Apex - Colson Whitehead - E-Book

Apex E-Book

Colson Whitehead

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Beschreibung

Ein namenloser Fremder kommt nach Winthrop, einer verschlafenen Kleinstadt im Mittleren Westen. Der erfolgreiche Werbetexter soll der Stadt zu einem neuen Namen verhelfen. Für einen Mann, der einen Anflug von Unsterblichkeit verspürt, wenn er am Boden eine Plastikbechers den von ihm erfundenen Slogan liest, sollte die Aufgabe nicht allzu schwer sein. Doch lässt sich die Vergangenheit mitsamt den alten Kränkungen und Wunden nicht einfach durch cleveres Marketing verdrängen. Eine scharfsinnige Geschichte über das zeitgenössische Amerika in all seiner Abstrusität.

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Das ist das Cover des Buches »Apex« von Colson Whitehead

Über das Buch

Ein namenloser Fremder kommt nach Winthrop, einer verschlafenen Kleinstadt im Mittleren Westen. Der erfolgreiche Werbetexter soll der Stadt zu einem neuen Namen verhelfen. Für einen Mann, der einen Anflug von Unsterblichkeit verspürt, wenn er am Boden eine Plastikbechers den von ihm erfundenen Slogan liest, sollte die Aufgabe nicht allzu schwer sein. Doch lässt sich die Vergangenheit mitsamt den alten Kränkungen und Wunden nicht einfach durch cleveres Marketing verdrängen. Eine scharfsinnige Geschichte über das zeitgenössische Amerika in all seiner Abstrusität.

Colson Whitehead

Apex

Roman

Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl

Carl Hanser Verlag

Für Nicole Aragi

1

Er lieferte die Namen. Es waren gute Zeiten. Er lieferte die Namen, und wie jeder gute Vater faßte er sie hart an, um ihnen eine Lehre fürs Leben zu erteilen. Er bog sie, um festzustellen, ob sie brechen würden, er schleifte sie an schweren Metallketten hinter Autos her, er setzte sie über längere Zeiträume hohen Temperaturen aus. Manchmal brachen Konsonanten ab und ließen zornige Vokale auf den Labortischen zurück. Woher sollte er sonst wissen, ob sie für das, was die Welt für sie bereithielt, gerüstet waren?

Es waren gute Zeiten. Im Büro begrüßten sie einander mit Hey und Hey, Mann und klopften sich häufig auf die Schultern. In der Teeküche warfen sie einander die Namen zu wie Wochenendurlauber, die ein bißchen Softball spielen. Schrottige Namen landeten mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Hey, was hältst du von dem? Sie veranstalteten Brainstormings, blödelten herum, betrieben allerlei Haarspaltereien, und manchmal landeten sie einen Volltreffer. Manchmal hatten sie einen echten Durchbruch und lieferten etwas so Spektakuläres und Unerwartetes, etwas, das zu dem Ding, das darauf wartete, so gut paßte, daß die anderen nur in Ehrfurcht erstarren konnten. Damit ging man dann in die Ruhmeshalle ein.

Es war die Art von Branche, in der es eine Menge Heureka-Geschichten gab. Ein Großteil der Arbeit ging auf der Ebene des Unbewußten vonstatten. Ohne nachzudenken stellte er Zusammenhänge zwischen Dingen her, und dann zack!, während er sich in der U-Bahn an der Nase kratzte, oder zack, zack!, wenn er sich am Bordstein den Zeh anstieß. Vor ihm schwebte in Neon der Name. Wenn die Produkte floppten, sagte er sich, daß es an den Marketingleuten lag. An den dämlichen Konsumenten. An dem Scheißprodukt selbst. Aber niemals am Namen, denn was er machte, war perfekt.

Manchmal mußte er den Namen laut aussprechen, obwohl er wußte, daß er beschissen war, bloß um zu hören, wie beschissen. Jeder hatte mal einen schlechten Tag. Manchmal war es ansteckend. Das Wetter schlug um, und sie mußten einen Monat voller Suffixe ertragen. Sie durchstöberten die Lager unten und hängten einem Wort die gängigen Seller an: verpaßten ihm ein ex oder ein it, klebten das gute alte ol dran. Sie warteten auf den Wind.

Manchmal lieferte er einen Namen, der nicht zu dem Kunden paßte, eines Tages aber perfekt zu etwas anderem passen würde, und solche Namen hielt er von der Welt fern, gab ihnen, seinen netten, unscheinbaren Töchtern, über lange Jahre ein Gefühl der Geborgenheit. Wenn ihre Prinzen auftauchten, war das ein glorreicher Augenblick. Ein guter Name vertrocknete und alterte nicht. Er wartete auf seinen Zukünftigen.

Es waren gute Zeiten. Er war ein Experte auf seinem Gebiet. Manche würden vielleicht sagen, Namen seien Schall und Rauch, aber er hielt nichts von solchem Mist. Das war dummes Gerede. Schlecht fürs Geschäft, schlecht für die Moral. Schall verklang, Rauch verwehte, oder man kriegte davon tränende Augen. Er gab ihnen die Namen und sah die Packungen gegen Rezept über die Ladentheke flutschen, sah, wie gierige Hände sie vom Süßigkeitenregal grabschten. Immer wieder sah er die auf die Verpackung gedruckten Namen. Selbst wenn das Kaugummipapier, zu kleinen Folienkäfern zerknüllt, im Rinnstein umherhuschte, sah er den aufgedruckten Namen und wußte, er stammte von ihm. Wenn sie zur Mülldeponie befördert wurden, bleichten die Namen oben auf dem Haufen in der Sonne und blieben erhalten, obwohl das, was sie benannten, schon konsumiert worden war. Ein auf der Unterseite eines Styroporbehälters aufgedruckter Name: das war Unsterblichkeit. Er konnte die Möwen entmutigt im Kreis herumfliegen sehen. Sie schafften es einfach nicht, das Ding zu fressen.

Roger Tipple hatte nicht so sehr ein schwaches Kinn als vielmehr einen sehr aggressiven Hals. Als er Rogers Telefonanruf entgegennahm, fiel ihm das als erstes ein. Er hatte sich immer vorgestellt, es handele sich um ein schlichtes Verteilungsproblem, das schon im Mutterleib aufgetreten war. Nach der breiten Fläche von Rogers Stirn und seiner Champignonnase war für die untere Gesichtshälfte nicht mehr viel übriggeblieben. Sogar Rogers Lippen waren zu kurz gekommen; sie waren winzig kleine Würmer, die sich um seine Mundöffnung ringelten. Ridochin für Menschen mit vorstehendem Unterkiefer, dachte er. Ganz einfach, aber im Moment kam er nicht darauf, was das Gegenteil sein könnte. Er konzentrierte sich auf das, was Roger sagte. Der Auftrag war merkwürdig.

Seit seinem Mißgeschick, wie er es nannte, hatte er sich nicht mehr bei Roger gemeldet. Er hatte sich bei überhaupt niemandem im Büro gemeldet, und das galt größtenteils auch umgekehrt für seine Kollegen. Nach dem, was passiert war, konnte man es ihnen im Grunde auch nicht verdenken. Ab und zu nahm jemand Kontakt zu ihm auf, und wenn das passierte, schreckte er zurück und murmelte irgendwas von wegen Verbandswechsel. Irgendwann gaben sie es dann auf. Er rechnete nicht mit dem Anruf. Eine Sekunde lang erwog er, wieder aufzulegen. Wenn er es richtig geplant hätte, wäre er bei Rogers Anruf in einer Einsiedlerhöhle in den Bergen, zwei Tagesmärsche von der Zivilisation entfernt, oder in einer Hütte am Ufer eines verschmutzten Sees gewesen. An einem Ort, wo man nach einem Mißgeschick zum Nachdenken kam, wie es sich für einen Rekonvaleszenten gehörte. Statt dessen war er hier in seiner Wohnung, und sie riefen ihn einfach an.

Er sah sich gerade einen alten Schwarzweißfilm im Fernsehen an, die Sorte von Streifen, wo ausnahmslos alles mit Streicherklängen untermalt war. Jedes Gesichtszucken hatte sein eigenes Thema. Jedes Lächeln verbrauchte zweieinhalb Seiten Partitur. Jede Kleinigkeit war schwer mit Bedeutung befrachtet. In seinem Job, der sein früherer, jetziger und künftiger Job war, obwohl er ein Mißgeschick erlitten hatte, versuchte er im allgemeinen, die Dinge kompakter zu gestalten. Die hervorstechenden Eigenschaften zu einem handlichen Paket zu komprimieren. Ein Lächeln war Kurzschrift für eine ganze Menge von Emotionen. Und hier bei diesem alten Film trauten sie einem nicht zu, daß man die Bedeutung eines Lächelns kannte, und deshalb mußten sie ein ganzes Orchester aufbieten. Das dachte er, als das Telefon klingelte: rausgeschmissenes Geld für Leihsmokings.

Er sah die grünen Wände des Büros beinahe vor sich, während Roger redete. Rogers Tür war angelehnt, und die Telefone auf sämtlichen Schreibtischen draußen dudelten ihre kleine Sonate. Wenn ein bestimmter Job richtig erfolgreich war, schickten einem die von der oberen Etage eine Bronzeplakette ins Büro, in die der Name des Kunden, der eigene Name und darunter der Name, den man geliefert hatte, eingraviert waren. Roger hatte eine Menge Plaketten aus seiner Zeit als Spitzentexter, bevor er Manager geworden war. Während er zuhörte, trat sein ehemaliger Chef vor sein inneres Auge. Er sah Roger vor sich, wie er mit dem Stift auf den Tisch klopfte, Gesprächsthemen und Stichpunkte abhakte, während er ihm erklärte, daß diese Art von Job sich wegen des damit verbundenen Interessenkonflikts nicht für die Firma eigne, daß der Kunde um eine Empfehlung gebeten habe und daß er ganz oben auf der Liste stehe. Für sie eignete sich der Job nicht, aber den Finderlohn würden sie trotzdem kassieren.

Ein bißchen Pro-forma-Geplauder fand auch statt. Murck, der Typ zwei Büros weiter, erfuhr er, hatte wieder Nachwuchs bekommen, genauso häßlich wie Murck senior. Solche Sachen, und wie sich die Baseballmannschaft dieses Jahr schlug. Roger brachte das Geplauder hinter sich und fing an, über den Kunden zu reden. Er hatte den Fernseher leise gedreht, bekam aber trotzdem noch mit, was passierte, weil ein Lächeln ein Lächeln war.

Wenn Roger vor einer Woche angerufen hätte, hätte er nein gesagt. Er sagte Roger, er werde es machen, und als er auflegte, fiel es ihm ein: Chinplant. Nicht gerade seine stärkste Leistung.

Namen konnte er gut, also riefen sie ihn an. Er war verfügbar, also fuhr er. Und er fuhr weit, er nahm ein Flugzeug, schnappte sich ein Taxi zur Bushaltestelle und bestieg einen Bus, der ihn aus der Stadt beförderte. Er drückte die Nase an die Scheibe, um zu sehen, was es zu sehen gab. Das beste an den Vororten waren die Garagen. Gott segne die Garagen. Die Ehemänner kauften Heimwerkerausrüstungen aus Informercials, die Dinger hatten vielleicht Namen wie Fixit oder Handy Hal Your Hardware Pal, und damit bauten sie Regale für die Garage, und auf die Regale stellten sie Produkte wie zum Beispiel Dosen mit wasserabweisendem Lederspray namens Aquaway und Schachteln mit Nägeln namens Carter’s Fine Points und ein Mittel namens Lawnlasting, gegen schlaffe Grashalme. Regale über Regale mit all diesem großartigen Zeug. Er liebte Supermärkte. In Supermärkten waren all die Namen übereinander in ihre kleinen Plätze gezwängt und harrten ihrer endgültigen Bestimmung.

Die Fahrt dauerte noch anderthalb Stunden, aber das machte ihm nichts aus. Er dachte an seinen Vorschuß, den er am Vormittag eingezahlt hatte. Ihm fiel ein, daß es sich um einen Scheck aus einem anderen Bundesstaat handelte und daß es ein paar Tage dauern würde, bis er verrechnet wurde. Durchs Fenster sah er zu, wie Elefanten über den Himmel stürmten. Sobald er aus dem Flughafengebäude getreten war, hatte er gewußt, daß es regnen würde, weil sein Fuß pochte, und nun verfolgten die Wolken den Bus auf einem Abfangkurs. Sie holten ihn schließlich ein, als er in der Stadt ankam. Der Bus ging am Bordstein in die Knie, er stieg aus und spürte die ersten dicken Tropfen. Solange er dort war, regnete es die meiste Zeit, als widerstrebte es den Wolken, abzuziehen, nachdem sie ihm den ganzen Weg nachgejagt waren. Niemand sonst stieg aus.

Der Marktplatz war ein winziger Park, auf drei Seiten von Straßen und auf der vierten von dem trägen, schlammigen Fluß eingezwängt. Hübsche kleine Stadtmitte, dachte er. Man sah deutlich, daß sie einiges an Geld hineinsteckten. Der rote Ziegelstein, der den Park einfaßte, war erst kürzlich, offenbar in den letzten ein, zwei Jahren, verlegt worden, und man sah Löcher im Boden, gesichert mit Einzäunungen aus orangefarbenem Plastik, wo die nächsten Verschönerungen anstanden. Das ganze Gras im Park war unwahrscheinlich gleichmäßig. Wahrscheinlich wurde es, als Bewährungsauflage, von Alkoholsündern auf den Knien mit der Schere kurz gehalten.

Die Leute rannten von den Bänken weg, um vor dem Regen zu flüchten. Sie stellten sich in Eingängen unter, suchten Schutz unter den Markisen und Vordächern der Geschäfte, die den Platz säumten. Viele Geschäfte schienen wie er selbst Neuankömmlinge zu sein. Im Erdgeschoß jedenfalls waren sie neu — im ersten und zweiten Stockwerk der Gebäude waren die ursprünglichen Details erhalten, die altmodischen Fensterläden und Traufen. Hinter den winzigen Mansardenfenstern mit Buntglas stellte er sich verrückte Tanten in Fußeisen vor. Zwischen den neuen Geschäften hielten sich wie Unkraut die alten Läden mit ihren verblichenen Schildern und veralteten Lockungen. Den Boden der alten Schaufensterauslagen verunzierten tote Fliegen, außer Reichweite arthritischer Hände.

Da war ein alter weißer Typ in einer purpurrot karierten Weste, dem der Regen nichts ausmachte. Der Alte führte seinen Hund aus, machte abgemessene kleine Schritte und registrierte, was auf der Straße vor sich ging. Er hielt ihn für die Sorte von Ruheständler, die zum Nachtwächter der Nachmittage wird, Streife geht, die Zulassungsnummern verdächtiger Fahrzeuge aufschreibt. Auch seinem Hund machte der Regen nichts aus. Es war einer dieser winzigen Hunde mit hochtrabendem ausländischem Namen, der einem garantierte, daß es sich um Qualitätsware handelte. Während er mit dem Alten redete, hielt sich der Hund ein paar Meter entfernt und schnupperte an einem vielversprechenden Fleck.

Er fragte ihn, ob er wisse, wo das Hotel Winthrop zu finden sei.

Der Alte sah ihn durch die Tröpfchen auf seiner Bifokalbrille an und sagte: »Sie sind schon da, junger Mann.«

»Ich weiß, daß ich in Winthrop bin«, sagte er. »Ich suche das Hotel Winthrop.« Er hielt ihm den Zettel hin. »Winthrop Street Nummer 12.«

Der Alte zog die Hundeleine an und zeigte quer durch den Park, und in diesem Moment begann es richtig zu regnen.

Er sagte sich: Zieh eine bestimmte muffige Essenz auf Flaschen und nenne sie Old Venerable. Versprüh sie im Haus, und deine bescheidene Bleibe könnte wie die Winthrop Suite des Hotels Winthrop riechen. Der Mann am Empfang hatte ihm erzählt, Präsident Soundso habe einmal darin übernachtet, einer jener Präsidenten, von denen kein Mensch je gehört hatte oder alle Welt gleich wieder vergaß, daß sie irgendwann einmal Präsident gewesen waren. Typen von der Schulbehörde waren jedesmal etwas bestürzt, wenn sie einen Namen für eine neue High-School brauchten und ihnen aufging, daß alle beliebten Arbeitspferde schon vergeben waren und sie auf die diversen Pierces und Fillmores weiter unten auf der Liste zurückgreifen mußten. Während er den Blick durch das Zimmer schweifen ließ, mußte er zugeben, daß es gut sein konnte, daß einer dieser Soundso-Präsidenten nach einer lustlosen Wahlrede hier abgestiegen war. Es war ein guter Ort, um eine schlechte Entscheidung zu treffen, vor allem eine schlechte Entscheidung, die sich auf sehr viele Menschen auswirken würde. Wenn man die Art seines Auftrags bedachte, war seine Unterkunft angemessen.

Die Menschen längst vergangener Tage hatten mit Fuhrwerken dunkles Holz herangeschafft, um die Hotelwände damit zu vertäfeln, und nun war es zerkratzt und gesprungen. Sie hatten aus Großstadt-Katalogen rot-orangefarbenen Teppich bestellt und ihn für hundertjährigen Gebrauch ausgelegt, und nun war er Gaze. Lehnstühle, Tische und Schreibtisch waren so oft verrückt worden, daß ihre Beine unscharfe weiße Gloriolen in den Boden geschabt hatten. Wenn er die drei Lampen zusammennahm, konnte er teilweise das auf ihren bauchigen Füßen dargestellte Waldidyll rekonstruieren — für sich allein waren sie zu ramponiert und verunstaltet, um etwas anderes als Ruin abzubilden. Vertrocknete braune Flecken sprenkelten die Lampenschirme, wo die Glühbirnen durchgeschmort waren, Mißgeschick auf Mißgeschick. Die früheren Gäste hatten ihre Spuren hinterlassen. Das in dieser Ansammlung von Unfällen einzig Unversehrte war ein Gemälde, das an der Wand hing. Bei genauerer Betrachtung erwies es sich als Porträt eines Winthrop-Vorfahren. Er stand mit ein paar Jagdhunden auf einem Feld, in seinem Königreich verewigt. Gäste kamen und gingen, Gäste meldeten sich an, zogen sich zurück und reisten ab, aber dieser Mann blieb. Er blinzelte niemals.

Zu seiner Erleichterung war es keines dieser Porträts, dessen Augen einem folgen. Er hatte sich erst kürzlich abgewöhnt, Drowsatin zu nehmen, und wollte nicht wieder damit anfangen.

Die Kunden hatten ein paar Sachen für ihn auf dem Holzschreibtisch deponieren lassen. Bürgermeisterin Goode hatte eine Flasche Port heraufgeschickt, Mr. Winthrop eine von der Stadtbibliothekarin verfaßte Lokalgeschichte. Die Geschichte ihrer Heimatstadt zu schreiben war vermutlich die Bibliothekarsversion einer Besteigung des Everest. Und Mr. Aberdeen hatte ihm ein Willkommen in seiner schönen Gemeinde gefaxt und teilte ihm mit, daß er und die Bürgermeisterin ihn um sechs Uhr in der Hotelbar erwarteten. Unter diesen Gegenständen gab es nichts, was ihm verraten hätte, ob sie mit seinen sehr speziellen Konditionen einverstanden waren. Er runzelte die Stirn und ließ den Blick noch einmal durch das Zimmer gehen. Er war sich nicht einmal sicher, ob er auspacken sollte. Die Kleiderbügel waren am Schrank angekettet, als hätte man sie im voraus vor irgendeinem inneren Zwang von ihm gewarnt.

Er hinkte durch das Zimmer. Er befand sich in der obersten Etage des Hotels und hatte einen schönen Blick auf den leergefegten Platz. Er drückte die Handflächen auf die Fensterbank. Mittlerweile hatten die Leute Regenschirme, nicht die Knirpse, wie man sie in Großstädten antraf, sondern Lieblingsschirme, die sie niemals verloren, und sie stürzten aus Hauseingängen zu ihren Autos oder Wohnungen, mittlerweile in der Gewißheit, daß das kein kurzer, jäher Guß war, sondern ein Regen, der ihnen eine ganze Weile erhalten bleiben würde: ein schlimmer Husten, der sich zu etwas entwickelt hatte, was man auf Röntgenbildern sah. Das Laub flüchtete zuerst in eine, dann in die andere Richtung. Vom Fenster aus war der Fluß entlang dem Marktplatz ein brauner Wurm ohne Kopf und Schwanz. Der Wind schlug um, und er wurde von einer Bö erschreckt, die ein paar heftige Sekunden lang Sprühwasser gegen die Scheiben schleuderte. Das Bett war ein sicherer Ort, wohlversehen mit Kissen, und er trat den Rückzug an.

Er hatte anderthalb Stunden totzuschlagen, Zeit, in der er sich mit Hilfe des Materials, das sie ihm geschickt hatten, über die Stadt hätte informieren können, aber offiziell hatte er den Job noch gar nicht angetreten, also verschränkte er die Arme und schloß die Augen. Jeden Moment konnte er unversehens einnicken. Solche Nickerchen hatten Hauptschlüssel für jedes Zimmer der Welt — das beste Personal, das man sich vorstellen konnte. Er befand sich in der Winthrop-Suite des Hotels Winthrop in der Winthrop Street am Winthrop Square in der Stadt Winthrop in Winthrop County. Er hatte keine Landkarte von der Gegend, doch er sagte sich, daß er, falls er sich je verirrte, nach der nächsttieferen Ebene von Winthrop, nach Winthrop in der nächsten Potenz suchen müßte, dann würde er sich schon zurechtfinden.

Er geriet aus dem Gleichgewicht, als er die Hotelbar betrat, und wäre beinahe gestürzt, aber niemand bekam es mit. Der Raum war leer, der Barkeeper kehrte ihm dem Rücken zu. Er verfluchte sich selbst. Es wäre ein schlechter erster Eindruck auf einen Kunden gewesen. Dank seiner Verletzung geriet er oft aus dem Gleichgewicht. Ab und zu fand er keinen sicheren Stand. Er fühlte sich dann jedesmal an das Betreten eines defekten Fahrstuhls erinnert. Ein kleiner Schreck, wenn die Dinge nicht so liefen, wie sie sollten, ein jähes Ins-Leere-Stolpern, ein halbes Dutzend Mal am Tag. Doch niemand bekam es mit, weil er dieser Tage selten aus dem Haus ging. Während er sich einen Tisch aussuchte, sagte er sich, keine Fehler mehr. Noch ein paar Minuten, dann ging es los.

Er versuchte, dahinterzukommen, worum es in den Cartoons an den Wänden ging, aber die Pointen befanden sich über seinem Kopf. Korpulente Engländer mit gewölbten Bäuchen steckten in Wirtshäusern und Salons die Köpfe zusammen und spielten auf kleinere Skandale ihrer Zeit an. Er hatte keine Ahnung, wovon sie redeten: Ich hatte einen kleineren Wigglesworth. Was zum Teufel sollte das heißen? Der Sessel seufzte unter ihm. Es war ein gemütlicher Ort, zwölf Ledersessel und drei kleine Glastische. Der tiefe Teppich verschluckte sämtliche Flecken. Keine Budweiser-Neonreklame, keine Popcorn-Maschine mit schmierigem gelbem Glas. Die Vertreter, die zur Tagung in die Stadt kamen, waren bestimmt völlig verwirrt und hasteten auf ihre Zimmer, um ihre Frauen anzurufen.

Sie waren ein sonderbares Paar, wie sie da zur Tür hereinkamen, und bestimmt seine Kunden. Die Frau trug einen hellblauen Hosenanzug und schicke schwarze Schuhe. Sie lächelte dem Barkeeper zu und näherte sich mit würdevoll geschäftsmäßigen Schritten: Regina Goode, die Bürgermeisterin des Städtchens. Er korrigierte sich: vielleicht war es gar kein geschäftsmäßiger Schritt, keine kraftvolle Dynamik, sondern der Gang einer Frau, die kürzlich abgenommen hatte und das Selbstvertrauen spürte, das ihr neuer Körper ihr verschaffte. Er hatte Daten aus den Fokusgruppen des damals noch unbenannten StaySlim in der Marketingphase gesehen und meinte zu wissen, wovon er redete. Und das mußte ihr Lieblingsparfüm sein, befand er, ein, zwei Spritzer, bevor sie, schon verspätet, zum ersten wichtigen Termin des Tages loshetzte. Zwei Silben. Jambisch, logo. Er stand auf und gab ihr die Hand.

Der weiße Typ war Lucky Aberdeen, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Aberdeen Software, und er kam in seinem Kostüm. Jeans und Polohemd waren Standardausführung, aber das Entscheidende war die Weste, sein Markenzeichen war eine mit Fransen besetzte Weste, auf einer Brust mit türkisfarbenen Ziermünzen bestickt, die sich zum Sternbild des Großen Bären zusammenfügten. Man kannte sie aus dem Fernsehen und vom Schutzumschlag seines Buches, das vor einem Jahr ein Bestseller gewesen war. Später erfuhr er, daß Leute in der Stadt sie als seine Indianerweste bezeichneten, wie etwa in: »Da geht Lucky in seiner Indianerweste«, und: »Ich habe Lucky in seiner Indianerweste guten Tag gesagt.« Einzelheiten aus einem Zeitschriftenporträt fielen ihm wieder ein. Lucky hatte sein Studium an einer schicken Uni im Nordosten abgebrochen und danach einige Zeit im Südwesten verbracht, und dort in der Wüste, zwischen den Kakteen und Skorpionen auf dem Rücken liegend und zum Nachthimmel aufblickend, hatte er seine einzigartige Firmenphilosophie formuliert. Lucky streckte zwei Finger, Zeige- und Mittelfinger, grüßend in Richtung Barkeeper und setzte sich. »Hallo, mein Lieber«, sagte er.

»Danke, daß Sie so kurzfristig herkommen konnten«, sagte Regina. Sie verschränkte die Finger ineinander und stützte die Ellbogen auf die winzige Tischplatte.

»Sorry wegen des Regens«, sagte Lucky, »obwohl ein bißchen Regen manchmal ganz nett ist.«

Er murmelte eine unverbindliche Antwort und nickte.

»Tja«, sagte sie und räusperte sich, »ich hoffe, Sie hatten Gelegenheit, sich das Material anzusehen, das wir Ihnen geschickt haben.«

»Das ist eine ziemlich einzigartige Situation, die Sie da haben«, sagte er. Untertreibungen waren ein neues Hobby von ihm.

»Das ist auch eine einzigartige Stadt«, sagte Lucky. Er schmunzelte, und Reginas Finger verkrampften sich. Sie versuchten offenbar, sich an das Drehbuch zu halten.

»Ich verstehe immer noch nicht, wie Sie an diesen Punkt gekommen sind. Glaube nicht, daß ich schon einmal von einem solchen Gesetz gehört habe.«

Seine Kunden wechselten einen Blick. Die Bürgermeisterin räusperte sich erneut. Lucky sagte: »Der Wortlaut des Gesetzes selbst ist ein bißchen byzantinisch, aber die Vorstellung ist immer noch … es ist immer noch gültig. Es mag aus einer anderen Zeit stammen und ein bißchen kompliziert sein, aber sein Geist ist zeitlos.«

»Warum lassen Sie nicht die Bürger darüber abstimmen?« fragte er. »Bringen es in aller Offenheit zur Sprache?«

»Was diesen Punkt angeht, gibt es eine Menge Komplikationen, aber ich kann Ihnen versichern, daß wir nicht kneifen. Sehen Sie, hier ist es der Stadtrat, der routinemäßige rechtliche Angelegenheiten abwickelt, und wir sind zu dritt — ich, Regina und Winthrop. Wenn wir uns alle einigen, ist das eine wunderbare Sache, aber wenn wir unterschiedlicher Meinung sind —«

»Eine Abstimmung würde in dieser Situation nichts bringen«, unterbrach ihn Regina, »in Anbetracht der Verhältnisse in der Gemeinde und der jeweiligen Interessen.«

Ja, er spürte da definitiv eine leichte Spannung. Wer von beiden hatte die besseren Karten, und wer stand kurz davor, aufzugeben? Der Barkeeper brachte die Drinks herüber, ohne Blickkontakt aufzunehmen. Der Mann konnte alles hören, und man mußte sich fragen, was er dachte, dieser Bürger.

»Wir wollen fair sein«, sagte Lucky, »das ist es, glaube ich, worauf Regina hinauswill. Wir haben hier natürlich eine Menge langjähriger Einwohner, die auf eine bestimmte Weise denken, und dann haben wir noch eine Menge Leute, die wegen der geschäftlichen Möglichkeiten hierhergezogen sind und ihre Kinder in einer förderlichen Umgebung großziehen wollen.« Lucky nahm einen Schluck von seinem Brio, dem Energie-Drink, der in Silicon Valley der beliebteste nächtliche Schmierstoff geworden war. Mit dem Getränk brachte Lucky zum Ausdruck, daß er nicht so weit am Arsch der Welt wohnte, daß er nicht auf dem laufenden war.

»Die Stadt ist in raschem Wandel begriffen«, sagte Regina.

»Aha«, sagte er. Die Bildunterschrift eines Cartoons hinter ihrem Kopf lautete: Pieps sage ich! Pieps!

»Und sie wächst schnell«, sagte Lucky. »Wir haben eine Art Pattsituation, und wir wollen fair sein. Also haben wir einen Berater hinzugezogen.«

Und da saß er. Er nickte. Er fragte sich: Sehen sie den Mann, den ich ihnen zeigen will? Den kaltschnäuzigen Berater alter Schule? Seine Hand lag, zur Faust geballt, auf dem Tisch. Er stellte sich einen Holzstab in seiner Faust vor, und am Ende des Stabes war eine Maske seines Gesichts befestigt. Er hielt sich die Maske drei Zentimeter vor das Gesicht, und die beiden Ausdrücke stimmten nicht überein. Er sagte: »Ich habe jemandem, ich weiß nicht mehr wem, eine E-Mail über meine Konditionen ins Büro geschickt.«

»Ja, Ihre Konditionen.«

»Darüber wollten wir mit Ihnen reden.«

»Es herrscht eine gewisse Uneinigkeit über diese strikten Bedingungen, aber das kriegen wir schon hin.«

»Sie legen uns ziemlich fest.«

»Genau das ist der Sinn der Sache«, sagte er.

Sie sahen einander an. Lucky sagte: »Sehen Sie, Albert ist bis Mittwoch nicht zu erreichen. Er nimmt an einer Regatta teil. Aber ich bin sicher, wir kriegen das hin, sobald wir drei uns zusammensetzen. Ich finde, was Sie sagen, ist völlig plausibel, wenn man es unter dem richtigen Blickwinkel betrachtet. Völlig plausibel.«

»Können Sie sich bis dahin gedulden?« fragte Regina. »Ist Ihr Zimmer schön?« Sie lächelte — zufällig, wie ihm schien.

Er hob die Augenbrauen und nickte eifrig. Es war soweit gar kein schlechtes Lächeln: eine baufällige, über ihrem Kinn schwimmende Arche.

»Ich weiß, daß Winthrop Ihnen ein paar Bücher geschickt hat, damit Sie sich schon mal einarbeiten können«, fügte sie hinzu.

»Und wenn Sie Winthrop kennenlernen«, fügte Lucky hinzu, »wird er Ihnen bestimmt mit einem Haufen familienhistorischem Kram kommen. Er bewahrt den ganzen Kram in Ledermappen auf.«

»Ich benutze ständig Apex«, sagte Regina und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Zum Beweis wackelte sie mit einem Finger. »Habe ich mir an der Herdplatte verbrannt.«

»Aha«, sagte er.

»Ziemlich eindrucksvolle Kundenliste haben Sie«, sagte Lucky. »Eine Frage hätte ich da allerdings noch, wenn Sie nichts dagegen haben. Da stand, Sie hätten Luno gemacht, aber Luno ist doch ziemlich alt, das gibt es doch schon eine ganze Weile.«

»New Luno. Ich habe New Luno gemacht. Ich habe das New davorgesetzt. Die waren demographiemäßig ein bißchen ins Schwimmen geraten.«

»Aha«, sagte Lucky, während er er das bedachte. »New Luno. Mein Neffe trinkt das Zeug kistenweise.«

Na siehst du.

Er hinkte aufgrund einer Verletzung. Genauer gesagt, er hatte kürzlich einen Zeh verloren. Oder eigentlich nicht verloren. Er war ihm mit seiner Zustimmung abgenommen und in einen jener roten Beutel für Klinikabfälle gesteckt worden. Er kannte die Dinger vom Fernsehen und hatte sich im Krankenhaus gefragt, was sie eigentlich damit machten: Entsorgten sie den Abfall in Verbrennungsöfen? Sein Zeh, von Flammen verzehrt und wie ein Geist durch die Atmosphäre schwebend. Manchmal wurde Klinikabfall natürlich auch an öffentlichen Stränden angeschwemmt, und dann gab es in den Nachrichten ein Riesentrara. Die gewissenlose Müllbeseitigungsfirma. Ab und zu stellte er sich Pechvögel beim Baden vor. Was sie für ein kleines Fischchen hielten, das in der Brandung an ihrem Oberschenkel schnoberte, war in Wirklichkeit sein verlorener kleiner brauner Zeh, der in rastloser Suche nach seinem Gelenk die Meere durchstreifte.

Es hieß, man könne sich an den Verlust eines Zehs gewöhnen. Und er mußte zugeben, daß es auf der Liste der wirklich schrecklichen Verletzungen nicht ganz oben stand. Allerdings sahen seine Socken komisch für ihn aus. Gleichgewichtsmäßig war der Zeh nicht so wesentlich, und man hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß sein Hinken psychosomatisch war. Aber er hinkte trotzdem.

Er blieb noch in der Bar sitzen, nachdem die Bürgermeisterin und der Magnat gegangen waren. Sie hatten seinen Bedingungen noch nicht zugestimmt, also hatte er den Auftrag noch nicht offiziell übernommen, und das tröstete ihn. Er ließ sich mit seinem Bier Zeit. Eine Weile war spinnwebenartiger Schaum in dünnen Schlieren entlang der Innenseite des Halbliterglases Unterhaltung genug. Es kamen keine weiteren Gäste. Irgendwann hörte er Geräusche von der Lobby her, Kofferrollen, die aus der Teppichstille auf den Holzboden trafen, und Fahrstuhltüren, die auf- und zugingen. Dann wieder Stille.

Mittwoch, dachte er. Zwei Tage. Er zwang sich zu dem Eingeständnis, daß er ein wenig erleichtert war. Es war der erste Auftrag, den er seit seinem Mißgeschick angenommen hatte, und er wußte nicht, wie sich alles entwickeln würde, sobald er wieder zu arbeiten anfing. Er hatte den Verdacht, daß er mittlerweile nur noch Frankenstein-Namen in sich trug, schwerfällige Kreaturen, zusammengeflickt aus Knack- und Zischlauten, zornige, unbuchstabierbare Außenseiter, die nur für Monströses geeignet waren. Namen, die nun Verwandtschaft waren.

Der Barkeeper fuhr mit seinem Tuch über nichtexistierende Flecken auf Gläsern, Lippenstift, der nicht haftengeblieben war, Trübungen, die sich nicht gehalten hatten. An seiner Stirn begann eine graue Strähne und fächerte sich zu einem krausen Keil in seinen Afro auf, ein altes, in seinen Genen fest verdrahtetes Muster. Er sah zu, wie der Mann Glas polierte, Glas ans Licht hielt, um seine Arbeit zu begutachten. An dem Tag, an dem der Barkeeper, als er gerade zum allmorgendlichen Stutzen seiner Koteletten schreiten wollte, die weiße Verfärbung im Spiegel entdeckt hatte, hatte er gewußt, daß er sein Großvater geworden, daß er über das Zeugnis des Nachnamens hinaus tatsächlich der Sohn seines Vaters war. Es war kaum zu übersehen, daß der Barkeeper Koteletten alter Schule hatte, sogenannte Muttonchops, richtige Daguerreotypie-Dinger, etwas Erstrebenswertes. Er ging zu ihm hin, um sich nachschenken zu lassen, und der Barkeeper machte zum erstenmal, seit Regina und Lucky gegangen waren, den Mund auf. Er sagte: »Sie sind also hergekommen, um dieses Durcheinander aufzuräumen?«

»Ich bin hier, um mir alles anzusehen und zu helfen, wenn ich kann«, antwortete er. Er setzte sich auf einen der Hocker.

»Was machen Sie beruflich?«

»Ich bin Berater.«

»Be-ra-ter«, wiederholte der Barkeeper, als hätte sein Gast dem Katalog der bekannten und bewährten Perversionen eine neue hinzugefügt.

»Ich bin Berater für Namensgebung. Ich benenne Sachen, zum Beispiel —«

»Was ist denn das für ein komischer Job?« Der Barkeeper stemmte beide Handflächen auf den Tresen. Er sah aus, als schickte er sich an, darüberzuspringen und ihn zu erwürgen.

Er gab ohne nachzudenken seine übliche Erklärung von sich. Genau wie früher. »Ich benenne Sachen, wie zum Beispiel neue Waschmittel, Arzneien und solches Zeug, damit sie einprägsam klingen«, sagte er. »Man hat zum Beispiel eine neue Tablette, die den Leuten beim Einschlafen hilft oder sie weniger depressiv macht, damit sie die Welt akzeptieren können. Dafür braucht man dann eben einen beruhigenden Namen, damit sie auch an die Tablette glauben. Oder man hat eine neue Windel. Wer würde schon eine Windelmarke kaufen, die Klette heißt? Kein Mensch. Also denke ich mir gute Namen für Sachen aus.«

»Die Leute bezahlen Sie für diesen Scheiß?«

Er wußte nicht weiter. Regina und Lucky gegenüber hatte er sich gut verkauft, aber im Augenblick konnte er die notwendigen Kraftreserven nicht mobilisieren. Sein Fuß pochte vor Phantomschmerzen.

Muttonchops bedachte ihn mit einem kurzen Blick. Schließlich sagte er: »Ich bin hier zu Hause.«

»Aber das weiß ich doch, daß hier Leute wohnen. Ich bin geholt worden, um zu helfen«, sagte er. Schon jetzt war dieser Job anders. Früher, da taufte man etwas, zerschmiß die Flasche am Bug und wünschte dem Ding mit kurzem Winken Glück, während es davonschwamm. Die Passagiere bekam man nie zu Gesicht. Aber es gab natürlich immer verärgerte Passagiere, wie Muttonchops. Das war schlichte Mathematik.