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In 'App der Verdammnis' finden unglückliche Menschen, von einem schrecklichen Schicksal gebeutelt, ein mysteriöses Smartphone mit nur einer App. Die App verspricht, drei Wünsche zu erfüllen, aber jeder Wunsch wird zu einem bösartigen Fluch, der die Wünschenden in einen noch schlimmeren Albtraum stürzt. Vom Wunsch nach Reichtum, der in Mord und Verfolgung endet, bis hin zum Verlangen nach Liebe, das zum Tod in absoluter Einsamkeit führt, scheinen die Wünsche nie so zu funktionieren, wie man es sich erhofft. Stattdessen werden sie auf grausam-perverse Weise Realität. Erleben Sie in dieser Geschichte eine Kette aus Hoffnung und Verzweiflung, die sich von Hand zu Hand fortsetzt, während jeder neue Besitzer des Handys in seinen eigenen, maßgeschneiderten Abgrund gerissen wird. Das Handy, das Wünsche erfüllen kann, wird zur ultimativen Waffe, die das Schicksal der Menschen verdreht und am Ende den Wünschenden selbst verschlingt. Wird jemand den Fluch brechen können oder sind wir alle den Konsequenzen unserer tiefsten Sehnsüchte ausgeliefert?
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Eins Das süße Gift des Reichtums - Ben
Zwei Die Maske der Schönheit - Lisa
Drei Die Einsamkeit der Stimmen – Sofia
Vier Der ewige Albtraum – Tim
Fünf Das Echo der Vergangenheit - Anna
Sechs Das verlorene Glück – Markus
Sieben Die Ketten der Freiheit - Tom
Acht Der Preis des Erfolgs - Carl
Neun Der letzte Akkord – Jonas
Zehn Zugrunde Regiert - Xavier
Elf Alles annehmen wollen – Franziska
Zwölf Beute der Ausbeutung – Adrian
Dreizehn Ende oder Anfang - Jann
Ben bückte sich, um das Handy aufzuheben. Es lag direkt am Gehweg, halb versteckt unter einem Haufen nasser Blätter. Der Bildschirm war dunkel, aber das Gerät schien unbeschädigt. Er wischte die Feuchtigkeit ab und drückte den Power-Knopf. Ein kurzes Vibrieren bestätigte, dass es funktionierte. Seltsam. Kein Entsperrcode. Keine Startanimation. Nur ein einziger schwarzer Bildschirm mit einer App darauf.
Die App hieß "Wünsch dir was". Ihr Icon zeigte einen lächelnden Flaschengeist mit verschränkten Armen. Die Farben – leuchtend Türkis und Gold – stachen sofort ins Auge. Ben runzelte die Stirn.
"Was soll das?" murmelte er.
Trotz seiner Skepsis wischte er über das Display und tippte auf das Icon. Die App öffnete sich ohne Verzögerung. Kein Ladebildschirm. Kein Menü. Einfach nur eine einzige Eingabemaske mit einem blinkenden Cursor. Oben stand in geschwungener Schrift:
"Tippe deinen Wunsch ein, und er wird dir erfüllt.(0/3)"
Ben lachte kurz auf. "Das ist doch ein Witz", sagte er leise, während er sich umsah. Der Gehweg war leer, der Wind pfiff durch die kahlen Bäume. Niemand schien in der Nähe zu sein, der ihn beobachtete. Trotzdem fühlte er sich plötzlich unbehaglich.
"Okay, wer auch immer das programmiert hat, gut gemacht", murmelte er und wollte das Handy zurück in den nassen Blättern versenken. Aber irgendetwas hielt ihn zurück.
Sein Daumen zögerte über dem Bildschirm.
Die Idee war absurd. Natürlich war das nur irgendein Spiel oder ein Marketing-Gag. Und doch...
Ben blickte sich erneut um. Niemand zu sehen. Der Himmel war grau, die Straßen menschenleer. Er spürte das Gewicht des Handys in seiner Hand. Es war warm. Merkwürdig warm, wie eine lebendige Sache.
Er setzte sich auf die nahegelegene Bank. Sein Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft. Wieder starrte er auf den Bildschirm.
"Tippe deinen Wunsch ein, und er wird dir erfüllt.(0/3)"
"Das kann nicht echt sein", dachte er. Aber was, wenn doch? Ein winziger Funke Hoffnung mischte sich unter den Zweifel. Es war verrückt, aber die Welt war auch verrückt. Warum also nicht?
Er tippte mit den Fingern auf seine Knie. Was könnte er sich wünschen? Geld? Macht? Eine Weltreise? Für einen Moment stieg ihm die Fantasie zu Kopf. Aber dann wurde er wieder nüchtern. Wenn es ein Scherz war, wollte er nichts Lächerliches sagen. Und wenn es echt war... dann musste der Wunsch klug sein.
Die Sekunden verstrichen.
Ben spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Ein Gefühl, das er nicht beschreiben konnte, kroch in ihm hoch. Es war nicht nur Skepsis oder Neugier. Es war etwas anderes. Eine Mischung aus Aufregung und Furcht.
"Okay, nur um es zu testen", sagte er schließlich laut. Seine Stimme zitterte ein wenig, als hätte er Angst, dass ihn jemand hören könnte. Aber da war niemand. Nur er und das Handy.
Er beugte sich vor. Das Handy fühlte sich immer wärmer an. Er nahm tief Luft und fing an zu tippen.
„Ich wünsche mir eine Tasche voller Geld.“
Seine Finger tippten langsam, beinahe widerwillig. Die Worte standen schwarz auf weiß im Textfeld. Ein letzter Moment des Zweifelns, dann drückte er auf "Senden".
Der Bildschirm wechselte sofort. Goldene Schrift erschien und glühte auf.
"Vielen Dank für deinen ersten Wunsch! Du hast noch zwei Wünsche übrig. Dein Wunsch wird in den nächsten Stunden in Erfüllung gehen."
Ben blinzelte. Seine Gedanken rasten. Was bedeutete das? Hatte er gerade wirklich...? Ein plötzliches Unbehagen packte ihn. Er schüttelte den Kopf und sagte zu sich selbst. "Hör auf, so albern zu sein", murmelte er. Mit einem tiefen Atemzug drückte er die Seitentaste des Handys, ließ den Bildschirm ausgehen und schob das Gerät in seine Jackentasche. Es fühlte sich fast an, als wolle er die seltsame Erfahrung vergessen. Ohne weiteren Blick auf die App machte er sich auf den Weg nach Hause.
Zuhause angekommen war alles wie immer. Ben legte die Jacke auf den Stuhl, das Handy in der Tasche schon vergessen. Er machte Abendessen – Nudeln mit Pesto, nichts Besonderes. Er aß, während der Fernseher im Hintergrund lief. Eine seichte Talkshow, die ihn kaum interessierte. Danach scrollte er durch sein Handy, sah sich ein paar Nachrichten an und ging schließlich ins Bett.
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker, wie jeden Tag um sieben Uhr. Ben schaltete ihn aus und gähnte. Die Erinnerungen an den vorigen Abend waren verblasst. Er dachte nicht mehr an das Handy, die App oder den Wunsch. Stattdessen folgte er seiner gewohnten Routine: Zähneputzen, Duschen, Frühstück machen. Während der Kaffee durchlief, zog er seine Arbeitskleidung an.
Ben arbeitete als Sales-Mitarbeiter in einem Callcenter. Es war nicht sein Traumberuf, aber die Bezahlung war okay, und die Arbeit war... erträglich. Er musste täglich zig Telefonate führen, potenzielle Kunden überzeugen und seine Quoten erfüllen. Kein einfacher Job, aber einer, der ihn nicht weiter forderte.
Er schnappte sich seine Tasche und zog die Jacke über. Gerade als er die Tür öffnete, spürte er plötzlich etwas unter seinem Fuß. Beinahe wäre er gestolpert. "Was zum...?" Er blickte nach unten.
Vor seiner Tür stand eine große schwarze Tasche. Sie sah robust aus, aus schwerem Stoff mit stabilen Griffen. Ben runzelte die Stirn und schaute den Flur entlang. Niemand war zu sehen. Keine Nachbarn, keine Geräusche, nichts. Nur die riesige Tasche.
Zögerlich griff er danach. Sie war schwer. Sehr schwer. Er zog sie ins Innere seiner Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Sein Herz klopfte schneller. Was war das? Wer stellte eine Tasche vor seine Tür? Und warum?
Er trug sie zum Esstisch im Wohnzimmer und stellte sie ab. Seine Hände zitterten leicht, als er den Reißverschluss öffnete. Das Licht der Deckenlampe fiel auf den Inhalt – Bündel. Bündel von Geldscheinen. Hunderte von Scheinen, ordentlich gestapelt und mit Gummibändern gesichert.
Ben starrte. Sein Atem stockte. Ungläubig griff er nach einem der Bündel und löste das Gummiband. Es waren Hunderter. Jeder Schein makellos. Er begann zu zählen. Zehn, zwanzig, fünfzig... Ein Bündel bestand aus 100 Scheinen. Das waren 10.000 Euro.
Er legte das Bündel zurück und blickte auf die anderen Stapel in der Tasche. Schnell rechnete er im Kopf. Es waren mindestens 150 Bündel. Sein Magen drehte sich um. 1,5 Millionen Euro.
Er ließ sich auf den Stuhl fallen, die Hände immer noch auf der Tischplatte. "Das... das kann nicht echt sein", flüsterte er. Aber es war echt. Jede Faser in ihm wusste das.
Und plötzlich erinnerte er sich. Die App. Der Wunsch. Die Tasche voller Geld. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Das war unmöglich. Das konnte nicht sein. Und doch... die Tasche stand vor ihm. Das Geld war echt. Ein Blick auf die Uhr riss ihn aus seinen Gedanken. Verdammt, er musste zur Arbeit. Mit zitternden Händen packte er die Bündel zurück in die Tasche, zog den Reißverschluss zu und schleppte sie ins Schlafzimmer. Unter dem Bett war noch Platz. Er schob die Tasche so weit hinein, wie es ging, dann stand er auf, atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen.
"Alles normal", sagte er sich leise. "Du gehst jetzt zur Arbeit. Als wäre nichts passiert."
Er schnappte sich seine Jacke und rannte aus der Wohnung, ohne zurückzublicken. Aber die Tasche – und die Erinnerungen an die App – ließen ihn nicht los. Angekommen im Büro ging es weiter wie in jedem anderen Tag. Das Kickoff-Meeting mit dem Team verlief routiniert: Der Chef sprach über die Ziele für den Tag, die Quoten, die es zu erreichen galt, und dass der Druck auf die Abteilung zunehmen würde. Ben hörte halbherzig zu, nickte an den richtigen Stellen und wartete darauf, dass er sich an seinen Platz setzen konnte.
Sein Schreibtisch war klein, unpersönlich, ein Bildschirm, ein Telefon, ein Headset. Auf dem Bildschirm sah er die Liste mit Namen und Telefonnummern. Eine endlose Kette von Menschen, die er anrufen musste, um ihnen ein Abo einer Zeitschrift anzubieten. Diese Woche war es ein Magazin über Gartenpflege – letzte Woche ging es um Kochrezepte, davor um Heimwerkerbedarf. Fast jede Woche wechselte das Produkt, aber die Strategie blieb gleich: Ein Standardtext, den er innerhalb von Minuten auswendig lernte, den er dann wie ein Roboter herunterratterte, sobald jemand abnahm.
Er hasste es. Jeden einzelnen Anruf. Er wusste, dass die meisten Menschen, die er anrief, nichts von dem wollten, was er verkaufte. Viele waren genervt, manche höflich, die meisten aber unhöflich oder aggressiv. Und doch musste er weiter anrufen. Es war sein Job. Verkaufte er weniger, schrumpfte seine Prämie. Und wenn er länger nichts verkaufte, würde er den Job verlieren – und ohne diesen Job konnte er seine Rechnungen nicht bezahlen. Also rief er an. Eine Nummer nach der anderen.
"Hallo, mein Name ist Ben. Ich rufe Sie an im Auftrag von–" Klick. Aufgelegt.
Ein tiefer Atemzug. Nächster Anruf.
"Hallo, ich spreche mit Frau Meier? Ich möchte Ihnen heute ein tolles Angebot vorstellen für–"
"Hören Sie auf, mich zu belästigen!" Klick.
Ben biss die Zähne zusammen. Sein Kiefer verkrampfte sich. Er wusste, dass er ein dickes Fell brauchte. Und doch nagte jeder Aufleger, jede Beleidigung, jede Ablehnung an ihm. Telefonat für Telefonat fühlte er sich leerer. Zur Mittagszeit hatte er bereits über ein Dutzend Gespräche versucht zu führen. Etwa die Hälfte der Anrufe wurde angenommen, aber fast alle endeten schnell. Die wenigen, die ihn ausreden ließen, kauften nichts. Es war ein frustrierender Tag, wie so oft. Er hatte nicht einen einzigen Abschluss gemacht.
"Nur noch ein Anruf", sagte er sich leise. "Dann mache ich eine Pause."
Er wählte die nächste Nummer. Das Wählen war Routine, mechanisch, fast automatisch. Die Leitung klingelte, und jemand hob ab. Bevor er richtig Luft holen konnte, begann er seinen Text: "Hallo, mein Name ist Ben. Ich rufe Sie an im Auftrag von–"
Plötzlich explodierte die Stimme auf der anderen Seite der Leitung. Der Mann, den er angerufen hatte, brüllte ihn an. Die Worte kamen wie Kugeln: Beleidigungen, Erniedrigungen, Anschuldigungen. "Sie Versager! Finden Sie sich einen richtigen Job! Niemand braucht den Mist, den Sie da andrehen wollen!"
Ben konnte nicht mal antworten. Der Mann legte auf.
Er starrte auf den leeren Bildschirm. Das Besetztzeichen summte in seinem Ohr, dann Stille. Für einen Moment saß er regungslos da, das Headset noch auf, als würde er überlegen, was gerade passiert war. Warum machte er das? Warum ließ er sich so behandeln? Die Antwort kam schnell: Er brauchte das Geld. Das war der einzige Grund. Und dann, fast wie ein Schlag ins Gesicht, erinnerte er sich an die Tasche unter seinem Bett. Die Tasche voller Geld. Ben atmete scharf ein. Mit dem, was in der Tasche war, könnte er eine ganze Weile leben. Vielleicht Jahre, wenn er sparsam blieb. Er könnte die Rechnungen bezahlen, ohne sich von einem Job zermürben zu lassen, den er hasste. Ohne sich jeden Tag so erniedrigen zu müssen. Er schob den Stuhl zurück, stand auf und ging zum Fenster. Er starrte hinaus, während er die Worte des Mannes in seinem Kopf wiederholte. "Finden Sie sich einen richtigen Job." Ein richtiger Job. Sein Traumjob. Wie lange hatte er davon geträumt, etwas zu tun, das ihn erfüllte? Etwas, das ihn nicht wie ein Zahnrad in einer Maschine fühlen ließ?
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz: Er musste das hier nicht mehr machen. Er musste nicht länger an diesem Platz sitzen, Tag für Tag Menschen anrufen, die ihn beleidigten, nur um eine Prämie zu verdienen, die gerade so seine Miete deckte. Das Geld in der Tasche gab ihm eine Chance. Eine echte Chance.
Er sah auf die Uhr. Noch ein paar Stunden bis Feierabend. Ein Teil von ihm wollte sofort aufstehen und einfach gehen. Aber der andere Teil, der an die Routine, die Verpflichtungen und die Angst vor Veränderung gewöhnt war, hielt ihn zurück.
"Nach heute", dachte er. "Morgen kündige ich."
Und mit diesem Gedanken setzte er sich wieder an seinen Platz. Aber diesmal wählte er keine neue Nummer. Stattdessen ließ er die Hände in den Schoß sinken und starrte in die Leere.
Ben saß noch eine Weile regungslos da, während um ihn herum das geschäftige Treiben des Callcenters weiterging. Stimmen murmelten, Telefone klingelten, Tasten klapperten – aber Ben hörte es kaum. Sein Blick war auf den Bildschirm gerichtet, doch seine Gedanken waren ganz woanders.
Nach ein paar Minuten atmete er tief durch, setzte die Finger auf die Tastatur und begann zu tippen. Doch es war keine neue Telefonnummer, die er eintippte. Stattdessen öffnete er ein Textbearbeitungsprogramm. Die Worte flossen aus ihm heraus, klar und entschlossen.
"Hiermit kündige ich..."
Es war, als hätte er das schon lange in sich getragen und endlich gefunden, was er sagen wollte. Ben las den Text noch einmal durch. Er war kurz, direkt und professionell. Er druckte ihn aus, faltete das Blatt sorgfältig und stand auf. Sein Herz pochte, als er durch das Büro ging und die Blicke einiger Kollegen spürte. Er klopfte an die Tür des Chefs, wartete nicht auf eine Antwort und trat ein. Der Chef schaute überrascht auf.
"Ben? Was gibt's?"
Ben zögerte nicht lange. "Ich wollte Ihnen das hier geben", sagte er und reichte das Blatt hinüber. "Es ist meine Kündigung. Ich kann diesen Job nicht mehr machen."
Der Chef runzelte die Stirn, las die wenigen Zeilen und blickte wieder zu Ben.
"Das kommt überraschend."
"Ich weiß", antwortete Ben. "Aber ich denke, es ist das Beste. Für mich – und für die Firma. Ich bin nicht mehr wirklich hier bei der Sache. Vielleicht könnten wir einen Aufhebungsvertrag machen? Damit ich ab sofort freigestellt bin, ohne dass es für Sie einen Nachteil gibt."
Der Chef schaute ihn einen Moment lang an, dann nickte er langsam. "Gut. Wenn du glaubst, das ist das Richtige. Wir regeln das."
Ben spürte, wie eine Welle der Erleichterung ihn überkam. "Vielen Dank", sagte er leise. Er ging zurück zu seinem Platz, packte seine Sachen in eine kleine Tasche und verließ das Büro. Niemand hielt ihn auf. Niemand fragte, warum. Als er durch die Tür trat und den kühlen Wind auf seinem Gesicht spürte, fühlte er sich plötzlich... frei. Es war ein Gefühl, das er seit Jahren nicht mehr gekannt hatte. Ein Gefühl, das ihn fast schweben ließ.
Zuhause angekommen zog Ben die Tasche unter dem Bett hervor. Er griff hinein, spürte die kühle Oberfläche der Geldscheine und zog ein paar Bündel heraus. Er nahm einige Scheine, legte den Rest zurück und schob die Tasche wieder an ihren Platz. Dann steckte er das Geld in sein Portemonnaie. Er hatte keinen genauen Plan, aber eines wusste er: Heute würde er feiern. Seinen ersten Tag in Freiheit. Er ging in eine kleine Bar, die er seit Jahren kannte. Es war nichts Besonderes, aber es war gemütlich. Drinnen saßen die üblichen Leute – ein paar Stammgäste, die er vom Sehen kannte. Einige von ihnen nickten ihm zu, als er hereinkam. Ben ging direkt zur Theke, bestellte sich ein Bier und hob dann seine Hand.
"Eine Runde für alle", sagte er mit einem breiten Grinsen.
Die wenigen Gäste in der Bar jubelten leise und prosteten ihm zu. Einige fragten ihn, ob es einen besonderen Anlass gab, aber Ben lachte nur und sagte: "Heute ist ein guter Tag."
Das Bier schmeckte besser als sonst. Oder vielleicht lag es an der neuen Freiheit, die er fühlte. Er trank langsam, sprach ein wenig mit den anderen Gästen und genoss die Atmosphäre. Als er merkte, dass der Alkohol ihm langsam zu Kopf stieg, zog er seine Jacke an und verabschiedete sich. "Gute Nacht, Leute", rief er und ging hinaus in die kühle Nacht.
Auf dem Weg nach Hause begann er nachzudenken. Das Geld würde eine Weile reichen, das wusste er. Aber wie lange genau? Wie könnte er es am besten nutzen? Und vor allem: Was wollte er jetzt eigentlich tun? Er hatte keinen Traumjob. Er wusste nicht einmal, was er wirklich wollte. Seit Jahren hatte er nur funktioniert, ohne je darüber nachzudenken, was ihn glücklich machen würde.
Zuhause angekommen legte er sich ins Bett. Die Gedanken drehten sich weiter in seinem Kopf. Das Geld, die Freiheit, die Möglichkeiten – alles schien so groß und gleichzeitig so unklar. Er fragte sich, ob er je herausfinden würde, was er wirklich wollte. Mit diesen Gedanken schlief er schließlich ein, während die Stadt draußen in der Nacht versank. Es war der erste Tag eines neuen Lebens – aber was er daraus machen würde, wusste er noch nicht.
Ben unterdrückte den Drang, immer wieder tief in die Tasche voller Geld zu greifen. Das Geld war da, jederzeit verfügbar, aber er wollte vernünftig bleiben. Er spazierte oft durch die Stadt, setzte sich in Cafés oder traf sich mit Freunden, aber selbst in den ruhigsten Momenten schwirrten die Gedanken an das Geld immer in seinem Kopf. Was sollte er damit tun?
Ein Teil von ihm wollte es als Investment nutzen, vielleicht in ein kleines Geschäft oder eine Idee, die ihn begeistern würde. Aber was, wenn er alles verlieren würde? Jede Fehlinvestition würde die Zeit verkürzen, die er von diesem Geld leben konnte. Er wusste, dass es keine zweite Chance geben würde.
Eines Abends betrat er wieder seine Lieblingskneipe, eine gemütliche Bar, die er seit Jahren besuchte. Er bestellte ein Bier, setzte sich zu ein paar Bekannten und plauderte beiläufig über dies und das. Im Hintergrund lief der Fernseher, wie immer stumm geschaltet, mit Untertiteln. Die Nachrichten flimmerten über den Bildschirm.
Dann hob der Barmann plötzlich die Stimme. "Hey, das ist unsere Kneipe da im Fernsehen!" Er griff zur Fernbedienung und drehte die Lautstärke auf.
Alle Köpfe drehten sich zum Bildschirm. Dort stand ein Reporter vor der Kneipe, in der sie gerade saßen. Ben spürte, wie sich seine Brust zusammenzog, während die Stimme des Reporters durch die Bar hallte:
"Die Polizei hat bestätigt, dass weitere Scheine aus dem berüchtigten Überfall auf das Sicherheitsdepot aufgetaucht sind. Diese Scheine wurden in einer Kneipe, zwei Cafés und einem Supermarkt entdeckt."
Ben wurde blass. Sein Herz raste. Er versuchte ruhig zu bleiben, doch eine kalte Welle lief ihm den Rücken hinunter. Die Orte, die der Reporter nannte – sie waren ihm nur allzu vertraut. Es waren genau die Orte, an denen er in den letzten Tagen gewesen war. Die Cafés, der Supermarkt, jetzt die Kneipe. Das konnte kein Zufall sein. Seit dem Moment, in dem er das Handy gefunden und die Tasche vor seiner Tür entdeckt hatte, hatte Ben aufgehört, an Zufälle zu glauben. Er zwang sich, weiter zuzuhören.
"Der Überfall, bei dem vor zwei Wochen 1,5 Millionen Euro gestohlen wurden, forderte tragischerweise drei Todesopfer: einen Sicherheitsmann, den Filialleiter und eine Kassiererin. Die Polizei konnte die Räuber wenige Tage später festnehmen, aber die Beute blieb verschwunden. Bis jetzt. Experten vermuten, dass die Täter möglicherweise einen Komplizen hatten, der das Geld versteckt hat. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren."
Der Barmann drehte die Lautstärke wieder herunter. "Unglaublich, oder?" sagte er in die Runde. "Das ist direkt hier passiert."
Ben konnte nicht antworten. Er nickte nur mechanisch, während seine Gedanken in alle Richtungen jagten. Das Geld. Es musste das Geld aus der Tasche sein. Er hatte sich nie gefragt, woher es kam – oder besser gesagt, er hatte es nicht wissen wollen. Jetzt wusste er es, und die Wahrheit fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Er verabschiedete sich hastig von seinen Bekannten und stürmte aus der Kneipe. Der kalte Abendwind traf ihn ins Gesicht, aber er spürte ihn kaum. Sein Kopf war ein Chaos aus Angst und Panik. Was sollte er tun? Würden sie ihn finden?
Wie dumm von ihm, dachte er. Er hatte erst kürzlich seine Miete in bar bezahlt. Sein Vermieter würde das Geld sicher bald einzahlen, falls er es nicht sogar schon eingezahlt hatte, und sobald es auf dem Konto war, würde die Polizei die Spur verfolgen können. Sie würden seinen Vermieter finden, und der würde sie zu Ben führen.
Er eilte nach Hause, schloss die Tür hinter sich und begann, nervös in der Wohnung auf und ab zu gehen. Seine Gedanken rasten. Er klopfte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, um sich zum Denken zu zwingen. Er musste weg. Sofort. Ben zog einen Koffer hervor und begann hektisch, seine Sachen zu packen. Kleidung, ein paar persönliche Dinge, das Nötigste. Während er packte, überlegte er fieberhaft, wohin er gehen könnte. Die Polizei würde seinen Namen und seine Adresse kennen. Er würde eine neue Identität brauchen. Aber das war eine Sorge für später. Zuerst musste er hier weg.
Er beschloss, nur einen kleinen Teil des Geldes auszugeben um so durch das Wechselgeld etwas frisches Geld zu haben. Das Wechselgeld wäre unauffällig, nicht markiert und könnte ihn für ein paar Wochen über Wasser halten. Damit würde er dann ein Flugticket kaufen, aber nicht direkt. Flughäfen waren riskant. Bahnhöfe auch. Vielleicht ein Bus?
Er war gerade dabei, das restliche Geld in der Tasche zu verstauen, als es an der Tür klopfte.
Ben erstarrte. Sein Herz setzte aus. Es klopfte erneut, dieses Mal lauter.
"Ben Schmidt. Sind sie da? Wir müssen mit ihnen sprechen." rief eine Stimme von draußen.
Ben ließ die Tasche fallen. Sein Körper fühlte sich plötzlich schwer an, als hätte er jegliche Kraft verloren. Seine Gedanken waren leer, die Panik übernahm. Das Spiel war aus. Sie hatten ihn gefunden. Ben erstarrte, als das leise Summen durch den Raum drang. Es kam von seiner Jacke, die über dem Stuhl hing. Sein erster Gedanke war, dass es sein eigenes Handy sein musste, aber als er näher kam, sah er, dass es das gefundene Handy war – das ominöse Gerät, das ihn schon einmal in die Bredouille gebracht hatte. Er nahm es in die Hand, und sein Herz schlug schneller, als er den Bildschirm entsperrte. Eine Nachricht leuchtete ihm entgegen, in derselben geschwungenen Schrift wie damals:
"Tippe deinen Wunsch ein, und er wird dir erfüllt.(1/3)"
Seine Kehle wurde trocken. Das letzte Mal hatte der Wunsch funktioniert, und das Geld war tatsächlich aufgetaucht. Aber jetzt war die Situation völlig anders. Diesmal ging es nicht um Geld oder Luxus. Diesmal ging es um seine Freiheit – vielleicht sogar um sein Leben. Ein erneutes Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Es war diesmal drängender, lauter. Eine Stimme rief:
"Hier ist die Polizei. Öffnen Sie die Tür, Herr Wagner. Wir müssen mit Ihnen sprechen."
Bens Gedanken rasten. Sie wissen, dass ich hier bin. Sie wissen es. Panik machte sich in ihm breit, doch sein Blick fiel wieder auf das Handy in seiner Hand. "Wünsch dir doch was."
Er überlegte fieberhaft. Letztes Mal hatte es Stunden gedauert, bis der Wunsch in Erfüllung ging. Würde es diesmal genauso sein? Oder könnte es schneller gehen? Es blieb keine Zeit, es herauszufinden. Er musste es riskieren. Mit zitternden Fingern öffnete er die App, die Eingabemaske erschien sofort. Der blinkende Cursor wartete auf seinen Wunsch. Ein weiteres Klopfen, dieses Mal lauter, ließ ihn fast das Handy fallen.
"Herr Schmidt! Wir wissen, dass Sie da sind! Öffnen Sie die Tür!"
Ben atmete tief durch, versuchte, die zittrige Panik zu unterdrücken, und tippte hastig:
"Ich wünsche mir, dass die Polizisten sofort verschwinden."
Er drückte auf "Senden".
Für einen Moment passierte nichts. Das Klopfen verstummte. Die Stimme draußen schwieg. Ben hielt den Atem an, lauschte angestrengt auf jedes Geräusch. Sekunden verstrichen, die sich wie Stunden anfühlten. Dann... Stille. Ben wartete, wagte kaum sich zu bewegen. Er schlich zur Tür, seine Bewegungen langsam und vorsichtig. Sein Herz pochte so laut, dass er dachte, man müsste es durch die Wände hören können. Schließlich stand er vor der Tür, legte ein Ohr dagegen und lauschte. Nichts. Kein Klopfen, keine Stimmen, kein Geräusch von Schritten.
Mit zitternden Fingern beugte er sich zum Türspion. Der Flur war leer. Kein Polizist in Sicht. Ben atmete scharf ein und richtete sich auf. Es hat funktioniert. Er konnte es kaum glauben. Sein Verstand wollte die Logik finden, wollte es als Zufall abtun, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass es kein Zufall war.
Er zog die Tür langsam und leise auf. Der Flur war tatsächlich verlassen. Kein Geräusch hallte durch das Treppenhaus, keine Schritte, keine Stimmen. Die Polizisten waren fort, so als wären sie nie da gewesen.
Ben schloss die Tür wieder, drehte den Schlüssel um und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Holz. Seine Beine fühlten sich schwach an, und er sank langsam zu Boden. Sein Blick fiel wieder auf das Handy. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Der Gedanke, dass ihm noch ein letzter Wunsch blieb, fühlte sich nicht wie eine Erlösung an, sondern wie eine Bürde. Was würde er damit tun? Und... welche Konsequenzen würde dieser letzte Wunsch haben?
Ben packte seine Taschen fertig, hastig, ohne Ordnung. Sein Kopf war ein Chaos aus Angst und Adrenalin. Er wusste, dass er keine Zeit hatte, einen klaren Plan zu schmieden. Weg. Einfach weg. Das war alles, woran er denken konnte. Er schnappte sich die Tasche mit dem restlichen Geld, zog seine Jacke über und stürmte aus der Wohnung.
Draußen auf der Straße blieb er stehen. Der kalte Wind blies ihm ins Gesicht, aber es half ihm nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Wohin jetzt? Er schaute sich hektisch um. Die Straße war ruhig, fast unheimlich ruhig. Doch er wusste, dass die Polizisten, die vor seiner Tür gestanden hatten, nicht weit weg sein konnten – auch wenn sein Wunsch sie verschwinden ließ. Wie weit? Wohin? Er durfte es nicht riskieren, stehen zu bleiben. Also ging er los, fast blindlings, die Straße entlang.
Sein erster Halt war ein Supermarkt. Er versuchte, sich unauffällig zu verhalten, während er ein paar Grundnahrungsmittel in seinen Korb legte – Brot, Wasser, Dosen. An der Kasse zahlte er mit einem der Hunderter aus der Tasche. Der Kassierer warf einen kurzen, misstrauischen Blick auf den großen Schein, bevor er das Wechselgeld herausgab. Ben nahm es, steckte es in seine Jacke und verließ den Laden. Er ging weiter, betrat ein kleines Café und bestellte einen Kaffee to-go. Wieder zahlte er mit einem Hunderter und steckte das Wechselgeld sorgfältig in seine Jacke. Kleine Beträge, an vielen Orten, dachte er. So würde er das Geld nach und nach in kleinere Scheine umwandeln und unauffälliger machen. Ein bisschen wie Geldwäsche, nur improvisiert.
Der nächste Teil seines Plans formte sich, während er durch die Straßen wanderte. Er suchte drei verschiedene Hotels auf und buchte jedes Mal ein Zimmer – für den gleichen Zeitraum, aber an unterschiedlichen Orten. Er zahlte immer bar, wieder mit den Hundertern. Keiner wird wissen, welches Zimmer ich wirklich benutze. Schließlich betrat er ein viertes Hotel. Diesmal zahlte er mit dem Wechselgeld, das er gesammelt hatte. Kleine Scheine, unauffällig. Dort plante er, die nächsten Tage zu verbringen.
Die ersten Tage im Hotel verliefen ruhig. Ben blieb im Zimmer, schaute regelmäßig die Nachrichten und versuchte, sich nicht verrückt zu machen. Anfangs schien es, als hätte niemand ihn bemerkt. Kein Bericht, keine Spur von ihm in den Medien. Doch dann kam eine Nachricht, die ihn wie ein Schlag traf. Ein Reporter sprach über den Fund zweier toter Polizisten in einem Waldgebiet. Sie waren von einem Jogger entdeckt worden, ihre Leichen unter Zweigen und Laub verborgen. Die Polizei ging von einem Verbrechen aus. Ben wusste es sofort. Das waren die Polizisten, die vor meiner Tür geklopft haben. Sein Magen drehte sich um. Er konnte sich nicht erklären, wie es passiert war, aber es war kein Zufall. Sein Wunsch hatte sie verschwinden lassen. Er versuchte, ruhig zu bleiben, doch der Druck wurde unerträglich, als sein Name in den Nachrichten auftauchte.
Ein Sprecher verkündete, dass Ben Schmidt der Hauptverdächtige sei. Er wurde wegen Diebstahls und Mordes gesucht. Die Polizei behauptete, dass er die beiden Polizisten überwältigt, getötet und ihre Leichen im Wald versteckt habe. Der Bericht erwähnte, dass ohne den aufmerksamen Jogger die Leichen möglicherweise nie gefunden worden wären.
Ben spürte, wie seine Welt zusammenbrach. Er war jetzt nicht mehr nur ein Mann mit einer Tasche voller Geld, der sich vor dem Gesetz versteckte. Jetzt war er ein gesuchter Mörder. Und die Polizei würde alles tun, um ihn zu finden.
Die nächsten zwei Tage verbrachte Ben rastlos in seinem Hotelzimmer. Er wusste, dass er nicht bleiben konnte. Alles in ihm schrie nach Bewegung, nach Flucht. Er durfte nicht zu lange an einem Ort bleiben – das hatten die Filme ihm beigebracht, die er früher so gern geschaut hatte.
Mit klopfendem Herzen packte er seine Sachen erneut. Diesmal war er noch vorsichtiger. Er plante, seinen Aufenthaltsort ständig zu wechseln, immer in Bewegung zu bleiben, immer einen Schritt voraus. Doch in seinem Inneren wusste er, dass die Wahrheit nicht ewig verborgen bleiben würde. Wie lange kann ich das durchhalten? dachte er, während er die Tasche mit dem Geld über die Schulter warf und die Hotelzimmertür hinter sich zufallen ließ.
Ben schnappte nach Luft, als er die Sirenen hörte. Der durchdringende Klang ließ sein Herz noch schneller schlagen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Polizei ihn so schnell finden würde. Sein Plan, sich unauffällig durch die Stadt zu bewegen, war in Sekundenbruchteilen zunichtegemacht.
Die Polizeifahrzeuge hielten abrupt in seiner Nähe, und mehrere Polizisten sprangen heraus. Ben rannte, ohne nachzudenken. Sein Instinkt übernahm die Kontrolle. Er stürmte durch schmale Gassen, überquerte Straßen und suchte nach einem Ort, wo er sich verstecken konnte. Schließlich entdeckte er ein verlassenes Gebäude – ein altes Lagerhaus mit zersplitterten Fenstern und verrosteten Türen. Ohne zu zögern, schlüpfte er hinein.
Er raste durch die dunklen Flure, suchte nach einem Raum, den er verbarrikadieren konnte. Er fand eine kleine Kammer, schob einen schweren Schreibtisch vor die Tür und lehnte sich gegen die Wand, um seinen Atem zu beruhigen. Doch die Ruhe währte nur kurz.
Von draußen hörte er, wie die Polizisten das Gebäude betraten. Ihre Schritte hallten durch die verlassenen Gänge. Die Stimmen wurden lauter.
"Er muss hier drin sein!" rief einer.
Ben presste sich gegen die Wand, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Er hörte, wie die Polizisten gegen die Tür stießen. Sie riefen ihm zu, er solle aufgeben. Als er nicht antwortete, hörte er das metallische Klirren eines Rambocks. Sie würden jeden Moment durchbrechen.
Sein Kopf raste. Es gab keinen Ausweg. Das Handy. Seine Hand zitterte, als er es aus der Tasche zog. Er öffnete die App, und das vertraute Textfeld erschien. Ein letzter Wunsch. Er wusste, dass es diesmal alles oder nichts bedeutete.
Er tippte: "Ich wünsche mir, von hier zu verschwinden."
Kaum hatte er den Wunsch abgeschickt, spürte er, wie eine seltsame Wärme seinen Körper durchströmte. Er hatte keine Zeit, den Gedanken zu verarbeiten. Sein Körper löste sich in ein schimmerndes Licht auf, seine Form verschwamm, und plötzlich war er weg. Nichts blieb zurück.
Die Polizistin Lisa betrat mit gezogener Waffe den Raum, kurz nachdem die Tür mit einem lauten Krachen aufgebrochen worden war. Doch der Raum war leer. Kein Ben. Nur eine Tasche, ein Stapel Kleidung und ein Handy, das auf dem Boden lag.
Lisa runzelte die Stirn und überprüfte vorsichtig den Raum. Es gab keinen Ausgang, keine Spur, wo Ben hingegangen sein könnte. Er hatte sich in Luft aufgelöst. Sie hob die Tasche mit dem Geld auf und öffnete sie kurz. Die Bündel Hunderte waren noch da. Sie nahm das Handy in die Hand – immer mit Handschuhen – und bemerkte, dass der Bildschirm aufleuchtete.
Eine Nachricht erschien in geschwungener Schrift:
Lisa starrte auf die Worte. Sie verstand nicht, was sie sah, aber irgendetwas daran ließ sie innehalten. Die Nachricht verschwand nach ein paar Sekunden, und eine neue erschien:
"Wunsch erfüllt.(3/3)" und kurz danach "Tippe deinen Wunsch ein, und er wird dir erfüllt.(0/3)"
Sie blieb regungslos, ihre Gedanken rasten. Was ist das? Ein Scherz? Ein Trick? Doch tief in ihrem Inneren spürte sie, dass es kein Scherz war. Das Handy schien fast... lebendig. Es lag warm in ihrer Hand, obwohl es keinen Grund dafür gab.
Sie blickte sich im Raum um. Die anderen Polizisten waren draußen, sprachen in Funkgeräten und durchsuchten das Gebäude. Niemand hatte gesehen, was sie gerade in den Händen hielt.
Lisa schluckte schwer. Ihre Finger schwebten zögernd über dem Bildschirm. Sie wusste, dass sie nicht glauben sollte, was sie sah. Aber was, wenn es wahr war? Was, wenn es tatsächlich funktioniert?
Die Luft im kleinen Abstellraum war abgestanden, warm und still, als Lisa das Handy in den Händen hielt. Die leeren, grauen Betonwände schienen die Zeit anzuhalten. Nichts regte sich außer ihrem eigenen Atem und dem leisen Knistern des Funkgeräts, das irgendwo draußen in den Fluren noch aktiv war. Draußen hörte man Schritte, gedämpfte Stimmen, metallische Klirren von Ausrüstung, die verschoben wurde. Hier drinnen aber war es, als wäre die Welt für einen kurzen Moment angehalten, als wäre der Raum aus der Wirklichkeit herausgelöst. Das Licht, das durch den schmalen Türspalt fiel, malte seltsame Muster auf den Boden.
In Lisas Hand lag dieses Handy, das eben noch eine Botschaft gezeigt hatte, die ihr vorkam wie aus einem Märchenbuch. Ein Wunschgerät. Sie hatte schon viel gesehen in ihrer Laufbahn als Polizistin: Betrüger, Diebe, Mörder, Verwirrte, Psychopathen. Aber nie etwas wie das hier. Nie ein Objekt, das ein Eigenleben zu besitzen schien.
Sie runzelte die Stirn, spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Das Handy war noch immer leicht warm, so als hätte es jemand gerade eben benutzt, um ein langes Gespräch zu führen. Aber sie wusste, das stimmte nicht. Der einzige, der hier gewesen war, war Ben – der Mann, den sie verfolgen sollten, ein Bankräuber, der angeblich einen ungewöhnlichen Gegenstand in seiner Tasche trug. Eine Tasche, die jetzt hier lag, gefüllt mit Geldscheinen, aber ohne ihren Besitzer. Ben war verschwunden, spurlos, als hätte sich sein Körper in Nebel aufgelöst. Keine Tür, kein Fenster, kein geheimer Gang. Nur dieses Handy, diese Botschaften, diese merkwürdige Hitze in Lisas Hand.
"Tippe deinen Wunsch ein, und er wird dir erfüllt.(0/3)"
Die Worte hallten in ihrem Geist nach, wie ein Echo in einer leeren Halle. Sie warf einen kurzen Blick auf den dunklen Bildschirm. Nichts zu sehen. Nur ihr eigenes, leicht verzerrtes Spiegelbild. Ihr Gesicht erschien ihr fremd, älter, als es sein sollte, durch den Stress, die langen Schichten, die immer gleichen Routinen. Sie dachte an all die Fälle, die sie bearbeitet hatte, an die Menschen, die sie retten wollte, an die Zeit, die sie geopfert hatte. Und jetzt stand sie hier, ein seltsames Handy in der Hand, ein Gerät, das Wünsche erfüllen konnte?
Vielleicht war es ein Scherz. Eine ausgeklügelte Technikspielerei, um sie zu verwirren. Vielleicht war es ein psychologischer Trick von Ben, um seine Verfolger in die Irre zu führen. Sie wollte nicht daran glauben, dass es echt sein könnte. Ben war aber verschwunden. Sie hatte die Wärme gespürt, die vom Handy ausging. Es war etwas an diesem Objekt, das sie nicht ignorieren konnte.
Langsam trat sie zur Tür, spähte hindurch, um sicherzugehen, dass keiner ihrer Kollegen hereinschaute. Alle waren beschäftigt. Sie hörte Gesprächsfetzen: "…ist nicht hier…", "…Türen verschlossen…", "…muss irgendwo versteckt sein…" Sie wusste, dass sie einen Bericht schreiben musste, eine Erklärung finden für das Unerklärliche. Doch was sollte sie sagen? Dass Ben sich in Luft aufgelöst hatte, nur zurückgelassen hatte er ein Handy, das Wünsche erfüllte? Niemand würde ihr glauben. Wahrscheinlich würden sie sie zum Polizeipsychologen schicken.
Leise, vorsichtig, schloss sie die Tür hinter sich. Der Raum war ihr Schutzraum, ihr Kokon der Zweifel. Sie musste herausfinden, was hier vor sich ging, ohne die Kollegen einzubeziehen. Sie wollte nicht ihre Integrität verlieren. Vielleicht konnte sie ja irgendwie beweisen, dass dieses Ding wirklich funktionierte. Wenn sie einen kleinen Test machte. Einen unverfänglichen Wunsch. Etwas Harmloses. Sie überlegte kurz: Vielleicht etwas wie: "Ich wünsche mir, dass das Licht in diesem Raum ausgeht." Aber es gab gar kein elektrisches Licht, nur eine Nische mit einer schwachen Neonröhre an der Decke. Und wenn sie ausging, wäre das vielleicht nur ein Zufall. Sie brauchte etwas Unverkennbares.
Ihre Finger glitten über den schwarzen Bildschirm des Handys. Nichts tat sich. Sie wartete. Dann tippte sie vorsichtig mit einem Finger auf die dunkle Oberfläche. Zuerst geschah nichts, doch dann flackerte der Bildschirm auf. Da war wieder diese geschwungene Schrift. Keine Tastatur, kein Menü, nur ein Feld, in das sie offenbar etwas eingeben konnte. Ihre Gedanken rasten. Was, wenn sie wirklich einen Wunsch eingab? Was sollte sie sich wünschen?
Sie musste klein anfangen. Ein schlichter Test. "Ich wünsche mir, dass…" Sie zögerte. Konnte sie es einfach so eintippen? Die Worte fielen ihr schwer. Die Absurdität der Situation lastete auf ihr. Sie dachte an ihre Kindheit, an Märchen. An Feen und Flaschengeister, die Wünsche erfüllten. Doch sie war kein Kind mehr. Sie war eine erwachsene Frau, Polizistin. Rational. Überlegt.
Trotzdem: Der Gedanke, dass dieses Handy real sein könnte, verführte sie. Welche Macht könnte darin liegen? Was könnte sie alles verändern, erreichen, verbessern? Ihr erster Impuls war es, etwas Gutes zu tun. Vielleicht hätte sie sich wünschen können, dass Ben zurückkehrt, damit sie ihn festnehmen konnte, ohne Gewalt, ohne Rätsel. Oder dass das gestohlene Geld an die Eigentümer zurückgelangt. Aber dann dachte sie an Ben. Was waren das für Wünsche gewesen? War sein Verschwinden der letzte Wunsch gewesen? Oder etwas anderes?
Sie überlegte: Wenn dieses Handy wirklich mächtig war, dann war es auch gefährlich. Wären ihre Kollegen sicher, wenn sie das Geheimnis teilte? Würde man ihr das Handy abnehmen, es in irgendwelche Labore bringen, zerlegen, analysieren? Hätte sie dann die Chance verloren, es für etwas Sinnvolles zu nutzen?
Die Vorstellung, Macht zu haben, hatte etwas Verlockendes. Sie war immer pflichtbewusst gewesen, immer loyal, immer auf der richtigen Seite des Gesetzes. Doch das Leben war hart, ungerecht. Sie hatte gesehen, wie Verbrecher ungeschoren davonkamen, wie Opfer in Armut und Verzweiflung zurückblieben. Sie hatte miterlebt, wie ihre Kollegen an Grenzen stießen, an Bürokratie, an politische Entscheidungen, an mangelnde Ressourcen. Wie oft hatte sie sich gewünscht, die Welt ein Stück besser machen zu können, ohne endlose Anträge, ohne langwierige Ermittlungen?
Aber jetzt, in diesem stillen Raum, fiel ihr ein anderer, viel persönlicherer Wunsch ein, der sie schon lange begleitete. Sie hatte es nie ausgesprochen, weil es ihr banal vorkam, nicht vereinbar mit ihrem Bild von einer taffen Ermittlerin. Sie war nicht hässlich, nein, gewiss nicht. Sie war eine durchschnittlich aussehende Frau Ende dreißig, vielleicht etwas müde in den Augen, mit leichten Fältchen, die vom stressigen Job stammten. Ihr Haar war kurz geschnitten, weil es im Dienst praktischer war, ihre Figur athletisch, aber nicht auffallend. Sie war einfach… gewöhnlich.
Sie erinnerte sich an ihre Jugend, als sie manchmal vor dem Spiegel stand und sich fragte, wie es wäre, die Männerwelt zu verzaubern, Blicke auf sich zu ziehen, ohne ein Wort zu sagen. Schön zu sein, so richtig schön, überwältigend schön. Eine Schönheit, die alle Herzen höherschlagen ließ, die jede Konkurrenz verblassen ließ. In der rauen Welt des Polizeialltags hatte sie diesen Wunsch tief vergraben. Aus Eitelkeit durfte man keine Kraft schöpfen, hatte sie sich immer gesagt. Doch jetzt, in der Stille, in der Einsamkeit, in diesem Augenblick der Versuchung, schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf wie ein Funken.
Was, wenn sie tatsächlich die schönste Frau der Welt würde? Nicht nur hübsch, sondern die Schönste überhaupt. Eine, gegen die selbst Filmstars verblassten. Sie musste unwillkürlich lächeln bei dem Gedanken. Es war absurd. Aber warum nicht? War das nicht der ultimative Test für dieses Handy? Wenn sie danach den Raum verließ und die Kollegen sie mit offenem Mund anstarrten, wüsste sie, dass es funktionierte. Dann könnte sie es immer noch sinnvoll nutzen, irgendetwas Gutes tun.
Ja, das war ein dummer, egoistischer Wunsch. Aber er war eindeutig. Entweder würde er erfüllt, oder nicht. Eine klare Prüfung. Und wenn es funktionierte, könnte sie später immer noch einen zweiten Wunsch äußern, um die Welt zu verbessern. Dies war nur ein Test, redete sie sich ein. Ein Test ihrer Macht über dieses Objekt. Nicht mehr.
Ihre Finger zitterten leicht, als sie auf den Bildschirm blickte. Das Eingabefeld war leer, wartete. Sie holte tief Luft, ihr Herz klopfte hart in ihrer Brust. Sie war allein. Niemand würde erfahren, was sie hier tat, außer sie selbst. Und wenn es schiefging, nun, dann war es eben nur eine verrückte Idee gewesen. Langsam, mit Bedacht, begann sie zu tippen. Jeder Buchstabe erschien in geschwungener, eleganter Schrift auf dem Display, als hätte eine unsichtbare Hand ihn mit Tinte gezeichnet.
"Ich wünsche mir, die schönste Frau der Welt zu sein."
Sie starrte die Wörter an. Das war es. So einfach. Sie hatte es ausgesprochen – oder besser gesagt, geschrieben. Jetzt kam der Moment, in dem sie auf "Senden" oder "Bestätigen" drücken musste. Es gab nur einen Button. Zögernd tippte sie einmal auf den Bildschirm, an der Stelle, wo der Button war.
Nichts passierte. Enttäuschung und Erleichterung mischten sich in ihr. Vielleicht war es wirklich nur ein Trick. Doch dann, erschien ein Text auf dem Bildschirm.
