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Das Positive an Asperger
Menschen im Autismus-Spektrum haben vielfältige Begabungen, die nicht immer sofort ins Auge springen. Denn viel zu oft reiten wir auf Problemen herum, statt auf die positiven Eigenschaften zu schauen.
Dieses Buch hilft, diese besonderen Talente zu erkennen und in den Vordergrund zu rücken:
Das Mutmach-Buch für alle Menschen mit Asperger – und alle Angehörigen, die Betroffene unterstützen wollen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2022
Susanne Huber
1. Auflage 2023
10 Abbildungen
Dieses Buch ist an Asperger-Betroffene, deren Angehörige und ausdrücklich auch an all jene gerichtet, die erst einen Verdacht hegen, sie selbst oder ein Familienmitglied könnten vom Asperger-Syndrom betroffen sein. Das Buch richtet sich aber auch an Interessierte, die einfach mehr über das Asperger-Syndrom erfahren möchten.
Auch wenn in diesem Buch die positiven Seiten des Asperger-Syndroms besondere Beachtung finden, geht es nicht darum, irgendetwas zu beschönigen. Das Buch ist der Versuch, ein möglichst unvoreingenommenes Bild des Asperger-Syndroms zu zeichnen, ein Bild, das die Probleme und Schwierigkeiten nicht kleinredet, aber auch die Stärken und besonderen Fähigkeiten anerkennt. Berühmte Asperger sind Beleg dafür, dass das Asperger-Syndrom nicht notwendigerweise als Beeinträchtigung, sondern auch als Chance begriffen werden kann.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Dieses Buch bezieht sich ausschließlich auf Menschen mit Asperger-Syndrom. Es ist mir bewusst, dass sich die Situation für Menschen mit frühkindlichem Kanner-Autismus vollkommen anders darstellt. Doch das ist nicht Thema dieses Buches. Es geht ausdrücklich um das Asperger-Syndrom und nicht um andere Formen aus dem Autismus-Spektrum. Auch wenn von Autisten, autistischen Menschen oder Menschen im Autismus-Spektrum die Rede ist, bezieht sich der Text hier immer auf das Asperger-Syndrom oder, in einigen Fällen, auf das Autismus-Spektrum im Allgemeinen. Autismus im Sinne von frühkindlichem Autismus, ist in keinem Fall damit gemeint.
Ich hoffe, dass Sie das Asperger-Syndrom nach der Lektüre des Buches besser verstehen und künftig vielleicht aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachten.
Titelei
Vorwort
Teil 1: Alles über Asperger
Kapitel 1: Was ist das Asperger-Syndrom?
Kernsymptome des Asperger-Syndroms
Soziale Interaktion und Kommunikation
Eingeschränkte repetitive Verhaltensweisen und Interessen
Anzeichen des Asperger-Syndroms
Erste Warnsignale bei Babys und Kleinkindern
Anzeichen bei Schulkindern und Teenagern
Anzeichen bei Erwachsenen
Abweichende Symptome bei Mädchen und Frauen
Kapitel 2: Welche Ursachen hat das Asperger-Syndrom?
Erblichkeit
Autismus-Gene?
Das Alter des Vaters
Epigenetische Ursachen
Risikofaktoren
Physiologie
Belohnungsmechanismen
Verhältnis von Hemmung zu Erregung
Organisation des Gehirns
Psychologische Autismus-Theorien
Kapitel 3: Schluss mit Vorurteilen – Fakten und Fiktion
Gängige Vorurteile
»Asperger sind empathielos.«
»Asperger haben keine Gefühle.«
»Asperger haben keine Freunde.«
»Alle Asperger sind Mathematikgenies.«
»Asperger haben keinen Humor.«
Resümee
Das Asperger-Syndrom in Film und Fernsehen
Atypical
The Good Doctor
The Big Bang Theory
Parenthood
Community
The Bridge – America
Power Rangers
Bones, Criminal Minds, Sherlock, Bordertown
Liebe im Spektrum
Teil 2: Die Stärken von Menschen mit Asperger
Kapitel 4: Positive Eigenschaften, Talente und Begabungen
Die positiven Seiten des Asperger-Syndroms
Perspektivenwechsel
Stärke oder Defizit
Stärke oder »Superkraft«
Besondere Stärken
Intellektuelle Stärken
Aufmerksamkeit fürs Detail
Konzentrationsfähigkeit
Begeisterungsfähigkeit und Ausdauer
Visuelle Wahrnehmung
Ausgeprägte Interessen
Non-Konformismus
Positive Charaktereigenschaften
Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität
Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit
Loyalität, Gerechtigkeit und Toleranz
Verdeckte Stärken
Welche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen?
Neurodiversität
Kapitel 5: Stärken stärken
Stärken, Schwächen und Erfolg
Lebensziele
Stärken erkennen
Stärken nutzen
Schwächen erkennen
Woher kommen die Probleme?
Umgang mit den Schwächen
Strategien zum Erfolg
Maskieren
Asperger im Job
Kapitel 6: Mutmacher – berühmte Personen mit Asperger
Elon Musk
Leben
Unternehmen
Persönlichkeit
Greta Thunberg
»Superkraft« Asperger
Klima-Aktivismus
Kritik und Ehrungen
Anthony Hopkins
Leben und Erfolge
Abgründe
Daryl Hannah
Leben und Filmkarriere
Umwelt-Aktivismus
Chris Packham
Leben
»Aspergerʼs and Me«
Dan Aykroyd
Susan Boyle
Satoshi Tajiri
Temple Grandin
Tim Page
Richard Borcherds
Ria Lina
Daniel Tammet
Teil 3: Was sonst noch wichtig ist
Kapitel 7: Perspektiven
Die Diagnose
Diagnose – ja oder nein?
Nach der Diagnose
Lebensziele
Erwartungshaltung
Lebenszufriedenheit
Verzerrte Statistik
Chancen verbessern
Unterstützungsangebote
Verhaltensstrategien
Produkte zur Steigerung der Lebensqualität
Stressabbau und Entspannung
Schutz vor störenden Reizen
Kapitel 8: Wissenswertes
Diagnostik
Verdachtsdiagnose – Selbsttests
Anlaufstellen für eine Asperger-Diagnostik
Ablauf einer Asperger-Diagnostik
Allgemeine Diagnosekriterien
Therapiemöglichkeiten
Rechtliche Situation
Gilt das Asperger-Syndrom als Behinderung?
Muss der Arbeitgeber von der Diagnose erfahren?
Allgemein interessant
Häufigkeit des Autismus-Spektrums
Geschlechterverhältnis
Empfehlungen der Autorin
Hilfreiche Webseiten (Letzter Zugriff: 11.07.2022)
Empfohlene Bücher
Service
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
Was versteht man unter dem Asperger-Syndrom? Welche Kernsymptome gibt es und wie äußern sie sich? Welche Vorurteile dominieren die gängigen Vorstellungen über das Asperger-Syndrom?
Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus. Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die die Art und Weise beeinflusst, wie eine Person die Welt wahrnimmt, Informationen verarbeitet und mit Menschen in Beziehung tritt.
Das äußert sich in erster Linie in Besonderheiten des Sozialverhaltens sowie eingeschränkten Interessen und repetitiven Verhaltensweisen. Im Unterschied zu anderen Autismus-Formen, wie zum Beispiel dem frühkindlichen Kanner-Autismus, geht das Asperger-Syndrom nicht mit einer Verzögerung oder Beeinträchtigung der Sprachentwicklung einher. Die Diagnose »Asperger-Syndrom« schließt zudem eine Intelligenzminderung aus. Asperger-Betroffene sind daher durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligent.
Die Unterschiede zwischen verschiedenen Autismus-Ausprägungen sind allerdings fließend. Die Diagnose »Asperger-Syndrom« ist daher mittlerweile aus dem amerikanischen Diagnosehandbuch verschwunden. Seit dem 1. Januar 2022 ziehen auch die Europäischen Richtlinien nach. Die einzelnen Autismus-Formen werden nun unter einer einzigen Diagnose, dem »Autismus-Spektrum«, zusammengefasst (siehe ▶ »Wissenswertes«).
Ein Syndrom bezeichnet immer eine Kombination unterschiedlicher Symptome. Beim Asperger-Syndrom, wie auch dem Autismus-Spektrum im Allgemeinen, handelt es sich um eine, bis heute nicht ganz verstandene, Kombination zweier Kernsymptome: der beeinträchtigten Fähigkeit zu gegenseitiger sozialer Interaktion und sozialer Kommunikation, sowie eingeschränkter und repetitiver Verhaltensweisen und Interessen.
Die Symptome bestehen lebenslang und müssen schwerwiegend genug sein, um zu Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen wie etwa Schule, Beruf, Familie oder Sozialleben zu führen. Sie treten zum Teil aber erst dann deutlich zutage, wenn die sozialen Anforderungen komplexer werden. Der Schweregrad der Symptome ist individuell sehr unterschiedlich und variiert von relativ mild bis zu äußerst belastend.
Eines der Hauptkennzeichen des gesamten Autismus-Spektrums, und daher auch des Asperger-Syndroms, ist die eingeschränkte Fähigkeit zur sozialen Gegenseitigkeit. Was bedeutet das?
Asperger-Betroffenen fällt es schwer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, den Kontakt aufrechtzuerhalten und Freundschaften zu schließen. Soziale Kontakte werden zudem meist als anstrengend erlebt. Charakteristisch ist vor allem der Mangel an sozialer und emotionaler Gegenseitigkeit. So haben Menschen mit Asperger Probleme damit, die Gedanken, Gefühle und Absichten anderer Menschen zu erkennen und zu verstehen. Sie teilen auch ihre eigenen Interessen und Freuden kaum mit anderen und haben Schwierigkeiten, anderen ihre eigenen Emotionen zu vermitteln.
Diese eingeschränkte Fähigkeit des »gemeinschaftlichen Erlebens« äußert sich bereits im ersten Lebensjahr darin, dass betroffene Kinder ihre Aufmerksamkeit nicht auf gemeinsame Ziele richten. Sie folgen dem Blick der Eltern auf ein Spielzeug kaum nach. Und, anders als nicht autistische Gleichaltrige, zeigen sie ihren Eltern ein Spielzeug auch nicht, um einfach nur die Freude daran zu teilen. Durch diesen Mangel an gemeinsamer Aufmerksamkeit und gemeinschaftlichem Erleben verpassen diese Kinder all jene ungezählten Momente, in denen nicht autistische Kinder, beginnend mit dem ersten Lebenstag, ganz intuitiv das soziale Miteinander erlernen. Zwar lernen auch Asperger-Betroffene mit der Zeit, wie man sich in sozialen Standardsituationen angemessen verhält. Komplexe soziale Anforderungen übersteigen jedoch fast immer ihre Fähigkeiten. Dieser Mangel an sozialer Kompetenz kann sich auf Dauer rächen, denn vielfach entscheidet das soziale Geschick über Erfolg und Misserfolg im Leben.
Menschen mit Asperger mangelt es noch aus einem weiteren Grund an sozialer Kompetenz: Sie sind in ihrer sozialen Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigt. Auch wenn sie häufig über einen großen Wortschatz, eine gute Ausdrucksfähigkeit und ausgezeichnete grammatikalische Fähigkeiten verfügen, haben Asperger-Betroffene oft Schwierigkeiten damit, in sozialen Situationen richtig und angemessen zu kommunizieren. Nicht die Sprachfähigkeit ist beim Asperger-Syndrom betroffen, die Fähigkeit zum pragmatischen Einsatz der Sprache ist eingeschränkt. Etwa zu wissen, was man sagt und was man besser nicht sagt. Asperger-Betroffenen dienen Gespräche in erster Linie zum Informationsaustauch. Sie sagen genau was sie meinen und verstehen auch eher, was andere sagen und nicht, was diese meinen. Ein Gespräch nur um des sozialen Austauschs willen ist ihnen dagegen fremd. Die Kunst der Konversation liegt ihnen ebenso wenig. So haben viele Menschen mit Asperger Schwierigkeiten, wenn es beispielsweise darum geht, ein Gespräch zu beginnen oder zu beenden, einen Themenwechsel vorzunehmen, oder ein Missverständnis zu beseitigen.
Diese Schwierigkeiten liegen zum Teil daran, dass viele Asperger Probleme haben, nonverbale Signale wie Mimik und Gestik zu erkennen und selbst auszusenden. Es fällt ihnen nicht nur schwer, den Gesichtsausdruck zu lesen, sie schenken nonverbalen Signalen häufig auch zu wenig Beachtung. Das kann leicht zu Missverständnissen führen, besonders dann, wenn eine Person etwas anderes sagt als sie in Wirklichkeit meint.
Einer der Gründe für die begrenzte Fähigkeit, den Gesichtsausdruck richtig zu interpretieren, ist die Abneigung der Menschen im Autismus-Spektrum, anderen Personen in die Augen zu schauen. Blickkontakt wird als unangenehm, anstrengend oder ablenkend empfunden. Autisten konzentrieren sich eher auf die Mundpartie. Dadurch entgehen ihnen jedoch wichtige nonverbale Signale der Augenregion. Augenkontakt ist zudem ein Zeichen für Intimität. Fehlender Blickkontakt steht daher auch dem gemeinschaftlichen Erleben entgegen.
Das zweite charakteristische Kernsymptom des Autismus-Spektrums bzw. des Asperger-Syndroms sind begrenzte Interessen und repetitive Verhaltensmuster. Darunter versteht man Verhaltensweisen und Interessen, die vor allem durch einen sich wiederholenden Charakter auffallen. Das äußert sich unter anderem durch eine besondere Vorliebe für Routinen und Rituale. Beispiele für solche Routinen sind etwa Tätigkeiten, die immer auf die gleiche Weise, oder in derselben Reihenfolge durchgeführt werden, oder die Angewohnheit, immer den gleichen Weg zu wählen. Diese Routinen werden im Allgemeinen als stressreduzierend erlebt.
Typisch für das Asperger-Syndrom sind auch die sogenannten Spezial-Interessen. Diese Interessen zeichnen sich vor allem durch ihre Intensität aus. Auch das Interessensgebiet kann, muss aber nicht, ungewöhnlich sein, es kann sich genauso gut um allgemein übliche Themengebiete handeln. Dabei kann es sich nur um ein einziges, oder auch um mehrere Interessensgebiete handeln, die zudem mit der Zeit wechseln können. Sich ihren Interessen zu widmen, gehört zu den Hauptfreuden der Asperger-Betroffenen, die Beschäftigung damit bietet ihnen Erholung und wirkt entspannend. Asperger werden von diesen Interessen geradezu gepackt. Das kann so weit gehen, dass sie sich am liebsten nur noch damit beschäftigen würden. Der Nachteil dieser Interessen liegt darin, dass gleichzeitig das Interesse für andere Dinge fehlt. Diese Ausschließlichkeit des Interesses kann zu einem Problem werden, wenn deswegen etwa wichtige Aufgaben vernachlässigt werden, oder auch, wenn sich Menschen mit Asperger über nichts anderes mehr unterhalten wollen.
Namensgebend für das zweite Kernsymptom sind außerdem die repetitiven Verhaltensweisen, im Englischen »stimming« (steht für selbststimulierendes Verhalten) genannt. Diese sich wiederholenden Verhaltensmuster gehören zu den auffallendsten Symptomen des Autismus-Spektrums und treten schon sehr früh auf. Beispiele sind wippen, schaukeln oder sich im Kreis drehen. Grund für dieses Verhalten ist allein die Wirkung, die es entfacht: es wirkt beruhigend, stressreduzierend und wird als angenehm empfunden. Nicht alle Asperger zeigen diese Verhaltensweisen, manche zeigen sie auch nur als Kind.
In den neuen Diagnoserichtlinien sind zudem Wahrnehmungsbesonderheiten als Kernsymptome enthalten. Die veränderte Wahrnehmung von Sinneseindrücken geht mit einer eingeschränkten Fähigkeit einher, Sinnesreize zu filtern. Ein und dieselbe Person kann auf manche Sinneseindrücke über-, auf andere unterempfindlich reagieren. Vor allem die Überempfindlichkeiten können sehr belastend sein. Besonders häufig sind Überempfindlichkeiten gegenüber Geräuschen, aber auch grelles Licht, Gerüche oder Berührungen werden vielfach als zu intensiv empfunden. Andererseits können manche Sinneseindrücke aber auch ein Glücksgefühl hervorrufen.
Ferner haben manche Betroffenen Schwierigkeiten mit der Balance, die Motorik kann ebenfalls etwas ungelenk sein.
Wenn Asperger-Betroffene von ihren Symptomen erzählen, werden diese häufig mit der Bemerkung »Das ist bei mir auch so« geringgeschätzt, nach dem Motto: »Alle Menschen sind ein bisschen autistisch.« Doch nur, weil sich jemand beispielsweise in sozialen Situationen manchmal unwohl fühlt, ist das noch lange kein Hinweis auf das Asperger-Syndrom. Wie der Name »Syndrom« schon sagt, setzt die Diagnose eine Kombination unterschiedlicher Symptome voraus, die zudem so gravierend sein müssen, dass sie die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen. Nicht alle Symptome sind dabei bei allen Betroffenen gleichermaßen ausgeprägt. Sie können in ihrem Schweregrad stark variieren. Die Diagnoserichtlinien erfordern allerdings, dass eine gewisse Anzahl an Symptomen vorhanden sein muss (siehe ▶ »Wissenswertes«).
Auch bei Babys und Kleinkindern bedeutet das Auftreten einzelner Symptome nicht, dass sich das Kind im Autismus-Spektrum befindet. Dennoch gibt es einige Anzeichen, die mögliche Warnsignale sein können. Es ist wichtig, diese sofort abklären zu lassen, denn Therapiemaßnahmen sind umso effektiver, je früher sie beginnen. Doch obwohl Eltern erste Anzeichen, dass sich ihr Kind anders als andere entwickelt, häufig schon im Kleinkindalter bemerken, werden Kinder mit Asperger-Syndrom im Durchschnitt erst mit acht bis elf Jahren diagnostiziert.(1) Hier wurde wertvolle Zeit vergeudet.
Schon im ersten Lebensjahr versuchen Babys normalerweise, durch Laute oder Gesten zu kommunizieren. Frühe Warnsignale können daher sein:
Wenn ein Baby nicht versucht, Aufmerksamkeit zu bekommen;
wenn es nicht beginnt, auf Dinge zu zeigen;
wenn es nicht lächelt oder
wenn es keinen Blickkontakt aufbaut und der Augenregion wenig Beachtung schenkt.
Auch bei Kleinkindern sollte man aufmerksam werden, wenn sie nicht versuchen, durch Gesten oder Blicke die Aufmerksamkeit zu erlangen, oder wenn sie Freude und Vergnügen nicht mit anderen teilen. Auch repetitive Verhaltensweisen können frühe Warnsignale sein.
Besonders wenn mehrere der folgenden Anzeichen auftreten, ist eine Abklärung notwendig. Das Kind:
zeigt selten auf Dinge, um die Aufmerksamkeit dafür zu teilen.
nutzt selten Blickkontakt, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder zu teilen.
reagiert nicht durchweg auf seinen Namen.
lächelt vertraute Menschen von sich aus selten an.
spricht nicht allein um des »sozialen Geplauders« willen, sondern um etwas mitzuteilen.
spielt selten »So-tun-als-ob«-Spiele (z. B. das Kuscheltier füttern).
konzentriert sich eher auf den Mund als auf die Augen, wenn man mit ihm spricht.
zeigt wenig Interesse an anderen Kindern oder nimmt mit ihnen unangemessen Kontakt auf.
spielt gerne allein.
zeigt repetitive Bewegungen (z. B. schaukeln, drehen, mit den Händen flattern).
ist extrem an bestimmten Dingen oder Tätigkeiten interessiert und regt sich auf, wenn es damit aufhören muss.
hat Schwierigkeiten, Gefühle zu zeigen und Gefühle anderer zu verstehen.
neigt zu Wutanfällen.
reagiert überempfindlich auf Sinneseindrücke wie Geräusche (z. B. Staubsaugerlärm), Licht, Berührung (z. B. kratzige Kleidung, bestimmte Speisen).
ist von manchen Sinneseindrücken fasziniert (z. B. streicht gern über bestimmte Oberflächen).
Sobald das Kind älter wird, werden die sozialen Anforderungen komplexer. Besonders Auffälligkeiten im Sozialverhalten können daher auf das Asperger-Syndrom hindeuten. Etwa wenn das Kind sozial unreif und naiv ist oder sich kaum für die sozialen Aktivitäten der anderen Kinder interessiert. Da betroffene Kinder die sozialen Regeln intellektuell erfassen müssen, stehen sie in sozialen Situationen meist unter Anspannung und Stress. Sobald sie nach Hause kommen, sind sie daher oft angestrengt und müde. Im Schulkind-Alter zeigen sich bereits auch intensive Interessen. In den Interessengebieten kann das Kind dabei beachtliches Wissen anhäufen. Weitere Hinweise sind ein Beharren auf Routinen und repetitive Verhaltensweisen, vor allem dann, wenn sich das Kind entspannt oder sehr konzentriert ist.
Ein Verdacht auf das Asperger-Syndrom sollte auch abgeklärt werden, wenn das Kind mehrere der folgenden Anzeichen zeigt. Das Kind:
hat Schwierigkeiten, Freunde zu finden und sie zu behalten.
tut sich schwer damit, auf andere Kinder zuzugehen.
hat Schwierigkeiten, Körpersprache zu verstehen.
spricht exzessiv über das eigene Interessensgebiet.
beginnt selten ein Gespräch und hat Schwierigkeiten damit, ein Gespräch in Gang zu halten.
grüßt nicht.
wirkt schüchtern.
spricht mit monotoner Stimme.
vermeidet Blickkontakt oder starrt Menschen an.
hat Probleme, die Gefühle anderer zu verstehen.
kann sich lange Zeit allein beschäftigen.
hat nur wenige, aber sehr intensive Interessen.
hängt sehr an bestimmten Objekten.
hat Schwierigkeiten mit Veränderungen.
wirkt ernsthaft.
ist überempfindlich gegenüber lauten Geräuschen, hellem Licht, unangenehmen Berührungsreizen.
Das Teenager-Alter ist eine Phase, in der Sozialkontakte eine dominierende Rolle einnehmen. Diese Zeit stellt für Kinder mit Asperger daher eine ganz besondere Herausforderung dar. Neben sozialen Schwierigkeiten macht oft zunehmend auch die Organisation und rechtzeitige Erledigung der Schulaufgaben Probleme.
Hinweise auf ein mögliches Asperger-Syndrom sind außerdem:
Probleme, Freundschaften zu schließen
Gefühl, nicht dazu zu passen
geringes Selbstwertgefühl
Schwierigkeiten mit nonverbaler Kommunikation
das Kind ist unverhältnismäßig ängstlich und besorgt
Schwarz-Weiß-Denken
Bedürfnis, sich aus der Welt zurückzuziehen
wenige sehr intensive Interessen
das Tragen von bequemer statt modischer Kleidung
empfindliche Reaktion auf Sinnesreize (z. B. das Kind empfindet Stress und Überforderung in lärmender Umgebung)
Das Asperger-Syndrom im Erwachsenalter zu diagnostizieren, kann selbst für Fachleute schwierig sein. Denn erwachsene Asperger sind oft sehr gut darin, zu maskieren: Sie haben ein Leben lang gelernt, sich so zu verhalten, wie es erwartet wird. Frauen gelingt das in der Regel besser ▶ als Männern. Es reicht daher nicht aus, die Person nach ihrem Verhalten zu beurteilen, sondern es ist ebenso wichtig zu wissen, was in ihr vorgeht.
Will man wissen, ob man selbst vom Asperger-Syndrom betroffen ist, empfiehlt es sich, Berichte anderer Betroffener zu lesen. Wenn man sich in diesen Schilderungen wiederfindet oder Dinge ähnlich erlebt, kann das ein erster Hinweis sein. Was fast alle Asperger-Betroffenen eint, ist das Gefühl, anders zu sein, niemals so richtig dazuzugehören. Und das Gefühl, vor anderen Menschen die wahre Natur unterdrücken zu müssen und erst dann so sein zu können, wie man wirklich ist, wenn man allein ist.
Wenn zudem etliche der folgenden Anzeichen zutreffen, kann das auf das Asperger-Syndrom hindeuten. Dennoch, eine Diagnose kann immer nur durch Spezialisten erfolgen, die zunächst andere mögliche Ursachen für die geschilderten Symptome ausschließen.
Das Knüpfen von Sozialkontakten wird als schwierig empfunden.
Erschöpfung nach zu vielen Sozialkontakten und das Bedürfnis, sich zurückzuziehen.
Unsicherheit im sozialen Umgang, soziale Regeln werden zu unflexibel angewandt.
Weniger Freunde als andere haben, es fällt schwer, Freundschaften zu schließen und sie aufrechtzuerhalten.
Small-Talk fällt schwer.
In der Kommunikation sachlich und direkt, kann dabei unhöflich, kühl oder arrogant wirken; der Wunsch, dass andere einfach sagen, was sie meinen.
Schwierigkeiten, nett und umgänglich zu kommunizieren: Es fällt schwer, Nettigkeiten auszutauschen, zu grüßen oder andere zu kritisieren, ohne dass es scharf und unfreundlich wirkt; es fällt auch schwer, Mitgefühl zu zeigen.
Probleme mit der Gesprächsführung: Schwierigkeiten, eine Unterhaltung zu beginnen, diese aufrechtzuhalten oder zu beenden, das Thema zu wechseln; Tendenz zu monologisieren; am Telefon nicht zu wissen, wann man mit dem Sprechen dran ist.
Die Sprechstimme kann monoton, bei Stress zu laut sein.
Schwierigkeiten mit nonverbaler Kommunikation.
Augenkontakt wird als unangenehm oder ablenkend empfunden, Worten wird mehr Bedeutung beigemessen als nonverbalen Signalen.
Probleme, sich in andere Menschen hineinzuversetzen; Schwierigkeiten, zu erkennen, was andere Menschen denken, vorhaben oder fühlen.
Die eigenen Gefühle ungern zeigen, aber Probleme damit haben, sich negative Emotionen nicht anmerken zu lassen.
Intensive, völlig einnehmende Interessen, mit denen man sich am liebsten den ganzen Tag beschäftigen würde.
Vorliebe für Vorhersehbarkeit und Routinen, Probleme mit unerwarteten Änderungen.
Schwierigkeiten, Aufgaben zu organisieren oder sich auf uninteressante Aufgaben zu konzentrieren; Bedürfnis, sich jeweils nur auf eine Sache zu konzentrieren.
»Stims« (selbststimulierende repetitive Verhaltensweisen), die als angenehm und entspannend empfunden werden und die dabei helfen, sich zu konzentrieren und Stress abzubauen.
Sensibel gegenüber Sinnesreizen (Geräusche, Gerüche, Licht, Berührungsreize); die Tendenz, immer das Gleiche zu essen, große Abneigung gegenüber unbequemer Kleidung.
Wichtig ist, dass die Symptome seit der Kindheit bestehen.
Das Asperger-Syndrom wird etwa drei- bis viermal häufiger bei Jungen und Männern als bei Mädchen und Frauen diagnostiziert.(2),(3) Möglicherweise sind Letztere durch ihre Biologie weniger anfällig für das autistische Spektrum. Unterschiedliche Anfälligkeiten erklären jedoch nicht, warum Mädchen auch bei gleich schweren Symptomen seltener und später eine Asperger-Diagnose erhalten als Jungen. Das liegt zum Teil daran, dass das Asperger-Syndrom lange Zeit als eine Störung angesehen wurde, die nahezu ausschließlich Jungen betrifft (noch in den 2000er-Jahren ging man davon aus, dass bis zu zehnmal mehr Jungen betroffen sind). Die Diagnoserichtlinien orientieren sich daher vor allem am männlichen Erscheinungsbild. Das Asperger-Syndrom wird aber auch deshalb bei Mädchen und Frauen weniger gut erkannt, weil es ihnen besser gelingt, die eigenen Schwierigkeiten zu überspielen und sie zudem unter einem höheren Druck stehen, sich sozial anzupassen.
Manche Asperger-Symptome sind daher bei Mädchen und Frauen weniger offenkundig und äußern sich auch etwas anders als bei Jungen und Männern:
Soziale Unsicherheit, Zurückhaltung und mangelnder Blickkontakt werden bei Mädchen oft mit Schüchternheit verwechselt.
Asperger-Mädchen werden häufig von sozial kompetenten Mädchen »bemuttert«, statt ausgegrenzt zu werden, und können dadurch auch enge Freundschaften schließen. Ihre sozialen Schwierigkeiten fallen daher weniger auf.
Mädchen mit Asperger ist das typische oberflächliche »Girlie«-Verhalten fremd, ihre sachlichere und nüchterne Art wird gerade von den Eltern oft positiv bewertet und die Betroffenen werden deshalb manchmal überschätzt.
Mädchen und Frauen mit Asperger gelingt es oft gut, ihre soziale Verwirrung zu überspielen. Sie versuchen, in sozialen Situationen andere zu imitieren und behalten dabei die eigenen Gedanken und Gefühle für sich. So präsentieren sie sich in unterschiedlichen Situationen vielfach sehr verschieden. Das kann so weit gehen, dass sie, oberflächlich betrachtet, sozial sehr kompetent wirken können. Diese »Performance« hat jedoch nichts mit echtem sozialem Verständnis zu tun und ist für die Betroffenen sehr anstrengend und nicht dauerhaft durchzuhalten.
Sie scheuen sich daher vor sozialen Verpflichtungen und empfinden oft große Erleichterung, wenn sie einfach zu Hause bleiben können, auch wenn ihnen das manchmal ein schlechtes Gewissen bereitet.
Sie bereiten sich mental auf soziale Aufgaben vor.
Zum Ausgleich flüchten sie sich häufig in Tagträume.
Auch die Spezialinteressen werden bei Mädchen oft nicht als Symptom erkannt, da sich betroffene Mädchen häufig für typische Mädchenthemen interessieren. Auffällig ist dann nur die Intensität des Interesses.
Was sind die Ursachen des Asperger-Syndroms? Vorweg: Man weiß es nicht so genau. Was nicht am zu geringen Forschungsinteresse liegt. Im Gegenteil.
In den letzten 10 Jahren zählte Google Scholar (die Wissenschaftsvariante von Google) fast 3000 Publikationen zum Thema Asperger und über 20 000 Publikationen zum Thema Autismus-Spektrum-Störung.(4) Die Forscher wollen es schon wissen. Allein – die Sache ist kompliziert.
Um eines klarzustellen, sogenannte »Kühlschrankmütter« sind nicht verantwortlich. Ebenso wenig lösen Impfungen das Asperger-Syndrom oder eine andere Form des Autismus-Spektrums aus. Diese falsche Annahme fußt auf einer Publikation, die sich im Nachhinein als fehlerhaft und unseriös herausgestellt hat. Ein weiterer Grund für dieses Missverständnis ist das Auftreten erster Autismus-Symptome ungefähr in dem Alter, in dem Kinder gegen Masern geimpft werden. Dieses zeitliche Zusammentreffen wurde dann fälschlicherweise in einen Kausalzusammenhang uminterpretiert, der nicht existiert. Denn, auch wenn die Symptome erst ab einem bestimmten Alter auffallen, das Asperger-Syndrom, wie das gesamte Autismus-Spektrum, sind angeboren. Man wird also bereits mit Asperger geboren. Es handelt sich um eine Entwicklungsstörung, das heißt, die Gehirnentwicklung im Mutterleib läuft etwas anders ab. Die Entwicklung des Gehirns ist bei der Geburt jedoch noch lange nicht abgeschlossen. Tatsächlich können sich die Symptome im Kleinkindalter verstärken (siehe ▶ »Belohnungsmechanismen«). Das fußt aber immer auf bereits im Mutterleib angelegten Fehlentwicklungen.
