Aufstand der Kinder - Hans-Jürgen Hellberg - E-Book

Aufstand der Kinder E-Book

Hans-Jürgen Hellberg

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Beschreibung

Tommy Lee ist neun Jahre alt, als ein Traum ihn plötzlich in eine fremde Welt entführt. Außerirdische nehmen Kontakt zu ihm auf. Sie entführen ihn in eine andere Welt, eine Welt voller Abenteuer. Es passieren seltsame Dinge, Dinge die ihn begeistern und gleichzeitig ängstigen. Immer verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit. Es sind die täglichen Informationen, die Nachrichten über Not und Elend, die Ausbeutung der Erde, der Missbrauch seiner persönlichen Daten durch die Geheimdienste, die seine Träume beeinflussen. Dann offenbaren ihm die Außerirdischen, dass eine fremde Macht die Erde zerstören will. Irgendwann kann er nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, bis er begreift, dass es die Menschen selbst sind, die seine Erde zerstören und den Kindern die Zukunft nehmen. Er erkennt, dass nur die Kinder diese Erde retten können. Es ist das Handeln skrupelloser Erwachsenen, das der Politik, das der Wirtschaft und leider auch der Religionen. Es braucht keine Kristallkugel, um zu erkennen, dass wir am Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts unseren Planeten vernichtet haben werden. Es ist eine Erde, die uns nicht gehört, eine Erde, die wir von unseren Kindern, Enkelkindern und deren Kinder geliehen haben. Geben wir die Erde endlich an die Kinder zurück.

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Seitenzahl: 1117

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ich sage DANKE,

für die Unterstützung, für die Geduld, fürs Zuhören,

den Kindern: Tommy Lee, Ferris, Uma und vielen anderen, wie

den Freunden und Bekannten, die mich auf die eine oder andere Art begleitet haben:

Elek und Dörte Schwekendiek,

Jürgen Schlüsing, Harro Possel,

Martin Koselowske, Jutta Hellberg,

Monique Hellberg, Marko Grimm,

Jan Hellberg, Habib Dimassi,

Leniana Ibraeva, Rebeen Hasan,

Amanj Quadir Rasul, Barzan Jusef,

Holger Prescher, Philippe de Crignis,

Bernd Sonntag, Martin Osterhof,

Bozena Rainczuk, Jürgen Einfeldt,

Thomas Kurig, Ramona Binge,

Rand M. Khalifa, Fadhil N. Rashid,

Erika Krause, Karl-Heinz und Uschi Vollrath,

Emmanuel Calafato, Adel Safiullina,

Stefan Schneider, Gulchat Khiyachina-Schwarz,

Mila Gil, Johann Schuster, Martin Reh, Ingelore

Hellberg und all den anderen.

Für meine Enkel Tommy Lee, der mich zum Schreiben der Geschichte bewegt hat, Ferris und Uma sowie für die Kinder auf unserem Planeten denen wir Erwachsenen durch unser Handeln die Kindheit nehmen.

Hans-Jürgen Hellberg

Kinder haben keine Hautfarbe, sie haben ein Gesicht.

Ich lernte wie wichtig Bildung ist und dass Menschen überall nur eines wollen:

„Frieden“.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ – sagt das DEUTSCHE GRUNDGESETZ –

Es ist unser Handeln, das der Erwachsenen, das der Politik, das der Wirtschaft und das der Religionen. Wir brauchen keine Kristallkugel, um zu erkennen, dass wir am Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts unseren Planeten vernichtet haben werden. Es ist eine Erde, die uns nicht gehört, eine Erde, die wir von unseren Kindern, Enkelkinder und deren Kinder geliehen haben, wir haben sie zerstört.

Als wir beide begannen die Abenteuer, die Tommy Lee in seinen Träumen und Fantasien durchlebte, wie viele andere Jungs und Mädchen in seinem Alter auch, als Geschichte festzuhalten, sollte es eigentlich nur ein spannendes Science-Fiction Abenteuer werden. So hauchte er durch seine Fantasie den Figuren Leben ein, mit denen er zu fremden Galaxien reisen wollte, um das Böse zu bekämpfen. Er war gerade neun, als die ersten Zeilen sich in dem noch unschuldigen weißen Papier eingruben, doch je mehr und je länger wir uns in den Abenteuern verloren, umso mehr wurde klar, dass das Ganze eine ganz andere Richtung nehmen sollte. Es waren seine einfachen aufwühlenden Fragen und Gedanken.

Er wollte wissen, warum hunderte Millionen von Kindern hungerten, warum sie kein Geld hatten und keine Schulausbildung erhielten.

Er verstand nicht, wie die Superreichen zu ihrem Geld kamen, da kein Mensch dies mit seinen eigenen Händen zu erreichen vermochte.

Er verstand nicht, warum die Rohstoffe der Erde von nur wenigen ausgebeutet werden.

Er verstand nicht, was es mit den Eliten aus der Wirtschaft und der Politik auf sich hatte.

Er verstand nicht, warum die Religionen die Menschen missbrauchten, statt ihnen Nächstenliebe zu schenken, warum Kriege im einundzwanzigsten Jahrhundert geführt werden, warum die Zahl der Menschen auf dem Planeten explodierte, warum die Umwelt verschmutzt wurde und immer mehr verschmutzt wird.

In den gut drei Jahren, in der seine Abenteuergeschichte entstand, musste er erleben, wie wir, die Erwachsenen, nicht nur seine, sondern die Kindheit aller Kinder auf dieser Erde raubten. Er sah wie sich das Elend der Kinder auf dem Planeten ausbreitete, sah die Flüchtlingswellen, begriff, dass wir seine Erde und damit seine Zukunft immer weiter und immer schneller zerstörten. Schließlich entstand ein erstes Abenteuerbuch, in dem er mit der ihm eigenen kindlichen Logik versuchte, eine Lösung zu finden, er wollte die Erde retten, bevor in wenigen Jahrzehnten nichts mehr zu retten sein würde.

Hier seine Geschichte.

Inhalt

Die andere Welt

Zuviel Fantasie

Alles begann mit einem Traum

Hin- und hergerissen

Die unheimliche Besucherin

Gestrandet

Linda

Der seltsame Alte

Das geheimnisvolle Buch

Der Schaden

Die zweite Begegnung

Rückkehr des Alten

Zweifel und Ängste

Die Entscheidung

Der Konferenzsaal

Der Transporter

Zurück auf der Erde

Der Anschlag

Die Erde darf nicht sterben

Das Institut

Die Dunkelheit

Das Urteil

Die Kopplung

Irritationen

Der letzte Testlauf

Die Redaktion

Der US Geheimdienst

Die Wache

Unruhen

Hongkong

Die ersten Schläge

Schwarze Wolken

Innere Unruhe

Das lange Warten

Die Veröffentlichung

Das Netz der Kinder

Verschwunden

Andere Gedanken

Flüchtlingsströme

Kontakt

Moskau

Der weiße Ring

Das unheimliche Treffen

Die Vorbereitung

Aufstand der Kinder

Die Angriffswelle

Macht der Gedanken

Erde

Tommy Lee

Linda (Tommy Lee´s Freundin)

Adel (Mädchen in Russland)

Mira (das unbekannte Mädchen in Indien)

Peter (Freund von Albert)

Albert (Doktorand)

Pit Peterson (Rennfahrer)

Graham (Bekannter von Garry Whistleblower)

Petra Steward (Redakteurin)

Maria Steward (Tochter von Petra Steward)

Garry Whistleblower (Geheimdienst)

Viktor (Garry´s russischer Schatten)

Sue und John (Freunde von Garry

Whistleblower in Hongkong)

Paul Schmidt (Redakteur)

Peter Meyer (Polizei Hamburg)

Roy, Mike, Graham (Freunde von Garry

Whistleblower)

Prof. Dr. Waltraut Kohlhaas

Psychologin (Lehrstuhl an der Hamburger Uni)

Dieter Lehmann (Stellvertreter des Senators für Inneres in Hamburg)

Prof. Watanabe

Wissenschaftliche Flotte

Kommandant: der alte Mann

Robbi (Roboter)

Hawk (Wissenschaftler)

Wächter

Die Angreifer

Die Erde wurde Euch nur geliehen, um sie an uns Kinder weiterzugeben.

Doch ihr Erwachsenen hört nicht auf, die letzten noch intakten Reste unserer Erde zu zerstören. Ihr zerstört die Zukunft der Kinder, ihr zwingt uns mit anzusehen, wie unsere Erde blutet. Unsere Zeit läuft ab. Am Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind wir zwischen 13 und 30 Milliarden Menschen auf der Erde. Millionen von uns Kindern sind auf der Flucht und es werden täglich mehr, wir hungern, wir wühlen im Dreck.

Ihr zerstört das Klima,

ihr verdreckt die Umwelt,

ihr vernichtet unsere letzten Ressourcen.

Jeder Krieg, den ihr führt, ist ein Krieg gegen unsere Zukunft.

Eure politischen Systeme haben versagt.

Eure Wirtschaftssysteme haben versagt. Ihr weiht Waffen.

Eure Religionen haben versagt, aber wir Kinder wollen

Leben, wir Kinder wollen unsere Kindheit, unsere Zukunft von euch zurück.

Ihr nehmt uns unsere Träume, unser Lachen. Wir Kinder sind die Erben eurer Schuld.

Ihr zwingt uns, schon als Kinder erwachsen zu sein.

Es gibt nur noch einen einzigen Weg. Wir die Kinder müssen selber handeln, nur wir Kinder können die Liebe auf den Planten zurückbringen.

Die andere Welt

Es fing eigentlich alles ganz harmlos an. Für mich als Kind war, bis auf die üblichen Dinge, über die sich wohl alle Kinder aufregen, die Welt völlig in Ordnung und so hätte es auch bleiben können. Doch es kam alles ganz anders.

Gäbe es nur diese eine Welt, nämlich die der Erwachsenen, nur ihre für uns Kinder nicht zu begreifende Politik, wie sie täglich durch die Medien über uns ausgekippt wird. Oh ja, gäbe es nur ihre Wahrheit, ihre Politik, ihre Sichtweise der Wissenschaften, ihr Verständnis von der Technik und der totalen Vermarktung unserer Kindheit, dann wäre ich wohl weiterhin ganz normal herangewachsen, wäre immer mehr in diese Welt der Großen eingetaucht, bis ich mich irgendwann in diesem Gewirr verloren hätte und wohl mit ihnen in einer einheitlichen undefinierbaren Masse, dem „Weiter so“ wiedergefunden hätte. Ich würde all dies nicht erlebt haben. Es wäre wohl alles nur ein Traum geblieben, aber jetzt wusste ich, dass es sie gab, diese anderen Welten, Welten mit eigenen und ganz anderen Wahrheiten. Es waren die Wahrheiten, die unsere Erde bedrohten, aber sie auch retten konnten und dies war meine, unsere Welt, die Welt der Kinder.

Was wussten denn diese Erwachsenen schon von unseren Träumen und Wünschen. Was wussten sie noch von Recht und Gerechtigkeit. Die meisten von ihnen hatten einfach verlernt zu träumen, oder die Fähigkeit verloren, sich wie wir Kinder mit unserer Fantasie in ganz andere Welten zu versetzen. Diese Welt der Kinder, also meine, war eine Welt voller Träume. Immer wenn ich den Großen, von meinen Träumen erzählte und sie bat, mir zu erklären, warum ich so etwas träumte oder was dieses zu bedeuteten hatte, dann wichen sie mir meistens aus. Sie sprachen dann von Fantasien, redeten von den Naturgesetzen, die für uns alle gelten, oder sagten nur: Ach mein Kleiner du hast einfach zu viel Fantasie. Doch ich hatte ganz schnell gelernt, dass es genau diese Fantasie war, die uns Kinder alle befähigte, wenn es darauf ankam, große Dinge zu vollbringen. Ehrlich gesagt, es wäre mir doch zu langweilig gewesen, wenn man alles irgendwie nur durch Logik hätte erklären können. Nein, ich war mir sicher: so einfach darf und kann man es sich nicht machen. Ich erzähle euch deshalb meine Geschichte, was mir passiert ist. Nun dann würdet auch ihr ein wenig an der Welt der Erwachsenen zweifeln.

Doch was rede ich hier eigentlich, ich habe sie ja erlebt, diese ganz andere Welt, die Welt der Träume, in der selbst Lichtjahre nur ein Wimpernschlag der Natur sind. Ich habe begriffen, dass nur wir Kinder diese Welt retten können und dass wir jetzt handeln müssen.

****

Ich stand draußen auf unserer Veranda und meine Augen wanderten nach oben hinauf zum Himmel. Es war diese ganz besondere grenzenlose Dunkelheit, die ich liebte, die von den zahllosen Lichtpunkten wie ein Sieb durchlöchert wurde. Es waren die funkelnden Tausend und Abertausende von Sternen über mir.

Ein angenehm warmes Licht fiel vom großen Wohnzimmer durch die lange Fensterfassade auf die Verandadielen und weiter auf weite Teile der an die Veranda angrenzenden Rasenfläche. Nur die Schatten der Fensterrahmen, die der Blumenkübel auf der Veranda, die der vereinsamten Hollywoodschaukel und mein eigener Schatten, unterbrachen die erhellten Flächen. Es war ein angenehmes gelblich bis orangefarbenes Licht, das sich, je weiter es sich in die Dunkelheit ausbreitete, immer mehr verlor. Fasziniert beobachte ich meinen eigenen Schatten, wie er mir zu einer wahren Größe verhalf. Langgezogen und äußerst dünn sah ich aus, als wäre ich diese bekannte Holzpuppe Pinocchio, nur, dass mir die lange Nase fehlte. Ich bewegte mich, fand Gefallen daran meinem Schatten Leben einzuhauchen und verliebte mich in seine unbeholfen wirkenden Bewegungen. Ich fühlte mich als Herr eines Schattentheaters.

Während ich so meinen Gedanken nachhing, wanderte mein Blick wieder zurück, hoch zu den Sternen, und schon, ohne dass ich mir dessen so richtig bewusst war, begann ich mich weit fortzuträumen, fragte mich welche Geheimnisse, welche Welten sie wohl verborgen hielten. Nur zu gerne wäre ich jetzt da oben gewesen, um mich auf eine Abenteuerreise zu begeben. Ich stellte mir vor, wie ich durch unser Sonnensystem reiste, unsere Galaxie, die Milchstraße durchstreifte und immer weiter erst hinein- und dann hinausglitt, in diesen Weltraum mit seinen unendlichen Weiten.

Da ging ich jeden Tag in die Schule, um dieses und jenes zu lernen und doch hatte ich das Gefühl, das es oft nur darum ging, uns unsere Grenzen aufzuzeigen. Es ging um gute Noten, darum besser zu sein als unsere Freunde, um dann irgendwann eine Erfolgsleiter zu erklimmen, die die Großen sich für uns ausgedacht hatten. Nein, ich dachte dabei nicht an meine Eltern, die waren ganz OK, ich meine diese Erwachsenen ganz allgemein, sie wollten doch, dass wir ihre Welt übernehmen, ausbauten und uns darin einrichteten, aber wie sah denn diese Welt aus. Wenn ich ehrlich sein soll, dann hatte ich sie nicht wirklich verstanden. Es gab so vieles, was wir Kinder nicht durften, noch nicht durften oder was einfach nicht ging. Ich wünschte mir aber, dass es möglich sei, seine Träume zu leben. Eigentlich wünschte ich mir, dass sich meine Träume erfüllen. So kam es, dass ich irgendwann mal wieder auf der Wohnzimmercouch lag, mit der Fernbedienung in meinen Händen und mich durch die zahllosen Fernsehkanäle zappte. Mir war zwischenzeitlich klar, dass sie sich eigentlich nur wie geklonte Schafe verhielten und nicht wirklich die Vielfalt boten, die sie uns suggerierten, doch insgeheim hoffte ich, einfach auf etwas Interessantes zu stoßen. Während ich also so rumzappte, erwischte ich eher zufällig einen dieser Sender, in dem gerade ein Moderator mit seinem scheinbar großen wissenschaftlichen Sachverstand von den Möglichkeiten erzählte, fremde Welten zu erkunden.

Dabei spürte ich plötzlich, ohne mich dagegen wehren zu können, wie ich in das Thema hineingesogen wurde, als wäre ich zu nahe an eines dieser mysteriösen schwarzen Löcher geraten, von denen er gerade erzählte, aber nicht wirklich verstand, wovon er redete. Dennoch hing ich förmlich an seinen Lippen, hörte ihm aufmerksam zu, wie er begründete, dass wir es auf absehbare Zeit nicht schaffen würden, zu diesen anderen weit entfernten Welten zu reisen. Seiner Meinung nach waren diese einfach unerreichbar fern. So meinte er doch tatsächlich, dass wir mit unserer Technik nicht einmal unsere eigene Galaxie bereisen könnten und weiter entfernte Sterne schon gar nicht. Für ihn war dies nur in den Science-Fiction-Filmen möglich.

Im selben Moment spürte ich, dass, wenn wir das alles aber jetzt schon so genau wüssten, dass es dann doch furchtbar langweilig um uns herum wäre. Ich jedenfalls war überhaupt nicht dazu bereit, dies einfach so zu akzeptieren, im Gegenteil, ich fand es großartig, wenigstens in meiner Fantasie durch die Zeiten reisen zu können, schließlich sprach doch selbst der große Albert Einstein von einer Raum-Zeit-Krümmung. Da sollte doch etwas gehen. Wenn dies meinem Traum entsprach, dann war ich bereit mich hineinfallen zu lassen.

In mir regte sich so etwas wie Widerstand gegen die Auffassung dieses Moderators. Ich wollte es nicht akzeptieren, ich wollte mir meine Träume nicht nehmen lassen und wenn ich es genau nahm, dann war mir diese Welt der Erwachsenen, ehrlich gesagt, ein wenig zu logisch. Gäbe es für unsere Zukunft nur ihre Welt, dann wäre das doch eine Katastrophe und ich würde nie wirklich erwachsen werden wollen. Doch was heißt schon Fantasie oder Fantasien, vielleicht waren es ja keine und diese Erwachsenen waren nur viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und hatten dabei ganz vergessen, wie sie mal gefühlt haben, denn auch sie waren doch einmal Kinder. Immerhin wusste ich, dass nicht alle so dachten, und das ließ mich hoffen. Ich jedenfalls wollte nicht, dass ich so werde wie sie, nämlich traumlos.

Klar diese Träume waren nicht immer nur schön, sie konnten dein eigenes Leben nicht nur ganz schön durcheinanderbringen, schlimmer noch, sie konnten es sogar total verändern und plötzlich wusste man nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Auf einmal war da etwas, was nichts mehr nur mit meinen Träumen zu tun hatte und dann war ich verantwortlich, für das, was da gerade vor mir passierte.

Aber was rede ich da. Ich erzähl euch lieber, was mir passiert ist und ich war mir wirklich nicht mehr so sicher, ob die Wahrheit nicht doch ganz anders aussah.

Zuviel Fantasie

Bis zu diesem Zeitpunkt verlief alles völlig normal. Ich war in einer tollen Familie zu Hause, hatte Freunde, konnte toben, spielen, mich meinem Lieblingssport widmen und ging genauso gerne oder ungern in die Schule wie andere Kinder auch. Doch dann sollte sich das alles schlagartig ändern, und zwar begann es damit, dass ich einen sehr merkwürdigen und außergewöhnlichen Traum hatte, der so ungewöhnlich real schien, dass ich mich noch Tage danach sehr, sehr unwohl fühlte. Aber was ich nicht wusste, war, dass dieser Traum nur der Beginn einer langen Kette von Ereignissen sein sollte, die mein bisheriges Leben nicht nur auf den Kopf stellen sollten, sondern es total veränderten. Es ist schon sehr komisch, wenn einem so etwas passierte. Hätte ich das gleich meinen Freunden erzählt, würden die mich glatt für verrückt gehalten haben und die Erwachsenen erst recht. Selbstverständlich glaubst du das einem Neunjährigen nicht, da heißt es einfach, du hast zu viel Fantasie oder jetzt sind sie mit dir durchgegangen. Und genau das ist dann auch der Grund, weshalb ich so lange geschwiegen habe.

Also wie fange ich am besten an. Ja also, also zunächst stelle ich mich erst einmal vor:

Ich bin neun Jahre alt und heiße Tommy Lee und lebe in …

Oh nein, dies kann ich euch wirklich nicht verraten, auf gar keinen Fall. Nicht zu diesem Zeitpunkt, das könnte mich, aber auch euch, in Gefahr, in sehr große Gefahr bringen. Vielleicht erzähl ich es euch später. Deshalb bitte ich zunächst auch keinem zu erzählen, dass ich aus Versehen euch schon meinen Namen genannt habe.

Versprochen!

Danke.

Also für euch bin ich ab sofort ganz einfach Tommy Lee, aber bitte wirklich nicht weitererzählen, sonst höre ich einfach auf und ihr erfahrt meine Geschichte nie.

Nun es begann alles damit, dass …

1. Alles begann mit dem Traum

Das Heulen des Windes drang bis in den letzten Winkel der alten Behausung. Sie sah zerfallen aus. Schon sehr lange schien hier niemand mehr vorbeigekommen zu sein. Die Dielen der Veranda waren teilweise zerbrochen, teilweise morsch oder fehlten einfach ganz, sodass man bis auf den darunterliegenden Boden sehen konnte. Das Haupthaus selbst bestand aus dicken, sehr stabilen Bohlen, sie schienen die Zeit sehr gut überstanden zu haben. Nur der Schornstein war eingeknickt und lag jetzt über dem Giebel, so als wollte er sich dort oben noch ein wenig ausruhen, bevor seine kläglichen Überreste sich endgültig auf den Weg nach unten machten. Fenster gab es nicht mehr. Obwohl, dies stimmt nicht ganz, es gab sie schon noch, nur die Scheiben, die gab es nicht mehr. Die Tür oder was davon übriggeblieben war, stand weit offen, warum sollte sie auch verschlossen sein. Fast überall um das Haus herum lag Geröll, das sich hier und da zu einem Steinhaufen aufgetürmt hatte. Was einmal ein gepflegter Garten gewesen sein musste, hatte sich die Natur auf ihre Weise zurückerobert.

Es war genau dieser Anblick, der mich zu dem Haus hinzog. Gleichzeitig spürte ich diese unbestimmte Angst in mir aufsteigen, die mich davor warnte weiterzugehen, doch war meine Neugier so groß, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte. Ganz vorsichtig näherte ich mich der Hütte. In mir erwachte der Abenteurer. Dies war nicht eines dieser langweiligen Spielplätze, wie man sie überall aufgestellt findet, von denen nur die Erwachsenen meinen, sie müssten uns gefallen. Immer wieder drehte ich mich nach allen Seiten um, während ich mich dem Anwesen näherte. Man konnte ja nicht wissen, vielleicht hauste hier doch noch irgendjemand und beobachtete mich, denn ein klein wenig hatte ich schon das Gefühl, dass hier etwas nicht so ganz in Ordnung sein könnte. Zum ersten Mal schlichen sich die warnenden Worte meiner Eltern ins Ohr: Sei vorsichtig. Mir war in diesem Moment, als stünden sie direkt neben mir, als würden sie mich begleiten, mich beobachten und mir ihren Schutz zuteilwerden lassen. Ich zögerte kurz, doch dann war die Neugier wieder größer als die Angst, vor diesem doch unheimlichen Ort. Ich fühlte mich, wie einer der großen Eroberer oder Entdecker, von denen ich schon so viel gelesen hatte. Dann irgendwann hatte ich schließlich alles um mich herum vergessen, alle Ermahnungen zur Vorsicht und Warnungen vor dem Unbekannten waren wie weggeblasen und nicht nur das, selbst die Zeit, auch sie schien ihre Bedeutung für mich verloren zu haben.

Mir war in diesem Moment, als wäre ich Lichtjahre und ich meine wirklich Lichtjahre, von jeder Zivilisation entfernt. Eigenartigerweise gingen mir in diesem Augenblick ausgerechnet die Fragen von meinem Opa wieder durch den Kopf, so als gäbe es nichts anderes, denn immer, wenn ich ihn zum Weltraum und andere ferne Welten befragte, dann kam er nach einer Weile immer mit seinen Standardfragen. Es waren die nach der Geschwindigkeit des Lichtes, wie weit denn die Erde von der Sonne entfernt sei und so weiter. Klar, nervte es mich ein wenig und er wusste es, aber irgendwann konnte ich diese Fragen sofort beantworten, doch sowie er dieses Wissen als gefestigt ansah, fügte er immer weitere hinzu. Mein Großvater liebte es einfach, mir auf diese Weise immer, wie er es nannte, ein bisschen mehr Wissen über die Natur zu vermitteln und erst danach ging er auf meine Fragen ein. Doch genau dieses Frage- und Antwortspiel war es, das mein Interesse für die Astronomie geweckt hatte. Immerhin brachte es mir unterm Strich mehr Spaß, als dass ich Abneigung dafür empfunden hätte, denn er hatte so viele spannende Geschichten für mich parat. Ich schüttelte meinen Kopf, um diese Gedanken zu verbannen, denn in diesem Augenblick hatte ich ganz andere Sorgen.

Ich wusste wirklich nicht, wie lange ich schon unterwegs war und wo genau ich mich befand. Auf jeden Fall musste es schon sehr spät geworden sein, denn nach und nach begann die Dämmerung am Tag zu nagen. Ja es war die Zeit, ich hatte sie vergessen.

Das abendliche Grau ließ die vor kurzem noch am Himmel so verträumt und verspielt dahingleitenden Schäfchenwolken, jetzt wie Monster aus einer anderen Welt erscheinen. Sie hingen so ungewöhnlich tief, dass ich befürchtete, sie könnten durch die zersprungenen Scheiben, deren Reste sich krampfhaft in den Holzrahmen der Fenster festhielten, bis ins Innere vordringen, um mir so den Rest an Orientierung zu rauben. So bedrohlich, wie die nur noch schemenhaft zu erkennenden hohen Bäume am Rande der Lichtung jetzt auch aussahen, sie erschienen mir in diesem Augenblick mit ihren Kronen, wie schützende Hände, die sich der Wucht dieser aufgequollenen Wolken in den Weg stellten.

Ich spürte, wie ein erst leichter Wind aufkam, was mich aber trotz der Dämmerung zunächst nicht weiter beunruhigte, bis dieser sich dann aber nach und nach zu einem Sturm entwickelte, der zudem immer mehr an Stärke zunahm. Ja und als wäre all dies nicht schon schlimm genug, so mischte sich dann auch noch ein peitschender Regen in den zwischenzeitlich zu einem Heulen angewachsenen Gesang des Windes ein. Urplötzlich war alles grau, düster und wirkte auf mich äußerst bedrohlich.

Auf einmal geschah es, ein gewaltiger Blitz durchzog die Baumkrone einer riesigen alten Eiche, die sich Jahrhunderte zuvor auf einen Logenplatz gesetzt hatte und so den anderen nachwachsenden das Licht nahm. Immer war sie es, die bewundert wurde. Die anderen Bäume waren sehr viel jünger und kleiner, weshalb sie wohl auch so dicht gedrängt standen, als würden sie sich vor etwas fürchten. Dafür aber gaben sie sich gegenseitig Schutz und verhinderten auf diese Weise zudem, dass das alte Gemäuer im Laufe der Zeit zu viel von den Naturgewalten abbekam. Dazwischen befanden sich verteilt verschiedene Sträucher und hochgewachsene Gräser.

Obwohl wirklich alles sehr schnell passierte, so hatte ich dennoch das Gefühl, dass sich alles wie in Zeitlupe abspielte. Erst vernahm ich nur ein Knirschen, so als würden die fest zusammengepressten Zähne eines Ungeheuers aufeinander reiben. Meine jetzt ausgewachsene Angst trieb mich schnell ins Haus und kaum wähnte ich mich einigermaßen in Sicherheit, als auch schon die nächsten Blitze wieder durch den dunklen Himmel zuckten. Selbst die äußersten Winkel des Zimmers, in dem ich mich befand, wurden in einer kurzen Abfolge in gleißendes Licht getaucht, und zwar so, als würden zahllose Blitzlichter aus einem Fotoapparat gleichzeitig ihr blendendes Licht in mein Gesicht schleudern.

Mit einem ohrenbetäubenden Krachen riss es dann die eben noch so stolze Eiche von oben bis unten entzwei, sodass ein großer Spalt klaffte. Dann zunächst ganz langsam neigte sich die eine Hälfte in meine Richtung, begleitet von einem herzzerreißenden Wimmern des zersplitternden Holzes, wie man es beim Auseinanderreißen von noch nicht ganz gespaltenem Holz her kennt. Dagegen bewegte sich die andere Hälfte fast zeitgleich etwas in Richtung der Baumgruppe, blieb dann aber standhaft und verharrte in einer noch einigermaßen aufrechten Position. Mit aller Kraft der Verzweiflung schien sich auch die in meine Richtung weisende Hälfte, gegen den Fall zu wehren. Sie wollte wohl aufrecht stehen bleiben, aber gegen diese Mächte der Natur und vor allem gegen die Schwerkraft, die gnadenlos an ihr zerrte, war sie einfach machtlos. So neigte sie sich weiter und je mehr sie dies tat, umso schneller bewegte sie sich auf den Boden zu. Man konnte den Schmerz der ganzen Eiche förmlich spüren, ja sogar hören. Das Krachen und Ächzen ihres jetzt endgültig zersplitternden Körpers ging mir durch Mark und Bein, als die in meine Richtung fallende Hälfte, mit ihrem gerade noch so stolz erhobenen Teil ihres Hauptes, begleitet von einem leisen Gesang des Blätterwerkes, schließlich mit einem krachenden und ächzenden Wuuusch, nur wenige Meter von der Terrasse entfernt aufschlug.

Dabei sprangen zahllose Blätter vom Geäst, die dann mit dem Wind zum Teil ins Innere der Hütte geschleudert wurden, den die Baumhälfte selbst mit dem ihr verbliebenen Teil an Baumkrone, wie ein riesiger Fächer beim Fallen erzeugte. Ich spürte die Druckwelle an meinem ganzen Körper. Wie gebannt starrte ich auf diese andere Hälfte. Immer noch ragte sie hoch in den Himmel, bis auch sie sich neigte, zunächst nur ganz leicht, dann aber fast unmerklich, wieder für einen Moment verharrte, bis sie sich wieder weiterneigte und schließlich anfing, richtig zu fallen. Plötzlich aber, wie durch ein Wunder, kurz bevor sie aufschlagen sollte, wurde ihr Sturz von der angrenzenden Baumgruppe abgefangen, so als wollte diese sich versöhnlich zeigen, nachdem der Logenplatz jetzt wieder frei geworden war. Der Baumriese, die alte Eiche, sie war tot.

Immer mehr peitschte der Regen gegen die Außenwände der Hütte, zudem begann es, empfindlich reinzuregnen. Weitere Blitze folgten und malten dabei merkwürdige Figuren in die so angestrahlten Wolken. Sie zogen meinen Blick magisch an. Ich war starr vor Schreck und erst jetzt spürte ich, dass ich am ganzen Körper zitterte. Dann wurde mein Blick, ohne dass ich es wollte oder mich davon abwenden konnte, auf ein Wolkengebilde gelenkt, das sich mit seinen verschiedenen Grau- und Weißtönen zu einem merkwürdig lebendigen Wesen zu formieren schien. Der Wind mit seinem Wirbeln, Ziehen und Pressen, spielte so geschickt mit diesem, dass sein Kopfteil sich leicht zu mir neigte und die zu Lippen geformten Wolken sich zu bewegen schienen. Erst war mir, als würden sie spitz zulaufen, um dann pfeifen oder flöten zu wollen. Sodann schien es, als wollten sie reden, etwas sagen, etwas mitteilen. Trotz meiner Angst war ich so sehr fasziniert, dass ich es nicht wagte, mich auch nur kurz abzuwenden. Ich versuchte die Bewegung der Lippen zu deuten, etwas darin zu lesen, doch so sehr ich mich auch anstrengte, ich schaffte es nicht. Wieder änderte der Wind die Figur, formte sie mal schlank und formschön, als wäre es der Körper eines jungen Mädchens, wechselte sodann zu einem frechen Jungen, um ihn gleich wieder in ein Wesen dickbauchig, mit mehreren Röllchen, einer zerzausten Frisur und weißem Bart zu verwandeln. Es war die Leichtigkeit des Windes, die mich beeindruckte und mir gleichzeitig große Furcht einflößte. Es war, als hätte alles nur darauf gewartet, endlich den Boden verlassen zu können, wie die Blätter und anderes Gestrüpp, um sich mit der so neu gewonnenen Freiheit auf eine lang ersehnte Reise zu begeben.

Zwischen all dem tanzte ein Stück Papier auf und ab, flog sodann durchs Fenster und blieb an meiner Brust haften. Eine Botschaft? Ehe ich reagieren konnte, mischte sich in das Geheul des Windes ein Fauchen, wie das von einer Katze und bevor ich auch nur erahnen konnte, woher dieses Fauchen kam, vernahm ich Kratzgeräusche, so wie sie entstehen, wenn sich die Krallen eines Raubtieres in die Bodendielen vergraben. Wie Diamanten blitzten urplötzlich, mit einem erneut einsetzenden Blitzlichtgewitter, zwei Augen vor mir auf, begleitet von der übergroßen Silhouette eines katzenähnlichen Tieres, die sich in kurzen Abständen auf die vom Blitz erhellten Wände zeigten. Die Fellhaare waren weit aufgestellt, als seien sie elektrostatisch aufgeladen, mit buschigem Schwanz, dessen Schatten sich übergroß zum restlichen Körper mehrfach durch das flackernde Blitzgewitter für den Bruchteil einer Sekunde an den Wänden festsetzte. Dann spürte ich, wie sich Krallen in meinen Oberschenkel vergruben. Ein unbeschreiblicher Schmerz peitschte durch meinen Körper, reflexartig griff ich an die Stelle und spürte für einen Wimpernschlag das knisternde Fell, bevor das Wesen wieder von mir abließ und seinen Schatten mitnahm.

So schnell wie der Spuk gekommen war, war er auch wieder verschwunden. Erst der Regen, dann das Gewitter, verschwunden, urplötzlich war alles vorbei. Selbst der Wind war auf einmal eingeschlafen und die Wolken, sie schienen plötzlich am Himmel fast wie festgeheftet. Auch das Gesicht der Wolke, es hatte sich aufgelöst, hatte sich wieder in der Dunkelheit verloren. Zwischendurch immer, wenn die Wolken dann ein wenig auseinanderrissen, schaffte es das schwache Licht des Mondes, sich seinen Weg zu mir nach unten zu bahnen. So konnte ich zumindest die Umrisse der verteilten Gegenstände erkennen und diese kurzen Momente nutzen, um mich grob zu orientieren. Eine Taschenlampe, oder Streichhölzer, die mir ein wenig Licht hätten spenden können, hatte ich nicht dabei. Vorsichtig tastete ich mich zu dem alten gusseisernen Ofen vor, den ich als Erstes bei meiner Ankunft entdeckt hatte. Ich dachte an ein Feuer, an Wärme und gleichzeitig war mir klar, dass ich nur davon träumen konnte. Ich schob meine Hand vor und ertastete die Ofenklappe. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass jemand kurz vor mir hier gewesen sein musste. Der Ofen war noch warm. Vorsichtig öffnete ich die Ofenklappe, Aschestaub wirbelte hoch und kroch in meine Nase, alles fühlte sich warm an. Ein leichtes Kribbeln, ich wollte nicht, konnte es aber nicht unterdrücken, ich musste niesen. Erschrocken drehte ich mich um, jemand könnte es gehört haben. Ich versuchte etwas zu erkennen, doch nichts, es herrschte eine gespenstische Ruhe. Draußen sah ich ein letztes Aufblitzen in der Ferne, dessen Licht für den Bruchteil einer Sekunde den Raum zusätzlich zum schwachen Mondlicht erhellte. Ich entdeckte einen Ofenhaken, griff ihn, bevor die Dunkelheit wieder alles verschlingen konnte. Dann vernahm ich ein Schnauben, ein schweres Atmen. Wieder erstarrte ich vor Schreck, hielt den Atem an und stellte fest, dass ich es selbst war. Es war nur mein eigener Atem, der die Stille unterbrochen hatte. Erleichterung kroch in mir hoch.

Also durchwühlte ich die Asche mit dem Feuerhaken, der gleichzeitig im Notfall auch als Waffe dienen konnte, doch plötzlich tanzten tausende leuchtend rote Aschepartikel in die Höhe. Ein Feuer, ein schwacher Rest nur, aber es müsste reichen, so dachte ich mir. Jetzt fehlte nur etwas Trockenes, Brennbares. Der so entstandene Durchzug ernährte die kleine Flamme, gab ihr die Luft zum Atmen, ließ sie aufflackern und gab so ein wenig die Sicht frei. Ich entdeckte eine alte Kiste, eine Obststiege, so wie man sie auf den Märkten findet, mit Papierresten gleich neben dem Ofen. Ich griff hinein. Die oberen Schichten waren feucht, nutzlos. Hektisch wühlte ich mich weiter nach unten durch bis auf den Boden und hatte Glück. Ich hatte trocknes Papier für die Feuerstelle.

Gierig griff die kleine Flamme danach, es war die Nahrung, die sie brauchte. Kaum hatte sie sich darin verschlungen, blähte sie sich zu einer größeren Flamme auf und entfachte schließlich ein Feuer, das beides, Wärme und ein wenig Licht verstrahlte. Zum Glück für mich, hatte sich die Asche vorher über die Glut gelegt und so das Holz am Brennen gehindert wurde. Es hatte jetzt nur ein wenig Zug gefehlt. Ich fand weiteres angekohltes Holz unweit vom Ofen und legte es in die Flammen. Vorsichtig schob ich die Ofentür wieder zu, aber nur so weit, dass die Flammen nicht wieder ausgehen konnten, also gerade genug Luft und Nahrung bekamen und zudem den Raum ein wenig in ein flackerndes Rot tauchten.

Obwohl ich von draußen wieder Geräusche vernahm, fühlte ich mich jetzt doch ein wenig sicherer, auch wenn die Angst nicht ganz weichen wollte. Ich nahm allen Mut zusammen und hörte genau hin, diesmal hörte es sich an wie Meeresrauschen. Es war als würden Wellen auslaufen, an einem Strand aus Kieselsteinen, die so gegeneinanderschlugen und ihr eigenes Lied komponierten. Nur dass es hier kein Meer weit und breit gab. Dann nach einer Weile war mir klar, es war ein kurzer sehr starker Regen, unterbrochen nur von Schwächephasen, um nach diesen wieder auf alles niederzuprasseln. Irgendwann verstummte der Regen endgültig, es wurde wieder stiller, nur der Wind sang weiter sein Lied und trieb die Wolken jetzt immer mehr auseinander. Schließlich, zunächst nur ganz langsam, dann aber immer schneller hellte es wieder so weit auf, bis sich der Sternenhimmel erst vorsichtig, doch dann von seiner ganzen Pracht zeigte und ein riesiger Mond sein volles Licht zu mir schickte.

Ich setzte mich auf die Stiege, sah mich um und starrte auf den Boden. Vor mir lag dieses Blatt. Meine Beine schmerzten und ich verspürte wenig Lust, mich zu erheben. Papier, es musste sich von der Scheibe gelöst haben, denn es wies scharfe Schnitte auf. Je länger ich darauf blickte, desto mehr glaubte ich zu erkennen, dass etwas auf ihm geschrieben stand. Doch der Versuch, Buchstaben zu erkennen, fiel mir schwer, dennoch meine Neugierde wurde größer und größer. Je mehr ich mich dagegen wehrte, desto größer wurde der Wunsch herauszufinden, was darauf geschrieben stand. So kam es, dass dieser Wunsch irgendwann so groß wurde, dass ich nicht mehr anders konnte. Ich stand auf, griff danach, setzte mich wieder, glättete es so gut es ging und schaute auf die Schrift. Sie wirkte eher unleserlich, auch machte es das diffuse Licht schwierig, sie genau zu entziffern. Alles, was ich erkennen konnte, waren merkwürdig geschriebene Buchstaben oder Zeichen. Nur soviel glaubte ich, zu erkennen:

>>Lauf nicht weg. <<

Sofort ging mir dieses Wolkengebilde wieder durch den Kopf, das, so schien es, mir etwas hatte sagen wollen. Hatte ich mich in der Zwischenzeit etwas beruhigt, so war es plötzlich wieder da, dieses ungute Gefühl, diese innere Unruhe. Der Raum war mit dem Verziehen des Unwetters heller geworden und ich blickte wieder nach draußen. Der Mond schien immer größer zu werden. Gebannt starrte ich ihn an, konnte meinen Blick nicht abwenden und tatsächlich veränderte er sich auf seltsame Weise. Was erst wie das Licht einer Taschenlampe, völlig weiß erschien, wandelte sich im Kern ganz langsam erst zu einem Rot, dann Gelb, Grün, Blau und schließlich Violett. Es war, als hätte jemand ein Prisma vorgehalten. Währenddessen nahm dieser Mond weiter an Größe zu und das immer schneller. Auf einmal schien alles zu funkeln, zu glühen und wieder spürte ich einen schwachen Wind. Dieser Wind fühlte sich anders an, nicht wie man es kennt, sondern ganz seltsam. Es war ein nicht zu beschreibendes Phänomen, als würde er dem Mond die Konturen nehmen. Je mehr ich ihn anstarrte, desto stärker hatte ich das Gefühl, dass dieser riesige Ball auf mich stürzen würde. Es war, als wollte er alles verschlingen. Doch dann geschah etwas noch Unglaublicheres, was zuvor verschwommen wirkte, löste sich immer mehr auf, verschwamm wieder und vereinigte sich zu einem kleineren Feuerball, der kurz vor der Explosion stand. Mein Herz stand fast still, ich konnte kaum atmen, die Luft war stickig und elektrostatisch aufgeladen, so dass sich meine Haare aufstellten, als müssten sie irgendwelchen geheimnisvollen Kräften folgen. Dann ging das Ganze in einer riesigen Explosion auf und mir war, als würde ich bei lebendigem Leib verbrennen.

****

Ich schreckte hoch, saß sofort senkrecht im Bett, war schweißgebadet. Ich war hellwach und schaute mich um. Ein Traum, der schlimmste Albtraum den ich je hatte. Es war das vertraute Zimmer, mein Zimmer. Alles stand an seinem Platz, genauso wie immer. Nur der Schweiß auf meiner Stirn und der nasse Schlafanzug waren echt, zu echt, um mich zu beruhigen. Alles drehte sich, ich fand nicht zurück, zurück in die Wirklichkeit. Alle meine Sinne waren angespannt. Ich versuchte Geräusche zu vernehmen, doch nichts, absolut nichts. Im ganzen Haus war es still, alle schienen zu schlafen und nur der Mond spendete wie immer, wenn er nicht gerade wolkenverhangen war, sein diffuses Licht.

Vorsichtig fasste ich mit meiner linken Hand an meinen Oberschenkel und sofort spürte ich einen stechenden Schmerz, so dass ich gleich wieder davon abließ. Instinktiv tastete ich nach dem Schalter meiner Leselampe, während ich mit meiner anderen Hand einen Gegenstand ertastete und ihn sofort fest umschlossen hielt. Auf alles gefasst, knipste ich das Licht an, bereit sofort mit dem Gegenstand auf was auch immer einzuschlagen oder mich zum Schutz unter meine Bettdecke zu begeben. Ich drückte mich in die äußerste Ecke meines Bettes, aber auch das Licht der Leselampe förderte nichts Bedrohliches zutage. Erst jetzt realisierte ich, dass der Gegenstand in meiner Hand mein Baseballschläger war. Nachdem alles ruhig blieb, schob ich vorsichtig meine Bettdecke zurück und zog dann ganz behutsam meine Schlafanzughose so weit nach unten, um festzustellen, warum es so schmerzte und dann. …, dann sah ich es. Es waren Kratzspuren, lang gezogene Kratzspuren von den Krallen einer Katze, die höllische und stechende Schmerzen verursachten. Äußerst vorsichtig stieg ich aus meinem Bett, man konnte ja nicht wissen, blickte erst darunter, dann in jede nur erdenkliche Ecke, aber von einer Katze keine Spur. Meine Zimmertür sah verschlossen aus, somit konnte ich relativ sicher sein, dass keine auch nur ganz kurz in meinem Zimmer gewesen sein konnte.

Mit zwei, drei hektischen Schritten stand ich an der Tür, öffnete sie mit einem Ruck, riss sie so weit auf, dass sich das Licht ein wenig in die große, an meinem Zimmer angrenzende Empore ausbreiten konnte und gleichzeitig auch die Treppe, die hinunter zur unteren Etage, unserem Wohnzimmer, führte. Dann sah ich sie, dort unten auf der vorletzten Stufe und zwar beide, sich aneinander schmiegend, Frau Schmidt und Chefkoch, unsere zwei Katzen. Sofort sprangen sie auf, kamen hochgelaufen und liefen auf sanften Pfoten an mir vorbei in mein Zimmer. Ohne mich zu beachten, sprangen sie aufs Bett und legten sich hin, so als wollten sie sagen, warum kommst du nicht.

Ich kroch zurück ins Bett und zum ersten Mal traute ich den beiden nicht. An Schlaf war zunächst einmal nicht mehr zu denken. Dann aber fiel mein Blick auf einen auf dem Boden liegenden Zettel, genauso wie der, in meinem Traum. Es fiel mir schwer, wieder aus dem Bett zu steigen, wo ich mich einigermaßen sicher fühlte. Aber meine Neugierde war zu groß, ich musste wissen, was auf dem Blatt stand und so fegte ich mit einer schnellen Bewegung aus dem Bett, ergriff das Blatt und hechtete sofort mit einem riesigen Satz wieder zurück.

Dann wieder in der äußersten Ecke, meine Bettdecke bis unters Kinn gezogen, fand ich endlich den Mut zu schauen und da stand es wieder:

>> Lauf nicht weg. <<

2. Hin- und hergerissen

Es war ein furchtbarer Traum, ich wälzte mich hin und her, konnte nicht einschlafen, deshalb sehnte ich nichts so sehr herbei wie den Anbruch des neuen Tages. Als dieser sich dann endlich langsam durch die verbliebenen Ritzen der zugezogenen Vorhänge in mein Zimmer drängte, fühle ich mich um einiges wohler. Plötzlich schoss mir durch den Kopf, dass wir Sonntag hatten. Mir war als würde eine große Last von mir fallen. Ich war darüber mehr als nur froh, da somit, Gott sei Dank, feststand, dass alle zuhause waren. Normalerweise wäre ich nach diesem Erlebnis noch in der Nacht zu meinen Eltern unter die Bettdecke gekrochen, aber ich war schon neun und wollte mir wirklich keine Blöße geben, auch wenn ich dies ernsthaft in Erwägung gezogen hatte. Dafür hätte ich aber über die dunkle Empore laufen müssen und da fand ich es, ehrlich gesagt, schon wesentlich sicherer unter meiner Decke zu verharren.

Nachdem mein Zimmer mit genügend Tageslicht durchflutet war, kehrte ganz langsam auch mein Selbstbewusstsein wieder zurück und so konnte mich nichts mehr aufhalten. Mit einem Ruck schlug ich die Bettdecke zurück und lief so schnell ich konnte und doch möglichst unauffällig, in das Schlafzimmer meiner Eltern. Wie ich feststellte, war ich nicht der erste, mein kleiner Bruder Ferris und meine kleine Schwester waren schon bei meiner Mutter und meinem Vater unter die Decke gekrochen. Ehrlich gesagt hatte ich nichts anderes erwartet, so war es bei uns üblich, sich jeden Sonntag im Bett unserer Eltern zu treffen. So vorsichtig es ging, kroch ich hinein und kuschelte mich ganz dicht an meine Mum. Viel mehr Möglichkeiten gab es schließlich auch nicht, denn den Platz neben meinem Vater hatten schon meine Geschwister für sich erobert. Für uns Kinder gab es nichts Schöneres, als vor dem Aufstehen noch mal dicht gedrängt mit unseren Eltern zusammenzuliegen und noch ein bisschen zu kuscheln, bevor es ans Aufstehen ging. Irgendwann war es dann wie immer mit der Ruhe vorbei und einer von uns fing an, die anderen ein wenig zu necken. Dies war dann meistens das Startsignal für die sonntägliche Kissenschlacht, an deren Ende, wenn es unseren Eltern zu viel wurde, die Aufforderung an einen von uns erging, Frühstück zu machen. Doch diesmal war für mich alles anders, denn der Traum der letzten Nacht holte mich immer wieder ein, egal wie sehr ich auch versuchte, ihn zu verdrängen. Er war so intensiv, wirkte so real nach, dass es mir keine Ruhe ließ und als würde sie es spüren, zog mich meine Mum ganz dicht zu sich heran. Sie nahm mich in den Arm und drückte mich ganz fest an sich. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl und gab mir, gerade in diesem Moment, sehr viel Geborgenheit.

„Tommy Lee, was ist heute Morgen mit dir los. Du bist so unruhig.“

Ja, so war sie, man konnte ihr nichts vormachen. Sie hatte Recht, nichts war in Ordnung, nur darüber reden, das ging nicht. Irgendwie hatte ich einen Kloß im Hals und so versuchte ich, so gut es ging, abzuwiegeln.

„Nichts.

Es ist alles OK.“

****

Draußen hatte in der Zwischenzeit die Sonne, mit ihren immer intensiver werdenden Strahlen, die Nacht endlich ganz verdrängt. Das gab mir weitere Sicherheit und so beschloss ich Frühstück zu machen, in der Hoffnung, dass dieser immer noch so lebendige Traum endlich aus meinem Kopf verschwinden möge. Es war das erste Mal, dass mir alles so real erschienen war, denn normalerweise wusste ich morgens nicht mehr, was ich nachts geträumt hatte.

Mit einem, wie ich hoffte unauffälligem Lächeln, kroch ich über alle hinweg aus dem Bett, nur mein kleiner Bruder schaute mich ungläubig an:

„Willst du schon aufstehen?

Ich will noch nicht, es ist so schön hier.“

„Ich will auch nicht“,

kreischte meine kleine Schwester Uma mit lauter, aber verschlafener Stimme und verkroch sich demonstrativ unter die Decke. Mein Vater dagegen schaute mich schmunzelnd an und zog sich wortlos die riesige Bettdecke bis fast über den Kopf, sodass nur noch seine dunklen Wuschelhaare herausschauten. Ich aber spürte wie der Gedanke ans Frühstücken, auch etwas Appetit in mir aufkommen ließ.

Dass mein kleiner Bruder Ferris noch liegen bleiben wollte, war eher ungewöhnlich, denn meistens stand er mit mir auf und wir deckten gemeinsam den Frühstückstisch. Unsere Uma kam, wie immer etwas später hinterher getrottet und half auf ihre Weise, will sagen, dass es eigentlich immer Mehrarbeit für mich bedeutete. Trotzdem hatte ich sie äußerst lieb, auch weil sie die Kleinste und Frechste von uns war, viel frecher noch als mein Bruder und ich zusammen. Dennoch, heute war ich ganz froh, für mich alleine zu sein.

****

Die Tür zu meinem Zimmer stand weit offen, so wie ich sie zurückgelassen hatte. Ich verspürte diesen Drang noch mal reinzuschauen, bevor ich nach unten ging, um den Tisch zu decken. Doch irgendwie fiel es mir schwer hineinzugehen, es war dieses unbestimmte Gefühl in der Magengegend, dass dieser Traum im Nachhinein noch irgendwelche Überraschungen für mich bereithalten könnte und so verharrte ich für eine Weile im Türrahmen, schaute mich erst vorsichtig um, nur um mich noch mal zu vergewissern, dass da wirklich nichts Ungewöhnliches, etwas Verräterisches war.

Mir war nicht bewusst, wie lange ich dort stand, bis ich mir einen Ruck gab und hineinging. Doch da war nichts Außergewöhnliches und ich spürte eine gewisse Erleichterung. Mein Blick fiel auf das Geschenk, das mein Bruder und ich zum letzten Weihnachtsfest bekommen hatten. Es war die riesige erst halb zusammengebaute Raumstation, von der die meisten Einzelteile weit verstreut im Zimmer herumlagen.

Irgendwie fühlte ich mich immer noch ein wenig benommen, so als könne der Traum wieder Besitz von mir ergreifen, aber nichts geschah. Im Lichte des Tages besehen, schien alles völlig normal, so als hätte es diesen Traum niemals gegeben. Ich gab mir einen Ruck, ging hinein und setzte mich auf den Rand des Bettes, meinem Lieblingsplatz, so als müsste ich von meinem Zimmer wieder Besitz ergreifen. Dieses Bett war etwas ganz Besonderes, es hatte für mich etwas Lebendiges, etwas Dynamisches. Die beiden Bettenden waren leicht nach oben geschwungen, sodass es die Form einer Halfpipe hatte. Meine Eltern hatten mir damit einen großen Traum erfüllt. Sofort erinnerte ich mich daran, was für eine große Überraschung es für mich war, ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk. Keiner meiner Freunde hatte so etwas und ein klein wenig konnte ich schon damit angeben, jedenfalls war ich mächtig stolz darauf, dieses Bett zu besitzen.

Sie hatten es mir zu meinem siebenten Geburtstag extra anfertigen lassen, sie wussten, dass es für mich zu dem Zeitpunkt nichts Schöneres gab, als zu skaten. Jeder, der mein Zimmer zum ersten Mal betrat und bis dahin nicht so viel von meiner Leidenschaft wusste, konnte dies sofort an den verschiedenen herumliegenden Boards erkennen. Unglücklicherweise war nur noch eines davon voll einsatzbereit, die anderen waren gezeichnet durch die Spuren der zahllosen Crashs. Es waren die Straßen in meiner Umgebung und die vielen Halfpipes, die ich auf den Ausflügen mit meiner Familie entdeckt hatte, auf denen ich mich leidenschaftlich ausprobiert hatte. Ja, und jetzt lagen sie alle dort, wo ich sie irgendwann eher zufällig abgestellt hatte. Klar wusste ich, dass meine Mum Recht hatte, ich räumte wirklich nicht gerne auf. Schlimmer noch, alles lagt verteilt auf dem Bett oder auf dem Boden, die Socken, die Hosen, die Bücher bis hin zu den vielen Bildern, die meine kleine Schwester für mich gemalt hatte und die ihren Platz noch nicht an den Wänden gefunden hatten. Ja, und wenn ich meine Mum mal wieder reichlich überstrapaziert hatte, dann räumte sie für mich auf. Kurz gesagt, alles landet in einer der großen Plastikkisten. Danach folgte mit einer schönen Regelmäßigkeit die Drohung, dass sie es wegschmeißen würde, wenn ich es nicht endlich sortieren und wieder ordnungsgemäß wegstellen würde. Regelmäßig versprach ich sodann, hoch und heilig, mich zu bessern und künftig ein wenig mehr Ordnung zu halten, wohl wissend, dass ich es nicht wirklich einhalten konnte.

Meine eigentliche Leidenschaft aber war das Lesen. Sowie ich ein Buch in den Händen hielt, konnte ich alles um mich herum vergessen. Es waren Themen über die Natur, über die Tiere, über die Evolution. Ich musste einfach wissen, wie sich alles bis heute entwickelt hatte, aber davon abgesehen, eine Sache hatte es mir besonders angetan. Es war die Raumfahrt, nichts fesselte mich so sehr wie dieses Thema. Na ja und dabei vergaß ich schon mal das Aufräumen. Um ehrlich zu sein, so erging es mir immer wieder, kaum hatte mich eine Sache so richtig gefesselt, da träumte ich mich schon wieder in diese hinein und wurde Teil der Geschichte.

>> Was wollte ich eigentlich noch?

Ach ja Frühstück machen. <<

Ich drehte mich um, verließ mein Zimmer und schaute oben von der Empore nach unten ins Wohnzimmer. Dort stand es mein neues Schlagzeug. Im Grunde konnte ich sehr froh darüber sein, dass es nicht auch noch in meinem Zimmer untergebracht war. Meine Eltern hatten mir netterweise erlaubt, es im Wohnzimmer aufzustellen. Ich liebte es die Trommeln, die Pauke und die Becken zum Klingen zu bringen und das geschah häufig genug, sodass man das Gefühl hatte, das ganze Haus würde mitschwingen. Erstaunlicherweise sollte mein Bruder trotzdem mein altes Schlagzeug bekommen und mir war bewusst, dass das wirklich nichts Gutes bedeutete, denn der Lärm, als welches das Niederprasseln der Schlagstöcke auf die Instrumente hin und wieder bezeichnet wurde, könnte dann richtig überhandnehmen. Schon, wenn ich alleine spielte, gab es Momente, wo jedes Familienmitglied häufig genug unfreiwillig in der ersten Reihe Platz nehmen musste. Jeder versuchte sich dann, mit Ohrenschützern zu bewaffnen. In solchen Momenten wusste ich, was wir für tolle Eltern hatten.

Schließlich hatte ich es doch geschafft, alles Unangenehme aus meinem Kopf zu verdrängen, jedenfalls für den Moment. Ich schaute mich oben ein letztes Mal um. Unsere Zimmer, also meins, dass meiner Geschwister und das meiner Eltern, befanden sich alle im oberen Stock. Alles war hier wie ein großes U, um die große Empore geformt, die wie schon erwähnt, den Blick bis nach unten ins Wohnzimmer freigab. Eine riesige Fensterwand von ganz unten bis nach oben unters Dach bildete die hintere Außenwand unseres Hauses und sorgte für sehr viel Tageslicht. Ich musste lächeln, war ich doch froh, dass der riesige Handlauf um die Empore mich während meiner Träume oft davon abgehalten hatte, eine fatale Abkürzung zu nehmen. Mit großen Schritten versuchte ich auf dem Weg zur Treppe, den zahllosen anderen herumliegenden Spielsachen auszuweichen. Meine Mum hatte Recht. Nur zu gerne stellte ich mir vor oder wünschte ich mir, dass alles wie aus dem Nichts Wirklichkeit werden würde und ich mich an Bord unserer Raumstation auf dem Weg in eine andere Welt befände. Selbstverständlich war ich dann der Kommandant, erteilte Befehle und reiste mit meiner riesigen Crew durch die endlosen Weiten des Weltraums zu anderen Galaxien und Planeten. Dabei gingen mir viele Fragen durch den Kopf, so fragte ich mich zum Beispiel, wie es dort wohl wirklich aussehen möge, was mein Raumschiff für einen Antrieb hätte oder ganz einfach, wovon wir denn alle während der langen Reise leben sollten, vor allem aber, wie ich es schaffen würde, wieder zurückzukommen. Ich wollte schließlich doch wieder zurück, wollte meine Eltern und meine Geschwister nicht verlassen, schon allein der Gedanke daran, möglicherweise nicht wieder zurückzufinden, bereitete mir Unbehagen. Was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, war, dass ich das alles erleben sollte. Ein Abenteuer auf dem Weg durch den Weltraum, bei dem ich …, aber lassen wir das, ich will noch nichts verraten. Kommt einfach mit.

****

Ich hörte das sanfte Tapsen der Pfoten, schaute zur Treppe hinauf und sah unsere beiden Katzen runterkommen, wussten sie doch genau, dass beim Frühstück immer etwas für sie abfiel. Aber in dem Moment, in dem ich sie sah, war alles wieder da, dieser Schmerz, dieser Traum. Wen wunderte es also, dass es schon einige Tage dauerte, bis ich diesen ganz, wenn überhaupt, aus meinem Gedächtnis verbannt hatte.

Beim Frühstück dann fasste ich endlich Mut und erzählte ganz aufgeregt meine Geschichte und zog wie zum Beweis die Hose so weit runter, bis alle die hässlichen Kratzspuren sehen konnten. Dabei glaubte ich zu spüren, dass allen ein kleiner eisiger Schauer über den Rücken lief, was mir wiederum äußerst gut gefiel. Doch schnell waren wir wieder beim Tagesthema. Meine Großeltern waren in diesem Augenblick auf dem Weg zu uns, denn wir wollten, gemeinsam, das heißt mein Bruder Ferris und ich, zur Motorradmesse nach Hamburg, in die Großstadt. Ich liebte die Technik.

3. Die unheimliche Besucherin

Es war nicht das erste Mal, dass wir mit zur Motorradmesse fuhren und doch versetzte mich und meinen Bruder der bloße Gedanke daran immer wieder in helle Aufregung. Allein die Gelegenheit zu haben, mit einem der kleinen Crossmotorräder einmal so richtig um die Kurven heizen zu können, ließ mich dem entgegenfiebern. Zu gerne hätte ich selbst so eine Maschine mein eigen genannt, nur um mich sofort draufzuschwingen und bei uns zu Hause über die Felder zu heizen. Die unterschiedlichsten Motorräder, mit ihrer sichtbaren Technik, dazu die tollen Klamotten, nein, es gab wirklich nichts Schöneres. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich aber noch nicht, dass mich später etwas ganz anderes fesseln sollte. Es war ein an die Messehallen angrenzendes Institut, an dem wir auf unserem Weg zurück zum Auto vorbeikamen. Ich glaube allerdings bis heute, dass es damals die pure Absicht meines Großvaters war, denn eine Abkürzung war das ganz klar nicht. Jedenfalls nahm er, als er vor einem Gebäudekomplex mit gelben Klinkern und hohen Glasscheiben innehielt, uns plötzlich beide an die Hand und sein Griff wurde spürbar fester. Ich kannte diesen leichten Druck, er hatte immer etwas zu bedeuten. Da es weit und breit nichts gab, das uns gefährden konnte, musste es etwas Besonderes sein und richtig, es waren die verschiedenen Labore des physikalischen Instituts, die sich hinter den übergroßen Fenstern verbargen.

„Wisst ihr, dies ist das Institut in Hamburg, wo ich als Student die ersten Semester Physik studiert habe. Hier könnt ihr sehen, wovon manche Jungs und Mädchen träumen. An diesem Ort hier haben viele wissenschaftliche Karrieren ihren Anfang genommen.

Hinter diesen Scheiben versuchen die Wissenschaftler, den immer noch unendlich vielen Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen.“

Es war gar nicht nötig, dass er weitererzählte, die vielen Apparate, die ich dort hinter den Scheiben, trotz der reflektierenden Sonnenstrahlen, erkennen konnte, hatten mich sofort voll in ihren Bann gezogen. Auch dass die Fenster für mich etwas zu hoch waren, konnte meine Begeisterung nicht bremsen. Ich stellte mich einfach auf meine Zehenspitzen, drückte mein Gesicht soweit es möglich war an die Scheibe und versuchte mit meinen Händen den Spalt zur Scheibe soweit abzudecken, damit ich möglichst viel erkennen konnte. Es waren die Messgeräte, die Armaturen, die vielen Rohrverbindungen, die endlos erscheinenden Kabel, Computer, Anzeigen und Monitore, sie alle übten eine nicht zu beschreibende Faszination auf mich aus, obwohl ich nichts aber auch gar nichts von dem verstand, was dort aufgebaut war. Ja, ich hatte nicht einmal die leiseste Ahnung, von dem was dort passierte.

Dennoch verspürte ich in diesem Augenblick nur noch den Wunsch hineinzugehen, alles genau anzuschauen, zu erfragen und zu erforschen. Noch nie hatte ich so etwas gesehen. Ich war total begeistert und gefangen von dem, was ich dort sah. Instinktiv spürte ich, dass dies die Welt sein musste, die mich der Erfüllung meiner Wünsche näherbrachte und dachte dabei wieder an den Weltraum, den ich unbedingt verstehen wollte. Klar, dies hier hatte nichts damit zu tun und doch ging es hier auch darum, der Natur ihre Geheimnisse zu entlocken, weshalb die Fragen denn auch nur so aus mir heraussprudelten.

„Was machen die da?

Können wir dort reingehen?

Ich will mit denen reden!

Du ich möchte hier ein Praktikum machen.

Das geht doch oder?“

Dabei schaute ich zu ihm hoch und sah, wie er lächelte und wusste ganz genau, was er in diesem Moment dachte. Diesmal aber schien es mir, dass ich ihn mit meiner Begeisterung völlig überrascht hatte. Natürlich hatten wir uns, wie schon gesagt, wann immer es sich so ergab, über die Zusammenhänge und Vorgänge in der Natur unterhalten. Ich will aber ehrlich sein, meistens hatte ich mit meinen Fragen mir immer gleich einen ganzen Vortrag anhören müssen. Jedenfalls war mir am Ende seiner Erläuterungen oft nicht mehr bewusst, was ich denn eigentlich gefragt hatte. Ja und ich muss zugeben, dass mich das manchmal schon sehr nervte. Nicht weil es nicht interessant war, ganz im Gegenteil, sondern er wollte dann immer wissen, ob ich noch wüsste, wie schnell zum Beispiel das Licht sei oder wie lange es von der Sonne zur Erde brauchte. Na ja und all diese Fragen konnten, wie ihr euch vorstellen könnt, schon nerven und zwar sehr, sehr stark nerven. So war es auch schon auf der Fahrt hierher gewesen, als er mich plötzlich mitten im Gespräch, für mich so völlig aus dem Zusammenhang gerissen, genau diese Fragen stellte.

Ok, ich wusste jetzt, wie schnell das Licht war. Es waren dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde, jedenfalls so ungefähr. Damit konnte ich die Frage zwar beantworten, ohne noch lange darüber nachzudenken, nur vorstellen konnte ich mir diese Geschwindigkeit nicht. Selbst wenn ich versuchte mir vorzustellen, dass wir auf dem Weg hierher mit dem Auto genau hundert Kilometer in der Stunde zurückgelegt hatten, half es mir nicht ein bisschen, wenn es um diese Lichtgeschwindigkeit ging. Doch dann tröstete ich mich damit, dass ich ja erst neun war und dachte, dass ich doch auch ein Recht darauf hatte, zu sagen, wann es mich nervte. Wozu sollte dies auch für mich wichtig sein. Aber zugegeben, interessant war es schon. Der Gedanke daran, dass das Licht von der Sonne bis zu mir genau acht Minuten brauchte, weil es von dort aus hundertfünfzig Millionen Kilometer zurücklegen musste, war wirklich stark. Das mit den acht Minuten bekam ich zwar wiederum ganz gut hin, ja das konnte ich mir schon vorstellen, nur geholfen hatte es mir letztlich auch nichts.

Aber mein eigentliches Pech in diesem Augenblick war, dass die Studenten Wochenende hatten. Das Institut war geschlossen, obwohl ich hinter der Scheibe, immer wieder Leute vorbeigehen sah.

Die Rückfahrt verlief dann nicht besonders ereignisreich und so versuchte ich die Zeit zunächst mit Kartenspielen zu verkürzen, bis mich schließlich die Müdigkeit übermannte und ich dieser nur zu gern nachgab. Ich verfiel in eine Art Halbschlaf und von einer Sekunde zur anderen war ich in meinen Träumereien der große Forscher, der bereits alles wusste, entschied mich dann aber doch einfach Erfinder zu werden und schlief darüber endgültig ein.

Die nächsten Wochen verliefen im Grunde wie immer und ich war durchaus froh darüber, dass ich nicht nochmal von so einem Albtraum verfolgt wurde. Wenn ich ehrlich sein soll, dann fand ich das Spielen mit meinen Freunden, bei denen die Laserschwerter ihren festen Platz hatten, auch viel aufregender.

****

Ich hatte meinen Traum schon fast vergessen oder besser verdrängt, da geschah etwas völlig Unerwartetes. Ich erinnere mich noch ganz genau, so als wäre es gerade eben erst passiert. Wir saßen zum Abendessen und mein Bruder Ferris stochert wie so oft nach einer Weile lustlos in seinem Essen rum. Ich denke, wir hatten wohl beide keinen Hunger mehr und so begann das alte Spiel, das unsere Eltern, wenn wir es auf die Spitze trieben und das passierte recht häufig, immer schrecklich aufregte. Wie so oft fing es damit an, dass für meine kleine Schwester alles, was sich auf meinem oder den Tellern der anderen befand, viel interessanter war, als das, was sich auf ihrem befand. Was unsere Eltern an diesem Abend anbelangte, so wirkten beide schon reichlich angeschlagen. Ihr Arbeitstag hatte wohl schon so viel von ihnen abgefordert, so dass sie, um es mit ihren Worten zu formulieren, etwas geschafft und müde waren. Mit anderen Worten: Ihre Belastungsgrenzen waren erreicht.

Ich schaute zu meinem Vater, wie er so dasaß in seinen dreiviertel, hochgezogenen Hosen, na ja sie gingen eben nur so halb über seinen Po, dann kam die bunte Unterhose, die das verdeckte, was nur ihn etwas anging. Also meine Mode war das zu diesem Zeitpunkt nicht, denn ich war davon überzeugt, dass ich alle meine Freundinnen damit verschrecken würde. Dann kamen seine graue Jacke, sein Vierwochenbart und sein Wuschelkopf. Also kurz gesagt: sein Wochenendoutfit. Versteht mich nicht falsch, ich liebe ihn wirklich sehr, aber ich fand einfach, dass er darin etwas lustig aussah und so musste ich, da ich es nicht ganz unterdrücken konnte, ein wenig kichern. Kurzum wir schafften es auch an diesem Abend, uns gegenseitig mit unserem Blödsinn anzustecken, weshalb letzten Endes alles mal wieder in eine heftige Toberei ausartete, wobei einer von uns sich wehtat und anfing schrecklich zu schreien. Jedenfalls war es schlagartig vorbei mit lustig. Also es war wirklich nicht so, dass ich immer unschuldig war, nur diesmal war es mein Ferris, der laut aufschrie und natürlich bekam ich die Schuld. Ich soll seinen Arm umgedreht haben. Selbstverständlich war ich es nicht, er hatte ihn sich nur ganz blöd während der Toberei verdreht. Wirklich! Nur meine Eltern glaubten mir nicht und so durfte ich zur Strafe auf mein Zimmer und auch das kannte ich schon. Natürlich ging dies nicht ohne Protest von meiner Seite ab, aber wenn eine Entscheidung erstmal getroffen war, konnte ich sie nur ganz selten vom Gegenteil überzeugen. Letztlich gab ich nach, wohl wissend, wann ich verloren hatte, und verzog mich sodann äußerst sauer auf mein Zimmer. Es dauerte dann immer eine Weile bis sich die Wut auf meinen Bruder und meine Eltern wieder gelegt hatte. Später nahm ich mir vor, dass wenn sich alles wieder beruhigt hatte, ich mit meinem Vater darüber reden würde. Noch nie waren meine Eltern wirklich nachtragend und so schaffte ich es auch nicht, ihnen wirklich lange böse zu sein.

Ich wollte nur noch einschlafen und alles vergessen, doch so sehr ich es auch versuchte, es gelang mir einfach nicht. So wälzte ich mich eine Zeit lang auf meinem Bett hin und her, als mein Blick eher zufällig auf die Legosteine der halbfertigen Raumstation, die mir und meinem Bruder gehörte, fiel. Schließlich stand ich wieder auf und begann ein wenig daran rumzubauen. Aber so viel Mühe ich mir auch gab, es wollte mir nichts so richtig gelingen, es spukten einfach zu viele verschiedene Dinge in meinem Kopf herum. Ich konnte mich einfach nicht darauf konzentrieren. Dennoch irgendwann, wenn auch erst ganz