Verlag: Verlag Friedrich Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Animox. Die Stadt der Haie E-Book

Aimée Carter  

(0)

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Animox. Die Stadt der Haie - Aimee Carter

Die Saga der Tierwandler: Der Kampf der Tierreiche tobt und Simon steckt mittendrin. Kaum ist er den tödlichen Gefahren des Schlangenreichs entkommen, erwartet ihn und seine Freunde schon das nächste Abenteuer. Die Suche nach den verschollenen Stücken jener Waffe, die einst dem sagenumwobenen Anführer aller Tierreiche gehörte, führt die Tierwandler in die Stadt der Haie. In den dunklen Tiefen des Pazifiks bekommt Simon es mit finsteren Gestalten zu tun. Und mit der Frage, ob er das Richtige wagt oder die Seinen gefährdet.

Meinungen über das E-Book Animox. Die Stadt der Haie - Aimee Carter

E-Book-Leseprobe Animox. Die Stadt der Haie - Aimee Carter

Über dieses Buch

Der Animox-Welt droht ein Krieg! Doch Simon weiß, was zu tun ist: Zusammen mit seinen Freunden reist er ins Unterwasserreich, um das zweite Teil des tödlichen Greifstabs zu finden. Die Waffe muss zusammengesetzt und zerstört werden, sonst wird es niemals Frieden geben. Doch wie sollen sie das Kristallteil in den Tiefen des Ozeans finden? Gut, dass Simon die Gabe hat, sich in jedes Tier zu verwandeln! Er lauscht als kleine Maus, tarnt sich als harmlose Krabbe und kämpft als gewaltiger Hammerhai – bis er plötzlich selbst ins Visier der gnadenlosen Unterwasserarmee gerät …

Erstes KapitelSturzflug

Eigentlich war Simon Thorn kein Angeber.

Er mochte es nicht, wenn andere Leute sich aufspielten. Und er selbst hatte normalerweise sowieso nicht viel, womit er angeben konnte. Simon war ein durchschnittlicher Zwölfjähriger mit durchschnittlichen Noten und durchschnittlichem Aussehen, abgesehen von seiner unterdurchschnittlichen Größe. Er stach aus keiner Menge heraus. Obwohl die überdurchschnittlich vielen Raufbolde, mit denen er es bereits zu tun gehabt hatte, ja einen Grund gehabt haben mussten, um gerade auf ihm herumzuhacken. Nur welchen? Er wusste es nicht.

Aber als er dreihundert Meter über dem Central Park durch die Luft flog, seine Goldadlerflügel links und rechts neben dem gefiederten Körper ausgestreckt, hatte er plötzlich doch etwas, womit er angeben konnte.

Ein Rotschwanzbussard reckte etwa hundert Meter hinter ihm die Klauen in die Luft und mühte sich ab, seine Flughöhe zu halten. Er scheiterte kläglich, und jeder zufällige Beobachter hätte geglaubt, dass es sein erster Flug war. Dabei war er schon mindestens dreimal geflogen – aber er hatte den Dreh noch immer nicht raus. Simon hatte sich bei seinem ersten Flug geschickter angestellt, und in Anbetracht der Tatsache, dass der Bussard ihn aus seinem warmen Bett gezerrt hatte, um die über Nacht gefallene Schneedecke von oben zu bewundern, spürte er ein deutliches Gefühl der Genugtuung.

»Simon, flieg langsamer! Du bist zu schnell!«, rief der Bussard.

»Und du strengst dich zu sehr an«, rief Simon zurück und stieß zu ihm herab. »Du musst nicht ständig mit den Flügeln schlagen. Lass dich einfach vom Wind tragen und vertrau deinem Instinkt.«

»Du hast gut reden. Du fliegst ja schon seit Monaten«, grummelte der taumelnde Bussard. Er verlor ganz plötzlich an Höhe, und Simon hörte ihn panisch nach Luft japsen. Es wäre beinahe komisch gewesen, wenn Simon nicht ernstlich gefürchtet hätte, der Bussard könnte auf den gefrorenen Boden stürzen.

»Lass uns eine Pause machen«, schlug Simon vor. »Siehst du den Baum dahinten? Den großen?«

»Da sind jede Menge Bäume!«

»Flieg mir einfach nach.« Simon flog langsamer, damit der Bussard ihm folgen konnte, steuerte auf einen Ast zu, breitete die Flügel zum Bremsen aus und ergriff mit den Klauen das kalte Holz.

Der Bussard war weniger erfolgreich. Er streifte den Ast noch nicht einmal. Stattdessen landete er, wie Simon hilflos mit ansehen musste, kopfüber in einer Schneewehe.

»Nolan!« Simon flog sofort zu dem Loch, das der Vogel im Schnee hinterlassen hatte. Sein Puls raste, während ihm entsetzliche Bilder durch den Kopf schossen. »Nolan, geht es dir …«

Ein Junge, der die gleichen blauen Augen hatte wie Simon, streckte den Kopf aus dem Schnee und rief fröhlich: »Das war fantastisch!«

Simon stieß einen Fluch aus, der seinen Onkel Malcolm veranlasst hätte, ihm einen Klaps zu geben, und verwandelte sich in menschliche Gestalt. Er plumpste rückwärts auf den kalten Boden, die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt, als wären sie noch immer die Flügel des Goldadlers. »Ich dachte, du wärst tot!«

»Quatsch, so schnell geh ich nicht drauf.« Sein Zwillingsbruder strich sich den Schnee aus den hellbraunen Haaren, die erst letzte Woche geschnitten worden waren. Die Frisur war der einzige Unterschied zwischen den beiden Jungen: Simons Haare, ebenfalls hellbraun, waren lang und zottelig, nachdem er monatelang keine Schere in ihre Nähe gelassen hatte. Malcolm hatte mehrmals versucht, ihn zu einem Haarschnitt zu bewegen, doch Simon hatte sich immer wieder geweigert, und schließlich hatte sein Onkel aufgehört, ihn zu drängen.

Simon seufzte. Der rötliche Himmel färbte sich golden, während die Sonne hinter der Skyline von Manhattan emporkletterte. »Wir müssen zurück, bevor das Rudel uns erwischt.«

»Ach was, wir haben noch jede Menge Zeit«, widersprach Nolan, erhob sich und dehnte seine Schultern mit kreisenden Bewegungen. »Ich will noch ein bisschen fliegen.«

»Du meinst, du willst noch ein bisschen abstürzen«, entgegnete Simon. »Erst mal musst du lernen, wie man landet. Es wird nicht immer ein weicher Schneehaufen auf dich warten … He, Nolan!«

Doch sein Bruder animagierte bereits. Sein schmaler Körper schrumpfte, braune Federn sprossen aus seiner Haut und seiner Kleidung, während seine Arme zu Flügeln wurden und seine Füße sich zu gelben Krallen krümmten. Innerhalb eines Herzschlags hatte sich sein Bruder in einen Goldadler verwandelt, die gleiche Gestalt, die Simon zuvor angenommen hatte.

»Fang mich!«, krächzte der Adler, und bevor Simon widersprechen konnte, erhob er sich ungelenk aus dem Schnee, schwankend und heftig mit seinen großen Flügeln schlagend.

Simon blickte sich besorgt um und hoffte, dass niemand gesehen hatte, was passiert war. Zwei Jungen, die aus dem Nichts heraus in einer Schneewehe auftauchen – das ließ sich noch irgendwie erklären. Aber bei einem Jungen, der sich in einen Vogel verwandelte, sah das schon anders aus.

Die meisten Leute in New York City waren ganz normal, doch Simon und sein Bruder waren Animox – sie gehörten zu einer geheimen Gruppe von Menschen mit der Fähigkeit, sich in ein Tier zu verwandeln. Hier in New York befand sich die berühmteste Animox-Akademie des Landes: die Leitende Animox-Gesellschaft für Exzellenz und Relevanz, kurz L. A. G. E. R., in einem versteckten Gebäude unter dem Central Park Zoo. Raubtiere aus allen fünf Königreichen gingen dort zur Schule und lernten nicht nur Geschichte, Zoologie und das Kämpfen in ihrer jeweiligen Animox-Gestalt, sondern auch die Gesetze ihrer Welt. Das wichtigste Gesetz war, dafür zu sorgen, dass kein Mensch je von ihnen erfuhr. Wenn also irgendjemand Nolan gerade beim Animagieren gesehen hätte, hätten sie beide jetzt ein echtes Problem.

Doch von den wenigen Leuten, die um diese Uhrzeit im Park unterwegs waren, schien niemand in ihrer Nähe zu sein, und Simon dankte seinem Glücksstern. Er verwandelte sich wieder in einen Adler, ließ sich von einem Luftstrom tragen und schraubte sich in den Himmel, bis er seinen Bruder eingeholt hatte.

»Wo willst du hin?«, rief Simon. Sie steuerten geradewegs auf den Central Park Zoo zu, wo er mehrere graue Wölfe über die verlassenen Pfade streichen sah.

»Was glaubst du?« Nolan lachte schallend und flog schwankend noch höher. Simon stockte der Atem, als sein Bruder den Zoo und damit auch mögliche weiche Landeplätze hinter sich ließ. Stattdessen düste er auf einen Wolkenkratzer einige Blocks weiter zu. Das gläserne Kuppeldach reflektierte die Strahlen der frühen Morgensonne, und Simons Herz setzte kurz aus.

Der Sky Tower.

»Nolan, nein!«, schrie er, doch seine Stimme verlor sich im Wind. Sein Bruder streckte die Klauen aus, und es gelang ihm auf wundersame Weise, die Dachkante zu erreichen, wo er einen schrecklichen Augenblick lang nach hinten zu kippen schien, bevor er das Gleichgewicht wiedererlangte.

»Siehst du? Ich werde immer besser«, sagte Nolan stolz und trippelte auf die Kuppel zu. Simon landete neben ihm und schlitterte über das vereiste Glas.

»Wir sollten nicht hier sein«, keuchte er und drehte seinen Adlerkopf zur Seite, während sich ein Knoten aus Angst in seinem Hals formte. »Orion …«

»Orion ist nicht hier.« Nolan plusterte das Gefieder auf, aber immerhin hatte er genug Verstand, um sich nicht zurück in menschliche Gestalt zu verwandeln. Nicht vierzig Stockwerke über dem Erdboden. »Und wenn er hier wäre, würde ich ihn umbringen.«

Simon verlagerte nervös das Gewicht. Orion war der Herr des Vogelreichs und leider auch ihr Großvater, der Vater ihrer Mutter. Trotz der familiären Verbindung hatte er vor wenigen Monaten versucht, Simon vom Dach des Sky Towers zu stoßen. Zu seinem großen Glück hatte Simon im freien Fall zum ersten Mal animagiert und war dem sicheren Tod entkommen. Doch es war nicht das einzig Schreckliche, was er auf diesem Dach erlebt hatte.

Den Großteil seines Lebens hatte Simon an der Upper West Side von Manhattan gelebt, gleich gegenüber vom Central Park, bei seinem Onkel Darryl. Darryl war ebenfalls ein Animox gewesen – ein riesiger grauer Wolf, was Simon jedoch erst erfahren hatte, als seine Mutter von der Rattenarmee entführt worden war und sein Onkel ihn vor den bissigen Nagern gerettet hatte.

Seine Suche hatte ihn schließlich hierher geführt: auf das Dach des Sky Towers, wo Orion Darryl vor Simons Augen getötet hatte. Als er nun dort im eisigen Wind kauerte, konnte er die Stelle sehen, an der sein Onkel gestorben war. Im Laufe der Zeit hatten Regen und Schnee die letzten Blutspuren abgewaschen, doch Simon sah noch immer den leblosen Körper seines Onkels vor sich.

»Wir müssen gehen«, sagte er und schluckte, als er sich wegdrehte. Nolan wollte protestieren, doch nach einem Blick auf seinen Bruder besann er sich eines Besseren.

»Oh … das hatte ich ganz vergessen. Dein Onkel.«

»Er war auch dein Onkel«, sagte Simon rau, obwohl Nolan Darryl nie richtig kennengelernt hatte. Kurz nachdem Orion Simons Vater getötet hatte, hatte seine Mutter die neugeborenen Zwillinge getrennt, um sie vor Orion zu schützen. Simon wurde von Darryl großgezogen, Nolan von der Alpha des Säugerreichs, Celeste, die Darryls und Malcolms Mutter war und Simons Vater adoptiert hatte. Die Entscheidung seiner Mutter hatte sie geschützt, aber sie hatte auch zur Folge gehabt, dass Simon und Nolan einander nicht nur nie begegnet waren, sondern nicht einmal voneinander gewusst hatten, bis sie sich mit zwölf Jahren zum ersten Mal gegenübergestanden hatten.

Ein schriller Schrei ertönte über ihnen, und Simon blickte auf. Zwei Wanderfalken kreisten hoch oben in der Luft und kamen mit jedem Flügelschlag näher.

»Simon und Nolan Thorn«, rief der erste mit einer Stimme, die zu menschlich klang, um einem normalen Tier zu gehören. »Der Herr der Vögel befiehlt euch, zu ihm zu kommen.«

Simon überlief ein Schauder. »Ich hab’s doch gesagt«, zischte er seinem Bruder zu. »Los, komm, wir müssen zum Zoo, bevor …«

»Ich nehme keine Befehle von Orion entgegen«, rief Nolan und breitete die Flügel aus. »Wenn ihr mich haben wollt, müsst ihr mich schon fangen!«

Die Falken kreischten – vielleicht war es auch ein Lachen –, und Simon stöhnte. »Du bist so ein Idiot«, sagte er, während sie umkehrten und Richtung Zoo flogen. »Wanderfalken sind die schnellsten Vögel überhaupt.«

»Und du bist ein …« Was auch immer Nolan sagte, wurde weggeweht. Vielleicht konzentrierte er sich auch so sehr aufs Fliegen, dass er den Satz gar nicht beendet hatte.

Die Falken schossen durch die frische Morgenluft und holten rasch auf. »Halt, im Namen des Herrn der Vögel!«, rief der eine. Simon beschwor Nolan im Stillen, schneller zu fliegen, doch auch wenn Nolan sich alles zuzutrauen schien – in den letzten dreißig Sekunden hatte er keine Fortschritte gemacht.

Als sie sich dem Central Park näherten, schwankte der Goldadler vor Simon im Wind, außerstande, die Geschwindigkeit zu halten und dabei den Wolkenkratzern auszuweichen. Vor ihnen befand sich ein altes Gebäude. Es wurde Arsenal genannt und war der Eingang zum L. A. G. E. R. Wenn Nolan es bis dahin schaffte …

Aber die Falken kamen immer näher, und gleichzeitig wurde Simons Bruder immer langsamer. Anscheinend hatte er zu viel mit den Flügeln geschlagen, oder er hatte seinen Luftstrom verloren. Simons Muskeln spannten sich an – er wusste, was er zu tun hatte.

»He, ihr Spatzenhirne!«, schrie er, löste sich aus Nolans Windschatten, machte eine Kehrtwende und flog direkt auf die Falken zu. »Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten!«

Für den Bruchteil einer Sekunde wirkten die Falken verdutzt, doch der Effekt hielt nicht lange an. Der Größere der beiden änderte die Stellung seiner Federn und steuerte geradewegs auf Simon zu. Kurz bevor sie zusammenstießen, wich der Falke aus und schlug die Schwanzfeder gegen Simons Flügel.

Brennender Schmerz durchzuckte Simons Schulter, und er schrie empört auf, während sein Körper zu trudeln begann und auf ein Fenster zuraste. Entfernt hörte er den Falken lachen, und nur durch reinen Instinkt gelang es ihm, sich zu fangen, bevor seine zerbrechlichen Adlerknochen am Glas zersplitterten.

»Der Herr will sie lebendig, du Trottel!«, rief der kleinere Falke, der Nolan fast eingeholt hatte. Der größere änderte die Richtung und flog wieder auf Simon zu, aber diesmal war Simon vorbereitet.

Er schwang den Flügel in die Flugbahn des Falken und brachte seinen Gegner, der dem Zusammenstoß ausweichen wollte, aus dem Gleichgewicht. Simon griff den Falken an den Schwanzfedern, nutzte seinen Kräftevorteil und schleuderte ihn, so fest er konnte, auf das nächste Dach zu.

Das Letzte, was er von ihm hörte, war ein schweineähnliches Quieken, und wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte Simon vielleicht gelacht. Aber Nolan war noch immer in Gefahr, und sobald Simon sich davon überzeugt hatte, dass der Falke so fest aufgekommen war, dass er eine Pause brauchte, flog er wieder Richtung Zoo.

Der Goldadler war mittlerweile kurz vorm Arsenal, doch zu Simons Entsetzen war der zweite Falke nur noch eine Federlänge von ihm entfernt. Simon stieß einen zornigen Schrei aus und flog, so schnell er konnte. Sein Körper streckte sich und wurde lang, während er seinen Schwung nutzte, um zu den beiden hinabzustürzen. Falls der Falke Nolans Schwanzfedern packte, würde der die Balance verlieren. Wenn er aus dieser Höhe auf den Boden stürzte, waren seine Überlebenschancen gering.

Als Nolan über die Mauer des Central Park Zoos flog, schnappte der Falke tatsächlich nach seinen Schwanzfedern. Simon überkam Panik, seine Lunge brannte. »Du bringst ihn um!«, schrie er.

Der Falke zögerte kurz, und das war alles, was Simon brauchte. Er holte ihn ein, packte ihn am Flügel, zog ihn mit aller Kraft nach oben und schleuderte ihn in den Himmel, weit weg von dem trudelnden Goldadler. Einen entsetzlichen Augenblick lang fürchtete Simon, der Falke hätte seinen Bruder mit sich gerissen. Doch als wäre nichts geschehen, setzte Nolan seinen Sturzflug auf das Seehundbecken in der Mitte des Zoos fort.

»Pass auf!«, schrie Simon, doch es war schon zu spät. Sein Bruder stürzte ins kalte Wasser, wobei er mit dem Flügel gegen einen der großen Felsen prallte. Bevor Simon irgendetwas tun konnte, verschwand er unter der Wasseroberfläche und hinterließ nichts als einen Kreis aus Wellen.

Zweites KapitelIns kalte Wasser

In kalten Angstschweiß gebadet landete Simon auf der Metallbrüstung, die das Seehundgehege umgab, und verwandelte sich in menschliche Gestalt. So früh waren noch keine Besucher im Zoo unterwegs, und selbst wenn ihn jemand sehen sollte, war ihm das im Augenblick egal.

»Nolan!« Er suchte das eisige Becken ab. Er hatte die scharfe Sicht des Adlers eingebüßt und konnte im dunklen Wasser kaum etwas erkennen. »Nolan, wo …«

Sein Bruder tauchte neben dem Felsen auf. Die Haare klebten ihm am Gesicht, und seine Augen waren vor Schmerz geschlossen. Trotzdem lachte er, nachdem er einen Schwall Wasser ausgespuckt hatte.

»Das war der coolste Absturz aller Zeiten!«

Augenblicklich wich Simons Angst blindem Zorn. Normalerweise war er nicht besonders vorsichtig. In den Abenteuern, die er in den letzten Monaten mit seinen Freunden erlebt hatte, war fast immer er derjenige gewesen, der die tollkühnen Vorschläge gemacht hatte. Aber sein Wagemut hatte immer einem bestimmten Ziel gedient. »Bist du verrückt? Die hätten dich umbringen können. Die hätten uns umbringen können!«

Nolan watete zu ihm herüber. Simon hielt sich am Geländer fest und streckte ihm die Hand entgegen, doch als er seinen Bruder nach oben ziehen wollte, zuckte Nolan zusammen. »Aua! Nicht den Arm«, rief er. »Es tut mir leid …«

Simon ließ ihn los. »Es tut dir nicht leid«, fauchte er, während er vorsichtig den anderen Ellbogen seines Bruders ergriff und ihm half, über die Brüstung zu steigen. »Dir tut nie etwas leid. Warum wolltest du überhaupt zum Sky Tower? Hast du irgendeine Ahnung, was die Falken mit dir hätten machen können?«

»Ich wusste doch, dass du es mit ihnen aufnehmen kannst«, entgegnete Nolan mit klappernden Zähnen. »Und wenn nicht, hätte ich …«

»Hättest du was? Dich in ein anderes Tier verwandelt?«, knurrte eine tiefe Stimme. Hinter Simon, am Rand des Geheges, stand Malcolm mit verschränkten Armen. Sogar unter seinem Wintermantel waren deutlich seine kräftigen Muskeln zu erkennen.

Er war groß und breitschultrig und hatte eine Ausstrahlung, die sämtliche Störenfriede auf Abstand hielt. Darüber hinaus verrieten die Narben, die seinen Körper überzogen, dass er zu kämpfen und zu siegen verstand. Das erste Mal, als Simon ihn gesehen hatte, hatte er eine Riesenangst vor ihm gehabt. Jetzt, beinahe vier Monate später, wusste er, dass Malcolm seine Stärke genauso wenig gegen die Jungen einsetzen würde, wie er sich in einen Papagei verwandeln und zu krächzen anfangen würde. Was angesichts der Tatsache, dass sein Onkel sich nur in einen Wolf verwandeln konnte, sehr unwahrscheinlich war.

»Ich …« Nolan lehnte sich zitternd gegen das Geländer und legte die Hand schützend um den verletzten Ellbogen. »Wenn es nötig gewesen wäre.«

»Unter freiem Himmel, wo jeder dich sehen kann?« Trotz seiner wütenden Miene half Malcolm Nolan auf den Boden. »Weißt du eigentlich, was passiert, wenn du vor Publikum animagierst?«

»Hat er doch gar nicht.« Simon kletterte über die Brüstung und landete auf dem Pflaster. Nolan war triefnass, und seine Lippen, von denen das selbstgefällige Grinsen endlich verschwunden war, liefen blau an.

»Und außerdem haben sie ihn nicht bekommen. Das hätte ich nie zugelassen«, fügte Simon grimmig hinzu.

Die allermeisten Animox konnten sich nur in ein bestimmtes Tier verwandeln und gehörten einem der fünf Königreiche an: dem der Säuger, der Vögel, der Reptilien, der Insekten oder der Unterwassergeschöpfe. Aber Nolan war etwas Besonderes. Er hatte die – vermeintlich einzigartige – Fähigkeit, sich in jedes beliebige Tier zu verwandeln. Eine Gabe, die er von seinem Vater geerbt hatte, einem Nachfahren des Bestienkönigs. Dieser tyrannische Anführer hatte vor Hunderten von Jahren über ihre Welt geherrscht und sich die Kräfte zahlloser Animox gewaltsam angeeignet. Die fünf Reiche hatten sich schließlich verbündet, um ihn zu besiegen, aber sie hatten nichts davon gewusst, dass er seine Kräfte bereits weitergegeben hatte. Und so hatte für unzählige Generationen Nachfahre um Nachfahre die Gabe geheim gehalten. Denn hätten die fünf Reiche erfahren, dass es noch immer jemanden gab, der die Kräfte des Bestienkönigs besaß, hätten sie ihn zweifellos eingesperrt oder sogar getötet, um zu verhindern, dass er sie nutzen würde, um die Welt der Animox zu unterwerfen.

Malcolm seufzte, zog seinen Mantel aus und legte ihn um Nolans Schultern. »Keine Fliegerei mehr bis Weihnachten«, sagte er schließlich. »Und auch nicht während der Ferien.«

»Aber …«, begann Nolan zu protestieren, doch Malcolm unterbrach ihn und beugte sich vor, bis sie auf Augenhöhe waren.

»Wenn du dich nicht an die Regeln hältst, werde ich deine Lehrer bitten, dir jeden Tag eine Extra-Hausaufgabe aufzugeben. Willst du das?«

Nolans riss den Mund auf. »Das ist nicht fair!«

»Es ist auch nicht fair, mir einen Mordsschrecken einzujagen und deinen Bruder zu zwingen, sein Leben für dich aufs Spiel zu setzen.« Malcolm sah auf die Uhr. »In ein paar Minuten gibt es Frühstück. Wir müssen …«

»Kann ich noch kurz draußen bleiben?«, unterbrach Simon ihn und rieb sich die Kratzer auf seiner Schulter. »Ich … ich möchte Darryl besuchen.«

Malcolms Gesicht wurde weich, und obwohl er die Augenbrauen hochzog, nickte er. »Fünfzehn Minuten. Keine Sekunde länger, ist das klar?«

Simon nickte und sah Malcolm und Nolan hinterher, die in Richtung des Arsenals gingen, gefolgt von zwei großen Wölfen. Das Rudel war während der Schließzeiten immer im Zoo unterwegs und bewachte den Eingang zur Schule. Normalerweise empfand Simon ihre Anwesenheit als störend, aber heute, als er zum heller werdenden Himmel aufblickte, war er dankbar, dass sie da waren.

Er machte sich auf den Weg in den Teil des Zoos, wo sein Onkel unter der Statue eines heulenden Wolfs begraben lag. Daneben stand eine zweite Wolfsstatue, die das Grab seines Vaters markierte, aber dort blieb Simon heute nicht stehen. Stattdessen streichelte er die Schnauze des ersten Wolfs und starrte die Narbe an, die über dessen Gesicht verlief. Manchmal sprach er mit seinem Onkel, manchmal nicht. Heute sagte sein Schweigen alles, und er seufzte in die kalte Morgenluft.

Instinktiv oder aus Gewohnheit oder vielleicht sogar ein bisschen aus Hoffnung ließ er den Blick zum Sockel der Statue sinken, wo sich ein loser Stein befand. Zweimal hatte er dort Postkarten von seiner Mutter gefunden, doch diesmal war nichts da, und sein Herz wurde schwer. Als er bei Darryl gelebt hatte, hatte sie ihm jeden Monat eine Karte geschickt, während sie durchs Land reiste – angeblich um Tiere zu erforschen –, und die regelmäßige Post von ihr war ein weiterer Teil seines früheren Lebens, der ihm fehlte. Jetzt, da er wusste, warum sie immer unterwegs war, konnte er ihr keine Vorwürfe mehr machen: Sie suchte die Teile des Greifstabs, der mörderischen Waffe des Bestienkönigs, die ihm die Macht gegeben hatte, anderen Animox ihre Kräfte zu rauben. Die Herrscher der fünf Reiche hatten die Waffe zerbrochen und je eins der fünf Kristallteile versteckt, und nun, Jahrhunderte später, versuchten sowohl Celeste, die ehemalige Alpha des Säugerreichs, als auch Orion, der Herr der Vögel, den Greifstab wieder zusammenzusetzen. Das musste verhindert werden! Als es Celeste fast gelungen war, hatte Simon sie aufhalten können – aber er hatte Orion nicht daran hindern können, seine Mutter zu entführen, die als Einzige wusste, wo die Teile versteckt waren.

Nach Darryls Tod und dem Verschwinden seiner Mutter waren die letzten vier Monate die schlimmsten in Simons Leben gewesen. Er wusste, dass seine Mutter am Leben war – dank ihrer letzten Karte wusste er sogar, dass sie sich in Los Angeles aufhielt, wo der General des Unterwasserreichs lebte. Aber Simon saß am anderen Ende des Landes fest, aufmerksam bewacht durch seinen Onkel und ein Rudel Animox-Wölfe, das mittlerweile die meisten seiner Tricks kannte.

»He, Simon!«, rief ein Mitglied des Rudels, eine Wölfin, die normalerweise eine Frau mit lockigen Haaren namens Vanessa war. »Deine fünfzehn Minuten sind gleich um. Ist dir nicht kalt?«

»Doch, ein bisschen«, gab er zu. Trotz seiner dicken Daunenjacke war er halb erfroren, aber er war fest entschlossen gewesen, Darryl zu besuchen. Jeden Tag, an dem er nicht bei seinem Onkel vorbeischaute, hatte er ein schlechtes Gewissen, auch wenn er wusste, dass Darryl nicht mehr da war. Aber wenn Darryl es doch irgendwie mitbekam, sollte er nicht denken, dass Simon ihn vergessen hatte. Er hatte zwar keine Erinnerungen an seinen Vater, aber er hatte aus seiner ganzen Lebenszeit Erinnerungen an seinen Onkel, und an manchen Tagen – an den meisten, wenn Simon ehrlich zu sich war – konnte er nicht akzeptieren, dass keine weiteren mehr hinzukommen sollten.

Simon strich der Wolfsstatue ein letztes Mal über die Schnauze, bevor er der Wölfin zurück ins warme Arsenal folgte. Die Treppe, die unter das Gebäude führte, war steil, und er stützte sich an der Wand ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Hinter der Geheimtür am unteren Treppenabsatz lag ein riesiges unterirdisches Gewölbe, dessen Grundfläche so groß war wie der ganze Zoo und in dem sich das fünfeckige Backsteingebäude des L. A. G. E. R. befand. Doch um dorthin zu gelangen, musste man erst einen Graben voller Piranhas, Quallen und – von Simon am wenigsten geschätzt – Haien überqueren.

Glücklicherweise schien der Graben im Augenblick leer zu sein, bis auf einzelne Fischschwärme, die ihr Morgentraining absolvierten, und Simon eilte mit knurrendem Magen über die Brücke. Seine Freunde waren sicher schon beim Frühstück, und vielleicht würde es den Knoten in seiner Brust lösen, wenn er ihnen von dem Ausflug zum Sky Tower erzählte. Nolans Leichtsinn ärgerte ihn immer noch, und er war das Einzige, was ihn davon abhielt, sich selbst Vorwürfe zu machen. Es war knapp gewesen – zu knapp. Simon wusste besser als jeder andere, dass Orion nur deshalb versuchte, die Teile des Greifstabs zusammenzusetzen, weil er Nolan töten wollte, um die Kräfte des Bestienkönigs an sich zu reißen.

Orion wusste jedoch nicht, dass Nolan nicht der Einzige war, der diese Kräfte geerbt hatte. Auch Simon hatte sie – ein Geheimnis, das niemand außer seiner Mutter und seinen besten Freunden kannte, nicht einmal sein Onkel und sein Bruder. Im Augenblick blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Kräfte dafür zu nutzen, die Teile des Greifstabs zu finden und seinen Bruder zu schützen. Aber sollten die fünf Reiche jemals erfahren, dass es zwei lebende Erben des Bestienkönigs gab, würden sie die gesamte Welt der Animox auf den Kopf stellen, bis sie Simon und Nolan getötet hätten.

Zu Simons Erleichterung entdeckte er, gleich als er in den vollen Speisesaal kam, einen wohlbekannten blonden Haarschopf. Jam hielt den Kopf gesenkt und hatte die Nase in einem Buch vergraben. Simon holte sich etwas vom Frühstücksbuffet und lief zu ihm hinüber.

»Du wirst nicht glauben, welchen Mist Nolan heute Morgen wieder gebaut hat«, sagte er, während er sein Tablett mit so viel Wucht absetzte, dass dabei beinahe sein Saft überschwappte. »Wir sind eine Runde geflogen und …«

»Sprich doch noch ein bisschen lauter, ich glaube, die Säuger dahinten haben dich nicht gehört.« Ariana knallte ihr Tablett auf den Tisch. Sie warf ihre frisch gefärbten Haare – knallblau! – über die Schulter und ließ sich auf den freien Stuhl neben Jam fallen, der immer noch nicht von seinem Buch aufblickte.

Erschrocken legte Simon die Hand vor den Mund. Sie hatte recht – sie kannten Nolans Geheimnis, aber die anderen Schüler hatten keinen Schimmer, nicht einmal Nolans engste Freunde aus dem Säugerreich. Und Simon musste dafür sorgen, dass das auch so blieb. Nur weil er wütend war, durfte er nicht unvorsichtig werden. Er senkte die Stimme, sodass nur seine Freunde ihn hören konnten. »Also, wir sind geflogen und …«

»Hast du mich eben auf dem Gang nicht gesehen, Simon?« Ein Mädchen mit langen dunklen Haaren setzte sich neben ihn. Winter hatte sich nur ein Glas Saft geholt, und ohne zu fragen, schnappte sie sich einen Pfannkuchen von Simons Teller und tunkte ihn in das Schälchen mit Ahornsirup. »Du bist direkt an mir vorbeigegangen.«

»Oh … tut mir leid«, sagte Simon verlegen. Zu seiner Verteidigung musste man sagen, dass Winter sehr klein war. »Es war ein total chaotischer Morgen. Ihr werdet mir nicht glauben, was Nolan …«

Ariana stieß Jam mit dem Ellbogen an. »Wir sind da!«

»Was?« Jam hob ruckartig den Kopf, sichtlich überrascht, sie zu sehen. »Ich … oh! Hallo.«

Simon atmete langsam aus. »Hallo, Jam. Gutes Buch?«

»Fantastisch«, erwiderte er, aber ohne richtige Begeisterung. Er klappte das Buch zu und fügte hinzu: »Haben sie die Liste schon ausgehängt?«

»Vor fünf Minuten«, antwortete Ariana. »Du bist in der fünften Runde. Winter in der vierten. Ich in der ersten, und Simon kommt natürlich direkt ins Finale …«

»Was?« Er gab den Versuch auf, seinen Freunden die Ereignisse des Morgens zu schildern, und setzte sich. »Welches Finale?«

Alle drei starrten ihn entgeistert an; und wenn Simon nicht längst daran gewöhnt gewesen wäre, nicht die geringste Ahnung zu haben, was los war, wäre er verlegen gewesen.

»Hast du die letzten Wochen verschlafen?«, fragte Winter. Sie schnappte sich noch einen Pfannkuchen, und Simon machte sich nicht die Mühe, sie daran zu hindern. »Das Abschlussturnier. Heute wurde der Turnierplan ausgehängt.«

Jetzt war es an Simon, sie entgeistert anzustarren. Winter verdrehte die Augen. »Du weißt aber schon, was ein Turnier ist, oder?«

»Wir kämpfen alle nacheinander gegen andere Mitglieder unseres Reichs«, unterbrach Ariana, die bereits die Hälfte ihres mit Obst und Toast beladenen Tellers geleert hatte. »Wer die letzte Runde in seinem Reich gewinnt, kommt in die Finalrunde, wo so lange gekämpft wird, bis der endgültige Sieger feststeht. Es ist ein Riesending, vor allem wenn dein eigenes Reich gewinnt.«

Simon blinzelte. Das Training in der Grube war so etwas wie der Sportunterricht hier im L. A. G. E. R. – die Schüler kämpften in ihrer Animox-Gestalt, nicht nur, um ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, sondern auch, um die Schwächen der anderen Königreiche kennenzulernen. Er hasste es. Er war nicht besonders stark in seiner Adlergestalt, jedenfalls nicht gegen die Raubtiere aus den anderen Königreichen, und er hatte immer Angst, sich versehentlich in etwas anderes als einen Adler zu verwandeln und sein Geheimnis preiszugeben. »Was soll das heißen, ich komme direkt ins Finale?«

»Du bist das einzige Mitglied des Vogelreichs im L. A. G. E. R.«, sagte Winter.

»Aber … ich will nicht«, protestierte er.

»Verlier einfach im ersten Finalkampf, dann musst du nicht weitermachen«, sagte Ariana ungerührt. Bevor Simon etwas erwidern konnte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Jam. »Mach dir keine Sorgen. Sie lassen euch bestimmt im Wasser kämpfen.«

Jam zuckte die Schultern. Er war ein Delfin und Mitglied des Unterwasserreichs, was in der Sandgrube nicht gerade von Vorteil war. »Von uns hat noch nie jemand die Meisterschaft gewonnen. Darüber mache ich mir keine Sorgen.«

»Was ist es dann?«, fragte sie. »Gab es dein Lieblings-Sushi heute nicht?«

Jam verzog das Gesicht und zog einen gefalteten Brief zwischen den Seiten seines Buchs hervor. »Der General hat mir geschrieben.«

»Dein Dad?«, fragte Winter. »Was ist daran so schlimm?«

»Er hat sich nicht mehr gemeldet, seit wir aus Paradise Valley zurück sind«, sagte Simon und begriff augenblicklich die Sorge in Jams Gesicht. Simon hatte den General des Unterwasserreichs zwar noch nie persönlich getroffen, aber von Jam schon allerlei über ihn gehört. Er war streng – strenger als alle Eltern, denen Simon je begegnet war –, und sein Schweigen in den letzten sechs Wochen war für Jam sehr bedrückend gewesen. »Hast du den Brief schon geöffnet?«

Jam schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht. Was, wenn er mich von der Schule nimmt? Was, wenn er mich auf eine Akademie im Unterwasserreich steckt? Was, wenn …«

Ariana schnappte sich den Umschlag, riss ihn auf und begann zu lesen.

»He!«, rief Simon und versuchte, ihr den Brief wegzunehmen. Jam starrte nur auf den Tisch.

Ariana sprang auf, um sich Simon zu entziehen, überflog den Brief und machte große Augen. »Es ist eine offizielle Vorladung.«

Jam stöhnte und vergrub das Gesicht in den Händen. »Ich hab’s ja gewusst.«

Winter stand auf und schaute Ariana über die Schulter. »Hör auf zu jammern. Er will nur, dass du in den Ferien nach Hause kommst.«

»Er wird einen Vorwand finden, um mich dortzubehalten, und ihr werdet mich nie wiedersehen«, sagte Jam kläglich. »Lebt wohl, meine Freunde. Leb wohl, freie Zeit. Leb wohl, alles, was ich liebe …«

»Du bist ja noch dramatischer als ich«, sagte Winter und setzte sich wieder.

Jam schüttelte den Kopf. »Ihr wisst nicht, wie es bei uns ist. Alles ist bis ins letzte Detail durchgeplant. Exakt fünf Minuten zum Anziehen. Drei Minuten zum Zähneputzen. Fünf Minuten, um aufs Klo zu gehen …«

»Schon gut, wir haben’s kapiert«, unterbrach ihn Ariana. Sie setzte sich ebenfalls wieder und reichte Simon den Brief. »Aber die Winterferien sind nur zwei Wochen lang. Du wirst es überleben.«

»Ohne euch? Spätestens nach einer Stunde hat er Haifischfutter aus mir gemacht«, murmelte Jam.

Simon überflog den Brief. Er war getippt und trug den offiziellen Briefkopf des Generals des Unterwasserreichs von Nordamerika. Er hatte ein längeres Schreiben erwartet, aber es waren nur zwei Zeilen.

Offizielle Vorladung für Benjamin Fluke nach Avalon.

Vorstellung bei General Fluke am 21. Dezember, 17:00 Uhr.

Aufenthalt bis zum 4. Januar, 11:00 Uhr.

Der Brief war nicht einmal unterschrieben. Simon legte ihn auf Jams offenes Buch. »Wo ist Avalon?«

»In der Nähe von Los Angeles«, sagte Jam und musterte den Brief so argwöhnisch, als könnte er beißen. »Auf Santa Catalina, einer Insel vor der Küste.«

In Simons Kopf nahm eine Idee Gestalt an. Es hätte sich nicht besser fügen können, wenn er es geplant hätte. Er blickte zwischen seinen Freunden hin und her und beugte sich vor. »Denkt ihr, was ich denke?«

Jam blinzelte hinter seinen dicken Brillengläsern, als es ihm dämmerte. »Simon … nein!«

»Irgendwann müssen wir dahin«, erklärte Simon. »Das ist genau der Vorwand, auf den wir gewartet haben.«

»Der General ist schon wütend genug. Er wird garantiert nicht erlauben, dass ich meine Freunde mitbringe.«

»Er hat recht, Simon«, sagte Ariana grimmig und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Das Unterwasserreich ist dafür bekannt, Mitgliedern anderer Reiche gegenüber äußerst verschlossen zu sein. Selbst meine Mom braucht eine offizielle Vorladung.«

Während Jams Vater der Anführer des Unterwasserreichs war, war Arianas Mutter, die Schwarze Witwenkönigin, die Herrscherin über das Insekten- und Spinnenreich. Sogar Celeste, die bis vor wenigen Wochen die Alpha des Säugerreichs gewesen war, hatte Angst vor ihr. Und soweit Simon wusste, wagte es nie jemand, sich ihren Wünschen zu widersetzen.

»Ganz besonders hassen sie Reptilien und Vögel«, warf Winter ein, die sich noch immer nicht damit abfinden konnte, dass sie die Fähigkeit geerbt hatte, sich in eine Schlange, eine Wassermokassinotter, zu verwandeln anstatt in einen Vogel. »Selbst wenn der General Jam erlauben würde, seine Freunde mitzubringen, würde man dich und mich nicht reinlassen.«

»Dann … verstecke ich mich eben«, sagte Simon verzweifelt. »Wir müssen dahin. Orion ist schon über einen Monat dort. Früher oder später wird er herausfinden, wo der General den Kristall des Unterwasserreichs versteckt hat, und dann …«

Er brach abrupt ab. Was ihm auf den ersten Blick wie eine brillante Idee vorgekommen war, erschien ihm jetzt doch nicht mehr so toll – aber er musste nach Los Angeles! Seine Mutter hatte ihm die Aufgabe übertragen, die versteckten Teile zu finden, bevor jemand anders sie in die Hände bekam, und der Herr der Vögel war nahe dran – zu nah. Orion war hinterlistig. Wenn er die richtigen Verbündeten gefunden hatte, waren sie vielleicht schon zu spät.

»Tut mir leid, Simon«, sagte Jam, und es klang auch wirklich so. »Ich kann nichts tun.«

»Bitte frag ihn trotzdem«, bat Simon. »Wenn er Nein sagt, in Ordnung. Aber es könnte unsere einzige Chance sein. Du weißt, wie wichtig das ist, Jam. Ihr alle wisst es. Es geht nicht mehr nur um meine Mom. Es geht um die gesamte Welt der Animox.«

»Ich weiß«, murmelte Jam und starrte auf seinen unberührten Frühstücksteller. Endlich, mit einem schweren Seufzer, sagte er: »Also gut, ich frage ihn. Aber wenn er Nein sagt …«

»Noch wütender kannst du ihn doch gar nicht machen«, bemerkte Winter und mopste Simon seinen letzten Pfannkuchen. Der war so erleichtert über Jams Zugeständnis, dass er nicht protestierte.

»Danke, Jam«, sagte er. »Ich schulde dir einen Riesengefallen.«

»Du schuldest mir gar nichts«, entgegnete Jam. »Wir sind Freunde. Aber ich erwarte von dir, dass du mir regelmäßig schreibst, wenn der General mir Hausarrest gibt, bis ich achtzehn bin.«

»Jeden Tag«, versprach Simon. Sosehr Jam seinen Vater fürchtete – sie wussten beide, dass sie andere Sorgen hatten. Was auch immer nötig war, sie mussten das Teil des Greifstabs finden, das im Unterwasserreich versteckt war. Die Waffe des Bestienkönigs konnte nur vernichtet werden, wenn alle fünf Kristalle zusammengesetzt waren, und aus diesem Grund durften sie nicht zulassen, dass ein Teil in Orions Hände kam. Selbst wenn es bedeutete, den Groll eines mürrischen Generals und der gesamten Unterwasserarmee auf sich zu ziehen, musste Simon die Gelegenheit nutzen. Sie alle mussten es.

Drittes KapitelAngebissen

Später an diesem Morgen tauchte Nolan im Geschichtsunterricht wieder auf. Er trug den Arm in einer Schlinge und brachte die Ausrede vor, er sei die Treppe hinuntergefallen, als Simon und er ein Wettrennen gemacht hatten. Erst wollte Simon protestieren, besonders als er sah, dass Nolans Freunde ihm drohende Blicke zuwarfen, doch dann sagte er sich, dass es ein Schritt in die richtige Richtung war. Noch vor wenigen Monaten hätte Nolan behauptet, Simon habe ihn geschubst.

Als der kurzatmige Mr Barnes schließlich seinen Vortrag über die Fehden der verschiedenen Gruppen des Insektenreichs im 17. Jahrhundert beendet hatte – zu dem, wie Ariana gerne betonte, auch Arachniden gehörten –, folgte Simon Jam zur Abteilung des Unterwasserreichs. Der Tunnel dort war der coolste Teil der Schule, fand Simon. Der gläserne Gang war von Wasser umgeben; und alles, von bunten Fischschwärmen bis zu den Haien, die den Graben bewachten, schwamm dort vorbei. Alle absolvierten das tägliche Trainingsprogramm, das die Mitglieder des Unterwasserreichs über sich ergehen lassen mussten. Es war kein Geheimnis, wie sehr Jam das streng reglementierte Leben seines Reichs verabscheute, aber Simon hielt die herrliche Aussicht für einen angemessenen Ausgleich.

Sie stiegen durch die Luke, durch die man unter den Tunnel zu den Schlafsälen der Schüler gelangte. Jam ging allerdings nicht in seinen Schlafsaal, sondern führte Simon zu einem Büro, in dem es nach Salz und Sardinen roch. Ein riesiger Mann mit sorgfältig gestutztem weißem Schnurrbart saß hinter einem Tisch, der aufgrund der Größe des Mannes so wirkte, als wäre er ein Kinderschreibtisch.

»Sir«, sagte Jam, der auf der Schwelle stehen geblieben war, und hob die Hand zum militärischen Gruß. Der Mann war ein Hammerhai und Simon nur als Captain bekannt. »Bitte um Verzeihung für die Störung, Sir. Brauche die Erlaubnis für ein Telefongespräch, Sir.«

Der Captain blickte nicht einmal auf. »Handelt es sich um einen Notfall, Soldat?«

»Ich …« Jam sah Simon an und schluckte. »Ich habe eine offizielle Vorladung vom General erhalten und … Ja, Sir. Es ist ein Notfall, Sir.«

Der Captain atmete aus und grummelte: »Also gut, Soldat, Erlaubnis erteilt.«

Jam salutierte noch einmal und schob sich rückwärts aus der Tür. »Komm«, sagte er leise zu Simon. »Die Telefonkabine ist dahinten.«

Jam zeigte ihm eine enge Kabine mit einem Edelstahltelefon, das an der Wand hing. Es war kaum genug Platz für eine einzelne Person, und als Jam wählte, blieb Simon draußen, um sicherzugehen, dass niemand mithörte. Er wünschte sich so sehr, nach Los Angeles zu reisen, dass ihm die Vorstellung, der General könnte Nein sagen, beinahe den Atem nahm. Nun ja, im schlimmsten Fall konnte er sich wohl in den Weihnachtsferien davonschleichen und auf eigene Faust hinfliegen. Er hatte zwar keine große Lust darauf, zu essen, was auch immer Goldadler so aßen – vermutlich Ratten und kleine Tiere; wenn er in Zoologie besser aufgepasst hätte, würde er es wissen –, aber wenn es sein musste, konnte er es tun.

»Hier spricht Soldat Benjamin Fluke«, sagte Jam in den Hörer. Er klang anders als der stille, aber selbstbewusste Bücherwurm, der er in der Schule war. Seine Stimme zitterte, und Simon sah, dass er blass wurde. »Ich möchte General Fluke sprechen. Ja, ich bleibe dran.«

Simon fing seinen Blick auf und zeigte ihm den erhobenen Daumen. Er wusste, dass es völlig nutzlos war, aber er hatte keine Ahnung, was er sonst machen sollte. Es war schließlich seine Schuld, dass Jam überhaupt in diese missliche Lage gekommen war, und jetzt machte er alles noch schlimmer.

»Sir!« Jams Stimme wurde eine Oktave höher, sodass er wie eine quiekende Maus klang. »Ja, Sir, ich habe Ihr … Ja, Sir, werde ich … Ja, Sir, 17 Uhr … Ja, Sir, ich weiß, was ich getan habe …«

Jam schnitt eine Grimasse und hielt den Hörer einige Zentimeter von seinem Ohr weg. Simon konnte eine dröhnende Stimme hören, die eine anscheinend gut einstudierte Moralpredigt hielt, auch wenn nicht zu verstehen war, was der General sagte. Es war aber auch nicht nötig. Er schimpfte zweifellos über die Reise nach Arizona, die Simon, Jam, Winter und Ariana unternommen hatten, um das Teil des Greifstabs zu finden, das die Reptilien bewachten – was ihnen tatsächlich gelungen war. Der kostbare Kristall befand sich mittlerweile unter dem doppelten Boden, den Simon in seiner Sockenschublade eingerichtet hatte. Während Arianas Mutter nicht mit der Wimper gezuckt hatte, als sie von der Unternehmung erfahren hatte, war Jams Vater außer sich gewesen.

Schließlich sagte Jam kleinlaut: »Ja, Sir. Ich werde es nicht wieder tun, Sir. Darf ich …« Er schluckte mühsam und sah Simon an. »Darf ich eine Bitte äußern, Sir? Darf ich über die Feiertage ein paar Freunde mit nach Hause bringen, Sir?«

Einige Sekunden vergingen. Jam presste die Lippen zusammen und atmete langsam aus. »Simon Thorn, Sir. Der Neffe des Alpha. Und Ariana Webster, Sir, die Tochter der Schwarzen Witwenkönigin. Und Winter Rivera, die …« Er zuckte zusammen und hielt den Hörer wieder von seinem Ohr weg. »Ja, Sir. Der Herr der Vögel hat sie adoptiert … Das ist richtig, Sir. Aber … aber sie hat keinen Kontakt mehr zu ihm und …«

Ein weiterer Augenblick verstrich, und Simon rückte näher an die Öffnung der Kabine. Er wusste, dass er sich keine Hoffnungen machen sollte, aber was konnte er sonst tun? Der General musste einfach Ja sagen. Wenn nicht …