Verlag: books2read Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Die unsterbliche Braut E-Book

Aimée Carter  

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E-Book-Beschreibung Die unsterbliche Braut - Aimée Carter

Die Götter haben ihren Prinzen entführt. Nur wenn es Kate gelingt, Henrys Vergangenheit und Zukunft zu vereinen, kann sie ihn retten - und sich selbst.Endlich hat Kate die Unsterblichkeit erlangt und steht kurz davor, zur Königin der Unterwelt gekrönt zu werden. Aber sie fühlt sich isoliert wie nie zuvor. Denn je größer ihre Liebe zu Henry wird, dem Herrscher dieser Welt, desto distanzierter gibt er sich. Da wird Henry mitten in der feierlichen Krönungszeremonie vom König der Titanen entführt. Nur Kate kann ihn aus den tiefsten Höhlen des Tartarus befreien. Doch um ihren Weg durch das Labyrinth zu finden, braucht sie die Hilfe ihrer größten Feindin: Persephone, Henrys erste Frau!

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E-Book-Leseprobe Die unsterbliche Braut - Aimée Carter

IMPRESSUM

books2read ist ein Imprint der HarperCollins Germany GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg, info@books2read.de

Geschäftsleitung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke

Copyright © 2012 by Aimée Carter Originaltitel: “Goddess Interrupted” Erschienen bei: Harlequin TEEN, Toronto Published in Arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.ár.l Deutsche Erstausgabe Copyright © 2012 bei MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH Übersetzung: Freya Gehrke Copyright © 2015 by books2read in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Umschlagmotiv: Conrado/ shutterstock, DavidMSchrader, VBaleha, Justdd / Thinkstock Umschlaggestaltung: Deborah Kuschel

Veröffentlicht im ePub Format im 11/2015

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733785284

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. books2read Publikationen dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

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„Nimmst du deine Rolle als Königin der Unterwelt an?“, fragte Henry.

Ich würde das hier schaffen. Ich musste es schaffen. Für Henry – für meine Mutter. Für mich. Denn letztendlich wusste ich ohne Henry nicht mehr, wer ich war.

Als ich den Mund öffnete, um Ja zu sagen, zerriss ein Krachen die Stille. Ich wandte den Kopf, um zu sehen, was passiert war, doch bevor ich irgendetwas erkennen konnte, tauchte Ava neben mir auf und ergriff meinen Ellbogen. „Wir müssen hier raus.“ Wieder krachte es, während wir hastig auf die Tür zustolperten, und ein schimmernder Nebel drang in den Palast ein. Genau der Nebel, den ich in meiner Vision gesehen hatte.

Das war das Wesen, das Henry fast getötet hatte, und jetzt griff es uns alle an. Ohne Vorwarnung schnellte es durch die Luft, bevor die Ratsmitglieder es aufhalten konnten, doch es zielte nicht auf Walter oder Phillip.

Es ging direkt auf mich los.

Für Melissa Anelli, die weiß, wie es sich anfühlt, diese lange gewundene Straße hinaufzuwandern, nur um die Morgenröte zu sehen.

PROLOG

Calliope stapfte über die sonnenbeschienene Wiese und ignorierte das Geplapper des Rotschopfes, der hinter ihr hertänzelte. Ingrid war die erste Sterbliche, die versucht hatte, die Prüfungen zu bestehen, um Henrys Frau zu werden. Und hätte er mehr als fünf Minuten am Tag mit ihr verbracht, hätte er vielleicht verstanden, warum Calliope sie umgebracht hatte.

„Mach dich auf was Tolles gefasst“, sagte Ingrid, während sie ein Kaninchen aus dem hohen Gras hob und es sich an die Brust drückte. „Um zwölf Uhr mittags fängt alles an zu blühen.“

„So wie gestern?“, erwiderte Calliope. „Und vorgestern? Und am Tag davor?“

Ingrid strahlte. „Ist das nicht wunderschön? Hast du die Schmetterlinge gesehen?“

„Ja, ich hab die Schmetterlinge gesehen“, gab Calliope zurück. „Und die Rehe. Und jedes sonstige Detail deines sinnfreien Lebens nach dem Tod.“

Ein Schatten schien sich auf Ingrids Gesicht zu legen. „Tut mir leid, wenn du’s dämlich findest, aber es ist mein Leben nach dem Tod, und mir gefällt’s.“

Es kostete sie große Mühe, aber Calliope verkniff es sich, die Augen zu verdrehen. Ingrid wütend zu machen würde alles nur verschlimmern. Und so wie es gerade lief, würde es noch ewig dauern, bis Calliope hier rauskam. „Du hast recht“, lenkte sie betont freundlich ein. „Es ist bloß so, dass ich nie Zeit in diesem Reich verbringe, deshalb ist das alles etwas ungewohnt für mich.“

Ingrid entspannte sich und streichelte das Kaninchen. „Ist ja klar, dass du hier keine Zeit verbringst“, erklärte sie kichernd, sodass Calliope unwillkürlich mit den Zähnen knirschte. „Du bist eine Göttin. Du kannst nicht sterben. Anders als ich“, fügte sie hinzu. „Aber es war nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte.“

Hätte diese Idiotin auch nur einen Funken Verstand besessen, hätte sie gewusst, dass Calliope nicht irgendeine Göttin war. Sie war eins der ursprünglichen sechs Ratsmitglieder, bevor diese Kinder bekommen hatten und der Rat gewachsen war. Bevor ihr Ehemann beschlossen hatte, dass Treue unter seiner Würde war. Bevor sie die Unsterblichkeit wie Bonbons verteilt hatten. Sie war eine Tochter der Titanen, nicht einfach bloß eine Göttin. Sie war eine Königin.

Und egal, was der Rat und diese Schlampe Kate entschieden hatten: Sie hatte es nicht verdient, hier sein zu müssen.

„Gut“, antwortete Calliope. „Den Tod zu fürchten ist dumm.“

„Henry sorgt dafür, dass es mir gut geht. Ab und zu kommt er vorbei und verbringt einen Nachmittag mit mir“, erzählte Ingrid. Und mit einem provozierenden Grinsen fügte sie hinzu: „Du hast mir nie erzählt, wer gewonnen hat.“

Calliope öffnete den Mund, um zu erklären, dass es kein Wettbewerb war, doch das war nicht die Wahrheit. Alles daran war ein Wettbewerb gewesen, und sie hatte viel härter um den Preis gekämpft als alle anderen. Meisterhaft hatte sie ihre Konkurrentinnen ausgelöscht. Selbst Kate wäre gestorben, hätten Henry und Diana nicht eingegriffen.

Calliope hätte die Siegerin sein sollen, und Ingrids Grinsen war wie Salz in dem blutigen Loch, wo einmal ihr Herz gesessen hatte. Zuerst hatte sie ihren Ehemann verloren. Und als sie gedacht hatte, sie hätte jemanden gefunden, der ihre Misere verstand und ihr die Liebe geben konnte, nach der sie sich so sehnte, hatte dieser Jemand – Henry – ihr nicht einmal eine Chance gegeben. Und deshalb hatte sie alles verloren. Ihre Freiheit, ihre Würde, jeden Funken Respekt, den sie sich über die Jahrtausende erkämpft hatte. Doch ihr größter Verlust war Henry gewesen.

Seit Anbeginn der Menschheit waren sie zusammen gewesen, zwei der ursprünglichen sechs. Über Äonen hatte sie ihn beobachtet, umhüllt von Geheimnissen und einer Einsamkeit, die niemand durchbrechen konnte – zumindest bis Persephone auf der Bildfläche erschienen war. Und nach dem, was sie ihm angetan hatte …

Wenn irgendjemand es verdient hatte, bestraft zu werden, dann Persephone. Alles, was Calliope je gewollt hatte, war, dass Henry glücklich war. Und eines Tages würde er begreifen, dass er das nur sein konnte, wenn sie endlich vereint waren. Egal, wie lange es dauern würde, sie würde ihn dazu bringen, das zu erkennen. Und dann würde Kate dafür bezahlen, dass sie ihnen kostbare gemeinsame Zeit gestohlen hatte.

„Calliope?“, hakte Ingrid nach, und Calliope versuchte, diese trüben Gedanken abzuschütteln. Die Worte verflüchtigten sich aus ihrem Kopf, doch ihr Zorn und die Bitterkeit blieben.

„Kate“, erwiderte Calliope und spie den Namen aus wie Gift. „Ihr Name ist Kate. Sie ist Dianas Tochter.“

Ingrids Augen wurden groß. „Und Persephones Schwester?“

Calliope nickte, während sich hinter Ingrid ein seltsamer Nebel in der Ferne bildete. Er schien nach ihr zu rufen, sie zu sich zu locken, doch sie widerstand der Versuchung, sich von Ingrid abzuwenden und ihm zu folgen. Solange sie ihre Strafe hier verbüßte, indem sie Zeit mit jedem der Mädchen verbrachte, das sie umgebracht hatte, konnte sie nicht gehen, ohne dass Henry es sofort erfuhr. Wenn sie sich den Befehlen des Rats bewusst widersetzte, würde sie endgültig verbannt werden, und jemand anders würde ihren Platz im Rat einnehmen.

Sie wusste genau, wer dieser Jemand sein würde, und schwor sich, dass Kate niemals auch nur in die Nähe ihres Throns geraten würde, solange sie selbst noch eine Göttin war.

Nachdenklich betrachtete Calliope den Nebel. „Bist du schon mal dahinten gewesen?“

„Wo?“, fragte Ingrid. „Bei den Bäumen? Ein paarmal, aber ich mag die Wiese lieber. Wusstest du, dass die Blütenblätter wie Zuckerwatte schmecken? Probier doch mal.“

„Ich esse keine Süßigkeiten“, gab Calliope zurück, immer noch fasziniert von dem Nebel. So etwas hatte sie in ihrer Zeit in der Unterwelt nie zuvor gesehen, und irgendetwas musste es zu bedeuten haben. Vielleicht war das Henrys Art, ihr mitzuteilen, dass sie zum nächsten Mädchen weiterziehen konnte. Vielleicht hatte er endlich kapiert, wie anstrengend Ingrid war.

„Wie kann man denn keine Süßigkeiten essen?“ Ingrid schien zwischen Unglauben und Fassungslosigkeit zu schwanken. „Jeder isst Süßigkeiten.“

„Ich bin nicht jeder“, erwiderte Calliope knapp. „Warte hier.“

„Damit du abhauen kannst? Wohl kaum“, widersprach Ingrid. „Ich muss dir vergeben, bevor du gehen darfst, schon vergessen?“

Calliope knirschte mit den Zähnen. Natürlich hatte sie es nicht vergessen, aber ganz ehrlich – Ingrid würde ihr niemals verzeihen. Selbst wenn sie es tat, wagte Calliope zu bezweifeln, dass jedes Mädchen, das sie getötet hatte, dasselbe tun würde. Doch so lautete Kates Urteil, was bedeutete, dass sie wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit in der Unterwelt festsaß. Das war länger, als Calliope zu warten bereit war. „Wenn du nicht willst, dass ich deine Füße am Boden festwachsen lasse, bleibst du hier.“

„So was kannst du?“

Calliope machte sich nicht die Mühe, darauf zu antworten. Stattdessen marschierte sie auf diesen faszinierenden Nebel zu, weg von Ingrid, die wenigstens so viel Grips besaß, ihr nicht zu folgen. Je weiter sie sich von Ingrid entfernte, desto mehr verblasste die Wiese, bis Calliope von Felsen umgeben war – das wahre Erscheinungsbild der Unterwelt, wenn keine tote Seele in der Nähe war, um es zu beeinflussen.

Von Nahem betrachtet war der Nebel gar kein richtiger Nebel, wie Calliope erkannte. Vielmehr schien die Luft zu schimmern – Tausende zarte Lichtfinger, die nach ihr zu greifen schienen. Calliope streckte die Hand danach aus, und in der Sekunde, als ihre Finger das seltsame Glühen berührten, wusste sie, warum es sie so magisch angezogen hatte. Endlich, nach Jahrzehnten des Wartens, war er erwacht.

Calliope lächelte, und eine Woge der Macht durchströmte sie. Eine Macht, die so alt war, dass es keinen Namen dafür gab. Ingrid verblasste zu nichts als einer undeutlichen Erinnerung, als Calliope vortrat und der Zorn, den sie schon so lange in sich nährte, sich endlich zu voller Kraft entfaltete.

„Hallo, Vater.“

1. KAPITEL

RÜCKKEHR NACH EDEN

Als ich noch in der Schule war, haben meine Lehrer die Klasse jeden Herbst einen dieser furchtbaren Aufsätze schreiben lassen: „Was ich letzten Sommer gemacht habe“. Das volle Programm, mit Vortrag, Fotos und lustigen Anekdoten – alles, um einen Raum voll gelangweilter Schüler dazu zu bringen, etwas Interesse zu zeigen.

Jedes Jahr saß ich da und hörte zu, wenn meine Klassenkameraden an der New Yorker Grundschule von ihren Ferien in den Hamptons oder in Florida oder in Europa berichteten – mit ihren reichen Eltern oder Au-pair-Mädchen oder, als wir älter wurden, ihren Freunden und Freundinnen. Als wir schließlich in der Highschool waren, hatte ich bis zum Erbrechen immer dieselben glamourösen Geschichten gehört: Eskapaden in Paris mit Supermodels, nächtelange Partys auf den Bahamas mit Rockstars und so weiter. In ihrem Wunsch, Aufmerksamkeit zu erregen, überschlugen sich meine Mitschüler förmlich mit der Schilderung immer wilderer Abenteuer.

Meine Geschichte war jedes Jahr dieselbe. Meine Mutter war Floristin, und weil der Großteil ihres Einkommens für die Schule draufging, fuhren wir nie aus New York City weg. An ihren freien Tagen gingen wir in den Central Park und sogen das Sonnenlicht in uns auf. Als sie dann krank wurde, verbrachte ich meine Sommer bei ihr im Krankenhaus. Hielt ihr das Haar aus dem Gesicht, wenn sie sich wegen der Chemotherapie übergeben musste, oder zappte auf der Suche nach irgendetwas Interessantem durch die Fernsehkanäle.

Es waren nicht die Hamptons. Es war nicht Florida. Es war nicht Europa. Aber es waren meine Sommer.

Jener Sommer nach meinen ersten sechs Monaten mit Henry jedoch ließ jeden Sommer, den meine Klassenkameraden je verlebt hatten, blass aussehen.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass du vorher noch nie mit Delfinen geschwommen bist“, sagte James, während ich eine löchrige Schotterstraße entlangfuhr, die nicht besonders oft benutzt zu werden schien. Wir waren zurück auf der oberen Halbinsel von Michigan und umgeben von Bäumen, die höher waren als die meisten Gebäude. Je näher wir Eden Manor kamen, desto breiter wurde mein Grinsen.

„Ist ja nicht so, als hätten wir davon im Hudson besonders viele gehabt“, gab ich zurück und trat etwas fester aufs Gas. Dieser Ort lag so weit ab von der Zivilisation, dass es kein Tempolimit gab, aber als ich das letzte Mal hier entlanggefahren war, war meine Mutter zu krank gewesen, als dass ich das hätte ausnutzen können. Doch jetzt, nachdem der Rat mir die Unsterblichkeit gewährt hatte, war das Einzige, was in Gefahr war, mein klappriges altes Auto. Bisher gefielen mir die Vorteile. „Der Vulkanausbruch hat mich mehr beeindruckt.“

„Keine Ahnung, woher das auf einmal kam“, gestand James ein. „Dieser Vulkan war schon länger nicht mehr aktiv, als manche von uns auf der Welt sind. Darauf sollte ich Henry vielleicht ansprechen, wenn wir zurück sind.“

„Was sollte Henry denn mit einem Vulkan zu tun haben?“, fragte ich, während mein Herz einen Sprung machte. Mittlerweile waren wir so nah, dass ich ihn fast spüren konnte, und ich trommelte nervös mit den Fingerspitzen aufs Lenkrad.

„Es gibt Vulkane in Henrys Reich. Wenn ein so alter Vulkan so heftig ausbricht, dann ist irgendwas im Gang.“ James biss ein Stück Trockenfleisch ab und hielt mir den Rest hin. Ich rümpfte nur die Nase. „Selbst schuld. Du weißt, dass du ihm jede Einzelheit über alles erzählen musst, was wir unternommen haben, oder?“

Verwirrt warf ich ihm einen Seitenblick zu. „Ich hatte auch nichts anderes vor. Wieso? Was ist daran verkehrt?“

James zuckte mit den Schultern. „Nichts. Ich hatte bloß den Eindruck, er wäre nicht so begeistert von dem Gedanken, dass du sechs Monate mit einem gut aussehenden blonden Fremden in Griechenland verbringst, das ist alles.“

Ich musste so sehr lachen, dass ich fast von der Straße abkam. „Und wer war dieser gut aussehende blonde Fremde? Ich kann mich an niemanden in der Art erinnern.“

„Genau das solltest du Henry sagen, dann sind wir beide auf der sicheren Seite“, gab James fröhlich zurück.

Es war natürlich ein Witz. James war mein bester Freund, und wir hatten den Sommer damit verbracht, gemeinsam alte Ruinen, weitverzweigte Städte und atemberaubende Inseln zu erforschen – an einem der schönsten Orte der Erde. Vielleicht auch einer der romantischsten, aber James war James, und ich war mit Henry verheiratet.

Verheiratet. Ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt. Meinen Ehering mit dem schwarzen Diamanten hatte ich an einer Kette um den Hals getragen – aus lauter Angst, ihn zu verlieren. Jetzt, da wir kaum noch eine Meile von Eden entfernt waren, wurde es Zeit, ihn mir wieder auf den Ringfinger zu stecken. Ich hatte mich durch die sieben Prüfungen gekämpft, die der Rat der Götter mir auferlegt hatte, um herauszufinden, ob ich der Unsterblichkeit würdig war. Ob ich würdig war, Königin der Unterwelt zu werden. Und weil ich es geschafft hatte – gerade so –, waren Henry und ich jetzt Mann und Frau.

Allerdings fühlte es sich nicht so an, wenn ich an die Stille dachte, die in den letzten sechs Monaten zwischen uns geherrscht hatte. James gegenüber hatte ich es nicht eingestanden, aber den ganzen Sommer über hatte ich mich immer wieder umgeblickt – in der Hoffnung, Henry in der Menge zu erblicken, auch wenn er eigentlich gar nicht da sein sollte. Doch egal, wie aufmerksam ich nach ihm gesucht hatte, ich hatte keine Spur von ihm entdeckt. Zugegeben, ein halbes Jahr war quasi nur ein Wimpernschlag für jemanden, der schon vor der Geburt der Menschheit existiert hatte. Aber ein kleiner Hinweis, dass er mich vermisste, war ja wohl nicht zu viel verlangt.

Auch während meines Winters mit ihm hatte ich um jeden kleinen Fortschritt kämpfen müssen. Jeder Blick, jede Berührung, jeder Kuss – was, wenn wir nach sechs Monaten wieder ganz von vorn anfangen mussten? Er hatte tausend Jahre damit verbracht, um seine erste Frau Persephone zu trauern, und mich kannte er erst seit einem einzigen. Unsere Hochzeit war nicht das perfekte Ende einer wundervollen Liebesgeschichte gewesen. Sie hatte den Beginn der Ewigkeit bedeutet, und nichts an unserem neuen gemeinsamen Leben würde einfach sein. Für keinen von uns. Vor allem wenn man bedachte, dass ich mich nicht nur in die Ehe würde einfinden müssen, sondern gleichzeitig auch noch lernen musste, Königin der Unterwelt zu sein.

Und egal, wie viele Jahre ich damit verbracht hatte, mich um meine sterbende Mutter zu kümmern – ich hatte das ungute Gefühl, dass mir das in keinster Weise dabei helfen würde, über das Totenreich zu herrschen.

Ich schob die Sorgen beiseite, als das schmiedeeiserne schwarze Tor von Eden Manor in Sicht kam. New York, die Schule, die Krankheit meiner Mutter – das war die Vergangenheit. Mein sterbliches Leben. Dies war meine Zukunft. Was auch immer in diesem Sommer passiert war oder auch nicht passiert war – jetzt konnte ich mit Henry zusammen sein, und ich würde keine Sekunde davon vergeuden.

„Trautes Heim, Glück allein“, murmelte ich, als ich durch das Tor fuhr. Ich würde das schaffen. Henry würde auf mich warten, und er würde sich riesig freuen, mich zu sehen. Meine Mutter würde auch da sein, und ich würde nie wieder sechs Monate überstehen müssen, ohne sie zu sehen. Nachdem ich sie beinahe verloren hatte, war der Sommer ohne Kontakt zu ihr die reinste Folter gewesen, doch sie hatte darauf bestanden – dieser erste Sommer sollte nur mir gehören, und sie und Henry würden sich heraushalten. Doch jetzt war ich zurück, und alles würde gut werden.

James verdrehte den Hals, um das leuchtend bunte Laub der Bäume am Straßenrand zu betrachten. „Alles in Ordnung?“, wollte er wissen.

„Das sollte ich dich fragen“, gab ich zurück und warf einen bezeichnenden Blick auf seine Finger, mit denen er nervös auf der Armlehne herumtrommelte. Daraufhin hielt er still, und bevor ich mich bremsen konnte, fügte ich hinzu: „Er wird glücklich sein, mich zu sehen, oder?“

James blinzelte und antwortete kühl: „Wer? Henry? Kann ich nicht sagen. Ich bin nicht er.“

Das war die letzte Antwort, mit der ich gerechnet hatte, aber natürlich würde James wegen unserer Rückkehr keine Luftsprünge machen. Er wäre derjenige gewesen, der Henry als Herrscher über die Unterwelt ersetzt hätte, wäre ich gescheitert. Und auch wenn es auf unserer Reise nicht zur Sprache gekommen war, stellte das zweifellos einen wunden Punkt bei ihm dar.

„Könntest du wenigstens so tun, als würdest du dich für mich freuen?“, fuhr ich ihn an. „Du kannst nicht deine restliche Existenz damit vergeuden, deswegen sauer zu sein.“

„Ich bin nicht sauer. Ich mache mir Sorgen“, erklärte er. „Du musst das nicht tun, wenn du nicht willst, weißt du. Niemand würde dir etwas vorwerfen.“

„Was muss ich nicht tun? Nach Eden zurückkehren?“ Ich hatte die Prüfungen bereits bestanden und Henry gesagt, ich würde zurückkommen. Wir waren verheiratet, verdammt noch mal.

„Alle tun so, als wärst du Henrys letzte und einzige Chance“, fuhr James fort. „Es ist nicht fair, dich so unter Druck zu setzen.“

Herr im Himmel, er redete tatsächlich davon, dass ich nicht zurückgehen sollte.

„Hör zu, James, ich weiß, dass es dir in Griechenland gefallen hat – mir auch –, aber wenn du glaubst, du könntest mich überreden, nicht zurückzukehren …“

„Ich versuch dich zu gar nichts zu überreden“, schnitt James mir mit überraschend fester Stimme das Wort ab. „Ich versuche nur sicherzustellen, dass das auch niemand anders macht. Es ist dein Leben. Niemand wird dir deine Mutter wieder wegnehmen, wenn du dich entscheidest, dass du das hier doch nicht machen willst.“

„Das ist nicht … das hat nichts damit zu tun, warum ich zurückgehen will“, platzte ich wütend heraus.

„Was dann, Kate? Nenn mir einen guten Grund, und ich lass dich in Ruhe.“

„Ich kann dir ein ganzes Dutzend sagen.“

„Ich will nur einen.“

Verärgert reckte ich das Kinn. Das alles ging ihn überhaupt nichts an. Bei meinen Versuchen, Henry vor dem Untergang zu bewahren, war ich fast gestorben. Ich würde jetzt keinen Rückzieher machen, bloß weil mir die Unterwelt vielleicht nicht gefallen könnte. „Ich weiß nicht, wie ihr das so macht, aber ich liebe Henry, und ich werde ihn nicht verlassen, bloß weil du denkst, er wäre nicht gut für mich.“

„In Ordnung“, gestand mir James zu. „Aber was machst du, wenn Henry dich nicht liebt?“

Ich trat auf die Bremse und riss den Schalthebel so heftig auf „Parken“, dass ich den Knauf abbrach. Kein Problem, das Auto ist sowieso eine Schrottkarre, tröstete ich mich. „Das ist unmöglich. Er hat gesagt, dass er mich liebt, und ich vertraue ihm. Er würde mich nicht anlügen. Anders als andere Leute, die ich kenne.“

Wütend starrte ich ihn an, doch sein Gesichtsausdruck blieb unverändert. Ich wollte aussteigen und fluchte, als sich der Gurt an meiner Jeans verhakte. Nach einigen vergeblichen Versuchen, mich selbst zu befreien, griff James herüber und löste den Gurt für mich.

„Sei nicht sauer“, bat er. „Bitte. Nach allem, was mit Persephone geschehen ist – ich will nur nicht, dass du dasselbe durchmachen musst, okay? Das ist alles.“

Ich war keine Idiotin und wusste, dass ein Teil von Henry Persephone für immer lieben würde. Immerhin hatte er den Lebenswillen verloren, nachdem sie die Unsterblichkeit aufgegeben hatte, um die Ewigkeit nach ihrem Tod mit einem Sterblichen zu verbringen. So hätte er nicht empfunden, wenn nicht seine gesamte Existenz sich um sie gedreht hätte. Doch ich konnte ihm das eine geben, was er von ihr nie bekommen hatte: Ich erwiderte seine Liebe.

„Wenn du wirklich glücklich bist und ihr einander gleich stark liebt, dann ist das super“, sagte James. „Viel Glück euch beiden. Aber wenn es nicht so ist – wenn du eines Tages aufwachst und erkennst, dass du dich zwingst, ihn zu lieben, weil du denkst, damit würdest du das Richtige tun, und ihn nicht liebst, weil er dich glücklicher macht, als du es je zuvor gewesen bist –, dann will ich sicher sein, dass du weißt, dass du eine Wahl hast. Und wenn du jemals gehen willst, musst du es nur sagen, und ich gehe mit dir.“

Ich stürmte zum Eingangsportal des Hauses und zerrte mit aller Kraft am Griff. „Super, also wenn ich je beschließen sollte, dass mein Leben mit Henry es nicht wert ist, seh ich zu, dass ich dir Bescheid sage. Hilf mir mal, verdammt!“

James sagte kein Wort, als er neben mich trat und die schweren Türen öffnete, als wären sie federleicht. Ich schlüpfte hindurch und zwang mich zu lächeln, in der Erwartung, Henry würde mir entgegenblicken. Doch die prachtvolle Eingangshalle aus Spiegeln und Marmor war leer.

„Wo sind denn alle?“, fragte ich, und mein Lächeln verblasste.

„Sie warten auf dich, nehm ich mal an.“ James trat hinter mir ein, und die Tür fiel krachend ins Schloss. Das Dröhnen hallte durch das riesige Foyer.

„Du hast doch nicht gedacht, dass wir hierbleiben, oder?“

„Ich wusste nicht, dass es noch einen anderen Ort gibt, an dem sie auf uns warten könnten.“

Behutsam legte er mir den Arm um die Schultern, doch als ich ihn abschüttelte, schob er die Hände in die Taschen. „Natürlich gibt es einen anderen Ort. Komm mit.“

James führte mich in die Mitte des Foyers, wo mitten im Marmorboden eine kreisrunde kristallene Fläche in allen Regenbogenfarben schimmerte. Als ich zum anderen Ende der Halle weitergehen wollte, griff er nach meiner Hand und hielt mich zurück.

„Hier geht’s lang“, erklärte er und blickte nach unten.

Ich starrte auf den Kristall unter meinen Füßen, und schließlich sah ich es. Eine seltsame schimmernde Aura schien von der Stelle auszugehen, an der wir standen, und ich sprang aus dem Kreis. „Was ist das?“

„Hat Henry dir nicht davon erzählt?“, fragte James, und ich schüttelte den Kopf. „Es ist ein Portal zwischen dem Jenseits und der Unterwelt. Absolut sicher, versprochen. Die sind wie Abkürzungen, damit wir nicht den langen Weg nehmen müssen.“

„Den langen Weg?“

„Wenn du weißt, wo du suchen musst, kannst du einen Durchlass in die Unterwelt finden und durch diverse Höhlen und so Zeugs wandern“, erklärte er. „Dunkel, bedrückend, zeitraubend und beunruhigend, wenn du ein Problem damit hast, das Gewicht von Millionen Tonnen Felsgestein über deinem Kopf zu spüren.“

„Unter der Oberfläche ist nichts als Lava und Dreck“, gab ich zurück und ignorierte die Vorstellung, lebendig begraben zu sein. „Das lernt man in der ersten Klasse.“

„Wir sind Götter. Wir sind hervorragend darin, unsere Spuren zu verwischen“, erwiderte James und grinste jungenhaft. Diesmal nahm ich seine Hand, als er sie mir anbot, und trat zurück in den Kreis.

„Was könnt ihr noch so?“, grummelte ich. „Wasser in Wein verwandeln?“

„Das ist Xanders Spezialität“, sagte er. „Ich bin überrascht, dass er das Tote Meer noch nicht in einen riesigen Sangria-Eimer verwandelt hat. Ist ihm wahrscheinlich zu salzig. Was mich angeht: Ich kann alles und jeden finden – und jeden Ort, den du suchst. Ist dir nicht aufgefallen, dass wir uns in Griechenland kein einziges Mal verlaufen haben?“

„Bis auf das eine Mal.“

„Da waren wir auch nicht wirklich falsch“, erinnerte er mich.

„Trotzdem.“ Ich warf ihm einen Blick zu, und er wurde rot. „Ich dachte, du kennst die Gegend einfach gut.“

„Hab ich auch, zumindest vor Tausenden von Jahren. Seitdem hat’s ein paar Veränderungen gegeben. Mach die Augen zu.“

Um uns herum wirbelte eine Woge beinah elektrischer Energie, und ein Brüllen erfüllte meine Ohren. Ohne Vorwarnung verschwand der Boden unter unseren Füßen, und ich kreischte.

Vor Schreck schien mein Herz stillzustehen, und unwillkürlich riss ich die Augen auf, als ich versuchte, mich von James zu lösen, doch er umklammerte mich mit Armen wie aus Stahl. Wir waren umgeben von Felsgestein – nein, wir waren im Gestein, und wir fielen hindurch, als wäre es durchlässig wie Luft. James’ Gesichtsausdruck war so ruhig wie immer, als wäre es vollkommen normal, durch Fels und Erde und Gott weiß was noch zu rasen.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, doch schon ein paar Sekunden später landeten meine Füße wieder auf festem Boden. James löste seinen Griff um meine Schultern, doch meine Knie zitterten so sehr, dass ich mich weiter an ihm festklammerte, obwohl ich ihm am liebsten eine gescheuert hätte.

„War doch gar nicht so schlimm, oder?“, fragte er fröhlich, und ich starrte ihn wütend an.

„Dafür krieg ich dich“, fauchte ich. „Du wirst es nicht kommen sehen, aber wenn’s vorbei ist, wirst du wissen, wofür es war.“

„Ich freu mich schon drauf“, erwiderte er, und schließlich fühlte ich mich sicher genug, allein stehen zu können. Ich schluckte meine Antwort herunter, während ich mich umsah und feststellte, dass wir uns in einer gewaltigen Kaverne befanden, so groß, dass ich die Decke nicht sehen konnte. Dass wir unter der Erde waren, konnte ich – abgesehen von unserem grauenhaften Abstieg gerade – nur daran erkennen, dass es kein Sonnenlicht gab.

Toll. Anscheinend lebte Henry in einer Höhle.

Statt eines Himmels liefen Adern aus Kristall durch die Felsen, von denen ein schimmerndes Licht ausging, das die gesamte Höhle erleuchtete. Gigantische Stalagmiten und Stalaktiten vereinten sich zu zwei Reihen von Säulen, die unmöglich natürlichen Ursprungs sein konnten. Zu meiner Erleichterung bildeten sie denn auch eine Allee, die zu einem prachtvollen Palast aus glänzendem schwarzen Stein führte, der aussah, als wäre er direkt aus der Felswand gewachsen.

„Wenn du gestattest“, setzte James an. „Lass mich der Erste sein, der dich im Namen des Rates in der Unterwelt willkommen heißt.“

Ich öffnete den Mund, doch bevor ich etwas sagen konnte, drang Henrys wütendes Gebrüll an meine Ohren, und ich fiel auf die Knie, als die Welt um mich herum in Schwärze versank.

2. KAPITEL

DIE GABE

Direkt vor mir erschien Henry, das Gesicht so wutverzerrt, dass ich zurückzuckte. Er war in der Unterwelt, umgeben von dem gleichen kristallgeäderten Felsgestein, das ich bei meiner Ankunft gesehen hatte, doch die Höhle war nicht dieselbe. Diese war so weitläufig, dass ich das andere Ende nicht erkennen konnte, und leer bis auf ein gigantisches Gittertor, das aussah, als würde es aus der Wand selbst bestehen.

Henry erhob die zitternden Hände gegen einen dichten Nebel, der durch die steinernen Gitterstäbe sickerte, den Kiefer angespannt. Seine Brüder Walter und Phillip standen ihm zur Seite, doch es war offensichtlich, dass Henry in dieser Schlacht der General war.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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