Auf Gedeih und Verderb - Patricia Vandenberg - E-Book

Auf Gedeih und Verderb E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Liebling, du bist entschieden zu dünn. Bis zur Hochzeit musst du unbedingt noch ein paar Kilos zunehmen. Was sollen denn die Leute denken? Sie könnten meinen, meine Frau bekommt bei mir nichts zu essen!« stellte Roland Stuckert mit einem tadelnden Blick auf seine Verlobte fest. Lydia Allensbach, die vor dem Spiegel stand und sich kritisch musterte, zog verständnislos die Augenbrauen nach oben. »Andere Männer reden ihren Frauen zu, sie sollen abnehmen.« »Ich bin nicht wie die anderen, das solltest du inzwischen wissen.« »Das ist ja mit ein Grund, warum ich dich heiraten werde«, lächelte Lydia und drehte sich zu Roland um, um ihn auf den Mund zu küssen. »Ich bin fertig. Können wir gehen?« Roland Stuckert blickte prüfend an sich hinab. Der schwarze Anzug saß perfekt, ebenso das Hemd und die dezent gemusterte Fliege. »Meinetwegen. Obwohl ich es schade finde, dass wir meine Familie nicht bei uns zu Hause empfangen.« »Wie oft soll ich dir noch erklären, dass mir mein Beruf nicht so viel Zeit läßt, mich auch noch stundenlang mit einem aufwendigen Abendmenü zu beschäftigen?« seufzte Lydia, der diese Kritik nicht neu war. Daher wandte sie sich auch sofort ab und verließ das Zimmer, um sich von ihrer Tochter Laura zu verabschieden. »Ich hoffe, du bist nicht allzu traurig, dass du nicht mit darfst.«

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Extra – 77 –Auf Gedeih und Verderb

Wir beide gegen den Rest der Welt

Patricia Vandenberg

»Liebling, du bist entschieden zu dünn. Bis zur Hochzeit musst du unbedingt noch ein paar Kilos zunehmen. Was sollen denn die Leute denken? Sie könnten meinen, meine Frau bekommt bei mir nichts zu essen!« stellte Roland Stuckert mit einem tadelnden Blick auf seine Verlobte fest. Lydia Allensbach, die vor dem Spiegel stand und sich kritisch musterte, zog verständnislos die Augenbrauen nach oben.

»Andere Männer reden ihren Frauen zu, sie sollen abnehmen.«

»Ich bin nicht wie die anderen, das solltest du inzwischen wissen.«

»Das ist ja mit ein Grund, warum ich dich heiraten werde«, lächelte Lydia und drehte sich zu Roland um, um ihn auf den Mund zu küssen. »Ich bin fertig. Können wir gehen?«

Roland Stuckert blickte prüfend an sich hinab. Der schwarze Anzug saß perfekt, ebenso das Hemd und die dezent gemusterte Fliege.

»Meinetwegen. Obwohl ich es schade finde, dass wir meine Familie nicht bei uns zu Hause empfangen.«

»Wie oft soll ich dir noch erklären, dass mir mein Beruf nicht so viel Zeit läßt, mich auch noch stundenlang mit einem aufwendigen Abendmenü zu beschäftigen?« seufzte Lydia, der diese Kritik nicht neu war. Daher wandte sie sich auch sofort ab und verließ das Zimmer, um sich von ihrer Tochter Laura zu verabschieden.

»Ich hoffe, du bist nicht allzu traurig, dass du nicht mit darfst.« Mit diesen Worten strich sie der Neunjährigen über die blonden, weichen Haare. Aber Laura kicherte nur vergnügt und blinzelte den Babysitter über den Küchentisch hinweg an.

»Ich bin froh, dass ich nicht mit muss. Katja ist mir tausendmal lieber als diese langweilige Verwandtschaft.«

Lydia sah sich kurz nach Robert um, der im Flur damit beschäftigt war, seine Schuhe anzuziehen. Dann beugte sie sich rasch zu Laura hinunter, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte verschwörerisch in ihr Ohr:

»Weißt du was? Mir geht es genauso. Am liebsten würde ich mit euch hierbleiben.« Dann lachte sie und verließ die Küche, um sich in das Unvermeidliche, das Zusammentreffen mit zukünftigen Schwiegereltern, Schwager und Schwägerin, zu fügen.

Die warteten schon ungeduldig und sichtlich verstimmt, als das Paar endlich das noble Restaurant betrat.

»Da seid ihr ja endlich. Wir fragten uns schon, ob ihr überhaupt noch kommt«, erklärte Samantha Stuckert mit spitzer Stimme. »Es tut mir aufrichtig leid. Meine Patienten haben leider Vorrang vor jedem privaten Vergnügen«, gab Lydia ungerührt zurück und begrüßte die zukünftige Verwandtschaft mit kühlen, an den Wangen vorbeigehauchten Küssen, wie es bei der Familie Stuckert üblich war. »Mein armer Sohn. Ich hoffe nur, dass ihr bald nach der Hochzeit Nachwuchs bekommt, damit deine Frau mehr Zeit hat für dich und die Familie«, wandte sich Samantha bedauernd an ihren Ältesten.

»Wer weiß, ob sie überhaupt pünktlich zur Hochzeit kommt«, konnte sich die Schwägerin Alexa einen spöttischen Kommentar nicht verkneifen und lächelte Lydia scheinheilig und zuckersüß an.

Die hatte schon eine beißende Antwort auf den Lippen. Doch Roland kam ihr zuvor, während er ihr formvollendet den Stuhl zurechtrückte. »Lydia und ich sind uns in allen Punkten einig, nicht wahr, mein Schatz? Selbstverständlich wird sie ihren Beruf aufgeben, wenn sich Nachwuchs einstellt. Allerdings wollen wir noch eine Weile damit warten und alles in Ruhe planen.«

Irritiert blickte Lydia ihren Verlobten an.

»Ich denke gar nicht daran, meinen Beruf für ein Kind aufzugeben. Das habe ich Lauras wegen auch nicht getan.«

»Aber doch nur deshalb, weil sich ihr Vater aus dem Staub gemacht hat und du das Kind und dich ernähren musstest«, bemerkte Samantha kritisch. »Übrigens habe ich erst neulich wieder eine Sendung gesehen, in der über die Folgeschäden diskutiert wurde, die ein Trennungskind zwangsläufig davonträgt. Es ist noch lange nicht sicher, ob Laura nicht doch einen Schaden erlitten hat. Manchmal habe ich mir schon gedacht, dass sie ein wenig eigenartig ist«, fuhr sie in leicht abfälligem Tonfall fort, und Lydia meinte, innerlich zerspringen zu müssen.

»Meine Tochter ist ein ganz normales, glückliches Kind, dem es niemals an etwas gefehlt hat«, antwortete sie gepresst.

»Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst«, säuselte Samantha lächelnd. »Laura hatte nie eine Familie, das liegt doch auf der Hand. Aber dank Robert wird ja jetzt alles gut. Ich hoffe, du weißt seine Großzügigkeit zu schätzen. Immerhin ist es das erste Mal, dass ein Spross aus unserer Familie eine Frau mit Kind heiratet.«

»Früher nannte man das ein gefallenes Mädchen, nicht wahr?« kicherte Alexa.

Lydia starrte ihre zukünftige Schwiegermutter erbost an, während sich Alexa amüsierte und Bernhard beifällig lächelte. Nur Volker Stuckert, der Vater von Bernhard und Roland, schwieg still und blickte unbeteiligt vor sich hin. Lydia warf ihrem Verlobten einen hilfesuchenden Blick zu, doch Roland machte ihr ein Zeichen zu schweigen.

»Habt ihr schon gewählt?« wechselte er leutselig das Thema und schlug die umfangreiche Speisekarte auf.

»Das fällt wieder einmal schwer angesichts dieser verlockenden Auswahl«, ergriff Volker pflichtschuldig das Wort, als er den tadelnden Blick seiner Frau auf sich ruhen fühlte. »Es wäre eine angenehme Abwechslung, wenn Lydia uns bei sich zu Hause bekochen würde, findest du nicht, Schatz?« wandte sich Alexa mit schadenfroher Miene an ihren Mann. Der tätschelte ihr begütigend die Hand.

»Nicht jeder verfügt über so exzellente Kochkünste wie du, mein Engel.«

»Das hast du wunderbar gesagt.«

Robert lachte erheitert über die beiden, während Lydia an seiner Seite Mühe hatte, nicht die Beherrschung zu verlieren. Mit eisiger Miene gab sie ihre Bestellung auf und lauschte schließlich scheinbar interessiert, innerlich aber abwesend dem Gespräch am Tisch.

»Stellt euch vor, Bernhard ist es gelungen, sein Handicap entscheidend zu verbessern. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie stolz ich auf ihn bin.«

»Dabei ist Golfen für mich als Unternehmer beinahe eine Pflichtübung. Nirgendwo habe ich so viele gute Geschäfte abgeschlossen wie auf dem Greenfee. Das mag an der entspannten Atmosphäre liegen. Oder wie siehst du das, Vater?« wandte sich Bernhard an Volker, der lustlos in seinem Gericht herumstocherte. »Ja, ja, ich gebe dir vollkommen recht«, antwortete er abwesend. Samantha betrachtete ihn tadelnd.

»Du hast ja gar nicht zugehört. Ich möchte mal wissen, was in letzter Zeit mit dir los ist. Du bist ein richtiger Langweiler geworden.«

»Das wirft mir Roland auch immer vor«, nahm Lydia die günstige Gelegenheit wahr, sich für die erlittenen, verbalen Seitenhiebe zu revanchieren. »Dabei bin ich nach meinen anstrengenden Tagen am Abend nur müde und oftmals noch in Gedanken an ungelöste Probleme vertieft.«

Volker warf seiner zukünftigen Schwiegertochter einen dankbaren Blick zu.

»Es ist höchste Zeit geworden, dass ich moralische Unterstützung bekomme«, antwortete er leise lächelnd in ihre Richtung. Vom ersten Tag an hatten die beiden sich verstanden und pflegten seither ein geheimes Bündnis gegen den Rest der Familie. Roland beobachtete dieses Einverständnis mit sichtlichem Unbehagen. Doch noch ehe er sich einmischen konnte, verwickelte ihn seine Mutter in ein Gespräch über die bevorstehende Hochzeit. Zu gerne hätte er Lydia mit einbezogen, doch die zog es vor, sich mit Volker über geschäftliche Dinge auszutauschen. »Kannst du dich nicht wenigstens ein Mal für die Hochzeit interessieren und dich mit uns unterhalten? Es macht ja beinahe den Eindruck, als interessiertest du dich nicht dafür«, bemerkte er tadelnd, nachdem sie sich verabschiedet hatten und auf dem Heimweg waren.

Lydia legte ihm versöhnlich die Hand auf den Oberschenkel, während er den Wagen durch die nächtlichen Straßen steuerte. »In dieser Familie überlasse ich lieber dir das Reden. Du hast ja gehört, dass ich immer nur alles falsch machen kann.«

»Kein Wunder, wo du deine Abneigung so unverhohlen zur Schau stellst. Anstatt dass du froh und glücklich bist, ein Zuhause in einer intakten Familie gefunden zu haben, läßt du keine Gelegenheit aus, deine Antipathie zu demonstrieren«, gab Roland scharf zurück. »Dabei solltest gerade du dankbar sein, dass wir dich in Ehren aufnehmen.«

»Willst du mir die Schuld dafür in die Schuhe schieben, dass meine Kindheit nicht glücklich verlaufen ist?« fragte Lydia ebenso zurück. Sie wußte genau, auf was Roland anspielte und fühlte sich zutiefst getroffen.

Doch der zuckte nur unbeeindruckt mit den Schultern.

»Du hättest Schriftstellerin werden sollen, meine Liebe. Deine Fantasie treibt wirklich seltsame Blüten.«

Lydia zog ihre Hand zurück und heftete ihren Blick auf die Straße. Wann immer die Sprache auf ihre Vergangenheit, ihre Familie kam, fühlte sie sich hilflos und ohnmächtig. Jedes Wort, das sie sagen konnte, war unzureichend und drückte nicht die Enttäuschung und Bitterkeit aus, die sie auch nach all den Jahren noch spürte. Schon fühlte sie, wie der bekannte Kopfschmerz in ihr aufstieg. Verzweifelt presste sie die Hände gegen die Schläfen, um ihn zurückzudrängen. Roland tat inzwischen so, als bemerke er nichts. Mit stoischer Ruhe lenkte er den Wagen in Richtung des Stadtviertels, in dem die Wohnung lag, die er gemeinsam mit Lydia und ihrer Tochter Laura bewohnte. Er fühlte sich als Retter der kleinen Familie und dachte nicht daran, seine Verlobte zu trösten, die dankbar sein sollte, an einen derart verständnisvollen, großmütigen und edel denkenden Mann geraten zu sein, der in der Lage war, ihr eine gesicherte, finanzielle Zukunft und ein entsprechendes gesellschaftliches Ansehen zu bieten.

*

Gelangweilt trottete der zehnjährige Gregor Thalmann den gekiesten Weg in Richtung Verwaltungsgebäude entlang. Hier und da kickte er einen Stein vor sich her. Doch wie sein mürrischer Gesichtsausdruck verriet, schien ihm das keine rechte Freude zu bereiten. Erst als er von einer vertrauten Stimme angesprochen wurde, huschte ein Lächeln über seine Lippen, und er blickte erwartungsvoll auf. Niemand anderer als Johannes Cornelius stand vor ihm, der Leiter des Sanatoriums auf der Insel der Hoffnung, und blickte überrascht auf das einsame Kind herab.

»Solltest du um diese Uhrzeit nicht in der Schule sein?« fragte er und warf einen prüfenden Blick auf die Uhr.

»Die letzten beiden Stunden sind ausgefallen.«

»Das ist schon das drittemal in dieser Woche.«

Gregor zuckte ungerührt mit den Schultern und sah an Dr. Cornelius vorbei. »Kann ich doch nichts dafür.«

»Natürlich nicht. Trotzdem wundert es mich. Was sagt denn Vincent dazu?«

»Keine Ahnung. Der hat immer Arbeit und kann sich nicht darum kümmern«, kam die lapidare Antwort, der Johannes nicht viel entgegenzusetzen hatte. Es war tatsächlich so, dass Vincent Thalmann als einer der Physiotherapeuten des Sanatoriums mehr als beschäftigt war. Der Sohn seiner Schwester, der seit einem halben Jahr bei ihm in einem der kleinen, gemütlichen Häuser lebte, in denen die Mitarbeiter untergebracht waren, war häufig sich selbst überlassen. Das lag nicht daran, dass sich niemand um ihn gekümmert hätte. Aber Gregor war seit dem Tod seiner Mutter ein schwieriges Kind geworden, das sich den Bemühungen der Erwachsenen gerne durch Frechheiten entzog. Einzig Johannes und Vincent hatten einen guten Draht zu dem Kind und fanden wenigstens hin und wieder Zugang zu der verletzten kindlichen Seele. Aber die beiden Männer waren auch beruflich sehr eingespannt, sodass nicht viel Zeit blieb, um sich entsprechend um das Kind zu kümmern. Diese Gedanken gingen Johannes durch den Kopf, während er mit Gregor gemeinsam den Weg entlangschlenderte. Er seufzte. »Was meinst du? Magst du bei den Damen in der Küche essen und bei ihnen Hausaufgaben machen? Vincent wird staunen, wenn er von der Arbeit kommt und alles fertig ist.«

»Nö, keinen Hunger. Und Hausaufgaben hab’ ich nicht auf«, kam die einsilbige Antwort. »Schon wieder?« fragte Johannes ungläubig. Gregor zuckte nur mit den Schultern, und der Sanatoriumsleiter warf einen nachdenklichen Blick auf die Uhr. »Zu dumm. Ich habe jetzt einen dringenden Termin mit Dr. Allensbach, den ich unmöglich verschieben kann. Geh doch zu Anne. Sie hat sicher Zeit, sich mit dir zu beschäftigen.«

»Mal sehen«, antwortete Gregor trotzig. Die Unzufriedenheit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Aber Johannes Cornelius hatte wirklich keine Zeit mehr. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Kind über den blonden Kopf zu streicheln und sich dann auf den Weg zu dem Allgemeinmediziner zu machen, der die Patienten auf der Insel der Hoffnung betreute. Während Cornelius davoneilte, blieb Gregor stehen und blickte ihm nach. Dann sah er sich nach einer Beschäftigung um, mit der er sich die Wartezeit vertreiben konnte, bis sein Onkel Vincent endlich für ihn Zeit haben würde.

Unter einem Baum entdeckte er einen Rollstuhlfahrer, der in der frühherbstlichen Wärme des Mittags in seinem Gefährt eingenickt war. Ein teuflischer Gedanke schoss Gregor durch den Kopf, der sofort in die Tat umgesetzt werden wollte. Mit einem raschen Blick versicherte sich der Junge, dass er unbeobachtet war und schlich auf leisen Sohlen zu dem Rollstuhl. Er bückte sich. Eine zischendes Geräusch verriet, dass er die Reifenventile aufgeschraubt hatte, zuerst auf der einen, dann auf der anderen Seite. Rasch sank der Stuhl ein, und der Fahrer schreckte hoch.

»Wie? Was? Was ist passiert?« murmelte er verwundert und blickte sich um. Doch Gregor war längst hinter einem Busch verschwunden. Schadenfroh und sichtlich gespannt beobachtete er den Mann, der sein Selbstgespräch fortsetzte. »Ich hätte schwören können, ein Geräusch gehört zu haben. Na egal, es ist ohnehin Zeit zum Mittagessen.« Mit diesen Worten griff Herbert Kunzel an die Reifen seines Rollstuhls und wollte sich mit einem kraftvollen Ruck anschieben, als er das Malheur bemerkte. Er erbleichte. »Das darf doch wohl nicht wahr sein! Schon das dritte Mal in dieser Woche einen Plattfuß! Das geht nicht mit rechten Dingen zu.«

Als Gregor das hörte, konnte er ein schadenfrohes Kichern nicht unterdrücken. Herbert blickte hoch und entdeckte den Übeltäter hinter den Zweigen eines mannshohen Rosenbusches. »Dachte ich es mir doch, du Bengel. So eine Unverschämtheit. Hast du noch nie etwas von Anstand gehört? Einem Behinderten einen solchen Streich zu spielen ist unerhört. Na warte, ich werde dafür sorgen, dass du eine ordentliche Strafe bekommst«, rief er mit zornesrotem Kopf und schüttelte die Faust in Gregors Richtung, der lachend dastand und sich nicht vom Fleck rührte.

»Komm und fang mich doch!« rief er immer wieder mit überschnappender Stimme und ergötzte sich an dem hilflosen Patienten, der immer wütender wurde. »Sobald ich Hilfe bekomme, tue ich das. Keine Sorge«, antwortete Kunzel schnaubend. Als er einen anderen Patienten entdeckte, der durch den schönen Park spazierte, hob er die Hand und rief laut um Hilfe. Das war das Signal für Gregor zu verschwinden. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht lief er über den Weg davon, während die beiden Männer eifrig diskutierten.