Arme kleine Jill - Patricia Vandenberg - E-Book

Arme kleine Jill E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren.

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sophienlust – 500 –Arme kleine Jill

Patricia Vandenberg

»Hoppe Reiter machen, Papi«, verlangte der kleine Henrik von Schoenecker kategorisch. »Fällt er in den Graben …, plumps«, jauchzte er. »Noch mal.«

»Jetzt wird Papi erst mal mir zuhören«, erklärte Denise ebenso energisch. »Du hast ihn genug beschäftigt.«

Der Kleine zwinkerte schelmisch, aber obwohl das seinen Wünschen sonst immer zur Erfüllung verhalf, ließ sich seine schöne Mutti diesmal nicht davon beeindrucken.

»Möchtest du den Brief von deinem Freund nicht endlich lesen, Alexander?«, fragte Denise eindringlich.

»Lies ihn mir doch bitte vor. Ich höre deine Stimme so gern«, erwiderte er.

»Du bist einfach nur faul«, protestierte sie.

»Lass mich doch mal faul sein. Mir wäre es lieber, du würdest dir auch etwas mehr Ruhe gönnen. Hat der Brief denn nicht bis nachher Zeit?«

»Nein, das hat er nicht. Du solltest deine Freundschaften mehr pflegen, mein Lieber.«

»Benedikt ist seit sechs Wochen in Waldfrieden. Da hätte er uns ruhig schon mal besuchen können. Es ist doch nur ein Katzensprung.«

»Aber jetzt ist Hochbetrieb im Sanatorium, und Doktor Wendt hat gerade eine schwere Grippe hinter sich. Wusstest du eigentlich, dass Benedikt Fork eine Schwester hatte?«

»Hatte?«, fragte Alexander gedehnt. »Wenn es auch Missstimmigkeiten gegeben hat, so braucht man doch nicht gleich in der Vergangenheitsform zu reden.«

»Sie ist tot«, erwiderte Denise.

»Mein Gott, Edda ist tot? Sie kann doch höchstens dreißig gewesen sein!«

»Kanntest du sie?«, fragte Denise.

»Flüchtig. Wir waren damals Studenten, und sie war wesentlich jünger als wir. Ein hübsches Ding war sie aber, so weit ich mich erinnern kann. Dann hat sie ihr Herz an einen Hallodri verloren und ist mit ihm auf und davon gegangen.«

»Und vor ein paar Wochen ist sie bei einer Unwetterkatastrophe in Indien ums Leben gekommen. Ich werde dir Benedikts Brief jetzt vorlesen.«

»Tu das, mein Liebes!«, bat er.

»Lieber Alexander, eigentlich wäre ich lieber selbst gekommen, um mit Dir und Deiner verehrten Frau Gemahlin zu sprechen …

Wie altmodisch er sich ausdrückt«, warf Denise ein.

»Er weiß halt, was sich gehört, verehrte Frau Gemahlin«, antwortete Alexander.

»Also weiter im Text! … Ich bin tief bestürzt und weiß nicht recht, was ich tun soll. Gestern bekam ich die Nachricht, dass meine Schwester Edda, vielleicht kannst Du Dich noch an sie erinnern, bei einer Unwetterkatastrophe in Indien umgekommen ist. Erstmals erfuhr ich nun auch, dass sie ein Kind hinterlassen hat. Ein fünfjähriges Mädchen. Sie heißt Jill. Der Vater scheint nicht mehr zu leben. Vielleicht hat er Edda aber auch im Stich gelassen, was ja unsere Ansicht bestätigen würde, dass er nicht viel taugte. Ich bin somit der einzige Verwandte des Kindes und halte es für meine Pflicht, mich um die Kleine zu kümmern. Aber wohin mit ihr? Beruflich bin ich so in Anspruch genommen, dass mir für das Privatleben wenig Zeit bleibt, außerdem hatte ich die Absicht zu heiraten. Es ist für mich im Moment alles nicht leicht zu übersehen, aber es wäre wohl gewissenlos, das Kind allein in einem fremden Land zu lassen.

Wäre es vielleicht möglich, Jill so lange in Sophienlust unterzubringen, bis Stella sich mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, dass ich eine Nichte habe?«

»Wenn sie sich erst damit vertraut machen muss, scheint nicht viel mit ihr los zu sein«, unterbrach Alexander seine Frau. »Ich habe immer befürchtet, dass Benedikt danebengreift, wenn er sich endlich für eine Frau entscheidet. Das scheint in der Familie zu liegen.«

»Nun sei doch nicht gleich so skeptisch«, meinte Denise. »Er selbst wird sich mit diesem Gedanken auch nicht gleich vertraut machen können. Aber das soll uns nicht kümmern. Es geht um das Kind.«

»Und da ist meine mitfühlende Denise gleich wieder ganz bei der Sache. Wenn alle Frauen so wären wie du, mein Liebes, gäbe es keine Probleme und keine unglücklichen Kinder.«

»Da hast du allerdings recht, zumindest was die Kinder anbetrifft. In Indien sitzt das arme Würmchen, und wahrscheinlich kümmert sich kein Mensch um Jill. Wenn er aber nicht weg kann, wie kommt sie dann her?«

»Das ist sein Problem. Nach Indien lasse ich dich nicht, und ich nehme ihm das auch nicht ab.«

*

Es war allerdings für Benedikt ein Problem, wie seine kleine Nichte Jill nach Deutschland gebracht werden könnte. Und dies beschäftigte ihn so stark, dass sein Chef, Dr. Wendt, aufmerksam wurde.

Seufzend berichtete ihm Dr. Fork, obwohl er seinen noch sehr ruhebedürftigen Chef nicht mit seinen privaten Sorgen belasten wollte.

Das kluge, gütige Gesicht des älteren Arztes bekam einen nachdenklichen Ausdruck.

»Adrienne wird in zehn Tagen zurückkommen. Sie könnte einen Umweg über Mumbai machen. Sicher wird ihr das nicht einmal unwillkommen sein, denn Mumbai ist ja eine interessante Stadt.«

Adrienne, Dr. Wendts Tochter, die ebenfalls Ärztin war, befand sich zur Zeit auf einer Studienreise in Japan. Dr. Fork war es einigermaßen peinlich, die ihm noch unbekannte Tochter seines Chefs für seine Zwecke einzuspannen, aber auf seinen Einwand winkte Dr. Wendt freundlich ab.

»Adrienne ist sehr kinderlieb, und außerdem hatte sie schon immer fürsorgerische Neigungen. Wenn es Ihnen recht ist, werde ich mich gleich mit ihr in Verbindung setzen. Heute ist ohnehin unser Telefontag. Die Vollmachten für sie können Sie ja gleich an das Konsulat nach Mumbai schicken.«

Für Dr. Wendt schien das gar kein Problem zu sein, und unwillkürlich musste Benedikt Fork an Stella Anders denken, die ihm die Hölle heißgemacht hatte, als er nur eine Andeutung über Jill gemacht hatte. Dr. Fork war sehr gespannt, was sie nun sagen würde. Am Abend wollte sie ihn besuchen. Mein Gott, dachte er, sie ist jung, vielleicht sogar zu jung für mich. Ich kann es ihr nicht verdenken, dass sie nicht das nötige Verständnis für meine Lage aufbringt. Ich muss mich ja auch erst damit abfinden, dass Edda gestorben ist, ohne dass wir uns noch einmal gesehen haben, und auch damit, dass sie ein Kind hat, von dem ich nichts wusste.

Als Lehrerin hatte seine Schwester für sich und das Kind den Lebensunterhalt verdient, wie er erfahren hatte. Nie hatte sie um Hilfe gebeten. Damals, als sie mit Walter Börner davongegangen war, hatten ihre Eltern erzürnt alle Brücken abgebrochen, und Edda hatte nichts unternommen, um wenigstens zu ihrem Bruder wieder eine Brücke zu schlagen.

Und er selbst? Hatte er nicht völlig versagt? Wäre es nicht seine Pflicht gewesen, sich um seine Schwester zu kümmern? Wie bequem er es sich doch gemacht hatte, indem er darauf gewartet hatte, dass sie ihm schreiben würde.

Konnte er jetzt an dem Kind noch etwas gutmachen? Und war das überhaupt möglich, wenn er Jill der Obhut anderer überließ, auch wenn es Freunde von ihm waren?

Sophienlust ist ja kein Waisenhaus, tröstete er sich über seine Bedenken hinweg. Es ist ein wunderschönes Heim, und nicht umsonst nannte man es weit und breit das Haus der glücklichen Kinder.

Gewundert hatte er sich schon ein wenig, als er erfahren hatte, was der gute Alexander seiner Frau zuliebe auf sich genommen hatte. Aber für eine solche Frau konnte man wohl alles tun. Und wieder spürte Benedikt Fork betroffen, dass auch in diesen Gedanken eine Kritik an Stella Anders lag.

*

Über dem Sanatorium Waldfrieden lag abendliche Stille. Es hatte leicht zu regnen begonnen. Selbst die Unentwegten blieben lieber daheim und verzichteten auf den Abendspaziergang, da ein empfindlich kühler Wind wehte.

Dr. Fork brauchte unter diesen Umständen nicht zu befürchten, dass er mit Stella gesehen wurde. Stella in ihrer extravaganten Aufmachung passte nicht recht in diesen kleinen Ort, in dem er nun schon recht bekannt war. Sie kam auch gar nicht gern hierher. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn er nach Wiesbaden gekommen wäre, wo sie wohnte. Aber das war ihm unmöglich, solange das Sanatorium voll belegt und Dr. Wendt noch nicht wieder einsatzfähig war.

Mit seiner Tätigkeit war Dr. Fork sehr zufrieden. Der Sanatoriumsbetrieb mit dem engeren Kontakt zu den Genesungssuchenden sagte ihm mehr zu als die Klinik, an der er bis vor zwei Monaten beschäftigt gewesen war. Stella hätte es allerdings lieber gesehen, wenn er mit Hilfe ihres reichen Vaters eine Privatklinik eröffnet hätte. Doch Dr. Fork war nicht der Mann, der sich finanziell abhängig machen wollte.

An weiblicher Gunst hatte es dem gut aussehenden Arzt nie gemangelt, aber er hatte sich bisher nie entscheiden können. Erst der viel jüngeren Stella Anders war es gelungen, ihm so den Kopf zu verdrehen, dass er an eine Heirat dachte. Aber war sie schon nicht mit seinem Stellungswechsel einverstanden gwesen, so war sie es noch viel weniger mit seiner Nichte Jill. Letzteres war wohl auch der Grund dafür, dass sie ihn plötzlich besuchte.

Man konnte nicht sagen, dass Dr. Fork freudig gestimmt war, als er ins Dorf fuhr, wo Stella Anders in dem einzigen Hotel, das für ihre Ansprüche akzeptabel war, auf ihn wartete.

Sie hielt schon ungeduldig Ausschau nach ihm. Ziemlich groß, mit blendender Figur, rötlichem Haar und grünen Nixenaugen, zog sie alle Blicke auf sich. Sie wirkte wie ein Filmstar und gab sich auch so, denn sie war sich ihrer Wirkung voll bewusst.

Selbst in seiner zwiespältigen Stimmung konnte Dr. Fork sich dieser Wirkung icht entziehen. Und als sie mit einem betörenden Augenaufschlag zu ihm emporblickte, vergaß er augenblicklich alle Sorgen.

»Wie lieb, dass du gekommen bist«, sagte er zärtlich.

In ihren Augen blitzte es spöttisch, ihr voller Mund verzog sich schmollend.

»Du weißt, warum ich komme, Benedikt«, erwiderte sie mit verstecktem Vorwurf. »Hoffentlich bist du inzwischen schon zur Vernunft gekommen.«

Jäh war er ernüchtert. »Du meinst, wegen Jill? Lass uns einen ruhigen Platz suchen, damit wir darüber sprechen können.«

»Einen ruhigen Platz? Hier in diesem Kaff, wo alle einen anstarren, als käme man von einem andern Stern? Ich verstehe nicht, wie du dich hier verkriechen konntest!«

»Du solltest Waldfrieden ansehen, dann würdest du es verstehen. Es ist wunderschön«, bemerkte er steif.

»So schön kann es gar nicht sein, dass ich dieses Kuhdorf in Kauf nehmen würde«, erklärte sie abfällig. »Wenn wir heiraten wollen, musst du dir schon etwas anderes einfallen lassen, lieber Benedikt. Ich habe nicht die Absicht, mich hier zu vergraben.«

Sie war gereizt, aber er wollte keinen Streit. »Fahren wir in die Stadt«, schlug er vor. »Es ist ja nur eine halbe Stunde. Vielleicht gewinnst du dann mehr Geschmack an dieser reizvollen Gegend.«

Sie wollte etwas sagen, verschluckte es dann aber, denn als Mann gefiel ihr Benedikt doch so gut, dass sie keine Differenzen heraufbeschwören wollte. Sie vertraute auf ihre Überzeugungskunst. Erst sollte er ihr Mann sein, dann würde er schon Wachs in ihren Händen werden. Als einzige, verwöhnte Tochter schwerreicher Eltern hatte sie noch immer ihren Willen durchgesetzt.

»Ich werde Jill in Sophienlust unterbringen«, begann er stockend, als sie ein Stück gefahren waren. »Ich habe dir schon von Alexander von Schoenecker erzählt. Es ist ein wunderschönes Kinderheim. Jill wird sich dort wohlfühlen, und Sophienlust liegt ja so nahe, dass ich Jill öfter besuchen kann.«

»Wie besorgt du um sie bist«, meinte Stella spöttisch. »Wenn du um mich nur auch so besorgt wärest! Was geht dich dieses Kind an?«

»Stella, ich bitte dich! Kannst du nicht begreifen, dass ich wegen Edda ein Schuldbewusstsein habe? Sie war doch meine Schwester.«

»Meine Güte! Sie ist mit diesem Mann auf und davon gegangen. Und allem Anschein nach hat er sie nicht einmal geheiratet, da sie ja noch ihren Mädchennamen getragen hat. Was man sich einbrockt, muss man auch auslöffeln.«

Jäh überfiel ihn der Gedanke, dass er sich auch etwas eingebrockt hatte, als er sich in Stella verliebt hatte, aber da sie schmeichelnd ihren Kopf an seine Schulter legte, vertrieb er diesen Gedanken wieder.

»Sei doch mal vernünftig, Lieber«, verlangte sie mit sanfter Stimme. »Wir wollen heiraten und selbst mal ein Kind haben. Nicht gleich natürlich, aber doch später. Und wenn ich ehrlich sein soll, mag ich es gar nicht, dass dieser kleine Balg auch noch eine Rolle in unserem Leben spielen soll.«

Er trat scharf auf die Bremse. »Sag das nicht noch einmal!«, stieß er zornig hervor. »Wie kann man von einem unschuldigen Kind so reden?«

Stella kniff die Augen zusammen. »Wissen wir denn, was es für ein Kind ist? Vielleicht ist es ein kleines unerzogenes Biest, vielleicht ist es hässlich und dumm. Ich hasse solche Kinder. Nein, ich will nichts davon wissen und auch nicht damit belästigt werden.«

Dr. Fork warf ihr einen sehr nachdenklichen Blick zu. »Dann brauchen wir gar nicht mehr darüber zu reden. Das Kind kommt nach Sophienlust, und damit basta.«

»Und du willst wahrscheinlich sogar nach Mumbai fliegen. Tausende von Euro ausgeben und das Kind holen.« Es klang so gehässig, dass er wie versteinert war.

»Nein, Doktor Wendts Tochter wird Jill mitbringen«, erwiderte er tonlos. »Ich finde es sehr bedauerlich, dass fremde Menschen mehr Verständnis für das Kind aufbringen als du.«

Stella lachte höhnisch. »Hätte ich Jill etwa holen sollen? Papa würde dir etwas erzählen.«

»Ich habe nie daran gedacht, dich darum zu bitten«, erwiderte er kühl. »Ich habe allerdings auch nicht geglaubt, dass dieses Kind eine Mauer zwischen uns aufrichten würde, Stella. Es wäre besser, wenn du nicht gekommen wärst.«

»Danke, deutlicher brauchst du nicht zu werden!«, antwortete sie erbost. »Wozu die unnütze Zeitvergeudung? Fahr zurück! Ich nehme meine Sachen und fahre wieder heim.«

Ihm war sehr unbehaglich zumute, aber er brachte es nicht fertig, ein einlenkendes Wort zu sagen. Er wendete seinen Wagen und fuhr zurück. Nun sprachen sie kein Wort mehr miteinander. Erst als sie wieder im Dorf angekommen waren, begann Stella erneut: »Du wirst dir alles noch einmal reiflich überlegen. Und du wirst dich entscheiden müssen, Benedikt. Ich oder das Kind. Das ist ein Ultimatum.«

»Okay«, stieß er hervor. Mehr brachte er nicht über die Lippen.

Er wird sich für mich entscheiden, dachte Stella Anders, und froh sein, dass er dieses grässliche Kind damit wieder loswird.

*

Das »grässliche« Kind war ein entzückendes kleines Mädchen mit einem zarten verträumten Gesichtchen, das von seidigem braunem Haar umgeben war. Es saß am Fenster eines hübschen Zimmers in einem Nebengebäude der Botschaft. Auf seinem Schoß hatte es ein weißes Angorakätzchen, das es unentwegt streichelte.

»Missis Morgan hat gesagt, dass eine junge Dame mich heute abholt, Tibby«, flüsterte Jill. »Sie will mich mit nach Deutschland nehmen zu meinem Onkel. Ach, Tibby, mir ist so bange. Ich kenne doch den Onkel gar nicht. Warum kommt Mami nur nicht wieder? Warum hat sie uns allein gelassen? Und dich darf ich sicher auch nicht mitnehmen.« Große Tränen fielen auf das seidige Fell der kleinen Katze, die kläglich miaute, als spüre sie den Schmerz des Kindes.

»Missis Morgan würde uns ja behalten, obwohl sie schon drei Kinder hat«, fuhr Jill in ihrem Monolog fort. »Vielleicht sagt sie das der jungen Dame. Dann brauchen wir nicht fortzugehen.«

Währenddessen saß Adrienne Wendt schon der fülligen und liebenswürdigen Mrs Morgan gegenüber, die die kleine Jill in ihre Obhut genommen hatte.

»Es ist schrecklich, dass die liebe Edda Fork auf diese entsetzliche Art sterben musste«, seufzte Mrs Morgan kummervoll. »Ihre Sorge galt der Sicherheit der Kinder. Heldenhaft, ja wirklich heldenhaft hat sie ihre ganze Klasse in Sicherheit gebracht, bevor sie unter den einstürzenden Mauern begraben wurde.«

Noch bevor Adrienne Wendt die kleine Jill kennengelernt hatte, empfand sie schon tiefstes Mitgefühl mit dem Kind, dessen Mutter dreiundzwanzig Kinder vor dem Tod bewahrt, aber ihr einziges Kind als Waise zurückgelassen hatte. War sie, Adrienne, anfangs betroffen gewesen von dem Ansinnen ihres Vaters, so war sie jetzt doppelt froh darüber, dass sie diesem kleinen Mädchen den Weg in eine neue, unbekannte Heimat erleichtern konnte.

»Hoffentlich hat Doktor Fork ein Herz für dieses reizende Kind«, fuhr Mrs Morgan fort. »Wir würden Jill gern behalten, und wenn es Schwierigkeiten geben sollte, bitte ich Sie herzlich, uns zu verständigen. Wir haben uns so an die Kleine gewöhnt, sogar meine Söhne, und die sind wirklich nicht zart besaitet.«

Sie hätte sich darüber bestimmt noch lange ausgelassen, aber Adrienne Wendt blickte auf die Uhr. Wenn sie sich nicht überstürzt verabschieden wollten, mussten sie sich zum Aufbruch rüsten.

»Ja, ich weiß«, sagte Mrs Morgan bekümmert. »Die Abschiedsstunde schlägt. Ich werde jetzt Jill holen.«

Die drei Morgan-Söhne waren eben dabei, Jill auf ihre Art zu trösten, als ihre Mutter erschien.

»Wenn dein Onkel dich nicht mag, kommst du eben wieder. Und Tibby werden wir für dich aufheben. Wir passen bestimmt auf, dass ihr nichts passiert«, versprach John, der älteste Bub.

Jill unterdrückte tapfer die aufsteigenden Tränen, streichelte noch einmal das Kätzchen und drückte es Ben, dem jüngsten der Buben, in den Arm.

»Es ist ja wegen der Quarantäne«, brummte der. »Da wäre Tibby sechs Wochen ganz allein. Bei uns hat sie es da schon besser. Ich schreibe dir auch, wie es ihr geht, Jill.«

Widerspruchslos ließ Jill sich von Mrs Morgan an der Hand nehmen. Fest presste sie die Lippen aufeinander, damit ihr kein Wehlaut entschlüpfen konnte. Alles war für sie anders geworden. So viel Schmerz hatte ihr kleines Herz bewegt, dass es keinen größeren mehr geben konnte.

Adrienne Wendt war aufgestanden und kam Jill ein paar Schritte entgegen. Ihre großen rehbraunen Augen betrachteten das süße Kindergesichtchen, das von unendlicher Trauer überschattet war. Sofort schlug Adriennes Herz diesem kleinen Mädchen entgegen. Sie streckte ihre Arme aus.

»Komm, kleine Jill«, sagte sie zärtlich, und impulsiv fügte sie hinzu: »Ich werde dich sehr lieb haben.«

*

Der Abschied war vorüber. Ganz ohne Tränen war er nicht abgegangen. Aber nun saßen sie im Flugzeug, das seinen Weg über den Wolken suchte, die den Blick auf das weite Land verhinderte.

Adrienne hatte den Arm um das bebende Kind gelegt, das große Angst vor dem ersten Flug ihres Lebens gehabt hatte, einem Flug, der von einem Erdteil in den anderen führte.