Auf dem Wege II - Johannes Rath - E-Book

Auf dem Wege II E-Book

Johannes Rath

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Beschreibung

Teil II führt an die Küste, in die schon seit 1938 vertraute Stadt Amsterdam mit ihren reichen Kunstschätzen. In Holland steht wiederholt intensive Mitarbeit bei Tagungen auf dem Programm. Ein Aufenthalt auf der Insel Vlieland bringt eine bedeutende Zahl von Zeichnungen - ein Höhepunkt des Buches - wie auch Strandholzobjekte. Von beeindruckenden Fahrten nach Paris mit seinen Museen wird berichtet, einer Begegnung mit Chartres. Auch Kopenhagen und Oslo werden berührt.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gent (1967)

Inhalt

Holland, Belgien, Nordfrankreich

Hollandreise 1938, mit Ernst Beernink

Land en Bosch 1952

Amsterdam 1954

Erste Begegnung mit Paris 1955

Amsterdam – Paris 1955

Tagungen in Land en Bosch 1956 –1961

Auf der Insel Vlieland 1958

Anhang

: „Strandholz“

Amsterdam – Gent – Paris 1966 Kunstbetrachtung mit Harald de Bary

Paris 1967

Tagungen in Land en Bosch 1967–1969

Amsterdam 1971

Norwegen und Dänemark

„Kleine Nordlandreise“ 1955

Anhang

: Norwegen und ein Blick auf Ernst Jünger

Norwegen 1958

Anhang

: „Die Jakobsleiter“

Kopenhagen 1962

Blaaby auf Thurø 1967

Tagung in Saebö ved Leirvik/Stord 1969

Nachwort

Zur 2. Auflage 2019

Lebensdaten

Angaben zu den Abbildungen

Auf dem Wege zu sein – das ist vielleicht das einzige Lebensgefühl, das sich lohnt.

Sils Maria, 8. August 1955

Holland, Belgien, Nordfrankreich

Am Strand (Vlieland 1958)

Hollandreise 1938

mit Ernst Beernink

3. August 1938, Baarn, im Kutschhaus

Ernst und ich reisten am Montag, am 1. August, über Minden, Osnabrück, Bentheim, Deventer, Amersfoort nach Baarn und leben nun schon seit drei Tagen im Kutschhaus ganz vergnüglich. Gestern Nachmittag fuhr uns Klaas Storm nach Amersfoort. Wir wollten dort Stan Drake erwarten, der aber kam erst heute in der Frühe.

In Amersfoort gewann der wunderschöne Kirchturm von Unser-Lieben-Frauen meine ganze Liebe. Hoch, schlank und zierlich überragt er die Stadt und das Rosarot der Ziegeln und das Weiß der reichen Sandsteinverzierungen gaben mir mit dem feucht-dunstigen Blau des späten Sommerhimmels zusammen den ersten starken Eindruck holländischer Landschaft. Dazu kam dann der reine Klang des Glockenspiels und der alle Luft durchziehende, wunderbar süße Duft von Hollands Wiesen, Weiden und Wassern.

6. August 1938

Vorgestern in Hilversum. Dort besonders moderne Architektur gesehen (Rathaus).

Gestern in Utrecht. Herrlicher alter Dom mit sehr schönem, grazilem Turm – unvergesslich diese rosarot-weißen Türme gegen den blauen Himmel. – Dann Centraal-Museum. Dort sehr bedeutende Sachen. Unter anderem ein himmelfahrender Christus auf Goldgrund auf einer Altartafel eines mittelrheinischen Meisters; wohl zeitiges 15. Jahrhundert. Auf einer anderen, späteren Altartafel eine ungeheuer schöne Versuchungsszene. In einer Sonderausstellung viel herrliche niederländische Malereien – u.a. eine große Anzahl Jan van Scorels. So die Porträts der Kreuzbruderschaft – wohl an die dreißig starke, eindrucksvolle Köpfe auf drei langen Tafeln. Von späteren französischen Meistern ist besonders das Pastellbildnis eines jungen, vielleicht 14-jährigen Mädchens in blauem Hermelinmantel mit blondem Haar mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit gemalt, unvergesslich. An solchen Produkten kann man wohl erleben, dass dieses Land später einen Renoir hervorbringen konnte. –

Auf der Fahrt nach Utrecht besuchten wir in der Nähe von Bilthoven H.Th. Wijdeveld und seine neue Kunst- und Architekturschule. Starker Eindruck.

Heute ruhiger Tag zuhause. Wir ruhten eine Zeitlang im Schatten der alten Bäume im Park.

Manchmal auch verbringen wir die Zeit mit Kartenspielen.

7. August 1938

Amsterdamer Eindrücke: das Bedeutendste war die Ausstellung „100 Jahre französische Malerei“ im Stedelijk Museum. Die vorzüglich und knapp ausgewählte und gehängte Schau gab einen überzeugenden Überblick über die französische Kunst von David und Géricault bis Cézanne. Überzeugend davon, dass alle Chancen der Malerei des letzten Jahrhunderts in Frankreich lagen und dass Paul Cézanne immer noch der Brennpunkt aller Malerei der Gegenwart ist – und von den Lebenden zeigt wohl keiner so stark wie George Braque die Richtung des Weges in die Zukunft. – Mit Cézanne schloss die Ausstellung; aber wollte man sie weiterführen, so müsste Braque, davon bin ich fest überzeugt, den nächsten Saal füllen. Er ist der größte Nachfolger seiner so unerhört großen Vorfahren, die etwa von Corot, Daumier und Delacroix an mit erhöhter Deutlichkeit zeigen, wohin sich das Ganze entfalten will: zu einer Kunst der höchsten Beherrschung des Mittels.

Es ist sehr aufschlussreich, vor der Versammlung dieser ausgezeichneten Werke an die deutsche Kunst des vergangenen Jahrhunderts zurückzudenken, die in nichts diese unerhört geschlossene und originelle Entwicklung aufzuweisen vermag. ... Einzig Hans von Marées besteht als ebenbürtiger Maler. Seine Größe enthüllt sich mir immer deutlicher.

Der Höhepunkt der Ausstellung war für mich Renoir. Ihn liebe ich heißen Herzens. Es ist sicherlich eine voreingenommene Liebe: d.h. eine Liebe der Verwandtschaft – trotzdem! Seine Zärtlichkeit ist ein Seelenelement, aus dem auch ich liebe und lebe. Seine heitere Herzensbeschwingtheit ist mir Lebenswunsch. Wäre es noch an mir, ein Maler und nichts als das zu sein, so wüsste ich das Zeichen. – Es wäre sein Zeichen. So aber liebe ich ihn mit kindlicher Freude.

Am schönsten schienen mir die drei kleinen musizierenden Mädchen, ähnlich schön, schöner noch als der „Nachmittag der Kinder“ in der Nationalgalerie Berlin. Gleichschön zwei kleine Porträtköpfe von kleinen Mädchen – eines mit blauer Schleife im blonden Haar, das andere in weißem Spitzenkleid mit roten Schleifen. Daneben gab es ein paar herrliche Landschaften: die Seinebrücke, eine grüne Landschaft und manches andere mehr.

8. August 1938

Sodann Paul Cézanne. Wunderbar seine Landschaftskunst. So besonders die Landschaft mit dem Türmchen auf dem Hügel und die unübertrefflich schöne Kiefer. Dazu das Porträt von Vollard und einige frühe Sachen. An ihm enthüllt sich das Problem der Kunst zu dringlicher Greifbarkeit. Noch hält er, was es zu halten gilt – aber. – – Grenzfragen tauchen auf. Es geht um das Leben überhaupt. Der Kampf um die geistigen Inhalte ist schwer und hart. Der Weg, sich ganz dem Mittel und dem Stoffe auszuliefern, scheint allgemein der übliche zu sein. ...

Gauguin: Bildnis Vincent van Goghs. Der rotbärtige Vincent sitzt vor seiner Staffelei, Sonnenblumen malend. – Nave Nave Mahana; Stillleben mit Selbstporträt und roten und grünen Äpfeln; das schönste aber von allen das Bild mit den beiden blütenhaften Eingeborenenfrauen, genannt Nafea.

9. August 1938

Sammlung Vincent van Gogh als Leihgabe des Neffen an das Stedelijk Museum: Die große Sammlung gibt wohl als einzige Van Gogh-Sammlung überhaupt einen vollkommenen Überblick über die Entwicklung des Werkes von den ersten Zeichnungen an bis zum letzten Bild aus Auvers-sur-Oise. Was einen beim Betrachten dieser Sammlung erschüttert, ist der absolut ärmliche, aussichtslose und nichts versprechende Beginn. ... Man versteht vor diesen dunklen und ärmlichen Bildern die Ablehnung, die er von Seiten seiner Verwandten und von Mauve zu verspüren bekam. Aber Dringlichkeit und Strich der meisten Zeichnungen zeigen von Anfang an den Frondeur und den niemals zur Aufgabe bereiten vorwärtsdrängenden Willensmenschen. Und doch kann man es sich kaum erklären, mutet es wie ein Wunder an, dass dieser Mensch den vollgültigen Anschluss an die immensen Traditionen der französischen Malerei erhält und vollwertig sich neben Cézanne oder Renoir zu halten vermag. Als Maler erreicht er das Höchste, was er erreichen konnte: nur scheint mir die Tragik seines Lebens darin zu liegen, dass die Traditionen, die er in so glänzender Weise fortzusetzen sich als fähig erwies, Traditionen eines hochkultivierten Mittels – nicht aber eines geistig erfüllten Inhalts waren. Danach aber stand seine Lebenssehnsucht. –

An Bildern sah ich (neben einer Unmenge von Zeichnungen und Aquarellen und Lithos) die schönen blauen Iris auf gelbem Grund, das wogende Kornfeld mit dem kleinen hellblauen Schnitter, mit grünem Himmel und gelber Sonne, die monumentalen Berge aus der Provence, sodann sein letztes, ungemein starkes Bild mit dem reifen Kornfeld, dem schweren, blauen Gewitterhimmel und dem Rabenschwarm. Auf diesem Bilde sieht man drei rötliche Wege wie in fliegender Verzweiflung sich weit ins Bild hinein auseinanderspreizen. – Neben diesem letzten Werke hingen zwei lyrisch zarte, dem Motiv nach ungemein interessante Bilder: der Einblick in das grünende Weizenfeld und das Grasstück mit den Schmetterlingen.

Im Reichsmuseum sah ich neben den zahlreichen Rembrandts, insbesondere natürlich der tief eindrucksvollen Nachtwache, zwei wundervolle Hieronymus Boschs, so den rotbemantelten Heiligen mit dem blauen auf dem schwarzen Kragen und die Gefangennahme Jesu.

Als malerische Höhepunkte entzückten mich Gerard Terborch und Jan Vermeer van Delft. Mit ihm geht es mir ähnlich wie mit Renoir: auch ihn liebe ich heißen Herzens. Unvergesslich werden mir seine Delftsche Straße mit dem roten Hause, die brieflesende Frau in der blauen Jacke vor der alten, grau-gelben Landkarte, unvergesslich die Frau mit der blauen Jacke sein, die eine Milchkanne ausgießt.

10. August 1938

Mit dem Fahrrad in Begleitung von Ernst und Klaas Storm nach Bunschoten und Spakenburg gefahren. Weite, grüne holländische Landschaft mit weidenden Kühen. Nur in der Ferne blau aufragende Kirchtürme – im Süden der schlanke Turm von Unser-Lieben-Frauen in Amersfoort. Die Luft angenehm kühl vom Seewind durchzogen. – in Spakenburg kamen wir auf den Deich des IJsel-Meers. Wieder das Meer. – In unermessliche Fernen, in Wolkendunst und Sonnenlichtern. Im Fernenblau ein paar Segel einsamer Fischerboote. – Unten am Deich bei Spakenburg, wo wir uns ein wenig ausruhten, ein reiches Leben – Fischerfrauen und Kinder in interessanten Trachten – manchmal auch Männer dabei. Alle Frauen sitzen vor den Häusern oder am Deich und stricken. Spielende, schreiende Kinder.

12. August 1938

Gestern zum dritten Mal in Amsterdam. Wieder in den Museen. In der französischen Kunstausstellung vor den Renoirs und Cézannes: der Franzose ist viel inspirierter als der genaue, pünktliche und verpreußte Deutsche. Es ist fast kein Bild in dieser Ausstellung, das nicht den großen Fluss der Inspiration zeigte, der zwischen hellem, begeisterten Lebensblick und Liebe zum Mittel einströmt. Ich weiß nicht genau, wo diese Inspiration urständet, wahrscheinlich strömt sie aus den Quellen des Volkstums: dass sie nicht ichhaft ist, zeigt der Ausgang der französischen Malerei in die Gegenwart hinein. Braque hat eine ungeheuer verantwortungsvolle Stellung, die er vielleicht nicht voll ausfüllen kann: aber was weiß ich? – Jedenfalls bleibt Cézanne mit das Größte und Bedeutendste, was es in der Malerei gibt. Wenn wir gute Maler sein wollen, dann müssen wir uns auf Cézanne berufen. Er hält die Schlüssel in der Hand. Dass aber jeder seinen eigenen Schlüssel fände. Doch darüber könnte man verzweifeln. Es kann sich wirklich nur darum handeln, die Inspiration ichhaft zu machen. –

Lange, wohl 1 ½ Stunden vor Rembrandts Staalmeesters. Davor folgende Gedanken: der Prozess der Individualisierung. Es blüht, wie auf allen Gesichtern Rembrandts, das junge Menschen-Ich, noch gleichsam greifbar und an der Oberfläche. Die vielgerühmte, meisterhafte Psychologie Rembrandts ist eben nicht die in Analyse ausartende des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern ein in besonders hoher Begabung erfasstes und zum Ausdruck gebrachtes Wesen der Zeit selbst. Es ist noch aus dem lebendigen Quell im Augenblick des Werdens selbst geschöpft, aus dem Quell, der später in dürre Abstraktion versiegte und durch alle Begriffsschemen hindurch nicht mehr zu erreichen war. Das ist das Jugendglück, das bei aller Tragik des Lebens über dem Werke Rembrandts ausgegossen liegt. Je länger man sich übrigens vor dem Bilde aufhält, desto überraschender erwacht in ihm das Leben. Unsere Augen sind ermüdet und abgelenkt, gelingt es aber in Geduld und Ausdauer sich zu sammeln, so kann man wohl doch bis zu einem Begreifen davon kommen, ich meine zu einem wirklichen Begriff, vor einer der höchsten künstlerischen Ausdrucksintensitäten der Menschheit überhaupt zu stehen. So kann man weiterhin erleben, was Wirken und Schaffen von Licht und Schatten bedeuten. Die Genialität dieses Bildes liegt übrigens ohne Zweifel darin, dass es das Leben selber sein will und tatsächlich auch geworden ist: das ist Inhaltskunst im höchsten Sinn, wo jedes Mittel nur Instrument des geistig klar durchschauten Lebens ist und wo nichts anderes einfließt als die Schau allein. Wer das übrigens so greifbar und überzeugt durchzutragen vermag wie Rembrandt in seinen Staalmeesters, bezeugt, dass er unter den unendlichen Reihen menschlicher Individualitäten zu den Sieghaftesten gehört. Es gibt in jeder Kunstart die Überwindung des speziellen Moments, wo das geschaffene Werk über das Eigenbedeutende als Gemälde oder Dichtung oder musikalische Komposition hinauswächst und Menschheitswert bekommt, d.h. wo es zum Aufbau oder Verderb der ganzen Menschheit ausschlaggebend mitwirkt. Das menschheitsaufbauende Moment zu erreichen, ist immer nur wenigen vorbehalten. Die Staalmeesters legen Zeugnis davon ab, dass Rembrandt zu den wenigen gehört.

Nachmittags ging ich zu Paul Cassirer in der Keizersgracht, um dort die Ausstellung französischer Zeichnungen und Aquarelle aus dem 19. Jahrhundert zu sehen, die ein erfreuliches und willkommenes Supplement zur großen französischen Kunstausstellung im Stedelijk darstellt. Die knappe Ausstellung ist glänzend ausgewählt. Was auch hier wiederum frappiert, ist die absolut reine Linie der Tradition, die als freischwingender, hochgradig musikalischer Kontur in jeder Zeichnung von Ingres bis Cézanne mit überraschender Stetigkeit zu spüren ist. Man hat wohl vor keiner Zeichnung den Eindruck, dass auch nur eine einzige Linie prinzipienhaft, vorsatzmäßig festgelegt sein könnte. Das gibt dem Ganzen den erfrischenden Hauch höchster Intelligenz bei erfreulichster Jugendlichkeit.

Wir schlossen den Tag mit einem Tee bei Harry van Oss ab, der uns in seinem schönen Studio aus seinem reichen Repertoire alt-irische, schottische, holländische, deutsche und französische Volkslieder sang. So gab er unter anderem eine entzückende Interpretation der Vogelhochzeit – neben wunderbar vorgetragenen jiddischen Liedern und Negro-Spirituals. –

Gegen ½ 10 Uhr abends verließen wir Amsterdam, diese liebenswürdige, schöne Stadt. Aus der Centraal-Station ausfahrend, hatte ich noch einmal einen Blick auf den abendlichen Hafen mit seinen großen Hochseedampfern.

17. August 1938, Wendelborn bei Breslau

Am letzten Tag meines Aufenthaltes, am Sonntag, reisten Ernst und ich nach Otterloo in das neue Reichsmuseum in der Hooge Veluwe, dem Nationalpark Hollands, einem Geschenk der Familie Kröller-Müller an den holländischen Staat. Das neue Museum zu besichtigen war mit eines der interessantesten Erlebnisse, die ich in Holland hatte.

Ausgezeichnete Sammlung Vincent van Gogh: vollkommene Übersicht über die Entwicklung seines Werkes (etwa 250 Arbeiten Vincents). Erste Zeichnungen aus dem Borinage. Die absolute Ausfüllung eines Blattes. Er rastet nicht, bevor er das ganze Blatt durchgestaltet hat. Das Erlebnis des inneren Chaos, das durchgetragen werden muss. Das durch nichts beirrbare Durchtragen.

Die Art der Ausstellung der Sammlungen. Alte Sachen neben durchaus modernen. Ein Glasschränkchen mit alten ostasiatischen Plastiken, griechischen Tanagrafiguren, ägyptischen und modernen Kleinplastiken.

Herrliche Blumenarrangements in jedem Raum. Seltene Blüten höchst geschmackvoll gesteckt und angeordnet.

Léger, Picasso, Mondrian, Ensor, Corot, Renoir, Odilon Redon, Gleizes, Seurat, Signac.

.....

Bis abends mit Ernst in Apeldoorn umhergeschlendert. Dann Abschied von ihm, der 1 ½ Stunden vor mir nach Baarn zurückreiste. Einsamer Abend in Apeldoorn. Um 10 Uhr Abfahrt über Deventer, Hengelo, Osnabrück, Hannover, Berlin nach Breslau, das ich nächsten Tags um 1 Uhr erreichte.

Land en Bosch 1952

‘s-Graveland

Freunde aus Seminarzeiten (1936–1939 in Stuttgart): Ernst Beernink, Kenneth Walsh und Johannes Rath während der Tagung in Land en Bosch 1952. Dort wurden Kenneth Walsh und Ann von Haselen von Johannes Rath getraut.

[Keine Notizen – Tagebuch auf Hinreise verlorengegangen.]

Amsterdam 1954

1. Januar 1954

Ich komme mir vor wie ein Mann, der auf rauhen, öden Bergeshöhen wandert. Der Wind ist mächtig. – Aber in den Tiefen weiß ich viele Schätze. Ich las eben noch Aufzeichnungen aus diesen ersten Januartagen von 1952. Was ist doch inzwischen nicht alles geschehen! Wer war ich damals noch? Wer bin ich heute? Welche Verwandlungen! Wenn ich an die Arbeit denke, an die eigentliche und wesentliche, bin ich guten Mutes. Was sich da entbirgt, wird für alles andere sprechen. Wird für alles andere zeugen. Sie allein wird in Zukunft zählen.

Morgen früh fahre ich nach Amsterdam. Wie immer vor solchen Reisen: ohne gespannte Erwartungen, still, doch aufmerksam.

2. Januar 1954

Auf der Reise nach Amsterdam. Fahrt am Rhein entlang (rechts). Der Tag ging klar, aber kalt auf. Beim Heraustreten der steife Ost aus den Gärten und Feldern. In Schlesien liebte ich ihn. Hier, in diesen Breiten ist er mir nicht sehr sympathisch. Hinter Frankfurt kam die Sonne, weiß strahlend. Am Rhein alles in leichtem Schnee. Viel Reif an den Bäumen. Der Himmel zart pastellblau. Mit rötlichen Tönen am Horizont. Überraschend schön die Schatten auf dem verschneiten Boden. Dies seltene Blau. Duftig – und doch bestimmt. Wer das machen könnte? Sollte man nicht einmal ein Blatt versuchen „Rauhreif“? – Jetzt Halt in Köln. Der Dom: graues Gebirge in duftigem Sonnenglast. So schnell vorüber! Unterwegs, bis hierher, auf Zetteln einiges über die „Wassermühle“ niedergeschrieben. Entdeckungen, Bezüge, Hinweise. Das ist wohl ein Ganzes und was „Dichten“ sein mag, dem bin ich damit wohl schon etwas nähergekommen. Daraus könnte sich viel ergeben. Die Geschichte von der Anemone spukt in mir. Da müsste vielleicht auch Colonia Augusta Nemausus vorkommen [Nîmes]. Das Gärtchen hinter dem Tempel der Diana. (Jetzt bin ich in Colonia Agrippina.) Rhône und Rhein: merkwürdig, was mir diese Ströme zu-wenden. Wer käme auf diese Geheimnisse? – Aber werde ich die Geschichte von der Anemone schreiben können?

Gestern noch viel mit Goethe. Ich bekam das schöne Buch von Münz „Goethes Handzeichnungen und Radierungen“. Viel Bestätigendes – so die Sache mit der „Liebe“: „wo die nicht ist, dresch ich nur leeres Stroh“. Aber auch wichtige, neue Hinweise. Sein Verhältnis zu Lavater. Wie er da mit einer geistigen „Pseudoströmung“ zusammenkommt, erst begeistert aufnimmt, sich aber bald absetzt, aufs Eigene dringt. Urteilsbildung des „jungen Menschen“. Das wäre vielleicht auch einmal darzustellen.

Amsterdam. Jacob-Obrechtstraat.

Wieder in dieser Stadt, die ich so liebe. Sie empfing mich mit abendlichem Lichterglanz. Die Sauberkeit, Geradheit ist Ingredienz. Liegt in der Atmosphäre. Das fängt gleich an, wenn man mit dem Zug aus der nächtlichen Landschaft in Amsterdam ankommt und der Zug zum erstenmal auf ihrem Boden hält. – Bis spät mit Ernst [Beernink] vor den Blättern, die ich glücklich durch den Zoll schleuste. Er ist einer der wenigen guten Betrachter. Da kommt vielleicht nur noch R. G. [Rudolf Greif, Musiker] mit. Wer sieht denn schon, worauf es ankommt. Wer ahnt etwas von diesen „Plänen“, von dem Ausblick auf was für Welten? Darum verspreche ich mir von dem Gang zu den diversen „Kunsthändlern“ so wenig. Aber es sei! Was vor mir liegt, ist mir wichtiger als alles andere.

3. Januar 1954

Eigentlich müsste ich einen solchen ersten Tag in Amsterdam mit aller Ausführlichkeit beschreiben, seiner humorvollen Missgeschicke wegen. Wie ich ganz allein war im Haus, spät aufstand ... Dass ich an die falsche Kaffeebüchse geriet, die fast leer war – und die volle nicht entdeckte. Auch, wie die große weiße Lachmöwe auf dem Fensterbord saß und mich erstaunt anguckte und mit erstaunten Kopfwendungen abflog, als ich ihr zu nahe kam – mit der Kaffeemühle, in der nur zehn Bohnen waren. Aber auch die Sache mit dem nicht funktionierenden Schlüssel, mit dem ich mich selber auf die Straße sperrte – es schneite, graupelte und windete – und fast zwei Stunden „uitdoors“ auf E. B. warten musste, bis er zurückkam aus Rotterdam. Auch das nahm ich leicht und trieb mich in den Straßen herum und entdeckte viel Interessantes und wohl Typisches für diese Stadt.

Als er endlich kam und ich wieder im Warmen war und wir einen nun anständigen Kaffee brauen wollten, wie ich da die Mühle drehte und wir hatten vergessen den Schub unten hereinzutun und ohne dass ich’s merkte, malte [mahlte] ich mir alles, aber auch restlos alles in die Hosenaufschläge und in die Schuhe und auf den Teppich.

Und wie dann die Leute kamen, um Blätter von mir zu besichtigen und es war alles dumm und sinnlos. Nur Harry van Oss verstand. Der kommt mir dafür morgen vorsingen, ganz für mich allein. Darauf freue ich mich.

Und abends, als wir, Ernst und ich, noch Zigaretten holen gingen und sahen, wie die Amsterdamer ihre abgebrauchten Christbäume einfach auf die Straße stellen und stehen lassen. Überall auf dem Bürgersteig stehen die „abgefallenen“ Christbäume herum. Nie sah ich so etwas. Oder auch diese komische Sache, dass an allen Automaten (Zigaretten) immer ein Mann dabei steht, der die Sache bedient. Wenn dieser Mann nicht dabei steht, liest man auf einem Schild „gesloten“. Natürlich – wie wäre es sonst auch ein Automat, wenn er allein ginge! Funny things! Das alles machte mir großen Spaß.

Im Stillen an der Geschichte von der Anemone gesonnen. Wie sie etwa in Amsterdam beginnen könnte, am Fenster, in der Dämmerung, während auf der anderen Straßenseite ein Vorhang von einer Frauenhand zugezogen wird.

4. Januar 1954

Viele, schöne Gespräche mit E. B. Sein Verständnis, seine Offenheit. Was er an meinen Blättern entdeckt. Die Freude an den Einzelheiten. Wie er das sieht!

Abends erzählte ich Teile aus meiner „Wassermühle“. E. B. erzählte mir darauf Geschichten von N. Leskow. Besonders die „Teufelsaustreibung“. Hörte auch wieder eine Menge Musik (Platten). Das wunderbare „Konzert für die linke Hand“ von Ravel u.a. Auch das sechste Brandenburgische.

Nachmittags in einer Buchhandlung. Ich besorgte mir „The Books in my Life“ von Henry Miller. Dem wollte ich längst schon begegnen. E. schenkte mir dann seinen Roman „Tropic of Capricorn“. Und „The Riddle of Emily Dickinson” von der Rebecca Patterson. Das war auch schon lange fällig. Die „Anemone“ spukt in mir – aber keinen Strich. Es wird hier wohl auch kaum dazu kommen. Ich muss immer wieder viele Menschen sehen. Das ist halt mein Schicksal. Aber manchmal, wie auch heute abend, bin ich ganz allein. Amsterdam ist schön. Heute schneite es ab und zu in dichten Flocken. Harry van Oss kam leider nicht. Er musste absagen. Er hat morgen in Basel zu singen.

5. Januar 1954

Früh besuchte ich den alten Mann, der meine drei Blätter so vorzüglich rahmte. Ein alter, bemühter, sauberer und interessierter Geselle. Er zeigte mir stolz seine Tief-Schnitt-Passepartouts, die wirklich sehr vorzüglich sind. Stolz zeigte er mir auch Arbeiten, die er für die Königin rahmte. – Die schöne Stadt war hell, aber ein sehr kalter, rauher Wind wehte durch die Straßen, an den Grachten entlang. –

Nachmittags erwartete uns Dr. Jaffé im Stedelijk, die rechte Hand von Sandberg, der selbst nicht da war. Das war eine recht interessante Erfahrung. Wir waren in seiner „Privaat-Kamer“. Er empfing uns sehr höflich, freundlich, zuvorkommend. Ich hatte ihm gegenüber sehr sympathische Empfindungen. Im Ganzen aber war mir, wie es auch laufen möge, alles ziemlich egal. Nun ergab es sich, dass ich meine Mappe auspackte, die Blätter der Reihe nach aufstellte unter jenem entzückenden Van Gogh, der Zeichnung mit dem (von ihm selbst auf das Blatt geschriebenen) Titel: „Un mas de Provence“. Er schwebte gleichsam darüber in seiner ganzen armen, aber strahlenden Herrlichkeit, wie ein besonderer Segen. Das war schön und mochte die Bedeutung der Stunde mehr charakterisieren als alles andere. Mir war es ein Licht, zumal meine Blätter in ihrer Eigenart so brüderlich mit dem van Gogh-Blatt korrespondierten. Aber Jaffé – konnte es eigentlich, durfte es anders sein – war ehrlich angetan von meinen Arbeiten. Sein „schön“, sein „sehr schön“, waren echt. Eine kleine Bemerkung von ihm war mir Goldes wert. Dies Wort: „ – aber Ihre Farben sind nicht deutsch. Die modernen Deutschen haben nicht solche Farben“.

Und wenn bei der ganzen Sache auch nur eine Einladung zu einer allgemeinen modernen deutschen Kunstausstellung im Stedelijk herauskam – im Frühjahr – (also so gut wie nichts) – was tuts? Das Schönste war die spontane, unerwartete und von mir wirklich als Segen empfundene Begegnung mit van Gogh. Und gerade diese Zeichnung: Provence, so typisch Provence. Ja, wer ein Herz hat für die geheimen Signaturen! Das sind wohl die Versprechungen, die Sterne – die fast unsichtbar, verborgen leuchten.

Wie man aufwacht in Amsterdam: aus unbenennbaren Träumen, durch deren Schwere man ohne Angst gegangen ist. Draußen auf der Straße löst ein Ausrufer den anderen ab; aber wie klingt das schön, mögen die Männerstimmen auch noch so gebrochen sein. Mir ist, als ob sich die Töne mit dem Licht über dieser Stadt vermischten. Möwenschreie. Das Trapp-trapp-trapp eines langsam gehenden Pferdes auf dem Pflaster. Die Pfeifchen der Straßenbahnschaffner. Der Bass eines Ozeandampfers aus dem Hafen. Licht und Wind vor dem Fenster.

6. Januar 1954

Der vierte Tag in Amsterdam. – Mappe auspacken, Mappe einpacken etc. etc. Ich verkaufte „Blatt W-O“ an Hans v. Walsum. Ihm seis gegönnt. Die Sache mit der Galerie „Le Canard“, da will sich vielleicht etwas auftun. Vielleicht, vielleicht. – E. sagte: „Es wäre nicht unsympathisch, mit einer Ausstellung in Amsterdam zu beginnen“ – Vielleicht, vielleicht. Bis zum Äußersten lasse ich die Dinge auf mich zukommen. Das mag nun gehen, wie es will. Ich werde mir morgen die Räume anschauen.

Das Erlebnis des Tages war ein Konzert mit dem Concert Gebouw Orkest unter Rafael Kubelik (einem Tschechen). Eine Mozart-Symphonie (die sogenannte Salzburger), das zweite Klavierkonzert von L. v. Beethoven (Solist: Solomon – Engländer) und vor allem mit der ersten Symphonie von Schostakowitsch. Lieber ШОСТАКОВИЧ, ich muss dir vieles abbitten! Diese Symphonie ist gewaltig. Wenn sie auch gar nicht sehr „modern“ ist, so ist sie doch ganz russisch inspiriert, eben auch inspiriert. Das ist wohl klar. Und groß, inhaltlich und formal groß! Möglich, dass der Komponist dann „normalisiert“ wurde – später. Aber in diesem Werk ist er echt. – Übrigens stand auch der Dirigent erst voll im Zentrum, als die slawische Musik kam. Er schloss den Abend mit vier der „Slawischen Tänze“ von Dvořak.

Interessant, wenn Miller von einem Buche sagt „the whole body and texture“ – (Er spricht an dieser Stelle in „Tropic of Capricorn“ von D. H. L. [Lawrence].)

7. Januar 1954

Morgen früh wieder Abreise nach Frankfurt. Heute noch einmal ausgiebig in der Stadt. „Le Canard“ hatte zu. Ich lasse meine Mappe hier. Mag E. sehen, wie er mit den Verhandlungen zurecht kommt. – Amsterdam sehr duftig, bei Sonne und leichtem Schnee. So habe ich mir die Stadt schon als Kind vorgestellt. Sonne, Duft, Glanz und Schnee. Das Grau der Grachten. Die roten oder schwarzen Häuser, die schmalen Giebel, die kahlen Ulmen davor. Das sehr bewegte Leben. Die blauen Tramwagen.

Nachmittags bei Frl. de Groot auf dem Kattenburg-Plein, ganz draußen am Hafen, wo das große und das kleine „IJ“ zusammenstoßen. Man sieht die Kräne, die Hellinge, die Docks, die Masten und farbigen Schornsteine der großen Ozeandampfer. Überhaupt der Hafen. Später, schon in der sinkenden Dämmerung, ein ganz schmaler, zunehmender Mond im duftigen Rosa des Abendhimmels. Frl. de Groot bewohnt ein ganz kleines, schmales, schiefes Haus aus dem frühen 17. Jahrhundert. Entzückend schön und ganz amsterdamsch. Sie sagte: „Es ist noch unbestimmt, wer länger lebt – das Haus oder ich“. Sie ist 64 Jahre alt. Sehr liebenswürdig, sehr gelehrt und sehr offen für meine Blätter. Sie kaufte zwei – konnte sich aber noch nicht entscheiden. So ließ ich ihr meine Mappe dort. In ihren Händen weiß ich sie gut aufgehoben.

8. Januar 1954

Auf der Fahrt Amsterdam – Köln – Frankfurt.

Es wäre gut zurückzublicken, zusammenzufassen. Von Amsterdam ab las ich mit hoher Anteilnahme Millers „Books in my Life“. An inspiring book. Ein Buch, das auch zu denen gehören wird, die ich immer wieder lesen werde. Strange: wie viel Stellen, die ich schon so lange kenne, die ich seit Jahren selber gedacht habe, Gedanken, die in mir lebten, die mir vertraut sind wie irgendetwas. Auch die Berührung mit denjenigen Menschen, die für mich eine entscheidende Rolle spielten wie V. v. Gogh, Lawrence, Jean Giono, um nur einige Namen zu nennen. Das Erlebnis mit der Zeichnung von v. Gogh gehört zu den wirklich aufwühlenden, bedeutsamsten. Das sind Quellen, die uns mit Worten versorgen. –

Im übrigen denke ich daran – das überschlägt sich alles ein wenig – „Sarah“ zu schreiben. Vielleicht, bevor ich mit der „Anemone“ beginne, vielleicht geht auch beides durcheinander und es will zusammenströmen. Ich weiß es nicht. Aber „Sarah“ muss (irgendwann) geschrieben werden. – Möglich, dass ich jetzt überhaupt erst zur Produktivität komme, in beidem: im Malen und im Schreiben. Der Erfolg mit meinen Blättern in Holland gibt mir Mut für mancherlei, encouraged me. Stärker als bei der Ausstellung in Luzern voriges Jahr [„Deutsche Kunst“] fühle ich meine Aktivität wachsen, fühle ich mich aufgerufen zu sagen, was ich wohl zu sagen berufen bin. Die Frage der Form des Schreibens: bei der „Wassermühle“ geht es weiter. Das war wohl doch der Durchbruch. – Aber es wird immer wieder viele Stunden der Verzagtheit geben.

*

3. August 1954

Man wagt es kaum niederzuschreiben. Aber ich bin in Amsterdam.

Ich habe den Sonnenuntergang gesehen, als ich in die Stadt einfuhr. Leicht verhangen, aber überall durch die Wolkenschleier sickerte breit und strahlend das Licht der sich neigenden Sonne. Über den Wasserbreiten, den Hafenbecken und Docks – und dahinter das freundliche Bild der freundlichen Stadt. Wie liebe ich sie doch!

Es ist in einem solchen Augenblick so leicht zu wissen, was Rembrandt ist.

Alles Große, alles Entscheidende ist so einfach, so einfältig einfach.

Schon auf der Fahrt durch Holland hinter Arnhem auf Zeist, Utrecht, Amsterdam zu – diese sommerliche Landschaft, Wiesen, Baumreihen, die Staffage der weiten Ebene, wie das Licht einfiel, wie die prächtigen Wolken über dem Ganzen standen – Gruppen von Häusern und Bäumen, es konnte alles noch so „neu“ sein, so jetzig, ein Schimmer und Schummer des „alten“ Holland eignete allem, die Hondecoeter, die Hobbema malten es so und noch im geringsten Vermeer atmet es nach. Ganz da, ganz ewig.

Und abends in die Stadt, die lichterfreundliche. Im sinkenden Dämmer der Nacht ein Blick auf eine strenge Hausfassade, ein wenig abgerückt von der Straße, durch einen Hof durch: die schwarzen Mauern, der hohe Giebel, die strengen, weißen Fenstergewände. Ganz Amsterdam und so, wie es nur in Amsterdam sein kann. Dies alles ist beglückend, beglückend aber auch, dass es so anschaubar wird, dass man es so sehen kann. Aus der „Einfalt“ heraus.

Ja, welche Wege gehe ich, werde ich geführt, welche Wege kommen mir zu? Ich werde sie gehen, das Wissen folgt.

Und dann die Begegnung mit meinen „hiesigen“ Bildern. Das Wiedersehen und die Überraschung, dass sie halten, was sie mir versprachen. Auch das – ist es nicht Glück? Vielleicht darf ich es doch so sagen – und ich sage es! – weiß ich doch, wie es erlitten und erworben wurde. Bin ich nicht immer bereit, die Dinge schließlich auch hinzugeben?

Ich habe mir „L’Eau et les cailloux“ mit auf mein Zimmer genommen. Ich prüfe es bis in alle Einzelheiten. Ça va – sage ich freundlich – ça va bien!

Es ist schon spät. Ich habe einen langen Reisetag hinter mir und ich müsste schlafen gehen. Aber ich möchte noch sinnen und sinnen. Schließlich sind alle diese Bilder Früchte des Sinnens, kommen aus dieser Besinnlichkeit.

Auf der ganzen Reise sehr intensiv Heideggers Buch gelesen [„Was ist Denken?“]. Wie kann ich ihm folgen! Die „Einseitigkeit“ und die „Eingleisigkeit“ des Denkens. Zum erstenmal, dass ich irgendwo hingewiesen und hingedeutet sehe auf den verborgenen aber wahren Zusammenhang des Denkens mit der Perfektion der Technik, mit dem damit zusammenhängenden Wesen. –

So vieles, das mir aufgehen möchte, so vieles aber auch, das Sprung – und Sturz bedeuten könnte. Aber blüht nicht eben dort die zarte Blume der Heiterkeit, wo um den Sturz, seine Möglichkeit gewusst – und diese Möglichkeit dennoch bejaht wird?

4. August 1954

(nachts) Wie sollte ich dies alles notieren, klären, sagen: so viel ist in diesen Tag zusammengedrängt.

Wieder sehr besinnliche Begegnung mit meinen Blättern. Ich weiß, ich weiß – : so viel ist noch zu tun und das Beste ist immer das Kommende und das „Zukommende“ (um ein wenig mit Heidegger zu reden).

Morgens gleich „Shopping“ in der Stadt. Wie das alles so ging und sich machte. Der Nicholson Coat, die K-shoes, die Kamgaren-trousers. Es war dies alles auch sehr lustig.

In einer Buchhandlung die „Cantos“ von Ezra Pound, die ich also jetzt auch mein eigen nenne. Für E. die eben neu herausgekommenen Briefe der Katherine Mansfield. Die „Cantos“ werden mich noch sehr beschäftigen.

Mittags kurze Begegnung mit Eileen Hersey, die nach London zurückflog. Ich konnte wieder mein Englisch ausprobieren und es floss wie nie. Das ist mir schon so selbstverständlich, von einer in die andere Sprache zu wechseln.

Abends jugoslawische Tanzgruppe (mit E.) in der „Schouwburgh“. Studenten und Studentinnen der Universität Zagreb. Wie mich diese Musik packte, wie sie mich förmlich ansprang und in meinem Blute rumorte. Aber was für Tänze und was für Tänzer! Eben auch gerade die Männer. Wie verstehe ich Nietzsche, der denken wollte im Tanzschritt. Mein slawisches Erbteil regt sich.

Morgen früh Aufbruch (zeitig) nach Zürich.

*

11. Oktober 1954

[Von Walsrode und Hamburg kommend.]

Und dann das liebe Amsterdam, abends, lichterhellt, freundlich und mitten im Herzen der Altstadt jetzt meine Bilder versammelt [Eröffnung der Ausstellung am 7. Oktober]. An diesen zwei gedrängten Tagen wird mancherlei auf mich zukommen.

12. Oktober 1954

Tag voller Ereignisse. Früh Stedelijk: dort besonders Zeichnungen von V. v. Gogh. Das Größte, das „Einzige“ seines Tuns.

Dann Bekanntschaft mit Martinet. Ich wusste gleich, dass meine Sachen bei ihm in den besten Händen sind. Die Tentoonstelling. Gut gehängt, intim „Kammermusik“. Alles ist gut. Die Sache liegt richtig.

Viel Sinaica, Japonica. Kalligraphie.

Abendessen bei Martinet und Frau in ihrem schönen Häuschen an der Prinsengracht. Gutes Zusammensein. Heiterkeit. Humor. Viel gelacht.

Dann Rezeption im Raum der Galerie. Viele Menschen. Fremde. Ich konnte einiges auf Fragen gut und „einleuchtend“ formulieren.

Wichtig noch spät das lange Gespräch mit Sandberg und seiner Frau (einer der „Weltkunstpäpste“). Sehr sympathisch. Dass er tatsächlich kommt und über eine Stunde in angeregtem Gespräch bleibt: kann es, wenn man von dieser Seite Anerkennung erwarten will, ein besseres Zeichen geben?

13. Oktober 1954

Wieder, wie alle Tage, Fülle. Früh Reise mit Martinet nach Den Haag. Besuch bei Dr. van Gulik im Innen-Ministerium. Chinesisch. „Ein Mensch, den man nicht vergisst“. Seine Statur, seine Art zu sprechen, sein Deutsch. Perfekter Sinologe in jeder Hinsicht. Geht sofort darauf ein. Anregungen. Soll vor allem mich mit tsaoshu vertraut machen als Künstler (Grasschrift). Seine Proben, die er gibt. Am entzündet sich die Unterhaltung. Später, in Amsterdam die Reihe „Ma“ [= Pferd], die er für eine Ausstellung entworfen hat. Ich habe sie mir als sehr bemerkenswert notiert.

Stempelschrift: chuan-shu

Kanzleischrift: li-shu

Abgekürzte Schrift (Grasschrift): tsao-shu

Standard-Schrift: kai-shu

Kursiv-Schrift: hsing-shu

Wie in der Grasschrift das volle Bild miteintritt in die „Abstraktion“, etc. – – Sehr wichtige Begegnung, die ohne Zweifel ihre Folgen haben wird. Etwa:

4 Pferde weidend – auseinandergezogen

4 Pferde dicht beieinander, angespannt

Dann Besuch der großartigen Grafik-Ausstellung Picassos. Übermächtig, gewaltig, in seiner Art eben doch ganz eigenartig. Das Minotaurus-Motiv. Wohl als solches in diesem Werk sehr wichtig.