Animox Origins 2. Der Stich der Wespe - Aimée Carter - E-Book

Animox Origins 2. Der Stich der Wespe E-Book

Aimée Carter

0,0
11,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Schwarze Witwe Ariana Webster ist die wohl tödlichste Schülerin in der Höhle, der Spionageschule für die Mitglieder des Insekten- und Arachnidenreichs. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder sie mag. Oder will, dass sie am Leben bleibt. Als der Schulleiter und Arianas enger Familienfreund während eines jahrgangumfassenden Wettkampfs verschwindet, müssen sie und ihr bester Freund Dev mit Arianas Rivalen zusammenarbeiten, um herauszufinden, was es mit dem Verschwinden auf sich hat – und um die Wespen aufzuhalten, die es auf Ariana, ihre Schule und den Thron der Schwarzen Witwe abgesehen haben. Animox Origins 2. Der Stich der Wespe: Ein actionreiches Fantasy-Abenteuer mit Ariana Webster - Tierfantasy vom Feinsten: Packendes Prequel zur Animox-Buchreihe für Kinder ab 9 Jahren voller Action, Intrigen und Abenteuer. - Eine starke Heldin: Der Spionage-Roman erzählt die spannende Geschichte der Gestaltwandlerin Ariana Webster, der besten Freundin von Simon Thorn. - Ein fantastisches Abenteuer: Gemeinsam mit ihrem Freund Dev versucht Ariana, das geheimnisvolle Verschwinden des Schulleiters aufzuklären. - Die Welt der Tierwandler: "Animox Origins" ist die Vorgeschichte zur erfolgreichen Fantasy-Buchreihe von Aimée Carter und verbindet bekannte Elemente mit neuen Handlungssträngen. - Hochspannung pur: Das Fantasy-Buch ist der ideale Lesestoff für Kinder ab 9 Jahren, die Bücher über Gestaltwandler wie "Woodwalkers" und "Seawalkers" lieben. In den Animox-Büchern von Bestsellerautorin Aimée Carter gerät der junge Gestaltwandler Simon in einen erbitterten Kampf zwischen den verschiedenen Tierreichen. Als Animox kann er mit den Tieren sprechen und erlebt actiongeladene Abenteuer in einer Fantasywelt. Die Animox-Bücher gibt es auch als Taschenbuch, Comic-Roman, Hörbuch und E-Book.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch

Ariana Webster ist die wohl tödlichste Schülerin an der Eliteschule für zukünftige Spione des Insekten- und Arachnidenreichs. Doch sie wird von allen nur als durchschnittlich wahrgenommen. Umso mehr brennt sie darauf, während eines gefährlichen Schulwettkampfs zu beweisen, was in ihr steckt.

Als der Schulleiter nach der ersten Prüfung verschwindet, müssen sie und ihr bester Freund Dev mit ihren Rivalen zusammenarbeiten, um herauszufinden, was passiert ist. Dabei decken sie Geheimnisse und Intrigen auf, hinter denen Gefahren lauern, von denen niemand etwas geahnt hätte.

 

In ANIMOX Origins erzählt Bestsellerautorin Aimée Carter die packenden Vorgeschichten der Hauptfiguren aus ihrer erfolgreichen Fantasy-Reihe.

Aimée Carter

Animox Origins (Band 2)

Der Stich der Wespe

Maren Illinger

Kapitel einsMantel und Degen

Ariana Webster war, so sahen es zumindest ihre Lehrer und Mitschüler, so durchschnittlich, wie man nur sein konnte.

Klar, sie färbte sich die Haare bunt, und niemand wäre so unklug gewesen, sie allein in einem dunklen Gang abzufangen. Aber dasselbe hätte man auch über alle anderen Schülerinnen und Schüler der Höhle sagen können, der Eliteschule für die vielversprechendsten künftigen Spione des Insekten- und Arachnidenreichs. Niemand in diesem Labyrinth aus Gängen und Geheimnissen war nicht tödlich – Ariana war also genau wie alle anderen. Mittelmäßig. Unauffällig. Gewöhnlich.

Und Ariana hasste es, gewöhnlich zu sein.

»Komm schon, Ari!«, rief ihr bester Freund Dev ihr zu, während sie ein großes Mädchen namens Meike umkreiste, dessen blondes Haar tiefschwarz gefärbt war. Sie war die Beste in ihrem Jahrgang, unübertroffen im Kampfring und im Klassenraum, mit den besten Noten und den besten Moves, die sogar den Spionagemeister an seine Grenzen gebracht hätten, hätte er sein Büro je lange genug verlassen, um ihr eine Chance zu geben.

Ariana sehnte sich danach, es ihr so richtig zu zeigen. Ein gut getimter Tritt gegen die Beine, ein perfekt gezielter Hieb, und sie könnte es schaffen. Vielleicht war es gar nicht so schwer. Sie wusste es nicht – sie hatte es nie ausprobieren dürfen.

Doch als Meike nun mit einem rechten Haken nach ihr schlug und, als dieser nicht traf, schnell mit einem linken Jab nachsetzte, der ebenfalls sein Ziel verfehlte, war Ariana kurz davor, alle Vorsicht über Bord zu werfen.

»Ist das alles, was du draufhast?«, spottete sie, obwohl Meike sie um einen ganzen Kopf überragte. Arianas Stichelei hatte einen wütenden Kick ihrer Gegnerin zur Folge, und sie musste zurückspringen, um dem kräftigen Tritt auszuweichen.

»Du bist heute ja richtig flink«, schnaufte Meike und kniff ihre blauen Augen zusammen. »Hast du plötzlich angefangen, im Training aufzupassen?«

»Vielleicht bist du ja auch langsamer als sonst«, gab Ariana zurück, während sie ihren Blick um den Kampfring huschen ließ. Die einzigen Erwachsenen im Raum waren ihre Kampftrainer, und wenn einer von ihnen durch ihre plötzliche Geschicklichkeit verwirrt war, so zeigte er es nicht. »Machst du dir etwa Sorgen wegen des Stechens?«

Meike schnaubte verächtlich, als wäre der Gedanke vollkommen abwegig. »Warum sollte ich?«

»Weil«, erwiderte Ariana, auf den Zehenspitzen hüpfend, während Meike ihr mühelos folgte, »du zwar allein was auf dem Kasten hast, aber nicht gerade gut mit anderen zusammenarbeitest.«

Ariana unterstrich diese Aussage mit einem Tritt gegen Meikes Knie. Obwohl ihre Gegnerin sich gerade noch rechtzeitig wegdrehen konnte, um einer Verletzung zu entgehen, traf Arianas Fuß doch ihre Wade, und Meike stürzte zu Boden.

Ariana wirbelte blitzschnell herum, um Meike von hinten in den Schwitzkasten zu nehmen. Aus dem Publikum ertönten überraschte Ausrufe – gut so! Jetzt waren auch ihre Trainer aufgewacht, und Ariana genoss ihre Fassungslosigkeit.

Ihre Freude war jedoch nur von kurzer Dauer. Meike umfasste ihre Ellbogen und schleuderte sie mit roher Kraft über ihre Schulter, sodass Ariana mit einem lauten Flatsch rücklings auf der Matte landete. Für diesen Move waren die meisten ihres Jahrgangs noch nicht stark genug, und die zierliche Ariana würde es vielleicht niemals sein. Sie wusste zwar, wie sie sich dagegen verteidigen konnte, hatte es aber vor Überraschung nicht getan. War wohl auch besser so, da Zwölfjährige diesen Trick eigentlich noch gar nicht kennen sollten.

Sie rang nach Atem, vor ihren Augen tanzten Sternchen. Meike beugte sich über sie und drückte ihre Arme über ihrem Kopf auf den Boden. Sie bewegte sich absichtlich langsam, ließ sich Zeit, als wüsste sie, dass sie genug davon hatte, während Ariana sich darauf konzentrierte, wieder Luft zu bekommen.

»Ich muss mit niemandem zusammenarbeiten«, zischte Meike so weit vorgebeugt, dass nur Ariana sie hören konnte, »solange ich die Beste bin.«

Ariana lachte atemlos. »Rede dir das ruhig weiter ein«, stieß sie hervor. Sie ruckte versuchsweise mit den Armen, doch Meike hielt ihre Handgelenke eisern umschlossen. »Es sind schon genug Spione gestorben, weil sie sich überschätzt haben.«

Meikes rosa Gesicht verzerrte sich vor Wut, und Ariana wusste, dass sie gewinnen konnte. Auch wenn Meike stärker und schwerer war als sie, würde es nur eine schnelle Drehung ihres Körpers und einen Stoß ihrer Hüften erfordern, um sie auf den Rücken zu werfen und wie einen präparierten Schmetterling auf die Matte zu pinnen, ehe sie wusste, wie ihr geschah. Dabei galt es als unmöglich, dass sich eine kleinere Schülerin aus einem solchen Griff befreien konnte – selbst ihre Kampftrainer hatten damit Probleme.

Doch Ariana konnte es. Innerhalb eines einzigen Wimpernschlags konnte sie Meike vor der ganzen Klasse demütigen und sie vielleicht sogar auf absehbare Zukunft zum Schweigen bringen, wenn sie nur wollte.

Und sie wollte. Sie wollte es so sehr, dass ihre Zähne knirschten.

Das Gebrüll und Geschrei um sie herum verschmolz zu einer Wand aus Lärm. Sie wusste, dass Dev sie anfeuerte – ihr zurief, sie solle alles geben, wobei er keine Ahnung hatte, wozu sie wirklich fähig war. Aber die meisten schrien zweifellos, Meike solle sie fertigmachen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen und vermutlich auch nicht das letzte.

Während Ariana vor Entschlossenheit brannte, Meike – und allen zukünftigen Spionen, die sich um den Ring versammelt hatten – zu zeigen, dass sie sich nicht so leicht unterkriegen ließ, strömte ein kühler Luftzug durch den Raum, und sie blickte zur Tür. Gerade lange genug, um ein Paar brauner Augen zu erkennen, die sie über die Köpfe der Schüler hinweg ansahen.

Der Spionagemeister.

Ariana schluckte. Sosehr sie allen zeigen wollte, was in ihr steckte, es ging nicht. Noch nicht. Als Meikes Knie sich in ihre Seite bohrte, stieß sie einen Schmerzensschrei aus. Er war nicht gespielt – Meikes Knie war spitz, und die ganze Situation war wieder einmal schrecklich demütigend. Denn wenn es eines gab, was Ariana noch mehr verabscheute, als gewöhnlich zu sein, dann zu verlieren.

Als sie zum Zeichen ihrer Niederlage auf die Matte klopfte und Meike damit zum x-ten Mal zur Siegerin machte, klammerte sie sich an die Gewissheit, dass sie diese Runde hätte gewinnen können – gewinnen müssen. Das konnte ihr niemand nehmen.

»Du hättest sie fast besiegt!«, rief Dev und sprang in den Ring, um ihr auf die Beine zu helfen. Meike stand bereits am Rand neben ihrem besten Freund Vesper, einem schmächtigen blonden Jungen, der Ariana mit zusammengekniffenen Augen misstrauisch ansah. Als wäre sie diejenige, die ihre Gegnerin gerade vor der ganzen Klasse bloßgestellt hatte, und nicht umgekehrt.

»Sie ist doppelt so groß wie ich und besteht quasi nur aus Muskeln«, knurrte Ariana, ergriff seine ausgestreckte Hand und zog sich auf die Füße. Ein Blick zur Tür verriet ihr, dass der Spionagemeister wieder verschwunden war – oder war er vielleicht gar nicht da gewesen? Vielleicht hatte Ariana ihn sich nur eingebildet, um sich daran zu erinnern, was auf dem Spiel stand, sollte sie zu dem Schluss kommen, keine weitere Niederlage ertragen zu können.

»Wann hat dich das je davon abgehalten, mich fertigzumachen?«, fragte Dev mit einem schiefen Grinsen. Er legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie zur Zuschauertribüne, wo die anderen Schülerinnen und Schüler ihres Jahrgangs auf den nächsten Kampf warteten. »Du musst echt dein Lampenfieber überwinden, weißt du?«

»Ich habe kein Lampenfieber«, stellte sie klar, obwohl das eine sehr bequeme Lüge war. Wenn sie beim Training mit Dev kämpfte, hielt sie sich nie zurück. Ihr Ego hätte es einfach nicht ertragen, ständig gegen ihn zu verlieren. Aber da er der Zweitbeste des Jahrgangs war, wunderte es niemanden, wenn er ihr, einer erbärmlichen, durchschnittlichen halben Portion, die eine oder andere Runde schenkte.

»Ich verstehe dich ja«, fuhr Dev fort, als hätte Ariana nicht widersprochen. »Ich werde auch nervös, wenn ich gegen die Spinnenprinzessin kämpfen muss. Was, wenn man sie versehentlich verletzt – oder Schlimmeres? Niemand will der Schwarzen Witwenkönigin sagen müssen, dass er ihre einzige Erbin getötet hat.«

Arianas Haut kribbelte, und sie schielte wieder zu Meike. »Das wäre wirklich eine Tragödie«, murmelte sie. »Auch wenn wir nicht wissen, ob sie wirklich die Spinnenprinzessin ist.«

»Klar wissen wir das«, entgegnete Dev fröhlich. »Oder glaubst du, die Schwarze Witwenkönigin würde zulassen, dass ihre Thronfolgerin etwas Geringeres als außergewöhnlich ist?«

Ariana, die immer noch durch die Menge zu Meike hinüberblickte, sah für einen kurzen Moment rot. »Nein«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Ihre Majestät würde sie wahrscheinlich auffressen und einen neuen Versuch starten.«

Dev klopfte ihr auf die Schulter. »Eben. Und wir wissen, dass sie in unserem Jahrgang ist.«

»Aber nicht, dass sie in der Höhle ist.«

»Wo sollte sie denn sonst sein?«

»Keine Ahnung. Vielleicht hat sie eine Menge Privatlehrer, die ihr Sachen beibringen, die wir niemals lernen werden«, sagte Ariana, wobei sie seinem Blick auswich. Das war jedenfalls plausibler, als die einzige Thronfolgerin des Insekten- und Spinnenreichs auf eine Schule voller zukünftiger Spione zu schicken, von denen einige aus Familien stammten, die gute Gründe hatten, die Schwarze Witwenkönigin und ihre Erbin tot sehen zu wollen.

Dev schnaubte. »Jede Königin in der Geschichte war in der Höhle! Was man natürlich immer erst hinterher erfahren hat … Finde dich damit ab. Auch wenn du sie nicht ausstehen kannst – Meike ist unsere zukünftige Königin.«

Ariana hätte explodieren können, doch das durfte sie sich nicht anmerken lassen. »Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, knurrte sie nur. »Ich muss jetzt los. Nachsitzen.«

»Aber die Stunde ist doch noch gar nicht …«

In diesem Moment ertönte der Summer, der das Ende des Unterrichts signalisierte, und Ariana grinste ihn selbstgefällig an. »Bis später beim Essen. Heute Abend erfahren wir doch die Einteilung für das Stechen, oder?«

Dev strahlte. »Was meinst du, wie hoch die Chancen stehen, dass wir in dieselbe Gruppe kommen?«

»Gleich null«, erwiderte Ariana, worauf Devs Begeisterung ein wenig schwand. »Aber dann habe ich wenigstens die Chance, dir in den Hintern zu treten.«

Devs Grinsen kehrte zurück. »Nicht, wenn du wieder vergisst, wie gut du bist.«

Langsam breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Glaub mir, das werde ich nicht«, versprach sie und warf Meike einen letzten entschlossenen Blick zu, bevor sie sich inmitten ihrer Mitschüler durch die Tür drängte.

Es fiel ihr nicht schwer, in der Menge unterzutauchen. Außerhalb ihres Jahrgangs hatte niemand einen Grund, sie zu kennen, und sie achtete sorgfältig darauf, nicht aufzufallen, obwohl sie sich danach sehnte, dass irgendjemand sie bemerkte. Dennoch hatte es zweifellos Vorteile, in einer Flut von Schülern – von drei bis achtzehn Jahren – unbemerkt zu bleiben, dachte sie, als sie auf das Büro des Spionagemeisters zusteuerte.

In den ersten Jahren ihres regelmäßigen »Nachsitzens« hatte Ariana sich mit einer ganzen Reihe an Mantel-und-Degen-Manövern aufgehalten, die manchmal bis zu zwanzig Minuten gedauert hatten, nur um sicherzustellen, dass ihr keiner der vielen misstrauischen Blicke folgte. Jetzt, vier Jahre später, wusste sie, dass sich niemand darum kümmerte. Wozu also die Mühe und Geheimnistuerei?

Immerhin tat sie so, als wäre ihr Ziel die Toilette am Ende des Gangs, und klopfte erst an die Tür des Spionagemeisters, als sie sich vergewissert hatte, dass der Flur um sie herum leer war. Ohne auf sein »Herein!« zu warten – was ohnehin nie kam –, hielt sie diskret ihren Daumen an das Sensorpanel, das sich unauffällig in die Wand fügte, wartete auf das leise Klicken des Schlosses, drehte den Knauf und stieß die Tür auf.

»Haben Sie mir etwa gerade im Training hinterherspioniert?«, fragte sie, noch während sie eintrat und die Tür hinter sich schloss. »Ich wollte sie gewinnen lassen, ich schwö–«

Ein leises Zischen unterbrach ihre Worte, und Ariana wusste sofort, was es war.

Ein Dolch, der direkt auf sie zuflog.

Kapitel zweiDie Ausnahme bestätigt die Regel

Bevor Ariana auch nur überlegen konnte, was zu tun war, schoss ihre Hand nach vorne. Dank ihrer Instinkte, ihrer Ausbildung und ihres jahrelangen heimlichen Trainings erwischte sie den Griff des Dolchs, Sekundenbruchteile bevor dessen Spitze sich in ihr Herz bohren konnte.

»Ich dachte, Sie sollten mich beschützen, nicht ermorden«, sagte sie schnippisch und legte den Dolch auf den Tisch neben der Tür. Der Spionagemeister zuckte hinter seinem großen Mahagonischreibtisch mit den Schultern und rieb sich seine unscheinbare Nase.

»Du wirst feststellen, dass die Klinge ziemlich stumpf ist«, sagte er. »Es hätte wehgetan, und du hättest deine Lektion gelernt, aber es hätte nicht allzu viel Schaden angerichtet.«

»Gut zu wissen«, erwiderte Ariana ironisch, ließ ihren Rucksack auf den Teppichboden fallen und machte es sich auf einem der Sessel ihm gegenüber bequem. Der Spionagemeister warf ihr einen mahnenden Blick zu, und sie seufzte. »Wirklich? Ich komme gerade vom Kampftraining.«

»Die Feinde deiner Mutter werden dir bestimmt gerne eine Pause zwischen ihren Mordanschlägen gönnen, wenn du sie brauchst«, sagte der Spionagemeister in seinem üblichen trockenen Tonfall.

Ariana murmelte ein paar unfreundliche Worte vor sich hin, wohl wissend, dass er sie hören konnte, und erhob sich unwillig aus dem Sessel. »Es macht mich wahnsinnig, dass alle Meike für die Prinzessin halten!«

»Ach ja?«, entgegnete der Spionagemeister, scheinbar mit seinen Notizen beschäftigt. »Ich sehe das als einen unglaublichen Glücksfall.«

»Für Sie vielleicht«, murrte Ariana, während sie langsam um den Tisch herumging, wobei sie den Blick über die langweiligen Landschaftsgemälde an der Wand schweifen ließ. »Aber Sie müssen sich ja auch nicht jeden Tag anhören, wie alle Loblieder auf sie singen und davon reden, dass sie uns eines Tages regieren wird.«

»Wird sie das denn?«, fragte der Spionagemeister, noch immer in seine Lektüre vertieft.

»Natürlich nicht. Wollen Sie mir eigentlich irgendwann verraten, was für ein Animox sie ist? Oder muss ich noch länger warten, so wie …«

Mit einer fließenden Bewegung sprang Ariana über die Tischkante, schwang dem Spionagemeister den Ellbogen um den Hals und nutzte ihren Schwung, um ihn vom Stuhl zu ziehen und auf den Boden zu werfen. Sie landete in Lauerstellung über ihm, doch bevor sie sich über ihren Erfolg freuen konnte, lag sie auch schon auf dem Rücken, in genau derselben Position, in der Meike sie wenige Minuten zuvor festgehalten hatte. Er hatte also doch spioniert.

»So wie alle anderen?«, beendete der Spionagemeister ihren Satz. Ariana grunzte und testete die Stärke seines Griffs. Er war außergewöhnlich stark – mit Gewalt würde sie sich nicht befreien können. Aber das war ja auch nicht ihre einzige Option.

»Ich habe ein Recht darauf, es zu wissen«, schnaufte sie, und mit einer Bewegung, die sie wochenlang trainiert hatte, gelang es ihr, den Spionagemeister auf den Teppich zu werfen und dort festzuhalten, indem sie ihm den Unterarm gegen die Kehle drückte. »Weil ich eines Tages über sie herrschen werde.«

Der Spionagemeister lächelte. »Ja, das werdet Ihr, Hoheit«, sagte er. »Und wenn der Tag gekommen ist, werdet Ihr, genau wie Ihre Majestät, Eure Mutter, wissen, welches Potenzial in jedem einzelnen Mitglied des Reichs steckt, Jahre bevor sie zum ersten Mal animagieren. Aber bis dahin …«

Er stieß sich mit den Füßen vom Boden ab, sein Körper faltete sich in der Taille, und obwohl Ariana ihn festhielt, schlängelte sich sein Arm um sie herum und warf sie zurück auf den Teppich, dass es ihr die Luft aus der Lunge schlug.

»Bis dahin, meine Liebe«, fuhr er fort und sah ihr in die Augen, »bist du leider nur eine ganz normale Schülerin.«

Ariana knurrte wütend. Es interessierte sie brennend, in welches Tier Meike sich verwandeln würde, seit vor zwei Jahren die ersten Gerüchte in der Höhle aufgekommen waren, ihre Erzfeindin sei die Spinnenprinzessin. Bei den meisten ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler war ihre potenzielle Animox-Gestalt auf zwei Tiere eingegrenzt: die Gestalt ihrer leiblichen Mutter und ihres leiblichen Vaters. Manchmal gewannen auch die Gene eines Großelternteils oder eines entfernten Verwandten die Oberhand, aber das kam selten vor. Etwa so, wie wenn zwei brünette Eltern ein rothaariges Kind bekamen.

Doch obwohl Meike beinahe genauso lange wie Ariana in der Höhle war – und die war seit ihrem dritten Lebensjahr dort –, hatte sie nie ein Wort über ihre Eltern verloren oder erwähnt, in welches Tier sie sich verwandeln würde, wenn sie alt genug wäre, um zum ersten Mal zu animagieren. Was nun, da sie alle zwölf Jahre alt waren oder bald wurden, jederzeit eintreten konnte. Natürlich wusste Ariana, dass Meike ihr Versteckspiel nur so lange aufrechthalten konnte, wie sich ihre Animox-Gestalt nicht zeigte. Aber Ariana war nicht für ihre Geduld bekannt, und das bisschen, das sie noch hatte, schwand rapide.

Als sie einsehen musste, dass sie sich nicht aus dem Griff des Spionagemeisters befreien konnte, klopfte sie auf den Teppich, woraufhin er sie losließ und ihr die Hand reichte.

Sie ergriff sie nicht. »Claire – Sie wissen schon, die, die sich letzten Monat in eine Libelle verwandelt hat – hat mich gestern Adrianna genannt. Und dabei sind wir seit unserem fünften Lebensjahr im selben Schlafsaal!«

»Du sagst das, als wäre es etwas Schlechtes«, erwiderte der Spionagemeister mit einem Augenzwinkern. »Dabei beweist es doch nur, dass du deine Mission hervorragend erfüllst.«

»Das ist keine Mission«, fauchte Ariana. »Das ist mein Leben!«

»Manchmal kann sich beides gleich anfühlen.« Der Spionagemeister nahm wieder hinter seinem Schreibtisch Platz und bedeutete ihr, sich ebenfalls zu setzen. Erleichtert umrundete Ariana den Tisch und ließ sich mit einem Seufzer in ihren Lieblingssessel fallen. »Stört es dich wirklich so sehr, nicht hervorzustechen, dass du bereit bist, dein Leben dafür aufs Spiel zu setzen?«, setzte er hinzu.

Ariana öffnete den Mund und schloss ihn wieder. »Na ja, ich … will mich nicht als jemand ausgeben, der ich nicht bin.«

»Tja, dann bist du vielleicht in der falschen Branche.« Der Spionagemeister tippte mit seinem Stift auf ein Blatt Papier vor ihm auf dem Tisch, und Ariana bemerkte den Briefkopf ihrer Mutter. Nicht das pompöse, goldgeprägte offizielle Papier, sondern ganz normales, das keine unnötige Aufmerksamkeit erregte. »Wir alle geben vor, jemand zu sein, der wir nicht sind, meine Liebe. Selbst diejenigen, die nicht als Spione dienen. Das liegt in der Natur des Menschen, wir müssen es einfach akzeptieren. Schon bald wird dir gar nichts anderes übrig bleiben, als jeden Tag deines Lebens genau das zu sein, was du bist. Und glaub mir, dann wirst du dich nach den Tagen der Anonymität und Privatsphäre zurücksehnen.«

Ariana gab sich Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. Es war nicht das erste Mal, dass der Spionagemeister ihr diesen Vortrag hielt, und sie war nicht in Stimmung, zu diskutieren. Er hatte immer eine schlaue Antwort parat, als hätte er ihr Leben schon vor ihr gelebt und wüsste genau, wie sie sich fühlte. Was schlichtweg beleidigend war. »Was will meine Mom diesmal?«

Der Spionagemeister ließ sich von ihrem abrupten Themenwechsel nicht aus der Ruhe bringen. »Das Übliche«, erwiderte er und zeichnete mit der Spitze seines Stifts die markante Handschrift ihrer Mutter nach. »Einige politische Angelegenheiten besprechen. Sich nach dem eineiigen Zwillingspaar erkundigen, das kürzlich der Höhle beigetreten ist. Und natürlich will sie wissen, wie deine Ausbildung voranschreitet.«

Natürlich. Sie interessierte sich nicht dafür, wie es Ariana ging oder wie sie sich fühlte, sondern nur, ob sie eines Tages eine gute Königin abgeben würde. Ariana versuchte, es nicht persönlich zu nehmen – sie wusste, dass ihre Mutter die Last des gesamten Königreichs auf ihren Schultern trug. Und sie konnte sie am besten unterstützen, indem sie ihren Unterricht ernst nahm, insbesondere den des Spionagemeisters. Trotzdem war es schwer, nicht gekränkt zu sein, dass ihre eigene Mutter sie hauptsächlich als Werkzeug betrachtete.

»Schreiben Sie ihr doch, dass ich beschlossen habe, mich den Bienen anzuschließen und der Landwirtschaft zu widmen«, sagte sie flapsig.

»Das hast du schon vor drei Monaten gesagt«, entgegnete der Spionagemeister, ohne mit der Wimper zu zucken. »Vielleicht wurdest du diesmal von der Wespenkolonie als Attentäterin rekrutiert?«

Ariana rümpfte die Nase. »Das glaubt sie sowieso nicht. Die rekrutieren nie jemanden außerhalb ihrer Art.«

»Sollte man meinen«, sagte der Spionagemeister und kritzelte ein paar kurze Antworten an den Rand des Briefs, darunter auch eine Zeile über Arianas angeblichen Beitritt bei den Wespen. Fairerweise musste man sagen, dass ihre Mutter es auch dann nicht geglaubt hätte, wenn es plausibel gewesen wäre, so gut kannte sie ihre Tochter dann doch. Ariana stellte sich diese Mitteilungen gerne als Insiderwitze zwischen ihnen beiden vor, obwohl sie keinen Beweis hatte, dass ihre Mutter sie lustig fand.

Der Spionagemeister beendete den Brief mit seinen schwungvoll aufs Papier gebrachten Initialen: T.A.S. Ariana musterte sie.

»Tony Atticus Smythe«, vermutete sie.

»Wieder falsch, alle drei«, erwiderte er und schraubte die Kappe auf seinen Füllfederhalter. »Ich wollte mit dir über das Stechen reden.«

Arianas Augen verengten sich. »Was ist damit?«

Er räusperte sich. »Ihre Majestät und ich haben die Angelegenheit besprochen und sind beide der Meinung, dass es klug wäre, wenn du die Prüfung ausfallen lässt.«

Ariana klappte die Kinnlade herunter. »Moment – was? Warum?«

Die Heftigkeit ihrer Reaktion schien den Spionagemeister zu überraschen, und er zog eine Augenbraue hoch. »Ich wusste nicht, dass du so scharf auf die Prüfung bist«, sagte er und stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Ich hätte vermutet, dass du dich lieber auf dein Training konzentrieren würdest.«

»Nicht wirklich«, erklärte sie unverblümt. Schließlich hatte sie die ganzen letzten Jahre damit zugebracht, Fähigkeiten zu trainieren, die sie niemals zeigen durfte. Das Stechen diente dazu, den Lehrern und Trainern zu zeigen, wie sich die Zwölfjährigen unter Druck verhielten, damit sie wichtige Entscheidungen über ihre zukünftigen Laufbahnen treffen konnten. Gleichzeitig war es ein jahrgangsumfassender Wettbewerb, auf den sich alle jüngeren Schülerinnen und Schüler freuten. Das Stechen war legendär. Sagenumwoben. Und es lief jedes Jahr anders, sodass niemand eine Ahnung hatte, was auf sie zukam. »Ich bin zwölf. Ich muss mitmachen. Alle machen mit.«

»Es gibt Ausnahmen –«, begann der Spionagemeister.