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In der Klasse von Alex war es vor zwei Jahren zu einem drastischen Mobbingfall gekommen: Damals hatten sich alle gegen Michael Bailey verschworen. Niemand hatte ihn berühren oder mit ihm sprechen dürfen und die Schulgang hatte immer wieder Geld von ihm erpresst. In seiner Verzweiflung war Bailey über ein Brückengeländer geklettert und anstatt ihm zu helfen, hatte fast die ganze Klasse "Spring, spring" gerufen, alle waren völlig verrückt gewesen. Michael Bailey konnte damals in letzter Sekunde gerettet werden und Alex hatte nicht im Traum daran gedacht, dass sich so etwas noch einmal ereignen könnte. Aber bei Lauren, der Neuen in der Klasse, scheint sich Baileys Geschichte zu wiederholen ...
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Veröffentlichungsjahr: 2010
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Veröffentlicht im Carlsen Verlag Originalcopyright © 1994 Celia Rees Originalverlag: Macmillan Children’s Book, London, UK Originaltitel: »The Bailey Game« Copyright © der deutschen Übersetzung: 2002 arsEdition GmbH, München Aus dem Englischen von Cornelia Krutz-Arnold Umschlagbild: © plainpicture/LP Umschlaggestaltung: formlabor E-Book-Umsetzung: GGP Media GmbH, Pößneck E-Book-Korrektur und Mobi-Pocket-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92168-7
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Für Mary
Danksagung
Ich möchte den Mitgliedern von BTEC Media 2, 1992-93, am Henley College in Coventry für ihre Hilfe und Ratschläge danken; der Wohltätigkeitsorganisation KIDSCAPE und meiner Lektorin, Susan Houlden.
Erstes Kapitel »Hast du das gesehn?«
Josie Campbells Frage riss Alex aus ihren Gedanken. Mit einem ziemlich unangenehmen Ruck kehrte sie auf den Boden der Tatsachen zurück, auf den Schulhof in der Mittagspause.
»Was denn? Was soll ich denn gesehn haben?«
Sie sprach so eindringlich, dass Josie verwundert zu ihr aufschaute.
»Was ist denn los, Alex? Du machst ein Gesicht, als wär dir ein Gespenst begegnet oder so.«
Alexandra Lewis glaubte nicht an Gespenster. Bevor sie an etwas glaubte, brauchte sie schon einen handfesten Beweis dafür. Aber einen Augenblick lang bildete sie sich ein ihn zu sehen, wie er ganz still und allein inmitten des chaotischen Getöses auf dem Schulhof stand. Michael Bailey. Er hatte seinen glänzenden blauen Parka an. Der Pelzbesatz an der Kapuze warf dunkle Schatten über sein Gesicht. Man konnte nur die hohe, weiße Stirn erkennen, in die ihm ein paar Strähnen seiner leuchtend roten Haare hingen und dort Streifen bildeten. An seiner grauen Hose haftete an beiden Knien grober Sand und seine schwarzen Schuhe erstrahlten in der hellen Aprilsonne in einem stumpfen Glanz. Dann, in der kurzen Zeitspanne, die man braucht, um zu zwinkern und die Stirn zu runzeln, war er wieder verschwunden.
Wenn Josie ihn auch gesehen hatte ...
Aber das war nicht der Fall. Sie zeigte in die entgegengesetzte Richtung und zerrte Alex jetzt am Ärmel, um ihre Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was sie ihr zeigen wollte. »Dort drüben! Sieh doch nur! Sandi Mitchell. Sie macht Greg Simpson an!«
War das alles? Alex lehnte sich erleichtert an die Mauer.
»Na und?«, sagte sie und schaute zur Mitte des Schulhofs.
Dort stand Sandi. Sie war mitten in ein Footballspiel hineingeplatzt, hatte sich zwischen den Spielern hindurchgeschlängelt und Greg sehr viel geschickter geblockt als der gegnerische Center. Greg hielt den Ball in der Hand, ließ ihn auf der Fingerspitze kreisen und warf ihn immer mal wieder in die Luft, während er Sandi zuhörte. Weder er noch Sandi achteten auch nur im Geringsten auf die anderen Spieler, die hilflos und genervt um sie herumstanden.
»Bestimmt fragt sie ihn, ob er mit ihr gehen will!« Josies Stimme wurde vor lauter Aufregung zu einem hohen Quieken.
»Warum auch nicht?« Alex zuckte mit den Schultern. »Wir leben schließlich in einem freien Land.«
»Aber sie geht doch eigentlich mit David Morris!« Josie kicherte entzückt. »Schau ihn dir an. Dort drüben am Tor. Er hat die beiden gesehen – er wird schon ganz rot!« Sie packte Alex fest am Arm und hüpfte aufgeregt auf und ab. »Vielleicht gibt’s gleich eine Schlägerei! Für dich läuft das alles jedenfalls sehr gut. Jetzt ist er frei und kann mit dir gehen, Alex. Wenn du willst, frag ich ihn.«
David Morris blieb einen Augenblick lang unentschlossen stehen, dann marschierte er davon. Im Gehen fetzte er sich die Torschützer-Handschuhe herunter und schmiss sie auf die Mäntel und Jacken, mit denen die Torpfosten markiert waren.
»Wenn du ihm auch nur ein Wort sagst«, fauchte Alex, »dann bring ich dich eigenhändig um. Ist das klar?«
Gekränkt und beleidigt runzelte Josie die Stirn.
»Ich dachte, du magst David. Ich dachte, du möchtest mit ihm gehen. Du hast doch selbst gesagt, dass du auf ihn stehst.«
»So hab ich das jedenfalls nicht gesagt«, gab Alex zurück und musste sich große Mühe geben, nicht die Beherrschung zu verlieren.
»Doch! Das hast du mir letzte Woche erzählt, als wir im Park waren. Ich weiß das noch so genau, weil ...«
Jetzt fiel Alex das Gespräch wieder ein. Sie hatte irgendetwas sagen müssen, damit Josie die Klappe hielt und nicht immer weiter auf diesem Thema herumhackte. Alex redete nicht gern auf diese Weise über Jungs, schon gar nicht über David. Ihr wurde dabei immer ganz unbehaglich zu Mute.
»Wie gesagt«, verkündete sie, verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihr Gegenüber böse an. »Ein Wort – und du bist tot.«
»Okay, okay.« Josie wich vor ihr zurück. »Ich geh jetzt sowieso zu Sandi. Mal nachsehen, was sich so tut.«
Inzwischen war Sandi Mitchell zu der Clique gegangen, die auf der anderen Seite des Schulhofs beisammenstand. Sofort kamen fast alle Mädchen aus Alex’ Klasse an und scharten sich um sie.
Andrea Bowman stopfte ihr Springseil in die Tasche, weil sich eine interessantere Beschäftigung bot. Jungs. Zurzeit war das offenbar das Einzige, worüber die Mädchen sprechen wollten.
Alex blieb, wo sie war. Sie hatte kein Bedürfnis, dabei mitzumachen. Urplötzlich war es unmöglich geworden, mit einem Jungen einfach nur befreundet zu sein, so wie sie es mit David war. Schon ein Lächeln in seine Richtung löste gleich Getuschel aus, dass sie mit ihm gehen wollte. Das war alles so dumm. Mit jemandem zu gehen bedeutete etwas ganz anderes, als die Mädchen in ihrer Klasse sich einbildeten. Helen, Alex’ ältere Schwester, war fünfzehn und schwieg sich ziemlich darüber aus, was sie und ihre Freundinnen trieben, wenn sie mit einem Jungen gingen. Aber Alex hatte sie schwer im Verdacht, dass es dabei um mehr ging, als nur herumzuhängen und den Jungs beim Football zuzusehen oder sie dazu zu bringen, mit ihnen Spiele zu spielen, bei denen geküsst wurde.
Sie wandte den Blick von Sandi und ihrem Fanklub ab und schaute wieder zu der Stelle hin, an der sie diese eine, seltsame Sekunde lang geglaubt hatte Michael Bailey zu sehen. War es ein Gespenst gewesen? Nein. Das konnte sie nicht akzeptieren. Vielleicht gab es auch noch eine andere Erklärung dafür. Es musste eine andere Erklärung geben.
Jede x-beliebige Idee konnte einem plötzlich in den Sinn kommen. Warum dann nicht auch ein Mensch?
Vielleicht waren Gespenster genau das. Vorstellungen von Menschen, die einem durch den Kopf schossen und ohne jeden Grund auftauchten und wieder verschwanden. Das musste es sein. Das machte Sinn.
Alex schüttelte den Kopf und grinste vor sich hin. Ihre Fantasie hatte ihr einen Augenblick lang einen ganz schönen Streich gespielt.
Sie stemmte einen Fuß gegen die Mauer und verschränkte die Arme vor der Brust. Vor ihr liefen Schülerinnen und Schüler hin und her. Für die meisten von ihnen war Michael Bailey ein Gespenst, und zwar ein echtes. Es war für sie genauso real wie die Ziegelsteine der Mauer oder Alex selbst. Sie wussten alles von ihm. Was er aß, was er machte. Sie konnten einem sogar zeigen, wo er wohnte.
Er hauste in der Werkstatt des Hausmeisters. Alex konnte den obersten Teil der schmutzigen, verschmierten Fensterscheiben sehen. Sie lugten wie ein trübes Augenpaar über die Mauer zu ihr hin. Das Tor war an einer Ecke völlig vermodert. Der Farbanstrich war abgeblättert und das rohe Holz ragte wie ein fauliger brauner Zahn hervor. Das Ganze sah aus wie ein riesiges Rattenloch.
Durch dieses Loch geht Bailey ein und aus, flüsterte man sich gegenseitig zu. Er kommt nur nach Einbruch der Dunkelheit hervor, aber bei Vollmond kommt er immer. Dann sucht er nach Nahrung, und wenn er ein Lebewesen findet, saugt er ihm das ganze Blut aus. Sonst hält er Ausschau nach Essensresten. Er trinkt die schalen Überreste aus Getränkedosen und ernährt sich von Brotkrusten, zermatschten Keksen und Kartoffelchips aus halb geleerten Tüten.
Das waren die Geschichten, die über Bailey kursierten. Nur die Kühnsten wagten sich nahe an die Werkstatt heran und nur die Allertapfersten der Kühnsten reckten sich zitternd auf die Zehenspitzen und riskierten einen Blick hinein.
Außer kaputten Stühlen und Tischen, die der Hausmeister reparieren sollte, befand sich nichts in der Werkstatt. Das wusste Alex ganz genau. Die Geschichten waren einfach nur Quatsch, aber sie machten dennoch die Runde und gingen immer weiter. Wenn etwas verschwand, wenn sich irgendwas nicht wiederfinden ließ, hatte Bailey es genommen. Die Kleinen aus den ersten Klassen waren sogar dazu übergegangen, ihm Essen hinzulegen. Das machten sie am Fahrradschuppen, näher wagten sie sich nicht an die Werkstatt heran. Sie hofften, dass ihre Gaben ihn davon abhalten würden, hervorzukommen und nach anderer Nahrung zu suchen.
Die älteren Schülerinnen und Schüler sagten, dass sie das alles nicht glaubten. Aber sie kamen außerhalb der Schulzeit niemals hierher, um auf dem Schulhof Football zu spielen oder ein bisschen herumzutoben. Selbst an Elternabenden lag der Schulhof verlassen da, sobald die Dunkelheit sich herabsenkte. Es rankten sich auch noch andere Geschichten um Bailey. Darüber, was mit ihm geschehen war. Manche der Geschichten waren eher komisch, wenn auch auf eine ziemlich widerwärtige Art. Aber die meisten waren so grausig wie eine Horrorgeschichte. Wenn die anderen darüber sprachen, ging Alex weg, weil das alles nur blöd war. Völlig lächerlich. Von denen, die diese Geschichten erzählten, war die Hälfte noch gar nicht an der Schule gewesen, als es passierte. Sie konnten nicht mal wissen, ob er tot war. Jedenfalls wussten sie’s nicht mit Sicherheit.
Trotz der warmen Frühlingssonne, in der schon die Verheißung auf den Sommer lag, durchlief Alex ein Schauder. Fröstelnd ging sie zu einer Bank, die in der Nähe stand. Sie wollte nicht mehr an Bailey denken. Stattdessen lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf Sandi Mitchell.
Sandi spielte an ihrer schicken rosa Sonnenbrille mit den großen Punkten herum und lächelte den Mädchen zu, die sich kichernd und kreischend um sie drängten. Alle waren begierig darauf, von ihrer neuesten Eroberung zu hören, wollten unbedingt alles wissen, bis hin zum kleinsten Detail. Sandi übergab Andrea ihre Sonnenbrille und rückte sich die Spangen in ihren langen, blonden Haaren zurecht, bereitete sich darauf vor, zu ihrem zweiten Lieblingsthema überzugehen – sie selbst und wie attraktiv sie doch war.
Ich bin die eingebildetste Pute im gesamten Universum, sprach Alex tonlos vor sich hin und setzte dazu Sandis selbstgefälliges Lächeln auf. Was hab ich für ein Glück, dass ich diese hellen Haare habe und trotzdem so leicht braun werde. Sie begann Sandi nachzuahmen, warf den Kopf und ließ ihre dicke Mähne fliegen, die bei ihr allerdings aus wirren, zerzausten braunen Locken bestand. Wie Sandi strich sie sich glättend über das T-Shirt und zog die Shorts hoch, um mehr Sonne abzubekommen. Als sie ein leises Lachen hörte, brach sie mitten in der Bewegung ab.
Am anderen Ende der Bank saß Lauren Price und sah sie an. In ihren grauen Augen lag ein spöttisches Lachen. Alex hatte es noch nie erlebt, dass sie auch nur gelächelt hatte. Normalerweise schaute Lauren unter ihren langen, schwarzen Ponyfransen und den dicken, mürrisch gerunzelten Augenbrauen mit finsterem Blick auf die Welt. Ein T-Shirt in Übergröße, auf dem mit Leuchtbuchstaben irgendein Surfer-Spruch stand, bauschte sich über ausgeblichene Jeans, die an den Knien zerrissen waren. Sie hatte die dünnen, braunen Arme fest vor der Brust verschränkt. Ihre langen, schmalen Finger verschwanden in den riesigen Ärmeln, die ihr bis über die Ellbogen hingen.
Lauren war neu in der Schule. Ihre Eltern waren erst vor kurzem aus Australien hierhergezogen. Das hatte zuerst eine richtige Sensation hervorgerufen, aber das Interesse legte sich schnell, als bekannt wurde, dass Lauren niemals auch nur in der Nähe der Ramsey Street gewohnt hatte, die sie aus der Fernsehserie Nachbarn kannten.
Die Mitschüler waren angewiesen worden nett zu ihr zu sein. Und das waren sie natürlich auch – solange ein Lehrer in der Nähe war. Auf dem Schulhof sah das allerdings ganz anders aus. Alle ignorierten sie. Wenn man neu war, konnte es Wochen oder sogar Monate dauern, bis man von den anderen akzeptiert wurde. Bei manchen geschah das nie.
Alex erwiderte das Lächeln eine Sekunde zu spät und das Lachen in Laurens Augen erlosch. Sie ballte die Hände zu Fäusten, bohrte sie tief in die Taschen und streckte ihre langen Beine weit aus. Ein kleiner Junge, der mit einer Glocke über den Schulhof lief und zum Ende der Mittagspause läutete, musste einen Schwenk zur Seite machen, um nicht darüber zu stolpern.
Als Alex aufstand und gehen wollte, schaute sie noch einmal kurz zu Lauren hinüber, aber die hatte den Blick jetzt abgewandt und sah betont in die entgegengesetzte Richtung.
Die Horden aus lärmenden, schubsenden Schülern verliefen sich zu Zweiergrüppchen und dann zu Einzelpersonen, aber Lauren blieb, wo sie war. Es widerstrebte ihr, in die Klasse zurückzumüssen. Sie zögerte es bis zur letzten Minute hinaus, sich wieder unter die anderen zu mischen. Wenn sie mit ihnen in einer Reihe stand und alle anderen munter plauderten, fühlte sie sich noch einsamer als sonst. Weil niemand mit ihr sprach, fühlte sie sich noch weniger akzeptiert.
Mrs Bridges, die stellvertretende Schulleiterin, wartete ungeduldig darauf, dass die Klasse sich vollständig versammelte. Sie trommelte mit dem Kugelschreiber auf der Anwesenheitsliste herum und beklagte sich bei Ms Quaid, der Aushilfslehrerin, über diese Klasse.
Ms Quaid sah gar nicht wie eine Lehrerin aus, sondern eher wie eine Schülerin. Sie war jung, hatte in ihren kurz geschnittenen roten Haaren einen langen, dünnen Zopf und trug Miniröcke und Doc Martens. Roter Lippenstift und große Ohrringe hoben sie ebenfalls von den anderen Lehrerinnen ab und sie lächelte viel im Unterricht, lachte manchmal sogar laut heraus. Ganz anders als Mrs Dunbar, ihre richtige Lehrerin, die im Mutterschaftsurlaub war.
Jetzt lachte Ms Quaid allerdings nicht. Das konnte Alex schon von weitem sehen. Sie hörte mit ernstem Gesicht zu, als Mrs Bridges ihr erzählte, was für eine furchtbare Klasse sie doch wären. Während sie sprach, reckte die stellvertretende Direktorin ihre lange, dünne Nase in die Luft und stupste einzelne Schüler in ihrer Reichweite mit der Spitze ihres Kugelschreibers an.
»... kaum zu glauben, dass das einmal die leistungsstärkste Klasse war«, sagte sie in dem Augenblick, als Alex hereinkam. »Schauen Sie sich die Typen doch nur an! Eine Schande für die ganze Schule. Man kann ihnen nicht über den Weg trauen. Dieser Bande weine ich keine Träne nach, da können Sie Gift drauf nehmen ...«
Josie blieb bei Sandi und ihren Freundinnen. Als Alex in die Reihe trat, wandte Josie ihr den Rücken zu und unternahm keinen Versuch, sich zu ihr zu stellen.
Alex zuckte resigniert mit den Schultern. Josie war ja auch eigentlich keine richtige Freundin. Sie konnte sie noch nicht mal so besonders gut leiden. Josie war einfach da gewesen, als Lisa an Ostern weggezogen war. Viele Jahre lang, ihre ganze Schulzeit hindurch, waren Lisa und Alex beste Freundinnen gewesen. Sie hatten nicht daran geglaubt, dass Lisa wirklich wegziehen würde. Ihre Familie hatte schon eine ganze Ewigkeit davon geredet. Die Freundinnen waren felsenfest überzeugt gewesen, dass Lisas Eltern das Haus nicht verkaufen konnten, und selbst wenn, würden sie kein neues finden. Ihre Mutter würde nicht wegwollen oder ihr Vater würde seinen neuen Arbeitsplatz hassen und sie würden alles wieder abblasen.
Aber das war nicht eingetroffen. Schließlich war der Umzugstag gekommen. Das Letzte, was Alex von Lisa sah, war ihr tränenüberströmtes Gesicht, das durch eine Lücke zwischen einer zusammengeknüllten Decke und einer Packung Pampers zu ihr herauslugte. Dann fuhr der Wagen davon. Alex blieb allein zurück und winkte einer leeren Straße. Wie konnten sie so wie bisher Freundinnen bleiben, wenn Lisa jetzt in Newcastle war, Hunderte von Meilen entfernt?
Die Türen gingen auf und die Klasse Sieben Q drängte vorwärts. Alex ging neben Lauren Price hinein, aber obwohl sie von Lärm umgeben waren und geschubst und gestoßen wurden, achteten sie sorgfältig darauf, dass zwischen ihnen immer Abstand blieb, und keine von ihnen sagte etwas.
Zweites Kapitel »Alexandra Lewis.«
»Hier, Ms Quaid.« Alex leierte ihre Meldung bei der Anwesenheitskontrolle nach der Mittagspause genauso eintönig herunter, wie das alle machten.
»Sandra Mitchell.«
Nichts. Stille senkte sich herab. Ms Quaid wiederholte den Namen und schaute auf.
Unterdrücktes Gekicher schlug ihr entgegen.
»Sandra Mitchell, würdest du dich bitte melden, wenn du aufgerufen wirst?«
Immer noch keine Reaktion. Ms Quaid schaute wieder hoch und das Kichern wurde lauter.
»Sandra, gib gefälligst Antwort. Du bist eindeutig hier. Ich sehe genau zu dir hin.«
Sandi betrachtete eingehend ihre Fingernägel und warf einen Blick in die Runde ihrer Freunde.
»Ich hab Ihnen doch gesagt, dass ich nicht so heiße, Miss Quaid. Also melde ich mich auch nicht auf diesen Namen hin. Ich heiße jetzt Sandi. Sandi mit i. Das soll in den Unterlagen geändert werden. Ich lass nämlich eine urkundliche Namensänderung vornehmen.«
Ms Quaid seufzte tief auf und wandte den Blick himmelwärts. Als sie ihren Stift zückte, ergriff Sandi wieder das Wort.
»Wenn Sie schon dabei sind, können Sie auch gleich meinen zweiten Vornamen zu Yolande abändern.«
Das Kichern zog immer weitere Kreise. Sandi strahlte, als sie den Beifall der anderen spürte. »Sandi Yolande Mitchell«, verkündete sie. »So heiße ich.«
»Das ist ein amtliches Dokument, Sandra. In dem kann ich nicht herumpfuschen. Sandra Brenda Joyce Mitchell«, las Ms Quaid vor. »Das bist du und das bleibst du.«
Quer durch die Klasse wurden johlend die Namen gerufen, von denen bisher niemand gewusst hatte. Sandi wurde rot. Sie machte ein finsteres Gesicht und wandte sich wütend um, als ringsum Gelächter aufkam.
Ms Quaid grinste ihr zu, reckte triumphierend den Daumen hoch und ging dann weiter die Anwesenheitsliste durch.
Sandis böse Blicke erstickten den größten Teil des Gelächters, aber es ging immer noch eine Woge der Heiterkeit durch die Klasse und hin und wieder murmelte jemand die Namen vor sich hin, auch als Ms Quaid bereits mit dem Unterricht begann.
»Was lachst du denn so blöd?«
Sandis Ausbruch hätte gegen jeden x-beliebigen Schüler der Klasse gerichtet sein können, aber sie schaute Lauren Price dabei an.
»Über deine Namen, ist doch klar.«
Die Antwort, mit australischem Akzent gesprochen, kam wie aus der Pistole geschossen quer durch die Klasse zurück. Lauren legte eine kurze Pause ein, als müsste sie erst noch nachdenken, und sagte dann: »Brenda Joyce – das passt zu dir.«
Die Klasse brach wieder in Gelächter aus und Sandi fuhr von ihrem Platz hoch.
»Schau dir doch deinen eigenen Namen an!«, schrie sie. »Der ist echt bescheuert. Du hast einen Namen, den noch kein Mensch jemals gehört hat.«
»Ich schon«, stellte Ms Quaid gelassen fest. »Lauren Bacall, stimmt’s?«
Lauren nickte und errötete leicht.
»So«, fuhr Ms Quaid fort. »Du setzt dich jetzt wieder, Sandi, und bist still. Was ist denn los mit dir? Verstehst du keinen Spaß?«
Nein, diesen Spaß verstand Sandi offensichtlich nicht.
Den ganzen Nachmittag hindurch, während die Klasse an verschiedenen Aufgaben für ihr Naturschutz-Projekt arbeitete, kochte Sandi vor Wut. Alex konnte spüren, wie die Atmosphäre im Raum umschlug. Es lag eine Spannung in der Luft, eine kribbelnde Erregung. Die Klasse wurde wie eine Batterie mit einer ganz besonderen Energie aufgeladen.
Alex schaute sich um. Greg Simpson saß jetzt bei Sandi. Ms Quaid hatte ihm erlaubt den Nachmittag über an ihrem Tisch zu bleiben. Sie ließ sich nicht so leicht auf der Nase herumtanzen wie Mrs Dunbar, aber solange Greg nicht etwas wirklich Schlimmes anstellte, legte sie sich nicht mit ihm an. Jetzt war er still. Greg und Sandi steckten die Köpfe zusammen und es sah ganz so aus, als wären sie fleißig bei der Arbeit.
Damit können sie Ms Quaid täuschen, dachte Alex, aber ich fall nicht darauf rein. Die Art, wie sie ständig kicherten und die Köpfe hoben, sich umsahen und dann wieder nach unten abtauchten, verhieß nichts Gutes. Sie heckten irgendetwas aus.
Alex konnte Greg nicht leiden. Sie glaubte nicht, dass sie Angst vor ihm hatte, aber sie vermied es, die Probe aufs Exempel zu machen, und sorgte lieber dafür, möglichst wenig mit ihm zu tun zu haben. Er hatte eine Gang, die Bridge Boys. Sie hielten sich für harte Burschen, aber sie waren nicht so hart wie die ursprünglichen Bridge Boys, die Del, Gregs älterer Bruder, angeführt hatte. Und auch Greg war nicht so schlimm wie Del, jedenfalls jetzt noch nicht, aber er arbeitete daran.
Er gehörte zu den Größten in der Klasse, war breit gebaut und setzte diesen Vorteil, ohne zu zögern, ein, um die anderen einzuschüchtern und sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Zurzeit trug er die Haare lang, mit einem Scheitel so hoch oben auf dem Kopf, dass es schon fast ein Mittelscheitel war. Immer wieder schleuderte er sich mit einer ruckartigen Bewegung die Haare aus dem Gesicht und führte damit vor, wie seidig sie glänzten. Er trug einen Ring im Ohr und war auf seine Weise genauso eitel wie Sandi. Seine Augen und das schmallippige Grinsen erinnerten Alex irgendwie an einen Schäferhund, aber das behielt sie vorsichtshalber für sich.
Im Augenblick unterhielt er sich lebhaft mit Andrea Bowman, zeigte mit dem Finger und fuchtelte herum. Offenbar gab er ihr irgendwelche Anweisungen. Andrea nickte gehorsam und hörte ihm so konzentriert zu, dass Alex die beiden unbemerkt beobachten konnte.
Andrea war die beste Freundin von Sandi, machte Sandi alles nach und hatte sogar ihren Namen zu Andi mit i abgekürzt, was bis jetzt aber noch niemand beachtet hatte. Sie trug auch die gleichen Klamotten, aber an ihr sahen sie nach nichts aus und ihre Haare waren mit den Spangen à la Sandi nicht zu bändigen.
Eine große Brille mit blauer Fassung ließ Andreas Gesicht zwergenhaft klein wirken und ihre Zähne sahen aus, als hätte sie mehr davon als andere Leute. Wenn sie Greg Simpson anlächelte, war die Zahnspange zu sehen, die sie vor kurzem bekommen hatte und die an jedem einzelnen Zahn wie ihr persönliches Markenzeichen funkelte. Sie vergötterte Sandi, aber Alex hatte den Verdacht, dass Andreas Zuneigung nicht wirklich erwidert wurde und sie nur eine Art Zubehör darstellte, durch das Sandi umso besser aussah.
Als Andrea aufstand, widmete sich Alex schleunigst wieder ihrer eigenen Arbeit, damit niemand bemerkte, dass sie zu ihnen hinsah. Sie kritzelte auf ihrem Tisch herum und versuchte sich etwas einfallen zu lassen, wie sich ihr Referat über den Klassenausflug zu einer Kunststoff-Recycling-Firma etwas interessanter gestalten ließ, aber sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. In der Klasse herrschte eine Atmosphäre, die sie an irgendetwas erinnerte.
