Daliahs Garten - Das Rätsel der Roten Seherin - Fabiola Turan - E-Book

Daliahs Garten - Das Rätsel der Roten Seherin E-Book

Fabiola Turan

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Beschreibung

Wer die Gabe hat, hat die Verantwortung ...

Daliahs großer Traum, endlich alles über die Farben der Gefühle zu lernen, scheint zum Greifen nah. Aber dann verschwindet Belladonna und im magischen Garten von Schloss Lilienfels bricht Chaos aus. Die Spur der Wächterin führt Daliah und Rahim tiefer ins Reich der Tausend Farben, wo die Prismagie von dunklen Kräften bedroht wird. Die beiden merken schnell, dass sie bei ihrer Rettungsmission niemandem trauen dürfen. Besonders nicht der geheimnisvollen Roten Seherin ...

Ein Feuerwerk aus Farben – das sieht Daliah, wenn sie andere anschaut. Sie nimmt Gefühle als bunten Schimmer in der Luft wahr und diese Gabe zeigt ihr auch verborgene Kreaturen. Doch in deren Welt lauert Gefahr!

Alle verfügbaren Bände der Daliahs Garten-Reihe:
Daliahs Garten – Das Geheimnis des grünen Nachtfeuers (Band 1)
Daliahs Garten – Das Rätsel der Roten Seherin (Band 2)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Fabiola Turan

Das Rätsel der Roten Seherin

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1. Auflage 2022

© 2022 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagillustration: Verena Körting

Umschlaggestaltung: Suse Kopp, Hamburg

ah • Herstellung: AW

Satz: KCFG–Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-29035-1V001

www.cbj-verlag.de

Für Elio Matej

Weil ihr gemeinsam gewachsen seid.

Und für alle, die manchmal etwas Mut brauchen,

um auf ihre eigenen Farben zu vertrauen.

Inhalt

1. Fingerspitzengefühl

2. Kleiner Fuchs

3. Die Wälder von Nemoria

4. Besuch im BlütenReich

5. Belladonnas Malachit

6. Eine schöne Illusion

7. Spuk auf Schloss Lilienfels

8. Legenden aus dem Reich der Tausend Farben

9. Das Angebot mit dem Tee

10. Ein Unwetter naht

11. Dunkle Gefilde

12. Eine unerwartete Entdeckung

13. Die fünfte Gabe

14. Eine unheimliche Einladung

15. Eine neue Spur

16. Das Geheimnis der Dunkelsee

17. Das Rätsel der Runen

18. Auf der Flucht

19. Wer nicht hören will

20. Der Ewige Talisman

21. Tanz der Wasserdämonen

1

Fingerspitzengefühl

Daliah atmete tief durch. Dieses Mal musste es einfach klappen! Vorsichtig nahm sie etwas von dem orangerot leuchtenden Prisma der Verbena rutila in die Fingerspitzen auf. Mit einem angenehmen Kribbeln flossen die Farben der Gefühle durch ihre Hände. Jetzt bloß keinen Fehler machen! Die Blüten der magischen Goldverbene hatte Daliah frühmorgens mit Belladonna im Reich der Tausend Farben gesammelt. Anschließend hatte die Wächterin ihr gezeigt, wie man das kostbare Prisma der Pflanze auf eine Energiefalle übertragen konnte. Bei Belladonna sah das immer so einfach aus. Aber nun war Daliah selbst an der Reihe.

Behutsam legte sie beide Hände an den Kristall, der vor ihr auf dem Tisch in Belladonnas Wintergarten stand. Wollte man hungrige Irrlichter davon abhalten, sich nachts aus dem magischen Garten zu schleichen, war Prismanit ausgesprochen hilfreich. Bevor Daliah erfahren hatte, dass dieser farblose Edelstein nur in der magischen Welt zu finden war, hatte sie ihn für einen gewöhnlichen Salzkristall gehalten. Dabei war Prismanit alles andere als gewöhnlich: Wie der Name vermuten ließ, speicherte er das Prisma der Gefühle, von dessen besonderer Bedeutung Daliah im letzten Sommer erfahren hatte.

Für sie waren Gefühle schon immer als bunter Schimmer in der Luft sichtbar gewesen. Doch erst seit ihrem großen Abenteuer im Reich der Tausend Farben wusste Daliah, welche Chancen diese besondere Fähigkeit noch für sie bereit hielt: Als letzte Nachfahrin der Familie von Lilienfels besaß sie ein ganz ähnliches Talent wie Belladonna, die über das Portal im geheimen Teil des Gartens wachte. Dieses ehrenvolle Amt würde Daliah eines Tages übernehmen. Und je früher sie lernte, sich um die magischen Wesen und die Pflanzen zu kümmern, desto besser würde sie auf die verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet sein.

Belladonna sah das genauso. Noch in den Sommerferien hatte sie mit dem Unterricht für Daliah begonnen und ihr viel über die Farben der Gefühle erzählt. Gemeinsam waren sie unterwegs gewesen, um magische Pflanzen zu sammeln, hatten Essenzen gemischt und leere Energiefallen erneuert. Dazu legte man den Prismanit entweder bei Mondlicht in ein frisches Wasserbad und gab die Pflanzen für mehrere Stunden hinzu, oder man nahm ihr Prisma wie ein eigenes Gefühl in sich auf, um es anschließend an den Kristall weiterzugeben. Die zweite Methode erforderte weitaus mehr Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Laut Belladonna war sie jedoch schneller und eleganter.

Knack!

Daliah zuckte zusammen, dann ließ sie die Hände sinken und blies den angehaltenen Atem mit einem Schnauben aus. »Nicht schon wieder!« Sie drehte sich zu Belladonna um, die in ihrem großen Korbsessel zwischen den Bücherregalen saß. »Es tut mir leid. Ich habe ihn kaputt gemacht.« Das war nun schon der vierte Stein. Daliah spürte Verzweiflung in sich aufsteigen. »So werden sie mich an der Akademie der Tausend Farben ganz sicher nicht nehmen!«

Seit Wochen trainierte Daliah bereits mit Belladonna für die Aufnahmeprüfung. Sie würde in der prismagischen Stadt Nemoria stattfinden. Dort hatten sowohl der Hohe Rat als auch die Akademie ihren Sitz, und Talente aus dem gesamten Reich der Tausend Farben konnten sich um einen persönlichen Mentor bewerben. Belladonna hatte Daliah für die Ausbildung zur Wächterin vorgeschlagen. Bei der Veranstaltung morgen ging es jedoch um mehr als nur eine Audienz bei ihrer zukünftigen Mentorin. Daliah musste sich auch vor dem Rat beweisen: die Farben der Gefühle korrekt benennen, Prismanit aufladen, magische Pflanzen unterscheiden oder ein Irrlicht fangen. Alles war möglich – denn der genaue Ablauf der Prüfung wurde nie im Voraus bekannt gegeben.

»Keine Sorge, niemand erwartet eine perfekte Vorstellung. Du kannst gar nichts falsch machen!« Belladonna legte ihr Buch beiseite und erhob sich aus dem Sessel. »Deine Begabung ist nicht zu übersehen. Und nur darauf kommt es an.«

Aber das sagte Belladonna jedes Mal, wenn Daliah an sich zweifelte. Und je öfter sie es wiederholte, desto weniger konnte Daliah daran glauben. »Welche Begabung meinst du?« Sie ließ die Schultern sinken. »Wenn ich so weitermache, hast du bald keine Energiefallen mehr.«

Belladonna warf einen Blick auf die beiden Hälften des Kristalls und hob die Brauen. Selbst wenn sie unzufrieden oder enttäuscht gewesen wäre, hätte sie Daliah das niemals spüren lassen. Die Wächterin des Gartens achtete sehr genau darauf, welche Gefühle in ihrer Aura zu sehen waren. Aber das machte es nicht besser – schließlich konnte Daliah sich vorstellen, wie kostbar der Prismanit war.

»Kann es sein, dass du wieder die Luft angehalten hast?«

Daliah schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Das hatte sie tatsächlich.

»Versuch, die Energie der Gefühle über deinen Atem zu lenken«, fuhr die Wächterin geduldig fort, als hätte sie diesen Satz nicht schon mindestens zehn Mal gesagt.

Daliah konnte nicht fassen, dass sie es schon wieder vergessen hatte. »Ich bin eine miese Schülerin.«

»Oder es liegt an mir«, erwiderte Belladonna. »Vielleicht bin ich einfach keine gute Lehrerin.«

»Ach was, natürlich bist du das!«, gab Daliah zurück. »Jedenfalls kann ich mir keine bessere Mentorin vorstellen.«

»Ich glaube, das wird sich ändern«, erklärte Belladonna mit einem wohlwollenden Lächeln, »wenn du Medina erst kennengelernt hast.«

Medina Belvoir war eine alte Bekannte von Belladonna. Sie hatte eingewilligt, Daliah bei der Ausbildung zur Wächterin zu unterstützen, sollte sie die Aufnahmeprüfung in Nemoria bestehen.

Belladonnas Geschichten über die alte Stadt, umgeben von tiefen Wäldern, hatten Daliahs Neugier geweckt. Bislang waren ihre Ausflüge in die prismagische Welt nämlich nur auf das von Belladonna bewachte Portal und seine direkte Umgebung beschränkt gewesen. Einen Garten gab es auf der anderen Seite des Portals auch – und sogar ein Schloss, das dem Anwesen der Familie von Lilienfels zum Verwechseln ähnlich sah. Belladonnas Erzählungen zufolge schien das Reich der Tausend Farben aber noch sehr viel größer zu sein.

Daliah hatte es kaum erwarten können, alles über diese Welt zu erfahren. Aber dann war ihr Training nicht ganz so erfolgreich verlaufen wie erhofft. Und irgendwann waren ihr erste Zweifel gekommen, ob die Akademie für sie wirklich das Richtige war. Belladonna hatte Verständnis, wenn etwas nicht auf Anhieb klappte. Sie wusste, dass Daliah nicht mit der Prismagie aufgewachsen war und einiges nachholen musste. Aber würde man an der Akademie der Tausend Farben genauso viel Geduld mit ihr haben?

»Was passiert, wenn ich mich vor dem Rat blamiere … irgendwas kaputt mache oder jemanden verletze?« Das war bislang nicht vorgekommen, doch man konnte ja nie wissen. »Wenn sie mich nicht nehmen, darf ich dann weiter bei dir lernen?«

»Es gibt wirklich keinen Grund, dich abzulehnen. Ganz im Gegenteil.« Belladonna lächelte, aber da war ein bekümmertes Veilchenblau in ihrer Aura. Sie schien noch etwas sagen zu wollen, da ließ ein Klopfen an der Scheibe des Wintergartens sie innehalten.

»Rahim!« Mit wenigen Schritten durchquerte Daliah den Raum und öffnete eines der bodentiefen Fenster.

Bei Rahims Strahlen verblasste sogar das Unglück mit dem Prismanit und Daliah ließ sich von seinem Lächeln anstecken.

»Ich wusste gar nicht, dass du heute im Garten bist«, begrüßte er sie. »Warum hast du nichts gesagt?«

»Daliah war beschäftigt«, ließ Belladonna ihn wissen. »Wir haben Goldverbene gesammelt, und seitdem übt sie mit den Energiefallen.«

»Du schläfst nicht mal in den Herbstferien aus?« Anerkennend hob Rahim die Brauen.

»Ich finde auch, dass du dir eine Pause verdient hast«, bestätigte Belladonna. »Lassen wir es für heute doch gut sein.«

»Sicher?« Daliah verschränkte die Arme vor der Brust. »Können wir dir nicht noch irgendwie im Garten helfen?«

Belladonna überlegte, während sie die weiß schimmernden Überreste ihres Prismanits mit einer Kehrschaufel vom Tisch entfernte. »Da wäre tatsächlich eine Kleinigkeit«, sagte sie dann. »Habe ich euch von den Ranaku am Teich erzählt?« Als Daliah den Kopf schüttelte, fuhr Belladonna fort: »Sie fangen dort munter die letzten Libellen und lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Die Frösche haben sie auch schon verjagt.«

»Ranaku«, wiederholte Daliah nachdenklich. Der Name sagte ihr nichts. »Sind sie durch das Portal gekommen? Ich glaube nicht, dass wir schon mal einen Ranaku gesehen haben.«

»Was kein Wunder ist, weil sie ausgesprochen scheu sind«, fiel Rahim ein. Als Daliah ihn fragend ansah, räusperte er sich. »Sie gehören zu den kleinen Wasserdämonen und halten sich besonders gern unter Pflanzen oder in Seen auf.«

»Man könnte sie leicht mit Fröschen verwechseln«, ergänzte Belladonna. »Wäre da nicht ihr kurzes und sehr weiches Fell.«

Rahim nickte. »Übrigens sind die Ranaku harmlos – abgesehen von ihrem Appetit auf große, schillernde Insekten.«

»Interessant«, gab Daliah zu. »Und woher weißt du so was?«

»Magische Wesen und ihr Prisma«, erklärte Rahim. »Ich habe das Buch in der Schlossbibliothek gefunden.«

Nun wurde Belladonna hellhörig. »So ein Buch steht noch in der Bibliothek von Schloss Lilienfels? Könntest du es mir bringen, bevor jemand darauf aufmerksam wird? In der Gartenvilla sind magische Bücher besser aufgehoben.« Mit einem Seufzen ergänzte sie: »Nun, da Justus nicht mehr im Schloss lebt.«

Rahim nickte und auch Daliah fand das einleuchtend. Justus, der alte Besitzer von Schloss Lilienfels, war ein Nachfahre der prismagischen Familie gewesen. Er hatte über das Reich der Tausend Farben und das Portal im Garten Bescheid gewusst. Aber nach seinem Tod waren die al-Esfahanis ins Schloss gezogen. Und im Gegensatz zu Rahim und seiner kleinen Schwester Esme waren die Eltern der beiden unwissend. Daliah mochte Mirzā und seine Frau Samira sehr gern. Doch ein magisches Buch in den Händen von Erwachsenen konnte Schwierigkeiten bedeuten. Und es gehörte zu den Aufgaben einer Wächterin, solche Probleme zu verhindern.

»Was hast du noch über die Ranaku gelesen?«, lenkte Daliah zurück auf das Thema.

»Dass man alles Mögliche vor ihnen in Sicherheit bringen muss.« Rahim grinste. »Die Ranaku sind extrem tollpatschig – was aber keine böse Absicht ist. Im Reich der Tausend Farben gilt ihre Anwesenheit sogar als gutes Omen.«

»Und ich habe sie wirklich gern, diese kleinen Racker«, versicherte Belladonna. »Aber sie gehören einfach nicht auf diese Seite des Portals. Vielleicht habt ihr Glück und erwischt einen von ihnen. Dann können wir sie nach und nach zurück ins Reich der Tausend Farben bringen.«

Es gab kaum etwas, das Daliah lieber tat, als die Wesen aus Belladonnas Erzählungen in ihrer natürlichen Umgebung aufzuspüren oder zu beobachten. Außerdem war ihr gerade jede Ablenkung von der bevorstehenden Prüfung recht.

Eine angenehm frische Brise fuhr ihr durch das Haar, als sie sich gemeinsam mit Rahim auf den Weg zum Teich machte. Die tiefstehende Sonne tauchte den Waldrand in goldenes Licht. Ein gelbes Ahornblatt segelte an ihnen vorbei und Daliah schloss für einen Moment die Augen, um sich von den sanften Strahlen wärmen zu lassen.

Belladonnas Gartenvilla lag nicht weit entfernt von Schloss Lilienfels. Bis zum Besitzerwechsel nach Justus’ Tod hatte Daliah in diesem Schloss gelebt – und trotzdem war ihr letzten Sommer erst klar geworden, welche magischen Geheimnisse sich wirklich hinter dem großen Gartentor im Wald verbargen. Eine gewisse Ahnung hatte sie schon lange gehegt und im Laufe der Jahre ein ganzes Tagebuch voller Rätsel und Hinweise gesammelt. Doch erst als Rahim sie um Hilfe gebeten hatte, war Daliah einem wahrhaftigen Irrlicht begegnet und sie hatten gemeinsam das Reich der Tausend Farben entdeckt.

»Da wären wir«, murmelte Daliah, als sie den kleinen Gartenteich erreichten. »Jetzt müssen wir nur noch die Ranaku finden.«

Abgesehen vom Ruf einer Krähe war es still. Daliah hatte nichts anderes erwartet. Die Nächte waren Ende Oktober schon ziemlich kalt, und in der Vorbereitung auf ihre Winterstarre hatten sich die Frösche gewiss längst einen gemütlichen Unterschlupf zwischen den Steinen oder im alten Holz gesucht.

Rahim verschränkte die Arme vor der Brust. »Bewegungen oder Erschütterungen machen die Ranaku neugierig«, erinnerte er sich. »Vielleicht können wir sie damit aus dem Teich locken.«

»Durch Erschütterungen? Aber wie soll das funktionieren?« Daliah legte den Kopf schief. »Wir können sie ja schlecht mit Steinen bewerfen oder selbst ins Wasser springen.«

»Nein, das wäre mir um diese Jahreszeit auch zu kalt«, gestand Rahim. »Ich habe eine bessere Idee.« Vielsagend hob er die Brauen. »Hast du schon mal davon gehört, dass man die Elemente mit Prisma beeinflussen kann?«

»Steht das auch in einem deiner Bücher?« Daliah runzelte die Stirn. »Belladonna hat erzählt, dass man Prisma nutzen kann, um zu reisen. Aber das funktioniert wohl nur im Reich der Tausend Farben. Die Elemente hat sie nie erwähnt. Vielleicht ist es verboten.«

»Oder noch zu schwierig für dich.« Rahim hob entschuldigend die Hände, als er Daliahs Blick bemerkte. »Versteh mich nicht falsch!«, schob er schnell nach. »Ich weiß bloß, dass es nicht verboten ist. Also hat Belladonna wohl aus anderen Gründen nichts davon erzählt.«

»Vielleicht hat sie ja selbst keine Ahnung.« Daliah seufzte.

»Wie bitte?« Rahim stieß ein tonloses Lachen aus. »Wir reden hier von Belladonna.«

»Richtig. Wir reden von der großen Wächterin des Gartens, die mich lieber an die Akademie in Nemoria schickt, als mich selbst zu unterrichten.«

»Und ich dachte, du freust dich auf deine neue Mentorin.« Rahim wunderte sich. »Was Belladonna erzählt hat, klang doch super!«

Daliah hatte sich tatsächlich gefreut, aber in letzter Zeit waren ihr einfach zu viele Missgeschicke passiert. Erst hatte Belladonnas wunderschöne Mondhyazinthe ihre Blüten verloren, weil Daliah sie versehentlich vor Sonnenuntergang gegossen hatte. Dann waren ihr drei freche Irrlichter entwischt und hatten es beinahe bis ins Schloss geschafft. Die Sache mit den Energiefallen heute war nur die Bestätigung für all ihre bisherigen Zweifel.

»Willst du für mich zur Prüfung gehen? Wir können gerne tauschen!«

»Lieber nicht.« Rahim schüttelte den Kopf. »So wie du werde ich nie mit Prisma umgehen können. Und das ist in Ordnung. In der Bibliothek von Schloss Lilienfels gibt es nämlich noch eine Menge Bücher, die ich unbedingt lesen muss.«

»Du kennst die Bibliothek schon besser als ich«, murmelte Daliah und trat ans Ufer. Die Wasseroberfläche kräuselte sich leicht im Wind und Daliah war auf seltsame Weise froh, dass Belladonna nicht mitgekommen war. Sie fühlte sich unbeschwerter ohne den aufmerksamen Blick der Wächterin. »Weißt du was?« Sie atmete tief ein und wieder aus. »Ich versuch es einfach.«

Rahim hob den Kopf. »Das Wasser zu beeinflussen? Bist du sicher?«

Daliah nickte. Sie dachte daran, wie sie bei ihrem letzten großen Abenteuer das Prisma durch ihren Körper geleitet und mit anderen geteilt hatte. Wenn sie noch weitere Fähigkeiten besaß, musste sie das unbedingt vor der Prüfung herausfinden.

Der See war zu trüb, um magische Wesen oder ihr Prisma in der Tiefe erkennen zu lassen. Aber auch das war ein Hinweis, denn irgendwer oder irgendetwas musste das Wasser ja aufgewühlt haben.

Daliah ging in die Knie und tauchte beide Hände durch die Oberfläche. Dann schloss sie die Augen. Das passende Gefühl zu finden, war nicht schwer: Strahlend blaue Neugier kribbelte in ihren Fingerspitzen und wartete nur darauf, endlich Wellen schlagen zu dürfen. Vorsichtig fuhr Daliah durch das kühle Wasser. Das leuchtende Prisma folgte den Bewegungen unter der Oberfläche und vermischte sich mit der Strömung. Ein sanftes Plätschern ertönte, als die ersten Wellen das Ufer erreichten. Das Schilf geriet in Bewegung und raschelte leise. Dann begann der Boden zu vibrieren.

War das normal? Vorsichtshalber nahm Daliah die Hände aus dem Wasser, in dem sich jetzt Blasen bildeten. Mit klopfendem Herzen wartete sie, bis die Oberfläche sich beruhigt hatte.

Dann drehte Daliah sich zu Rahim um. »Sieht nicht so aus, als ob es funktio-« Der Rest des Satzes ging in lautem Tosen unter, als das Wasser einen Strudel bildete und kurz darauf in einer Fontäne emporschoss, als wollte der ganze Teich die Flucht ergreifen. Daliah wich zurück, während der Wasserpegel immer weiter sank. Sie stolperte, spürte Rahims Griff um ihren Arm und rappelte sich wieder auf.

Aus einiger Entfernung sahen sie zu, wie der gesamte Inhalt des Teichs dem unsichtbaren Sog folgte und in die Luft geschleudert wurde. Aber dort oben blieb er nicht lange.

Im nächsten Moment ging ein Sturzbach auf die beiden nieder. Das Wasser hatte eine sehr herbstliche Temperatur und innerhalb von Sekunden waren Daliah und Rahim nass bis auf die Haut. Mit eingezogenem Kopf warteten sie ab, bis sich das Prasseln legte. Jetzt roch es nach Algen und feuchtem Moos. Aus den Baumkronen über ihnen lösten sich vereinzelt schwere Tropfen. Und der Teich – Daliah schluckte. Auf seinem Grund schwappte nur noch eine armselige Pfütze.

»Oh nein«, stammelte sie. »Die Ranaku … ich habe sie …«

Klatsch.

Daliah fuhr herum und entdeckte ein haariges Wesen, das auf Rahims Kopf gelandet war. Es sah fast aus, als würde er eine seltsame Perücke tragen. Vielleicht hätte Daliah gelacht, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte Rahim, den seltsamen Frosch aus seinen Haaren zu ziehen. Aber der kleine Dämon klammerte sich nur umso verzweifelter an seinen Ohren fest.

»Immerhin«, keuchte Rahim. »Den ersten haben wir schon.« Endlich ließ der Ranaku los. Jetzt strampelte er nach Leibeskräften, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, dass Rahim keine Mühe hatte, ihn festzuhalten. »Am besten bringen wir ihn gleich zu Belladonna.«

»Geht es ihm gut?«, flüsterte Daliah, und zu ihrer großen Erleichterung nickte Rahim.

»Keine Sorge, die Ranaku sind tollpatschig, aber alles andere als zimperlich. Sie fallen andauernd irgendwo runter – und trotzdem haben sie bis heute überlebt.«

Der Ranaku blähte den Hals. Anders als bei einem Frosch erinnerte das anschließende Quaken jedoch an den sanften Ton einer Panflöte. Erst jetzt wurde Daliah klar, dass sie am ganzen Körper zitterte, und dann klingelte auch noch ein Handy.

»Meine Mutter«, murmelte Rahim und reichte den strampelnden Ranaku an Daliah weiter, während er nach dem Telefon in seiner Hosentasche griff. »Ma, was gibt es?«

Unbeholfen streichelte Daliah über das Fell des kleinen Dämons. Es war wirklich seidenweich.

»Die Feuerwehr rufen? Aber wieso …« Mit großen Augen drehte Rahim sich zu Daliah, dann sprach er weiter: »Ja, ich bin im Garten. Aber hier gibt es keinen Rohrbruch. Keine Ahnung, was du gesehen hast. Klar, ich schaue mich noch mal um … und ich melde mich, versprochen … Bis später.«

Rahim legte auf, sah Daliah an und dann entwischte ihm ein Lachen. »Die Feuerwehr rufen«, wiederholte er und obwohl die Vorstellung eigentlich nicht lustig war, musste auch Daliah grinsen.

Sie war dankbar, dass Rahim sie so selbstverständlich in Schutz genommen hatte – und das, obwohl er von Kopf bis Fuß durchnässt war und der Ranaku ihm vermutlich das ein oder andere Haarbüschel ausgerissen hatte.

»So war das nicht geplant«, sagte Daliah und kratzte sich am Kopf. »Tut mir echt leid, dass du meinetwegen flunkern musstest.«

»Ach, das war doch halb so wild.« Rahim winkte ab.

»Es ist wirklich toll, dass du das so siehst, aber …« Daliah atmete bebend ein und wieder aus. »Solche Sachen passieren mir in letzter Zeit andauernd. Ich werde nicht nur durch diese Prüfung fallen – ich werde mich vor allen blamieren.«

»Das wirst du nicht.« Rahim zeigte auf den Ranaku. »Schau mal. Bei dir ist er ganz ruhig geworden.«

»Das ändert aber nichts daran, dass ich meine Gabe nicht unter Kontrolle habe«, murmelte Daliah mit klappernden Zähnen. Sie wusste nicht, ob das von der Kälte oder von der Anspannung kam.

Rahim dachte nach. »Als Erstes sollten wir uns etwas Trockenes anziehen«, sagte er dann. »Komm, wir bringen den Ranaku zur Villa, dann kannst du noch mal mit Belladonna reden. Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, die Prüfung zu verschieben.«

Aber Daliah schüttelte den Kopf. »Das bringt doch nichts.« Belladonna hatte sich entschieden. Entweder wollte sie Daliah nicht selbst unterrichten, oder sie konnte es nicht. In jedem Fall war die Akademie ihre einzige Chance, eine Wächterin zu werden. »Wenn es okay für dich ist, würde ich lieber nach Hause gehen.«

»Na klar.« Mit einem Lächeln nahm Rahim den Ranaku wieder an sich. »Wir hatten es schon mit gefährlicheren Wesen zu tun. Mit dem hier werde ich auch allein fertig.«

Der Ranaku stieß ein leises Flöten aus.

»Sehen wir uns dann morgen?«, fragte Daliah und strich sich eine feuchte Strähne aus der Stirn. »Vor der Prüfung?«

»Ich werde da sein«, versicherte Rahim ihr. »Erhol dich gut.«

Daliah nickte, weil sie keinen Ton mehr hervorbrachte. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und erlaubte sich nur noch an zwei Dinge zu denken: eine warme Dusche und ihr gemütliches Bett daheim.

2

Kleiner Fuchs

Als Daliah zu Hause ankam, waren ihre Eltern zum Glück noch im BlütenReich beschäftigt, ihrem kleinen Laden unter der Wohnung. Unbemerkt schlich Daliah sich durch den Hauseingang, die Treppe nach oben in den Flur und von dort aus weiter ins Badezimmer. Hier konnte sie sich in Ruhe umziehen. Die nassen Sachen würden über Nacht auf der Heizung in ihrem Zimmer trocknen.

Inzwischen hatte Daliah Übung darin, unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Trotzdem fiel es ihr beim Abendessen schwer, ihre wahren Gefühle vor Anton und Rosalie zu verbergen. Beinahe rutschte ihr das Wort Ranaku heraus, als sie von den Fröschen in Belladonnas Garten erzählte. Und schließlich ging Daliah ins Bett, ohne den beiden von ihren tatsächlichen Sorgen oder Erlebnissen zu berichten. Wieder einmal.

Es war die erste Herbstnacht, in der Daliah unter ihrer Bettdecke nicht so recht warm werden wollte. Auf Schloss Lilienfels konnte Rahim jetzt bestimmt den Wind durch den höchsten Turm pfeifen hören und die bunten Blätter flogen an seinem Fenster vorbei durch den Garten.

Wenn Daliah die Augen schloss, hörte sie nur das Geräusch von spritzendem Wasser, das von vorbeifahrenden Autos aufgewirbelt wurde. Scheinwerferlichter wanderten in Wellen über ihre Zimmerdecke.

Und während sie allein mit ihren Gedanken an die Prüfung wach lag, reifte in Daliah ein Entschluss: Bei der nächsten Gelegenheit würde sie ihren Eltern vom Garten und seinen Geheimnissen erzählen. Immerhin war ihre Mutter eine von Lilienfels, auch wenn Rosalie von niemandem in die Geheimnisse der Familie eingeweiht worden war. Sie hatte ihre Begabung nie entdeckt und kannte die Geschichte ihrer Vorfahren nicht.

Daliahs Entscheidung stand trotzdem fest. Im Gegensatz zu ihrer Großmutter, Katharina von Lilienfels, würde sie das Geheimnis um ihre prismagische Abstammung ganz sicher nicht mit ins Grab nehmen. Mit diesem Vorsatz schloss Daliah die Augen, und es dauerte nicht lange, da war sie eingeschlafen.

Als sie am nächsten Morgen die Küche betrat, schlug Daliah der Duft von Kaffee und frisch aufgebackenem Toast entgegen. Das Licht war zu grell, das Klappern von Besteck und Tellern zu laut. Trotzdem goss Daliah sich eine Tasse Pfefferminztee ein und setzte sich an den Tisch.

»Guten Morgen!« Rosalie schnitt gerade eine Banane für ihr Müsli in dünne Scheiben. »Hast du gut geschlafen?«

Daliah nickte knapp und nahm einen Schluck Tee. Sie wollte nicht schon wieder lügen. »Ich mache mich gleich auf den Weg zum Schloss«, sagte sie stattdessen.

»Triffst du dich mit Rahim?«

»Na ja …« Daliah riss sich zusammen. »Ich meine: Ja. Wir besuchen Belladonna.« Das entsprach im weitesten Sinne sogar der Wahrheit.

Skeptisch hob Rosalie die Brauen. »Glaubst du nicht, dass ihr die vielen Besuche irgendwann zur Last fallen?« Zögernd fuhr sie fort: »In einem gewissen Alter will man auch mal seine Ruhe, weißt du.«

»So alt ist Belladonna gar nicht«, gab Daliah zurück. »Und sie freut sich über die Hilfe im Garten.«

Oder etwa nicht? Auf einmal war Daliah unsicher. Sie musste an die Sache mit den Energiefallen denken und an die Fontäne im Teich. Vielleicht war der Einwand ihrer Mutter gar nicht so abwegig. Konnte es sein, dass Daliah wirklich eine Last für Belladonna war?

»Du schaust ja plötzlich so ernst! Habe ich etwas Falsches gesagt?« Rosalie ließ die Schultern sinken.

»Nein, schon gut.« Daliah stand auf und stellte ihre Tasse in die Spülmaschine. »Ich werde nicht lange bleiben, versprochen.«

Rosalie nickte. »In Ordnung.« Sie bot Daliah eine Schale mit selbst gebackenen Frühstückskeksen an. »Nimmst du ein paar für unterwegs mit?«

Dankbar griff Daliah zu. Vielleicht würde sie ja später noch Appetit bekommen.

Aber der Appetit kam nicht. Als sie ihr Fahrrad in die Hecke lehnte und durch das gusseiserne Tor in Belladonnas Garten schlüpfte, steckte Daliah sich trotzdem einen der Kekse in den Mund. Ungewohnt trocken klebte er an ihrem Gaumen und sie kaute eine ganze Weile darauf herum.

Die Morgensonne brach gerade durch die Wolken und zeichnete die langen Schatten des Waldrandes auf die Wiese. Das Gras war noch so feucht von der Nacht, dass Daliah die Gartenvilla mit nassen Schuhen erreichte. Auch das noch. Sie wollte gerade nach dem Türklopfer in Form einer Lilie greifen, da hörte Daliah den unverkennbaren Klang einer Panflöte. Und es war nicht nur eine – dieses Mal sangen die Ranaku im Duett. Daliah folgte der Melodie auf die Veranda. Dort stand ein alter Hasenstall. Und vor dem Stall saß Rahim.

Er hob den Blick, als er Daliahs Schritte hörte, und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. »Guten Morgen! Bereit für deinen großen Tag?«

»Geht so.« Daliah verzog das Gesicht. Aber dann schlich sich ein Grinsen auf ihre Lippen. »Wo hast du den zweiten Ranaku gefunden?«

»Er muss vom Gesang des ersten angelockt worden sein«, erklärte Rahim und hielt etwas durch das Gitter. »Belladonna hat ihn gestern Abend vor dem Stall entdeckt.« Der Ranaku verstummte, dann schnellte seine Zunge heraus und der Leckerbissen in Rahims Hand war verschwunden. »Willst du auch mal?«

»Später vielleicht.« Daliah sah sich im Garten um. »Wo ist Belladonna?«

»Schon unterwegs!«, ertönte es aus dem Inneren der Villa. Dann erschien die Wächterin in der Tür zum Wintergarten. Über dem Arm trug sie eine Garnitur bestehend aus einer blauen Stoffhose mit aufgesticktem Muster und einem weißen Hemd. »Einen passenden Poncho gibt es auch noch, aber probier erst das hier an.« Belladonna drückte Daliah die Sachen in die Hand.

»Ich soll mich umziehen?«

»Das verlangt die Prüfungsordnung. Stell dir vor: Die Sachen kommen direkt vom Hohen Rat!« Belladonna zwinkerte ihr zu. »Ich bin gespannt, wie sie dir gefallen.«

Daliah folgte der Wächterin in die Gartenvilla. »Hast du zufällig auch trockene Schuhe für mich?«

Belladonna machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich glaube, es war tatsächlich ein Paar dabei. Ich hole es dir.« Und schon war sie verschwunden.

Daliah fühlte sich wie bei einer Kostümprobe. Der Stoff roch nach Zedernholz – einem natürlichen Mittel gegen Motten, das man wohl auch im Reich der Tausend Farben kannte. Das Hemd war offen und musste gewickelt werden. Die Hose saß hoch genug, um den gebundenen Teil der Bluse zu verdecken.

Daliah streckte sich in alle Richtungen, betrachtete sich im kleinen Spiegel auf der Kommode und zog abwechselnd die Knie an, um ihre Bewegungsfreiheit zu testen. Dabei schimmerten die gestickten Applikationen im einfallenden Licht.

»Das steht dir ausgesprochen gut«, säuselte eine Stimme hinter ihr.

Daliah hatte schon fast vergessen, dass Belladonnas Zwillingsschwester seit dem Sommer auch in der Villa lebte. Ariane von Lilienfels war hier eingezogen, nachdem Daliah das von ihr gestohlene Prisma aus dem Schloss der Tausend Farben befreit hatte. Mit dem Verlust ihrer Sammlung war Ariane in sich zusammengefallen. Immerhin schien sie inzwischen jene Vernunft wiedergefunden zu haben, die ihr im Rausch der Farben vollständig abhanden gekommen war. Belladonna hatte Daliah versichert, dass nur die verbotene Sammlung von Gefühlen den Größenwahn ihrer Schwester verursacht hatte – ein Zustand, der inzwischen überwunden war. Daliah erschauderte jedoch noch immer beim Gedanken an ihre erste Begegnung mit der selbsternannten Regentin. Besonders dann, wenn das heimtückische Lächeln wieder in Arianes Augen aufblitzte. Es war in den letzten Wochen nicht oft vorgekommen, dass Belladonnas Schwester ihr Zimmer im Dachgeschoss der Gartenvilla verlassen hatte. Aber wenn sie es tat, dann gab es in der Regel auch einen Grund dafür.

Daliah atmete tief durch. »Sie sind nicht wirklich hier, um mir Komplimente zu machen, oder?«

Ariane verzog die Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. »Du bist ein schlauer kleiner Fuchs, Daliah Bernstein.« Sie verdrehte die Augen. »Was man von Donna leider nicht behaupten kann. Oder glaubt sie wirklich, der Hohe Rat wird sich von deinem hübschen Auftritt blenden lassen?«

Die Andeutung ließ Daliah schlucken. Aber sie wollte sich ihre Nervosität nicht anmerken lassen. Nicht vor Ariane. »Was soll das heißen?«

Arianes Augen wurden schmal. »Weißt du, dass der Rat nicht besonders gut auf uns zu sprechen ist?«

Auf der Treppe im Flur ertönten Belladonnas Schritte. »Du meinst wohl, dass er auf dich nicht gut zu sprechen ist.« Mit warnendem Blick betrat sie den Wintergarten. »Du hast das Prisma unschuldiger Wesen gestohlen und damit eine Straftat begangen. Daliah hat dem ein Ende gesetzt. Der Hohe Rat wird sie wohl kaum für deine Verbrechen verantwortlich machen.«

Ariane schnalzte mit der Zunge. »Donna, ich bitte dich. Der Rat kann uns nicht leiden, seit Jonathan von Lilienfels vor ziemlich genau einhundert Jahren das Reich der Tausend Farben verlassen hat, um hier in dieser Welt einen neuen Familiensitz zu errichten.« Sie legte den Kopf schief. »Mag sein, dass ich nicht gerade für bessere Stimmung gesorgt habe«, gab sie zu. »Aber mach dir nichts vor. Und dem kleinen Fuchs auch nicht.« Sie fuhr Daliah im Vorbeigehen über die rotbraunen Locken.

»Finger weg«, knurrte Daliah.

Doch Ariane lachte nur. »Was denn, willst du mich beißen?« Jetzt senkte sie vertraulich die Stimme. »Ich wollte dich ja nur warnen. Immerhin sind wir jetzt eine Familie.«

»Herzlichen Dank.« Belladonna schob ihre Schwester mit sanfter Gewalt zur Tür hinaus. »Du bist wie immer sehr hilfreich, Ari. Wirklich sehr hilfreich. Am besten gehst du einfach wieder auf dein Zimmer.«

Als Belladonna die Tür zum Treppenhaus zwischen sich und Ariane schloss, betrat Rahim den Wintergarten. »Sie kann es einfach nicht lassen, oder?«

»Sie braucht dringend eine neue Aufgabe.« Belladonna seufzte. »Wochenlang nur auf dem Dachboden zu sitzen – da würde ich auch irgendwann verrückt werden.« Sie reichte Daliah das Paar Schuhe, das sie mitgebracht hatte.

»Die passen ja perfekt«, stellte Daliah fest. Trotzdem fühlte sie sich weniger bereit denn je. »Was Ariane da gesagt hat … stimmt das?«

Belladonnas Lippen wurden schmal und sie zögerte. »Die Familie von Lilienfels und den Hohen Rat der Tausend Farben verbindet eine lange Geschichte«, gab die Wächterin schließlich zu. »Aber das ist nicht deine Vergangenheit. Und was auch immer passiert ist, darf dir nicht zum Vorwurf gemacht werden. Falls die Mitglieder des Rats Bedenken haben, werde ich das klären.« Sie atmete tief durch. »Lass mich einfach reden, in Ordnung? Dann kann gar nichts schiefgehen.«

Als sie aus der Villa in den herbstlichen Vormittag traten, schlug Daliah eine frische Brise entgegen. Sie zog den angenehm weichen Poncho enger um ihre Schultern. Er war aus einem leichten blauen Stoff und passte damit perfekt zur Hose.

»Vergiss den hier nicht!« Rahim verließ den Wintergarten als Letzter und reichte Daliah den grün schimmernden Malachit, den sie mit ihrer Straßenkleidung abgelegt hatte.

»Danke.« Diesen Edelstein hatte Belladonna ihnen geschenkt. Er beflügelte die Fantasie und verbesserte die Wahrnehmung von Prisma. »Kommst du noch mit zum Brunnen?«

Als Rahim nickte, spürte Daliah einen winzigen Stich in der Brust. Bislang waren sie zu jedem Abenteuer im Reich der Tausend Farben gemeinsam aufgebrochen. Eine Mission ohne Rahim – das war noch schlimmer als Quarkbällchen ohne Zimt. Etwas Wichtiges fehlte.

Belladonna öffnete das Gartentor am Efeubogen und ließ Daliah den Vortritt. »Bist du aufgeregt?«

Schweigend überquerten sie die kleine Brücke, unter der leise der Bach plätscherte.

»Aufgeregt ist nicht das richtige Wort«, erklärte Daliah und zog die Schultern hoch, als eine Brise ihr Haar zerzauste. »Warum fragst du überhaupt? Du könntest auch mein Prisma lesen.«

»Aber ich kann das nicht«, protestierte Rahim. »Und ich wüsste auch gern, wie es dir geht.« Seit er Belladonnas Malachit trug, konnte er die Farben der Gefühle zwar sehen, doch im Gegensatz zu Daliah musste Rahim erst noch lernen, das Prisma richtig zu deuten.

Der Irrgarten kam nun in Sichtweite, und Daliah wurde langsamer. »Die meisten Kinder hatten ihr Leben lang Zeit, sich auf diese Prüfung vorzubereiten.« Ihre Hände entdeckten die Taschen der Pluderhose und vergruben sich darin. »Ich hatte genau drei Monate.«

Rahim dachte nach. »Also hast du Angst, die anderen könnten besser sein als du?« Er musste ihr Prisma gar nicht lesen, um ihre Gefühle zu erspüren.

»Irgendwie schon«, gab Daliah zu und seufzte. »Ich meine – die sind doch alle im Reich der Tausend Farben aufgewachsen. Da lernt man, was Prisma ist, bevor man laufen kann. Und niemand muss seine Fähigkeiten vor den eigenen Eltern verstecken.«

»Das müsstest du auch nicht«, erinnerte Belladonna sie. »Soll ich vielleicht mit Rosalie sprechen?«

Daliah musste an ihren Vorsatz denken und schüttelte den Kopf. »Ich sage es ihr. Sobald ich den Platz an der Akademie habe.«

Zum einen würde ihr sowieso keine andere Wahl bleiben, wenn Daliah regelmäßig am Unterricht in Nemoria teilnehmen wollte. Zum anderen wäre eine bestandene Prüfung der perfekte Beweis, dass sie eben nicht nur ein Kind der Menschenwelt, sondern auch der magischen Welt war.

Als sie das Labyrinth erreichten, glaubte Daliah, aus den Hecken ein ermutigendes Flüstern zu vernehmen. Noch vor wenigen Wochen hatte sie den Irrgarten für ein unberechenbares Wesen gehalten. Seitdem sie gemeinsam mit Rahim die Mauern aus Eibe und ihr Geheimnis vor der Zerstörung bewahrt hatte, konnte sie jedoch seine Dankbarkeit und sein Wohlwollen spüren.

Sanft strich Daliah durch die Zweige, deren smaragdgrün schimmerndes Prisma ein wohliges Prickeln auf ihren Fingerspitzen hinterließ. Als sie den Kopf in den Nacken legte, schoss eine vertraute Gestalt über die Hecken des Irrgartens hinweg.

»Reggae?«, flüsterte Daliah und beschleunigte ihre Schritte.

Tatsächlich erwartete der kleine Bienenfresser sie schon im Herzen des Labyrinths. Hier lag ein gemauerter Brunnen, der ebenso alt war wie die Gartenvilla und das Schloss. Reggae wusste um die Bedeutung dieses Brunnens, der zugleich ein Portal war. Es diente dem Austausch von Prisma zwischen den Welten und verhinderte auf diese Weise, dass ein gefährliches Ungleichgewicht entstehen konnte. Im vergangenen Sommer hatte Reggae den Durchgang genutzt, um seinen Beitrag zur Rettung des Gartens zu leisten. Er liebte diesen Ort sehr, genau wie Daliah.

»Bist du etwa hier, um mich zu verabschieden?«, fragte sie.

Der Bienenfresser erhob sich in die Luft, nur um anschließend auf Daliahs Schulter zu landen. Glükk glükk!, verkündete er, und obwohl Daliah nervös war, musste sie lachen.

»Danke! Das kann ich heute wirklich gut gebrauchen.«

Reggae schmiegte seinen Kopf an Daliahs Hals, dann breitete er die Flügel aus und landete mit wenigen Schlägen auf Rahims Kopf. Dort plusterte er abwartend sein buntes Gefieder. Der Moment des Abschieds war gekommen.

»Du wirst es schaffen«, sagte Rahim. »Das weiß ich.« Daliah nickte stumm. Einen Moment lang standen die beiden sich gegenüber, dann trat Rahim auf Daliah zu, und sie erwiderte seine Umarmung.

»Danke«, murmelte sie in seinen Pullover. Ein beruhigender Duft ging von dem Stoff aus, und am liebsten hätte Daliah diesen wohltuenden Moment noch etwas länger genossen. Aber sie musste los. »Es wird nicht lange dauern. In ein paar Stunden sehen wir uns wieder.«

Allerdings galt dieses Versprechen nicht nur ihm. Es laut zu sagen bewirkte, dass Daliah sich ein wenig besser fühlte. Die Prüfung war nicht das Letzte, was auf Erden geschah. Irgendwie würde ihr Leben danach schon weitergehen. Daran wollte Daliah zumindest fest glauben, um nicht vor Aufregung den Verstand zu verlieren.

Sie folgte Belladonna zum Brunnen, der wie erwartet trocken war. Nur ahnungslose, nichtmagische Besucher glaubten hier eine Wasseroberfläche zu sehen. Auch das war eine besondere Eigenschaft des Portals: Es bewahrte die Menschen vor einer Welt, die selbst für Eingeweihte so manche Überraschung zu bieten hatte.

Daliah warf einen letzten Blick zurück und winkte Rahim und Reggae zu. Dann ertastete ihr Fuß die erste Stufe im Schacht und sie folgte der Wächterin hinab in den Brunnen.

3

Die Wälder von Nemoria

Es wurde immer feuchter und kühler, je weiter sie den Stufen in die Tiefe folgten. Das goldene Licht des Gartens wich der Dunkelheit, bis Daliah endlich den sanften Schimmer der Höhle erahnen konnte.

Obwohl ihr großes Abenteuer im Reich der Tausend Farben schon einige Wochen zurücklag, ließ der Grund des Brunnens Daliah noch immer erschaudern. Hier waren Rahim und sie von einem Gestaltwandler angegriffen worden. Aber auch freundliche Wesen lebten in der Höhle unter dem Brunnen – wie die Falter der Veränderung, deren blauer Schimmer die Felswände erhellte.

»Da wären wir.« Belladonnas Stimme hallte von der hohen Decke wider.

Ähnlich den Hecken an der Oberfläche bildete das Wurzelgeflecht der Eibe hier unten ein Labyrinth. Noch vor wenigen Wochen war Prisma unkontrolliert und in großen Mengen durch diese Wurzeln ins Reich der Tausend Farben geflossen. Seit Daliah und Rahim das Gleichgewicht zwischen den Welten wiederhergestellt hatten, war jedoch Ruhe eingekehrt.

»Bist du bereit?«

Die Frage riss Daliah aus ihren Gedanken. Belladonna hatte ihr eine Überraschung auf dem Weg versprochen.

»Lass dich einfach führen«, sagte die Wächterin jetzt und beugte ihren Arm, sodass Daliah sich unterhaken konnte.

»Wie weit ist es nach Nemoria? Ich will mir unbedingt den Weg merken.« Daliah versuchte zu erklären, dass ihr Orientierungssinn nicht der allerbeste war, doch Belladonna schüttelte langsam den Kopf.

»Im Reich der Tausend Farben sind die Orte nicht so miteinander verbunden, wie du es aus der Menschenwelt kennst. Hier kommt es weniger auf die Richtung an, als darauf, wie du deinen Weg gehst.« Als Daliah sie fragend anblinzelte, fuhr Belladonna fort: »Beim prismagischen Reisen ist das passende Gefühl der Schlüssel. Du kannst es auf dem Rückweg selbst ausprobieren.«

Daliah spürte ein Kribbeln im Bauch. Das war also die Überraschung! Belladonna hatte diese besondere Art der Fortbewegung schon einmal erwähnt. Sie war im Reich der Tausend Farben weitverbreitet und sehr beliebt. Eine sorgfältige Unterweisung war jedoch notwendig, wenn man nicht versehentlich am falschen Ort landen oder aus Unwissenheit gegen eine Regel des prismagischen Reisens verstoßen wollte.

»Muss man denn schon einmal an dem Ort gewesen sein, den man besuchen möchte?« Daliah wollte es ganz genau wissen. Schließlich musste sie später ihre Notizen im Tagebuch machen.

»Erfahrene Prismagier können auch sehr konkrete Gefühle aus ihrer Vorstellung nutzen«, erklärte Belladonna. »Aber je mehr Zeit du tatsächlich an einem Ort verbracht hast, desto stärker ist deine Verbindung zu ihm. Und nichts leitet dich zuverlässiger als dein eigenes Gefühl – dein eigenes Prisma.«