An Harriet.
VORREDE.
ANTHROPOSOPHIE.
DIE IDEEN.
DAS WIRKLICHE.
DIE KUNST.
SCHLUSS.
„Den
Zufall gibt die Vorsehung; zum Zwecke
„Muss
ihn der Mensch gestalten. — —”Schiller.
VORREDE.
Titel
und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede aus dem
Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten, was in das
letztere selbst gehört, so bleibt ihr nur übrig, sich mit dem
ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschäftigen. Ueber beide
werden wenige Worte genügen.Anthroposophie
ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche denselben wählt,
will damit angedeutet haben, dass es weder ihr Ziel sei, wie das der
speculativen Schule, Theosophie, noch ihr genüge, wie empirischer
Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu sein. Wenn derselben —
nicht zu ihrem Leidwesen — die speculativen Schwingen fehlen, um
mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen des theocentrischen
Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt ihr nicht weniger
die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, über die Schranken und
Widersprüche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt in sich trägt,
das kritische Auge zuzudrücken. Ihr Wunsch geht dahin,
anthropocentrisch
d. i. „Menschenwissen” und doch
Philosophie
d. h. von der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken
erfordert, über dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein.Dasselbe
bezeichnet sich als „Entwurf eines Systems” und zwar „einer
idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage”. Ersterer
Charakter wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter
Polemik rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewärtig
sein, so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen „Philosophirens
auf eigene Hand”, welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert
Jahren herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses
selbst nach dem ihrigen findet.Dagegen
möchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit dem
schulmässigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische
Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung verwechselt
sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin, wie der
Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant’s und der
Sittenlehre Fichte’s, an die Verwirklichung der Ideen durch
Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber
ist nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische
Realismus, wie er auf Kant’s kritischer Basis von dessen
realistischen Nachfolgern dem metaphysischen Idealismus der
Gegenseite entgegengesetzt worden ist.Dessen
in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den Gegnern
desselben eben so mit jenem Herbart’s als geistesverwandt erkannt,
wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht
unerheblichen Punkten über denselben hinausgehend genannt werden.
Dass deren Abweichungen von der ursprünglich Herbart’schen Fassung
nicht neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhältniss zur Theorie
der Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu
der Annahme der sogenannten „einfachen Empfindungen”, in der
Denkweise des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen
Laufbahn an vorhanden gewesen seien, haben frühere Schriften
desselben, wie dessen 1847 und 1849 erschienene Monographieen:
„Leibnitz’s Monadologie” und „Leibnitz und Herbart, eine
gekrönte Preisschrift” bezüglich der Selbsterhaltungen, dessen
1865 veröffentlichte: „Aesthetik als Formwissenschaft” bezüglich
der einfachen Empfindungen hinlänglich an den Tag gelegt.Herbart
hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im Jahre 1828
erschienenen „allgemeinen Metaphysik” einen „Kantianer vom
Jahre 1828” genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste
Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant’s (dem
gerade vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker
und Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart’s (dem scharfsinnigen
Kritiker der Hegel’schen Psychologie, Exner) verdankt, heute, wo
seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein volles,
seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes Jahrhundert
verflossen ist, sich „einen Herbartianer vom Jahre 1881” zu
nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhältniss zu Kant wie
zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit
Beiden verbirgt sich nicht; über die Abweichungen, zustimmend oder
ablehnend, mögen Kundige urtheilen.Geschrieben
im Säcularjahr der „Kritik der reinen Vernunft”.
ANTHROPOSOPHIE.
1.
Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge nicht blos die Aufgabe,
zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum Wissen, da man
dasjenige, was man liebt, zu verkörpern bemüht ist, das Gewusste in
die Wirklichkeit einzuführen. Erstere fällt der Philosophie als
Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere derselben als Praxis d. i.
als Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft entsteht durch Bearbeitung
von Begriffen, während die Philosophie als Kunst das Wirkliche
bearbeitet; erstere hat zum Zweck, durch Bearbeitung der, sei es
durch Erfahrung gewonnenen, sei es durch Gewöhnung und
Ueberlieferung überkommenen Begriffe von dem, was wirklich und wahr
ist, zu wirklichen Begriffen d. i. zu solchen, welche die Probe der
Kritik, sowohl der logischen, als der erfahrungsmässigen, aushalten,
zu gelangen; diese hat den Zweck, durch Bearbeitung des gegebenen,
als Material dienenden, sei es in blossen Gedanken, sei es in Sachen
bestehenden Wirklichen zu einem den Anforderungen des Begriffs
entsprechenden d. i. zu einem begriffsgemässen Wirklichen zu
gelangen. Gegenstand der ersteren sind daher Begriffe, welche als
solche von den Sachen, Gegenstand der letzteren Sachen, welche als
solche von den Begriffen unterschieden sind. Philosophie als
Wissenschaft ist daher im buchstäblichen Sinne nicht von dieser
Welt, während Philosophie als Kunst von dieser Welt ist.2.
Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe, nicht nur selbst
musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche Begriffe
herzustellen, welche der Philosophie als Kunst bei ihrem Verfahren
gegenüber den Sachen als Muster dienen können (Musterbegriffe).
Jene bedürfen eines Musters, dem sie als musterhaft zu entsprechen
haben; diese dagegen sind selbst Muster, denen die Sachen entsprechen
sollen. Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft, zu musterhaften
Begriffen zu gelangen, wird es daher vor allem sein, das Muster
herzustellen, dem die Begriffe, um für musterhaft gelten zu dürfen,
genügen müssen. Aufgabe der Philosophie als Kunst, Musterbegriffe
zu verwirklichen, wird es neben der Verpflichtung, die von der
Philosophie als Wissenschaft als musterhaft anerkannten Begriffe zu
ihren Musterbegriffen zu machen, vor allem sein, die Beschaffenheit
des Wirklichen als des allein ihr zu Gebote stehenden Materials zu
studiren, in welchem dieselben verwirklicht werden können.3.
Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an sich tragen muss,
was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes, was ihn zu
diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das Muster,
dem jeder Begriff zu gleichen hat, um für musterhaft gelten zu
dürfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder vielleicht beides
zugleich betreffen können, ja müssen. In ersterer Hinsicht wird es
daher eine Musterform geben, welcher als Norm jeder Begriff ohne
Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff anerkannt zu
werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben, welcher jeder
Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um als
musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden; jene
stellt daher die massgebende Norm für sämmtliche Begriffe ohne
Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm für Begriffe
irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. für alle diejenigen dar, die
sich auf Seiendes (Existirendes) oder für alle diejenigen, die sich
auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes) beziehen.4.
Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne Unterschied des
Inhalts, welche für musterhaft gelten sollen, erstrecken, machen den
Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf Begriffe eines gewissen
gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb dessen für musterhaft gelten
sollen, beschränken, machen den Inhalt der andern philosophischen
Wissenschaften aus. Jene stellt das Muster für jeden Begriff ohne
Unterschied, diese stellen die Muster für diejenigen Begriffe dar,
welche in den Bereich des von ihnen beherrschten Inhalts gehören. Da
nun jeder Begriff seinem Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches d.
h. auf ein Object bezogen wird, das als seiend gedacht wird, oder auf
ein nicht Wirkliches d. i. auf ein Object, das entweder, wie die
mathematischen, überhaupt als nichtseiend, oder, wie z. B. ein
Kunstwerk, nur als noch nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in
der Zukunft seiend gedacht wird, so lassen sich die philosophischen
Wissenschaften in zwei Gebiete zerfällen. Das eine derselben umfasst
die Musterbegriffe für alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit
Unrecht) auf Wirkliches bezogen werden. Das andere dagegen enthält
die Musterbegriffe, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es
überhaupt nicht, oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden.
Begriffe der erstern Art (deren Inhalt als wirklich gedacht wird)
können physische, Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht
wirklich gedacht wird) müssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt
man bei den letzteren Rücksicht darauf, ob der Inhalt derselben es
unmöglich macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den
mathematischen der Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen
Moment nichtseiend gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber
keineswegs als unmöglich vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in
Gedanken entworfenen Plane eines künftigen Bauwerks der Fall ist, so
tritt eine weitere Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren Inhalt
die Wirklichkeit ausschliesst, können als solche den obengenannten
physischen in dem Sinne zugerechnet werden, als der Inhalt der einen
wie der andern einen Zusatz über dessen Wirklichkeit enthält, der
Inhalt der einen dieselbe bejaht, jener der andern dieselbe verneint;
dieselben können daher in diesem erweiterten Sinne beide physisch
heissen. Jene Begriffe dagegen, welche weder über die Wirklichkeit,
noch über die Unwirklichkeit ihres Inhaltes eine Aussage in sich
schliessen, ja nicht einmal über die zukünftige Wirklichkeit oder
Nichtwirklichkeit desselben, deren Inhalt sonach, was seine
Wirklichkeit betrifft, in keiner Weise das Interesse in Anspruch zu
nehmen vermag, können nichtsdestoweniger ein solches erwecken,
inwiefern dieser Inhalt nicht als wirklich oder unwirklich, sondern
ausschliesslich als Gedanke d. i. als gedachter Inhalt einen Zusatz
im Gemüthe des Denkenden mit sich führt, durch welchen er von
letzterem entweder als angenehm oder unangenehm, nützlich oder
schädlich, schön oder hässlich — im Allgemeinen entweder
beifällig oder missfällig beurtheilt wird. Begriffe dieser Art
können, weil es sich bei denselben nicht, wie bei den sogenannten
physischen, um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage
über Wirklichkeit oder (zufällige oder nothwendige) Unwirklichkeit
desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zufällig
oder nothwendig) begleitenden Gefühlsausdruck handelt —
ästhetische heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die
Musterbegriffe für die physischen Begriffe enthält, ist die
philosophische Physik (oder Metaphysik); jene, welche die
Musterbegriffe für die ästhetischen umfasst, die philosophische
Aesthetik.5.
Logik, (philosophische) Physik und (philosophische) Aesthetik machen
zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft aus. Der Zusatz:
philosophisch bei den beiden letztgenannten Disciplinen ist deshalb
nicht überflüssig, weil diejenigen Wissenschaften, welche die auf
dem reinen Erfahrungswege gewonnenen, keineswegs musterhaften
Begriffe von Wirklichem einer- und die von keineswegs allgemeinen und
nothwendigen, sondern zufälligen und individuellen oder höchstens
particulären Zusätzen des Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe
umfassen, andererseits, die empirische Natur- und die empirische
Geschmackslehre gleichfalls Physik und Aesthetik genannt werden. Die
Bezeichnung Metaphysik für die erste derselben hat, von dem
bekannten zufälligen historischen Ursprung des Wortes abgesehen,
insofern einen zulässigen Sinn, als die durch kritische Sichtung
herbeigeführte systematische Zusammenstellung musterhafter
physischer Begriffe, welche die mit diesem Namen bezeichnete
Wissenschaft ausmacht, das Vorhandensein eines ursprünglich durch
Erfahrung gegebenen, logisch noch unbearbeiteten, also im
philosophischen Sinne des Wortes rohen Vorrathsmateriales physischer
Begriffe voraussetzt, philosophische (Meta-) Physik also der Zeit
nach erst
nach
(μετα) der vor- oder unphilosophischen (empirischen) Physik zu
Stande kommen kann.6.
Unter denselben, die als philosophische Wissenschaften sämmtlich
musterhafte (d. i. im philosophischen Sinne vollendete) Begriffe
umfassen, stehen Logik und Aesthetik insofern in engerer
Verwandtschaft unter einander, als ihre musterhaften Begriffe
zugleich Musterbegriffe für Anderes sind d. h. diesem zur Nachahmung
vorgestellt werden, während die metaphysischen Begriffe keine andere
Bestimmung haben, als den Inhalt des Wirklichen musterhaft d. i. wie
er wirklich ist, darzustellen. Und zwar enthält die erstere die
Musterbegriffe für das Denken sowohl überhaupt, als in Bezug auf
einen bestimmten Inhalt, durch deren Nachahmung dasselbe zum Wissen
d. i. wahrem Denken erhoben wird, sowohl im Allgemeinen, als in Bezug
auf irgend einen besonderen Gegenstand; die Aesthetik dagegen enthält
die Musterbegriffe für jede beliebige producirende, sei es geistige,
sei es physische Thätigkeit, insofern durch dieselbe etwas
Beifallswürdiges oder Tadelnswerthes (Nützliches oder Schädliches,
Angenehmes oder Unangenehmes, Schönes oder Hässliches)
hervorgebracht wird.7.
Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche für das Denken oder
für jede andere (geistige oder physische) nachahmende Thätigkeit,
werden Ideen genannt, und zwar als Vorbilder (Normen) für das
Denken, das zum Wissen werden soll,
logische
Ideen; als Vorbilder dagegen für irgend eine andere, auf
Hervorbringung eines Beifallswerthen gerichtete schaffende
Thätigkeit,
ästhetische
Ideen. Erstere machen daher den Inhalt der Logik, letztere den der
Aesthetik aus.8.
Unter den geistigen Thätigkeiten, deren Producte Beifall oder
Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art,
dass sie auf keine Weise, weder willkürlich noch unwillkürlich,
unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wäre
ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentümlichkeit,
dass von dem Urtheil über dessen Beschaffenheit das Urtheil über
den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhängt und, da, wie
oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhören kann zu wollen, diesem
Urtheil niemals entgangen werden kann. Während daher zu jeder andern
ästhetisch producirenden Thätigkeit ein besonderes ästhetisches
Talent erforderlich ist, ist nicht nur die Fähigkeit, sondern die
Nöthigung zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und während, um
der Kritik jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit zu
entgehen, der Producirende nichts weiter nöthig hat, als dieselbe zu
unterlassen, so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethätigung des
Wollens niemals Verzicht geleistet werden. Aus beiden angeführten
Gründen verdienen diejenigen ästhetischen Ideen, welche als
Vorbilder für das Wollen dienen, aus dem Kreise der übrigen als ein
besonders ausgezeichnetes Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied
von den übrigen, welche sodann im engeren Sinne des Wortes
ästhetische heissen mögen, mit einem besonderen Namen bezeichnet zu
werden. Als ein solcher empfiehlt sich, da von dem Urtheil über das
Wollen jenes über den sittlichen Werth, das Ethos, des Wollenden
abhängt, der Ausdruck ethische, oder, da das Wollen zunächst zum
Handeln überführt, praktische Ideen.9.
Logische, ästhetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt der
Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft von
Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im
philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den
Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie
Wissenschaft von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich
der Inhalt ihrer Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knüpft an die
Erfahrung, durch welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen
wird, an, indem sie die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom
Wirklichen entweder behält wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem
Forum des wissenschaftlich d. i. logisch geschulten Denkens
behaltbar, oder verwirft, wenn sie nach dem Urtheil des letzteren
unhaltbar, oder umbildet, wenn sie zwar nach dem Urtheil der Logik
verwerflich, aber vermöge des durch unabweisliche Erfahrung
ausgeübten Zwanges unvermeidlich sind. Die logische Unhaltbarkeit
der gegebenen Erfahrungsbegriffe verräth sich dadurch, dass in
denselben Widersprüche bemerkbar werden, welche demnach ebensowenig,
wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch der mit denselben
behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich nicht als Wahrheit
gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen aber
widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben
berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmässig Gegebenen ohne
Schädigung der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch
aus dem Denken geschöpfte Zusätze so lange und in der Weise ergänzt
werden, bis und dass der Widerspruch verschwindet. Die so
umgestalteten d. i. rational (widerspruchsfrei, denkbar) gemachten
Erfahrungsbegriffe heissen von da an metaphysische (philosophische
Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe.10.
Logische, ästhetische und ethische Ideen knüpfen nicht an das
Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe, dass
das Gegebene an sie anknüpfe. So wenig nach Kant aus dem Sollen ein
Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen „geklaubt” werden.
Dieselben sind, wie das a priori Kant’s, zwar nicht vor, aber
unabhängig von
dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre Geltung nicht, wie
die des letzteren, eine beschränkte (comparative) und nur mehr oder
weniger wahrscheinliche (zufällige), sondern, wie die jenes a
priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik und Ethik
sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie die
Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik es
ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie
auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche
theoretische
heissen können,
praktische
Wissenschaften genannt zu werden pflegen.11.
Mit Rücksicht auf letztere Bezeichnung zerfällt Philosophie als
Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder
praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft
(Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie
als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder
die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die
verbindende Brücke bildet. Die Lösung dieser Aufgabe ist daher der
philosophischen ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der
Zweck der Kunst überhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen
Stoffe besteht, ohne Kenntniss der darzustellenden Ideen
(Ideenwissenschaft) einer-, wie des gegebenen Stoffes
(Seinswissenschaft) andererseits möglich. Erstere macht den Inhalt
des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des zweiten, die
Lehre von der die logischen, ästhetischen und ethischen Ideen im und
am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst jenen des
dritten Buches aus.