Angst vor einer Bindung? - Patricia Vandenberg - E-Book

Angst vor einer Bindung? E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Die schönsten Dr. Norden Romane in einer Serie zusammengefasst. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Er sucht nach Hintergründen, nach der Ursache, warum dem Patienten nicht zu helfen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Frau Bärwald ist seit drei Stunden in der Backstube«, murmelte Tatjana Bohde, die Freundin des jungen Arztes Danny Norden, und drehte sich mit geschlossenen Augen noch einmal gemütlich im Bett um. Danny hörte ihre Stimme und rutschte ein Stück tiefer unter die Decke. Draußen sangen die Vögel ihr Morgenlied, ein untrügliches Zeichen dafür, dass es noch sehr früh war. Viel zu früh zum Aufstehen. »Wahrscheinlich schließt sie gerade die Ladentür auf. Ein köstlicher Duft nach frisch gebackenen Semmeln und Brezen strömt auf die Straße, während drinnen in der Backstube goldgelbe Rosinenschnecken darauf warten, mit Zuckerguss bestrichen zu werden«, fuhr Tatjana mit sanfter Stimme fort. Krampfhaft versuchte Danny, diese verlockende Vorstellung aus seinem Kopf zu verbannen. Es wollte ihm nicht gelingen. »Im Ofen liegen gerade die Croissants, und der leckere Butterkuchen steht schon in der Theke und wartet auf Kundschaft.« Tatjana klang, als spreche sie im Schlaf. Danny lief das Wasser im Mund zusammen. Aber er wusste genau: Wenn er jetzt zu erkennen gab, dass er wach war, hatte er verloren. »Am allerbesten schmeckt mir allerdings der Nusszopf. Die köstliche saftige Füllung im weichen Hefeteig …« »Schluss damit. Ich kann nicht mehr.« Abrupt setzte sich Danny auf. Und schrie Sekunden später auf vor Schmerz.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Liebhaber Edition – 13 –Angst vor einer Bindung?

Adrian steht seinem eigenen Glück im Weg

Patricia Vandenberg

»Frau Bärwald ist seit drei Stunden in der Backstube«, murmelte Tatjana Bohde, die Freundin des jungen Arztes Danny Norden, und drehte sich mit geschlossenen Augen noch einmal gemütlich im Bett um. Danny hörte ihre Stimme und rutschte ein Stück tiefer unter die Decke. Draußen sangen die Vögel ihr Morgenlied, ein untrügliches Zeichen dafür, dass es noch sehr früh war. Viel zu früh zum Aufstehen. »Wahrscheinlich schließt sie gerade die Ladentür auf. Ein köstlicher Duft nach frisch gebackenen Semmeln und Brezen strömt auf die Straße, während drinnen in der Backstube goldgelbe Rosinenschnecken darauf warten, mit Zuckerguss bestrichen zu werden«, fuhr Tatjana mit sanfter Stimme fort.

Krampfhaft versuchte Danny, diese verlockende Vorstellung aus seinem Kopf zu verbannen. Es wollte ihm nicht gelingen.

»Im Ofen liegen gerade die Croissants, und der leckere Butterkuchen steht schon in der Theke und wartet auf Kundschaft.« Tatjana klang, als spreche sie im Schlaf.

Danny lief das Wasser im Mund zusammen. Aber er wusste genau: Wenn er jetzt zu erkennen gab, dass er wach war, hatte er verloren.

»Am allerbesten schmeckt mir allerdings der Nusszopf. Die köstliche saftige Füllung im weichen Hefeteig …«

»Schluss damit. Ich kann nicht mehr.« Abrupt setzte sich Danny auf. Und schrie Sekunden später auf vor Schmerz. »Aaaahhhh! Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dieses bescheuerte Regal direkt über dem Bett anzubringen?«, fragte er und rieb sich die schmerzende Stelle auf seinem Kopf.

»Oje, mein armer schwarzer Kater.« Tatjana richtete sich neben ihm auf und streichelte ihm tröstend über die Wange. Sie kannte dieses Szenario inzwischen zu Genüge, um sich noch darüber aufzuregen. »Du weißt doch, dass in meiner kleinen Studentenbude viel zu wenig Platz ist. Deshalb hatte ich keine Wahl, als das Regal dort aufzuhängen. Mal abgesehen davon, dass ich dann meine Hörbücher nicht immer suchen muss. Geht’s wieder?«

Danny sank in die Kissen zurück und seufzte theatralisch.

»Ein köstlich saftiger Nusszopf könnte meine Schmerzen durchaus lindern.«

»Tut mir leid«, erwiderte Tatjana unbarmherzig und ließ sich neben ihm aufs Kissen fallen. »Wir haben eine Vereinbarung. Ich helfe dir bei der Wohnungssuche, damit du nicht jeden Morgen wieder versuchst, mein Regal zu zerstören. Dafür bist du für das Frühstück verantwortlich.«

»Aber ich bin schwer verletzt«, machte Danny einen letzten, stöhnenden Versuch, seine Freundin umzustimmen.

»Und ich bin halb blind«, konterte Tatjana mit einem gehörigen Schuss Selbstironie.

Bei einem Unfall, bei dem vor einigen Jahren ihre Mutter ums Leben gekommen war, hatte sie sich eine so schwere Augenverletzung zugezogen, dass sie erblindet war. Doch anders als bei vielen anderen Menschen hatte das Handicap Tatjanas Ehrgeiz herausgefordert. Eine Reise nach Marokko, die sie mit ihrem Vater unternommen hatte, hatte ihre Sinne geschärft. Seither hatte sie ein Faible für Gerüche und Geräusche entwickelt, liebte es, ins Kino und auf Konzerte zu gehen. Und war überdies so selbstbewusst geworden, dass sie neben ihrem Studium der Orientalistik und trotz ihrer Behinderung sogar in einer Bäckerei als Bedienung jobbte. Doch mit der Liebe zu Danny war der Wunsch in ihr gewachsen, wieder sehen zu können. Sein geliebtes Gesicht nicht nur zu betasten, sondern selbst zu sehen, den Ausdruck seiner Augen, wenn er ihr sagte, dass er sie liebte. Danny hatte versucht, Tatjana diesen Wunsch durch eine Operation zu ermöglichen. Netzhautchips waren ihr eingesetzt worden. Das Ergebnis war nicht ganz so erfolgreich gewesen, wie Tatjana sich das gewünscht hatte. Doch zumindest konnte sie jetzt die Konturen ihrer Umgebung und Umrisse erkennen. Allein das war ein großer Fortschritt und erleichterte ihr das Leben ungemein. Nichtsdestoweniger spielte sie ihre Behinderung an diesem Morgen unerbittlich aus. »Was sollen da die Leute denken, wenn sie hören, dass du mich arme behinderte Frau zum Einkaufen schickst«, gluckste sie vergnügt in dem Wissen, dass sie Danny mit diesem Argument in der Hand hatte.

»Schon gut! Ich hab verstanden, du Sklaventreiberin«, scherzte Danny und beugte sich über sie. »Zum Glück bin ich wenigstens stärker als du. Betrachte es also als reinen Akt der Liebe, dass ich freiwillig zum Bäcker gehe. Ich könnte dich auch zwingen.« Scherzhaft fasste er sie an den Handgelenken.

Doch ehe Danny es sich versah, lag er im Bett auf dem Bauch, die Arme schmerzhaft auf den Rücken verdrehte. Triumphierend saß Tatjana auf ihm und blickte mit den fast blinden Augen auf ihn hinab.

»Aua!«, protestierte Danny dumpf.

»Wie war das? Du bist also der Stärkere und könntest mich zwingen?«, fragte sie kichernd und ließ seine Hände los. Sie schlang die Arme um seinen muskulösen Oberkörper und presste sich an ihn. »Aber ich werde noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen und dich verschonen.« Nie zuvor in ihrem Leben war Tatjana so glücklich gewesen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte dieses Glück ewig währen können. Doch diese Tatsache behielt sie vorsichtshalber für sich. Auf keinen Fall sollte sich Danny ihrer zu sicher sein. Sollte er niemals denken, dass sie wegen ihrer Behinderung auf ihn angewiesen war. Trotz aller Liebe wollte sie sich ein Stück Unabhängigkeit bewahren.

Während Danny sich nach einem Abschiedskuss auf den Weg zur Bäckerei Bärwald gemacht hatte, kochte Tatjana Kaffee und deckte den Tisch. Glücklicherweise war Samstag, und während des gemütlichen Frühstücks mit Rosinenschnecken und köstlich weichem Nusszopf studierte Danny wie so oft in letzter Zeit die Wohnungsanzeigen.

»Hier haben wir eine schicke Drei-Zimmer-Wohnung, die verkehrsgünstig und praktisch liegt.«

»Kannst du vergessen«, winkte Tatjana ab und biss in ein knuspriges Schokocroissant. »Verkehrsgünstig ist gleichbedeutend mit einer stark befahrenen Straße«, wusste sie inzwischen aus Erfahrung. Sie konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, zu wie vielen Wohnungsbesichtigungen sie Danny begleitet, wie viele Stunden sie schon in einer langen Schlange mit anderen Leidensgenossen gewartet hatte.

»Wie wär’s dann damit?« Ohne aufzusehen tastete Danny nach seiner Kaffeetasse und trank einen Schluck. »Unsere Drei-Zimmer-Wohnung befindet sich im zweiten Obergeschoss einer lebhaften Wohnanlage. Das Wohnzimmer und ein Kinderzimmer sind nach Süden ausgerichtet …«.

»Kannst schon aufhören. Dort wirst du keine ruhige Minute haben, weil in dem Haus bestimmt noch vierzig andere Parteien wohnen.« Inzwischen war Tatjana in der Interpretation von Wohnungsannoncen perfekt.

»Aber jetzt hab ich’s!«, triumphierte Danny nach einer Weile. »Von einem Makler. Charmante Altbauwohnung, drei Zimmer, 90 Quadratmeter, in einem Haus mit Charakter.«

Zu seiner Verwunderung brach Tatjana in lautes Gelächter aus.

»Gib den Namen des Maklers mal in deinen Computer ein. Auf der Internet-Seite wirst du schon sehen, was es mit dem Charakter-Haus auf sich hat.«

»Oh, mein Gott«, seufzte Danny nur ein paar Minuten später und blickte deprimiert auf die traurig aussehende Fassade des Altbaus, der schon wesentlich bessere Zeiten gesehen hatte. Das unscharfe Foto konnte nicht vertuschen, dass die Farbe abblätterte und der Putz von den Außenwänden fiel.

»Also schön, du hast ja recht«, seufzte Danny und wollte frustriert aufgeben, als ihm ein anderes Angebot auf der Seite des Maklers auffiel. »Aber gegen das hier wirst du ja wohl nichts einzuwenden haben«, erklärte er euphorisch und las Tatjana die Anzeige vor.

Sie lauschte konzentriert. Nebenbei verspeiste sie andächtig ihr glasiertes Croissant. Während Danny auf das Urteil seiner aufmerksamen Freundin wartete, konnte er ihrem Anblick nicht widerstehen. Er beugte sich über den Tisch und küsste ihr einen Krümel aus dem Mundwinkel.

»Hmmm, deine Küsse schmecken heute besonders süß«, schwärmte er verliebt.

»Das klingt wirklich gut«, kons­tatierte Tatjana.

»Was?«

»Na, die Anzeige«, lachte sie. »Und dein Kompliment natürlich auch. Obwohl das wohl eher Frau Bärwalds Zuckerguss zuzuschreiben ist.« Durch ihre große Sonnenbrille hindurch betrachtete sie eingehend den Tisch. Dann griff sie zielstrebig zu und reichte Danny das Telefon. »Ruf da gleich mal an und mach einen Besichtigungstermin aus. Nicht, dass ich dir irgendwann eine Haartransplantation an der Stelle bezahlen muss, an der du dir den Kopf immer am Regal anhaust.«

Sie brach in übermütiges Lachen aus, das gleich darauf von einem langen Kuss erstickt wurde, dem sich Tatjana nur zu gern hingab. Danny war ein traumhafter Küsser. Davon würde sie nie genug bekommen.

*

Nachdenklich saß der Bauingenieur Adrian Seewald an seinem Schreibtisch und klappte schließlich seufzend die Akte zu, die vor ihm auf dem Tisch lag. Er hob den Kopf und sah aus dem Fenster. Das Haus, in dem sich sein Büro befand, stand in der quirligen Metropole Marrakesch, und er blickte hinab auf das pulsierende Leben auf den Straßen. Wie überall im Orient ging die Sonne schon früh unter. Lichter erhellten das bunte Treiben unter ihm und gaben ihm ein märchenhaftes Flair. Hätte Adrian das Fenster geöffnet, hätte er die Rufe der Marktleute gehört, die versuchten, die Touristen auf sich und ihre Waren aufmerksam zu machen. Er hätte den typischen Duft nach Gewürzen, Sand und Hitze eingeatmet, der nach dem heißen Tag noch in der warmen Luft lag. Doch Adrian wollte nicht. Zu lange war er hier gewesen in der Fremde. Er hatte genug von alldem und sehnte sich nach seinem Zuhause, nach Deutschland, nach München, wo er geboren war und die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht hatte, bevor sein Vater nach Marokko versetzt wurde.

Eine sanfte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Das war also dein letzter Tag?«, fragte seine Kollegin Larissa Carter und lächelte ihn traurig an.

Sie war eine schöne Frau mit dunklem Haar, braunen Rehaugen und dunklem ebenmäßigen Teint. Ihre Mutter war Inderin, ihr Vater amerikanischer Diplomat, und sie lebte schon fast genauso lange in Marokko wie Adrian. »Ohne dich wird das hier nicht mehr dasselbe sein.«

»Ach was«, winkte er lässig ab und legte die Akte beiseite. »Jeder ist austauschbar. Demnächst kommt ein neuer Mann, der meinen Platz hier einnimmt. Ich werde schon bald vergessen sein.«

Larissa antwortete nicht sofort. Sie musterte ihn mit unergründlichem Blick aus ihren sanften Augen.

»Für mich bist du nicht austauschbar«, gestand sie leise. »Ich werde dich immer vermissen.« In ihren Augen stand all die Liebe geschrieben, die sie von Anfang an für ihn empfunden hatte.

Doch davon ahnte Adrian nichts. Für ihn war Larissa eine charmante Kollegin, eine Freundin, mit der er hin und wieder etwas unternahm und sich die Einsamkeit nach einem langen Arbeitstag vertrieb. Nicht mehr und nicht weniger. Warum hätte die wunderschöne Larissa ihn auch lieben sollen? Er war ein guter Ingenieur und sah ganz passabel aus. Ansonsten hielt sich Adrian für nichts Besonderes.

»Du bist ein Schatz!«, antwortete er daher beiläufig und erhob sich vom Schreibtisch. Seine persönlichen Dinge waren schon auf dem Weg nach München. Alles andere würde hierbleiben.

Larissas Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Doch sie war eine stolze Frau und ließ sich nichts anmerken. Seit Jahren wartete sie nun schon darauf, dass Adrian seine Liebe zu ihr entdecken würde. Doch nach und nach war ihr klar geworden, dass er erst einmal sich selbst annehmen musste, bevor er einen anderen Menschen lieben konnte. Und davon war er offenbar weiter denn je entfernt.

»Wenn du willst, begleite ich dich morgen zum Flughafen«, bot sie großzügig an und verließ an seiner Seite das Büro.

»Nur, wenn du mit mir heute noch essen gehst.« Er drückte den Knopf für den Aufzug, dessen goldene Türen gleich darauf lautlos vor ihnen aufglitten. »Ich habe mich so auf München gefreut. Und jetzt, da es so weit ist, endlich Abschied zu nehmen, werde ich doch glatt ein wenig sentimental. Ehrlich gesagt habe ich Angst davor, den Abend heute allein zu verbringen.«

»Ein wenig sentimental!«, wiederholte Larissa spöttisch. Sie standen nebeneinander im Lift und betrachteten ihr Spiegelbild. Ein schönes Paar!, ging es ihr durch den Sinn. »Das ist ja reizend. Ich bin nicht nur ein bisschen sentimental. Und Angst habe ich schon gar keine. Aber ich vermisse dich schon jetzt wie verrückt.«

»Du übertreibst wie immer maßlos«, lachte Adrian und ließ ihr galant den Vortritt, als sie im Erdgeschoss angelangt waren. »Aber du hast schon recht. Der Gedanke daran, vielleicht nie mehr mit dir zusammen zu arbeiten, ist schon beängstigend.«

Arbeit! Immer denkt er nur an die Arbeit!, schimpfte Larissa innerlich. Doch wie immer war ihr nicht anzusehen, was sie dachte. Adrian hatte ja keine Ahnung, wie viel Mühe es sie gekostet hatte, immer in seiner Nähe zu bleiben. Nach dem Studium immer bei denselben Firmen eine Stelle zu bekommen. Adrian hatte gedacht, es handle sich um reinen Zufall. Doch Larissa wusste es besser. Für ihn war sie über sich hinausgewachsen. Um am Ende mit leeren Händen dazustehen. Unwillig schüttelte sie den Kopf.

»Wenn’s weiter nichts ist, dann ist es ja halb so wild. Ein bisschen Angst hat noch keinem geschadet«, konstatierte sie herablassend. Seite an Seite hatten sie die Halle mit dem Marmorfußboden durchschritten und traten hinaus in die orientalische Nacht. Sofort wurden sie eingehüllt von den lebhaften Geräuschen und betörenden Gerüchen.

Unternehmungslustig sah sich Adrian um.

»Komm schon. Ich hab an meinem letzten Abend keine Lust, Trübsal zu blasen.« Er fasste Larissa sanft am Ellbogen. Eine zarte Berührung, die sie förmlich elektrisierte. Doch wie immer merkte Adrian nichts davon. Seine Aufmerksamkeit galt einem Straßenimbiss, auf den er zielstrebig zusteuerte.

*

»Um Gottes willen, was ist denn mit dem Kleinen passiert?«, rief Wendy erschrocken, als der Patient Paul Gerster die Praxistür aufstieß und seinen kleinen schreienden Sohn hereintrug.

»Wir waren beim Essen. Basti saß auf meinem Schoß und hat den Teller mit heißer Suppe erwischt.«

Die Praktikantin Janine Merck, die seit einiger Zeit in der Praxis Dr. Norden arbeitete, reagierte geistesgegenwärtig. Sie war schon Mitte dreißig und hatte viele Jahre als Krankenschwester in der Behnisch-Klinik gearbeitet. Doch dieser Beruf war zu schwer für die mädchenhafte, zarte Person, sodass sie in Erwägung zog, den Beruf zu wechseln und Medizinische Fachangestellte zu werden.

»Hol schnell Dr. Norden. Ich kümmere mich inzwischen um das Kind«, erklärte sie in Wendys Richtung und winkte den aufgeregten Vater mit sich in ein freies Behandlungszimmer. Als sie die verbrühten Ärmchen des Einjährigen zu Gesicht bekam, holte sie tief Luft. »Ich lege jetzt einen Zugang in die Vene und gebe Ihrem Kind Ringerlösung gegen das Austrocknen, das eine große Gefahr bei Verbrennungen darstellt«, erläuterte sie, während sie den Handrücken des Kindes mit einem Spray betäubte und geschickt einen speziellen Venenkatheter für Kinder in die Vene legte.