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Es gibt acht Zimmer im Hospiz. Acht Menschen. Acht Lebenswege, die in Kürze zu Ende gehen werden. Journalist Michael Defrancesco und Hospiz-Geschäftsführerin Bettina Gerlowski-Zengeler unterhalten sich mit Menschen, die "auf den letzten Metern" ihres Lebenswegs unterwegs sind. Was bewegt sie? Wie blicken sie auf ihr Leben zurück? Was erwarten sie nach dem Tod? Wie gestalten sie ihre letzten Tage auf Erden? Welche Rolle spielt der Glaube für sie? Und was können wir alle von ihnen lernen? Acht berührende Porträts, die uns zum Nachdenken anregen. Acht Menschen, die wir "auf den letzten Metern" begleiten und die wir nicht mehr vergessen werden.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Auf den letzten Metern
Michael DefrancescoBettina Gerlowski-Zengeler
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
1. Auflage 2024
© 2024 Echter Verlag GmbH · www.echter.de
Echter Verlag GmbH
Dominikanerplatz 8 · 97070 Würzburg · Deutschland
Lektorat: Reiner Bohlander
Covergestaltung: Vogelsang Design, Jens Vogelsang, Aachen
Coverfoto und S. 113: © Njay/stock.adobe.com
Layout Innenteil: satzgrafik Susanne Dalley, Aachen
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
ISBN 978-3-429-05992-7
ISBN 978-3-429-06703-8 (PDF)
ISBN 978-3-429-06704-5 (ePub)
Grußwort
Vom Leben und Sterben
Prolog
ZIMMER 1: Christa
ZIMMER 2: Karl-Heinz
ZIMMER 3: Erika
ZIMMER 4: Albert
Intermezzo
ZIMMER 5: Liselotte
ZIMMER 6: Wolfgang
ZIMMER 7: Victoria Angelia
ZIMMER 8: Karin
Epilog
Die Autoren
Abschließende Gedanken
Service
Wie würden wir leben, wenn wir unsere letzten Meter bereits kennen würden? Wenn wir genau wüssten, wie viel Lebenszeit noch bleibt? Würden wir unser Leben verändern? Den Job wechseln, die Partnerschaft beenden, in ein anderes Land ziehen?
Die Antwort für Menschen, die sich ihrer eigenen Endlichkeit bewusst sind, müsste eigentlich immer „Nein“ heißen. Denn wer den Tod annimmt, ihm Raum gibt und ihn liebt, der lebt anders. Der lebt oftmals so, als wäre jeder Tag der letzte. Als wären es immer die letzten Meter. Ich versuche so zu leben. Manchmal ist es ein Glücksgefühl, manchmal auch eher belastend. Denn natürlich macht der Tod auch Angst, da es schwerfällt, ihn im Alltag immer zu verstehen und anzunehmen. Im Einklang mit der eigenen Endlichkeit zu leben, ist kein konstanter Zustand. So wie glücklich zu sein auch kein permanentes Empfinden ist. Es sind Momente, die sich aneinanderreihen und die einem immer wieder ins Ohr flüstern: „Tu alles jetzt! Liebe alles jetzt! Sei alles jetzt!“ Ich habe keine Angst davor, eines Tages auf meinen letzten Metern zurückzublicken und etwas zu bereuen. Zu viel durfte ich bereits erleben, und da ich den Tod auch nicht als Ende, sondern als Übergang begreife, gibt es für mich keine vertanen Chancen, da es weitergeht. Wohin, weiß ich nicht. Wieso, weiß ich nicht. Wann, weiß ich nicht. Aber genauso wenig weiß ich, ob mir mein nächster Urlaub gefallen wird oder der neue Job oder ob die Partnerschaft hält. Wir leben immer im Ungewissen. Ein wenig Licht, ein bisschen Klarheit können allerdings die Erfahrungswerte anderer Menschen bringen. Möchte ich wissen, ob Spanien ein tolles Urlaubsziel ist, so frage ich Menschen, die bereits da waren. Möchte ich etwas über meinen neuen Arbeitgeber erfahren, so frage ich Menschen, die bereits dort arbeiten. Und möchte ich etwas über das Sterben erfahren, dann kann ich genauso Menschen fragen, die genau diese Erfahrung zurzeit machen. Wir alle sind Sterbende, einige sind sich dessen einfach nur mehr bewusst. Auf den letzten Metern ist ja nicht nur alles schlecht. Auf den letzten Metern lässt es sich sehr wohl auch gut leben. Und wer weiß, vielleicht ist genau diese Woche jetzt unsere letzte Woche in dieser Inkarnation, in diesem Körper, in diesem Leben.
Vielleicht ergibt es Sinn, einfach mal inne zu halten, sich die Geschichten und Antworten der Menschen in diesem Buch anzuhören und sich ganz bewusst dieselben oder ganz ähnliche Fragen zu stellen. Noch können wir unser Leben in neue Bahnen lenken. Noch können wir gütiger werden. Noch können wir den Fokus unseres Lebens verändern. Aber wir können auch erkennen: Ich bin gerade genau dort, wo ich sein soll, sein möchte. Was für eine tolle Erkenntnis wäre das! Es können immer die letzten Meter sein. Wenn wir uns das bewusst machen, fällt es uns vielleicht etwas einfacher, uns auf die für uns wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Welche auch immer das für jeden einzelnen von uns sein mögen.
Schließen möchte ich mit einem Gedicht, das ich schrieb, nachdem mein Vater verstorben war und ich allein mit dem Rucksack durch Thailand reiste. Ich traf dort auf buddhistische Mönche, die sich immer mit „Bedenke, dass du sterben wirst“ grüßten. Tagtäglich. Eines Abends bei einem Singa Bier entstand dann das folgende Gedicht, das mich seitdem auf meinen „letzten“ Metern begleitet:
Bedenke, dass du sterben wirst
Nicht um in Angst den Tag zu begehen
Sondern um nicht das Wesentliche
aus den Augen zu verlieren
Bedenke, dass du am Ende alles verlierst
Nicht um dich schnell noch am Reichtum zu erfreuen
Sondern um die Zeit zu nutzen,
wahrhaftige Schätze zu sammeln
Bedenke, dass auch ich den gleichen Weg gehen werde
Und wir somit Kameraden sind von jeher
Bedenke, dass du sterben wirst
Nicht um der eigenen Tat den Sinn zu nehmen
Sondern um den Tag zu schätzen, an dem du bist,
an dem du frei bist, Ja zu sagen oder Nein,
frei zu bedenken oder nicht.
Herzlichst,
Dada Peng
Dada Peng (mit bürgerlichem Namen Mirko Klos) ist Künstler, Autor, ausgebildeter Sterbebegleiter und Begründer sowie Geschäftsführer der Initiative „Superhelden fliegen vor“, einer Initiative für junge Sterbende und deren Freunde. Ziel der Initiative ist es, die Lebensumstände für junge Palliativpatientinnen und -patienten zu verbessern und die Bedürfnisse von jungen Sterbenden in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Wer die Initiative unterstützen möchte, findet weitere Informationen im Internet unter www.superhelden-fliegen-vor.de
Der Gedanke, den Alten und Kranken beizustehen und sie in einer sicheren und ruhigen Umgebung zu pflegen und zu versorgen, ist sehr alt. Bereits im frühen Mittelalter ab dem 6. Jahrhundert betrieben Kirchen und Klöster sogenannte Hospize und Hospitäler – Begriffe, die sich aus dem lateinischen „hospitium“ für Herberge ableiten. Dort nahmen sie hilfsbedürftige Menschen auf und kümmerten sich um sie, wie es das christliche Gebot der tätigen Nächstenliebe fordert.
Die Hospize standen auch Fremden und Reisenden offen, die ebenfalls Schutz und Unterkunft benötigten. Vor allem Pilger nutzten sie auf ihrer Reise. So übernahmen die Hospize schon bald eine doppelte Aufgabe als Pilgerherberge und als soziale Einrichtung für Arme, Alte und Kranke.
Etwa ab dem 11. Jahrhundert verstand man unter Hospizen nur noch die Beherbungsstätten an den Pilgerwegen. Einrichtungen, die sich um Arme, Alte, Kranke oder Waisenkinder kümmerten, nannte man dagegen Hospitäler. Sie entstanden vor allem in den Städten. Eigene christliche Orden bildeten sich aus, die sich speziell der Kranken- und Altenpflege sowie der Aufnahme der Armen und Obdachlosen widmeten, darunter etwa die Johanniter. „Den Schwachen hilf!“ besagte eine ihrer Ordensregeln.
Die Idee, ein eigenes Haus für Sterbende zu schaffen, ist jüngeren Datums. 1842 gründete die Französin Jeanne Garnier in Lyon ein Haus für Sterbende, das sie Calvaire (französisch für Leidensweg) nannte. Dort sollten Menschen Beistand und Beherbergung für ihren letzten Weg erhalten. Jeanne Garnier soll auch den Begriff „Hospiz“ erstmals im Zusammenhang mit der Betreuung Sterbender verwendet haben. Ein ähnliches Haus gründeten 1879 irische Nonnen, 1899 eröffnete in New York das „Calvary Hospital“, das mittellosen Menschen mit unheilbaren Krankheiten half.
Mit dem Fortschreiten der Medizin verlagerte sich im 20. Jahrhundert das Sterben zunehmend in die Krankenhäuser. Statt im Kreis der Familie und Freunde starben viele Menschen im Verborgenen, manchmal einsam und anonym. Sterben wurde zunehmend nicht als Teil des Lebens, sondern als eine Art Krankheit wahrgenommen. Heute kommen wir mit dem Tod schon allein deshalb nicht so viel in Berührung, weil die allgemeine Lebenserwartung der Menschen durch verbesserte Lebensbedingungen und die moderne Medizin immer höher wird. Im Durchschnitt wird ein Mann in Deutschland heutzutage 76 Jahre alt, eine Frau sogar 82 Jahre.
Im europäischen Mittelalter sah das noch ganz anders aus: Im Durchschnitt wurden die Menschen dieser Zeit nur 35 Jahre alt, wobei der Durchschnitt vor allem deshalb so niedrig war, weil Kinder und besonders Säuglinge häufig an Krankheiten und Hunger starben. Aber sogar Könige, die besser lebten als die einfache Bevölkerung, wurden selten älter als 50 Jahre. Wenn man sich das vor Augen führt, ist es ganz klar, dass die Menschen damals viel häufiger und auch früher mit dem Tod konfrontiert wurden als wir heutzutage. Denn heute ist es gar nicht ungewöhnlich, dass man schon erwachsen ist, wenn man zum ersten Mal mit dem Tod eines Familienmitglieds in Berührung kommt.
In früheren Zeiten war der Tod ein ständiger Begleiter des Menschen, er gehörte ganz selbstverständlich zum Leben. Im Mittelalter gab es Seuchen und Hungersnöte, das Leben war hart, und die medizinische Versorgung und die hygienischen Bedingungen waren sehr schlecht. Es war ganz normal, dass Menschen früh sterben, sogar der Tod von Kindern war für das Mittelalter alles andere als ungewöhnlich. Für uns klingt das ganz furchtbar, aber die Menschen hatten damals einen völlig anderen Umgang mit dem Tod.
Oft merkte ein Kranker schon früh selbst, dass er bald sterben muss, denn bei manchen Krankheitsanzeichen war damals klar, dass es keine Heilung mehr geben kann. Wenn jemand schließlich im Sterben lag, wurden feierliche Zeremonien durchgeführt. Fenster und Türen wurden geschlossen, Kerzen entzündet, und Verwandte und Freunde versammelten sich um das Bett des Sterbenden. So konnte er sich verabschieden, sich bei denen entschuldigen, denen er einmal Unrecht getan hatte und noch einmal an sein Leben zurückdenken.
Außerdem betete der Sterbende zu Gott um die Vergebung seiner Sünden. Ein Priester erteilte ihm anschließend die Absolution. Das bedeutet, dass er ihm im Namen Gottes seine Sünden vergab. Die Religion war seinerzeit für viele von großer Bedeutung. Es war deshalb sehr wichtig, nicht ohne die Absolution zu sterben. Aus diesem Grund war ein plötzlicher Tod ohne Zeugen eine ganz schlimme Vorstellung. Heute sehen wir das anders: Schnell und ohne Leiden zu sterben, ist für viele ein angenehmer Gedanke.
Wenn ein Mensch gestorben war, gab es eine Reihe von Ritualen, die von den Hinterbliebenen ausgeführt wurden. Viele von ihnen hatten einen abergläubischen Hintergrund und waren vor allem im frühen Mittelalter üblich. Zum Beispiel öffnete man das Fenster, damit die Seele des Verstorbenen entweichen konnte. Auch wurden zum Teil alle Spiegel im Haus verhängt, aus Sorge, die Seele könnte in sie einfahren. Solche abergläubischen Rituale wurden weniger, je mehr Einfluss die Kirche auf das Leben und Sterben der Menschen gewann.
Im Gegensatz zu heute waren es gewöhnlich die Verwandten, die sich nach dem Tod um den Verstorbenen kümmerten. Sie wuschen ihn und kleideten ihn neu ein, damit er im Haus aufgebahrt werden konnte. Der Verstorbene blieb dort für einige Tage liegen, sodass Verwandte, Freunde, Bekannte und Nachbarn ihn noch einmal besuchen und gemeinsam für ihn beten konnten. Das war für die Menschen damals ganz normal, und niemand fand es gruselig oder unheimlich, einen Toten im Haus zu haben.
Diese Totenwache dauerte bis zum Tag der Beerdigung und endete damit, dass der Sarg des Verstorbenen gemeinsam zum Friedhof getragen wurde. So merkwürdig es für uns klingen mag, war der Tod also in früheren Zeiten so etwas wie ein Gemeinschaftserlebnis. Man starb nicht allein und auch in der Trauer um einen Angehörigen war man nicht auf sich gestellt. Noch dazu glaubten die Menschen fest daran, dass der Tod nur der Übergang in ein besseres Leben nach dem Tod war, sodass sie ihn in gewisser Weise weniger dramatisch sahen.
Diese Sichtweise auf den Tod wandelte sich aber im Laufe der Zeit, was vor allem daran lag, dass sich die ganze Gesellschaft nach und nach veränderte. Die Bevölkerungszahl wuchs an, die Menschen lebten länger, es gab neue Gesellschaftsschichten, und auch die Familien veränderten sich. Richtige Großfamilien wurden seltener, stattdessen bestanden die Familien häufiger nur noch aus Eltern, Kindern und Großeltern. Das bedeutete, dass die Familienmitglieder eine viel stärkere gefühlsmäßige Bindung zueinander hatten. Die Menschen entwickelten ein stärkeres Gefühl dafür, dass ihr Leben einzigartig und wertvoll war und nicht nur eine kurze Station auf dem Weg ins Jenseits. Natürlich veränderte sich damit auch ihre Einstellung zum Tod und das Ausmaß ihrer Trauer, wenn ein geliebter Mensch starb.
Ein Todesfall war nicht mehr alltäglich, sondern ein Schicksalsschlag. Irgendwann war die Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen so unfassbar groß, dass auch ein fester Glaube an Gott nicht mehr trösten konnte. Diese Entwicklungen kamen allerdings nicht plötzlich, sondern verliefen langsam und allmählich über Jahrhunderte. Aber der Umgang mit dem Tod veränderte sich nicht nur, weil die Menschen ihre Trauer stärker wahrnahmen. Auch der Fortschritt auf dem Gebiet der Technik spielte eine Rolle. Im 19. Jahrhundert begann man sich zum Beispiel Sorgen wegen der Hygiene zu machen.
Bisher waren die Toten auf Kirchhöfen mitten in der Stadt beerdigt worden, aber das wurde langsam zum Problem. Die Städte wuchsen in dieser Zeit sehr schnell, und natürlich mussten auch mehr Tote bestattet werden. Als Lösung wurden Friedhöfe an den Stadtgrenzen angelegt, weit weg vom Alltag der Lebenden. Weil die Toten dorthin transportiert werden mussten, entstanden die ersten Bestattungsunternehmen, die nach und nach immer mehr Aufgaben rund um den Trauerfall übernahmen, die vorher von den Familienmitgliedern erledigt wurden.
Je mehr das Sterben aus dem Alltag der Lebenden ausgeblendet wurde, desto interessanter wurde der Gedanke eines Hospizes – also eines Ortes, an den Menschen zum Sterben gehen können.
Als Begründerin der modernen Hospizidee gilt die englische Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders. Während ihrer Arbeit mit unheilbar an Krebs erkrankten Menschen gelangte sie zu der Überzeugung, dass Sterbende eine ganzheitliche Betreuung benötigen, zu der seelischer Beistand ebenso gehört wie medizinische Hilfe, um die Schmerzen zu lindern. Von ihr stammt der viel zitierte Leitsatz der Hospizbewegung:
„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“
1967 gründete Saunders bei London das erste stationäre Hospiz. Zwei Jahre später setzte die Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross mit ihrem Buch „Interviews mit Sterbenden“ eine gesellschaftliche Debatte in Gang. Das Sterben als letzte Phase des Lebens rückte wieder in das Bewusstsein der Menschen. Doch die Idee, Sterbende in speziellen Häusern unterzubringen, war zunächst umstritten. Viele befürchteten, dass Schwerkranke dorthin abgeschoben würden und allein schon durch die Einlieferung Hoffnung und Würde verlieren könnten. Auch gab es Bedenken, dass der Alltag im Hospiz die Pflegenden überfordern könnte.
So entstanden in Deutschland zunächst ambulante Hospizdienste, meist getragen von Ehrenamtlichen statt von offiziellen Organisationen. Sie pflegten und betreuten die Todkranken zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung. 1986 eröffnete in Aachen das erste stationäre Hospiz in Deutschland. Heute existieren bundesweit mehr als 200 stationäre Hospize, hinzu kommen weit mehr als 1000 ambulante Hospizdienste.
Wir heutigen Menschen müssen den Umgang mit dem Tod wieder neu lernen. Die Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft mit dem Tod umgehen, ist so gesehen eine ganz natürliche Entwicklung: Die Trauer wurde größer, deshalb wurde der Gedanke daran immer weiter weggeschoben. Heutzutage wissen viele Menschen schon nicht so recht, wie sie mit kranken oder auch mit alten Menschen umgehen sollen und gehen deshalb unbewusst auf Abstand. Sie gehen nicht gern ins Krankenhaus oder ins Altenheim, auch nicht, um jemanden zu besuchen.
Es ist sehr selten geworden, dass jemand bis zum Lebensende in seiner vertrauten Umgebung bleibt oder sogar im Kreis seiner Angehörigen. Die meisten Menschen sterben heute in Krankenhäusern oder Heimen. Nicht selten haben die Angehörigen am Ende das Gefühl, nicht alles getan zu haben und machen sich zusätzlich zu ihrer Trauer auch noch Vorwürfe. Die Trauer selbst hat sich verändert, denn es gibt weniger Rituale, an denen man sich orientieren kann und vor allem sind Menschen in Trauer mehr auf sich allein gestellt als früher. Beim Organisieren der Bestattung und allem, was dazu gehört, hilft das Bestattungsunternehmen, aber nach der Beerdigung fallen viele Trauernde erst einmal in ein Loch.
War also früher alles besser? Das wäre zu kurz gedacht. Natürlich ist es gut, dass Menschen heute lange leben, lange bei guter Gesundheit sind und dass sich viele von uns erst spät mit dem Tod auseinandersetzen müssen. Doch es kann bestimmt nicht schaden, ab und zu daran zu denken, dass der Tod ein ganz natürlicher Bestandteil des Lebens ist und tatsächlich jeden von uns etwas angeht.
Das fällt schwer, wenn es um den Tod eines geliebten Menschen geht, denn der Gedanke daran ist einfach unfassbar traurig. Verständlich, dass man sich damit nicht zu viel beschäftigen möchte. Aber solche Gedanken zu verdrängen, kann keine Lösung sein. Es hilft schon, im Alltag häufiger über solche Dinge zu reden und sich ein bisschen bewusster mit dem Thema zu beschäftigen.
Auch dazu soll unser Buch anregen.
Dieser Text basiert auf dem Artikel „Den Schwachen hilf – Geschichte der Hospize“ von Irene Altenmüller, der im Rahmen der NDR-Benefizaktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ 2015 auf NDR.de veröffentlicht wurde.
Schmitten im Taunus ist ein verträumtes Örtchen – und wer das Hospiz „Arche Noah“ nicht kennt, rauscht mit dem Auto glatt daran vorbei. Aber schon beim Ankommen spürt man, dass hier nicht der Tod herrscht, sondern das Leben. Wir betreten das Hospiz, das wir in den nächsten Kapiteln näher kennenlernen wollen, das uns zu einer Art zweiter Heimat werden wird.
