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Als drei ägyptische Segelschiff nach gefahrvoller Sturmfahrt Kreta erreichen, wird dem Arkoniden schnell klar, dass das Gelingen seiner Mission vor allem davon abhängt, ob der Minos, der Herrscher von Knossos, gegen seinen Rivalen bestehen kann. Unterstützt durch die Quellnymphe Thot-Kaima, erkundet Atlan das Labyrinth und wird zum unsichtbaren Helfer... Folgende Romane sind Teil der Kreta-Trilogie: 1. "Lotse im Sandmeer" von Hans Kneifel 2. "Insel der Winde" von Hans Kneifel 3. "Das schwarze Schiff" von Hans Kneifel
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Veröffentlichungsjahr: 2015
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Zweiter Band der Kreta-Trilogie
Insel der Winde
von Hans Kneifel
Es war Mitternacht oder später, als Kapitän Sa-Renput zu glauben begann, dass er in dieser Nacht sterben würde. Er und knapp drei Dutzend Rômet, seine gesamte Mannschaft. Und die STRAHLEN DES RÂ würde im ersten vagen Licht des Morgengrauens nichts anderes sein als eine Reihe unkenntlicher Trümmer, verteilt über eine weite Fläche des Großen Grünen, des tobenden, schäumenden Meeres zwischen den Hapimündungen und der fernen Insel Keftiu.
Wir sind zwar auf einer Barke, ihr Götter, dachte er in kalter Verzweiflung, aber die Jenseitsbarke schwebt nur über dem Roten Land nach Sonnenuntergang, ins Amduat. Niemand wird uns in Leinen wickeln und unsere Körper für das nächste Leben vorbereiten. Keine Gebete, keine Grabbeigaben, keine Opfer und keine Blumen. Anubis, der Schakalgott – er schwimmt unter dem Schiff und wird uns alle fressen. Wir müssen elend ersaufen; wir sterben alle vor der Zeit.
In einen Umhang gehüllt, der von Salzwasser troff und mehr frieren ließ als wärmte, stand er schwankend hinter Paser und Ta-Ptach, den Steuermännern, deren Kräfte sich mit jeder Stunde mehr erschöpft hatten. Mit dem Skirrh aus Südost, weder warm noch kalt, peitschte Windgott Schu die RÂ durch die Nacht. Der Bug hob und senkte sich, schlug hart in die Wogen, und die Bugwelle überschüttete das Deck vor dem Mast alle zwei Atemzüge mit Gischt und schwarzem Wasser. Sämtliche Männer trugen breite Ledergurte, hatten dünne Taue durch die Gurte gezogen und sich im Längstau eingeknotet.
Der Skirrh heulte und gurgelte. Es gab kein Licht; auch die Flamme der Schiffslaterne am Mast war längst ertrunken. Kein Mond wie gestern noch, kein Stern, nur Wolken und Sturm. Und die Augen, in denen das Salzwasser biss, sahen nur die Bewegungen heller Schleier in der Schwärze; dreieckige Schaumkronen der Wellen, die das Schiff zu beiden Seiten überholten. Das Dunkel, die tropfendurchsetzte Finsternis, fürchteten die Wajermänner ebenso wenig wie der Kapitän oder die Männer an den Pinnen. Aber sie ahnten, dass das Schiff, an dem sie selbst zum Teil mitgearbeitet hatten, die Belastung nicht aushielt und auseinanderbrach, Planke um Planke, samt des kupfernen Bodens und des schweren Kiels.
Aber noch brach die STRAHLEN DES RÂ nicht. Sie bewegte sich, sie ächzte und knarrte – nur hörte man es im Krachen der Wellen gegen die Bordwand nicht. Die Männer spürten das Beben, das Wiegen und Verkanten, das Heben und Senken des Decks, das Nachlassen der Spannung in den Tauen, und nicht selten dachten sie, dass manche Bewegungen denen einer erfahrenen Frau glichen, die sich in beginnender Leidenschaft räkelte. Das Schiff lag unbegreiflicherweise auf geradem Kurs, schnitt durch die Wellen und bäumte sich nur steil auf, wenn sich aus der Finsternis eine unsichtbare, besonders große Welle den Udjat-Augen entgegenwarf.
Die nasse, schwarze Zeit veränderte sich.
Eine Stunde dauerte länger als ein halber Tag. Die Götter dehnten die Schrecken in unerträglicher Weise aus, in einem Maß, das jeden an Bord erstaunte und bestürzte. Die Ruderer hockten da, klammerten sich an der Bordwand fest, riefen Schu und viele andere Götter an und wagten nicht, sich aufzurichten, wenn sie ihre Blase entleeren mussten. Also blieben sie sitzen und spürten die ätzende, heiße Flüssigkeit unter sich. Die nächste Welle, die über die Bordwand gischtete, spülte alles weg. Nur nicht ihre Scham und ihre Furcht.
»Haltet ihr noch durch? Ein paar Stunden?«, brüllte Sa-Renput zwischen zwei Sturmstößen, bevor die nächste Welle zuschlug. Die nassen Säume seiner Decke schlugen in seine Kniekehlen. Gleichzeitig, aber ohne die Pinnen loszulassen, drehten die Steuermänner sich nach ihm um. Er stand an die Heckreling gelehnt, hatte sich an ihr festgebunden, stemmte seine Sohlen gegen das Deck und klammerte sich an den Handlauf.
»Du bist noch da, Käpten?«, schrie Paser. Wasser mischte sich in seinem Gesicht und auf seinem Hals mit Schweiß. Der Kapitän ahnte es in der Dunkelheit mehr, als dass er es hätte sehen können. Der Wind war nicht kalt, aber das Seewasser wusch die Wärme aus den Körpern.
»Ich bleib länger als ihr. Könnt ihr noch?«
»Wir halten durch. Wie viele Stunden?«
Der Kapitän hatte aufgegeben, die Stunden zählen zu wollen. Aber seine Schätzung konnte nicht allzu ungenau sein.
»Vier Stunden, etwas länger vielleicht.«
»O ihr Götter! Dann löse Ta-Ptach in einer Stunde ab. Er ist ziemlich am Ende.«
»Mach ich, Paser!«
Seit Stunden hatte keiner etwas gegessen oder getrunken. Jeder Versuch, eine Schale Wasser aus dem Schiffsbauch zu holen, war sinnlos; das Gleiche galt für Brotfladen oder Bratenscheiben. Jeder, der es versuchte, hätte sich den Hals und sämtliche Knochen gebrochen. Aber niemand dachte an Trinken, trotz des grauenhaften Geschmacks auf den Lippen und im Rachen. Wieder senkte sich das Heck und kam dem Kamm der Heckwelle gefährlich nahe. Die großen Blätter der Steuerruder furchten das Wasser, das mit aller Macht an ihnen zerrte.
Das Segel, nur eine hellere Fläche in der Schwärze, stand unverändert prall, die Rahen federten die Windstöße ab, die ins Leinen fuhren, die Rahtaue waren straff, als bestünden sie aus Holz. Scheinbar unlösbar waren die Knoten um die Klampen festgezurrt, und jeder, der sie gesehen hätte, wäre sicher gewesen, dass die Taue die Bronzebeschläge aus dem Schiff reißen würden.
Die rasende Fahrt durch die Nacht war vielleicht nicht schlimmer oder angsterzeugender als eine der Sturmfahrten, die Sa-Renput bei den Erprobungen erlebt hatte. Aber sie hatten bei Tageslicht stattgefunden, bei Sonnenlicht. Dazu kam, dass keiner von der Besatzung wusste, wo die PFEIL DER INSEL und die HERRIN DES HAPI segelten, ob sie überhaupt noch segelten oder schon untergegangen waren. Nirgendwo war auch nur das winzigste Licht zu sehen.
Das Meer war beängstigend endlos, uferlos, gnadenlos. Die Wolken rissen nicht auf; auch nicht nach einer Stunde oder zwei Stunden. Mit dem Mut der Verzweiflung und aller Kraft hielten die Steuermänner die RÂ vor dem Skyrrh; der Kapitän löste erst den einen, viel später dann den anderen Steuermann ab. Die Männer verkrochen sich im hintersten Winkel des Hecks und fielen, festgebunden, trotz des Schlingerns und Stampfens in einen Schlaf der Bewusstlosigkeit.
Wieder schleppte sich eine Stunde dahin.
Der Sturm schien schwächer zu werden. Man erkannte es daran, dass weniger Wasser in größeren Abständen auf das Bugdeck krachte, auseinanderfloss und das Deck der Länge nach bis ins Heck mit weißem Schaum wusch. Einmal zuckte der Gedanke durch Sa-Renputs Kopf, dass das Schiff – und, wenn die Götter gnädig waren! – es auch die zwei anderen Schiffe die Insel nach viel kürzerer Zeit am Horizont sehen würden, als sie alle gedacht und erwartet hatten.
Seit der Wind in den vergangenen Stunden aus der anderen Richtung herangetobt war, urplötzlich stärker geworden trotz klaren Himmels, war es Sa-Renput unmöglich gewesen, klar zu denken. Was er tat, wie er handelte – geschah ohne Überlegung und auf eine Weise, als handle etwas neben ihm oder aus seinem Ka heraus, der Seele, die er nicht kannte. Die Gedanken wirbelten in Fetzen hin und her und drehten sich in wirren Wirbeln. Immer wieder prallten sie gegen die schwarzen Mauern der Furcht und wurden zurückgeworfen wie das Echo eines Schreies von einer glatten Granitmauer.
Der Kapitän dachte an den Kiel des Schiffs, der sich wahrscheinlich bog wie ein Bündel Schilfrohre. Gesichter und Körper seiner letzten Gefährtinnen erschienen wie Blitze vor seinem geistigen Auge. Wenn er diese Fahrt überlebte, würde er … der nächste Brecher riss die Füße unter ihm weg, und er klammerte sich an den Handlauf. Das Schiff gab einen unbeschreiblichen Laut von sich. Das Wasser schäumte in alle Richtungen davon. Er glaubte, jede Schaumflocke sehen zu können, wie sie über die Maserung des Holzes taumelte.
Er hob den Kopf und erblickte vor sich die gekrümmten, wasserübergossenen Körper der Ruderer und der Steuermänner.
Er traute seinen Augen nicht.
Die Götter hatten abermals die Stunden, die Zeit und den Tag in ihren Händen zerpflückt. Der Kapitän begann seine Umgebung wiederzuerkennen. Die Morgendämmerung begann! Seine Blicke glitten vom hellen Segel über das Deck und die vielen Körper nach rechts. Er unterschied einzelne Wellen, die weiße Gischt und am Horizont, jenseits eines schier unendlichen Feldes bewegten schwarzen Wassers und weißer Dreiecke einen schmalen Streifen von unbestimmbarer Farbe.
Die Götter haben nicht gewollt, dass wir die Fahrt ins Jenseitsland antreten. Was ich sehe, kann nur eines bedeuten: Die Nacht ist vorbei. Dort wird sich Re über den Horizont erheben. Re, die Sonne. Jetzt sehen wir unser Elend und können uns ducken, wenn das Große Grüne uns packen und ersäufen will.
»Wir haben’s überlebt!«, schrie Sa-Renput und wedelte mit den Armen. »Die Nacht ist vorbei! Schu hat uns nicht gefressen! Haltet durch! Bald ist es vorbei!«
Alle Umrisse wurden deutlicher. Über dem Schiff öffneten sich die Wolken, drei Sterne begannen zu blinken. Als habe das Licht den Sturm besänftigt, hörten die heftigen Böen auf und wichen einem pfeifenden, stetigen Wind. Aber das Segel blieb straff und faltenlos und trieb die RÂ vorwärts, mit weit schäumender Bugwelle durch das zunehmend heller werdende graue Zwielicht.
Paser wandte sich um, seine Armmuskeln zitterten wie im Fieber. Er spuckte aus und rief: »Wer diese Nacht übersteht, den lieben die Götter!«
»Wartet noch ein wenig«, gab der Kapitän ebenso laut zurück. »Wenn’s ruhiger geworden ist, und wenn ich mir nicht alle Knochen breche, hol ich Wasser und Wein.«
Der waagrechte Spalt in der Nacht öffnete sich weiter. Aus dem rötlichgelben Grau wurde ein schmutziges Weiß. Der Sonnenaufgang war ganz anders als über dem Roten Land oder dem Wasser des Hapi. Es dauerte vielleicht eine qualvolle Stunde lang, bis sich der Himmel über dem Meer geklärt hatte und die ersten Sonnenstrahlen über die endlose Fläche zuckten. Während dieser Stunde wuchs zugleich mit der Erkenntnis, dass sie alle das Leben geschenkt bekommen und die Furcht langsam verloren hatten, das Bedürfnis, sich zu bewegen; plötzlich spürten sie würgenden Hunger und Durst.
»Die Sonne!«, schrie ein Ruderer mit überkippender Stimme. »Ist es vorbei, Sa-Renput?«
»Bald ist es vorbei«, gab er zurück und riss mit tauben, kalten Fingern an einem der beiden Knoten an seinem Gürtel. Als ihn die Sonnenstrahlen trafen, fühlte er nicht nur ein wenig Wärme, sondern die Erleichterung, die sich in seinen Körper ausbreitete.
Nachdem sich der Kapitän von den kurzen Tauen befreit hatte, tappte er zwischen den Steuermännern hindurch und bückte sich unter den Pinnen. Binnen kurzer Zeit verschwanden mehr und mehr Gischtkronen von den Wellen. Die Wolken zerteilten sich und schienen sich aufzulösen; der letzte Stern unsichtbar wurde. Nur die dünne Mondsichel schob sich hinter der Wolke hervor.
Noch ehe die Seefahrer ihre Umgebung richtig wahrnehmen konnten, war an den Geräuschen deutlich zu erkennen, dass auch das Schiff langsamer geworden war. Über das Meer kroch mit dem Wind die Wärme des neuen Tages heran und versprach viele heiße Stunden.
Wortlos, nach wie vor im Griff des ausgestandenen Schreckens und zitternd vor Kälte und Anspannung, lösten die Wajermänner und die Segelmannschaft die Sicherheitstaue. Der Kapitän stemmte den Lukendeckel hoch und ließ sich in den Schiffsbauch hinunter. Er begann, Wasser und Wein von einem großen Krug in einen kleineren umzufüllen.
Er stemmte den Krug aufs Deck und rief: »Trinkt euch satt. Ein paar von euch sollen mir helfen. Seht nach, ob noch Glut im Krug ist.«
Er verschwand wieder in der Luke, leerte einige Becher und kletterte wieder hinauf. Als er aufstand, die Hand am Mitteltau, sah er, dass zwei Ruderer die Steuermänner ablösten. Rings um ihn begannen sich die Seefahrer zu bewegen, als ob sie in der zunehmenden Wärme alle Schrecken der Nacht überwunden und vergessen hätten.
Als das Schiff eine Stunde danach fast völlig getrocknet und von einer dünnen Schicht Salz überzogen und das Wüten des Schu, »dem aus der Leere«, vergessen waren, herrschten an Deck der RÂ überschaubare Ordnung und Betriebsamkeit. Zwei Ruderer waren auf die untere Rah geklettert und versuchten, die Segel der anderen Schiffe zu finden. Jedes Mal, wenn der Kapitän sie anrief, schüttelten sie die Köpfe. Die Steuermänner lagen, satt gegessen und -getrunken, in leidlich trockene Mäntel eingewickelt, auf einigen leidlich weichen Säcken und schnarchten mit weit offenen Mündern.
Alle Männer hatten sich mit wenig Süßwasser und nassen Tüchern flüchtig gesäubert. Das Schiff fuhr im warmen Ajach nach Sonnenuntergang; die Sonne stand vier Handbreit über dem Horizont. Bis auf wenige kleine Wolken im Nordwest füllte strahlendes Blau den Himmel. Die »Nadel des Nordens« war in einem Ledersäckchen verwahrt. Es lag in einem Holzkästchen, das innerhalb einer kleinen Truhe aus geöltem Flechtwerk festgebunden war. Diese Truhe, mit fingerdicken Kordeln am Mast befestigt, war im Sturm nicht um einen Fingerbreit verrückt worden.
Sa-Renput stand am Mast, dachte schweigend nach und sagte zu den Männern der Segelmannschaft: »Wir haben die Sonne im Rücken und liegen auf richtigem Kurs. Vielleicht brauche ich die Nadel am Abend, ganz gewiss aber in der Nacht.«
Zwei Rômet setzten die Schiffslaterne instand; einen kupfernen Ölbehälter. Ihn umgab ein Holzgestell, das den Rahmen für einen Schirm aus geöltem Leinen bildete. Mit zwei Haken und einigen Schnüren wurde die Laterne am Mast angezurrt. In dieser Nacht hatten die Brecher das Leinen halb zerrissen und die Flamme gelöscht. An der Glut im Tonkrug war ein Ölfeuer angezündet worden, auf dem der halb volle Kessel für den heißen Sud stand. Feuer und Kessel befanden sich in einem großen Holzkasten mit kupferbeschlagenen Innenwänden, der vor dem Mast auf den Planken stand.
Die STRAHLEN DES RÂ glitt ruhig durch die Wellen des Großen Grünen; es war, als habe es diese Nacht nicht gegeben. Aber trotz der Freude, der Erleichterung und des ständigen Juckens des trocknenden Salzwassers auf der Haut, das durch das Schwitzen noch verstärkt wurde, blieb die Befürchtung, dass die PFEIL DER INSEL oder die HERRIN DES HAPI den Sturm nicht überstanden hatten. Oder – die Vorstellung entsetzte jeden an Bord – dass beide Schiffe verloren waren.
Um Mittag herum schrie einer der Ruderer, der sich an der Rah festhielt: »Ein Segel! Das Segel hinter uns! Ein Schiff, Kapitän!«
Sa-Renput drehte sich herum und beschattete die Augen mit der flachen Hand. Der Ruderer hatte schärfere Augen als er. Schließlich, nach vielleicht fünfzig Atemzügen, sah auch er den winzigen hellen Fleck vor dem Horizont. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn dieses Segel nicht zu einem der eigenen Schiffe gehört hätte.
Das Infrarotbild aus den Optiken der hoch fliegenden Spionsonde hatte mir noch in der ersten Nachtstunde drei Objekte in geringer Entfernung voneinander gezeigt. Sie bewegten sich nach Nordwest; ich wusste, dass Kapitän Sa-Renput und die STRAHLEN DES RÂ die Seeschiffe des Pharao-Sohnes Sesostris anführten. Als der starke Wind aus Sonnenaufgang zum Sturm aufgefrischt hatte, als aus Ajach kalter Skyrrh geworden war, wurden die Schiffe stetig auseinandergetrieben. Zwei Stunden danach konnte ich nur noch den Kurs der RÂ auf der Fahrt nach Keftiu verfolgen.
Das Schiff, ein Rahsegler wie alle Schiffe der Barbaren, arbeitete sich vor dem Wind in beachtlicher Geschwindigkeit durch die Wogen und die Gischt des Großen Grünen, des Östlichen Binnenmeeres. Die Schiffe, nach Jahrhunderte lang bewährten Mustern und meinen Verbesserungsvorschlägen gebaut, waren seetüchtige Hapi-Flussschiffe mit geübten Mannschaften; nur Cheper, Kapitän der HERRIN DES HAPI, war allerdings mit mir und der GOLDENEN ZEDER gesegelt und hatte wirkliche Meeres-Erfahrungen. Auch dieses Schiff hatte ich mitten in der Nacht aus Ricos Ortung verloren.
Im behaglich gekühlten Inneren unserer Wohnhöhle litt ich mit den Steuermännern, der Mannschaft und dem Kapitän der RÂ, die den Schrecken einer Sturmnacht ausgeliefert waren. Innerhalb von sechs, höchstens sieben Tagen, konnten die Rômet die Nordseite der Insel erreichen, eine Bucht und eine Flussmündung anlaufen und den ersten geplanten Kontakt herstellen; mit Geschenken, Handelswaren und im Auftrag des Großen Hauses von Itch-Taui. Und mit Waren von Keftiu, möglicherweise auch mit Geschenken, sollten die Kapitäne wieder nach Tameri zurücksegeln.
Das eigentümliche Wohlgefühl, das Thot-K’aima erfüllte, war erst wenige Tage alt, so alt oder besser so jung wie ihr Erkennen, dass sie »gezeichnet« worden war. Vielmehr: Sie war »ausgezeichnet« worden, denn dieser Nichtmensch Rico zählte zweifellos, da er kein Rômet, also kein »Mensch« war, zu den Göttern. Sicherlich nur zu den minderen Ortsgöttern, aber dennoch – er hatte sie berührt, mit seiner Weisheit und seinen langfingrigen Händen, also war sie bedeutender als zuvor.
Bedeutender? Sie war ein Nichts gewesen! Vom schmutzigen, halb verhungerten Kind aus Kush zur Hüterin der Quelle … welch ein Weg, von einem göttlichen Wesen bereitet! Sah man es ihr an? Ein leuchtendes Zeichen auf der Stirn? Nein. Ein Hauch unantastbarer Heiligkeit des Körpers? Der große Spiegel, den ihr Maraye geschenkt hatte, gab keine Antwort.
In der behaglichen Einsamkeit ihrer Höhle, umgeben von den vielfältigen Lauten der Vögel, dem Geräusch rinnenden Quellwassers und dem Rascheln, Raunen und Rauschen hoch über ihr in den Eichenwipfeln, hatte sie in vielen einzelnen Schritten zu sich gefunden. Zuerst war sie erschrocken, weil sie keine menschliche Stimme mehr gehört hatte außer der eigenen, wenn sie mit sich selbst redete, um den Klang und die Bedeutung der Wörter nicht zu vergessen.
Aber die Natur um sie herum war voller Leben, voller Stimmen und voll verschwiegener Bedeutungen, die erst nach und nach ihre Geheimnisse verloren, und die Thot-K’aima nur langsam bestimmen und einordnen konnte. Da waren sirrende Mücken, summende Fliegen und Bienen, schwirrende Libellen und kleine, erdfarbene Frösche, die den Raum über dem Spiegel des Teichs, dessen Saum und die darüber ragenden Äste beherrschten. Dazu kamen der Wind, die Blätter und die Äste der Eichen; zu jeder Stunde des Tages flüsterten und zischelten die Blätter, denn zu jedem Abschnitt des Tages und der Nacht herrschte ein anderer Wind: furchtsam, geheimnisvoll wispernd, vollmundig oder machtvoll scharf.
»Und dann meine Vögel«, sagte sie leise. »Tausend verschiedene Vögel. Ich kenne keinen von ihnen, nur ihre Stimmen.«
Kleine Singvögel, deren Nester – es mussten viele Dutzende im Hügelwald sein – sich im Grün versteckten. Schon vor Anbruch der Morgendämmerung fing der Gesang der kleinen Geschöpfe an, schwieg in den heißen Mittagsstunden, wenn die Sonnenstrahlen senkrecht herunterstachen und den Teich in eine spiegelnde Goldfläche verwandelten und die Grillen und Zikaden weckten. Am Nachmittag begann das Zwitschern, Singen und Rascheln aufs Neue, wenn die Vögel über dem Teich nach Insekten jagten. Nachts hörte die junge dunkelhäutige Frau nur bisweilen einen Ruf des Erschreckens aus einem Nest, irgendwoher.
Das Alleinsein gefiel ihr, denn sie dachte über alles nach, was ihr widerfahren war, seit sie das prächtige Oasenhaus der Herrin Chrateanch verlassen und sich in die Welt jener drei Fremden begeben hatte, von denen sie so unendlich vieles gelernt und so viele wunderbare Geschenke erhalten hatte. Thot-K’aima begrübelte die neue Kraft, die sie zusammen mit dem neuen Wissen erworben hatte. Sie wurde sich von Tag zu Tag mehr ihrer Stärke bewusst.
Jeder neue Tag brachte neue Erkenntnisse und vertiefte das vorhandene Wissen. Ein Weg, viele Jahre und unzählige Iteruu lang, lag hinter ihr. Die strohgedeckte Lehmhütte im elenden Kush, im Land der Nehesi, mit der qualmenden Feuerstätte in der Mitte, die Herde magerer Ziegen, der tägliche Gang mit schweren Krügen vom Brunnen, die Arbeit mit den Goldsuchern, das karge Essen und der Händler aus dem fernen Tameri, die lange Wüstenwanderung am Rand des Verdurstens und der Besinnungslosigkeit in einem Meer aus Sand verblassten zur Erinnerung.
Manche Weggefährten waren gestorben; sie hatte überlebt. Die Oase, das kühle Haus voller Kostbarkeiten und die Fürsorge der schönen Nebit; zum ersten Mal hörte das Kind aus dem fernen Süden den Klang von Musikinstrumenten und roch Düfte, Salben, Weihrauch, hatte das Wunder kalten Wassers jeden Tag und alle Nächte um sich herum und aß Speisen, von denen sie zuvor nicht einmal geträumt hatte.
»Dann kamen Nebit Asyrta-Maraye und Fürst Ahiram-Acran«, erinnerte sich Thot-K’aima lächelnd und stand vom Steinblock auf. Sie hob den silbernen Gürtel vom Tisch, schnallte ihn um die Hüften und prüfte den fast unterarmlangen Dolch, der in der ledernen Scheide steckte. Als sie die Höhle verließ und barfuß auf die Steinstufen trat, berührte sie nacheinander zwei leuchtende Steine ihres Armbandes und wusste, dass sie unsichtbar geworden war. Sie machte das Wunder wieder rückgängig und staunte.
Hinter ihr verschloss eine wunderbare Wand, deren Aussehen sich dem Stein des Eingangs anglich, lautlos die Quellhöhle. Begleitet vom Brummen dicker Hummeln lief die Frau leise den Pfad hinunter; manchmal knackten trockene Eicheln unter ihren Sohlen. Seit sie am zweiten Tag ihrer Anwesenheit fast jeden Baum im nahen Umkreis des Teichs erklettert hatte, entdeckte sie jeden Tag bisher unbekannte Pfade, die sich um den Hügel wanden, zwischen den Verwüstungen, die Wildschweine in den Nächten angerichtet hatten, und fand andere Wege, die vom Hügel hinunterführten, sich verzweigten und wieder trafen und schließlich, in erwarteter Entfernung, in verschiedene Richtungen davonführten.
Auf einem dieser Pfade hatte sie sich Knossos genähert, den fertigen Teil des Palasts, die große, leere Fläche und die kleine Stadt bestaunt und, unsichtbar, den vielen Arbeitern zugesehen, die über den kolossalen und tausendeckigen Fundamenten Mauern hochzogen.
»Es wird Zeit, das tägliche Leben der Inselbewohner kennenzulernen«, sagte sich die Unsichtbare und legte die Hand an den Griff des Dolches. Als sie aus dem Zwielicht unter den Baumkronen hervortrat, sah sie ihren kurzen Schatten; die Hitze des Mittags lastete über der Insel. Leichtfüßig, mit weit ausgreifenden Schritten ihrer langen Beine lief sie auf dem sandigen Weg auf die Siedlung zu, die sich auf halbem Weg zwischen Knossos und der Strandbucht der Fischer ausbreitete. Thot verschwand wieder hinter dem gläsernen Schirm.
In den heißesten Stunden des Tages lag alles wie im tiefen Schlaf. Nur ein paar Ziegen fraßen unlustig und meckerten bisweilen. Ein Esel stieß ein Dutzend jämmerlicher Schreie aus und schwieg plötzlich. Einige Falken und ein Geier oder Seeadler kreisten über dem Weiden; sie würde Ahiram fragen müssen, wie der größte Vogel am Inselhimmel hieß.
Zwischen dem Kornfeld und den ersten Ölbäumen des Hains, der sichelförmig das Dorf umgab, kletterte Thot-K’aima auf einen Felsen, hockte sich hin und beobachtete die Siedlung.
Ein nächtliches Erlebnis, es lag drei Nächte zurück, fiel ihr ein. Sie hatte im Quellteich gebadet, sich mit einem der weichen Tücher aus Marayes Vorrat abgetrocknet und die Haut mit dem Balsamöl eingerieben. Danach hatte sie etwas aus ihrem schwindenden Vorrat gegessen, einen Becher Wein getrunken, der in der Quelle gekühlt worden war, und sich auf die unterste Stufe der Treppe gesetzt, unmittelbar am Teichrand, zwischen dem Schilf und den blühenden Rohrkolben. Sie hatte in der kreisförmigen Öffnung zwischen den Baumkronen die Sterne gesehen und sich in ihren Anblick versenkt.
Ungefähr eine halbe Stunde lang hatte sie versucht herauszufinden, ob die Sterne über Kush und Tameri dieselben wie über Keftiu waren. Es schien so zu sein; sie war nicht sicher gewesen. Plötzlich war die Hälfte der Sterne verschwunden, dann wieder erschienen, und die andere Hälfte war von etwas Großem verdunkelt worden, das sich langsam bewegt hatte. Im Dorf und in Knossos hatten Hunde angefangen zu bellen und zu jaulen.
Thot-K’aima war aufgestanden, ein paar Schritte in den Teich gewatet und hatte den Kopf in den Nacken gelegt. Jetzt hatte sie deutlicher erkannt, dass in der Dunkelheit ein schwarzer Schattenriss vor den Sternen gekreist war, und der nächste Blick hatte ihr den Körper eines Vogels gezeigt.
Ein riesenhafter Vogel mit weit gespreizten Schwingen und gefächertem Schwanz, der einen hellen Körper in den Klauen gehalten hatte.
Der Adler hatte einige Male seine Flügel geschwungen und den Kreis verlassen, hatte sich dem Boden genähert und zugleich dem Hügel des Quellteichs. Thot-K’aima hatte mit angehaltenem Atem das seltsame Tier beobachtet, das ihr viel zu mächtig erschienen war. Sie hatte geglaubt, in der Beute ein großes Schaf erkennen zu können oder ein Kalb mit hellem Fell.
Der Kopf des Riesentieres hatte nicht dem Schädel eines Geiers oder Adlers geglichen, war dem Anschein nach vielmehr ein menschlicher Kopf gewesen, der auf einem ebenso menschlichen Hals gesessen hatte. Als der schwarze Vogel auf den Hügel zugeschwebt war, hatte die Frau deutlich das Rauschen des Gefieders gehört. Das Riesentier war über den Hügel hinweggeflogen, hatte sich in einem Halbkreis auf Knossos zubewegt und war dann mit kraftvollen Flügelschlägen in die Richtung Gebirge verschwunden.
Kurze Zeit, nachdem der schwarze Riesenadler wieder mit der Dunkelheit verschmolzen war, war ein Strom widerlich stinkender Luft durch die Baumkronen geweht, hatte den Hügel eingehüllt und sich zögernd eine Stunde später aufgelöst. Erst als im ersten Licht des Morgengrauens ein Windstoß die Eichenblätter hatte rascheln lassen, war der Geruch völlig geschwunden, und die Vögel hatten mit ihrem morgendliches Zetern und Lärmen begonnen.
Die Unsichtbare dachte so lange an den nächtlichen Vogeldämon, wie der Geier über der Siedlung kreiste. Als die ersten Bauern aus den Häusern kamen, richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Leben in der Siedlung.
Sie hörte und verstand, was die Bauern miteinander redeten. Es waren alltägliche Dinge, die ihre Arbeit betrafen, die Ernte, die Früchte der Ölbäume und die Schufterei an den Pressen, die Abgaben an den Minos und das Wirken der Götter; sie hörte deren Namen und glaubte zu erkennen, dass die Himmlischen nichts anderes taten als die Sterblichen – sie stritten sich, bildeten Paare, beseelten Felsen, Berge, Höhlen, Gewitter, Flüsse und Quellen, paarten sich mit Sterblichen und brachten Halbgötter in die Welt und seltsame Mischwesen; etwa Menschen mit Pferdekörpern, Nymphen, die sich in Bäume verwandelten oder Vögel, die ihre Federn als tödliche Geschosse verwendeten. Bei ihren Gängen durch die schmalen Gassen und entlang der Felder und Haine hatte Thot-K’aima aber noch keine dieser halbgöttlichen Kreaturen gesehen, dafür aber einige Pferde, kleine Rinderherden und zwei Stiere mit hellem Fell und ausladendem Gehörn.
Zugleich schienen viele Bewohner Keftius eine erstaunliche Gabe zu haben, die Thot-K’aima mit Bewunderung erfüllte. Sie kannten offensichtlich alle Blüten und die Zeit, in der sie sich öffneten, und sammelten große Körbe voll mit Dutzenden verschiedener Kräuter, Wurzeln und Früchte, die sie seltsamen Behandlungen unterzogen. Mit dem Öl der Olivenbäume und oftmals mit Honig oder weißem Fett vermischt, erhitzt, ausgepresst, getrocknet, gemahlen und zerstoßen, mischten sie daraus Würzöle, Salben, Duftwässer und Arzneien und füllten unzählige Tonkrügelchen damit. Nicht einmal im Haus ihrer Herrin Chrateanch hatte die Unsichtbare solcherlei Düfte gerochen wie in den Lehmziegelscheunen der Inselbewohner.
In Tameri würden sich die Frauen schon nach dem ersten Atemzug an den Düften der Keftiu-Pflückerinnen erfreuen, an den Ölen und dem Balsam und den Schminken, und die Ärzte konnten mit den Salben vielerlei Gebrechen heilen. Die Hüterin des Quellteichs sah, dass die Bauern Bronzewerkzeuge benutzten, aber in den beiden Dörfern und in Knossos hatte sie noch keinen Bronzeschmied gefunden. Aber etwas anderes erregte ihre Neugierde, obwohl ihr das Verständnis fehlte.
Das Bauwerk erhob sich auf einem Hügel, der nach Norden, Osten und Süden steil abfiel. An diesen Hügelflanken trat stellenweise nackter Fels zutage, aber die Hänge waren durch Treppen, Umgänge und Terrassen abgefangen. An vielen Stellen wuchsen Bäume und Büsche in steinernen Trögen. Vor einer Terrasse des »Palasts«, auf der ungewöhnlich großen, völlig ebenen Fläche, an deren drei Seiten vor ein, zwei Jahren Eichenschösslinge und große Nussbäume gepflanzt worden waren, legten Handwerker kleine, flache Steinplättchen nebeneinander.
Als Thot-K’aima näher heranging und darauf achtete, dass sie kein Geräusch machte, sah sie, dass die Plättchen unregelmäßig geformt und aus mehr als einem halben Dutzend farblich unterschiedlicher Steinplatten gebrochen worden waren. Auf dem trockenen, festgestampften Lehm waren Linien, Ecken und Winkel ebenso zu erkennen wie Kreise und Teile von Kreisen. Verschiedene Linien oder geschwungene Bänder waren aus Plättchen gleicher Farbe zusammengefügt.
»Ich hab’ in der Oase Ihuta Sandbilder gesehen«, murmelte die junge Frau versonnen, »aus weißen, gelben und roten Körnchen und aus Blütenblättern und zerschnittenen grünen Blättern. Alle Farben, Bilder von Göttern …«
Mit einem grauen, milchartigen Brei wurden die winzigen Fugen zwischen den Steinchen ausgeschmiert, mit breiten Holzschabern und mit Stofffetzen. Die Arbeiter, vielleicht zehn ältere Männer, arbeiteten schnell und riefen sich Scherzworte zu. Wenn die gesamte Fläche vor der breiten Treppe mit diesem vielfarbigen Muster ausgelegt und der Fugenbrei getrocknet und erhärtet waren, würden die Handwerker Tausende und Abertausende jener halb daumengroßen Plättchen aneinandergelegt haben. Es war eine Arbeit, die noch ein oder zwei Monde dauern mochte.
Aber wenn die Fläche ein vollendetes Bild zeigte, war dies ein staunenswerter Anblick. An zwei Stellen erkannte Thot-K’aima das Abbild einer langschäftigen Doppelaxt, an einem dritten Bild fügten die Handwerker gerade die Steinchen zu einer der beiden halbmondartigen Klingen zusammen. Thot-K’aima hatte die Waffe noch nicht in Gebrauch gesehen, kannte aber den Namen: Labrys. Sie blickte lange auf das bisher Fertiggestellte und wanderte weiter. König Minos hatte große Bilder vor Augen und großartige Träume und musste über erheblichen Reichtum verfügen.
Die Hüterin des Teichs wandte sich nach Norden und stieg neben einer Palastmauer im Schatten ausgewachsener Zypressen den Hang aufwärts. Sie wollte eine Stelle finden, von der aus sie das Meer sehen konnte.
»Und vielleicht schon unsere Schiffe«, sagte sie in träumerischem Tonfall. Sie bereitete sich auf den nächsten Schritt vor, so, wie es Ahiram und Rico geplant hatten, und achtete auf jede noch so geringfügige Kleinigkeit.
Heute wählte die Hüterin der Quelle einen anderen Pfad. Sie stieg bergauf und lief hügelabwärts, dem unsichtbaren nördlichen Strand zu. Aus dem Pfad wurde ein breiter Waldweg – zwischen Tannen, Eichen, Zypressen, einem Gewirk kleinblättrigen Gebüschs und über eine Lichtung, die sich dem Sonnenlicht darbot. Inmitten eines Mohnfeldes mit roten Blüten stand eine Gruppe unbekannter Bäumchen, schlank und gerade. Von den großen dunklen Zypressen erstickt, waren einige quer über das Rinnsal gestürzt und warfen ihre Schatten auf die Kiesel und den Sand des Grundes, über denen sich zitternd die Sonnenstrahlen brachen.
Die Insulaner nannten den Bach, der durch viele kleine Zuläufe verstärkt und während der Gewitter oder der kurzen, schweren Winterregen angeschwollen und ungefähr in der Inselmitte ins Meer mündete, Lethai. Der stechende Geruch schmorenden Holzes strich durch die Stämme; Thot-K’aima wusste, wo der Köhler seinen Meiler aufgeschichtet hatte und wich ihm im weiten Bogen aus. Sie folgte einem Pfad, auf dem Ziegenkot lag, lief aus dem Schatten ins Sonnenlicht, wieder zurück, durch einen Wald hügelaufwärts und blieb plötzlich stehen. Der Anblick ließ sie wohlig erschauern.
Schräg unter ihr lag das Meer und dehnte sich bis zum Horizont aus. Sie sah die Bäume, die das Flussbett ausfüllten, die Mündung des Flusses und den Teil einer weit geschwungenen Bucht. Im Sand lagen einige Boote; Fischerboote wohl, aber von den Fischern zeugte nur eine tief eingetretene Spur im Sand. Thot-K’aimas Blicke suchten die Segel der Rômetschiffe in dieser endlosen Fläche aus Blau und Myriaden Sonnenspiegelungen – vergeblich.
Langsam ging sie weiter, aus dem Wäldchen der windzerzausten Tannen hinaus und auf einen bewachsenen Felsgrat, der weit über den Einschnitt des Flusslaufs vorsprang. Am äußersten Punkt blieb sie stehen und suchte abermals das Meer ab, geblendet vom Licht und von der Schönheit der Windfelder, die das gleichmäßige Bild der Wellen unterbrachen.
»Kein Schiff«, sagte sie traurig und hob die Arme. »Keine Seefahrer aus Tameri, denen ich helfen kann. Aber …«, sie seufzte tief, »ich habe Zeit. Ich warte weiter.«
Sie verbrachte noch eine halbe Stunde auf dem Felsriff, ohne etwas anderes zu sehen als jagende Vögel, Möwen in der Bucht, leere Fischerboote und das Meer. Sie stand wie eine Statue aus dunklem Stein, fast reglos, und spürte am ganzen Körper den Wind, der vom Strand heraufwehte, den Geruch der Wellen mit sich trug und die Haut kühlte.
Dann zog sie die Schultern hoch, wandte sich um und lief zurück zwischen die Baumstämme. Nach einigen Schritten fühlte sie sich beobachtet. Sie hatte niemanden gesehen, kein Geräusch und keinen Ruf gehört. Aber es war, als hefteten sich die Blicke vieler Augenpaare auf die schlanke Frau, deren dunkler Körper jetzt mit den Schatten verschmolz und, einige Zeit später, völlig verschwand.
Sie kehrte zum Teich zurück, kühlte sich mit einem Bad ab und verschloss dann den Eingang der Höhle mit dem »Schleier«. Mit einem großen Glas Wein in der Hand setzte sie sich vor die gläsernen Augen über dem kleinen Bild, das in der Luft schwebte.
Nach wenigen Atemzügen erschien Ahirams Abbild vor ihr; er lächelte und hob grüßend die Hand. »Ich seh’s an deinem Gesicht und in deinen großen Augen, meine Schöne – du hast viele Fragen.«
»Ich hab viel gesehen und gehört, Neb Ahiram. Für vieles in meiner Umgebung wüsste ich gern den Namen. Also … Nein! Zuerst: Wann kommen die Schiffe? Ich war am Meer im Norden und habe keines gesehen.«
»Wenn ihnen nicht die Fafana in die Gesichter bläst, sollten sie morgen Abend in der Mitte der Nordküste sein …«
Zwei Stunden lang redeten sie miteinander, bis sich seitlich Maraye ins Bild schob und Ahiram zum Essen bat. Er schloss mit den Antworten auf die zuletzt gestellten Fragen.
»Du sollst dich den Inselbewohnern zeigen. Nicht zu oft; eine Quellnymphe ist ein geheimnisvolles Wesen. Dein Vorhaben heute Nacht und morgen, übermorgen ist klug gewählt. Sorge dafür, dass sich die Inselbewohner entsprechende Gedanken machen! Aber ein Feuer und Rauch, das sind gute Zeichen. Trotzdem: Bleibe vorsichtig!«
»Ich werde tun, was du mir rätst, Neb Ahiram. Grüße den göttlichen Rico. Ich wäre hilflos ohne seine Weisheit und ohne das, was ich von euch und ihm gelernt habe.«
»Er wird es mit Freude hören«, sagte Ahiram. Er und Maraye winkten, bis sich das schwebende Bild auflöste und das Glimmen der Glasaugen erlosch.
Das Alleinsein tat Thot-K’aima gut. Sie hatte in den wenigen Tagen, während derer sie sich in der doppelt fremden Umgebung zurechtfinden musste, ihre Sprödigkeit verloren, was mir ihr zufriedenes Lächeln bewies. Sie bewegte sich geschickt und geschmeidig, so, als wäre die Inselhöhle seit Jahren ihre Heimat. Chrateanch, die schöne, reiche Händlerin der Oase hatte offensichtlich ein untrügliches Gespür für die zuverlässige Qualität der Frau bewiesen – die eigentlich ein junges Mädchen war! –, als sie uns die braunhäutige Nehesi zur Ausbildung überlassen hatte.
Thot-K’aima stahl, geschützt durch den Deflektorschirm und ihre Fähigkeit, sich annähernd lautlos zu bewegen, den Dörflern Öl, Wein, Brot, Holzkohle und Milch, tauchte unvermittelt – sichtbar! – an verschiedenen Stellen auf, verschmolz mit der Natur der Insel und erweckte in den Bauern und Handwerkern die Ahnung, zwischen ihnen sei ein halb »göttliches« oder zumindest ein unbegreifliches Wesen erschienen.
Noch musste sie sich nicht als Vermittlerin und Übersetzerin beweisen; ich hatte erst vor einer Stunde, im roten Licht der untergehenden Sonne, das dritte Segel entdecken können. Das Schiff würde nachts am Ostkap, »Kap Thirr«, auf das Licht der zwei anderen Schiffslampen zusteuern. Alle Rômet hatten die nasse Sturmnacht des Schreckens überstanden.
Selbstverständlich hätte ich selbst die Aufgabe übernehmen können, die uns die Herren des Großen Hauses, Vater Amenemhet und Sohn Sesostris, gestellt hatten. Mit meinen technischen Möglichkeiten wäre es ein Leichtes gewesen, zwischen Tameri und Keftiu kulturellen und zivilisatorischen Schulterschluss herbeizuführen. Aber die Barbaren sollten und konnten sich selbst beweisen, und ich hatte ihnen ohnehin schon mehr geholfen als nötig; sowohl die Kapitäne als auch Thot-K’aima und die Ratgeber König Minos’ waren klug genug, um die Vorteile erkennen zu können.
Während die STRAHLEN DES RÂ, die PFEIL DER INSEL und die HERRIN DES HAPI heute Nacht in den Schatten des Südwindes »Ummuz« hinter dem Kap Thirr hineinfuhren, würde die junge Frau abermals einen Beweis ihrer Selbständigkeit antreten. Er würde sie stärker und überzeugender machen, denn sie hatte diesen Einfall weder von ihrem vergötterten Rico noch von mir, dem Bewohner der Höhle im Süden der Sandaleninsel.
Nur diese Erzählung vom Riesenvogel mit der schweren Beute und dem Menschenkopf machte mich nachdenklich; in dem rohen Götterkosmos der Minos-Untertanen existierten Flugwesen, die »Harpyien« genannt wurden. In den verflossenen Jahrtausenden hatte ich auf diesem Planeten keine gigantischen Adler mit Menschenköpfen gesehen. Sie waren so wenig wirklich wie der Vogel Roq.
Oder irrte ich mich? Mich warnte das dumpfe Gefühl einer Mauer in einem Kopf, die nicht einmal der Extrasinn einzureißen vermochte. Aufgeschichtet von ES, dem rätselhaften Geisteswesen?
Ich verschob tiefergehende Überlegungen auf später. In diesem Augenblick saßen wir vor dem Eingang der Sommerhöhle, am weißsandigen Strand, im Licht des Halbmondes und einiger Windlichter, aßen und tranken und redeten über den unsagbar weiten Weg der Karawane von Itch-Taui ins Land der Sumer und Akkader, zu den Städten, die Babyla oder Babyli hießen oder Kish und Nippur.
Der anbrechende Tag und die Hunde eines Schafhirten hatten die Wildschweine aus dem Eichenwald vertrieben, dessen Boden sie auf der Suche nach Eicheln und anderem Fressbaren mit Hauern und Rüsselschnauzen bis zu den Wurzeln aufgewühlt hatten. Als das Rudel zwei Stunden nach Anbruch der Dunkelheit aus der Deckung kam und schmatzend den Waldboden zu durchfurchen begann, saß Thot-K’aima in der Gabel des dicksten Astes der ältesten Eiche, Ahirams Wunderdolch und das ebenso wunderbare Nachtauge bereit. Sie streifte das elastische Band, von dem das Auge gehalten wurde, über die Stirn und zog es bis zu den Ohren, dann setzte sie den weichen Rand der kurzen Röhre auf ihr linkes Auge.
Als sie das andere Auge zukniff, sah sie die Körper der Wildschweine mit plötzlicher Deutlichkeit. Die Tiere erschienen als grünlich-hellgraue Schemen und waren gut voneinander zu unterscheiden. Sie erkannte unschwer einen massigen Keiler, dessen Hauer den Boden aufrissen, eine große Bache, die gierig Eicheln und andere Funde im weichen Boden fraß und kaute, und eine Handvoll junger Frischlinge, die sich zwischen den größeren jungen Schweinen bewegten. Die halb erwachsenen Tiere waren im vergangenen Jahr geworfen worden.
Beim Anblick der borstigen Vierbeiner, die den Boden zwischen den Wurzeln in einen Sturzacker verwandelten, lief ihr der Speichel im Mund zusammen. Sie schluckte und zielte mit der nadelfeinen Spitze des Dolchs auf den Eber, schwenkte langsam herum, betrachtete die größeren Nachkommen und entschied sich für einen Braten mit weniger weichem Fett.
Sie drehte am Knauf des Griffs. Ein winziges Licht glomm zwischen den Zierlinien auf, und ein feines Summen, nur ein bisschen deutlicher als die Erschütterung in ihrer Hand und offensichtlich von den Wildschweinen nicht zu hören, drang an ihr Ohr. Sie zielte sorgfältig und wartete, bis das ausgesuchte Tier richtig stand. Dann drückte sie den Daumen auf den falschen Edelstein. Aus der Dolchspitze zuckte ein langer, dünner Blitz und traf die Beute zwischen Nacken und dem oberen Muskel des Vorderfußes. Der Frischling sprang kreischend und zuckend eine Elle weit schräg in die Höhe und war tot, als er wieder schwer auf den Boden schlug.
Ein zweiter, kürzerer Blitz schlug in die Kruppe des Ebers, der einen seltsamen Schrei ausstieß und geradeaus davonstürmte. Das Rudel folgte ihm quiekend und rannte zwischen den Wurzeln und Eichenstämmen, durch das Gebüsch und weiter, voller Angst und wie blind. Im Dorf begannen die Hunde zu kläffen.
Thot-K’aima drehte den Dolchgriff wieder in die andere Richtung, schob die Waffe in die Scheide und kletterte leise und geschickt auf den Waldboden hinunter. Sie lief zu der Stelle, an der das tote Tier in einer Blutlache lag. Wieder benutzte sie den summenden Dolch und trennte den Kopf und die untersten Stücke der Läufe von der Beute. Sie zog das Messer aus der Scheide und brach das Beutetier auf; zwischen einer jungen Ziege und einem Wildschwein gab es nur wenige Unterschiede.
Thot-K’aima zog dem Tier die Haut ab und schnitt die dicken Knochen und damit die besten und größten Fleischbrocken aus dem Körper, zog das Netz aus dem Gürtel und packte die Keulen und die Stücke aus dem Rücken hinein. Sie bewegte sich, noch immer das federnde Band mit dem Auge im Gesicht, schnell und zielstrebig.
Mit vier Schnüren, die sie an die Enden der Wildschweinhaut knotete, streckte sie das Fell und schlang die anderen Enden um Aststumpen, sodass sich das Fell zwischen zwei Stämmen in der Luft schwebend spannte. Sie spießte den abgetrennten Schädel auf einen abgebrochenen Ast und schnitt zwei Löcher ins Fell. Durch die Löcher schob sie den Ast; der Schädel, der kaum mehr blutete, hing in der Mitte des Fells und begann scheinbar zu nicken, als die Frau das Netz voll blutigen Fleisches aufhob und über den aufgewühlten Waldboden davonging. Auf dem gewohnten Pfad, auf dem sie jeden Schritt kannte, ging sie zur Höhle zurück.
Sie löste den Schleier auf, zündete ein halbes Dutzend Öllämpchen an und setzte sich auf die oberste Stufe. Sorgfältig löste sie im flackernden Licht das Fleisch von den Knochen und ließ die blutigen Brocken in die Schale voller Schafsmilch fallen. Die Knochen schleuderte sie in hohem Bogen in den Wald zurück.
Frisches Fleisch ist zäh und fast ungenießbar, hatte Maraye sie gelehrt. Lass es zwei oder drei Tage in Milch oder in gewürztem Wein liegen, bevor du es brätst und würzt.
Thot-K’aima reinigte die Steinstufe mit einem Guss Wasser, legte den Schurz ab und stieg langsam hinunter zum Teich. Sie reinigte sich, tauchte einige Male unter und kehrte in die Höhle zurück. Sie fühlte sich nicht beobachtet, aber wenn die Dörfler sie sahen, so sollte es sein. Sie legte einen frischen Schurz an, löschte einige Flämmchen und breitete ein nasses Tuch über die Milchschale mit dem Fleisch. In wenigen Tagen würde sie sich zeigen und sich so verhalten, wie es die Inselbewohner von einer Quellnymphe erwarteten.
Trotz des kräftigen Ummuz-Windes schien die Luft über dem Deck zu brennen. Der Kapitän hatte dafür gesorgt, dass jeder Mann einen frischen Schurz bekam und die gebrauchten in einem Korb vor dem Mast verstaut wurden; der salzwassergetränkte Stoff stank und schabte die Haut wund. Das Süßwasser reichte nicht für eine gründliche Reinigung von so vielen Körpern. Nicht ein Seefahrer trug ein Kopftuch oder gar eine Perücke; die Sonne prallte ungehindert auf die Haut. Heißer Sud und ein ergiebiges Essen – die Vorräte waren mehr als ausreichend – schienen die letzten nassen Ängste der Nacht vertrieben zu haben. Der Bug des Schiffs schnitt zischend durch die Wellen; aber Sa-Renput hatte die Segelfläche um ein Drittel verkleinern lassen.
Das Schiff, das ihnen seit der Morgendämmerung folgte, hatte stark aufgeholt. Ungefähr um Mittag konnte Kapitän Sa-Renput sicher sein, dass es die HERRIN DES HAPI war, die unendlich langsam im Kielwasser der STRAHLEN DES RÂ näher kam. Bisher war kein zweites Segel entdeckt worden.
Steuermann Ta-Ptachs Augen waren halb geschlossen. Seine geschwollenen Tränensäcke hingen schwer auf die Wangen. Aber er schien seine Kraft nicht verloren zu haben. Nachdem er von einem Seefahrer der Segelmannschaft abgelöst worden war und ein paar Stunden ungestört und tief geschlafen hatte, handhabte er jetzt beide Pinnen.
»Ahiram hat es gesagt, und Cheper hat es bestätigt«, sagte er krächzend. In seiner Halsgrube sammelte sich der Schweiß und lief in einer breiten Bahn über die Brust. »Siehst du die Wolken vor dem Bug? Wenn du um das Segel herum …«
»War ich längst«, antwortete Sa-Renput. Er war nicht weniger müde als der Steuermann. »Wir sind nicht mehr weit von Keftiu entfernt. Jeder hat die Wolken gesehen. Den Göttern sei Dank.«
»Sie haben uns gerettet.« Paser deutete mit dem Daumen über seine Schulter. »Und die HAPI-Mannschaft auch.«
Der Kapitän hob die Hand und deutete zum Mast.
»Auch wenn wir die Inselwolken sehen … ich hol die Nadel hervor und vergewissere mich.«
»Sag einem am Segel, er soll uns zu trinken bringen.«
»Werde ich tun«, antwortete Sa-Renput und ging, die Bewegungen des Schiffes mit den Knien ausbalancierend, an der offenen Luke vorbei, redete kurz mit der Segelmannschaft und öffnete bedächtig den Korb, der am Mast trocknete. Er setzte sich aufs Deck, in den knisternden Salzbelag hinein und holte die »Nadel des Nordens« aus der letzten Verpackung. Als er das hölzerne Schiffchen auf die Planken stellte, schwenkte die Nadel hin und her und kam zitternd zur Ruhe.
»Unser Bug zeigt nach Nordwest! Dorther kommt der Hassarr-Wind«, rief er. »Die Nadel zeigt nach Nord, zum Borr. Und jetzt schwankt der Wind im Segel zwischen Skyrrh und Ajach. Alles ist so, wie es uns Ahiram gesagt und aufgezeichnet hat.«
»Wann sind wir endlich an dieser anubisverfluchten Insel?«, rief der Rôme, der den nächsten Krug geöffnet und den Inhalt auf viele Becher verteilt hatte.
»Ich glaube, wir sehen sie heute Abend!«, gab der Kapitän zurück. Er drehte das Schiffchen hin und her, beobachtete die Nadel und erkannte, dass er bisher auf dem richtigen Kurs gesegelt war, selbst in der wüsten Sturmnacht. Er streckte die Hand nach einem Becher aus. »Vielleicht auch ein paar Stunden früher.«
Bisher hatte er seine Unruhe zügeln können; auf ihm ruhten die Augen aller Männer. Die Furcht war vorbei, und in den Stunden der ruhigen Fahrt stieg die Erwartung. Immer wieder hielten die Männer Ausschau nach dem dritten Segel, nach Kapitän Sobek-Djaa und der PFEIL DER INSEL. Niemand sprach darüber, aber viele dachten, dass das Schiff verloren war. Nachdenklich versenkte der Kapitän das Nadel-Schiffchen wieder in seiner Verpackung und schob es behutsam in den Schilfbehälter zurück. Die Wolken über dem Horizont hatten sich halb aufgelöst, aber die Insel war noch immer nicht zu sehen. Der Kapitän leerte den Becher mit gemischtem Wein und kehrte an seinen Platz im Heck zurück.
Vielleicht drei Stunden später war die HERRIN so nahe herangekommen, dass sich die Männer von Bord zu Bord erkannten. Mit gebrüllten Fragen, die drei-, viermal wiederholt wurden, und ebenso schlecht verständlichen Antworten verständigten sich die Mannschaften. Die HERRIN hatte die gleiche Schreckensfahrt hinter sich, und ihre Mannschaft dachte keinen Atemzug lang an das Zusammentreffen mit den Inselbewohnern und an die Hüterin der Quelle, die ihnen helfen würde. Sa-Renput ließ das Segel wieder hochziehen und stellte sich in den Bug.
Seine Blicke suchten den Horizont ab. Er erwartete inzwischen, das Gebirge über den Wellen sehen zu können. Die Sonne bewegte sich über den klaren Himmel dem Horizont entgegen, und die Farbe ihres Lichts begann sich zu ändern. Ein rötlicher Schimmer legte sich über die Wellen und nahm den harten Glanz von den Planken und aus den Segeln. Nach vielleicht einer Stunde segelten die Schiffe einen guten Pfeilschuss nebeneinander.
Jeder Mann an Bord beider Schiffe suchte das Meer ab. Das Große Grüne hatte wieder die Farbe geändert und erschien jetzt schwarzblau. Die Strahlen der Sonne, die als rote Scheibe eine Handbreit über dem Horizont schwebte, trafen die Unterseite der Wolken und ließen sie aufleuchten. Die Hitze des Tages hatte nachgelassen, aber die Stärke des Windes war unverändert. Als die Sonne zur Hälfte untergegangen war, fingen auf beiden Schiffen die Steuermänner und die Männer der Segelmannschaft zu schreien an und zeigten nach Osten.
Sa-Renput schrak auf, drehte suchend den Kopf und blickte in die Richtung, in die alle ausgestreckten Arme deuteten.
»Ein rotes Segel! Ein Rahsegel!«
Als winziges rotes Viereck tanzte im Osten ein Bild auf dem Horizont, das erschien, untertauchte, sich wieder zeigte, nicht deutlicher wurde, aber auch nicht wieder verschwand.
Sa-Renput rief: »Unser Schiffslicht muss die ganze Nacht brennen! Und das auf dem anderen Schiff auch!«
»Wir zünden es gerade an!«, schrie jemand aus der Luke.
