ATLAN X Kreta 3: Das Schwarze Schiff - Hans Kneifel - E-Book

ATLAN X Kreta 3: Das Schwarze Schiff E-Book

Hans Kneifel

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Beschreibung

Während Atlan im Auftrag des Pharao auf Kreta weilt, überfallen Seeräuber das friedliche Knossos und verschleppen mehrere Frauen und Mädchen, darunter Asyrta-Maraye, die Geliebte des Arkoniden. Atlan sticht mit fünf mutigen Kretern, dem findigen Daidaloos und einem Trupp getarnter Roboter in See. Die Spur führt nach Norden, in die Welt der zahlreichen griechischen Inseln. Auf einer davon hat ein alter Gegner sein Reich errichtet ... Folgende Romane sind Teil der Kreta-Trilogie: 1. "Lotse im Sandmeer" von Hans Kneifel 2. "Insel der Winde" von Hans Kneifel 3. "Das schwarze Schiff" von Hans Kneifel

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Dritter Band der Kreta-Trilogie

Das schwarze Schiff

von Hans Kneifel

1.Das Schiff der Verzweifelten

Nur noch zwei Fackeln waren vom Sturm und vom wütenden Regen nicht ausgelöscht worden. Sie blakten im Bug, und bei jedem Windstoß rauchten und stanken sie mehr. Das Innere des kleinen Schiffes, in dem qualvolle Enge herrschte, und das Meer ringsum waren ein einziges, lärmendes Chaos. Todesangst peinigte die entführten Kreterinnen. Über der Küste und in der Nähe des Strandes entluden sich die Wolken in schmetternden Blitzen. Jedes Mal, wenn einer der senkrechten Lichtkeile aufzuckte und in der Nähe einschlug, das Elend zwischen den Bordwänden gedankenkurz sichtbar machte und zugleich die Insassen blendete, stießen die Frauen und Mädchen kreischende Angstschreie aus, verbargen die Köpfe in den Armen oder klammerten sich aneinander. Das Geschrei, das Knarren des Schiffskörpers, das Knallen des nassen Segels und die Flüche der Bewaffneten gingen in den grausamen Donnerschlägen unter.

Der Gewittersturm hatte die Räuber und ihre Gefangenen im Rücken gepackt und über den Strand förmlich zum Schiff geblasen. Jetzt wühlte er die Wellen auf und füllte das Segel. Jeden zweiten Atemzug schlug eine Wogenspitze krachend ins Schiff und überschüttete die Insassen mit eiskaltem Wasser. Der Bug und das Heck hoben und senkten, senkten und hoben sich; das Schiff schwankte und legte sich schwer nach den Seiten. Regen trommelte auf die Köpfe und die Schultern. Die Regenflut kam in kalten und kochend heißen Stößen, löschte eine Fackel und peitschte das Schiff von der Küste weg, vom Fischerstrand der großen Bucht, aufs Meer hinaus. Wenn die dahinjagenden Wolken für wenige Atemzüge aufrissen, legte sich kalkiges Mondlicht auf die gischtenden Wellen und zeigte eine endlose Fläche weißer Dreiecke, von deren Spitzen der Schaum waagrecht weggerissen wurde, um prasselnd ins fahle Dunkel zu verschwinden.

Asyrta-Maraye kauerte im Bug und hielt Perseïs im Arm. Noch immer dachte sie daran, zusammen mit der jungen Frau über Bord zu springen und an Land zurückzuschwimmen, aber dies wäre Selbstmord gewesen, obwohl sie eine geübte Schwimmerin war. Also blieben sie.

Die Blitzeinschläge wurden seltener, die Pausen zwischen dem leiser werdenden Donner länger. Die Regenschauer rissen nicht ab. Zwei Männer schöpften mit ledernen Eimern Wasser aus der Bilge; bei jedem Guss stießen sie Flüche in einer unbekannten Sprache aus. Wieder prellte eine unsichtbare Kraft das Heck in die Höhe und riss dem Mann am Ruder die Pinne aus den Fäusten. Eine Woge, die sich vor dem herunterkrachenden Bug aufstellte und zusammenbrach, löschte die letzte Fackel, und jetzt, sagte sich Maraye, würde niemand mehr das Schiff vom Ufer aus sehen können.

Wolken schoben sich wieder vor den Mond.

Kretas Berge und die helle Linie des Strandes, die bis vor kurzer Zeit noch im Licht der Blitze zu sehen gewesen waren, verschwanden im Dunkel. Das Gewitter zog nach links, nach Osten, und die Wut des Regens schien nachzulassen. Maraye murmelte tröstende Worte ins Ohr der zitternden Perseïs und begann zu frieren. Unentwegt leerten die bewaffneten Räuber ihre Eimer. Dreizehn gefangene Mädchen und Frauen, augenscheinlich die schönsten, die sich für den Tanz des Minos geschmückt hatten, hatte Maraye trotz des wirren, angsterfüllten Durcheinanders gezählt; also fünfzehn mit ihnen beiden. Die Schönheit war zwar nicht dahin, aber jede der Gefangenen, Maraye eingeschlossen, sah erbarmungswürdig aus. Das Gewand klebte an der Haut, aus dem Haar troff Seewasser, die zerlaufende Schminke hatten die Regengüsse fortgewaschen. Nackte Angst stand in jedem Gesicht. Das nächtliche Inselbeben, das die Feiernden auseinandergesprengt und selbst die Entführer überrascht hatte, schien nicht furchtbarer gewesen zu sein als dieser krachende, gischtende Ritt durch die Wellen.

Wie viel Zeit mochte vergangen sein, seit sie von Daidaloos’ Terrasse geflüchtet war, über die Treppe, hinein ins wankende Dunkel der Erdstöße, wo sie auf Perseïs geprallt und gemeinsam mit ihr von den Fremden gepackt worden war. Eine Stunde? Mehr? Es schien einige Tage und Nächte her zu sein. Maraye zwang sich, ihre Angst zu unterdrücken und ihre Möglichkeiten ruhig zu überdenken. In Ruhe? In diesem tanzenden und bockenden Schiff, angefüllt mit schierer Angst?

Sie waren, irgendwo im Norden Kreta-Keftius, auf dem offenen Meer. Den Gewittersturm hatte, fast unbemerkt, ein warmer Ummuz-Wind abgelöst. Die Regenschauer vergingen, und die Wellen waren nicht mehr höher als die Bordwand. Am Horizont, über der langgestreckten Insel, flackerte grelles Wetterleuchten. Die Frauen hatten zu schreien aufgehört, die Männer, insgesamt ein Dutzend, widmeten sich dem Segel, dem Ruder und dem Wasser, das über die Planken schwappte. Zwischen den Wolken blitzten noch immer Sterne auf, der bleiche Vollmond näherte seinen Rand dem Kamm der Berge. Das Schiff lag jetzt ruhiger und schien, obwohl es nicht mehr stürmte, schneller geworden zu sein. Die Bugwelle rauschte, und die Gischtstreifen verloren sich rechts und links im Halbdunkel. Die Räuber kümmerten sich nicht um ihre weibliche Beute – wohin sollte sie auch entkommen wollen?

Maraye flüsterte Perseïs zu: »Glaub’ mir. Es wird alles gut. Sie werden uns nicht umbringen.«

»Vielleicht nur dich«, erwiderte Perseïs und erschauerte. »Du hast einen von ihnen erstochen. Wie heißt du eigentlich?«

Maraye überlegte einen Atemzug lang und sagte: »Nenn’ mich Asyrta. Ich bin die Freundin der Quellnymphe.«

Perseïs drehte den Kopf und starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. »Freundin von Thot-K’aima?«

»Ihre einzige Freundin. Fast eine Schwester«, bestätigte Maraye. Dann schwiegen sie wieder und klammerten sich aneinander.

Vor Marayes Augen zuckten die Bilder der Nacht auf.

Asyrta-Maraye sah, wie sich zwischen Daidaloos und Perseïs ein Teil der Palastmauer neigte und in unzählige Stücke zerbrach. Die beiden wurden durch eine große Staubwolke getrennt. Schattenhaft vermochte sie Daidaloos durch den aufwallenden Staub und den Regen zu erkennen, bevor sie Perseïs am Handgelenk fassen und aus dem Bereich der umherspringenden Trümmer zerren konnte.

Ihr nächster Gedanke war, zum Gleiter zu rennen – dort wären sie in Sicherheit gewesen. Alles andere würde sich nach dem Beben klären lassen. Aber sie erreichte das Versteck des Gleiters nicht mehr. Zwischen den Mauern der Häuser, einige Schritte vor dem Palast, rannten vier oder mehr Männer auf sie zu, die mit flammenden Fackeln aus den Häusern hervorgesprungen waren. Marayes erster Impuls war, den Strahler einzuschalten und die Fremden, die große runde Schilde trugen, mit einem Lähmstrahl zu betäuben, und dann erst den Gleiter mit der Fernsteuerung herbeizurufen.

Die erste Bewegung ging fehl, weil ihr Daumen die Sicherung nicht fand und dann in der Nässe von dem Schaltfeld abrutschte. Ihr Arm beschrieb einen waagrechten Halbkreis, und als der Fremde den Schild senkte, um sie zu packen, traf Marayes Waffe ihn mit der nadelfeinen Spitze in die Brust und schien ohne Widerstand tief in den Körper hineinzugleiten. Als der Angreifer zusammenbrach, rutschte ihre Hand ein zweites Mal vom Griff ab, und sie selbst wurde fortgerissen.

Aber sie ließ Perseïs nicht los, als die Männer sie über den schwankenden Boden, durch den Regen und das schreckliche Lärmen des Gewitters mit sich zerrten. Mit den stumpfen Enden ihrer kurzen Speere trieben sie die Frauen vorwärts.

Maraye gelang es im Laufen, den Arm abzuwinkeln und über das Armband nach Atlan zu rufen. Sie hörte schwach seine Stimme und war sich bewusst, dass weder sie ihn noch er sie gut verstehen konnte; zu viele laute Stimmen, der Donner, das Grollen aus der Tiefe. Aus der Finsternis vor ihr tauchten mehr Gestalten auf. Entsetzt sah sie, dass vielleicht ein Dutzend Mädchen und Frauen von einer Übermacht Bewaffneter zwischen den wankenden Hausmauern durch die Gasse gejagt und gezerrt wurden. Sie sah sich verzweifelt um und musste erkennen, dass sie den Angreifern nicht entkommen konnte. Die Gasse, von drei Männern in ihrem Rücken versperrt, war zu eng für eine Flucht. Die Entführer und ihre Opfer hasteten weiter, die Hilfeschreie der Kreterinnen hörte offensichtlich niemand. Binnen kurzer Zeit erreichten sie den Wald vor der Stadt, durch den der Pfad der Fischer führte.

Wenn ich nicht mit Atlan reden kann, dachte sie und schob ihre Finger unter das Armband, kann ich ihm ein Zeichen geben. Sie war überzeugt davon, dass er schon jetzt nach ihr suchte, mit Thot an seiner Seite, höchstwahrscheinlich. Es gelang ihr, das Armband über die Finger zu streifen und, als sie sich für einen Augenblick unbeobachtet fühlte, mit einer schnellen Bewegung neben den Pfad fallen zu lassen. Zehn Herzschläge später konnte sie sicher sein, dass keiner der schweigsamen Entführer das funkelnde Band gesehen hatte. Das Gewitter, das über Knossos gewütet hatte, näherte sich jetzt so schnell, als mache es einen Sprung, dem Fischerstrand.

Die Entführer bildeten im Rennen einen Halbkreis und trieben die Frauen zu einem Schiff, dessen Heck im kalkigen Aufleuchten der Blitzkeile zu erkennen war, ebenso wie eine Leiter, die vom Strand zur Bordwand führte. Zwei Entführer warfen ihre Fackeln in den nassen Sand und kletterten an Bord. Sie machten sich augenblicklich am Segel zu schaffen.

»Hinauf! Ins Schiff! Schnell, ihr jungen Weiber!«, schrie jemand, anscheinend der Anführer oder Kapitän. Eine Hälfte der Bewaffneten warf ihre Schilde über das Schanzkleid und begann, das Schiff ins Wasser zu schieben, der andere Teil trieb die Entführten die Leiter hinauf und folgte hastig, als sich das Schiff zu bewegen begann und in der ersten Welle den Bug hob. Als es frei schwamm und das schwere, nasse Segel am Mast hochgezerrt wurde, klapperten die restlichen Schilde und Speere und die Leiter ins Schiff. Der Wind fuhr ins knallende Segel, der Kiel schrammte durch den Sand, ein Ruck ging durch das Schiff und warf alle Insassen um. Das Fluchen, Poltern und Kreischen ging im Getöse der Donnerschläge unter.

Maraye vermochte sich irgendwo festzuklammern und fiel nicht mitten in das Gewirr aus Leibern und Gliedmaßen hinein. Plötzlicher, neuer Schrecken lähmte sie – nur kurz.

Die Gleitersteuerung!

Sie trug die einfache Schaltung als wenig kostbar erscheinendes Schmuckstück an einer dünnen Kette um den Hals. Sie tat so, als fiele sie vornüber, streifte dabei Perseïs’ Schultern und zog die Kette über ihren Kopf. Die Entführer würden den Frauen zuerst, wenn sie sich weit genug von der Insel entfernt hatten, den goldenen Schmuck und die Edelsteinanhänger herunterreißen. Sie sah sich um: Niemand achtete auf sie. Mit einer entschlossenen Bewegung des rechten Handgelenks schleuderte sie die Schaltung über Bord in die Wellen. Die Starre des Schreckens fiel von ihr ab; sie holte tief Luft und half Perseïs, sich aufzurichten. Nun besaß sie nur noch ein Instrument der persönlichen Sicherheit, den Deflektorschirm und dessen ebenfalls simple Steuerung im Gürtel.

Sie zog den Bauch ein und zerrte den Gürtel zur Seite. Er rutschte, bis sich das Schloss jenseits des Hüftknochens sich zwischen den Falten des triefendnassen Gewandes versteckte.

Jetzt, mitten auf dem Meer, dachte sie, nützt mir dieses Geheimnis gar nichts. Weder mir noch einer der Gefangenen. Aber der Augenblick wird kommen, wo ich – wenigstens ich, und wenn ich es geschickt anstelle, auch die Geliebte des Daidaloos – diesen Verbrecher-Barbaren entkomme. Dann werde ich zwar irgendwo sein, auf einer Insel, wo mich Atlan vielleicht findet, aber ich werde frei sein, weil mich niemand zu sehen vermag.

Mit prallem Segel und weitaus ruhiger als zuvor, fuhr das Schiff mit dunklem Rumpf durch die Dunkelheit. Der Mond war hinter den Horizont gesunken, die Wolken lichteten sich und gaben den Blick auf mehr Sterne frei, aber noch würde es bis zum Morgengrauen ein paar qualvolle Stunden lang dauern.

Drei Stunden mochten vergangen sein, seit das Schiff der Entführer ins Meer geschoben worden war. Als Einzige, so schien es, hatten Perseïs und Asyrta-Maraye nicht ins Wasser der Bilge gespien. Die Entführer schienen sich nicht um ihre Opfer zu kümmern; es genügte ihnen, dass sie sich angstvoll aneinander drängten und keinen Versuch machten, sich in die Wellen zu stürzen. Maraye hatte sie gezählt: Es waren, Zufall oder nicht, dreizehn Männer, kaum älter als dreißig Sommer. Den vierzehnten Entführer hatte sie getötet. Er schien älter gewesen zu sein als seine Schiffsgenossen.

»Was werden sie mit uns tun, Asyrta?«, sagte Perseïs plötzlich. Sie hatte zu zittern aufgehört.

»Wenn sie uns gut behandeln, werden sie uns als Sklavinnen verschachern«, antwortete Maraye. »Wenn sie uns hätten töten wollen, würden wir nicht mehr leben – lebendig und ungeschändet sind wir viel mehr wert.«

»Ich war schon einmal in der Hand von Menschenfängern«, brachte Perseïs nach einer Weile hervor. »Daidaloos hat mich gerettet, als das Schiff auf die Klippen geraten ist. Damals hat der Minos die Entführer blutig und schmerzhaft bestraft.«

Die »Menschenfänger« dieses Schiffes hatten ihre Schilde außerhalb des Schanzkleides an Pflöcken angebunden und ihre Waffen so verstaut, dass keine der Frauen an einen Speer oder eines der kurzen Schwerter herankommen konnte. Jetzt öffneten sie die große Truhe im Heck, hinter dem Steuermann, und warfen den Frauen trockene Decken zu. Sie mussten einen versteckten Glutkorb gehabt haben, denn inzwischen brannten wieder vier Fackeln, zwei vor dem Mast, zwei im Heck, deren Flammen der Wind wild flackern ließ.

»Das wusste ich nicht«, antwortete Maraye betroffen. »Erzähl’ mir später davon. Jetzt müssen wir erst einmal sehen, dass wir ohne viel Schaden überleben.«

»Daidaloos wird nach mir suchen, Asyrta«, sagte Perseïs und begann lautlos zu weinen. Maraye streichelte Schultern und Rücken der jungen Frau und war absolut sicher, dass Atlan nach ihr, Maraye, suchen würde, und zwar auf seine Art, zusammen mit Rico und Thot-K’aima. Er hatte inzwischen den Lähmdolch in der Brust des Leichnams und das Armband neben dem Pfad gefunden, auch davon war sie überzeugt. Sie hüllte sich und Perseïs in die Decken ein, so gut es in der Enge möglich war. Maraye beobachtete jeden Handgriff der Entführer und versuchte, wie Atlan es sie gelehrt hatte, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Schiff und Mannschaft wirkten nicht so, als hätten sie Proviant und Wasser für eine lange Fahrt; dafür war auch das Schiff zu klein. Also würden sie bald eine der buchstäblich zahllosen Inseln und Inselchen anlaufen – und dann?

Welche? Aus welchem Grund? Wer oder was erwartete die fünfzehn entführten Kreterinnen?

Der Minos würde richtig handeln, wie es seiner Art entsprach. Bald würden bewaffnete Wächter und Läufer überall dort warten und lauernd ausharren, wo ein Überfall dieser Art stattfinden konnte. Dass ein solches Ereignis abermals stattfand, wenn die Götter die Teilnehmer und Zuschauer des alljährlichen Tanzes, mit einem furchtbaren Gewitter und einem Inselbeben zur gleichen Stunde und auch noch in tiefster Nacht straften, hielt Maraye für ausgeschlossen.

Als sie mit Atlan Ricos Karten der Inseln betrachtet hatte, hatte sich ihr Sternenkapitän allerlei gemurmelter Bemerkungen nicht enthalten können; es hatte von Machtansprüchen, Rivalitäten, alten Streitigkeiten, Blutrache und den Gefahren gesprochen, die ihren Ursprung in der Uneinigkeit der Barbaren hatten, deren Sippen und Stämme sich auf viele Orte verteilten, ebenso wie der unselige Hang, einander wegen Beute, Frauen oder Landbesitz zu überfallen.

Und da war das Schiff. Das Schiff des Minos und des Daidaloos. Jetzt verstand sie plötzlich, warum der Minos sich nicht mit einem guten Schiff begnügen, sondern eine Flotte haben wollte. Hatte selbst Atlan den Bärtigen unterschätzt?

Noch vor der Morgendämmerung ließen die Entführer, die sich mit wenigen Worten in einer unbekannten Sprache oder in einer Abart des Kretischen verständigten, die Maraye nicht kannte, einige kleine Krüge umhergehen und bedeuteten den Gefangenen zu trinken. Einige Frauen waren eingeschlafen, die anderen erkannten Perseïs, aber begreiflicherweise war ihnen Maraye fremd, und es lag nahe, dass sie dachten, sie gehöre zur Schiffsbesatzung. In den Krügen war gemischter Wein, der leicht salzig schmeckte, aber den Durst löschte. Als sich der Horizont im ersten Schimmer der Dämmerung zu färben begann, konnte Maraye die Himmelsrichtungen unterscheiden; sie fuhren noch immer in nördliche Richtung.

Einige Entführer lagen im Bug und schliefen laut schnarchend. Perseïs war in Marayes Arm ebenfalls eingeschlafen; nach dem Schrecken war die Erschöpfung überwältigend geworden. Maraye hatte genug gesehen, und die Bordwand verhinderte, dass sie das Meer und die Inseln hätte erkennen können. Sie rief sich die Kartenbilder ins Gedächtnis und wusste, dass sich das Schiff im Norden Keftius einem Gewirr kleiner und großer Inseln näherte, und entsann sich, dass nahezu auf jedem Inselchen eine Bucht oder ein Strand zu finden war, also ein mögliches Ziel der Entführer. Mit diesem Bild vor ihrem inneren Auge schlief auch sie ein.

Und wachte auf, von rauen Kommandos geweckt. Die Rah krachte auf die Bordwände, das Segel war gefallen. Die Sonne schien ins Schiffsinnere, und das Licht und die Schatten bewegten sich, als das Schiff sich drehte und mit dem Heck auf einem Strand aufsetzte. Über der Bordwand sah Maraye Baumkronen, über denen aufgeschreckte Vögel kreisten. Sie erkannte Kiefern, Zypressen und uralte, verwitterte Eichen.

»Aus dem Schiff und in die Büsche!«, ertönte eine Stimme. Die Entführer hängten ihre Schwerter über die Schultern und holten die Speere hervor, zerrten die Leiter aus dem Heck und trieben die Gefangenen aus dem Schiff.

»Erleichtert euch! Wascht euch das Salz ab!«

Gehorsam kletterten die Frauen, eine nach der anderen, die Leiter hinunter. Das Schiff lag in einer winzigen Bucht an einem winzigen Strand, auf dessen Rückseite, zum Buschwerk und Wald hin, sich die Bewaffneten verteilt hatten. Einer deutete mit dem Schwert auf eine Ansammlung niedrigen Gesträuchs.

»Dort ist eine Quelle. Zuerst die Krüge auffüllen! Dann könnt ihr euch waschen.«

Die entführten Frauen konnten offensichtlich nicht verstehen, was die Männer mit ihnen vorhatten. Sie waren darauf gefasst gewesen, misshandelt, ihres Schmucks beraubt und vergewaltigt zu werden, aber die Entführer behandelten sie wie eine wertvolle Fracht. Also – was würde mit ihnen geschehen? Am Fuß der Leiter, die sich tief in den Sand bohrte, standen zwei Bewaffnete, die wortlos auf Stirnreife, Ringe und Halsschmuck zeigten und den Mädchen und Frauen nur die Schmuckstücke abnahmen, die tatsächlich wertvoll waren. Gold, Silber, in Elfenbein und Bronze gefasste Achate und Karneolperlen, Amethyst und vergoldete Bronzeketten. Einfachen Halsschmuck aus Muscheln oder Tonkugeln wiesen sie mit verächtlichen Gesten zurück und trieben die Beraubten in die Richtung des Gebüschs. Maraye half Perseïs beim Herunterklettern, sah dem Räuber schweigend in die Augen, entblößte ihren Hals, strich das Haar zurück und spreizte die Finger.

»Nichts!«, sagte sie leise. Der Blick des jungen Mannes verharrte kurz auf ihrem Gürtel, dann zuckte er mit den Schultern und wies mit dem Kinn auf das Ende der Bucht. Ein anderer klatschte in die Hände und brüllte: »Schneller! Schlafen könnt ihr im Boot! Es geht weiter!«

Maraye tat, was zu tun war, wusch sich, so gut es ging, das Salz aus dem Haar und von der Haut und sah sich um. Es gab kein Zeichen dafür, dass die Insel bewohnt war. Sie schien sehr klein zu sein, am Strand hatte Maraye außer den eigenen keine Spuren gesehen, keine erkalteten Feuerkreise, und nicht einmal ein morsches Fischerboot oder dessen Reste.

Einige Männer trieben die Frauen zum Schiff zurück. Sie schienen in Eile zu sein, verteilten hartes Fladenbrot, das auch sie aßen, und wieder gemischten Wein, den sie tranken, als sei es frisches Quellwasser. Das Schiff wurde vom Strand geschoben, das Segel knarrte und raschelte am Mast in die Höhe und überschüttete die Insassen mit einem Schauer weiß glitzernder Kristalle. Einige Kommandos, ein raues Gelächter, und die Fahrt ins Unbekannte, in eine ungewisse Form der Gefangenschaft, ging weiter. Ihr Ziel schien in größerer Entfernung zu liegen, als Maraye angenommen hatte.

2.Die Bucht der ersten Insel

An diesem Morgen, noch während die ersten Sonnenstrahlen über die Wellen zuckten, flogen die Schwalben ungewöhnlich hoch. Der tiefblaue Himmel war, bis auf das Gewölk über dem aufgehenden Gestirn und ein einzelnes Fafana-Wölkchen, völlig wolkenfrei; alles schien das Vorzeichen eines heißen Tages zu sein. Noch beherrschte uns, die sieben Männer an Bord der ZORN DER GÖTTER, die Anspannung der ersten Stunde – seit dem Augenblick, an dem der Kiel des Schiffes zum ersten Mal ins Meerwasser getaucht war. Das Wagnis war groß gewesen; wir hatten uns nicht einmal die Zeit für eine Probefahrt genommen.

Daidaloos hatte die wenigsten Schwierigkeiten gehabt, all die wunderbaren Einzelheiten für selbstverständlich zu halten, die mit dem Bau und dem Hantieren mit der ZORN zu tun hatten. Konnte er begreifen, wie und warum ein Teil sich so oder so verhielt oder funktionierte, hatte er rasch das Prinzip erkannt und reagierte schnell und richtig. Selbstverständlich hatte seine Einsichtsfähigkeit erkennbare Grenzen. Die fünf Kreter hatten vor all dem Rätselhaften, Göttlichen, Wunderbaren scheinbar resigniert und nahmen es so hin, wie sie es erlebten. Ledian, der breitschultrige Weißbärtige, zeigte sich unter diesen Umständen als der Typ des »Alleskönners«, was sich schon in den letzten Stunden in der Werft herausgestellt hatte. Er verstand die Funktion der Werkzeuge am schnellsten und wandte sie am sichersten an – aber wir alle waren erst am Anfang.

Ich stand neben Daidaloos am Steuerbordruder. Unser Haar hatten wir mit Stoffstreifen um die Stirn gebändigt; wir trugen weite Hosen, die an breiten Gürteln befestigt waren, dünne Hemden aus Ricos Vorräten und darüber lederne Wamse mit vielen Taschen. Der Fahrtwind zerrte an den Männern und an jedem Stück Stoff. Kefalos, der angeblich die besten Augen hatte, saß im Bug und hielt Ausschau. Aber außer einigen fliegenden Fischen und großen Schwärmen, die vor hungrigen Räubern flüchteten und aus dem Wasser schossen, war nichts zu sehen.

»Wir haben es schon kurz beredet«, rief Daidaloos. »Dort, woher ich komme, rauben sich die Stämme gegenseitig Land, Vieh, Handwerker und Frauen. Auf Kreta geschah es zum ersten Mal.«

»Wenn es nach mir geht, auch das letzte Mal«, gab ich ebenso laut zurück. »Auch darüber haben wir nur wenige Worte gewechselt: Die Seeleute aus Tameri und die Frauen auf Kreta haben ohne jede Gewalt zueinander gefunden. Die Kinder, die sie gezeugt haben, sind von Fremden, nicht von Männern der eigenen Familie oder alle von einem Stammesherrscher.«

»Du musst wissen, dass es sehr lange dauert, bis sich solcherlei Bräuche ändern.«

»Mit Nachdruck und Gewalt dauert es weniger lange«, gab ich grimmig zurück. »Raub und Sklaverei erhalten dadurch, dass nicht ändert, keine andere, bessere Bedeutung.«

»Wahr gesprochen, Kapitän!«, rief Epaios, der die Aufgabe übernommen hatte, den Teig für Fladenbrote herzustellen und die Brote zu backen. »Einen Becher Morgensud? Er ist, wie du es uns gezeigt hast, noch heiß.«

»Einen großen Becher für jeden. Tu etwas Wein hinzu, ja?«

Noch lag morgendliche Kühle über dem Meer. Weit an Steuerbord sahen wir eine kleine Schule Delfine, die durch die Wellen huschten und scheinbar übermütig daraus hervorsprangen.

Daidaloos zeigte auf die Tiere und sagte: »Ein Delfin, der sich unter uns tummelte, hat Perseïs und mich gerettet – damals.«

»Daher heißen diese Fische, die lebende Junge gebären, auch Tümmler«, versuchte ich einen kargen, der Stunde und unserer Stimmung angemessenen Scherz. Inzwischen hatten wir erfahren, dass sich unter den Geraubten Skyllos Schwester Paras und Aunis, eine Frau, die Mikon versprochen war, befanden. So, wie wir mehr oder weniger die gleiche Kleidung trugen, erfüllten uns auch die gleichen Rachegedanken.

Als Epaios den Trunk ausgeteilt hatte, rief Kefalos, den Arm hoch erhoben: »Die erste Insel, Atlan!«

Er deutete auf ein kleines, dicht bewaldetes Eiland. Ich winkte Mikon und überließ ihm die Pinne. Er stellte sich neben Daidaloos und blickte unsicher drein.

»Nur festhalten«, riet ich, »und dann Daidaloos fragen. Du musst spiegelbildlich tun, was er tut. Morgen wirst du’s gelernt haben.«

»Vielleicht. Die Maus in mir pfeift furchtsam.« Er packte fester zu. Ich stieg vom Achterdeck hinunter, an den Körpern der Roboter vorbei, die förmlich jeden noch so kleinen Zwischenraum ausfüllten, bis zur Truhe meiner Besitztümer. Aus einem Fach zog ich die erste der zusammengerollten Karten, die etwa zwei Dutzend größere und noch mehr kleine Inseln zwischen dem dreifingrigen Teil des westlichen und dem nicht weniger zerklüfteten des östlichen Kontinents zeigten. Seit der Mitte der Entführungsnacht, seit sich das Gewitter verzogen und weit im Osten aufgelöst hatte, wehte Ummuz, also Südwind. Das Schiff der Entführer musste annähernd den gleichen Kurs gesegelt sein, den wir eingeschlagen hatten.

Ich hockte mich vor den Füßen der Steuermänner aufs Deck, breitete die Karte aus und dachte, als ich die Höhenbilder betrachtete, allen Ernstes an die ersten Herbststürme. Der Extrasinn meldete sich in beschwichtigendem Tonfall: Es herrscht Hochsommer in diesem Teil des Meeres. Du erzeugst deine eigene, überflüssige Dringlichkeit. Suche nach Maraye und bedenke, dass erst kurze Zeit vergangen ist und der Vorsprung der Entführer zusehends schrumpft.

Daidaloos beugte sich zu mir herunter. Ich wandte mich an Skyllo, der den Arm in die Wanten eingehängt hatte und uns schweigend zusah.

»Die nächsten Inseln, Skyllo, hier vor dem Bug, entlang einer Querlinie von Ost nach West – sind sie euch, den Fischern, bekannt? Seid ihr vielleicht einmal vom Sturm dorthin abgetrieben worden?«

Er schüttelte langsam den Kopf, zuckte mit den Schultern und sah unentschlossen von einem seiner Freunde zum anderen. Dann kam er zu mir, betrachtete lange die Karte und tippte mit dem Finger auf drei Inselchen, von denen eine gerade voraus und die beiden anderen meilenweit rechts und links davon aus dem Blau der Karte hervorstachen. Sein Kopfschütteln wurde stärker und verriet mir, dass Skyllo es noch nicht verinnerlicht hatte, die Welt mit den Augen des Adlers sehen zu können.

»Diese Inseln sind leer, nicht bewohnt«, sagte er schließlich. »Von uns war keiner dort. Aber unsere Väter haben’s erzählt, und sie kennen die Erzählungen der Alten. Gutes Fischwasser, kleine Buchten und Strände, auf die man sich retten kann, aber keine Quelle. Obwohl – man sagt, dass sie von Kreta aus manchmal zu sehen sind.«

»Also finden wir dort niemanden, den wir befragen können«, stellte ich fest.

»Niemanden. Nur Möwen und Eulen, die nachts zitternde Mäuse jagen.«

Ich rief zu Daidaloos hinauf, der vielleicht nicht jedes Wort gehört hatte, aber unsere Enttäuschung erkannte: »Wir drehen jeweils eine Runde um jede Insel. Es dauert nicht lange, und dann nehmen wir Kurs auf dieses Eiland.« Ich zog mit dem Stift einen Kreis um eine der größeren Inseln, auf der das Luftbild einen kleinen Steg, mehrere Boote und im dicht bewaldeten Inneren die Dächer von insgesamt sieben Häusern zeigte.

Von keiner der Inseln auf den Karten kannten wir den Namen. Trotz der Beobachtung durch Ricos Sonden hatten die Mikrofone keinen deutlichen Hinweis darauf aufnehmen können. Es war für unsere Jagd nach den Entführern auch nicht wichtig, wie die Siedler ihre vom Meer umgebene Heimat genannt hatten. Also steuerten wir mit unverminderter Geschwindigkeit zunächst jenen Punkt an, der sich jetzt deutlich vor dem Bug abzeichnete.

Wir hatten bisher nicht einmal in der Ferne ein Segel gesehen, auch kein Fischerboot. Kreta war im Heck nur noch ein langgestreckter Schattenriss; je weiter die Berge des Inselinneren entfernt waren, desto heller war ihre Graufärbung. Ich hob den Kopf, um zu sehen, ob Ricos Spionsonde uns beobachtete. Ich würde es erfahren, wenn der Robot etwas Wichtiges entdeckte. Aber in den vergangenen Tagen hatten die Entführer genug Zeit gehabt, sich und ihre Beute zu verstecken. Aber sie wussten nicht, dass ich sie verfolgte und unser Schiff um ein Vielfaches schneller war als ihres.

Ich verzichtete vorläufig darauf, mit Thot-K’aima und Rico zu reden. Es gab nichts Wichtiges, das ich hätte mitteilen können, und sie konnten mich zu jeder Zeit störungsfrei erreichen; es gab nur vier Funkstellen auf dem Planeten.

Mikon und Daidaloos steuerten das Inselchen von links an und begannen es zu umrunden, in einer Entfernung von hundert Schritten. Das Ufer bestand aus Felstrümmern und von Gischt umgebenen Steinbrocken, die meist von Algen bewachsen waren und waagrechte Flutlinien zeigten. An diesen Stellen würde nur Treibgut im Sturm den festen Boden erreichen. Davon gab es in einer Mannslänge Höhe genügend; ein Wall tangbedeckter und entrindeter Holzstücke, weiß wie alte Knochen, säumte die Felsen. Kefalos starrte angestrengt hinüber, ich benutzte das einfache Linsenfernglas mit der zerschrammten Lederumhüllung.

»Nichts«, murmelte ich nach einer Weile. »Hier landen nicht einmal Verzweifelte.«

Wir umrundeten die Insel. Hinter einer Zone flachen Wassers, das smaragdfarben leuchtete, sah ich einen Strand, der nicht länger war als zehn Schritte. Auch Skyllo winkte ab und rief: »Hier war seit endlos langer Zeit niemand. Keine Spuren. Nicht einmal tote Fische.«

Ich zeigte auf die nächste Insel, östlich von diesem unergiebigen Stückchen Land. »Dorthin, Daidaloos!«

Er nickte nur und bewegte langsam seine Pinne. Das Backbordruder drehte sich dank des Gestänges mit, ohne dass der zweite Steuermann etwas zu tun brauchte. Aus der kreisrunden Heckspur wurde eine schäumende Gerade, als Daidaloos die Pinne wieder gerade stellte.

Mikon betrachtete die Veränderung der Schaumspur, sah ein zweites Mal hin und rief lachend: »Jetzt versteh ich’s, Kapitän. Die Möwe in mir schüttelt ihre Schwingen!«

»Gut so, Steuermann Mikon von Knossos«, gab ich grinsend zurück. »Wir üben es beim Kurs um die nächste Insel noch einmal.«

Bei größeren Wellen brauchte die ZORN zwei Steuermänner an den Pinnen. Sie glitt, ohne langsamer zu werden, auf die zweite Insel zu, umrundete sie in noch geringerer Entfernung, und auch hier fanden wir keinerlei Spuren, die darauf hindeuteten, dass das Entführerschiff oder ein anderes angelegt hätte. Wir ließen das Felseneiland, das ebenso von einem Wald alter Bäume bestanden war, und die zeternd kreisenden Vögel hinunter uns und näherten uns dem dritten kleinen Inselchen. Keiner von uns hatte große Hoffnungen, dass wir dort etwas finden würden, und so war es auch; nun lag die erste bewohnte Insel auf unserem Kurs.

Als das Schiff wieder ruhig auf der Kursgeraden schwebte, übergab Daidaloos mir die Pinne und sagte, die Augen mit der flachen Hand abschirmend: »Das waren nun drei winzige Inseln, Atlan. Vor uns liegen Hunderte, wenn du sie alle auf der Karte zusammenzählst.«

»Ich weiß, was du sagen willst, Freund Steuermann«, antwortete ich und nickte ernst. »Wenn wir jede einzelne Insel ansteuern und nach Spuren suchen, brauchen wir ein halbes Jahr, und bis dahin sind Maraye und deine Perseïs von ihren barbarischen Herren längst geschwängert worden.«

»Das wollte ich sagen.« Er hob die Schultern, zeigte uns die Faust und sah nach dem Stand der Sonne. »Ich glaube nicht, dass du diesen Weg einschlagen willst. Die Zeit drängt auch dich.«

Mikon und Skyllo verfolgten unseren Wortwechsel schweigend und erwartungsvoll. Wir hatten noch vielleicht drei Stunden bis Mittag. Seit dem ersten Wassern der ZORN war das Meer ruhig geblieben; zuerst glatt wie eine Granitplatte, jetzt waren kleine Wellen aufgekommen. Die Heckspur war fast mathematisch gerade und verlor sich vor dem fernen Schattenbild Kretas.

Ich brauchte nicht lange nachzudenken und erklärte: »Irgendwo dort im Norden fliegt das Auge der Götter, das dein Freund Hepheistos geschmiedet hat, von ihm sind auch die Karten hergestellt worden, wie du weißt. Er schmiedet zwei oder drei neue Augen, die dort suchen, wo wir nicht sein können.«

Daidaloos hob sein linkes Handgelenk, hielt das Armband ins Sonnenlicht und fragte: »Er wird es dir sagen, wenn sie etwas sehen, das uns nützen kann?«

»Im gleichen Augenblick, sozusagen. Vielleicht spähen jetzt schon zwei oder gar drei dieser Augen«, antwortete ich und suchte vergeblich den Himmel ab. »Überdies bin ich ebenso verzweifelt wie du und die anderen beiden wegen unserer Liebsten.«

»Das weiß ich. Aber … ich sehe es in deinem Gesicht …?«

»Ich zeig’s euch, was ich meine. In einer Stunde legen wir an diesem schrundigen Steg an. Warum, glaubst du, verstecken sich fünfzehn kleine rothäutige Krieger unter Deck?«

»Um unser Schiff zu verteidigen!«

Ich wiegte den Kopf und entgegnete: »Das auch. Aber wir sieben werden mit jedem anderen Schiff auch ohne Krieger fertig. Sie werden an Land nützlicher sein als auf dem Meer – für einen Angriff!«

»Angriff, wie? Willst du den Inseln den Krieg ansagen?«, rief Daidaloos ungläubig. Ich nickte. Jetzt starrten mich die Männer ungläubig an. Ich zuckte mit den Schultern und bat Epaios, aufs Achterdeck zu kommen.

»Wenn es sein muss, ja. Ein Herrscher schickt seine Schiffe aus, um Menschen zu rauben … Glaubst du, dass dieses Verbrechen unbemerkt geschieht? Dass man auf der einen oder andern Insel weiß, woher das Schiff kommt oder aus welchem Hafen die Schiffe auslaufen, ist für mich sicher.«

»Das ist eine Überlegung von großer Klugheit, Kapitän«, sagte Ledian, grinste und fuhr fort, ein Stück Handlauf, das er mit Bimsstein geglättet hatte, mit Bienenwachs einzureiben und zu polieren.

»Ich hoffe es«, antwortete ich ihm. »Um Mittag herum wissen wir ein wenig mehr, glaube ich. Und, Epaios, bringe mir den kleinen Ofen mit der runden schwarzen Pfanne darauf und einen Kessel. Wir werden die leckersten Fladenbrote von ganz Kreta backen und essen.«

Nach einem Rezept Marayes, dachte ich, die es von Thot hatte, und offensichtlich zählte es zum Familienerbe der Dunkelhäutigen aus dem armen Süden Tameris.

Mehr als eine halbe Stunde verging, ehe die vierte Insel vor dem Bug lag. Ich hatte an Daidaloos und die Kreter mittelgroße Vibromesser verteilt und sie im Gebrauch unterwiesen; jetzt bekamen sie Lähmstrahlerdolche. Um die Manöver annähernd richtig auszuführen, die uns bevorstanden, ließ ich auch Daidaloos jeden einzelnen Schritt der Schaltung auswendig lernen. Eigentlich war es einfach, aber das Erscheinen der ZORN DER GÖTTER durfte nicht in Lächerlichkeit enden. Die Bucht, die gegen jeden Wind außer der Fafana geschützt war, öffnete sich nach Sonnenuntergang. Wir kamen aus Süden, und im Schutz der dichten Uferbewaldung schaltete ich die Antigravelemente im Kiel ab.

Das Schiff senkte sich schwer und langsam ins Wasser. Die Bugwelle wölbte sich rauschend nach den Seiten. Langsam glitt die schlanke Rah in die Höhe, und das Segel, noch schlaff und Falten werfend, zeigte das erschreckende Bild des blitzenden Zeus. In einem weiten Bogen steuerte Daidaloos die ZORN auf das südliche Kap der Bucht zu. Ich kletterte in den Laderaum und öffnete die Schulterklappen von fünf »Kriegern«.

Das mechanisch-positronische Innenleben der Robots entsprach der arkonidischen Flottennorm. Die relativ unkomplizierten Maschinen waren nicht besonders groß, denn ihre Tätigkeit beschränkte sich normalerweise auf Arbeiten in und an Raumschiffen. Ricos Werkstätten hatten das Stahlskelett mit leichtem Schaum aufgefüllt, diesen entsprechend modelliert und mit einer Haut aus widerstandsfähigem Plastam verkleidet. Rico hatte die Programmierung modifiziert, und nun aktivierte ich fünf »Krieger« durch Druck auf einen einfachen Schalter. Sie erkannten die Sprachmuster der kleinen Besatzung und gehorchten zunächst mir und Daidaloos.

Eine Maschine nach der anderen schälte sich aus dem engen Versteck, schlängelte sich an den verstauten Waffen vorbei und kletterte bewaffnet an Backbord aus der großen Luke. Selbst Daidaloos, der Rico-Hepheistos in den Werkstätten der Schutzkuppel zugesehen hatte, war sichtlich beeindruckt.

»Die stummen Krieger«, sagte er schaudernd, als sie sich nebeneinander hinter den großen Schilden aufgestellt hatten »erschrecken jeden, Atlan. Ich hoffe, dass wir sie niemals wirklich brauchen.«

Ihre Helme, fest an der Schädelstruktur befestigt, glänzten ebenso wie die Schilde im Sonnenlicht. Ihre rote Haut wirkte, als wären die kleinen, gedrungenen Gestalten von frischem Blut übergossen. Die ZORN glitt mit schäumendem Heckstrudel um das Kap und richtete den Bug auf den Steg. Der Westwind fuhr ins Segel und zeigte das drohende Bild in praller Größe. Ich sprang ins Heck und übernahm die Steuerung.

»Wir gehen ohne Eile, hinter den Kriegern, in die Siedlung und befragen die Bewohner«, rief ich den Kretern zu. »Wir vermeiden Grausamkeit, aber wir stellen harte Fragen. Es mag sein, dass wir nicht erfahren, wonach wir suchen. Aber die kleinste Spur hilft uns weiter. Ledian und Mikon – ihr bleibt an Bord und bereitet alles auf schnelles Ablegen vor.«

»Es klingt, als wäre es richtig«, brummte Skyllo. Daidaloos nickte ernst. Epaios befestigte die Strickleiter an Steuerbord. Als ich das Schiff vor dem Ende des Stegs um 180 Grad drehte, kamen die ersten Bewohner zwischen den Bäumen hervor und rannten zum Strand. Wir legten in der Mitte des knarrenden Stegs an, ich schaltete den Antrieb ab und sagte zu Skyllo: »Wenn die Inselbewohner meine Sprache nicht verstehen, musst du uns helfen. Ich hoffe, wir erfahren etwas.«

»Und ich hoffe, Kapitän, dass ich ihre Sprache verstehe.«

Ich lief, von Daidaloos und Skyllo gefolgt, zur Strickleiter und kletterte die vier Sprossen zum Steg hinunter. Dann folgten die Krieger, deren Bewegungen zunächst unsicher waren. Aber bis sie hinter uns das Ende des Stegs erreicht hatten und durch den knirschenden Sand schritten, bewegten sie sich ebenso geschickt wie in einem Raumschiff oder in der Schutzkuppel. Wir traten zur Seite, ließen die Krieger vorausmarschieren und gingen Schritt um Schritt den Inselbewohnern entgegen. Sie hatten uns kommen gesehen und erwarteten uns in argwöhnischem, ängstlichem Schweigen. Unser wortloser Auftritt wirkte entschieden bedrohlich.

Ich hob grüßend den Arm und musterte die Inselbewohner. Ihr Aussehen unterschied sich nicht von dem der Kreter. Sie starrten verwirrt die Krieger an, die ihre Doppeläxte schlagbereit auf den Schultern abstützten. Etwa eineinhalb Dutzend Menschen – Kinder, Frauen und Männer in jedem Alter – wagten sich keinen Schritt näher und warteten, sichtlich eingeschüchtert.

»Wir kommen von Kreta«, sagte ich laut. »Der Minos, dessen Wut selbst die Götter fürchten, schickt uns. Über eurer Insel hat vor wenigen Tagen ein mächtiges Gewitter getobt! Ist es so?«

Ein älterer Mann mit wettergegerbtem Gesicht und grau gemustertem Bart trat einige Schritte vor. Zwei Jüngere folgten ihm zögernd.

»Wir haben uns vor den Blitzen und dem Donner gefürchtet, Herr«, gab der Alte zur Antwort. Skyllo und ich wechselten einen kurzen Blick; ich verstand, was der Alte sagte, und fragte weiter: »Haben die Götter auch den Boden eurer Insel erschüttert, in dieser Nacht?«

Die Männer nickten, und die Frauen tuschelten miteinander. Alle Inselbewohner vor uns konnten ihre Blicke nicht von der ZORN DER GÖTTER losreißen; die Kinder waren durch dem Ausdruck in den Gesichtern der Krieger verängstigt und klammerten sich an ihre Eltern.

»Der Boden hat gezittert, die Bäume haben sich bewegt, mehr als im Wintersturm«, hörte ich. Mit rauer Stimme, kaum weniger drohend als ich, begann Daidaloos: »In dieser Nacht, um Mitternacht, hat ein Schiff am Strand von Knossos angelegt. Ihr kennt die Fischer von Knossos, nicht wahr?«

»Wir kennen einige von ihnen.«

»Eine Gruppe bewaffneter Männer hat fünfzehn junge Kreterinnen aus ihren Häusern gezerrt, zum Strand der Fischer getrieben und entführt. Das Schiff ist nach Norden gesegelt, also an eurer Insel vorbei. Haben die Männer dort am Steg angelegt? Für Wasser und Brot? Habt ihr mit ihnen geredet? Habt ihr sie gesehen?«

»Fünf Schritt vorwärts. Drohhaltung einnehmen!«, sagte ich scharf auf Arkonidisch. Augenblicklich gehorchten die Krieger, hoben ihre Doppeläxte und stapften näher. Kreischend rannten einige Kinder davon, die Männer vor uns wussten nicht recht, ob sie ebenfalls davonlaufen oder ob sie Mut zeigen sollten. Die Insel war nicht groß; wo sollten sie sich länger als einen halben Tag erfolgreich vor uns verstecken?

»Wir haben nur … ein Schiff gesehen. Nach Sonnenaufgang, nach der Nacht des Erde-Zitterns.«

»Habt ihr die Männer erkannt? Von welcher Insel kam das Schiff?«, fragte Daidaloos rau.

Durfte ich ihnen trauen? Die Inselbewohner fürchteten uns; nicht anderes hatte ich bezweckt. Aber sie schienen mit den Entführern nichts zu tun zu haben.

Trotzdem sagte ich in grobem Tonfall: »Ich bin Kapitän Atlan. Man nennt mich den Heldentöter. Mein Schiff trägt den Namen ZORN DER GÖTTER. Seit jener Nacht blies nur der Ummuz aus Süd. Sag mir, wie das Schiff aussah, und wohin es segelte.«

Es war eine rührende Geste, aber sie schien zu beweisen, dass die Inselbewohner nicht mit den Entführern sich unter einem Schild zu verbergen suchten: Vier, fünf Männer stellten sich an die Seite der ersten Mutigen, stießen sie in die Rippen und forderten sie so zum Reden auf. Sie blickten uns trotzig an. Nach verlegenem Zögern begann einer der Jüngeren zu reden.

»Unsere Insel heißt die ›Schöne Runde‹. Wir sind arm. Aber wir brauchen keine Sklavinnen, und wir halten es nicht mit Entführern.«

»Das Schiff!«, erinnerte ich ihn barsch. »Kennt ihr es?«

Die Antworten, mit denen wir etwas anfangen konnten, kamen von vier Männern. Sie waren um diese Zeit mit den Fischerbooten auf dem Meer gewesen oder hatten gerade ihr Boot aus der Bucht gerudert. Mit vollem Segel war ein Schiff – »vielleicht sieben Ellen kleiner als dein schwarzes Schiff, Kapitän Atlan« – nach Norden gesegelt. Sie hatten an Bord fünf Männer sehen können, unbewaffnet, am Ruder und am Segel. Die Männer hatten nicht gewinkt, nichts gerufen, waren an den Fischern vorbei weitergesegelt und schließlich, eine Stunde später, im grellen Morgenlicht verschwunden.

Die Beobachtungen bedeuteten für uns, dass die Entführer verblüffend schnell die Entfernung von Kreta bis zur »Schönen Runden« zurückgelegt hatten – der Gewittersturm und der steife Ummuz hatten geholfen. Das Segel, fügte der Älteste hinzu, schien größer gewesen zu sein als das anderer Schiffe. Aber …

»Wir sehen andere Schiffe nicht oft, Kapitän. Die aus dem Norden, von den ›vielen Inseln‹, fahren nicht an unserer Insel vorbei.« Der Alte zeigte zum Inselinneren und nahm sichtlich seinen ganzen Mut zusammen. »Jedes Jahr, kommen drei oder vier oder fünf Schiffe, die nach Sonnenaufgang segeln. Mehr nicht.« Er hob die Arme in einer verzweifelten Geste. »Kommt, Herr Kapitän, in unsere Häuser. Seht euch um. Esst mit uns Brot und Fisch. Wir wollen in Frieden leben, und mehr wissen wir nicht.«

Ich drehte mich um, forschte in Daidaloos’ Gesicht, sah Skyllo fragend an; auch sie hatten keine Zweifel an der Ehrlichkeit der Inselbewohner. Ich befahl den Kriegern, zum Schiff zurückzugehen, und wandte mich an den alten Fischer: »Wenn ihr andere Schiffe trefft – sagt den Männern an Bord, dass die ZORN DER GÖTTER im Kielwasser der Verbrecher segelt. Unsere Rache wird von ausgesuchter Grausamkeit sein.«

»Kein Brot, kein Fisch, Bruder«, grollte Daidaloos. »Wir legen sofort ab und heften uns auf die Spur der Entführer. Wir folgen ihnen in ihrem Kielwasser. Ihr sollt weiterhin in Frieden leben.«

»Wenn wir erfahren, dass ihr den Entführern geholfen habt«, sagte Skyllo und zeigte ihnen seine Faust, »kommen wir zurück und brennen eure schöne runde Insel nieder. Bis zum letzten Baumstumpf, und das war dann das Zeichen für die unermessliche Wut des Minos.«

»Herr …«, begann der Alte, »wir haben …«

Skyllo winkte ab und folgte den Kriegern, die inzwischen ins Schiffsinnere geklettert und außer Sicht waren. Von ihren schweren Schritten schwankte der Steg noch, als wir ihn betraten und an Bord gingen. Mit knatterndem Segel und weiß gischtendem Heckwasser legten wir ab und setzen unseren Weg nach Norden fort. Immerhin wussten wir, dass wir auf dem richtigen Kurs waren. Als ich auf der Karte die Gerade unseres bisherigen Kurses verlängerte, deutete sie auf die Mitte dieses dreifingrigen Halb-Festlandes im Nordwesten. Aber auch dieses Denkmodell war nur eines von vielen.

Eine Viertelstunde, nachdem wir die Bucht verlassen hatten, setzte die ZORN ihre schwebende, schnelle Fahrt mit heruntergelassenem, verschnürtem Segel nach Norden fort. Ich unterwies Epaios im Gebrauch der Kornmühle, die Mehl ohne jene winzigen Gesteinsrückstände produzierte, die in Steinmühlen anfielen, im Ansetzen des halbflüssigen Teiges und dem Backen der Fladen auf der schweren Pfanne mit einem Durchmesser von knapp einer halben Elle. Die nächsten Tage würden wir versuchen, den Teig mit Sauerteig zuzubereiten, aber dazu brauchten wir erst einen Rest des heute angerührten Teiges. Mit Salz, Gewürz und Honig ging er noch allzu sorglos um; wieder begannen die Gedanken an Maraye in meinem Herzen zu brennen.

Dünner Wein, gerollte Fladen, einige Früchte und ein paar Handvoll Nüsse und getrocknete Weinbeeren waren unser hastiges, aber durchaus wohlschmeckendes Essen, während wir die nächste Insel ansteuerten, die links von unserem Kurs lag. Nach kurzer Beratung auf dem Achterdeck kamen wir überein, dass der »Heimathafen« der Entführer weit im Norden und irgendwo im Gewirr der Inseln zu finden war – oder in einer der wahrlich zahllosen Buchten der Landmassen, die wir mangels besserer Deutung als »Festlandsränder« bezeichneten.

Mittag. Fast senkrecht hämmerten die Sonnenstrahlen herunter. Das Meer lag zu diese Zeit völlig ruhig da; es herrschte Windstille. Nur der Fahrtwind kühlte unsere Haut. Ledian und Mikon standen im Bug, hielten sich am Stagtau fest und suchten nach Zeichen für Untiefen. Ich kauerte im Schatten der Lukenkante und studierte die Vergrößerungen der Luftbilder und fand, erwartungsgemäß, Riffe, Unterwasserfelsen und gischtumschäumte Felsbrocken meist nur in der Umgebung der Inseln.

Immerhin, sagte ich mir, hatten wir eine erste Spur gefunden. Und es erstaunte mich, dass die Entführer offensichtlich von – vergleichsweise – weither gekommen waren. Offensichtlich? Dafür gab es keinen Beweis außer der Überlegung, dass jede Siedlung, die über Schiffe verfügte, nach den Opfern suchen und sich blutig rächen würde. Der Minos besaß keine Schiffe, also würde Kreta die Entführer nicht verfolgen können. Dies schien die Überlegung der Entführer gewesen zu sein. Aber ich hätte das Unternehmen mit so vielen Schiffen wie möglich durchführt, um nicht schon an Land zurückgeschlagen zu werden.

So weit war ich mit meinen Mutmaßungen gekommen, als Daidaloos einen Einwand brachte. Er zeigte auf Ledian und sagte: »Er war damals dabei. Einer der Fischer, die zu dem gestrandeten Wrack hinausgerudert sind, aus dem wir die Frauen geborgen haben. Wo mich und Perseïs ein Delfin gerettet hat. Es war auch nur ein Schiff, Atlan.«

»So war es«, bestätigte Ledian und strich durch seinen Bart.

»Wo Perseïs entführt wurde«, sagte ich, »wissen wir. Der Minos hat die schiffbrüchigen Männer ausgefragt. Woher kamen sie? Wer hat sie geschickt? Haben sie Namen genannt und das Versteck preisgegeben?«

»Das Schiff«, antwortete Daidaloos langsam, »gehörte ihrem Kapitän, der vor dem Stranden ertrunken war …«

»Seine Leiche ist aber nicht an unseren Stränden angetrieben worden«, fügte Ledian hinzu.