Anna und das Leuchten der Wale - Yarrow Townsend - E-Book

Anna und das Leuchten der Wale E-Book

Yarrow Townsend

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Beschreibung

Eine mutige Heldin und ein faszinierendes Abenteuer, für Kinder ab 10 Jahren Anna lebt auf der abgelegenen Windrose-Island im Einklang mit der Natur. Als ihr Stiefvater Caleb wegen Schmuggels verhaftet wird, ist sie fest entschlossen, seine Unschuld zu beweisen. Die Wahrheit könnte an Bord der Albatross liegen, einem verschollenen Walfänger. Mit ihrer Freundin Mina wagt sich Anna auf eine gefährliche Seereise, um das verlorene Schiff zu finden - bevor der skrupellose Bartholomew Rime ihnen zuvor kommt. Rime, Anführer einer verschworenen Gesellschaft, hat es auf die Ressourcen der Insel abgesehen, insbesondere auf das wertvolle grüne Walöl. Für Anna und Mina ist es eine Reise ins Ungewisse, denn sie haben keine Karte, nur die Vögel und der Gesang der Wale weisen ihnen den Weg. Starkes Plädoyer für Natur- und Artenschutz und damit perfekt für alle kleinen Umweltschützer

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Über das raue Meer, vorbei an hohen Klippen und durch dichten Nebel wagt Anna mit ihrer Freundin Mina eine Reise ins Ungewisse – nur die Vögel und der Gesang der Wale weisen ihnen den Weg. Anna folgt nicht nur einer alten Spur, sie hat auch ein verzweifeltes Ziel: Irgendwo da draußen liegt die Albatross, ein verschollener Walfänger. Um Unheil von ihrer Familie abzuwenden, muss sie das Schiff unbedingt als Erste erreichen. Doch der finstere Bartholomew Rime ist ihr dicht auf den Fersen. Kann Anna das Geheimnis der Albatross lüften, bevor es zu spät ist?

Die Autorin

© Privat

Yarrow Townsend verbrachte die meiste Zeit ihrer Kindheit im Wald. 2009 ging sie nach Oxford, um Englische und Französische Literatur zu studieren, und entdeckte, dass der Botanische Garten der perfekte Ort war, um für Prüfungen zu lernen. Nach dem Studium wurde sie Englischlehrerin. Heute lebt sie auf einem Boot und reist durch die Kanäle Englands.

Der Verlag

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Viel Spaß beim Lesen!

Yarrow Townsend

Anna und das Leuchten der Wale

Roman

Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi

Thienemann

Für Liz, Anneka & die Vögel

Ich bin mit Laternen unterwegs,auf der Suche nach mir selbst.Emily Dickinson

PROLOG

Das Schiff glitt über das Meer, und sein Bug zerschnitt die Wellen wie eine Klinge. Ein wettergegerbter alter Kapitän stand auf dem Vordeck und schaute in die klare Mondnacht. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, als versuche er das Gefühl abzustreifen, dass etwas nicht stimmte. Ja, auf dem Schiff stank es bestialisch nach Walspeck und verbranntem Eisen. Ja, ein Schwarm dunkler Vögel folgte dem Schiff und stürzte sich gierig auf die Eingeweide und Abfälle, die sie über Bord geworfen hatten. Ja, die Besatzung war tatsächlich erschöpft und kurz vor dem Aufgeben. Doch das alles gehörte zum Leben auf See dazu.

Trotzdem war irgendetwas anders als sonst. Seit sie ihren Fang verarbeitet und in den Fässern verstaut hatten, war etwas geschehen. Die Männer wirkten verunsichert, schauten sich ständig über die Schulter oder starrten, über die Reling gebeugt, auf die Wellen … Und jetzt merkte der Kapitän, dass er es unwillkürlich seit einer ganzen Weile ebenfalls getan hatte, einfach weil dieses Gefühl so stark war.

Das Gefühl, verfolgt zu werden.

»Volle Kraft voraus!«, befahl der Kapitän. »Da ist nichts.«

Er bemühte sich, die dunklen Schatten zu übersehen, die sich im Wasser bewegten.

»Wo ist O’Sullivan?«, fragte er und schaute sich nach seinem Ersten Navigator um. O’Sullivan war der Mann, der sie sicher zurück zum Hafen bringen sollte, wo sie ihre kostbare Fracht verkaufen würden.

»Er ist weg, Kapitän«, antwortete der Erste Offizier.

»Wie, weg?«

»Er hat gesagt, das Schiff sei verflucht. Er hat das kleine Walboot hinuntergelassen und ist damit davongesegelt.«

»Verflucht? Unsinn!« Der Kapitän zog die Seekarten zu sich heran und entrollte sie im Schein der Lampe. Das Schiff befand sich in gefährlicher Nähe zu Untiefen, das war ihm klar. Sie mussten unbedingt …

Dann erstarrte der Kapitän. Das Gesicht des Ersten Offiziers hatte einen Ausdruck des Entsetzens angenommen.

»Er macht, dass die Tiefe brodelt wie ein Topf«, flüsterte der Mann, den Blick aufs Wasser geheftet.

Es war, als wäre das Meer selbst lebendig geworden. Aus dem aufgewühlten Wasser stieg glitzernde Gischt auf und griff gierig nach dem Schiff. Dunkle Vögel stürzten wie riesige Hagelkörner auf die Wasseroberfläche hinunter, und silbrige Fische sprangen in verzweifelter Flucht in alle Richtungen. Gleich darauf tauchte aus dem Wasser eine dunkle Wölbung auf und raste auf das Schiff zu.

»Der Himmel sei mit uns«, sagte der Kapitän entsetzt, als ein Dutzend weiterer dunkler Rücken auftauchte.

Er wollte schreien, er wollte sich zusammenreißen, um Befehle zu brüllen wie: Alle Mann an Deck! Volle Fahrt voraus! Doch dafür war es zu spät. Als hätten sie einen gemeinsamen Plan, warfen sich die Kreaturen gegen den Schiffsrumpf.

Ohrenbetäubender Lärm. Dem Kapitän flog die Mütze vom Kopf und landete in den Wellen. Das Schiff tat einen Satz und schaukelte heftig hin und her. Der Kapitän spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Das war das Ende.

Er hob die Hände zum Gebet … Doch noch bevor er auch nur beginnen konnte, um die Vergebung seiner Sünden zu bitten, krachte es donnernd, und das Schiff, das auf ein Riff aufgelaufen war, brach entzwei. Zwischen den zersplitterten Planken und Balken sickerte Wasser ein. Wie mit einer riesigen Zunge leckte das Meer die Fässer vom Schiff, nahm sie auf, sog sie ein, sodass sie trudelnd immer tiefer sanken und mit den Strömungen davontrieben. Die dunklen Schatten stießen einen Triumphschrei aus, ein dumpfer, widerhallender Laut. Die Ladung gehörte dem Meer. Alles gehörte dem Meer.

Teil 1DIE FALCON

KAPITEL EINS

Anna stand ganz oben auf den windumtosten Klippen. Unter ihr schlug das Wasser gegen die Felsen. Ihr Mantel und ihr Rock blähten sich im Wind und schlugen flatternd gegen die langen Grashalme und Farnwedel, die auf dem höchsten Punkt der Insel wuchsen. Es dämmerte bereits, und die Luft hallte von den lauten Schreien der Seevögel wider. An diesem Abend waren keine Schmuggler unterwegs, keine Nesträuber, und es hatte auch keine Steinschläge gegeben. Alles war so, wie es sein sollte.

Beruhigt ließ sich Anna vom stürmischen Wind zurück auf den Küstenpfad schieben und ging weiter zum nächsten Aussichtspunkt. Eine Ledertasche schwang an ihrer Seite hin und her, und sie hatte den Saum ihres langen Rocks in den Gürtel gestopft, damit sie nicht darüberstolperte. An ihrem Gürtel hing auch eine kleine Lampe, die ein schwaches rotes Licht ausstrahlte. So konnte Caleb sie bei ihrer Arbeit im Auge behalten.

Annas Arbeit war sehr wichtig.

Hinter ihr neigte sich die Insel sanft dem Meer zu, wie der Rücken einer schlafenden Kuh. Schafe sprenkelten den Hang. Weit unten ragte der Anlegesteg ins Wasser. Ein paar Schritte weiter stand ein Grüppchen von gemauerten Gebäuden, ihr Zuhause. In der Glasscheibe des Signalraums spiegelte sich das letzte Tageslicht.

Anna schaute nach Norden zu der ehemaligen kleinen Kirche, in der ihre Freundin Mina bis vor zwei Jahren gewohnt hatte. Der Kirchturm war Minas Leuchtturm gewesen. Jeden Abend hatten sie einander über die Insel hinweg Signale gesendet. Doch jetzt blieb der Turm dunkel. Bald würde es Nacht sein, und die Lichter des Städtchens am Festland würden wie Sterne erstrahlen. Windrose Island würde von der Dunkelheit eingehüllt werden, und dann fühlte sich Anna auf ihr immer am wohlsten.

Sie ging auf dem steil ansteigenden Küstenpfad weiter. Hier und da waren im hohen Gras Nisthöhlen von Sturmtauchern versteckt. Sie schaute in eine hinein und entdeckte zwei Vögel: einen erwachsenen und ein Küken.

Mit dem Rücken zum Wind notierte Anna den Fund in ihrem Notizbuch.

Der Elternvogel klapperte mit dem Schnabel und schob sich vor sein Junges. Die beiden warteten geduldig darauf, dass die anderen erwachsenen Vögel in der Dunkelheit zur Brutkolonie zurückkehrten, mit Schnäbeln voller fetter Sandaale für ihre Jungen. Anna fielen ein paar lange, pechschwarz glänzende Federn auf, die am Rand der Erdhöhle lagen. Caleb wollte, dass sie den Vögeln die Federn ausrupfte, damit er sie verkaufen konnte. Aber natürlich tat sie das nicht.

»Keine Angst, ich nehme euch nichts weg«, sagte sie zu den Sturmtauchern. Caleb hätte sich auch gefreut, wenn sie Eier einsammeln würde. Auf dem Festland konnte man sie gegen gutes Geld verkaufen, in Notzeiten waren sie auf der Insel ein begehrtes Nahrungsmittel. Doch ohne Eier gäbe es keine Vögel – ein Gedanke, der Anna überhaupt nicht gefiel.

Sie ging weiter, kontrollierte sorgfältig die Nester und vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war. Manche Vögel erkannte sie auf Anhieb. Sie hatte ihnen Namen gegeben: Grauflügel, mit dem grauen Band inmitten des schwarzen Gefieders. Langkralle, dessen Zehen länger waren als die seiner Artgenossen. Netzkappe, die sie einst aus einem Gewirr von Spinnennetzen befreit hatte. Bei jedem unbeschädigten Nest freute Anna sich, dass die kleine Familie den Sommer gut überstanden hatte. Sie hatten die Ratten und die Nerze überlebt und auch die Glasscherben, die die Schmuggler hinterlassen hatten. Annas Arbeit bestand darin, die Vögel zu beschützen, bis die Jungen flügge waren und sich an einem Tag mit den richtigen Windverhältnissen von den Klippen stürzten. Dann folgten die Jungvögel ihren Eltern aufs Meer hinaus, um den kalten Winter dort draußen, inmitten der hohen Wellen und der fliegenden Gischt zu verbringen.

Anna seufzte. Zwar war die Luft noch warm, doch der Heidekrautduft des Sommers war bereits schwächer geworden und machte allmählich dem schärferen Salzgeruch des Herbsts Platz. Bald würden die Sturmtaucher die Insel verlassen.

In einer der Nisthöhlen fand Anna eine kleine Weinbrandflasche. Mit gerümpfter Nase goss sie den Inhalt aus und steckte die Flasche ein. Sie fand, dass Caleb keinen Weinbrand brauchte. Doch die leere Flasche würde auf ihrem Fenstersims hübsch aussehen.

Zum Wind hatte sich inzwischen ein feiner Nieselregen gesellt und verdeckte wie ein Vorhang die Sicht auf das Festland. Anna wischte sich die Stirn ab und ging weiter. Hier war der Pfad noch steiler, bevor er genauso steil zu einer kleinen Bucht hinabführte.

Über sich hörte Anna ein Rascheln und dann einen kreischenden Schrei. Ein Falke hatte einen vom Meer zurückkehrenden Sturmtaucher in der Luft gepackt.

»Verdammte Räuber!«, fluchte Anna und trug in ihr Notizbuch Wanderfalke ein. In der Nisthöhle neben ihr regte sich ein junger Sturmtaucher, ein pechschwarzer Vogel mit glänzenden runden Augen. Im Gesicht hatte er noch den Kükenflaum. Erwartungsvoll schaute er zum Himmel hinauf.

»Es tut mir leid«, sagte Anna. »Ich hoffe, dass es dort draußen noch jemanden gibt, der Futter für dich holt und dir dann zeigt, wo du hinfliegen musst.«

Sie hatte schon ein paarmal daran gedacht, einen verwaisten jungen Vogel mit nach Hause zu nehmen, um ihn aufzuziehen. Doch Sturmtaucher waren Wildtiere, und es wäre einfach nicht richtig. Außerdem mussten Wanderfalken auch etwas zu fressen finden.

Anna blieb einen Augenblick stehen und atmete die salzige Nachtluft ein. Obwohl es inzwischen dunkel war, konnte sie erkennen, dass das Wasser an manchen Stellen auffallend ruhig war, jedoch über den Sandbänken Wellen und Wirbel bildete.

Das Meer schmiegte sich an die Klippen.

»Halt dich an das, was du sehen und hören kannst«, würde Caleb jetzt sagen. »Das ist der eigentliche Zauber.«

Von der kleinen Bucht drangen seltsame Geräusche zu ihr herauf. Ein klagender, stöhnender Laut, wie von einem verletzten Tier, der aber vielleicht auch vom Wind verursacht wurde. Und das Klopfen von Holz auf Stein.

Anna legte sich flach auf das Gras. Mit ihrem Notizbuch in der einen Hand und dem zwischen die Zähne geklemmten Bleistift kroch sie auf den Rand der Klippe zu.

Klopf, klopf.

»Hört ihr das auch?«, fragte sie die Sturmtaucher. Doch die flüchteten in ihre Nisthöhlen und beachteten sie nicht. »Da unten ist ein Boot.«

Das bedeutete: Schmuggler. Ein kalter Schauer lief Anna über den Rücken. Sie versteckte ihre Lampe in einem Grasbüschel, das zwischen den Nisthöhlen emporragte, und löschte das Licht. So war es besser.

Anna begann sich vorsichtig näher heranzuschleichen, um sehen zu können, was da los war. Falls sie den Namen des Boots erkennen konnte, würde sie es der Gesellschaft drüben in Mosshaven melden. Caleb waren die Gesellschaft und deren Regeln gleichgültig. Annas Freundin Mina sah das anders. Die Regeln hatten durchaus Sinn. Vor allem dann, wenn sie dazu beitrugen, die Schmuggler von den Vögeln fernzuhalten.

»Ich mache das für euch«, sagte Anna zu einem der Sturmtaucher. »Wenn ich mich nicht um den Schutz der Insel kümmere, wird es auch kein anderer tun.«

In der Dunkelheit fühlte sie sich geborgen. Sie gab ihr Sicherheit, als wäre sie eine weiche wollene Decke. Anna spürte, wie der Wind mit ihrem Haar spielte. Sie hörte das Meer, das Rascheln der Gräser und das Klopfen des Schmugglerboots.

Klopf, klopf.

Am Klippenrand angelangt, tastete sie nach ihrem Seil, das sie fest um einen Felsvorsprung geknüpft hatte. Es hing bis zu den untersten Stufen einer Treppe hinunter, die vor langer Zeit in den Fels gehauen worden war. Mittlerweile aber wurde die Treppe nur noch von Papageitauchern, Trottellummen und Tordalken genutzt, die sich darauf niederließen, um ihr Gefieder zu putzen.

Anna stopfte den Rocksaum höher in den Gürtel und machte sich an den Abstieg in die bestimmt dreißig Meter tiefer gelegene Bucht.

Wild rasten die Wellen dem Strand entgegen und rollten mit saugenden Geräuschen wieder zurück. Deep Cove, die tiefe Bucht, bestand eigentlich nur aus einem Felssims und einem schmalen, halbmondförmigen Strand darunter. In der Felswand war eine Höhle, von der Anna sich fernhalten sollte. Das hatte Caleb ihr eingeschärft.

Natürlich hatte Anna hier schon Spuren von Schmugglern gesehen. Als sie einmal mit Mina hergekommen war, um Vögel zu zählen, hatten sie sogar Fußabdrücke im Sand entdeckt. Aber noch nie zuvor war sie alleine hier gewesen.

Doch das machte ihr nichts aus, denn schließlich war hier alles voller Seevögel. Sie waren Teil der Insel, ebenso wie sie selbst. Die Schmuggler kannten sich hier nicht annähernd so gut aus wie Anna. Sie waren einfach nur Männer vom Festland, die ungeschickt im Dunkeln herumtasteten, um ihre Weinbrandfässer zu verstecken.

Anna war inzwischen auf dem Strand angelangt. Sie hörte, wie die Männer Fässer in Richtung Höhle rollten.

Das Mädchen kletterte über nasse Felsbrocken, an denen Napfschnecken und Seepocken hafteten. Es war Ebbe, das Meer zog sich aus der Bucht zurück. Gleich hinter dem Wassersaum lag das Boot. Es war sehr leicht und nur ein bisschen kleiner als ihr eigenes Boot, die Turnstone. Offenbar war es keine große Ladung, die die Männer hergebracht hatten. Anna streckte einen Arm aus und ertastete Decken und Säcke. Und es war offenbar alles. Die Fässer waren schon alle ausgeladen, doch war ein eigenartiger Geruch zurückgeblieben. Nach Fisch, Rauch und Metall.

Sie hörte zwar die Stimmen der Männer (es waren vermutlich nur zwei), verstand aber nicht, was sie sagten. Wenn sie nur den Namen des Boots lesen könnte! Dann würde sie die Gesellschaft verständigen …

Sie fuhr mit den Fingern am Bug entlang. Vielleicht war der Name aufgemalt und die Farbe stand vom Holz ab. Doch das Holz war überall gleich glatt.

Anna drehte den Männern den Rücken zu. Sie waren in der Höhle beschäftigt und würden es nicht bemerken. Sie entzündete ein Streichholz und hielt ihre Jacke davor, damit man es von der Höhle aus nicht sah.

Mit dem brennenden Streichholz leuchtete Anna die Bootswand ab.

»Hast du das gerade gesehen?«, rief eine Stimme.

Lautlos fluchend löschte Anna das Streichholz in einem Wassertümpel. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

»Da ist jemand!«

Anna kroch zurück und versteckte sich so gut es ging zwischen dem Boot und den Felsbrocken.

Sie hörte das Knirschen der Schritte auf den Kieseln. Die Männer kamen näher und würden sie finden …

Anna kniff die Augen fest zusammen.

Die Männer blieben stehen.

»Was ist das?«, fragte einer der beiden.

In der kleinen Bucht war es ganz still geworden. Sogar das Rauschen der Wellen schien leiser als sonst zu sein, und die Seevögel in den Klippen schwiegen.

Der Wind hatte sich gelegt.

»Was ist hier los?«, fragte der eine Mann.

»Keine Ahnung«, antwortete der andere. »Aber mir läuft es kalt den Rücken runter, das kann ich dir sagen.«

Anna hätte beinahe gelacht. Sie wusste, was das war.

Es war die große Stille vor dem Eintreffen der Sturmtaucher.

Im nächsten Augenblick kamen sie angeflogen: bestimmt tausend von ihnen, die auf die Insel zurückkehrten. Die Luft war von ihren Schreien erfüllt, diesen seltsam gequetscht klingenden Lauten.

Eine perfekte Ablenkung und genau zum richtigen Zeitpunkt!

Die Männer drehten sich verwirrt um. Anna sprang auf, zerriss sich den Rock an den scharfkantigen Felsen und raste auf die Felswand zu. Als der Strahl einer Lampe sie fand, hatte sie gerade das Seil erreicht.

»Da!«, schrie der eine.

Anna ergriff das Seil und begann zu klettern. Sie stützte ihre Füße an den Felsen ab und zog sich mit den Händen Stück für Stück höher.

Schnell waren die Männer zur Stelle. Einer ergriff das Seil, der andere versuchte erfolglos, die Felswand hinaufzusteigen. Anna trat so gegen die Wand, dass ein Schwall Steine auf die Schmuggler herabstürzte. Ein Schrei, ein Klatschen, das Klirren von brechendem Glas, und die Lampe erlosch. Als Anna oben angelangt war, blieb sie bäuchlings im Gras liegen. Sie hörte unsichere Schritte auf dem Strand und bald darauf, wie Holz über Fels geschoben und zu Wasser gelassen wurde.

»Lass uns hier verschwinden«, meinte einer der Männer. »Es war nur irgend so ein Kind von der Insel. Wir haben erledigt, was Rime verlangt hat.«

Die Sturmtaucher riefen aus ihren Nisthöhlen, damit ihre Partner zu ihnen zurückfanden. Anna spürte, wie sie über sie hinwegflogen. Sie flitzten wie Schattenpfeile durch die Nacht. Dann hörte Anna noch einen anderen Ruf, einen Ruf, den sie nicht gleich zuordnen konnte und der von weiter her kam. Vielleicht war es nur der Wind, der durch die Felsspalten pfiff. Er klang leise und traurig und erinnerte sie an Caleb und daran, wie er früher, als sie noch klein gewesen war, aufs Meer gestarrt und nach dunklen Schatten am Horizont Ausschau gehalten hatte.

Der Gesang eines Wals.

Anna lauschte in die Dunkelheit, bis das Klatschen der Ruder in der Ferne verklang. Die Männer ruderten auf Mosshaven zu. Bald darauf verstummte der Wal. Auch die Vögel beendeten ihr Geschwätz und steckten den Kopf unter die Flügel. Nun war es auf der Insel wieder ruhig und still. Genau wie es sein sollte.

KAPITEL ZWEI

Die Tür knarzte, als Anna sie einen Spalt weit aufschob, doch Caleb hörte es nicht. Er war tief über den Esstisch gebeugt und nähte im Schein einer Kerze. Das Zimmer, das gleichzeitig als Küche und Wohnstube diente, war klein und nur sehr spärlich möbliert. Auf dem gusseisernen Ofen köchelte ein Hammeleintopf vor sich hin. Durch das schmale Fenster konnte man zum Bootsanleger hinübersehen.

Caleb schob die Nadel durch den Stoff, und das goldgelbe Garn blitzte im Kerzenschein feuerrot auf. Er sang bei der Arbeit leise, und der Wind draußen heulte eine Begleitmelodie dazu.

Nebel ums Hauptsegel

und Nebel auf dem Wasser

und Vögel wirbelten zum sternenhellen Himmel empor …

Wenn Caleb sang, war er in einer geheimnisvollen anderen Welt.

Anna verriegelte hinter sich die Tür und ging auf Zehenspitzen zur Abstellkammer, in der sie die Säcke mit Getreide und unversponnener Wolle aufbewahrten. Sie zog ihre Stiefel aus, bevor sie auf Socken die Treppe hinaufschlich. Oben war rechts ihr kleines Zimmer, links war das von Caleb. Wenn man den Flur weiterging, gelangte man zu einer steilen Leiter, die zu einer verschlossenen Tür führte: die Tür des Signalraums. Anna schloss sie mit einer Haarnadel auf. Unten hörte sie Caleb immer noch singen.

Der Signalraum war rund und hatte ringsum Glasfenster, die einen ungehinderten Blick auf die dunkle Wasserfläche des Wake ermöglichten und auf die Lichter von Mosshaven an der Küste. Anna mochte den Signalraum nicht mehr. Sie mochte ihn nicht mehr, seit Mina weggezogen war.

In dem Raum gab es eine Signallampe mit runden Glaslinsen, die auf einen Dreifuß montiert war. Anna klappte eine Seite herunter und entzündete die Lampe. Dann schloss sie die Tür und stellte die Linsen ein. Ein goldener Strahl zeigte auf Mosshaven und seinen Alten Leuchtturm, in dem die Gesellschaft ihr Hauptquartier hatte. Er warnte mit seinem schwachen Licht die Schiffe vor den gefährlichen Klippen in der Bucht des Wake.

Mit angehaltenem Atem morste sie ihre Nachricht, sorgsam bemüht, keinen Fehler zu machen. Die Klappe öffnete und schloss sich vor dem Licht: an – aus – aus – an – Schmuggler Windrose Island. Kleines Boot. Zwei Männer.

Anna wartete gespannt auf ein Antwortsignal vom Alten Leuchtturm.

Doch der blieb dunkel.

Sie schaute zu der ehemaligen Kirche und deren Turm hinüber, von dem aus Mina früher mithilfe einer Lampe und eines Spiegels Nachrichten geschickt hatte. Treffen beim Erdbebenfelsen. Bring Tee. Oder: Treffen beim Eyrie. Geheimer Plan.

Inzwischen arbeitete Mina im Büro der Gesellschaft. Sie hatte versprochen, ihr zu schreiben, doch der Fährmann hatte Anna noch nie einen Brief gebracht. Anna stellte sich vor, wie Mina spätabends an ihrer Schreibmaschine saß und zu Windrose Island hinüberschaute, und bekam bei der Vorstellung Herzklopfen.

Weil immer noch keine Antwort gekommen war, morste Anna ihre Nachricht ein zweites Mal. Dabei lauschte sie angestrengt, ob sich im Erdgeschoss etwas regte. Nein, Caleb sang immer noch vor sich hin.

Im nächsten Augenblick blitzte am Festland grünes Licht auf.

Verstanden.

Anna runzelte die Stirn. Normalerweise war das Signallicht eher schwach und gelblich-weiß. Warum hatte es nun eine andere Farbe und war so hell wie der Vollmond?

Das grüne Licht flackerte und erlosch. Die Bucht lag wieder im Dunkeln.

Anna schüttelte den Kopf. Bei der Gesellschaft würde man über ihre Nachricht sicher froh sein, und Männer würden den Hafen von Mosshaven nach dem Boot absuchen. Damit war die Sache für Anna eigentlich erledigt.