vor allem in den Ferien brauche ich trotz allem hin und wieder Gesellschaft. Eine Gesellschaft, das weiß ich selber, die mir nicht guttut.

Als ich auf die Uhr am Handgelenk gucke, erschrecke ich. Es ist schon nach acht. Ich muss nach Hause. Der Vorfall liegt nun schon zwei Stunden zurück. Ich kann mich wohl wieder in die Innenstadt wagen. Die Straßen haben sich geleert, es ist gespenstisch ruhig geworden. Meine Schritte hallen hohl durch die Straßen. Keine Polizisten mit Schutzhunden sind unterwegs, um uns aufzuspüren.

Ich bin froh, als ich endlich mein Wohnquartier erreiche. Durch die Scheiben unserer Wohnung im obersten Stock eines Miethauses schimmert Licht. Mama und Papa sind zuhause. Zum Glück habe ich noch Ferien, sonst würde mein Vater wegen meiner späten Heimkehr vermutlich ausrasten. Das passiert leider öfters. Ich betrete das Haus und schleiche die Treppe hinauf und lausche, ob ich irgendwelche unbekannten Stimmen oder Geräusche höre. Aber alles ist wie immer. Das Geschrei von Kleinkindern, das Knallen von Türen. Ich erreiche unsere Wohnung. Nochmals lausche ich, aber ich höre keine fremden Stimmen aus dem Innern. Also keine Polizei, die bei meinen Eltern meine Ankunft erwartet! Ich schließe die Eingangstür auf und schlüpfe hinein. Der Duft vom Abendessen umgibt mich, aber auch das Donnern der Stimme meines Vaters.

„Von wo kommst denn du her? Deine Mutter hat um sieben das Abendessen aufgetischt. Nun ist alles kalt, du undankbarer Schnösel! Eigentlich müsste ich dich nun auf dein Zimmer schicken, damit du ohne Essen ins Bett gehst. Aber natürlich hat deine Mutter wie immer ein gutes Wort für dich eingelegt. Sie kann dir einfach nicht böse sein. Und ich muss jetzt sowieso weg zu einer Besprechung.“ Mit diesen Worten stößt er mich grob beiseite und verlässt die Wohnung.

Als die Tür ins Schloss fällt, bin ich glücklich. Er wird nun ein paar Stunden weg sein und in einer Kneipe hocken und mit seinen Saufkumpanen Bier um Bier trinken. Meine Mutter erscheint im Flur und ihr Lächeln zeigt mir, dass ich willkommen bin.

Erster Schultag

Konstantin

Als ich das alte, ehrwürdige Gebäude, mein neues, schulisches Zuhause, betrete, flattert mein Herz. Zwar war ich bereits letzte Woche mit meinem Vater auf dem Sekretariat der Schule, um mich ordnungsgemäss anzumelden und meinen Stundenplan abzuholen, aber jetzt werde ich gleich meine neuen Schulkameraden kennenlernen. In meiner alten Klasse in Köln hatte ich meine paar Freunde und Freundinnen und fühlte mich aufgehoben. Vor allem Erik hat mir damals große Unterstützung gegeben, als meine Mutter gestorben ist. Aber er ist nicht hier und ich bin auf mich allein gestellt.

Ich werde im Klassenzimmer 28 erwartet. Das ist im zweiten Stock. Also steige ich die breite Treppe hinauf. Rechts und links schlendern oder drängen andere Schüler mit mir in das obere Stockwerk. Gelächter dringt in meine Ohren, Stimmen schwirren um mich herum. Aber trotzdem fühle ich mich einsam. Ich erreiche den gewünschten Flur und stehe vor dem Zimmer 22. Ich bin also kurz vor meinem Ziel. Ein letzter Schritt noch, dann stehe ich vor der geöffneten Tür. Ich werfe einen scheuen Blick hinein. Die Szene im Klassenzimmer erinnert mich an mein Kölner Gymnasium. Mädchen und Jungs stehen in kleinen Grüppchen zusammen und diskutieren, andere sitzen bereits an ihrem Pult, werfen nochmals einen Blick in ihre Bücher oder schreiben noch eifrig an ihren vergessenen Hausaufgaben.

Just in diesem Augenblick spüre ich einen sanften Griff an meiner Schulter, wende ich mich erschrocken um und blicke in das freundliche Gesicht eines Erwachsenen.

„Du musst Konstantin sein, unser neuer Schüler“, stellt er sachlich fest und schiebt mich vorsichtig ins Zimmer. „Rektor Kühne hat mich über dein Kommen informiert. Ich freue mich, dich bei uns begrüßen zu dürfen. Ich bin dein Klassenlehrer, Herr Balmoos.“

Jetzt stehe ich im Klassenzimmer und Herr Balmoos neben mir klatscht zweimal laut mit den Händen. Augenblicklich kehrt Ruhe ein. Die Schüler begeben sich an ihre Plätze. Bei uns in Köln ging das nie so reibungslos. Herr Breiter musste zu Beginn jeder Stunde viel Zeit investieren, bevor er den Unterricht starten konnte. Entweder ist Herr Balmoos ein beliebter Lehrer oder ein irre strenger.

Nun richten sich alle Blicke auf mich. Ein leises Tuscheln beginnt, ebbt aber sofort ab, als Herr Balmoos das Wort erhebt:

„Guten Morgen, Klasse. Darf ich euch euren neuen Mitschüler Konstantin aus Deutschland vorstellen? Ab heute gehört er zu unserer Klasse. Ich wünsche, dass ihr ihm behilflich seid und ihm alle nötigen Details, die er über unsere Schule wissen muss, erklärt. Nun, Konstantin, dort in der mittleren Reihe neben Jael ist noch ein Platz frei. Setz dich bitte neben sie!“

Wortlos trete ich zu meinem Platz, deponiere meinen Rucksack neben dem Tisch und lasse mich auf dem Stuhl nieder. Jael, ein hübsches Mädchen, verfolgt mich mit ihren Augen und lächelt dabei. Als ich mich gesetzt habe, reicht sie mir ihre Hand.

„Freut mich dich kennenzulernen! Wie du bereits gehört hast, bin ich Jael.“

Wortlos greife ich ihre Hand. Das Mädchen scheint wirklich nett zu sein. Bevor ich ihr ein Hallo zuflüstern kann, erfüllt die Stimme des Klassenlehrers den Raum. Er fordert mich auf, mich in wenigen Sätzen vorzustellen. Schon wieder stehe ich im Mittelpunkt. Ich mag das gar nicht. Ich wäre dem Balmoos dankbar gewesen, wenn er einfach den Unterricht gestartet hätte. Ich atme tief ein und beginne mit leiser Stimme zu sprechen.

„Ich verstehe nichts“, dröhnt eine Jungenstimme von der hintersten Reihe. Ich werde rot im Gesicht, aber auch etwas lauter.

„Ich heiße Konstantin, aber alle nennen mich eigentlich nur Koni. Für mich stimmt das so. Ich bin mit meinem Vater letzte Woche aus Köln hierher nach St. Gallen gezogen. Ich lese gerne und besuche oft das Kino.“ Meine Stimme bricht ab und ich denke mir, dass ich ein recht langweiliger Typ bin. Lesen und Kino. Das klingt nach Stubenhocker. Das stimmt eigentlich auch, macht aber bei einer Vorstellung nicht gerade die beste Falle. Jungs in meinem Alter interessieren sich für Fussball, treiben extrem viel Sport, gehen mit Mädchen aus. Ich bin da anders.

Herr Balmoos wartet eine n Augenblick, ob ich noch mehr zu erzählen habe, bevor er sich an die ganze Klasse wendet und meine Mitschüler bittet sich ebenfalls kurz zu präsentieren.

„Ich bin Frank, wohne in Gossau und spiele Fussball in unserer Dorfliga.“

„Mein Name ist Karin. Mein Vater ist ebenfalls Lehrer hier am Gymi, meine Mutter hat einen tollen Job im Spital.“

„Joachim bin ich, aber sag bitte Joe zu mir, denn ich hasse meinen Namen.“

Vierzehn Gymnasiasten und Gymnasiastinnen stellen sich vor und ich lausche ihren Stimmen, aber nehme kaum etwas davon wahr. Es sind zu viele Eindrücke auf einmal für mich. Schließlich ist die Reihe an Jael sich vorzustellen. Sie tut dies ebenso kurz wie ich vorhin und schenkt mir danach wieder ein freundliches Lächeln. ich bin froh neben ihr zu sitzen.

Polternd fliegt die Tür auf. Alle Blicke richten sich nun nicht mehr auf mich, sondern auf den unerwarteten Neuankömmling. Eine schlanke Gestalt mit Kapuzenjacke huscht ins Zimmer. Das Gesicht ist unter der Kapuze verborgen.

„Wie immer mit Verspätung!“, schimpft Herr Balmoos, „Warum kannst du nie pünktlich sein? Beim nächsten Mal lasse ich dich nachsitzen. Setz dich und nimm die verdammte Kapuze vom Kopf!“

Mein neuer Lehrer kann also doch energisch sein. Schnell hetzt der Junge an seinen Platz und schlüpft gleichzeitig aus seiner Jacke. Dabei kommt auch sein Kopf zum Vorschein. Ich erstarre, mein Herzschlag setzt für einen kleinen Augenblick aus, mir wird ganz übel. Ich kenne diesen Jungen mit den kurzen, schwarzen Haaren. Er war bei dem Überfall vor drei Tagen dabei und jetzt sitze ich mit ihm in derselben Klasse. Mir wird schlecht.

 

Jeffrey

Dieser verdammte Wecker bringt mich einmal mehr in eine blöde Situation. Erneut erscheine ich zur ersten Lektion bei Balmoos zu spät. Natürlich lässt der sofort eine Drohung vom Stapel, dass ich beim nächsten Mal am Mittwochnachmittag nachsitzen müsse. Zum Glück ist der Balmoos eher ein freundlicher Lehrer und drückt hie und da auch mal ein Auge zu, sonst säße ich wohl jeden Mittwochnachmittag in der Schule. Ich mache mich nach der Standpauke sofort auf zu meinem Sitzplatz, den ich glücklicherweise mit keinem teilen muss. Schnell die Jacke über die Stuhllehne geworfen und den Rucksack am Boden deponiert und schon bin ich einsatzbereit. Die Lektion kann beginnen. Ich warte ungeduldig. Balmoos Blick ruht erneut auf mir. Habe ich etwas falsch gemacht? Ich werde etwas nervös.

„Jeffrey, wir dürfen heute einen neuen Mitschüler in unserer Runde begrüssen“, erklärt der Pauker.

Okay, das ist mir eigentlich egal, ich suche hier keine Freunde.

„Deine Klassenkameraden haben sich ihm bereits vorgestellt. Nun wärst du an der Reihe“, fügt mein Lehrer noch hinzu.

Muss das wirklich sein? Ich blicke mich kurz um, sehe aber nur bekannte Gesichter und beginne zu sprechen: „Also, ich heiße Jeff, wohne hier in der Stadt und …“

Ich breche meine Präsentation abrupt ab, denn ich habe den Neuen entdeckt. Er sitzt neben Jael und ich kenne ihn. Diese blauen Augen, diese blonden Locken habe ich schon einmal gesehen. Der Vorfall von letzter Woche hat sich tief in mein Gedächtnis gebohrt. Unser Überfall. Samuel, der sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Der Fremde, der im letzten Augenblick eingegriffen hat. Meine rasante Flucht.

In den letzten beiden Tagen ist es mir endlich gelungen, dieses verfluchte Geschehen wenigstens ein bisschen zu verdrängen. Aber jetzt ist alles wieder da. Der neue Schüler ist niemand anderes als unser unschuldiges Opfer. Ich wage nur noch einen kurzen Blick auf ihn zu werfen. Sein Gesicht ist kreidebleich, seine Augen sind weit aufgerissen, sein Mund öffnet sich. Gleich wird er mich meines Verbrechens bezichtigen. Er wird der ganzen Klasse meine Schandtat erzählen und Herr Balmoos wird sofort die Polizei verständigen. Ich sitze total in der Patsche.

Aber nicht er spricht, sondern mein Lehrer meldet sich wieder zu Wort. „Was ist denn los mit dir, Jeffrey? Hat es dir die Sprache verschlagen? Du sollst dich Konstantin vorstellen.“

Mir ist ganz flau im Magen, als ich meine kurze Vorstellung wiederaufnehme. „Ich mag die Schule nicht, bin aber trotzdem recht gut in den Sprachfächern. Aber ich hasse Mathe. Mehr weiß ich nicht.“

„Mehr weißt du nicht?“, echot Balmoos ungläubig und schüttelt dazu den Kopf. „Aber Sprachen ist ein tolles Stichwort. Wie ihr alle wisst, kommt Konstantin aus Deutschland. Dort ist Französisch kein Pflichtfach. Zum Glück hat er aber diese Sprache als Wahlfach studiert, aber leider nur für zwei Jahre. Darum haben wir hier natürlich einen recht großen Vorsprung. Deshalb brauche ich jemanden, der in seiner Freizeit mit Konstantin den noch nicht behandelten Stoff nachholt.“

Balmoos steht abwartend vor uns und hofft, dass sich ein Freiwilliger meldet. Ich versuche mich möglichst unsichtbar zu machen. Einerseits will ich, dass der Neue meine Anwesenheit vergisst und außerdem will ich nicht, dass sich Balmoos daran erinnert, dass ich in Französisch sehr gute Noten schreibe. Wie gesagt, Sprachen liegen mir. Aber natürlich ruht sein Blick sein Blick schon wieder auf mir und ich weiß ganz genau, was er von mir erwartet. Aber ich kann diesem Konstantin keine Nachhilfe geben.

Genau in diesem Augenblick meldet sich Jael zu Wort und dafür würde ich sie am liebsten küssen.

„Ich kann das übernehmen“, meint sie kurz und bündig und ich schnaufe hörbar auf. Der Balmoos gibt sich damit zufrieden und beginnt endlich seinen Deutschunterricht. Während er über Subjekte und Objekte referiert, blicke ich immer wieder zu Konstantin. Aber zum Glück kreuzen sich unsere Blicke nie. Er starrt wie gebannt nach vorn. Seine Gesichtsfarbe hat sich nicht verändert. Aber sein Mund ist wieder geschlossen. Hin und wieder flüstert ihm Jael etwas zu und er nickt kurz. Sonst zeigt er keine Reaktion. Was geht wohl in ihm vor? Was wird er unternehmen? Ich kann mich nicht auf den Unterricht konzentrieren. Als mir Balmoos eine einfache Frage stellt, zucke ich nur mit den Schultern. Resigniert wendet sich der Lehrer einer anderen Person zu.

Endlich müssen wir unsere Grammatikbücher hervornehmen und für den Rest der Lektion Übungen lösen. Ich unterstreiche, notiere, aber weiß eigentlich gar nicht, was ich da mache. Die Minuten verrinnen zäh.

Schließlich ertönt der Klingellaut doch noch. Ende der Stunde. Ich packe zusammen. Es geht in fünf Minuten weiter im Mathezimmer bei Paulsen. Ich packe meine Jacke und den Rucksack und verlasse schleunigst mit gesenktem Kopf den Raum, während Konstantin noch an seinem Platz sitzt und von Jael in Beschlag genommen wird. Ein schrecklich langer Tag liegt vor mir. Wie soll ich ihn nur überleben?

Ungewissheit

Konstantin

Der Schulalltag wird zur Qual. Jeden Tag muss ich mehrere Lektionen mit dem Menschen im selben Zimmer verbringen, der mich mit seinen kriminellen Kumpanen brutal überfallen hat. Ich versuche ihn nicht zu beachten, wähle stets Sitzplätze aus, die möglichst weit von ihm entfernt sind, so daß ich nie bei einer Gruppenarbeit gezwungen bin mit ihm arbeiten zu müssen. Meistens sitze ich sowieso neben Jael, die mich scheinbar adoptiert hat und sich rührend um mich kümmert, mir alle Abläufe an der Schule erklärt, aber auch alle Lehrpersonen mit ihren Stärken und Schwächen näherbringt. Sie ist wirklich wunderbar und ich weiß nicht, was ich ohne sie täte. Da Jael sehr beliebt ist und ich meistens in ihrer Nähe bin, lerne ich auf diese Weise meine neuen Klassenkameraden besser kennen. Vor allem interessieren sich die Girls für mich. Vielleicht genieße ich durch meine deutschen Wurzeln einen Exotenstatus. Was auch immer der Grund ist, ich fühle mich unter ihnen wohl. Die Jungs aus der Klasse sind zwar freundlich, aber auch etwas distanziert. Ich hoffe nicht, dass sie eifersüchtig auf mich sind, weil ich mich mit den Mädchen gut verstehe. Aber ich bin vermutlich für die Jungs viel weniger interessant, weil ich keine Sportskanone bin.

Lustigerweise ist dieser Jeffrey mir nicht ganz unähnlich. In der ersten gemeinsamen Sportlektion hat er genau wie ich nicht besonders brilliert und war kaum besser als ich beim Fussballspielen. Zum Glück war er in der gegnerischen Mannschaft und ich sehr oft als Auswechselspieler nicht am Geschehen beteiligt. Außerdem scheint er noch weniger Kontakt zu seinen Mitschülern zu haben. Er sitzt immer allein, redet in den Pausen praktisch mit keiner Person und verschwindet stets als erster aus dem Schulzimmer. Obwohl er ganz gut aussieht, scheinen sich die Mädchen kein Auge auf ihn geworfen zu haben. Mir scheint es fast so, als würden sie ihn ignorieren.

Am ersten und zweiten Tag spielte ich tatsächlich mit dem Gedanken, entweder Herrn Balmoos oder sogar den Rektor darüber aufzuklären, dass Jeffrey ein kriminelles Subjekt sei. Aber das hätte nur Aufruhr verursacht und mich plötzlich in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gestellt, was ich gar nicht anstrebe. Auch meinem Vater habe ich nichts erzählt. In den letzten Tagen kommt er immer erst spät nach Hause und verlässt unser neues Heim morgens auch vor mir. Er arbeitet enorm viel. Aber immerhin macht ihm die Arbeit Spaß und er meint, dass sich der ganze Stress nach einer Anfangsphase wieder legen werde. So schleppe ich dieses Erlebnis mit mir herum und vertraue es niemandem an, auch nicht meinem besten Freund Erik. Ich vermisse ihn schrecklich. Immerhin stehen wir in Mailkontakt.

 

Hallo Koni

Na, wie läuft’s an deiner neuen Schule? Schon viele Herzen gebrochen? Sind deine neuen Lehrer auch solche Dödel wie unsere? Oder gar noch schlimmer? Wobei das ja fast nicht möglich ist!

Auf jeden Fall vermisse ich dich. Es ist einfach nicht mehr dasselbe ohne dich. Auch die andern aus der Clique lassen dich grüssen. Wir treffen uns weiterhin immer nach der Schule zum Chillen. Lea hat sich nun tatsächlich in Thorsten verguckt. Aber der checkt das natürlich nicht und spielt weiterhin seine albernen Streiche, mit denen er die Girls nur nervt. Irgendwann wird das sicher auch Lea zu dumm und sie wird sich anderwärtig umsehen. Sharon wollte sich auch an mich heranmachen, als du Köln verlassen hast. Sie glaubte wohl, sie hätte nun freie Bahn. Aber Sharon wird nie und nimmer eine Chance bei mir haben. Da kann kommen, was will.

Und wie steht es bei dir? Schon fündig geworden bei den Eidgenossen? Eigentlich hoffe ich es nicht. Aber ich könnte es verstehen. Nun warten noch Algebraaufgaben auf mich. Darum sage ich kurz und bündig tschüss, aber mit viel Wehmut im Herzen!

Dein Erik

 

Hey Erik

So schön von dir zu hören. Wie ich Köln, unsere Schule, die Clique und natürlich dich vermisse! Manchmal vermisse ich sogar die ollen Lehrer. Aber nur manchmal. Mein neuer Klassenlehrer, bei dem ich Sprachfächer büffeln darf, ist in Ordnung. Er ist meistens gut drauf.

Die neue Klasse ist auch in Ordnung. Aber ich habe nur wenig Kontakt ausserhalb der Schule mit meinen Mitschülern. Die Jungs treffen sich immer zum Fussballspielen (Wie kann man nur?) und die Girlies sind ständig am Tratschen. Aber trotzdem hänge ich am meisten mit ihnen während der Schulzeit ab. Nur mit Jael verbringe ich mehr Zeit. Sie würde dir sicher auch gefallen. Sie ist wirklich hübsch, aber vor allem witzig und nett. Da sie mir hilft, Verpasstes beim Französisch nachzuholen, sitzen wir hin und wieder während der Mittagspause in der Schulbibliothek.

Nur eine Person kann ich nicht ausstehen. Ein blödes Arschloch! Keiner in der Klasse mag ihn. Er sondert sich immer ab. Ich hatte ein saudummes Erlebnis (Nicht, was du jetzt sicher denkst!) mit ihm, schon bevor ich wusste, dass er Teil meiner neuen Klasse ist. Ich werde es dir schon noch genauer erklären, aber nicht jetzt. Es wäre schade, diesem Jeffrey mehr Platz einzuräumen.

In der Wohnung stehen immer noch unendlich viele nicht ausgepackte Schachteln herum. Mein Vater hat natürlich während der Woche keine Zeit zum Auspacken, denn er arbeitet ständig, und mir fehlt einfach die Lust. Aber ich habe mir vorgenommen am Wochenende mein Zimmer endgültig herzurichten. Während du Algebra löst, muss ich nun Tonnen von neuen Französischvokabeln in mein Hirn pressen. Aber für dich ist trotzdem immer ein Platz darin frei.

Dein Konstantin

 

Unser schriftlicher Kontakt ist mir sehr wichtig. Ich checke täglich mehrmals mein Mailkonto, in der Hoffnung, eine Nachricht von Erik vorzufinden. Wenn eine ankommt, steigert sich meine Laune sofort, wenn mein Postfach leer ist, bleibt sie auf dem Tiefpunkt.

Die erste Schulwoche habe ich nun überstanden. Und diesen Jeffrey und seine ständige Anwesenheit werde ich auch noch überstehen.

 

Jeffrey

Ich bin unsichtbar. Zumindest versuche ich, mich unsichtbar zu machen. Nur nicht auffallen, lautet meine Devise. Vor allem will ich natürlich, dass dieser Deutsche keine Notiz von mir nimmt. Bis jetzt läuft alles ganz okay. Er sitzt in seiner Schulzimmerhälfte, ich in meiner. Es gibt praktisch keine Kontakte zwischen uns. Er existiert für mich nicht und ich nicht für ihn. Ich sitze sowieso immer allein, weil mich meine Klassenkameraden gar nicht interessieren. Ich bin lieber für mich allein. Außerdem hat dieser Konstantin sich an Jael gehängt und verbringt den grössten Teil der Zeit mit ihr und ihren Freundinnen. So hat er ein paar neue Freundschaften und kommt auf keine dummen Ideen, wie zum Beispiel mich zu verpfeifen.

Sogar im Sport gelingt es mir, ihm aus dem Weg zu gehen. Ich bin stets der Letzte, der in die Umkleidekabine marschiert, aber auch der Erste, der sie nach der Lektion wieder fluchtartig verlässt. Mir ist aufgefallen, dass Konstantinopel (So nenne ich ihn manchmal. Aber natürlich nur in meinen Gedanken.) ebenso unsportlich ist wie ich. Trotzdem besitzt er einen schlanken Körperbau und ist nicht so fett wie Andreas.

Andreas habe ich in dieser Woche nur einmal kurz auf der anderen Straßenseite gesehen, als ich gegen Abend aus der Schule zurückkam. Wir haben uns zugenickt und sind unserer Wege gezogen. Vermutlich fühlt er sich ebenso unwohl wie ich. Samuel ist hingegen verschwunden. Sonst traf ich ihn fast täglich auf dem großen Spielplatz vor unserem Wohnblock. Mittags und abends hängt er da gerne herum. Aber diese Woche ist er nirgends zu entdecken. Und ich bin sehr froh darüber. Ich weiß nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll. Sind wir immer noch Freunde? Oder waren wir denn jemals Freunde? Ich weiß es nicht und ich brauche Zeit, um mir darüber schlüssig zu werden.

Eine ganze Woche über war ich also unsichtbar. Und es hat recht gut geklappt. Dennoch mache ich mir Gedanken über die Zukunft. Ich muss eine ganz schön lange Zeit mit Konstantin in der gleichen Klasse verbringen. Schaffe ich das überhaupt? Soll ich den Rektor fragen, ob ein Klassenwechsel in Frage kommt? Aber wie soll ich dieses Gesuch begründen? Das Beste wäre, wenn der Vater von Konstatin ein anderes Jobangebot bekäme und die beiden erneut umziehen würden. Für uns beide wäre das die ideale Lösung. Aber so weit wird es nicht kommen. Deshalb muss etwas anderes geschehen. Ich weiß eigentlich genau, wie dieses „etwas anderes“ ausschauen müsste. Aber es ist so furchtbar schwierig oder vielleicht sogar unmöglich. Denn ich sollte mit Konstantin das Gespräch suchen. Ich sollte ihm erklären, wie es zu diesem dummen Zwischenfall gekommen ist. Ich sollte mich bei ihm entschuldigen. Ich sollte ….

Aber wie soll ich das machen?

Unter vier Augen

Konstantin

„Und hast du dich gut eingelebt?“

Diese Frage stellt mir Balmoos am Mittwochmittag nach Lektionsende, als meine Mitschüler bereits das Weite gesucht haben.

Natürlich bejahe ich seine Fragen. Was denn sonst! Er würde mich ausquetschen wie eine Zitrone, wenn dem nicht so wäre. Aber ich will nicht auffallen, ich möchte nur meine Ruhe haben.

„Hast du schon Freunde in der Klasse gefunden?“

Wieder nicke ich, merke aber, als Balmoos zu keiner weiteren Frage ansetzt, dass er etwas mehr erfahren möchte. Also erzähle ich ihm mit aufgesetztem Lächeln, dass ich viel Zeit mit Jael verbringe. Als er mich verschwörerisch angrinst, werde ich rot wie eine Tomate und murmle:

„Wir sind nur gute Kameraden. Sie hilft mir beim Französisch. Sie ist eine tolle Lehrerin.“

„Besser als ich?“, möchte Balmoos wissen, worauf ich entgegne:

„Bei Jael gibt es wenigstens keine Tests.“

Balmoos lacht auf und möchte nun doch noch wissen, ob Jael meine einzige Kollegin sei.

„Ich stehe mit meinen Kölner Freunden in enger Verbindung“, entgegne ich rasch. „Chatten, Mailaustausch, Skypen, all diese Dinge.“

Aber eigentlich habe ich nur noch Kontakt mit Erik. Aber das geht meinen Lehrer wirklich nichts an.

„Weißt du, Konstantin, es ist wichtig, dass du dir ein paar Freunde suchst. Du wirst sehen, dann wirst du dich rasch heimisch fühlen hier in St. Gallen. Natürlich sollst du deine alten Bekannten nicht vergessen. Nein, ganz bestimmt nicht. Aber neue Menschen kennenzulernen ist doch spannend und interessant. Hast du schon mal mit Jeffrey gesprochen. Er steht etwas abseits der Klasse. Er hat eigentlich keine Freunde hier an der Schule. Aber er ist ein toller Typ. Vielleicht nimmst du einmal Kontakt zu ihm auf. Ihr seid euch nicht unähnlich.“

In diesem Augenblick könnte ich den Balmoos auf den Mond schicken. Ausgerechnet mit diesem Kriminellen soll ich Kontakt aufnehmen? Wenn der wüßte, was für ein schräger Kerl dieser Jeffrey ist. Für einen kurzen Augenblick möchte ich meinem Lehrer die Geschichte vom Überfall mitteilen, damit er weiß, mit wem er es bei Jeffrey zu tun hat. Aber dieser Moment ist nur kurz. Denn meine Devise lautet weiterhin: Nicht auffallen! Deshalb zucke ich nur mit den Schultern und sage ein bedeutungsloses: „Mal schauen!“

„Und stofflich? Wie fühlst du dich damit?“

Zum Glück wechselt Balmoos das Thema. Jetzt kann ich unbeschwert und ehrlich Antwort geben.

„Es läuft ziemlich gut. In den meisten Fächern habe ich sogar einen Vorsprung. Und das Französisch lässt sich dank Jaels Unterstützung rasch aufholen.“

Das hört Balmoos sehr gern und entlässt mich endlich aus seinem Verhör. Ich hetze aus dem Gebäude, um meinen Bus zu erwischen, denn am frühen Nachmittag will ich Jael treffen. Sie wird mir bei sich zuhause noch ein paar grammatikalische Leckerbissen der französischen Sprache beibringen. Interessierten tut mich das wenig, aber es muss sein und außerdem ist mir Jael sehr sympathisch.

 

Ich bin natürlich alleine zuhause. Mein Vater isst in der Bank. Vermutlich kaut er an einem Sandwich, während er die Börsenkurven studiert. Ich selber schiebe eine Pizza in den Backofen, erledige in der Zwischenzeit ein paar Hausaufgaben und verspeise meine Pizza vor dem Fernseher. Dazu gucke ich irgendein Mittagsmagazin. Danach breche ich schon wieder auf. Diesmal nehme ich das Fahrrad. Jael wohnt am gegenüberliegenden Hügel. Zuerst sause ich also die Straße runter, kurve durch die Innenstadt und strample dann einen ziemlich steilen Hang hinauf. Jael hat nicht zu viel versprochen. Hier oben ist es wirklich sehr schön. Viele Einfamilienhausquartiere und dahinter erstreckt sich eine weitere Hügelkette mit Wiesen und Wäldern. Sogar drei kleine Weiher soll es hier oben geben. Aber diese sehe ich im Augenblick nicht.

Jael wohnt in einem schmucken Einfamilienhaus. Auf mein Klingeln öffnet sie strahlend die Haustür und führt mich direkt in ihr Zimmer, ein typisches Mädchenreich. Helle Farben, viel Licht, alles makellos sauber, ein kleines Sofa, ein Bett mit lila Bettwäsche, ein Bücherregal und ein Schreibtisch mit dem obligaten Computer.

„Komm, setzen wir uns ans Pult! Ich habe die Bücher schon bereitgelegt und auch im Computer ein sehr gutes Französischprogramm entdeckt. Heute schauen wir das Passé Composé an und repetieren die Mengenangabe.“

Ich seufze ergeben und nehme neben Jael Platz. Sie trägt ihr Haar offen, während sie es in der Schule meistens zusammengebunden hat. Außerdem fällt mir ein ziemlich auffälliges und süßes Parfüme an ihr auf. Auch ihr Gesicht ist viel stärker geschminkt als in der Schule. Und erst das enganliegende T-Shirt, das ihre tolle Figur noch deutlicher zum Ausdruck bringt! Ich habe fast das Gefühl, dass Jael sich nur für mich so verführerisch gibt. Ich täusche mich wohl, denn sie beginnt sofort mit dem Unterricht und erklärt mir Regeln und lässt mich immer wieder dazu Übungsbeispiele lösen. Fast zwei Stunden „plagt“ sie mich mit dem Lernstoff, dann endlich schließt sie das Buch und meint, dass wir für heute wohl genug geschuftet haben. Dem kann ich nur zustimmen, denn mein Kopf beginnt schon allmählich zu schmerzen und ich fühle mich schlapp. Jael steht auf und legt eine CD ein. Romantische Melodien durchfluten das Zimmer. Rasch verschwindet sie und kommt mit einem Tablett zurück, auf welchem nebst einer Flasche Cola und zwei Gläsern auch noch Schokoladengebäck liegt. Das Ganze stellt sie auf ein kleines Tischchen neben dem Sofa und bittet mich, dann doch neben ihr auf dem Sofa Platz zu nehmen.

„Wir haben uns nun einen kleinen Zvieri, wie man das bei uns in der Schweiz nennt, verdient“, meint sie und ich wiederhole das Wort „Zvieri“. Und schon beginnt die nächste Schulstunde. Lachend will sie mir ein paar wichtige schweizerdeutsche Floskeln beibringen. Natürlich ist auch das berühmte „Chuchichäschtli“ mit dabei. Ich spiele brav mit und wiederhole Wort für Wort, Satz um Satz, was bei ihr zu Lachanfällen führt. Mit der Zeit drücke ich die Wörter absichtlich falsch aus, was bei ihr für noch grössere Begeisterung sorgt. Sie rückt immer näher zu mir. Unsere Körper berühren sich. Plötzlich spüre ich, wie ihre Hand ganz selbstverständlich auf meinem Schenkel liegt, während sie munter weitere Kostproben aus der Schweiz vorträgt. Ich spüre ein seltsames Kribbeln. So nahe ist mir schon lange niemand mehr gekommen. Der Letzte, der solchen Körperkontakt zu mir suchte, war Erik, und das liegt schon ein paar Wochen zurück. Wie soll ich reagieren? Soll ich jetzt ihre Hand ergreifen? Oder erwartet Jael sogar noch mehr Initiative meinerseits? Ich will sie ja nicht beleidigen oder etwas falsch machen. Ich mag sie wirklich gern. Sie ist meine einzige Freundin hier in St. Gallen.

Ich nehme zaghaft ihre Hand in meine, streichle sanft ihre Finger, blicke sie dabei aber nicht an. Plötzlich spüre ich ihren Kopf auf meiner Schulter.

„Das ist mein Lieblingssong“, säuselt sie in meine Ohren, während Rita Ora von Herzensangelegenheiten singt.

Ich weiß, was als nächstes folgen wird. Ein Kuss. Aber möchte ich das? Ich habe mir noch nie ernsthaft darüber den Kopf zerbrochen, was ich denn ganz genau wünsche. Bisher habe ich tatsächlich noch nie ein Mädchen geküsst. Nur Erik hat es geschafft, seine Lippen auf meine zu drücken und mal sanft, mal ungestüm mit mir zu knutschen. Das war für mich in Ordnung. Er hat mich nicht dazu gezwungen. Es hat mir auch gefallen. Dass er ein Junge ist, hat mich dabei nicht gestört. Gleichzeitig habe ich aber auch gedacht, dass anstelle von Erik auch ein Mädchen bei mir Gefühle auslösen könnte. Auch Erik hat stets versichert, dass, ob Boy oder Girl, der Mensch ihm wichtig sei. Und ich habe mich seiner Meinung angeschlossen. Erik hatte ja auch vor mir eine Liebelei mit Katrin. Die Beziehung dauerte ganze sechs Monate, bis sie sich in Florian verguckte.

Jael löst ihre Hand aus meiner, umfasst mit beiden Händen meinen Oberkörper und zieht mich an sich. Ihre Augen strahlen mich an. Sie öffnet ihren Mund und meine Augen bleiben an ihren kirschroten Lippen haften, die sich stetig nähern. Da steigt in mir Panik hoch. Ich löse mich aus ihrem Griff und rück etwas weiter weg von ihr. Sie schaut mich überrascht, aber nicht böse an.

Die nächsten Sekunden dauern endlos, bevor ich ein zerknirschtes „Sorry“ herauspresse.

Jael schüttelt ihren Kopf und entgegnet ihrerseits mit einem „Sorry“. Dann sitzen wir stumm nebeneinander auf dem Sofa. Wortlos, regungslos. Irgendwann greife ich nach meinem Colaglas und nippe daran. Jael tut es mir gleich und während ich an einem Schokoladenbiscuit knabbere, nimmt sie das Gespräch wieder auf.

„Es tut mir leid, dass ich dich so überfallen habe. Aber Jeanette hat mir gesagt, dass Jungs es lieben, wenn man als Mädchen den ersten Schritt macht. Ich mache so etwas normalerweise nicht. Ganz ehrlich gesagt habe ich noch nie einen Jungen geküsst. Aber als du vor Tagen am Montagmorgen in unser Schulzimmer tratst, warst du mir von der ersten Minute an unheimlich sympathisch. Und je mehr ich dich in den letzten Tagen kennenlernen durfte, desto mehr habe ich dich in mein Herz geschlossen. Ich habe das aber nur Jeanette erzählt. Sie ist seit Jahren meine beste Freundin und hatte schon einige Freunde. Darum habe ich ihren Ratschlag befolgt, obwohl ich mir gar nicht sicher war, ob das wirklich das Richtige ist.“

Nun endlich schweigt sie und wartet ab, was ich dazu zu sagen habe. Ich bin ganz durcheinander und will natürlich nichts Falsches entgegnen. Darum beiße ich gleich nochmals herzhaft in ein Gebäck, denn mit vollem Mund spricht man nicht und ich habe die Chance kurz die richtigen Worte auszuwählen.

„Jael!“, beginne ich dann und drücke dabei ihre Hand, „bei mir ist das ganz ähnlich. Ich hatte noch nie eine Freundin. Vielleicht bin ein wenig zu schüchtern, vielleicht dauert alles bei mir viel langsamer als bei andern Jungs. Aber ganz ehrlich, ich mag dich sehr gerne und es war sehr schön deine Nähe zu spüren. Aber dann ging es einfach zu schnell. Ich möchte mir meiner Gefühle ganz sicher sein, denn du bist mir sehr wichtig. Ich will nicht einfach mit dir herummachen, um dich danach wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen. Lass mir noch etwas Zeit! Bitte!“

Das Lächeln kehrt in ihr Gesicht zurück und ehe ich mich versehe, drückt sie mir einen sanften Kuss auf die Wange. „Du bist wirklich anders als die andern Jungen. Du bist sensibel und ehrlich. Gerade deswegen mag ich dich. Wir haben alle Zeit der Welt.“

Ich bin froh über ihre Reaktion. Wir bleiben noch einige Minuten auf dem Sofa sitzen und reden über Musik und die Schule. Wir tratschen über unsere Mitschüler und dabei erwähne ich plötzlich den Namen Jeffrey. Ich erschrecke selber, dass ich diesen entsetzlichen Kerl anspreche. Ganz genau frage ich sie, was sie denn von ihm halte. Ich selber würde nicht schlau aus ihm.

„Weißt du“, erwidert sie daraufhin, „ihr zwei seid euch gar nicht so unähnlich. Jeffrey ist auch ein sehr ruhiger Typ. Ich sage immer zu Jeanette, dass er wie ein Einsiedlerkrebs ist. Er sondert sich immer etwas ab und sucht keinen Kontakt zu uns. Er will nicht auffallen. Ich glaube aber, er ist wirklich nett. Von Jeanette weiß ich auch, dass er aus eher ärmlichen Verhältnissen stammt. Sein Vater soll nicht gerade den besten Ruf haben. Er trinkt sehr gerne.“

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, denke ich sofort. Erneut würde ich gerne Jael in mein Geheimnis einweihen, aber ich halte auch diesmal die Klappe, denn ich möchte keinen Sturm heraufbeschwören. Ich lasse Jeffrey in Ruhe und er mich. Das ist unser stilles Abkommen und so soll es auch bleiben.

Als es draußen dunkel wird, verlasse ich Jael. Die kühle Abendluft umhüllt mich, während ich auf meinem Bike durch die Stadt fahre. Ich spüre keine Angst, obwohl es rasch finster wird. Auf dem Fahrrad kann mich niemand überfallen. Meine Gedanken springen von Jael und ihrem Geständnis, dass sie mich mehr als nur mag, hin zu Jeffrey, dem ich alles Mögliche zutraue, aber von dem ich aber auch immer wieder Positives höre. Aber ob diese Dinge überhaupt stimmen? Vielleicht spielt er nur den ruhigen, unnahbaren Burschen, während er in seinem Hirn die nächsten kriminellen Taten plant. Er wäre nicht der erste Verbrecher, der nach außen unauffällig, aber tief im Innersten ein brutaler Killer ist. Mit diesen Gedanken fahre ich durch die abendliche Stadt und freue mich auf die Stille meines Zimmers.

 

Jeffrey

„Wie geht es dir denn so?“

Ich erschrecke und zucke zusammen, als Samuel plötzlich vor mir steht. Fast hätte ich die Einkaufstasche fallengelassen. Ich war nur kurz im Laden, um Einkäufe für meine Mutter zu tätigen. Mittwochs ist das mein Job, da ich einen freien Nachmittag habe. Ich stammle ein „Hallo“ und versuche zu grinsen, obwohl mir gar nicht danach zumute ist. Ich habe Samuel aus meinen Gedanken verdrängt, bin nicht mehr alleine durchs Quartier gezogen, in der Hoffnung, ihm nicht mehr zu begegnen. Und jetzt steht er vor mir und grinst mich herausfordernd an.

„Also, Alter, wie geht es dir? Habe dich lange nicht mehr gesehen? Bist du mir aus dem Weg gegangen?“

Ich schüttle rasch den Kopf und erwähne die Schule, die Hausaufgaben und die vielen Prüfungen.

„Das hast du davon. Ich würde nicht freiwillig in der Schule versauern. Ich bin völlig frei und kann tun und lassen, was ich will. Dazu versorgt mich der Staat mit monatlichem Taschengeld. Und fehlt mir etwas, dann nehme ich es mir einfach.“

Tolles Leben!, denke ich, aber sage laut: „Nicht jeder kann das Leben genießen wie du. Meine Eltern würden sich querstellen, wenn ich nicht zur Schule ginge oder keinen Job hätte.“

„Stimmt, mit deinem Alten möchte ich auch keinen Streit entfachen. Meiner ist da lockerer. Solange er nichts von mir hört und sieht, ist alles in Ordnung.“

„Und deine Mutter?“

„Die ist weg. Vor einer Woche hat sie die Koffer gepackt und ist endgültig zu ihrem Lover gezogen. Meine Eltern wohnten nur noch zusammen, aber Liebe war da schon lange aus dem Spiel.“