Artemis – Abenteuer auf dem Meer der Wünsche - Fabiola Turan - E-Book

Artemis – Abenteuer auf dem Meer der Wünsche E-Book

Fabiola Turan

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Beschreibung

Nur wer an sich glaubt, kann über sich hinauswachsen

Willkommen auf dem Meer der Wünsche, einer Welt so grenzenlos wie deine Fantasie ...

Mit allem hätte Artemis gerechnet – nur nicht damit, sich plötzlich an Bord eines fliegenden Schiffes wiederzufinden! Die Crew der Dreamcatcher besteht aus magisch begabten Kindern, die das Meer der Wünsche vor einem machthungrigen Baron beschützen. Um ihren Teil dazu beizutragen, muss Artemis die Wolkenmagie in sich erwecken und sich auf eine gefährliche Reise begeben. Dabei wird ihr mehr abverlangt als erwartet und bald droht das Abenteuer aus dem Ruder zu laufen. Haben die Kinder gemeinsam eine Chance, gegen das Böse zu bestehen und das Meer der Wünsche zu retten?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2025

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© 2025 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Text: © Fabiola Turan

Umschlagillustration & -gestaltung: © Max Meinzold 2025, www.meinzold.de

Innenillustrationen: nadezhdash/stock.adobe.com

ah • Herstellung: AJ

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-31412-5V002

www.cbj-verlag.de

Für alle, die den Mut haben, ihren wahren Schatz zu suchen: Fliegt, wohin euer Herz euch trägt – seid frei, verrückt und glücklich!

Kapitel 1

Von wegen Ferien

Große Tropfen zerplatzten an der Frontscheibe, während Artemis immer tiefer in den Beifahrersitz sank. Die Ampel sprang auf Grün und langsam setzte sich der Verkehr in Bewegung.

Als sie ein Vibrieren in der Bauchtasche ihres Pullovers spürte, griff Artemis geistesabwesend nach ihrem Handy. Die Nachricht war von Emma.

Heute beginnt der Kurs, oder? Ich denke an dich!

Artemis seufzte und schrieb zurück:

Danke. Vielleicht steige ich heimlich aus und nehme den nächsten Zug an die Ostsee.

Ein zwinkernder Avatar von Emma war die Antwort. Der Anblick der großen Brillengläser, Sommersprossen und braunen Locken bewirkte allerdings nur, dass Artemis ihre beste Freundin noch mehr vermisste. Drei kleine Punkte zeigten an, dass Emma tippte. Dann erschien die nächste Nachricht.

Du kriegst das hin! Und wenn es dir nicht gefällt, kannst du jederzeit bei mir untertauchen.

Artemis musste grinsen.

»Schau lieber nach vorne, sonst wird dir noch schlecht«, mahnte ihre Mutter und setzte den Blinker. Der Wagen bog in die Bahnhofstraße ein. »Hast du eigentlich schon die Anmeldung für das Freizeitprogramm ausgefüllt? Ich habe den Flyer zu den anderen Unterlagen in deinen Rucksack gepackt.«

»Das mach ich später im Bus«, murmelte Artemis. Sie hatte gestern einen Blick auf das Programm geworfen und das Formular für die Anmeldung schnell wieder beiseitegelegt, weil es sie nur daran erinnerte, was ihr entging: der lang ersehnte Urlaub bei Emma an der Ostsee.

So hatten die Freundinnen ihre Ferien ursprünglich geplant – nachdem ihnen die letzten Monate nichts anderes übrig geblieben war, als einander über Videoanrufe und Fotos auf dem Laufenden zu halten.

Emma war mehr als nur eine Freundin für Artemis. Sie war wie die Schwester, die sie sich immer gewünscht hatte. Aber dann war Emma im Januar mit ihrer Familie an die Küste gezogen, wo ihr Vater das alte Landhaus seiner Eltern geerbt hatte. Immerhin schien Emma dort glücklich zu sein. Sie hatte Videos von der Renovierung geschickt, Bilder von den Sonnenuntergängen am Strand und von den jungen Schafen am Deich, die im Frühjahr zur Welt gekommen waren.

Artemis hatte versucht, sich für sie zu freuen. Das hatte sie wirklich. Doch jedes Mal, wenn sie an Emma dachte, spürte Artemis nur, wie sehr ihre beste Freundin ihr fehlte.

Seit dem Umzug war es ihr mit jedem Tag schwerergefallen, sich auf den Unterricht in der Schule zu konzentrieren. Ihre Noten waren immer schlechter geworden und auch die Hausaufgaben machten ohne Emma einfach keinen Spaß mehr.

Früher hatten die beiden einander perfekt ergänzt: Emma hatte Artemis erklärt, warum der Mond stets im gleichen Abstand um die Erde kreiste oder wie die schriftliche Division funktionierte. Dafür hatte Artemis sie unregelmäßige Verben abgefragt und Emma einen Trick verraten, mit dem man sich auch die schwierigsten Vokabeln spielend leicht merken konnte.

Obwohl ihre Eltern sich ebenfalls große Mühe gaben, Artemis mit dem Stoff zu helfen, vermisste sie die Scherze ihrer Freundin und das heimliche Herumalbern zwischendurch. Und so hatte Artemis, anstatt zu lernen, immer häufiger zu den Aquarellstiften gegriffen, die Emma ihr zum Abschied geschenkt hatte.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Kindern in der Schule hatte sie von Anfang an verstanden, warum es Artemis so glücklich machte, ihre Gefühle oder besondere Momente auf Papier festzuhalten. Und dank der Aquarellstifte konnte Artemis ihre gemeinsamen Momente mit Emma jederzeit wieder aufleben lassen. Auch wenn ihre beste Freundin weit entfernt war, trug Artemis die Erinnerung an alles, was sie gemeinsam erlebt hatten, in ihrem Skizzenbuch bei sich.

Niemals hätte sie gedacht, dass ein harmloses Buch, das ihr so viel Freude machte, eines Tages zum Problem werden könnte. Aber genau das war passiert. Ohne es zu bemerken, hatte Artemis immer mehr gezeichnet, sich nach und nach von ihren Mitschülern zurückgezogen und weniger angenehme Dinge ausgeblendet.

Die Lehrer hatten besorgt reagiert und Artemis irgendwann gebeten, das Skizzenbuch daheim zu lassen. Nur leider hatte das ihren Schnitt auch nicht verbessert. Im Gegenteil. Ohne das Zeichnen hatte sie Emma nur noch mehr vermisst und deswegen noch mehr aus dem Fenster geschaut.

Zu Hause hatte Artemis gar nicht erst gewagt, das Problem anzusprechen – aus Angst davor, dass ihre Eltern ihr das Skizzenbuch oder die Aquarellstifte wegnehmen würden. Stattdessen hatte sie versucht, bis zu jenem Tag durchzuhalten, an dem sie endlich wieder mit Emma Muscheln am Strand sammeln, im Meer baden und bis spät in die Nacht plaudern konnte.

Aber dann war die ganze Wahrheit über ihre Schulnoten in einem demütigenden Elterngespräch ans Licht gekommen. Als Diana Verhoeven vom Schulleiter persönlich erfahren hatte, dass die Versetzung ihrer Tochter gefährdet war, hatte sie nur stumm genickt. Und Artemis hatte sich schrecklich gefühlt. Ein Versetzungstest am Ende der Sommerferien würde nun darüber entscheiden müssen, wie es für sie weiterging.

Artemis war klar, dass ihre Eltern nur das Beste für sie im Sinn hatten. Und wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie sich vielleicht wirklich nicht genug angestrengt hatte. Doch nun gab es keinen Weg mehr zurück: Der Lernkurs war ihre letzte Chance, die Versetzung zu retten.

Gestern Abend hatte Artemis ihr Skizzenbuch noch einmal durchgeblättert, bei den Erinnerungen an Emma geschmunzelt und eine letzte Zeichnung abgeschlossen, die ihr besonders am Herzen lag. Ein strahlender Vollmond über einem Meer aus Wolken war darauf zu sehen gewesen. Artemis hatte das Bild mit einem schiefen Lächeln betrachtet und sich mit dem Gedanken getröstet, dass es ja kein Abschied für immer war, sondern nur eine Pause auf unbestimmte Zeit. Dann hatte sie ihr Skizzenbuch und die Aquarellstifte in eine Schublade an ihrem Schreibtisch gelegt und das Fach abgeschlossen.

»Ich bin sicher, die drei Wochen werden wie im Flug vergehen!« Diana brachte den Wagen in einer Parklücke vor dem Bahnhofsgebäude zum Stehen, stellte den Motor ab und löste den Gurt, bevor sie ihre Tochter ansah. »Es wird dir guttun, mal was Neues auszuprobieren. Glaub mir, das bringt dich auf andere Gedanken.«

Artemis nickte stumm. Wenn es darum ging, sie auf andere Gedanken zu bringen, war das Skizzenbuch immer ihre erste Wahl gewesen. Aber eine trotzige Antwort würde die Situation auch nicht verbessern. Also öffnete Artemis die Wagentür und sprang hinaus in den strömenden Regen. Besser gesagt: mitten in eine Pfütze. Es platschte, dann floss die Kälte in ihren Schuh und durchtränkte die Socken. Auch das noch. Dieser bescheuerte Regen! Als wäre ein Lerncamp am Ende der Welt nicht schlimm genug.

Artemis spielte mit dem Gedanken, sich einfach wieder ins Auto zu setzen und abzuwarten, bis der Reisebus verschwunden war. Aber das kam leider nicht infrage. Sie hatte sich fest vorgenommen, guten Willen zu beweisen. Immerhin hatten ihre Eltern das Familiensparkonto geplündert, um den Kurs auf Schloss Falkenfels zu bezahlen.

Ich empfehle dieses Programm nicht bei jedem Kind, hatte der Schulleiter ihren Eltern im Gespräch versichert. Aber Artemis war bis vor Kurzem eine hervorragende Schülerin. Und es wäre ausgesprochen schade, wenn sie hinter ihren Möglichkeiten zurückbliebe.

Schade fand Artemis eigentlich nur, dass ihre Sommerferien ruiniert waren. Und so langsam erreichte sie einen Punkt, an dem sich der Missmut darüber nicht länger verbergen ließ.

»Erlebnislernen klingt doch super. Genau das Richtige für dich, oder nicht? Du könntest wenigstens versuchen, dich darauf einzulassen«, sagte Diana, als sie die finstere Miene ihrer Tochter bemerkte.

»Das mache ich ja!« Artemis hievte den schweren Rucksack allein auf ihre Schultern und schloss den Kofferraum. »Oder wonach sieht das hier für dich aus?«

»Nicht in diesem Ton, junge Dame.« Ihre Mutter atmete einmal tief durch. Offenbar war sie bemüht darum, ihren Abschied versöhnlicher zu gestalten. »Artemis, wir hatten Glück, so kurzfristig noch einen Platz für dich zu bekommen. Bitte nimm diese Chance ernst und lass dich nicht wieder ablenken.«

Diana Verhoeven klappte einen Regenschirm für Artemis auf. Aber die wich einen Schritt zurück. Kalte Wassertropfen rannen ihr über das Gesicht und liefen hinten in ihren Kragen. Doch Artemis spürte es kaum. Sie ließ die Schultern sinken. Woher plötzlich dieser Trotz kam, wusste sie selbst nicht genau. Aber es hatte ohnehin keinen Zweck, im strömenden Regen ein Gespräch anzufangen, das sie vermutlich schon vor Wochen hätten führen müssen.

»Der Bus fährt gleich«, murmelte Artemis.

Wenigstens das schien ihre Mutter genauso zu sehen. Wortlos standen sie einander gegenüber, bis der Reisebus mit der Nummer sieben den Motor startete.

»Du steigst an der Endhaltestelle aus«, fasste Diana noch einmal zusammen. »Sie heißt …«

»Waldspitze. Ich weiß.« Artemis fixierte den Bus, um dem besorgten Blick ihrer Mutter zu entgehen. »Dort wartet ein blaues Auto, das mich zum Schloss bringt. Haben wir alles schon besprochen. Ich melde mich, wenn ich angekommen bin.«

»In Ordnung.« Diana nickte. Schloss Falkenfels lag zwar nur knapp zwei Stunden entfernt, doch Artemis würde zum ersten Mal in ihrem Leben ganz alleine reisen. Und Abschied zu nehmen, war ihr noch nie leichtgefallen. »Komm her, Schatz.« Es waren nahezu stumme Worte, die Artemis von den Lippen ihrer Mutter ablesen musste. Dann drückte Diana ihre Tochter an sich. »Du weißt, wie lieb ich dich habe, oder?«

Zögerlich erwiderte Artemis die Umarmung. Sie brachte kaum mehr als ein Nicken zustande. Ein schmerzhafter Kloß in ihrem Hals hinderte sie daran, zu sprechen. Sie zwang sich zu einem Lächeln, als ihre Mutter sie auf Armeslänge von sich schob, um Artemis noch einmal zu betrachten. Dann drehte sie sich um und lief zur überdachten Haltestelle.

»Deine Fahrkarte?« Der Busfahrer zog das Handy aus der Tasche an seinem Gürtel. Mit gerunzelter Stirn scannte er den Code auf dem durchweichten Papier, das Artemis ihm entgegenstreckte.

Das Gerät gab einen gnädigen Laut von sich, und Artemis sah mit einem mulmigen Gefühl dabei zu, wie ihr Rucksack zwischen die anderen Taschen und Koffer gequetscht wurde.

Während der Busfahrer die Klappe schloss, suchte Artemis den nächsten freien Doppelsitz und schlüpfte aus ihrem nassen Schuh. Zum Glück lief die Heizung unter dem Sitz. Artemis legte ihre Socke darauf ab und trocknete die feuchten Hände an der aufsteigenden warmen Luft.

Das Geräusch von Regentropfen auf dem Dach mischte sich mit den Gesprächen der anderen Fahrgäste. Irgendwo raschelte eine Plastikverpackung. Es roch nach Käsebrot und nach den Abgasen des laufenden Motors. Dann schlossen sich leise zischend die Türen und der Bus setzte sich in Bewegung.

Artemis strich sich das kinnlange Haar hinter die Ohren zurück und setzte ihre Kopfhörer auf. Eine Gitarrenmelodie übertönte das Stimmengewirr und sie ließ sich tiefer in den Sitz sinken. Obwohl sie das Auto von hier aus nicht mehr sehen konnte, hatte Artemis das Gefühl, dass ihre Mutter dem Bus nachsah, bis er um die nächste Kurve verschwunden war.

Kapitel 2

Ankunft auf Falkenfels

Irgendwann auf der Autobahn musste sie wohl eingenickt sein. Als Artemis blinzelte, schob der Bus sich gerade eine gewundene Straße hinauf.

Plötzlich wurde ihr schlecht. Sie verzog das Gesicht, presste eine Hand auf den Mund und versuchte, sich auf die Aussicht zu konzentrieren. Rund um sie herum war dichter Wald. Die Baumkronen leuchteten in einem satten Grün, frisch gewaschen vom Regen. Immer wieder drang ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke.

Artemis streckte ihren Rücken durch. Doch es war nicht der unbequeme Sitz, der ihr am meisten zu schaffen machte. Als der Bus in die nächste Kurve ging, griff Artemis nach der Papiertüte in der Netztasche vor sich.

»Brauchst du einen Kaugummi?«

Auf dem schmalen Gang zwischen den Sitzreihen stand ein Junge mit braunen Locken und einem vorsichtigen Lächeln. Er sah ein wenig blass um die Nase aus und musste ungefähr in ihrem Alter sein.

Dankbar griff Artemis nach dem Kaugummi in seiner Hand, befreite den Streifen vom Papier und schob ihn sich dann in den Mund. Sofort wurde der faulige Geschmack auf ihrer Zunge von einem angenehm scharfen Aroma mit süßer Note verdrängt: Zimt!

Den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft gerichtet, verzog der Junge das Gesicht. »Ist immer dasselbe hier.«

»Fährst du die Strecke öfter?«, fragte Artemis, als der Bus sich in die nächste Kurve legte.

»Jede Sommerferien.«

Artemis hob die Brauen. »Sag bloß, du willst auch zu diesem Schlossinternat?«

»Falkenfels?« Der Junge presste die Lippen aufeinander und nickte. »Ist mein drittes Jahr bei Erlebnislernen.«

»Dein drittes Jahr?«, wiederholte Artemis. Nach kurzem Überlegen fügte sie hinzu: »Dann kann es nicht so übel sein.«

Das Lächeln des Jungen wirkte gequält, was vermutlich an den vielen Kurven lag. »Die Quiznacht am ersten Abend ist definitiv ein Highlight. Aber mach dir selbst ein Bild«, erklärte er und schob dann schnell nach: »Wie heißt du eigentlich?«

»Artemis.«

»Das ist ja ein cooler Name«, sagte der Junge. »Hab ich noch nie gehört. Ich bin Felix.«

»Freut mich!« Artemis erwiderte sein Lächeln und eine winzige Hoffnung begann sich in ihr zu regen. Vielleicht würden die nächsten drei Wochen gar nicht so unerträglich werden, wie sie befürchtet hatte. Vielleicht würde sie Emma nach den Ferien sogar von einem Abenteuer im Schlossinternat erzählen können.

Die letzte Haltestelle hätte Artemis vermutlich gar nicht als solche erkannt, wenn der Fahrer nicht den Motor gestoppt hätte und Felix von seinem Sitz gesprungen wäre. Sie waren die letzten beiden Fahrgäste.

Draußen vor dem Fenster entdeckte Artemis ein verwittertes Schild mit der Aufschrift Waldspitze. Es gab kein Wartehäuschen, nur eine morsche, mit Moos bewachsene Bank. In einer Parkbucht auf der anderen Straßenseite stand eine sportliche eismeerblaue Limousine – offenbar ein teures Modell. Sonst war nichts und niemand zu sehen. Ob die vom Lerncamp vergessen hatten, jemanden zu schicken?

Beim Aussteigen übersah Artemis beinahe ein Schlagloch, aus dem Gras und Löwenzahn wucherten. Sie rettete sich mit einem großen Schritt hinüber auf den Waldboden, der unmittelbar an die Haltestelle grenzte. Hier draußen war es so still, dass man die Vögel in den Bäumen singen hörte.

»Hallo, ihr beiden!« Neben dem Bus stand eine junge Frau mit einem lebhaften Funkeln in den Augen. Ihr gewelltes Haar fiel ihr offen über die Schultern, und sie trug eine hellblaue Daunenweste mit dem Logo von Erlebnislernen: einem Falken mit Brille auf dem Schnabel. »Ich bin Sophia. Schön, euch kennenzulernen!« Sie strahlte über das ganze Gesicht. »Artemis und … Felix. Du warst schon einmal bei uns, richtig?«

Felix nickte, während die junge Frau das Gepäck vom Busfahrer entgegennahm. Artemis wollte nach ihrem Rucksack greifen, aber Sophia war schneller und plauderte schon drauflos: »Ich werde euch als Mentorin zur Seite stehen und mit dem Stoff helfen, wo ich kann.«

Dass Sophia auf die eismeerblaue Limousine zusteuerte, kam Artemis wie ein Irrtum vor – bis der Kofferraum automatisch aufsprang, Sophia das Gepäck darin verstaute und eine der hinteren Türen für ihre Gäste öffnete. Sie selbst nahm auf dem Fahrersitz Platz.

Artemis schnallte sich an und bestaunte die Ausstattung des Fahrzeugs. Welche Art von Lerncamp holte seine Teilnehmer denn bitte mit einer Limousine ab? Und was für ein Internat war Schloss Falkenfels? Vielleicht hätte Artemis doch wenigstens einen Blick auf die Homepage werfen sollen. Plötzlich musste sie wieder an die Worte des Schulleiters im Elterngespräch denken:

Erlebnislernen ist eines der besten Programme im ganzen Land! Normalerweise sind die Plätze schon Monate im Voraus belegt. Aber vielleicht können wir als Partnerschule von Internat Falkenfels noch etwas für Artemis arrangieren …

Sophia setzte den Blinker und sah über die Schulter, bevor sie aus der Haltebucht hinaus auf die Straße beschleunigte. Kurz darauf lichtete sich der Wald und gab den Blick auf ein Dorf im Tal frei. Die Häuser erinnerten an die idyllischen Fotomotive aus einem Ferienkatalog und ein schimmernder Fluss schlängelte sich wie ein Band durch die Landschaft.

Einige Minuten vergingen, bis das Knirschen von Kies unter den Reifen Artemis aus ihren Gedanken riss. Der Wagen bog auf einen Privatweg ab und kam vor der Fassade einer Schlossruine zum Stehen. Die Betriebsamkeit auf dem Parkplatz erinnerte an einen Flughafen: Eltern verabschiedeten sich von ihren Kindern, Koffer wurden geschleppt. Mit dem Bus waren offenbar nur Felix und sie gekommen.

»Falkenfels wurde auf den Grundmauern eines alten Klosters erbaut«, erzählte Sophia, kaum dass sie die hintere Wagentür für Artemis geöffnet hatte. Sie zeigte auf das sorgfältig restaurierte Mauerwerk der Ruine, die hinter dem Parkplatz aufragte. »Nur diese Fassade und einige Kellerräume sind vom historischen Gebäude erhalten geblieben.«

Sie gingen einen Weg entlang, der von blühenden Rosenbeeten gesäumt war. Hinter der Fassade kam ein moderner Bau mit Glasfront zum Vorschein und Artemis folgte den anderen beiden durch die automatische Drehtür ins Foyer.

Als sie den Kronleuchter in der Empfangshalle sah, klappte ihr das Kinn herunter, denn genau in diesem Moment riss draußen vor dem großen Fenster die Wolkendecke auf, warmes Sonnenlicht schien durch die Glasfront herein und der Leuchter warf funkelnde Lichtreflexe an die hohen Wände. Der Anblick erinnerte an ein Meer aus Regenbogensternen, und Artemis blieb mit offenem Mund stehen, um das Schauspiel zu bewundern.

»Kannst du bitte woanders weiterträumen?« Ein Mädchen mit Pferdeschwanz schob ihren Koffer an Artemis vorbei. »Besten Dank!«, ergänzte sie und überließ ihr Gepäck einem der Mentoren, um die Treppe am Ende der Eingangshalle hinaufzusteigen.

Artemis runzelte die Stirn und sah rasch wieder hinauf zum Kronleuchter. Doch leider hatte sich draußen die nächste Wolke vor die Sonne geschoben und das Meer aus Regenbogensternen war verschwunden.

Seufzend schloss Artemis zu Felix und Sophia auf, die am oberen Treppenabsatz warteten. Gemeinsam folgten sie einem Gang, der nach rechts abbog und zu einem neu gebauten Seitenflügel führte.

»Das Konzept von Internat Falkenfels legt großen Wert auf die Privatsphäre der Lernenden«, erklärte Sophia. Sie kamen an einer Nische mit moosgrüner Couch und mehreren großen Sitzkissen vorbei. Auf dem Sofa stand ein Schachbrett und aus einem Lautsprecher drang der beruhigende Klang von Regen. Bildete Artemis sich das nur ein oder lag sogar der Geruch von feuchtem Moos in der Luft?

»Hier ist dein Reich.« Sophia blieb stehen, um eine der Türen auf dem Gang zu öffnen. Erst, als die Betreuerin den Rucksack an den Rahmen lehnte, begriff Artemis, dass sie gemeint war. »Deine Schlüsselkarte liegt auf dem Schreibtisch. Mach es dir gemütlich, das Abendessen beginnt in einer halben Stunde. Wir treffen uns im Speisesaal, elektronische Geräte bleiben bitte auf dem Zimmer.«

»Alles klar«, murmelte Artemis. Felix sagte noch etwas, doch sie war vollkommen gebannt von der Größe des Apartments.

Ein kurzer Blick ins Badezimmer offenbarte eine eigene Dusche mit Regenbrause an der Decke. Die Spender mit Shampoo und Seife erinnerten an die Ausstattung eines vornehmen Hotels. Es war so ordentlich und sauber, dass Artemis kaum wagte, ihre Sachen auszupacken. Besonders beeindruckt war sie von der Aussicht hinter den bodentiefen Fenstern im Wohnbereich. Artemis hatte fast das Gefühl, von hier aus über die winzigen Dörfer und den Fluss im Tal fliegen zu können. Plötzlich musste sie an ihre Eltern denken. Die beiden hatten mit keinem Wort erwähnt, wie viel das Lerncamp sie gekostet hatte. Nach einem Schnäppchen sah all das jedenfalls nicht aus.

Artemis streifte ihre Schuhe ab und schlüpfte in ein Paar neuer Filzpantoffeln, das an der Garderobe bereitstand. Dann schrieb sie die versprochene Nachricht an ihre Mutter, um Bescheid zu sagen, dass sie gut angekommen war. Die verbleibende Zeit nutzte sie, um ihre Sachen in den Wandschrank neben dem Schreibtisch zu räumen. Dann ließ Artemis sich auf das Bett fallen.

Ein Hauch von Frühlingsduft stieg ihr aus dem Kissen entgegen. Artemis hätte große Lust gehabt, einfach bis zum Essen liegen zu bleiben. Aber die Liste mit den Freizeitaktivitäten kam ihr plötzlich wieder in den Sinn. Sie sprang auf und zog den Anmeldebogen aus ihrem Rucksack. Einen Kugelschreiber mit dem Logo von Erlebnislernen fand sie auf dem Schreibtisch.

Von einer unverhofften Neugier beflügelt, las Artemis sich die Beschreibung der Angebote durch. Die Anmeldefrist für den Golfkurs war schon vor Wochen abgelaufen, was kein allzu großes Bedauern in Artemis weckte. Abgesehen davon gab es Lacrosse, eine Diskussionsrunde zu historischen Themen, Kalligrafie, Schach, Gartenarbeit, einen Programmierkurs und eine Meditationsgruppe, die sich vor dem Frühstück bei Sonnenaufgang traf.

War das alles? Insgeheim hatte Artemis auf ein kreatives Angebot gehofft. Oder auf irgendwas, bei dem man einfach eine gute Zeit haben konnte. Stirnrunzelnd wendete sie das Blatt. Auf der Rückseite gab es eine Beschreibung zum Quizabend, den Felix erwähnt hatte:

Rätseln, Staunen, dein Wissen auf die Probe stellen! Triff bei unserem legendären ErlebnisQuiz andere Lernbegeisterte und gewinne eine Überraschung.

Das klang schon besser. Seit Artemis denken konnte, hatte sie es geliebt, ihre Freunde oder die Familie mit Quizfragen herauszufordern. Mit einer Erweiterung konnte man sie immer glücklich machen, egal, ob zu Weihnachten, Ostern oder an ihrem Geburtstag.

Ein Gong riss sie aus ihren Gedanken. Vermutlich war das das Signal zum Abendessen! Artemis beschloss, das Formular später auszufüllen. Sie legte ihr Handy auf die Ladestation neben dem Bett und machte sich auf den Weg zum Speisesaal.

Schon auf der Treppe hörte sie das Klappern von Besteck und Tellern. Mit jedem Schritt wurde der Geruch von Fisch und gekochtem Kohl intensiver. Artemis erreichte den Speisesaal und ließ ihren Blick schweifen. Weil sie Felix nirgends entdecken konnte, reihte sie sich in die Schlange am Buffet ein.

Makrele, stand auf einem Schild neben der ersten Platte. Enthält wertvolle Omega-3-Fettsäuren und unterstützt die natürliche Gehirnfunktion. Der Junge vor ihr griff nach einer Zange, um sich ein Stück Fisch zu nehmen.

So hübsch die Platte auch angerichtet war, wünschte Artemis sich nach der langen Fahrt eigentlich nur einen großen Teller Spaghetti mit Tomatensoße. Hoffnungsvoll schielte sie an den wartenden Kindern vorbei. Ein Mädchen schob gerade die letzte Kartoffel aus einer Porzellanschale auf seinen Teller. Es sah nicht danach aus, als würde es irgendwo Nudeln geben. Ganz zu schweigen von Tomatensoße. Stattdessen entdeckte Artemis eine Schüssel mit Vollkornreis. Ballaststoffe fördern die Verdauung, stand auf einer kleinen Tafel daneben. Mineralstoffe beugen Müdigkeit vor und tragen zu einer normalen Funktion der Nerven und Muskeln bei.

Artemis hörte ihren Magen knurren. Hinter ihr wurden die anderen Kinder ungeduldig, also schöpfte sie etwas Reis und nahm sich vom Gemüse aus der Schale daneben. Auf Dessert wagte Artemis schon gar nicht mehr zu hoffen – da entdeckte sie eine Schale mit frischen Blaubeeren, Erdbeeren und Himbeeren. Reich an Vitamin C und Flavonoiden, las sie auf dem Schild. Antioxidantien schützen die Nervenzellen vor oxidativem Stress und fördern die kognitive Leistungsfähigkeit.

Sehnsüchtig dachte Artemis an die Packung Doppelkekse in ihrem Rucksack. Dann gab sie einen großen Löffel von den Beeren auf ihren Teller und wandte sich vom Buffet ab, um nach einem Platz zu suchen. Am Tisch vor dem Fenster entdeckte sie eine winkende Hand. Sie gehörte Felix.

»Ich habe noch gesagt, dass du dich beeilen sollst«, erklärte er mit einem zerknirschten Blick auf ihren Teller. »Aber ich glaube, das hast du nicht mehr gehört.«

Artemis sank auf den freien Stuhl neben ihm. »Alles gut, die lassen uns hier bestimmt nicht verhungern.« Sie bedankte sich, als Felix eine Karaffe mit Mineralwasser in ihre Richtung schob. »Gibt es zufällig auch Limo?«

Ein vergnügtes Lachen ertönte hinter ihr. »Limo?« Artemis erkannte das Mädchen aus dem Foyer. Ihr langer aschblonder Pferdeschwanz folgte ihren eleganten Bewegungen, als wollte er jede davon unterstreichen. »Du weißt schon, dass Zucker deiner Konzentration schadet, oder?«

»Ist das so?« Artemis versuchte, sich die Verunsicherung nicht anmerken zu lassen. »Nein, das wusste ich nicht.«

»Macht nichts«, sagte das Mädchen und setzte sich neben Felix. »Wir sind alle hier, um zu lernen!« Mit einem Lächeln streckte sie die Hand aus. »Ich bin Marceline.«

»Artemis, freut mich.«

An ihre Begegnung in der Eingangshalle schien das Mädchen sich nicht zu erinnern. Oder hatte sie Artemis gar nicht bewusst wahrgenommen?

»Willkommen auf Falkenfels!«, verkündete Marceline in feierlichem Ton und widmete sich dem Stück Makrele auf ihrem Teller. Beim ersten Bissen verzog sie das Gesicht und zupfte sich mit spitzen Fingern eine Gräte von der Unterlippe. »Dafür, dass sie die Preise dieses Jahr schon wieder erhöht haben, lässt das Angebot zu wünschen übrig.« Sie tupfte sich den Mund mit der Serviette ab, bevor sie einen Schluck von ihrem Wasser nahm. Dann fuhr sie mit verschwörerisch gesenkter Stimme fort: »Das Fenster in meinem Zimmer hat Wasserflecken. Und fehlt bei euch auch die Bodylotion?«

»Keine Ahnung …« Felix hob die Brauen. »Darauf habe ich nicht geachtet.«

»Felix.« Marceline klang enttäuscht. »Nur weil Geld für dich nie eine Rolle spielen wird, solltest du nicht vergessen, wie hart deine Eltern dafür gearbeitet haben.« Sie seufzte. »Du musst lernen, dir Respekt einzufordern, anstatt dir alles gefallen zu lassen.«

Artemis spürte ein nervöses Kichern in sich aufsteigen. Obwohl sie es unterdrücken wollte, entwischte ihr ein Räuspern.

Prompt drehte Marceline den Kopf. »Möchtest du etwas sagen?«

»Ich?« Artemis machte große Augen. Sollte sie etwas sagen? Zum Beispiel, dass sie Felix durchaus zutraute, eigene Entscheidungen zu treffen? Oder dass der Respekt, den Eltern sich verdienten, ihrer Meinung nach kein Erbe war, das automatisch auf die Kinder überging? Sie wollte Marceline nicht vor den Kopf stoßen. Immerhin hatten sie einander gerade erst kennengelernt.

Marcelines erwartungsvoller Blick ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass sie eine Antwort hören wollte. »Nur raus damit!«

»Na ja«, begann Artemis. »Vielleicht hast du nicht ganz recht, was Felix angeht.« Sie holte Luft, um sich genauer zu erklären, doch Marceline kam ihr zuvor.

»Nicht ganz recht?« Sie stieß ein glockenhelles Lachen aus. »Glaubst du Felix besser zu kennen als ich?«

Artemis spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. »Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber du hast es gedacht, stimmt’s?« Marceline musterte Artemis so aufmerksam, dass die sich unwillkürlich ertappt fühlte. »Bist du heute bei der Quiznacht dabei?«

»Klar«, gab Artemis zurück. Sie war erleichtert darüber, dass Marceline ihre Meinungsverschiedenheit offenbar nicht persönlich nahm.

»Wie schön!«, rief die und erhob sich. »Dann werden wir später ja sehen, wer von uns beiden besser Bescheid weiß.«

Artemis begnügte sich mit einem Lächeln als Antwort. Marceline irrte sich nicht nur in Bezug auf Felix, sondern auch in Bezug auf Artemis, wenn sie glaubte, beim Quiz eine Chance gegen sie zu haben.

Während Marceline mit wippendem Pferdeschwanz aus dem Speisesaal schwebte, sah Artemis ihr zufrieden nach. Dieses Mädchen suchte offenbar die Herausforderung. Und Artemis war fest entschlossen, sie nicht zu enttäuschen.

Kapitel 3

Nur ein Spiel?

Musik drang aus dem Gemeinschaftsraum. Als Artemis den festlich dekorierten Saal betrat, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Ein paar Mentoren wuselten umher: Sophia befestigte eine Girlande aus Lametta, jemand saß neben der Bühne am Laptop und stellte das Bild auf der Leinwand scharf. »Willkommen beim ErlebnisQuiz« stand dort in großen, blinkenden Buchstaben.

Die Beleuchtung war gedimmt, an der Decke drehte sich eine Discokugel und warf glitzernde Lichtreflexe an die Wände. Nur einer der Tische war schon besetzt. Die Kinder dort lachten und steckten die Köpfe zusammen. Sollte Artemis fragen, ob bei ihnen noch ein Platz frei war? Sie zögerte. Offenbar kannte sich die Gruppe schon.

Artemis ließ den Blick weiter schweifen. Normalerweise machte sie einen Bogen um die erste Reihe. Sie bevorzugte es, im Hintergrund zu bleiben. Doch in diesem Fall lag die Sache anders: Marceline hatte sie herausgefordert. Und Artemis hatte die Herausforderung angenommen.

Knarzend rutschten die Stuhlbeine über den Boden, als Artemis sich an den mittleren Tisch in der ersten Reihe setzte. Dann streckte sie eine Hand aus, um die Entfernung zum Buzzer abzuschätzen. Kannte man die richtige Antwort, kam es schließlich darauf an, den Knopf als Erster zu drücken.

Kaum betrat Felix den Raum, winkte Artemis ihm zu. Und obwohl sein Blick zu fragen schien, ob es ein Tisch direkt am Bühnenrand sein musste, kam er zu ihr. Artemis spürte sofort, wie ihre Anspannung nachließ. »Du kennst doch sicher noch jemanden hier?«, fragte sie in der Hoffnung, ihr Team weiter zu verstärken.

Felix zögerte. »Ich kenne die meisten. Nur leider nicht besonders gut.« Zwischen seinen Brauen hatte sich eine Falte gebildet. »Wie soll ich sagen … Die wissen alle genau, was sie wollen, Artemis. Und wenn jemand anders ist, so wie du oder ich«, er zuckte mit den Schultern, »damit kann hier nicht jeder umgehen.«

»Aber sind Spielabende nicht genau dazu da?« Artemis ließ den Blick durch den aufwändig dekorierten Raum schweifen. »Um einander näherzukommen, trotz aller Unterschiede?« Sie musste an Emma denken. Ihre beste Freundin hätte sie garantiert dazu ermutigt, den Abend zu nutzen. Einfach Spaß zu haben. »Komm schon, wir zeigen denen, was wir draufhaben. So anders sind wir doch gar nicht.«

Felix antwortete mit einem Lächeln. Und Artemis war zufrieden – wenn auch nervös, weil der Saal immer voller wurde.

Marceline hatte sich noch einmal umgezogen. Sie trug nun einen Paillettenrock zu einem ärmellosen Oberteil mit Hemdkragen. Ihr offenes Haar fiel glatt wie ein Vorhang über ihre Schultern und sie wirkte schon jetzt wie eine Gewinnerin.

Bevor Artemis an ihrem Entschluss zweifeln konnte, Marceline die Stirn zu bieten, wandte sie sich an Felix. »In welchem Fach brauchst du eigentlich Hilfe?«

»Ich brauche Hilfe in so ziemlich allem«, gestand er mit einem gequälten Lächeln. »Im Gegensatz zu den meisten anderen, die nur im Camp sind, um wichtige Kontakte zu pflegen und ihren Einserschnitt zu sichern.«

»Dein Ernst?« Artemis klappte der Mund auf. »Die sind alle freiwillig hier?«

»So gut wie alle.« Felix nickte. »Um noch besser zu werden, als sie sowieso schon sind.«

»Aber du …« Artemis wusste nicht, wie sie die Frage formulieren sollte, ohne taktlos zu wirken.

»Ich bin hier, weil meine Eltern sich um die Zukunft unserer Firma sorgen«, erklärte Felix.

»Ach so? Übernimmst du irgendwann mal das Familienunternehmen?«

»Na ja, meine Mutter hat es von meinem Opa geerbt. Und der hatte es von seinem Vater.« Felix zuckte mit den Schultern. »Mama sagt oft, sie hätte sich das auch nie vorstellen können. Der Geschäftssinn kommt wohl mit der Zeit.«

Artemis runzelte die Stirn. Sie wollte fragen, was Felix tun würde, wenn der Geschäftssinn nicht mit der Zeit kam. Aber da trat ein Mann in anthrazitfarbenem Anzug auf die Bühne und klopfte gegen das Mikro. Als ein dumpfes Pochen aus den Lautsprechern drang, räusperte er sich.

»Guten Abend! Mein Name ist Professor Heinrich Fröbel und als Gründer von Erlebnislernen darf ich Sie alle herzlich zu unserer legendären Quiznacht begrüßen.« Er breitete die Arme aus. »Wir sind stolz darauf, dass unsere Kurse von jungen Menschen besucht werden, die ihre Leistungen verbessern wollen. Dabei geben Sie sich ebenso wenig mit dem Durchschnitt zufrieden wie wir.« Er machte eine gönnerhafte Pause, während das Publikum lachte. »Der Weg an die Spitze kann einsam sein, muss er aber nicht! Wir sind hier, um einander herauszufordern und anzuspornen. Wir helfen jungen Talenten dabei, ihr volles Potenzial zu entfalten. Und wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen Erfolge zu feiern.« Er machte eine sportliche Verbeugung und schloss mit den Worten: »Danke für Ihre Aufmerksamkeit und viel Spaß beim ErlebnisQuiz. Möge der oder die Beste gewinnen!«

Während der Saal applaudierte und die heitere Musik wieder einsetzte, nahm Artemis sich ein Glas Mineralwasser vom Tisch. Zwei Nachzügler drängten herein, entdeckten die letzten freien Plätze bei Felix und Artemis und steuerten geradewegs auf sie zu.

»Wie man hört, ist das der Gewinnertisch«, sagte der erste Junge und bedachte Artemis mit einem schiefen Lächeln.

Da wurde der Willkommensbildschirm auf der Leinwand ausgeblendet. Ein großes Spielfeld war nun zu sehen und ein Moderator betrat die Bühne. Vermutlich war er einer der Mentoren. Er trug einen schwarzen Zylinder und weiße Handschuhe zu einem Frack. Das Publikum jubelte ihm zu, als er einen Pokal auf den Marmorsockel neben der Leinwand stellte.

Artemis hatte gehofft, dass der Preis etwas Originelleres sein würde als nur ein Staubfänger, der Platz im Regal wegnahm. Andererseits war der Preis ohnehin zweitrangig. Hier ging es um das gemeinsame Erlebnis – und um die Ehre.

»Los geht’s!«, rief der Moderator und zückte einen Kartenstapel. »Wie viele Planeten hat unser Sonnensystem?«

Das ist ja einfach, dachte Artemis und griff nach dem Buzzer. Aber der Ton erklang, noch bevor ihre Hand den Knopf erreichte.

Da-huup!

Ungläubig sah Artemis zu dem Tisch in der Mitte des Raumes, der beleuchtet wurde.

Marceline reckte im Scheinwerferlicht das Kinn. »Momentan sind es acht«, erklärte sie. »Pluto zählt seit 2006 zu den Zwergplaneten.«

»Hervorragend, Marceline!« Der Moderator zeigte mit einem weiß behandschuhten Finger zur Leinwand, wo ein Zähler von null auf eins sprang. »Nichts anderes haben wir von Tisch fünf erwartet. Der erste Punkt geht an euch!«

»Die hatte doch eine Hand auf dem Buzzer«, brummte Artemis.

»Vielleicht«, gab Felix zurück. »Aber das ändert nichts am Punktestand.«

Artemis rang sich ein Lächeln ab. »Na gut. Vielleicht bist du ja beim nächsten Mal schneller als ich.«

»Und damit geht es in die zweite Runde«, fuhr der Moderator fort. »Welche Säugetiere können fliegen?«

Diese Frage kannte Artemis noch aus ihrem ersten Quizkasten! Ihre Hand flog zum Buzzer. Aber das Signal ertönte, kurz bevor sie ihn drücken konnte. Schon wieder fiel das Scheinwerferlicht auf einen anderen Tisch, dessen Spieler schneller gewesen waren.

»Die Flughörnchen.«

Eine niederschmetternde Fanfare ertönte.

Falsch, dachte Artemis triumphierend. Flughörnchen fliegen nicht, sie gleiten.

»Leider daneben«, verkündete nun auch der Moderator und wandte sich an Artemis. »Aber an Tisch eins hatte noch jemand die Hand am Buzzer. Wir sind gespannt auf eure Antwort!«

Artemis spürte erwartungsvolle Blicke auf sich. Hoffentlich lag sie richtig. »Flughunde oder Fledermäuse«, sagte sie leise und räusperte sich. »Beide gehören zur Ordnung der Fledertiere.«

Der Moderator lächelte anerkennend. »Ganz genau.«

»Yes!« Felix stieß eine Faust in die Luft.

Artemis beobachtete die Geste mit einem zufriedenen Lächeln, versuchte sich die Freude aber nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. Das Spiel hatte gerade erst begonnen und sie musste sich auf die nächste Frage konzentrieren.

»Wie heißen die vier Musketiere aus dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas?«

Artemis biss sich auf die Unterlippe. Klassische Literatur gehörte leider nicht zu ihren Stärken.

Dieses Mal war Felix der Erste am Buzzer und das Scheinwerferlicht erhellte ihren Tisch. Gebannt hielt Artemis die Luft an, während er aufzählte: »Athos, Porthos, Aramis und d’Artagnan.«

»Hervorragend!«, lobte der Moderator.

Die anderen beiden Jungs an ihrem Tisch zollten Felix mit einem High Five Anerkennung. Und von einem Gefühl heimlicher Freude überwältigt, riskierte Artemis einen Blick auf die Konkurrenz. An Tisch fünf verdrehte Marceline die Augen. Hoffentlich war sie keine schlechte Verliererin.

Als Artemis auch die nächste Runde für ihren Tisch gewann, stand es drei zu eins für sie.

Felix nahm einen Schluck von seinem Wasser. »Und was genau machst du hier im Lerncamp?« Er grinste. »Du wirkst auch nicht gerade wie jemand, der Nachhilfe nötig hat.«

Die Bemerkung entlockte Artemis ein Lächeln. »Lange Geschichte.« Auf der Bühne zog der Moderator gerade die nächste Karte und sie senkte die Stimme. »Ich erzähl dir alles – sobald wir gewonnen haben.«

Dass niemand an ihrem Tisch die nächste Frage beantworten konnte, nahm Artemis mit Gelassenheit. Erst, als der dritte Punkt in Folge an ein anderes Team ging, wurde sie nervös. »Das sind ja bescheuerte Fragen«, raunte sie Felix zu.

Und es wurde nicht besser.

In welchem Jahr malte Monet seinen berühmten Sonnenaufgang, der dem Impressionismus seinen Namen gab?

Welches Metalloxid hat die chemische Formel Fe2O3?

Wer erhielt im Jahr 1901 den ersten Friedensnobelpreis?

Artemis begann mit den Zähnen zu knirschen. Ihr Unmut wurde dadurch verstärkt, dass Marceline dreimal gebuzzert und zweimal richtig geantwortet hatte. Als ein Gong die Pause vor dem großen Finale verkündete, stand es zwischen drei Tischen unentschieden.

»Um solche Fragen zu beantworten, muss man doch nur sinnlose Fakten auswendig können!«, beschwerte Artemis sich bei Felix. Sie hatten sich gerade in die Schlange vor der Bar gestellt, um gesalzenes Popcorn zu holen.

»Sinnlose Fakten?«, wiederholte Felix und zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, genau darum geht es bei einem Quiz.«

»Gar nicht! Oder zumindest nicht unbedingt. Es kommt auf die Spielvariante an«, sagte Artemis und bestellte sich einen hausgemachten Eistee, um keinen trockenen Hals zu riskieren.