Auch dein Tod ändert nichts - Celia Rees - E-Book

Auch dein Tod ändert nichts E-Book

Celia Rees

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Beschreibung

Als Jamie in diesem Sommer die wunderschöne Caro kennenlernt verändert sich sein Leben. Caro ist unnahbar, verhält sich oft kühl und abweisend, doch Jamie ist so von ihr fasziniert, dass er alles tut, was sie von ihm verlangt. Dann ist da noch Jamies Bruder Rob, der sich seitdem er aus Afghanistan zurückgekehrt ist, vollkommen von seiner Familie zurückgezogen hat. Jamie ahnt nicht, dass auch Rob sich von Caro angezogen fühlt. Und Caro ist gefährlich ...

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Impressum

Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe

bloomoon, München 2013

© 2012Celia Rees

Titel der Originalausgabe: This is not forgiveness

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Bloomsbury Publishing Plc, London

Zitat aus »My Brother’s Vespa«, © Peter Sansom, Carcanet Press

© 2013 bloomoon, ein Imprint der arsEdition GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Text: Celia Rees

Übersetzung: Gerold Anrich und Martina Instinsky-Anrich 

Umschlaggestaltung: Grafisches Atelier arsEdition

Umsetzung eBook: Zeilenwert GmbH

ISBN eBook 978-3-8458-0312-8

ISBN Printausgabe 978-3-7607-9938-4

www.bloomoon-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

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Für Colwyn Morris (1921–2011)

Künstler, Scharfschütze und Wüstensoldat

First we live

then we remember.

Peter Sansom,

1

Ich kann mich nicht entscheiden, was ich mit deiner Asche machen soll. Es ist jetzt beinahe ein Jahr her. Fast schon wieder Sommer. Die Urne steht vor mir auf dem Tisch. Braunes Plastik. Referenznummer, Datum und dein Name sind auf ein Klebe-Etikett gekritzelt:

Robert Julian Maguire

Das Etikett ist schwarz umrandet und fängt an, sich an den Ecken zu lösen. Ich streiche über den Aufkleber und versuche, ihn wieder festzudrücken. Er ist von irgendjemandem, dem der Inhalt ziemlich egal war, schief aufgeklatscht worden. Es gibt alle möglichen Arten von Urnen: aus Messing, Kupfer, Zinn und Keramik, einen Holzkasten verziert mit Schnitzereien, doch die haben ihren Preis, und es muss einem wichtig genug sein, um so eine Urne zu bestellen und zu bezahlen. Deine ist das moderne Gegenstück zu einem Armengrab.

Ich bin zu den Bestattungen gegangen. Eine nach der anderen wurde durchgezogen. Das war vermutlich keine Absicht, doch an diesem Tag hatte das Krematorium viel zu tun. Deine war die zweite. Sie glich in keiner Weise der ersten. Keine Trauerreden, keine weinenden Klassenkameraden mit Blumen für den Sarg, die schluchzend blödsinnige selbst gemachte Verse vortrugen. Keine schwarzen, handbedruckten Karten an den Blumen: Ruhe in Frieden, Auf Wiedersehen im Himmel oder Du bist gegangen, aber nicht vergessen. Überhaupt keine Blumen. Es war auch kaum jemand da. So wenige, dass es gerade noch anständig war. Polizei und die nächsten Angehörigen. Einige von deinen Kumpels, aber nicht viele. Nur Bryn und ein paar andere. Sie trugen Uniform.

Der Priester schwitzte. Ständig wischte er sich die Stirn mit einem großen weißen Taschentuch, stolperte über seine Worte, die er mühsam zusammensuchte, bis es so weit war, die Rollen in Bewegung zu setzen. Du hättest dich schwarz geärgert. Niemand sang die Hymne, es wurde nur eine blecherne Aufzeichnung abgespielt. Niemand weinte oder sah auch nur traurig aus. Die Versammlung wirkte eher erleichtert, als sich dein Sarg in Bewegung setzte, als wäre es kein Toter auf dem Weg in den Ofen, sondern ein gefährliches biologisches Risiko. Sie konnten es kaum abwarten, endlich wieder gehen zu können.

Ich bin dann hingegangen, um deine Asche abzuholen. Deshalb habe ich sie jetzt hier bei mir. Mum gefällt das nicht. Ständig spricht sie davon, sie zu ›entsorgen‹, und davon, die Sache zu einem Ende zu bringen. Dich hier zu behalten wäre morbid und wahrscheinlich ungesund. Ich finde das nicht. Die Morgans hatten ihren Großvater über viele Jahre auf dem Kaminsims stehen. Sie möchte die Asche loswerden, doch was soll mit ihr passieren? Du warst mein Bruder. Mum braucht ja nicht hier reinzukommen. Sie sagt, es würde deine Schwester durcheinanderbringen. Ich weiß genau, dass es Martha scheißegal ist. Außerdem ist sie ja nicht einmal hier, also was geht das sie an?

Ich kann Mums Sicht der Dinge schon verstehen. Was du gemacht hast, war ganz schön destruktiv. Ich musste die Schule wechseln. Ich konnte schließlich nicht dahin zurückgehen, oder? Mum wollte umziehen. In eine andere Stadt. Sie wollte einen neuen Anfang. Du hast hier alles vergiftet. Letzten Endes haben wir es nicht gemacht. Wir mussten Großvater übersiedeln. Nicht dass er das bemerkt hätte. Er lebt immer noch, mehr oder weniger, doch Alzheimer wird halt nicht besser.

Aber daran lag es auch nicht. Was passiert ist, hat sie verändert. Manchmal gibt sie sich die Schuld. Irgendwie muss es ihr Fehler gewesen sein, denkt sie dann. Wenn sie nur dies oder das gemacht hätte, dann wäre es nicht passiert. Oft sitzt sie einfach nur da und denkt darüber nach. In diesem Zustand ist sie irgendwie anwesend und doch abwesend. Danach wird sie schrecklich wütend. Hauptsächlich auf dich.

Wenn wir dich loswürden, könnten wir die Dinge vielleicht wirklich beenden, meint sie, doch ich glaube das nicht. Das braune Plastikding hält dich irgendwie in Schach. Ohne diese Urne könntest du überall sein – wie ein Geist. Du verdienst es nicht, jetzt schon befreit zu werden. Ich werde Ort und Zeit bestimmen. Es kann morgen sein, es kann aber auch noch Jahre dauern. Und bis der Tag kommt, bleibst du genau hier stehen, bei mir.

Doch das ist keine Absolution. Glaub das bloß nicht.

2

Drüben in Afghanistan geben eine Menge Jungs schnell noch irgendeine Stellungnahme ab, bevor sie einen Einsatz haben, besonders wenn die Möglichkeit besteht, dass sie nicht zurückkommen. Sie schreiben eine E-Mail, einen Brief oder ein Scheißgedicht – was auch immer. Oder sie machen einen Podcast wie den hier.

Ich hab das nie getan. Rumbettelei nenn ich so was.

Das lädt nur das Unglück ein.

Und Glück bringt es auch nicht. Ich mache das, weil ich keine Missverständnisse will. Ich bin kein trauriger Einzelgänger ohne Freunde, der auf die ganze Welt scheißt – ich hab keine Komplexe. Versuche nicht, irgendjemandem die Schuld zu geben. Räum einfach den Mist weg und mach mit dem Leben weiter.

Ich will, dass ihr alle wisst, dass das hier nicht so eine Art persönliche Erklärung ist – ich hab keine Botschaft.

Der einzige Grund bin ich selbst.

Und ich bin nicht verrückt.

Das wäre zu einfach.

Such nicht nach Ursachen, weil es keine Ursachen gibt. Aber die Leute wollen doch welche, oder was? Also such dir eine von denen aus:

Ich war es leid, in Schnarchstadt am Langweil zu leben, ohne für mich eine Zukunft zu sehen.

Das Gewöhnliche hing mir zum Hals raus. Ich wollte den Ameisenhaufen aufwühlen.

Ich wollte, dass die Leute von mir Notiz nehmen. Nichts beschäftigt den Geist so sehr wie der Tod und das Sterben. Ist doch so, oder?

Frag nicht »Warum?«. Weil das die falsche Frage ist.

Frag besser: »Warum nicht?«

Es ist erstaunlich, dass so was nicht DIE GANZE ZEIT passiert.

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3

Das Rendez

Ich komme mit meinem Laptop her. Es ist eine Möglichkeit, in die Zeit zurückzukehren, die ich im Kopf habe. Die Zeit, über die ich schreiben will. Jesse versorgt mich ständig mit Kaffee. Wir sind jetzt befreundet. Sie hätte gerne, dass wir mehr sind, aber dafür ist es noch zu früh. Hier ist alles voller Spiegel. Manchmal blicke ich auf und erkenne mich selbst nicht.

Den Bericht habe ich als einen Brief an meinen Bruder angefangen. Aber das ändere ich vielleicht noch.

Es ist Ende Juli. Wir sind hier in dem Café, das du nicht magst, weil du es total kitschig findest und voller Arschlöcher. Es ist Freitagnachmittag, vier Uhr, jedenfalls nach der Schule, und du bist wahrscheinlich im Wetherspoon und trinkst ein paar Bier. Ich bin mit Cal hier. Wir waren einmal die besten Kumpel. Freunde seit dem Kindergarten, doch das ändert sich gerade. Um ehrlich zu sein, es hat sich schon geändert. Ich habe es nur nicht bemerkt.

Wir sprechen über dich. Als wir klein waren, hatte Cal Angst vor dir, auch wenn er dich auf dem Spielplatz ganz gerne mal in Anspruch nahm. Dein Name hat schon gereicht, um die Schlägertypen in Schach zu halten. Wenn er dich traf, hat er nie viel gesagt, nur: »Hallo, wie geht’s?« Vielleicht, weil du ihn nie besonders beachtet hast, selbst wenn er dir eins auswischte. Eigentlich hält sich Cal für einen schlimmen Finger. Es gefällt ihm, sich so zu sehen. Doch er ist genau das Gegenteil, ihm fehlt total das Zeug dazu. Er würde nie Scheiß bauen, aber er ist fasziniert von denen, die es tun.

Während er spricht, was er die ganze Zeit macht, schaue ich mich um und denke, dass du vielleicht recht hast. Dieses Café ist kitschig und voller Arschlöcher. Allein der Name Rendez – Abkürzung von Rendezvous.

Es sollte wohl irgendwie französisch wirken, mit abgeschabten Holztischen, die Wände gepflastert mit großen Spiegeln, Plakaten und Fotografien. Alte Werbung für verschiedene Getränke: Guinness, Pernod, Coca-Cola. Fotografien von lauter toten Leuten. Straßenszenen. Mitarbeiter vor Geschäften aufgereiht, die längst verschwunden waren. Wie die Stadt früher war. Die Spiegel voller kleiner Risse und fleckig, die silbrigen Widerspiegelungen, die sie liefern, von der Zeit verschmiert. Ich mag Spiegel. Sie bieten eine wunderbare Möglichkeit, Leute zu beobachten – Leute zu beobachten, die sich selbst betrachten.

Das mache ich. Ich betrachte Leute in den Spiegeln. Da sehe ich sie zum ersten Mal und höre Cal nicht länger zu. Sie sitzt zusammen mit einer älteren Frau, und die Ähnlichkeit ist groß genug, um zu erkennen, dass es ihre Mutter ist. Dabei ist auch noch ein ganzer Haufen anderer Frauen, die wirken, als wären sie die Freundinnen der Mutter. Sie machen sich über den Wein her, aber sie trinkt eine Cola light mit einem Strohhalm, lässt das Eis im Glas kreisen und schaut um sich, als wäre ihr langweilig.

Neben ihr sitzt ein jüngerer Typ, wahrscheinlich ihr Bruder, der sich durch eine Schüssel mit dicken Pommes mampft, die er erst in Ketchup tunkt und dann in Mayo, sodass die Mayo rot und schmutzig wirkt, als wäre sie blutverschmiert. Manchmal bietet er ihr die Schüssel an, doch sie winkt nur ab. Er ist selbst ein bisschen dicklich und wirkt erleichtert. Die Frauen achten nicht weiter auf die beiden, sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Nun haben sie die Flasche niedergemacht und bestellen eine weitere. Je mehr sie die Flasche leeren, desto lauter wird ihr Gelächter. Wenn eine Flasche leer ist, sorgt eine Kellnerin für Nachschub.

Die Mädchen, die hier arbeiten, sind sexy. Das reicht vielleicht nicht, um Rob herzubekommen, denke ich, doch bei Cal und mir funktioniert es. Es ist einer der Gründe, warum wir herkommen, der und die Tatsache, dass Cals Freundin Sophie mit ihrer Clique hier abhängt. Sie findet es hier total angesagt, und so findet Cal das natürlich auch. Mir wird jetzt auch klar, dass wir deswegen hier sind. Ich bin nur der Lückenbüßer. Er hat mit Sophie ausgemacht, sie hier zu treffen.

Ich frage mich, was das Mädchen im Spiegel sieht. Zwei Jungs, die Kaffee trinken. Ich bin der, der rechts sitzt: dunkel, etwas kräftige, kurze Haare, nett. Ihr Blick gleitet zu Cal. Er ist ein anderer Anblick. Die meisten Mädchen fahren auf ihn ab. Er streicht sich mit der Hand durch die Haare. Es wird nicht mehr lange dauern, bis er in den Spiegel guckt. Ich erwarte, dass sie ihn weiter anschaut, doch sie wendet den Blick von ihm ab und wieder mir zu. Da schaue ich weg. Ich will nicht, dass sie glaubt, ich würde sie anstarren. Ich kenne sie. Eine von Marthas Freundinnen, oder wahrscheinlich eher Exfreundinnen, weil ich sie schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen habe. Sie lässt sich nicht ansehen, ob sie mich erkannt hat. Vielleicht erinnert sie sich nicht an mich.

»Hat er?«, fragt Cal.

»Hat er was?«

»Stoff besorgt? Ich brauch mal einen Zug. Du hast nicht zugehört. Wer ist sie?«

»Wer soll was sein?«

»Das Mädchen, nach dem du guckst.«

»Das ist Vanessa. War mal eine Freundin von Martha.« 

»Vanessa Carrington?«

»Ja, genau. Sie wird Caro genannt.«

»Also das ist die. Die ist heiß!«

Er mustert sie, fährt sich dabei automatisch durch die Haare und setzt sein charmantestes Lächeln auf. Sie wirft uns beiden einen angewiderten Blick zu.

»Woher weißt du was von ihr?«, frage ich.

»Sophie hat mir von ihr erzählt.«

»Ach ja. Was hat sie erzählt?«

»Nur dass sie einen ziemlichen Ruf hat. Für dich wäre sie ein zu großer Brocken, Kumpel. Du bist ja nicht mal mit Suzy klargekommen… «

Er schaut mich total mitleidig an. Auf diese spezielle Art sieht er mich immer an, seitdem Suzy mich abserviert hat. Von ihr als Freundin hat er nicht viel gehalten, jedenfalls nicht im Vergleich zu der blonden Göttin namens Sophie. Sie wollte nie was mit uns zusammen machen, weil sie mich zu langweilig und Suzy zu gewöhnlich fand. Suzy ist für sie jetzt in Ordnung. Sie hat sich ein iPhone gekauft und einen Haarglätter und geht nicht mehr in River Island shoppen. Sie ist in. Ich bin out.

Ich hab nichts dagegen. Mir war sie lieber, als sie noch gewöhnlich war, und ich mag Sophie nicht. Sie ist Cals erste richtige Freundin, jedenfalls die erste, die sich von ihm vögeln lässt. Und jetzt kann er nicht genug bekommen. Ich sehe ihn kaum noch. Wenn doch, dann benutzt er mich als Lückenbüßer. Er hält das für Liebe. Vielleicht ist es das auch. Aber was weiß ich schon? Sie bewerben sich an denselben Universitäten. Dann werden sie eins dieser Studentenpärchen sein, die zusammen durch den Supermarkt gehen. Das Mädchen häuft das Gemüse im Einkaufswagen an, schmeißt die Pizzas raus und tauscht die Sixpacks gegen Quellwasser aus, während der Typ hinterhertrottet, den Einkaufswagen schiebt und sich total scheiße fühlt.

»Du bist sexbesessen, Mann. Alle sagen das«, revanchiere ich mich und lache.

»Wer sagt das?«

»Alle«, wiederhole ich. »Alle, die wir kennen.«

Er wirkt ein bisschen betroffen, fängt sich aber schnell wieder.

»Au contraire, mein Freund. Sie wird davon beherrscht.« Er rückt die Hüfte vor, und seine tief hängenden Jeans bauschen sich auf und wölben sich, als hätte er dort unten ein Riesending.

Ich grinse ihn an. Ich kenne die Realität. »Du bist nur neidisch, weil du keine hast.«

Da ist was dran.

Sein Gesicht wird wieder ernst. Früher war er meistens lustig. Heute nicht mehr.

Wie aufs Stichwort taucht Sophie auf. Sie verabschiedet sich draußen von ihren Freundinnen und winkt Cal durch die Scheibe zu. Suzy ist bei ihr und schaut durch mich hindurch, als hätte sie mich noch nie im Leben gesehen. Dann folgen eine Menge Umarmungen und Küsschen, Abschiedsgekreische und nach hinten geworfene Haare. Es ist, als würde Sophie für ein Jahr ins Ausland verreisen und nicht auf einen Kaffee hier reinkommen.

Caro verlagert den Blick. Sie schaut zu ihnen hin und sieht wieder weg.

Sophie kommt mit ausgestreckten Armen herein, huscht an mir vorbei und legt die Arme um Cal, küsst ihn und nennt ihn Baby, als befände sie sich in einer Billigversion von The Hills. Sie setzt sich an den Tisch und macht mit der Babysprache weiter. Ich werde ignoriert.

»Hallo, Sophie«, sage ich.

»Oh, hallo«, sagt sie und sieht mich an, als ob ich irgend so ein uncooles Haustierchen wäre wie ein Bullterrierwelpe, dann redet sie weiter auf Cal ein und erzählt ihm, was für einen unglaublichen Tag sie hatte.

»Ich bin dann weg.« Ich stehe auf. »Nett, dich getroffen zu haben, Sophie.«

»Ja, tschüss«, sagt sie, und ich werde mit einem leichten Wedeln der Hand entlassen. Ihre Armbänder und schäbigen kleinen Freundschaftsbändchen reichen ihr fast bis zum Ellbogen.

»Ich mach das schon.« Ich nicke Cal zu, der zurücknickt. Er lächelt, doch er hat diesen Blick in den Augen. Verloren und in Schrecken versetzt. Sophies Stimme verliert nun den Babyton, wird energischer und sachlicher. Cal fängt an, etwas zu sagen, aber sie hört nicht zu. Er versucht es noch einmal. Wieder dasselbe. Er blickt über ihre Schulter, als versuche er, die Entfernung bis zur Tür abzuschätzen.

Dafür ist es zu spät, Kumpel, denke ich, während ich an der Kasse warte.Du willst sie vögeln? Dann ist das der Preis, den du zu zahlen hast!

Ich bin froh, dass ich nicht in seiner Haut stecke.

Ich bin so damit beschäftigt, das zu denken und in mich hineinzulachen, dass ich Caro erst bemerke, als ich direkt hinter ihr bin. Sie steht ebenfalls an, während ihre Mutter etwas an der Delikatessentheke kauft. Caro trägt ein dünnes Top und der Träger ist verrutscht. Auf ihre linke Schulter ist ein Stern tätowiert. Sehr dunkles Braun, fast schwarz, wie ein in Holz gebranntes Muster. Jede Spitze des Sterns ist mit kleinen Punkten und Zeichen gefüllt. Ihr Rücken ist golden gebräunt und voller Sommersprossen. Die Haut wirkt warm und weich. Das Haar ist zu einem kinnlangen Bob geschnitten und das verleiht ihr einen Sechziger-Jahre-Look. Als sie den Kopf wendet, bewegt es sich. Es glänzt stark und sieht aus, als würde es einem geschmeidig und glatt durch die Finger gleiten…

Sie legt die Hand auf die Schulter und dreht sich um, als würde sie meinen Blick spüren. Ihr Haar schwingt nach hinten, und ich sehe ihr Profil, ganz nah, so kurz wie das Klicken einer Kamera. Dann fallen die Haare wieder wie ein Vorhang zurück, und sie dreht sich weg.

»Ciao, Caro«, sagt das Mädchen hinter der Kasse. Sie wendet sich ihr einen Moment zu und schenkt ihr ein kurzes Lächeln.

Ich stehe da und wünsche mir, das Lächeln hätte mir gegolten. Sie folgt ihrer Mutter und ihrem Bruder zur Tür. Ich hätte etwas sagen, mit ihr sprechen sollen. Doch was hätte ich denn sagen können? Kenne ich dich nicht irgendwoher? Ich schüttele den Kopf. Das wäre so was von abgelatscht. Was anderes kommt mir so schnell nicht in den Sinn. Jetzt ist es sowieso zu spät. Sie ist weg, und vielleicht begegne ich ihr nie wieder. In diesem Moment scheint es das Wichtigste auf der Welt zu sein, sie wiederzusehen.

»Klapp mal den Mund wieder zu«, sagt das Mädchen hinter der Kasse und blickt mich zu zwei Dritteln mitleidig, zu einem Drittel bedauernd und etwas spöttisch an. »Kennst du sie? Caro?«

»Nicht richtig, äh… « Ich zucke mit der Schulter und werde rot.

»Du bist doch Martha Maguires Bruder, oder?« Sie lächelt.

Damit war ich definiert. Marthas Bruder und Cals Freund.

»Ja«, antworte ich. »Ich bin Jamie.«

Sie ist hübsch, hat eine kräftige Stimme, lockiges Haar und ist überall gepierct. Sie heißt Jesse, ist mit Martha zusammen in die Grundschule gegangen und zu uns nach Hause zum Spielen gekommen. Es ist eine kleine Stadt.

»Ich hab mir doch gedacht, dass ich dich kenne. Das macht zwei Pfund fünfzig, Jamie.« Sie schiebt mir den zusammengefalteten Kassenzettel auf einem Porzellantellerchen zu. »Es sei denn, du zahlst für ihn mit, dann macht es fünf Pfund.«

Ich lege einen Schein auf den Teller, dann fünfzig Pence als Trinkgeld dazu. Mir schwirrt immer noch der Kopf von dem Mädchen, das gerade aus der Tür gegangen war. Ich will mehr über sie wissen. Ich will alles über sie wissen. Martha kann mir sicher was dazu sagen. Martha behält alle Leute im Auge.

»Danke«, sage ich, bin mir aber nicht sicher, wofür ich ihr eigentlich danke.

»Keine Ursache.« Jesse lächelt wieder. »Gehört alles zum Service.«

Ihr Lächeln verblasst, als sie Caro am Fenster vorbei auf einen Mini-Cabrio zustolzieren sieht, der am Bordstein geparkt ist.

»Viel Glück«, fügt sie hinzu, als Caro ins Auto steigt und die Tür zuschlägt.

4

»Und fragen: Welchen sollen wir töten?

Und an diesem Mittag wird es still sein am Hafen

Wenn man fragt, wer wohl sterben muss.

Und dann werden Sie mich sagen hören: Alle!«

Seeräuber-Jenny, aus:Die Dreigroschenopervon

Bertolt Brecht und Kurt Weill

Seeräuber Jenny. Das ist ein Spiel von mir. Ein Spiel, bei dem ich auswähle, wer eins draufkriegt und wer nicht. Das vertreibt die Zeit. Ich sitze mit meiner Mutter und ihren Freundinnen imRendez. Alle nennen es so.Rendez– Abkürzung vonRendezvous. Sie versuchen, einen auf französisch zu machen: abgewetzte Holztische, große Spiegel,pot au feuauf der mit Kreide geschriebenen Speisekarte. Die Spiegel sind echt, keine Nachahmungen. Ich blicke oft und lange hinein, da sollte ich es wissen. Sie lassen das Café dunkler erscheinen, geheimnisvoller, und die Leute sehen irgendwie glamourös aus. Die Wirklichkeit geben sie vielleicht nicht wieder, doch sie eignen sich gut dafür, sich Opfer auszusuchen.

Meine Mutter trifft sich hier mit ihren Freundinnen, um Wein zu trinken und zu quatschen. Normalerweise komme ich nicht mit, aber heute bin ich nicht darum herumgekommen. Sie hatte etwas für mich getan, und jetzt muss ich etwas für sie tun.Quid pro quo. Sie war mit mir an der neuen Schule, für die ich mich angemeldet habe. Wir haben den Schulleiter getroffen: Anzug von Armani, stehtauf sich selbst. Steht auch auf mich, so, wie er mich gemustert hat. Und auf meine Mutter. Also ein kleiner Drecksack.Nur ein vorbereitendes Gespräch, wir werden sehen, ob wir uns mögen.Stichwort: herzliches Lachen, während sein Blick von ihren Beinen zu meinem Ausschnitt wechselt.

»Danach brauche ich was zu trinken.« Sie schüttelt sich scherzhaft angewidert, sobald wir aus seinem Büro draußen sind. »Gehn wir insRendez.« Sie sagt das so, als wäre es eine originelle, spontane Idee. »Meine Freundinnen wollen dich unbedingt sehen.«

Sie sagt das, obwohl es überhaupt nicht stimmt. Ihre Freundinnen haben kein Interesse an mir. Tatsächlich will sie, dass ich mitkomme, weil ich fahren und sie dann so viel trinken kann, wie sie will.

Mein Stiefbruder ist auch da. Wir haben ihn von seiner Nachmittagsbetreuung abgeholt. Ich trinke eine Cola light. Er arbeitet sich durch eine Schüssel mit Pommes. Wir sprechen nicht miteinander, und Mutter und ihre Freundinnen beachten uns nicht. Sie hat massenhaft Freundinnen. Vernetzung nennt sie das, und sie ist gut darin. Alle ihre Freundinnen stehen auf meiner Liste.

Sie nehmen meine Gegenwart kaum wahr. Sie setzen ihr endloses Gespräch darüber fort, wie beschissen ihr Leben, ihre Arbeit, ihr Mann oder Freund ist oder irgendeine Kombination oder ein Mangel davon. Sie reden nie über etwas anderes.

Meine Mutter sitzt zur Seite gewandt da. Sie unterhält sich, lacht und lächelt mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. Immer mal wieder dreht sie sich um, um sich im Spiegel zu überprüfen, und sieht mich an.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Nicht du, liebe Mutter. Jetzt nicht mehr.

Ich fange ihren Blick auf: Neid gemischt mit Bewunderung. Ich binauch als ihr Zubehör hier. Seit ich klein war, schleppt sie mich herum – ich sah als Kind richtig süß aus. Sie liebt es, bei ihren Freundinnen mit mir anzugeben. In der letzten Zeit nicht mehr so sehr. Langsam bemerkt sie die Konkurrenz.

Doch ich schaue nicht nach ihr, nicht einmal nach mir selbst. Ich schaue zu den beiden Jungs. Der dunkle ist Jamie Maguire, Marthas Bruder. Den anderen kenne ich nicht, aber ich hab ihn hier schon gesehen. Auf eine etwas langweilige Art ist Jamie gar nicht so übel. Er trägt einen blauen Pullover und Jeans, als würde seine Mum ihm immer noch die Klamotten kaufen. Ich finde das ziemlich süß. Die Bedienung kommt mit ihrem Kaffee. Die kenne ich auch, Jesse. Der Blonde fängt an, mit ihr zu flirten, blickt durch seine blonden Wimpern zu ihr hoch. Jesse lächelt zurück, geduldig, aber er ist es gar nicht. Sie ist mehr an Jamie interessiert, doch der blonde Typ kapiert das nicht. Er ist nicht daran gewöhnt, dass die Mädchen Nein bei ihm sagen. Er sieht aus wie ein Model von Abercrombie & Fitch. Die Jeans sind nicht billig, der Rest seiner Klamotten ist beste Einkaufslage, aber gut zusammengestellt. Zerschlissene Tennisschuhe genau wie ein Model. Er fährt sich mit der Hand durch das schmutzig-blonde Haar. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis er sich im Spiegel überprüft. Na bitte. Schneller Blick, um zu sehen, ob seine Haare in Ordnung sind. Jungs wie er sind von sich selbst besessen. Mehr als Mädchen. Narzissmus stößt mich ab. Er kommt auf meine Liste.

Jamie nicht. Ich liebe eine glatte Leinwand.

Er schaut auch auf, als würde er meine Gedanken spüren, und er guckt nicht nach sich selbst, er blickt zu mir. Auch nicht zum ersten Mal, ich hatte bemerkt, wie er mich bemerkt hatte. Der Blick des Blonden verlagert sich leicht, um mitzubekommen, was sein Freundsieht, und dann gucken sie beide her. Sie fallen meiner Mutter ins Auge, und sie glaubt, die beiden würden sie anschauen. Sie würde es jedenfalls machen, oder etwa nicht? Sie lächelt irgendwie affektiert, und ich glaube, dass sie gleich zwinkert oder winkt, ihr Glas hebt oder irgendetwas ähnlich Peinliches macht. Jetzt müsste ich ein heißes Gesicht bekommen, doch ich werde nie rot. Ich schaue einfach weg.

Vor dem Fenster stehen ein paar Mädchen. Einige von ihnen kenne ich. Die große Blonde verabschiedet sich aus dem Rudel, kommt rein und geht zu Jamie und seinem Freund. Jamie sieht angepisst aus. Auch sie wirkt nicht besonders begeistert, ihn zu sehen.

Ich hätte sie gerne länger beobachtet, ich mag es, Leute zu beobachten, doch Roland ist mit seinen Pommes fertig und fängt an zu quengeln. Roland, Rollo, der Junge wird seinem Namen total gerecht. Deshalb baut er auch in der Schule jede Menge Mist, aber er ist in Ordnung.

Er steht nicht auf meiner Liste.

Die Freundinnen sind entschlossen, einen draufzumachen. Meine Mutter würde gerne bleiben, weiß aber, dass das nicht geht. Das Lächeln entgleitet ihr für einen Moment. Verärgerung und Feindseligkeit flackern auf, ehe sie sagt: »Natürlich, mein Schatz. Es ist wirklich Zeit zu gehen.«

Wir stehen auf, um an der Theke zu zahlen. Meine Mutter bläst Küsse in die Runde und formt mit den Lippen »ruf mich an«, wobei sie den kleinen Finger abspreizt und den Daumen ans Ohr hält, doch ihre Freundinnen haben sich schon abgewandt, um weiterzuquatschen. Es ist, als wären wir bereits weg.

Wir warten, während sie Zeug an der Delikatessentheke aussucht. Jamie steht dicht hinter mir, zu dicht. Ich kann seinen Atem im Nackenspüren, aber ich bewege mich nicht weg. Seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hat er sich gemacht. Obwohl ich ihn kenne, ignoriere ich ihn. Er sagt auch nichts. So ist das halt in dieser Stadt.

Gerade ist eine verrückte Sache passiert. Ich machte eine Schublade auf, um mein Notizbuch zurückzulegen, und da liegt mein Päckchen Tarotkarten. Vorher hatte ich es nicht bemerkt. Und ich war gar nicht auf die Idee gekommen, dass es in der Schublade sein könnte. Ich glaube an nichts mehr von dem Zeug. Dieser ganze Prophezeiungsmist gehört zu meiner Gothic-Emo-Phase. Das war alles einfach Kinderkram. Jetzt bin ich an etwas viel Größerem, habe Astrologie gegen Agitprop getauscht, doch früher habe ich tief in dieser Scheiße gesteckt. Ich liebte das ganze Drum und Dran, die Karten, die Runen, das Tarot, den Kristall.

Am liebsten hatte ich die Planchette. Ich hatte sie aus einem Trödelladen. Viktorianisch, aus Elfenbein geschnitzt. Sie ist herzförmig und bewegt sich auf drei kleinen Rollen. Am spitzen Ende hat sie eine Halterung für einen Bleistift. Sehr viel besser als ein Hexenbrett, aber alleine macht es keinen besonders großen Spaß. Das ist einer der Gründe, warum ich den Zirkel gegründet habe. Wir haben uns bei mir zu Hause getroffen, die Fingernägel schwarz lackiert, verrückt geschminkt, uns die Haare indigoblau gefärbt und im Okkulten herumgestümpert, während wir Bikini Kill, Beth Ditto, Free Kitten und Lady Gaga hörten, bevor irgendjemand sonst sie mochte.

Der Zirkel hat allerdings nicht lang bestanden.

Sie wird sich aufbäumen und dahinsiechen…

Diese Zaubersprüche, die ich im Internet fand, waren so mies. Niemals habe ich auch nur für einen Moment daran geglaubt, dass sie tatsächlich wirken würden. Man kann für fast alles Zaubersprüchekriegen. Marthas Pickel und Haarausfall waren ein Lachschlager, nicht mehr, als sie auch verdient hatte, doch Louise Simpson mit lebenserhaltenden Maßnahmen? Das hat sie alle zu Tode erschreckt. Danach brach der Zirkel auseinander. Ich war ihn sowieso schon leid geworden. In dem Moment, als die Sprüche, die wir webten, tatsächlich zu wirken schienen, hörte ich auf, daran zu glauben. Das ist paradox. Aber so bin ich halt.

Das okkulte Zubehör, dem die Kraft entzogen ist, wird zum Krimskrams. Die Planchette liegt jetzt auf meinem Schreibtisch – einfach ein interessanter Gegenstand. Die Runensteine machen sich hübsch auf meiner Fensterbank. Und die Tarotkarten? Haben nicht alle ein Päckchen Tarotkarten?

Ich nehme sie aus der Schublade.

Ich muss zugeben, dass ich immer noch ein Ziehen verspüre. Eine kleine Erregung.

Ich hebe ab, mische, hebe wieder ab. Einfach um der alten Zeiten willen. Da finde ich ihn. Der Narr. Das bedeutet nicht Depp, sondern jemanden, der unschuldig, aber gleichzeitig klug ist. Der Schöpferische Träumer. Das ist er. Muss er sein. Ich spüre, wie die alte Aufregung in mir aufsteigt.

Ich hatte ihn im Kopf, hatte gerade über ihn geschrieben, also würde ich ihn sehen. Oder? So funktioniert das.

Ich hebe wieder ab. Der Ritter der Schwerter. Der Wilde Krieger. Der Krieger, wie er im Buche steht. Jetzt habe ich die beiden. Jamie und sein Bruder. Ich bin neugierig, deshalb hebe ich noch einmal ab. Die Königin der Schwerter umgedreht: hinterhältig, heimtückisch, Expertin im Gebrauch von Halbwahrheiten und Verleumdungen. Das muss Martha sein.

5

»Komm rein, wenn es unbedingt sein muss.«

Martha ist mit dem Haarglätter zugange und dreht sich nicht um. Sie hat langes Haar, und das dauert ewig. Sie muss das jeden Morgen machen. Sie stellt den Wecker eine Stunde früher, um rechtzeitig bis zur Schule fertig zu werden. Das ist einer der Gründe, warum ich froh bin, kein Mädchen zu sein. Alles braucht so lange. Ich weiß nicht, warum sie ihren Haaren das antut. Mum meint, das wäre schlecht für sie, würde sie dünn machen. Vor einer Weile – ungefähr während ihrer Prüfungen – hatte Martha Probleme mit den Haaren bekommen. Der Arzt meinte, das hinge mit dem Stress zusammen. Inzwischen scheint alles wieder in Ordnung zu sein, trotzdem ist es mir lieber, wenn sie sie lockig lässt. Mum findet das auch, doch Martha hört nicht auf uns. Sie meint, dass ich keine Ahnung habe und Mum nur will, dass sie ein kleines Mädchen bleibt.

»Was du auch willst, mach schnell. Ich muss mich noch schminken und die Mädels können jeden Moment zum Vorglühen kommen.« Sie legt den Haarglätter hin und kramt in ihrem Kosmetikkoffer rum.