Auf der Slackline - Birgit Stollhof - E-Book

Auf der Slackline E-Book

Birgit Stollhof

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Beschreibung

"Jugendarbeit? Sind sie sicher….?" Als Schwester Birgit hörte, was ihre neue Aufgabe sein sollte, musste sie erst einmal in sich gehen. Doch sie übernahm die Leitung im Jugendpastoralem Zentrum Tabor. In diesem Buch erzählt sie, wie sie mit den Herausforderungen der ungewohnten Rolle umgegangen ist und was sie für sich und für die Kirche gelernt. Sehr persönlich und offen berichtet Schwester Birgit über ihre Erfahrungen, Fallstricke, Helferinnen und Helfer und Lösungsstrategien. Getragen ist der Bericht von einem großen Zutrauen in die Jugendlichen, die ihr begegnen und mit denen sie zusammenarbeitet. Im Rahmen dieses ganz speziellen persönlichen Lernprozesses stellt sie sich auch die Frage: Wie zukunftsfähig ist eigentlich die Kirche? Kennt die Kirche ihre zukünftigen Weltgestalter noch oder schon nicht mehr? Und was kann sie von ihnen lernen? → Erfahrungen einer Theologin in der kirchlichen Jugendarbeit

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2022

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AUF DERSLACKLINE

Birgit Stollhoff

AUF DERSLACKLINE

Kirchliche Jugendarbeitals Herausforderung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage 2022

© 2022 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter.de

Covergestaltung: wunderlichundweigand GbR, Schwäbisch Hall

Coverfoto: ©Marion Reitze/Hien Duc V/Graf City art

Layout Innenteil: satzgrafik Susanne Dalley, Aachen

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

ISBN 978-3-429-05778-7

ISBN 978-3-429-05223-2 (PDF)

ISBN 978-3-429-06579-9 (ePub)

INHALTSVERZEICHNIS

Es geht um alles!Ein kleines Vorwort zur Zukunft der Kirche

1.Die Herausforderung

1.1Das Vorstellungsgespräch gegen alle Regeln der Kunst

1.2Bühne frei für die Herausforderung!

1.3Schauplatz und dramatis personae – das Tabor

1.4Die Ordensgemeinschaft – eine Option?

1.5Ein Lebenslauf ohne Jugendarbeit, aber mit Schweden

1.6„Was hat Jugendarbeit mit mir zu tun?“ – wie ich eine Diva von der Bühne schicken wollte

1.7Sich entscheiden – eine typisch ignatianische Vorgehensweise

1.8Sich entscheiden mit Ignatius von Loyola und der „Unterscheidung der Geister“

1.9Sich entscheiden als ignatianische Ordensschwester

2.Der Aufbruch

2.1Eine notgedrungene Frage und eine unglaubliche Antwort

2.2„Mein Bestes für euch“ – ein großer Irrtum

2.3Vom Segen des Nicht-Bescheidwissens

2.4Sehen und gesehen werden – ein gesellschaftliches Versagen in Corona-Zeiten?

2.5Sehen und gesehen werden – Hagar und Maria

2.6Sehen und nicht urteilen – die hohe Kunst

2.7Gesehen werden – die Angst der Kirche?

3.Der Alltag

3.1Erstmal aufräumen …

3.2… aber ein bisschen Chaos darf bleiben

3.3Lernphase Ferien

3.4Corona oder: Warum „irgendwie“ auch eine Strategie ist

3.5Gott in verschiedenen Gestalten entdecken …

3.6… und Spannungen aushalten rund um den Altar

3.7Vernetzungen, die Orientierung bieten

3.8Haltungen, die helfen

Erfahrungsbericht von Brittney

4.Scheitern – die Ausrichtung neu klären

4.1Vom Ärger, der zerstören kann

4.2Von der Notwendigkeit zu scheitern

4.3Scheitern, um liebenswert zu bleiben

4.4Von einer Eben-nicht-Heldin, die manchmal müde ist

5.Wachsen

5.1Auf dem Trampolin – wachsen und wachsen lassen

5.2Frauenfragen sind Schlüsselfragen

5.3Let’s talk about sex – Prävention im Alltag

5.4Das Team – Stützpunkt auf dem schmelzenden Eisberg

5.5Gott unter den Jugendlichen – eine mystagogische Entdeckungsreise

6.Im Auftrag des Herrn – unterwegs als Kirche

6.1Kirche sucht den Superstar

6.2Fühlen mit der Kirche – auf der Slackline mit Mary Ward

6.3Angekommen auf dem Berg Tabor

Erfahrungsbericht von Max

7.Ein eingelöstes Versprechen und ein persönlicher Schluss

Anhang

Erläuterungen

Verwendete Literatur

Die Autorin

ES GEHT UM ALLES!

EIN KLEINES VORWORT ZUR ZUKUNFT DER KIRCHE

Wenn Schwester Birgit Stollhoff ihre Erfahrungen über ihr Lernen mit den jungen Menschen im Jugendzentrum Tabor in Hannover erzählt, dann dürfen wir teilhaben an einem Blick in die Zukunft der Kirche. Und ja, diese Zukunft ist schon da – und macht deutlich, wie anders als die gewohnte vergangene Gegenwart sie ist – und welche Muster und Bilder wir zu verlassen haben.

Mit jungen Menschen zusammen zu sein, mit ihnen Leben zu gestalten und einen Raum des Wachsens und Werdens zu ermöglichen – das ist sicher das Sinnvollste, was getan werden kann, und eine herausfordernd erfüllende Aufgabe. Und in dieser Aufgabe erscheinen Linien und Muster, die nicht nur für die „Jugendarbeit“ gelten: In den postmodernen Zeiten einer Gesellschaft, die keinen geschlossenen Rahmen bietet, aber auf partizipative Mitschöpfung ausgelegt ist, wird auch die Zukunft der Kirche neu beschreibbar – und verändert die Muster und Ideen, die doch eigentlich schon lange nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben, sondern nur noch in der retrospektiven Phantasie einer gemeindekirchlich verfassten Kirchenstruktur vor sich hin vegetieren.

Deswegen ist es so spannend, Schwester Birgits Lernweg am konkreten Ort mitzuerleben. Die Bekehrungen und Überraschungen, das Scheitern und Gelingen eröffnen den Horizont einer noch auszubuchstabierenden kirchlichen Zukunft, bei der es immer um alles geht: um das Evangelium nämlich in seiner ursprünglichen Kraft.

In jeder Zeit und für jede Generation gilt nämlich, dass das Evangelium neu zu verkünden und zu entdecken ist – und deswegen ist das kirchliche Engagement hier so spannend: Jenseits klassischer Muster wird hier Zukunft des Evangeliums ansichtig – und auch, was zu verlieren ist, wo Bekehrung notwendig ist. Diese Umkehr des Denkens ist eigentlich die Linie des Zweiten Vatikanums, die Klaus Hemmerle 1991 im Blick auf die Jugendarbeit fulminant formulierte: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

All das lässt sich in der sehr reflektierten Pastoralbiographie zum Tabor lesen: Es geht darum, in einem offenen Raum das Evangelium im Leben miteinander neu zu buchstabieren – und nicht fromme und spirituelle Formen zu setzen, und sei es die gemeinsame Lektüre des Evangeliums; es geht darum, das gleichwürdige und partizipative Miteinander, mit allen Stärken und Schwächen, als einen geistvollen Raum des gemeinsamen Wachsens zu entdecken – und das ist Kirche.

Und hier wird es spannend. Es geht ja nicht darum, Jugendliche für die Kirche zu gewinnen – es geht darum, mit Jugendlichen (und übrigens allen Menschen) gemeinsam das Evangelium von der unbedingten Liebe zu entdecken, zu leben und so die Erfahrung eines Zwischen-Raums der Begegnung und Anerkenntnis zu erleben, der den Ur-Sprung des Kircheseins erfahrbar macht. Und diese Grunderfahrung kann man vielleicht auch in Kirchengemeinden und Verbänden machen, aber auch der Tabor und andere Orte sind gleichgewichtig: Immer geht es um die Entdeckung des Menschseins, der Entfaltung der Person und ihrer Gaben, eines solidarischen Miteinanders und eines Weges in die Tiefe der Gotteserfahrung – aber immer geht es dabei auch um eine Vielfalt von Stilen und Kulturen, zwischen Lobpreis und Chillen, Rollenspielen und Bibelteilen, Trampolin und Gebet.

Und damit wird „Jugendarbeit“ wie jede kirchliche Initiative zu einem Entwicklungsweg, in dem das Wachsen und Werden der Einzelnen und der Gemeinschaft mystagogisch erschlossen werden kann: Immer geht es darum, dass die Erfahrung des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit Leben erfüllt – und jede und jeder von dem Ort, wo er ist, einen Schritt weitergehen kann. Kirche ist im Werden – und gemeint ist die Bewegung leidenschaftlicher Menschlichkeit und Liebe, die gemeinschaftliche Lernwege ermöglicht.

Jugendarbeit ist – wie jede Pastoral – dann nicht mehr irgendein Angebot, mit dem jungen Menschen Kirche nahegebracht wird, sondern eine Einladung, miteinander aus der Kraft des Glaubens zu wachsen. Hier gibt es kein Oben und Unten, hier gibt es nicht Profis und Laien, sondern Ermöglicher:innen, die selbst dabei lernen, wie Evangelium Kirche in Zukunft gehen kann – und wie Gott dabei ist: wie auf dem Tabor.

Der Dank geht an Schwester Birgit für ihre Taborgeschichte. Vielleicht steckt diese Geschichte uns alle an, miteinander Taborerfahrungen zu teilen und so die Zukunft in immer neuen Facetten in der Gegenwart zu entdecken

Christian Hennecke,im Mai 2022

KAPITEL 1

DIE HERAUSFORDERUNG

1.1Das Vorstellungsgespräch gegen alle Regeln der Kunst

„Ich habe viele Qualifikationen in meinem Lebenslauf. Aber Pädagogik oder Erfahrung mit Jugendarbeit nicht. Sind Sie sicher, dass Sie mich für die Stelle wollen?“ Ich schaue den damaligen Leiter des Fachbereichs Jugendpastoral, Andreas Braun, fragend an. Wir sind mitten im Bewerbungsgespräch. So ein Satz steht in keinem Bewerbungshandbuch und er sollte auch nie, niemals fallen! Trotzdem habe ich ihn gesagt und mein Gesprächspartner war so ehrlich, nicht gleich darauf zu reagieren. Kann man Jugendarbeit machen ohne Vorwissen? Und gleich mit Leitungsverantwortung? Kann ich Jugendarbeit machen ohne vorherige Erfahrungen in diesem Bereich? Und kann ein Vorgesetzter mir das zutrauen? Es ist eine Herausforderung für beide Seiten, eine große. Woran erkennt man eine Herausforderung? Wie verhält sie sich, wie kann ich mit ihr umgehen?

Wie lief das also bei mir, einer Spätgetauften, die nie kirchliche Jugendarbeit gemacht hat, einer Juristin, die sich nach dem Klinik-Management später für den Orden mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt hat – aber nie mit Pädagogik? Und wie kommt ein Bistum darauf, so einer Person eine bekannte und verwurzelte Institution der Jugendarbeit – das Jugendpastorale Zentrum Tabor in Hannover, das offene Jugendcafé – anzuvertrauen?

In diesem Buch reflektiere ich meine Herausforderung, meinen Weg in den ersten ein bis zwei Jahren im Jugendpastoralen Zentrum Tabor, in dem ich inzwischen das vierte Jahr arbeite. Dabei schaue ich auf meinen Einsatz mit all den Fragen, den Highlights, den Sorgen, meinen Mühen und Gott, den ich darin immer wieder entdecke. Es ist eine Schilderung meines Einstiegs in die Jugendarbeit mit einer persönlichen Reflexion – immer wieder ergänzt um eine theologische Vertiefung einzelner Aspekte, die mir wichtig erscheinen. Dabei geht es in erster Linie um die Jugendlichen, denen ich begegnen durfte und darf. Und an meinem Beispiel und meinem Weg lassen sich vielleicht auch Fragen der Kirche generell, Nöte und Lösungen für die Pastoral insgesamt abzeichnen. Vielleicht – das hoffe ich – bekommt der oder die eine oder andere Lust auf Jugendarbeit oder andere Experimente. Denn – Achtung, Spoiler – es ist eine schöne Geschichte! Keine von Erfolg, aber von Erfüllung, keine perfekte Landkarte, aber ein gut gelaunter Weg durchs Chaos.

1.2Bühne frei für die Herausforderung!

Warum hat mich damals das Bistum angefragt, warum wurde mir die Leitung einer Jugendeinrichtung zugetraut? Und warum habe ich ja gesagt? Wie geht man mit Herausforderungen um, wenn sie vor der Türe stehen und sich nicht abwimmeln lassen?

Am Beginn einer Herausforderung steht, so mein Eindruck, eine aktuelle Not. Das können Pfarreizusammenlegungen sein, wodurch es an Priestern und Hauptamtlichen für die Aufgaben mangelt. Es kann sein, dass eine zentrale Mitarbeiterin oder ein zentraler Mitarbeiter wegbricht – der Hauptinitiator einer Veränderung oder die Säule der Institution – und dass nicht klar ist, ob und wie das Projekt, die Arbeitsabläufe oder der Arbeitsbereich weitergehen. Es kann sein, dass Geldquellen wegbrechen oder sich Räume verändern – und mit den veränderten Rahmenbedingungen auch Inhalte anders geplant werden müssen. Es kann – sehr oft – sein, dass Ehrenamtliche, aus welchen Gründen auch immer, geballt wegbrechen. Zunächst ist egal, warum: Irgendwo brennt es. Irgendwo geht ein einfaches „weiter so“ nicht mehr. Egal wie man das Tuch auch zieht – es ist immer zu kurz, jeder Versuch, eine Ecke zu erreichen, reist neue Lücken auf.

Es gibt die Option, alles abzubrechen – darauf werde ich später eingehen. Was aber, wenn es weitergehen soll, nur „wie bisher“ nicht mehr geht? Und das gilt ja an vielen Stellen für die Kirche. Wie gehen wir mit dieser Not um? Und wie bin ich damit umgegangen, dass diese Not des Bistums meine Herausforderung wurde?

1.3Schauplatz und dramatis personae – das Tabor

Wenn man wie ich gar keine Erfahrung hat, dann ist die große Herausforderung schon der ganz normale Alltag. Selbst der ist unbekannt und damit komplett neu. Was in meinem Fall erschwerend hinzukam: Alle bisherigen Jugendreferent:innen des Tabors verließen die Einrichtung oder waren kurz davor zu gehen – statt einer Routine und Planung, die übergeben werden sollten, erwarteten mich eine unbekannte Organisation und Abläufe ohne Erklärung. Wie sah denn dieser Alltag im Tabor aus, als ich kam? In etwa so – um es im Drehbuchstil zu beschreiben:

INNENRAUM – CAFÉ TABOR – ENDE JANUAR 2019 – 13 Uhr

Im Café ist es noch leer. Die Freiwilligendienstleistende Ewa sitzt allein im Café. Oben im 2. Stock ist noch eine Mitarbeiterin im Sekretariat; die Mitarbeiterin in der Buchhaltung arbeitet in Teilzeit und ist heute nicht da. Die Büros der Leitung des Tabors, der Jugendreferentin für die Schulpastoral und vor allem der Referentinfür das Café sind leer. Um 14 Uhr kommt eine Teamerin dazu, um die Freiwilligendienstleistende (FSJlerin) bei der Aufsicht im Café zu unterstützen.

INNENRAUM – CAFÉ TABOR – ENDE JANUAR 2019 – 15 Uhr

Inzwischen sind zwölf Jugendliche da – die jüngeren, die Kids (oder Kinder) ab der 5. Klasse, und die älteren Jugendlichen, die meisten davon Teamer:innen. Einige spielen Karten, zwei machen sich in der Küche Müsli, andere sitzen herum und reden mit der beaufsichtigenden FSJlerin. Drei der Lernbar-Teamer:innen – gehen jetzt mit den Jugendlichen, vor allem den Kids, in die Lernbar, ein eigener Raum zur kostenlosen Hausaufgabenbetreuung.

Die Jugendlichen unterhalten sich in vielen Sprachen. Sie kommen aus verschiedenen Schulen des Stadtgebiets Hannover.

AUSSEN – BOLZPLATZ – ENDE JANUAR 2019 – 17:30 Uhr

Auf dem Bolzplatz ist inzwischen ein Fußballspiel im Gange. Auf dem großen Rasen daneben spielen ein paar Mädchen Federball. Im Café sitzen einige der Teamer:innen um einen Tisch und bereiten ihre Rollenspielrunde vor. Die FSJlerin hängt noch ein Plakat für das TABOR-Live-Konzert am kommenden Freitag im Café aus. An der Wand hängen noch Bilder der letzten Herbstferienwoche.

INNEN – ROMEROSAAL – ENDE JANUAR 2019 – 18:30 Uhr

Im Romerosaal im 1. Stock trifft sich eine Gruppe der Pfadfinder zur Besprechung. Gegenüber im Seminarraum hat der Leiter des Fachbereichs eine Besprechung.

Das Jugendpastorale Zentrum Tabor ist ein offenes Jugendcafé am Rande der hannoverschen Innenstadt – in bester Lage also und in der Nähe des katholischen Gymnasiums und der katholischen Realschule. Das Haus ist dreistöckig; Kernstück ist das große Café im Erdgeschoss mit einer Glasfront zur Hauptstraße und einer großen Küche. Im ersten Stock gibt es zwei große Besprechungsräume, im dritten sind Büros. Jeder Stock hat eine Küche, sanitäre Anlagen und einen Materialraum.

Nach hinten zum Garten schließen sich im Erdgeschoss noch zwei Räume der sogenannten „Lernbar“ an. Dazu kommt ein großer Garten mit einem Bolzplatz. Gegenüber des Geländes steht ein großes Haus, in dem die „Schwestern“ wohnen. An dieses Haus schließt eine Kapelle an, die in den Garten hineinragt. Ins Café kommen täglich ganz verschiedene Jugendliche – die jüngeren, die Kids (oder Kinder) ab der 5. Klasse, die Hausaufgabenbetreuung, Aufsicht und Anleitung beim Spielen brauchen, die älteren Jugendlichen ab ca. 16 Jahren, die sich oft als ehrenamtliche Teamer:innen einbringen wollen, etwa in der Lernbar, bei Angeboten oder den Ferienwochen, und die dafür angeleitet und ausgebildet werden müssen. Außerdem wird das Haus von vielen katholischen Jugendgruppen aus dem ganzen Bistum genutzt.

Betreut wird das Tabor von fünf Mitarbeiter:innen, davon zwei Verwaltungsmitarbeiter:innen und drei Jugendreferent:innen – eine:r in der Leitung – auf drei vollen Stellen. Hinzu kommt eine Freiwilligendienstleistende. Organisatorisch und personell gehört das Tabor als unselbstständige Einrichtung mit einem eigenen Budget zum Fachbereich Jugendpastoral des Bistums Hildesheim. Die drei Jugendreferent:innen arbeiten auch in Projekten des Bistums mit. Als Institution ist das Tabor mitverantwortlich für die Jugendpastoral im Dekanat Hannover

Im Alltag bedeutet das: Viele lebhafte Jugendliche, die beaufsichtigt werden müssen, Kontakte und Gruppen, die gepflegt werden wollen, Projekte und Angebote, die fortgeführt werden sollen, und ein Gebäude, das instandgehalten und gepflegt werden muss. Also eine wichtige Einrichtung mit vielen Alltagsaufgaben und -verantwortung.

Und aktuell? Zum Zeitpunkt meines Gespräches endeten alle drei Referent:innen inklusive der alten Leitung. Die Aufsicht im Café wurde zur Überbrückung von der FSJlerin in Zusammenarbeit mit einzelnen Teamer:innen, punktuell vom Leiter des Fachbereiches und in enger Rücksprache mit dem Sekretariat und dem Fachbereich wahrgenommen. Eine erwachsene Ansprechperson war somit immer im Haus. Ein eigenes Angebot oder die Planung der Ferienwochen fand aber nicht statt, größere Aufgaben und Projekte konnten nicht weiterverfolgt werden, auch der ganze Bereich der Schulpastoral.

Die Not war groß im Tabor, der zentralen Einrichtung in der Stadt für Jugendliche. Es gab Kinder, die täglich betreut werden mussten, Teamer:innen, die angeleitet werden wollten – und niemand in Sicht? Was bleibt? Zumachen und später wieder öffnen? Kommen da die Jugendlichen zurück? Wer kümmert sich um die Gruppen und Räume? Macht man aus einem lebendigen Jugendcafé eine Raum-Verwaltungseinheit? Wo findet man das Personal? Die Zukunft des Tabor war plötzlich unsicher geworden.

Plant man in so einer Not oder greift man nach jedem Strohhalm? Wenn Not und zeitliche Dringlichkeit zusammenkommen, ist der Druck besonders hoch. Im Management, auf Entscheider-Ebene sind das die Stress-Situationen. Man kann trotz des Drucks Zeit schaffen für eine Grundsatzentscheidung. Im Jugendcafé hätte es bedeutet, das Café und die Aufgaben erst mal zu schließen. Wäre es wieder aufgemacht worden? Oder wäre es, weil es von den Älteren nicht vermisst worden wäre, still und leise verschwunden, wie so viele Jugendliche selber? Die Alternative war, dringend einen Ersatz zu suchen – mit dem Risiko, nicht den oder die beste:n Kandidat:in zu finden. Ich vermute, dass so die Überlegungen des Bistums liefen. War ich eine Notlösung? Vermutlich. Ich vermute aber auch, dass die Vorgesetzten im Fachbereich die Erfahrung gemacht hatten, dass man Kolleg:innen in die Jugendarbeit gut einarbeiten kann, auch wenn diese bislang in dem Bereich noch nicht gearbeitet hatten.