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Adam Baron

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Beschreibung

Veronique und Cym sind einem Geheimnis auf der Spur, das in die Vergangenheit von Großmutter Nanai führt. Eine bewegende Freundschaftsgeschichte von Adam Baron

Veronique weiß: Auf ihren Freund Cym kann sie sich immer verlassen. Als ihre Großmutter Nanai aufhört zu essen und nicht verrät, warum, ist Cym zur Stelle, um zu helfen. Schließlich kennt er sich aus mit dem Herausfinden von Wahrheiten, die einem die Erwachsenen nicht sagen wollen. Ihre Nachforschungen bringen die beiden auf eine Spur, die in Nanais Vergangenheit führt. Auch in der Schule müssen Veronique und Cym zusammenhalten. Dort geschehen gemeine Angriffe auf die Lieblingslehrerin der Schüler: Ihre Schuhe werden mit Wackelpudding gefüllt, ihre Tasche explodiert, ihr Auto wird besprüht – und Veronique zählt zu den Verdächtigen. Cym ist von ihrer Unschuld überzeugt und versucht, den wahren Täter ausfindig zu machen.

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Über das Buch

Veronique und Cym sind einem Geheimnis auf der Spur, das in die Vergangenheit von Großmutter Nanai führt. Eine bewegende Freundschaftsgeschichte von Adam BaronVeronique weiß: Auf ihren Freund Cym kann sie sich immer verlassen. Als ihre Großmutter Nanai aufhört zu essen und nicht verrät, warum, ist Cym zur Stelle, um zu helfen. Schließlich kennt er sich aus mit dem Herausfinden von Wahrheiten, die einem die Erwachsenen nicht sagen wollen. Ihre Nachforschungen bringen die beiden auf eine Spur, die in Nanais Vergangenheit führt. Auch in der Schule müssen Veronique und Cym zusammenhalten. Dort geschehen gemeine Angriffe auf die Lieblingslehrerin der Schüler: Ihre Schuhe werden mit Wackelpudding gefüllt, ihre Tasche explodiert, ihr Auto wird besprüht — und Veronique zählt zu den Verdächtigen. Cym ist von ihrer Unschuld überzeugt und versucht, den wahren Täter ausfindig zu machen.

Auftauchen

von Adam Baron

Aus dem Englischen von Ute Mihr

Carl Hanser Verlag

Für Rachel, Frances, Betty und Marjorie — die Großmütter

1

Ihr werdet es nicht glauben.

Veronique Chang erhielt keine Auszeichnung im Klavierkurs Stufe fünf. Sie bestand ihn sogar nur knapp. Warum euch das überraschen sollte? Na ja. Es geht hier um Veronique — unser Klassengenie. Antworten LIEBEN sie. Sie scheinen von der Decke auf sie herabzuschweben, noch bevor sie sonst jemanden erreichen (Marcus Breen nennt sie deshalb Siri). Kurz vor ihrem Geburtstag vor einem Monat fragte ich sie, was sie sich wünscht.

»Krieg und Frieden.«

Ich sah sie zweifelnd an.

»Kriegst wohl den Hals nicht voll.«

»Was willst du damit sagen?«

»Na ja, beides kannst du nicht haben«, sagte ich. »Und überhaupt, ich bin doch nicht der Premierminister, wie soll ich das bewerkstelligen?«

Veronique musterte mich. »Das ist ein Buch. Von Tolstoi.«

»Ach so«, sagte ich. »Aber es ist bestimmt nicht so gut wie Mr Gum.«

Und als ich später in der Buchhandlung eine Ausgabe von Krieg und Frieden anschaute, war mir klar, dass ich ganz sicher recht hatte.

Was Musik betrifft, ist Veronique einfach UNGLAUBLICH. Nachdem sie Stufe vier absolviert hatte, ließ Mrs Johnson (unsere letzte Rektorin) sie in der Schulversammlung aufstehen. Veronique, verkündete sie, habe die beste Note im ganzen LAND erhalten. Veronique selbst überraschte das nicht.

»Ich hatte Glück«, sagte sie und sah achselzuckend zu mir herab. »Mein Glissando hat nicht funktioniert.«

Ich wollte gerade fragen, was sie damit meine, da ließ Mrs Johnson sie eines ihrer Stücke vorspielen. Wolfgang Amadeus … Gokart (glaube ich). Und WOW! Ich habe nur ein einziges Mal gesehen, dass Finger sich so schnell bewegen: und zwar als Lance an seinem Geburtstag eine Tüte Gummibärchen mitbrachte.

An einer Stelle klatschte Marcus Breen, aber es war nur eine sehr langsame Stelle in dem Stück, und Veronique spielte noch ein bisschen weiter. Als sie dann fertig war, sah ich sie an.

»Wahnsinn«, sagte ich. »Aber auch ziemlich langweilig.«

Lance stimmte mir zu. »Du bist wirklich brillant«, sagte er. »Kannst du dann auch … äh …?«

»Was?«

Er war so voller Bewunderung, dass er es kaum rausbrachte. »Star Wars?«

»Keine Ahnung«, antwortete Veronique. »Von wem ist das?«

Lance musste kurz nachdenken. »Obi-Wan Kenobi.«

»Renaissance oder Barock?«

»Jedi«, antwortete Lance.

Das war vor sechs Monaten. Das Ergebnis von Stufe fünf bekam sie letzte Woche. Ich war gerade bei ihr zu Hause. Ihre Mum kam mit einem Briefumschlag wedelnd in die Küche. Sie hatte ein Lächeln im Gesicht, aber es erstarb. Den Umschlag in einer Hand und die Ergebnisse in der anderen, starrte sie auf den Brief. Erstaunen verwandelte sich in Fassungslosigkeit. Dann seufzte sie und griff zu ihrem Handy.

»Das muss ein Fehler sein«, sagte sie. »Der Name ist Veronique Chang. C. H. A. N. G.«

Aber es war kein Fehler. Die Frau am anderen Ende der Leitung war sich sicher. Veronique hatte keine Auszeichnung bekommen, nicht einmal eine lobende Erwähnung.

»Trotzdem gut gemacht«, sagte ihre Mum (weil sie wirklich nett ist). Aber dann telefonierte sie wieder, diesmal mit Veroniques Klavierlehrer, und ging hinüber ins Wohnzimmer, um mit ihm zu reden. Ich nahm an, Veronique wollte nicht da sein, wenn sie zurückkam, und deshalb gingen wir raus und hinunter zu dem kleinen Holzhäuschen am Ende des Gartens, wo ihre Oma (die sie Nanai nennt) früher wohnte. Es war still darin. Und staubig. Wir blieben eine Weile schweigend stehen und betrachteten all die alten Fotos, die dicht an dicht die Wände bedeckten. Dann schauten wir hinunter auf Nanais Sessel. Er war noch leerer als der Rest des Hauses. In der Sitzfläche war eine Mulde — wie die Hohlräume, die wir einmal in der Pompeji-Ausstellung im British Museum gesehen hatten. Darin lag ein Foto. Alt. Schwarz-weiß, das Glas im Rahmen fehlte. Ich nahm es hoch, und wir betrachteten es beide, bis Veronique etwas tat, was mir Angst machte.

Sie fing an zu weinen.

Ahhhhh! Ich betrachtete sie, hatte aber keine Ahnung, WAS ich tun sollte, bis meine Hand sich ausstreckte und über ihrer Schulter schwebte wie ein X-Wing Starfighter kurz vor der Landung. Sie blieb dort, bis Veroniques Dad hereinkam.

»Mach dir keine Sorgen, Liebes«, sagte er und lehnte einen Spaten an die Wand. »Es ist nur eine Note.«

»Was?«

»Es ist schon in Ordnung, dass du enttäuscht bist. Beim nächsten Mal machst du es einfach besser, oder?«

Veronique antwortete nicht. Stattdessen sah sie ihren Vater an und schüttelte den Kopf, sodass die Tränen nur so aus ihren Augen kullerten. Aber dann tat sie etwas, was ihn in Erstaunen versetzte. Sie hörte auf zu weinen — und lachte! Sie lachte und lachte und hörte gar nicht mehr auf. Ihr Vater war verwirrt. Er wusste nicht, warum sie lachte. Ich dagegen schon. Ich wusste es ganz genau. Natürlich wusste ich es! Sie lachte, weil sie KEINE Auszeichnung bekommen hatte! Zum ersten Mal ÜBERHAUPT! Es war nicht schlimm. Wegen so was weinte sie nicht.

Und ob ihr es glaubt oder nicht — den Klavierkurs Stufe fünf nur knapp zu bestehen gehörte zum Besten, was Veronique Chang in IHREM GANZEN LEBEN passiert ist.

Und in diesem Buch geht es darum, warum das so war.

(Wir sehen uns im nächsten Kapitel.)

ZWEIEINHALB WOCHEN FRÜHER

2

Es begann an einem Mittwoch. Aber nicht an einem stinknormalen Mittwoch. Sondern an einem Mittwoch, an dem jemand etwas tat.

Etwas SCHLIMMES.

Und es war gegen Mrs Martin gerichtet.

Ich werde das wiederholen.

Es war gegen Mrs Martin gerichtet, die, meiner Meinung nach, die beste Lehrerin ist, die es jemals gab — vielleicht abgesehen von Sokrates, von dem uns unsere Lehrerin Miss Phillips letzte Woche erzählte. Sokrates war echt schlau und unterrichtete im antiken Griechenland diesen anderen Typen, Platon. Er war eine Lehrer-Legende, obwohl Miss Phillips uns auch erzählte, dass er Gift trank und starb, was Platons Lernkurve ziemlich beeinträchtigt haben dürfte. Wahrscheinlich hatte Platon auch einen Ersatzlehrer, oder? Aber wenn der auch so eine Horrorgestalt war wie Mr Gorton (den wir haben), musste sich Platon auf etwas gefasst machen.

Es geschah nach dem Sportunterricht. Wir waren draußen auf der Heide, nach der unser Stadtteil Blackheath benannt ist, und machten Leichtathletik (obwohl es b-b-b-bitterkalt war). Das unterrichtete Mrs Martin, denn lange bevor sie eine FANTASTISCHE Lehrerin wurde, war sie als Sportlerin für Botswana gestartet. Sie hatte sogar an den Olympischen Spielen in London teilgenommen. Lance war übrigens auch dort, obwohl er da erst fünf war. Sein Vater nahm ihn mit, aber er war so aufgeregt, dass er in die Hose machte. Als sie von der Toilette zurückkamen, war Usain Bolt schon durchs Ziel gelaufen.

»200 Pfund«, sagt Lance’ Dad fast jedes Mal, wenn ich zu Besuch bin. »Jeder von uns, Cymbeline. Um zu sehen, wie ein Mann mit einer Flagge um die Schultern eine Runde joggt.«

Ich lache dann immer, aber eigentlich muss ich ganz still sein, denn als mein Onkel Bill mich einmal zum Rummel mitnahm, machte ich im Riesenrad in die Hose. Es tropfte auf den Mann unter uns, der heraufschrie, dass er Onkel Bill die Lichter ausblasen würde. Nachdem wir ausgestiegen waren, mussten wir die Beine in die Hand nehmen (bestimmt so schnell wie Usain Bolt).

Jedenfalls war unsere Klasse auf der Heide, und wir liefen um die Wette, damit Mrs Martin auswählen konnte, wer ins Leichtathletik-Team aufgenommen werden würde. Ich wurde Dritter nach Billy Lee und Daisy Blake, obwohl sie so groß ist, dass ich es eigentlich nicht fair finde. Ihre Beine sind ungefähr fünfmal so lang wie meine. Danach gingen wir zurück zur Schule und folgten Mrs Martin zu unserem Klassenzimmer.

Wir näherten uns gerade der Treppe, und Marcus Breen machte diese unglaublich realistischen Geräusche mit seinen Achseln (ihr wisst, was ich meine). Aber Mrs Martin schimpfte ihn nicht, sondern versuchte, noch bessere zu erzeugen. SO cool ist sie. Sie versuchte es immer noch, als wir die Treppe erreichten, wo sie ihre Straßenschuhe neben einem der Eimer abgestellt hatte, in denen wir das Regenwasser auffangen. Unsere Schule ist sehr alt, und diese Eimer stehen überall herum. In jeder Klasse gibt es einen Tropfwächter, der, sobald es anfängt zu regnen, hinausstürmt und dafür sorgt, dass die Eimer an der richtigen Stelle stehen. Früher leckte das Dach nur an ein oder zwei Stellen, aber inzwischen ist es schlimmer geworden, und es stehen ungefähr zehn Eimer herum.

Mrs Martins Schuhe waren oben offen, ohne Riemen. Wir alle blieben stehen, während sie mit einem kleinen Hüpfer ihre Sportschuhe abstreifte. Dann sahen wir zu, wie sie ihren großen Zeh ausstreckte, um ihren rechten Schuh zu sich heranzuziehen. Und da passierte es. Es war etwas, worauf ich euch vorbereiten muss, damit ihr nicht ohnmächtig werdet oder schreit oder einfach TOT umfallt, wenn ihr erfahrt, was jemand getan hatte.

Also dann mal los …

Macht euch auf was gefasst …

Ich sag es gleich.

Nein, jetzt wirklich …

Tatsächlich glaube ich nicht, dass ich es sagen kann.

Okay, dann mal los, wirklich …

Jemand hatte ihre Schuhe mit Wackelpudding gefüllt …

… MIT

BLAUEM

WACKELPUDDING.

3

Das klingt eigentlich nicht allzu schlimm, oder?

Wackelpudding in den Schuhen? Auch wenn es BLAUER Wackelpudding war?

Fast schon lustig.

Das Problem war, dass es hier um Mrs Martin ging, die absolut großartigste Lehrerin der GANZEN Welt. Und sie schien es überhaupt nicht lustig zu finden — ebenso wenig wie meine Mitschüler.

Vi Delap schnappte nach Luft. Elizabeth Fishers Mund stand vor Erstaunen offen, allerdings wahrscheinlich deshalb, weil sie noch NIE in ihrem ganzen Leben IRGENDETWAS Schlechtes getan hat. Andere waren auch geschockt — angesichts der Tatsache, WER das Opfer war. Es ist nämlich so: Nicht nur ich finde Mrs Martin TOLL. An unserem ersten Tag in der dritten Klasse sollten wir uns in einer Reihe aufstellen. Wir waren nervös und hatten keine Ahnung, was sie wollte. Vi stand ganz vorn, total verschüchtert und ängstlich, bis Mrs Martin sie angrinste.

»Was ist dein liebstes Hobby?«, fragte sie mit sanfter Stimme.

»Fußball«, sagte Vi, denn sie ist wirklich gut (und nein, nicht nur für ein Mädchen — Frauenfeind!).

Und ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken, sang Mrs Martin:

Wenn du im Tor stehst und der Ball fliegt herbei, wer hat ihn wohl gekickt? Wahrscheinlich Vi!

Dann klatschte sie Vi zweimal ab, gefolgt von einem Grätschsprung und einem zweiten Grätschsprung. Vi lief knallrot an und strahlte. Danach war Lance an der Reihe. Er sagte Radfahren, klar (das ist sein Ding), und im Nullkommanichts sang Mrs Martin:

Vor mir ist mein Freund Lance, er gewinnt die Tour de France — legal.

Sie klatschte Lance ab: zuerst in der Hocke, mit nach oben gedrehten Handflächen, dann noch einmal ganz normal im Stehen. Danach taten sie beide so, als würden sie ganz schnell Rad fahren. Lance grinste wie ein Zweijähriger bei der Bescherung an Weihnachten.

Als Marcus Breen an der Reihe war, sagte er, sein Hobby sei schlafen, denn er ist eben Marcus Breen. Wir stöhnten auf, aber Mrs Martin lachte.

Bereitet das Schlafen dir Kummer, frag Marcus Breen, der kennt sich aus mit dem Schlummer.

Sie klatschte Marcus zweimal über Kreuz ab und tat dann so, als würde sie schlafen. Und das machte sie bei jedem. JEDER einzelne in unserer Klasse bekam sein eigenes Erkennungslied und seine eigene Begrüßung, auch wenn es bei einigen schwieriger war als bei anderen.

»Cymbeline Iglu«, sagte ich.

Mrs Martin fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Puhh.«

»Ich mag Fußball, aber ich mag auch Kunst.«

»DOPPELTES Puhh. Aber dann mal los.« Und sie sang:

Wenn du ’nen Elfmeter brauchst, verzweifle nich’ — Cymbeline Iglu zeichnet die Schwalbe für dich.

Ich bekam einen doppelten Fauststoß, gefolgt von einem doppelten Grätschsprung wie Vi, während Mrs Martin und ich Bilder in die Luft zeichneten. Und ich spürte, wie sich die Wärme in der Mitte meiner Brust immer mehr ausbreitete, als wäre dort ein Heizkörper, bis sie sogar meine Ohren erreichte. Ich hatte das Gefühl, etwas Besonderes zu sein; wir alle hatten das Gefühl, etwas Besonderes zu sein — und jeder einzelne Schulvormittag begann so! Diese sonnige Wärme kam von Mrs Martin, und sie blieb den ganzen Tag. Sie begrüßte jeden von uns mit seinem eigenen Ritual, und NIEMALS machte sie auch nur den kleinsten Fehler. Es war fantastisch, und ich sage euch eines: Nirgendwo im ganzen Internet steht, dass Sokrates so etwas tat.

Und der hatte nur Platon.

Dass überhaupt jemand Mrs Martin einen Streich spielte, war für einige von uns wahrscheinlich schon zu viel. Alle erstarrten, als Mrs Martin nach Luft schnappte und hinuntersah. Wir taten es ihr nach. Der Wackelpudding (der BLAUE Wackelpudding) quoll zwischen ihren Zehen hervor wie etwas, was man vielleicht in Doctor Who sieht, auch wenn ich das eigentlich gar nicht wissen kann, weil meine Mum behauptet, ich sei für diese Serie zu jung (obwohl Lance sie schauen darf, und er ist DREI TAGE jünger als ich).

Mrs Martin wirkte zuerst verwirrt, weil sie nicht richtig verstand, was sie sah. Dann veränderte sich ihr Ausdruck. Ich erwartete, dass sie wütend würde. Miss Phillips hätte das Gesicht verzogen und die Hände in die Hüften gestemmt. Mr Gorton wäre explodiert wie der Vesuv. Aber was Mrs Martin tat, war irgendwie schlimmer.

Diese brillante Lehrerin, die wir alle lieben, runzelte nicht die Stirn. Und sie schrie auch nicht. Oder wurde wütend. Stattdessen wurde sie ganz ruhig und sagte »Oh …«, so wie ihr es vielleicht sagen würdet, wenn jemand, den ihr WIRKLICH mögt, euch mitteilt, dass ihr nicht zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen seid, obwohl ihr schon das Geschenk gekauft habt.

Und in diesem Augenblick tat ich etwas, was ich immer noch nicht glauben kann. Mrs Martin trat ein wenig zurück. Sie sah uns an mit einem Ich-kann-es-nicht-fassen-Blick in ihrem offenen, vom Leben gezeichneten Gesicht. Alle sahen weg, weil sie ihr nicht in die Augen schauen konnten — nur ich nicht. Als unsere Blicke sich trafen, war ich plötzlich nervös und konnte mich kaum bewegen, weil mir auf einmal bewusst wurde, wie merkwürdig die ganze Situation war. Jemand hatte Wackelpudding in ihre Schuhe gefüllt? WIE BITTE? Das erschien mir auf einmal so bizarr, dass sich der Heizkörper in mir in merkwürdige Schaumbläschen verwandelte.

Und ich fing an zu kichern.

Ich weiß nicht, warum — ehrlich! Es kam einfach. Ein blödes, kindisches, LÄCHERLICHES Kichern, das schrecklich laut war. Mrs Martin stutzte. Und ich auch. Mrs Martin wirkte noch bestürzter — und überrascht —, und ich sah, wie es in ihrem Gehirn ratterte und sich langsam die vollkommen FALSCHE Schlussfolgerung formte.

»Nein«, sagte ich, so schnell ich überhaupt konnte. »Das heißt nicht …«

Aber bevor ich weitersprechen konnte, wurde ich unterbrochen. Von Mr Baker (unserem neuen Rektor). Er führte ein paar Männer durch die Schule, wandte sich aber an Mrs Martin und sah dabei so neugierig aus, dass sie von mir abgelenkt war. Sie drehte sich um, bückte sich und nahm ihren rechten Schuh und auch den linken, der ebenfalls voller Wackelpudding war. Dann drängte sie sich zwischen uns hindurch, warf mir einen kurzen Blick zu, sodass mein Gesicht brannte, und ging eilig in Richtung Lehrerzimmer davon. In der einen Hand baumelten ihre Schuhe, die andere hielt sie sich vors Gesicht.

Auf halbem Weg fing sie an zu rennen.

4

Wir verhielten uns an diesem Nachmittag sehr ruhig. Machten einfach mit unserer Arbeit weiter. Oder versuchten es wenigstens. Mir gelang es nicht: Das Wort IDIOT hüpfte in meinem Kopf herum. In der letzten Pause machte ich nicht einmal mit, als Billy Lee seinen Fußball auspackte, und gab keine Expertenmeinung dazu ab, wie viele Tore Jacky Chapman am Samstag für Charlton schießen würde. Ich sah mich einfach auf dem Pausenhof um, wo sich einige aus unserer Klasse wie immer verhielten, während andere darüber sprachen, was geschehen war.

Lance und Vi Delap fanden es einfach blöd, so etwas zu tun, während Marcus Breen sich darüber wunderte, warum jemand total guten Wackelpudding verschwendet hatte. Aber Daisy Blake hättet ihr sehen sollen! Sie LIEBT Mrs Martin. Als Daisys Großvater letztes Jahr starb, war Mrs Martin einfach unglaublich. Sie sagte zu ihr, dass sie ruhig weinen solle, wenn ihr nach Weinen zumute sei, oder eben nicht, wenn sie es nicht wolle. Und sie veränderte Daisys morgendliche Begrüßung und fügte am Schluss eine ganz lange Umarmung hinzu. Und am Ende des Schultags hielt sie Daisys Hand, bis ihre Mum oder ihr Dad kam. Daisy war also total WÜTEND.

»Ach, komm!«, sagte ich, als ich merkte, dass sie mich zornig ansah. »Ich würde doch niemals! Auf keinen Fall!«

Daisy musterte mich und stemmte dann die Hände in die Hüften, während sie sich drehte und den Blick über den Pausenhof schweifen ließ.

»Wer war es dann?«, sagte sie. »Wer hat es getan, Cymbeline?«

Sie war nicht die Einzige, die das wissen wollte.

Mr Baker hielt vor Schulschluss eine SONDERVERSAMMLUNG ab. Nachdem wir alle in die Aula geströmt waren, sah er von der Bühne aus auf uns herab. Er ließ sich über Respekt und Benehmen aus und bat den Übeltäter vorzutreten. Elizabeth Fisher warf mir einen Blick zu, der mich wieder knallrot anlaufen ließ, obwohl ich mich wirklich dagegen wehrte. Hatte Mrs Martin es bemerkt? Ich hielt den Kopf gesenkt und hoffte, dass sie nicht zu mir hersah.

»Nun«, sagte Mr Baker, als niemand gestand. »Man sagte mir, in dieser Schule gebe es lauter freundliche, rücksichtsvolle — und ehrliche — Schüler. Aber offenbar ist dem nicht so.«

Wir bekamen alle einen Umschlag, den wir zu Hause unseren Eltern geben sollten. Dann gingen wir der Reihe nach hinaus. Wieder brannten mein Hals und mein Gesicht, als ich an Mrs Martin vorbeigehen musste. Sie stand neben der Sprossenwand, und ich konnte endlich irgendwie verstehen, wie Daisy sich fühlte. Mrs Martin versuchte, fröhlich auszusehen, als wäre das alles nur ein dummer Scherz.

Aber es wollte ihr nicht recht gelingen.

Ich hielt den Kopf gesenkt und folgte Vi auf den Pausenhof, wo Daisy an einer neuen Zuckerstange lutschte (die sie bestimmt in ihre Schultasche geschmuggelt hatte, denn erlaubt hätten ihre Eltern das NIEMALS). Sie warf den vorbeigehenden Kindern zornige Blicke zu.

»Was guckst du so?«, fragte Billy Lee, als er an der Reihe war.

»Sag du es mir«, sagte Daisy und zeigte mit der Zuckerstange auf ihn. Ich dachte, sie würden tatsächlich Streit anfangen, aber seine Mum war schon da, um ihn abzuholen, sodass er einfach wegging.

Ich wurde nicht abgeholt — zumindest noch nicht. Mittwochs gehe ich nach der Schule in den Computer-Club, weil Mum arbeitet. Ich würde ja lieber Fußball spielen, aber das kostet mehr, und Mum sagt sowieso, dass ich die Zeit nutzen und Hausaufgaben machen soll.

»Besonders Rechtschreibung«, sagt sie.

Ich würde gerne widersprechen, aber das geht eigentlich nicht. Rechtschreibung! Es gibt einfach so viele Buchstaben! Und wie sie dann zusammengehören, die »eu« und »äu« tauschen die Plätze wie Erstklässler, die Mrs Mason ärgern wollen. Außerdem haben wir gerade mit dem Unterschied zwischen »ss« und »ß« angefangen, den ich zuerst nicht verstanden habe.

»Du schreibst ›ss‹ oder ›ß‹, je nachdem, ob ein kurzer oder langer Vokal vorausgeht«, sagte Miss Phillips. »Zum Beispiel: dein Fuuuuußball.« Ich nickte, kapierte es aber immer noch nicht. Jeder weiß, dass es Billys Fußball ist. Und man kann unmöglich wissen, wo »ß« und wo »ss« stehen muss. Da könnte man genauso »Steck dem Esel den Schwanz an« spielen. Ich kann es kaum erwarten, bis ich an einem Computer schreiben darf, weil einem da die roten Wellenlinien helfen. Und ich frage mich: Warum hat noch niemand einen Bleistift erfunden, der so was automatisch macht?

»Hallo, Cym«, sagte Mum später am Tag und streckte den Kopf durch die Tür des Computerraums. »Fertig?«

Ich bejahte, und während sie mich abmeldete, zog ich meine Jacke an. Dann folgte ich ihr auf den Pausenhof und durch das Tor hinaus auf die Straße. Dort standen ein paar Männer mit Klemmbrettern, betrachteten die Schule und machten sich Notizen. Einer mit Helm auf dem Kopf stand sogar auf dem Dach. Polizei …? Mr Baker nahm diesen Wackelpudding-Vorfall wirklich ernst. Ich griff nach Mums Hand und zog sie die Treppe hinauf Richtung Blackheath.

Wenn ich in der Schule etwas getan habe, was ich vielleicht nicht hätte tun sollen, würde ich es normalerweise NICHT meiner Mum erzählen wollen. Aber diesmal wollte ich es ihr unbedingt erzählen, denn Mum kennt Mrs Martin. Sie sind beide im Förderverein, der Geld für die Grundschule St Saviour’s sammelt. Sie bringen zum Beispiel alle dazu, Kuchen zu backen, die sie beim Schulfest dann wieder an sich selbst verkaufen, oder sie bitten die Eltern, den Billigwein zu spenden, den sie beim letzten Schulfest gewonnen, aber nicht getrunken haben. Dasselbe gilt für Spielzeug. In der zweiten Klasse spendete Lance’ Mum, ohne ihm etwas zu sagen, seinen alten Captain Buzz Lightyear für den Weihnachtsmarkt. Darren Cross gewann die Figur in der Tombola. Niemand wusste davon, bis Darrens Mum, ohne ihm etwas zu sagen, Buzz wieder für den Ostermarkt spendete. Und wer zog ihn aus dem Glückstopf? Lance!

»Buzz!«, rief er. »Ich dachte, du wärst nach Gamma Quadrant, Sektor 4 zurückgeflogen!«

Als seine Mum die Figur später zu Hause sah, sagte sie: »Ich glaub, ich spinne!«

Der Grund, warum ich es Mum erzählen wollte, war einfach: Ich musste erklären, warum ich gekichert hatte. Ich wollte, dass sie Mrs Martin sagte, dass es wirklich nur ein Kichern war und dass ICH KEINEN WACKELPUDDING IN IHRE SCHUHE GEFÜLLT HATTE. Die Vorstellung, sie könnte denken, dass ich es getan hatte, war schrecklich — nicht zuletzt, weil sie es Mr Baker erzählen müsste, oder? Ich begann also, Mum die ganze Geschichte zu erzählen, aber sie hörte nicht zu. Zuerst musste sie ihren Autoschlüssel suchen, was immer ewig dauert, weil ihre Tasche wie eine TARDIS ist (diese Raum-Zeit-Maschine aus Doctor Who, also, wahrscheinlich — am besten fragt ihr Lance). Als wir dann endlich im Auto saßen, sagte sie Sachen wie »Ach, du meine Güte« oder »Wie schade«, bevor sie mit etwas absolut ABWEGIGEM rausrückte.

»Cym«, sagte sie und legte die Hand auf meinen Arm. »Du willst doch, dass ich glücklich bin, oder?«

Das war wirklich eine merkwürdige Frage und nicht nur, weil sie REIN GAR NICHTS mit Mrs Martin (oder Wackelpudding) zu tun hatte. Vor Weihnachten war sie überhaupt gar nicht glücklich gewesen, und das war schrecklich gewesen. Hätte sie mich damals gefragt, ob ich will, dass sie glücklich ist, hätte ich natürlich Ja gesagt. Aber jetzt schien sie mir glücklich genug. Und warum auch nicht? Charlton strebte Platz drei an! Und mein letztes Zeugnis war, ich zitiere, »nicht ganz so schlecht wie das davor«.

Außerdem hatte sie einen neuen Job bekommen und unterrichtete Kunst, was bedeutete, dass wir uns jetzt ein Auto leisten konnten, und sie ging neuerdings freitagabends mit ihrem neuen Freund Stefan ins Kino.

»Du meinst, noch glücklicher?«, fragte ich.

»Vielleicht.«

»Wie in dem Film Meine Lieder — meine Träume?«

»Warum nicht?«

»Dann hoffen wir mal, dass Charlton Wigan schlägt. Aber vor meinen Freunden wird nicht gesungen. Warum fragst du?«

Mum wurde rot. »Heute ist etwas passiert.«

»Was?«

»Einfach … etwas, worüber ich nachdenken muss.«

»Aber es ist etwas Gutes?«

»Ich hoffe. Aber ich muss zuerst darüber nachdenken. Am besten vergisst du einfach, dass ich überhaupt etwas gesagt habe, okay?«

Mum steckte den Schlüssel ins Zündschloss, und ich zuckte die Achseln. Ich vergaß es nur zu gerne, denn ich wollte zum Thema Mrs Martin zurückkehren. Jetzt in dieser Minute könnte sich meine Lieblingslehrerin fragen, was sie getan hatte, um mich gegen sich aufzubringen. Aber als ich weitererzählen wollte, wurde Mum wieder abgelenkt. Ich kam gerade zu dem Teil, als wir von der Heide zurückgekommen waren, da klingelte Mums Handy.

»Hallo?«, sagte sie und klang ein bisschen überrascht davon, wer sie anrief. Ich versuchte einfach weiterzureden, aber Mum hob die Hand. Ihr Gesicht wurde ernst, und sie sagte »Natürlich« und »Sofort«, bevor sie auflegte. Sie ließ das Auto an, wendete und eine halbe Minute später schossen wir über den kleinen Kreisverkehr. Ich fragte sie, was los sei.

»War es Mrs Martin?«, fragte ich, und meine Stimme zitterte ein bisschen. »Will sie dich sehen?«

Die Antwort war Nein, denn Mrs Martin lebt in Westcombe Park, und wir hielten drei Minuten später vor einem Haus auf der anderen Seite von Blackheath Village.

Veroniques Haus.

Und in der Garageneinfahrt stand ein Krankenwagen.

5

Als ich Veroniques Oma kennenlernte, schlief sie in ihrem Sessel. Veronique führte mich hinunter zu ihrem kleinen Holzhäuschen. Wir hatten ihr Tee gebracht, aber statt ihr beim Trinken zuzuschauen, betrachtete ich all die Fotos an der Wand, die sie zusammen mit Veronique zeigten, als Veronique klein war, oder auch ältere, als sie selbst ein Kind war und mit ihrer Mum, ihrem Dad und ihrer Schwester vor ein paar Booten stand.

Ich hätte sie gerne über diese Zeit ausgefragt und überhaupt gerne mit ihr geredet, weil ich selbst keine Großeltern habe und alle sagen, dass Großeltern lustig sind. Angeblich schenken sie einem Süßigkeiten und Ein-Pfund-Münzen UND schlafen beim Fernsehen ein (was bedeutet, dass man nicht aufhören muss). Veroniques Oma machte nichts von alldem, als ich sie damals zum ersten Mal sah, denn sie wachte nicht einmal auf, was mich zu der Frage veranlasste, wozu sie dann überhaupt da war.

Aber beim nächsten Mal war es anders.

»Aha«, sagte sie und sah mich mit zusammengekniffenen Augen durch DICKE Brillengläser hindurch an. »Du bist also der berühmte Cymbeline. Darf ich fragen, was das für ein Name ist?«

»Nanai!«, sagte Veronique.

»Kein Problem. Das ist Shakespeare, Veroniques Oma.«

»Das weiß ich doch! Ich bin nicht komplett gaga, weißt du. Und sag Nanai zu mir. Aber Shakespeare verwendete auch normale Namen, oder? Duncan, Richard, Henry …«

»Aber ich könnte auch Hamlet heißen«, sagte ich. »Oder Romeo.«

»Gut, einigen wir uns darauf, dass es auch schlimmer hätte kommen können.«

Nanai kreuzte die Beine auf dem kleinen Fußschemel, der vor ihrem Sessel stand. »Und was hast du über dich selbst zu sagen, junger Mann?«

Das war eine überraschende Frage, und ich wusste zuerst nicht, wie ich sie beantworten sollte. Aber dann redete ich darüber, dass wir samstags immer auf der Heide Fußball spielen, und dann über Charlton und meine Hoffnung, der Club würde in der Premier League sein, wenn ich für ihn spielte.

»Dann willst du mal Fußballer werden?«

»Ja, klar! Jacky Chapman hat sogar einen eigenen Hubschrauber! Er besitzt einen Pilotenschein und fliegt selbst herum.«

»Jacky …?«

»Chapman. Der Mannschaftskapitän. Ich mache meine Personen-Präsentation über ihn.«

»Deine …?«

»Man muss etwas über eine besondere Person herausfinden«, unterbrach Veronique. (Ich finde, sie macht das ganz schön oft.) »Und dann eine Präsentation darüber halten. Ich stelle einen Wissenschaftler vor.«

»Einstein?«

»Nein. Niels Bohr.«

»Im Leben von Niels Bohr bohren — wie langweilig«, sagte ich. »Jacky Chapman wird mich zu einem Spiel fliegen und dann wieder heimbringen.«

»Wirklich?«

»Na ja, ich habe ihm geschrieben und gefragt, ob er mit seinem Hubschrauber zur Schule fliegen und mich abholen würde. Habe aber bislang noch keine Antwort bekommen.«

»Du scheinst Fußball wirklich zu mögen, Cymbeline.«

»Klar. Hast du mal gespielt?«

Nanai verneinte, und als ich ihr erzählte, dass Daisy und Vi und Vis Schwester Frieda richtig gut sind, drückte sie sich aus ihrem Sessel hoch. Ich holte den Ball, den ich Veronique zu Weihnachten geschenkt hatte (und der verdächtig sauber aussah), und dann spielten wir in ihrem Garten. Nanai hüpfte wie verrückt herum. Defensiv war sie sehr stark (wobei ihr Gehstock half). Auch als angreifende Mittelfeldspielerin schlug sie sich beeindruckend. An Jacky Chapman wäre sie vielleicht nicht vorbeigekommen, aber Veronique tunnelte sie mühelos und schoss ein Tor zwischen zwei Blumenkübeln hindurch. Dann war sie müde, deshalb ließ ich nur zwei Minuten wegen Spielverzögerung nachspielen. Wir halfen ihr in ihren Sessel zurück, und sie strahlte uns beide an. Besonders Veronique.

Veronique setzte sich auf die Kante des Sessels. Nanai nahm ihre Hand und machte dann etwas Merkwürdiges: Sie drückte Veroniques Zeigefinger in ein Dreieck und knabberte ein bisschen daran! Veronique verdrehte die Augen.

»Sie sagt, sie macht das, weil ich so köstlich bin«, erklärte sie. »Als ich ein Baby war, wollte sie mich aufessen.«

Nanai kicherte, und Veronique verdrehte wieder die Augen (obwohl ich wusste, dass es ihr insgeheim gefiel). Und dann erzählte Veronique Nanai das Neueste über ihren Französisch- und Chinesisch-Unterricht, die Fecht-Wettkämpfe, die Geigen-, Klarinetten-, Ukulelen- und Klavierstunden und dass sie neulich angefangen habe, Tolstoi zu lesen.

»In deinem Alter! Magst du Tolstoi, Cymbeline?«

»Ich mag den Film Toy Story. Lance hat einen Buzz Lightyear.«

»Ist das dein Bruder, dieser Lance?«

»Ein Freund. Ich habe keinen Bruder und auch keine Schwester«, fügte ich hinzu, was offenbar ein Fehler war, denn Nanai sah mich ein bisschen verängstigt an, bevor sie sich den Fotos auf dem Tischchen neben ihrem Sessel zuwandte. Eines zeigte ein großes Schiff, auf einem anderen waren Menschen zu sehen, die aussahen, als wären sie ihre Eltern. Aber sie griff nach dem dritten, das nur sie selbst als junge Frau mit einer anderen jungen Frau zeigte, die genauso aussah wie sie.

Nanai drückte das Bild fest an sich, murmelte etwas vor sich hin und schlief ein.

Veronique griff nach Nanais Decke und zog sie ihr über die Knie. »Sie hält es die ganze Nacht lang fest«, sagte sie und deutete auf das Foto.

»Was? Warum?«

»Es ist ein Foto von ihr und Thu«, sagte Veronique

»Thu?«

»Ihre Zwillingsschwester. Ich hatte doch erzählt, dass Nanai ein Flüchtling war?«

Ich erinnerte mich. Das ist einer der Gründe, warum Veronique und ihre Familie SO interessant sind. Nanai gehörte zu den sogenannten vietnamesischen Boat People — Flüchtlinge wie die Menschen, die heute vor schlimmen Dingen fliehen. Sie gehörten dem Volk der Hoa an, das sind Chinesen, die in Vietnam leben. Damals mussten sie aus Vietnam fliehen, weil die Regierung ihre Häuser niederbrannte.

»Aber ihr Boot sank«, erzählte Veronique. »Oder so ähnlich. Ich bin nicht ganz sicher. Nanai wurde gerettet. Ihre Schwester nicht.«

Oh NEIN.

Ich sah auf Nanai hinab, bei diesem zweiten Besuch, und kam mir so BLÖD vor. Da redete ich davon, dass ich keine Schwester hatte! Ich konnte nicht fassen, dass ich das getan hatte.

»Nicht deine Schuld«, sagte Veronique, die ahnte, was ich dachte. »Los, komm.«

Sie zog mich in den Garten hinaus.

»Ich hätte dir von Thu erzählen sollen«, sagte sie. »Ihretwegen dürfen wir Nanai nichts über ihre Flucht fragen. Sie spricht einfach nicht darüber.«

»Verdammt. Und sie waren Zwillinge? Eineiige?«

»Nein. Aber Nanai war die Wilde, sagt sie.«

»Das merkt man am Fußball.«

»Thu dagegen war ruhig und künstlerisch begabt. Musikalisch. Und sehr hübsch. Nanai sagt, daher hätte ich …«

»Was?«

Veronique wurde rot. »Egal. Jedenfalls wünschte ich, ich hätte eine Schwester. Du nicht?«

Ich blinzelte Veronique zu, weil ich nicht wusste, wie ich antworten sollte. Aus irgendeinem Grund fielen mir die beiden kleinen Töchter von Stefan ein, die er am Wochenende manchmal mitbringt. Sie sind okay, und die Kleine ist wirklich süß, um ehrlich zu sein. Sie klettert auf meinen Schoß, wuschelt mir durch die Haare und nennt mich Thimbeline. Und sie malt wirklich saukomische Bilder von mir.

Aber ich zuckte nur die Achseln.

Ich bekam einfach nicht das Bild aus meinem Kopf, wie Nanai das Foto umklammerte, als wäre es ein Schwimmkissen. Etwas, was ihr Sicherheit gab.

Es vermittelte mir das Gefühl, ihr nahe zu sein, und einen Augenblick lang wusste ich nicht, warum. Aber dann fiel es mir ein. Wisst ihr, ich habe auch jemanden verloren. Es geschah aber, als ich sehr klein war, deshalb erinnere ich mich nicht richtig. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es für Nanai wohl gewesen ist, ihre Zwillingsschwester auf diese Weise zu verlieren.

Ich fröstelte, aber dann rief Veroniques Dad uns zum Abendessen hinein. Ich musste die ganze Zeit an das Foto in Nanais Hand denken und wie zerbrechlich und müde sie ausgesehen hatte, als sie es umklammerte.

6

Als Mum also nach der Schule zu Veronique fuhr und ich den Krankenwagen in der Einfahrt stehen sah, hatte ich wirklich Angst — um Nanai.

Und tatsächlich: Als Mum und ich in der Küche standen, erzählte uns Veroniques Dad, dass Nanai »ein kleines Problem mit ihrer Atmung« habe.

Ich schluckte. »Was für ein Problem?«

»Sie wissen es noch nicht genau, Cymbeline«, sagte er und bemühte sich zu sehr, fröhlich zu klingen. »Sie bringen sie ins Krankenhaus. Eine reine Vorsichtsmaßnahme«, fügte er hinzu und legte die Hand auf Veroniques Schulter. »Die Sanis schauen sie nur kurz an, bevor sie mit ihr losfahren.«

»Kann ich runter und sie sehen?«

Blöderweise erlaubte es Veroniques Dad nicht. Da er sie ins Krankenhaus begleiten würde und Veroniques Mutter immer bei Konzerten auftreten musste, kam Veronique mit zu uns.

»Zum Übernachten?«

»Ja«, sagte Mum. »Und sie ist uns sehr willkommen, nicht wahr, Cymbeline?«

Willkommen? Übernachten — AN EINEM MITTWOCH? Und dann auch noch Veronique, die ich früher so sehr mochte, dass ich nicht mal mit ihr sprechen konnte?

»Denke schon«, sagte ich.

»Kann ich Kit-Kat mitbringen?«

»BITTE!«, rief ich, obwohl ich wusste, dass ich nicht zu begeistert klingen sollte, weil Nanai krank war. Aber ich konnte nicht anders.

»Na klar«, sagte Mum, »obwohl wir zu Hause bestimmt noch irgendwo ein paar Mars-Riegel haben, deshalb …«

Mum konnte ihren Satz nicht beenden, denn Veronique rannte schon die Treppe hinauf, während wir mit der Tasche, die ihr Dad für sie gepackt hatte, hinaus zum Auto gingen.

Mum stieg ein, während ich auf den Rücksitz kletterte. Mum und Mr Chang unterhielten sich leise durch das Fenster hindurch, bis Veronique herauskam. Sie trug eine große Plastikbox, die mit einem Tuch verhüllt war, und stellte sie auf den Sitz zwischen uns. Mum startete schon den Wagen, sodass sie sie erst sah, als wir bei uns zu Hause angekommen waren. Wir parkten auf der anderen Straßenseite, und Veronique hob die Box heraus.

»Oh …«, sagte Mum. »Kit-Kat, wie dumm von mir. Ich dachte, du meinst … Aber was ist da drin?«

»Er ist eine —«

»HAMSTER!«, rief ich, als wir gerade die Straße überqueren wollten.

»Wie süß«, sagte Mum und suchte dann fünf Minuten lang in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel.

Was ich gerade getan habe, ist FIES, und ich möchte auf keinen Fall, dass ihr denkt, ich würde meine Mum sehr oft anschwindeln. Eigentlich wollte ich sie nur schützen, denn Mum hat vor ALLEM Angst. Beim Anblick von Zitterspinnen schreit sie wie der Junge in Kevin — Allein zu Haus. Wenn eine Wespe durch das Küchenfenster hereinfliegt, muss ich mich zusammen mit ihr unterm Tisch verstecken, bis sie weg ist. Letzten Samstag lud sie Onkel Bill zum Essen ein, und ich könnte schwören, der einzige Grund dafür war, dass sie am Abend zuvor im Bad eine Spinne an der Decke entdeckt hatte. Als er kam, drückte sie ihm den Besen in die Hand und schob ihn die Treppe hinauf.

»Und beeil dich!«, rief sie ihm hinterher. »Ich muss wirklich dringend pinkeln!«

Ja, ich habe sie angeschwindelt, aber über Kit-Kats wahre Identität zu schwindeln war nicht so schlimm, wie ihr vielleicht denkt. Denn er ist nicht, wie ich Mum gesagt hatte, ein Hamster.

Er ist eine RATTE.

Und er ist einfach super.

Kit-Kat kann einem die Hand geben. Er kann Gegenstände apportieren. Er liebt das Klavier und klettert auf Veroniques Schulter, wann immer sie übt. Er ist ein großartiger Seiltänzer, beherrscht Hochsprung, kann einen Ring über den Finger streifen, erkennt Menschen und kann sogar Schnürsenkel öffnen! Zubinden kann er sie noch nicht (aber auch Lance schafft das kaum), doch Veronique übt mit ihm — und ich weiß, auf wen ich wetten würde, dass er es zuerst hinkriegt. Tatsächlich hat Veronique zwar viel mit Kit-Kat geübt, aber er war schon vorher so, weil Veroniques Dad Wissenschaftler ist und Kit-Kat aus seinem Labor kam. Genau genommen ist er die Veronique der Rattenwelt.

Ich muss noch etwas gestehen: Die Anwesenheit von Kit-Kat ließ mich den Vorfall mit Mrs Martin vergessen. Eigentlich wollte ich den ganzen Abend darüber nachdenken, was passiert war, aber sobald wir im Haus waren, zog ich Veronique die Treppe hinauf.

»In einer Stunde gibt’s Abendessen«, sagte Mum. »Was würdest du gerne machen, Veronique?«

»Keine Sorge, Mum, wir spielen Subbuteo-Tischfußball.«

Meine Mutter wunderte sich, dass Veronique das wirklich machen wollte, aber ich hörte nicht zu, sondern schob Veronique hinauf in mein Zimmer und zog die Subbuteo-Schachtel unter meinem Bett hervor.

Subbuteo, ein Spiel mit kleinen Plastikfußballspielern, die man gegen einen Ball schnippt, ist sowieso schon ganz hervorragend, und ich wusste, dass Veronique ihren Spaß daran hätte — aber es Kit-Kat beizubringen würde noch viel mehr Spaß machen! Und er war, wie erwartet, GENIAL! Er dribbelte fast ebenso gut wie Mo Salah, und irgendwie wusste er, dass er auf dem Spielfeld bleiben musste (obwohl er den Spielern auf die Köpfe trat, sodass ich ihm die gelbe Karte zeigen musste). Bald führte er den Ball um die Spieler herum, statt über sie drüber, und schob ihn am Torwart vorbei — alles für eine getrocknete Erbse zur Belohnung. Veronique hatte die Erbsen mitgebracht, denn er war total scharf darauf. Es war toll, aber beim Stand von 5:0 für Kit-Kat räumte ich das Spielfeld weg. Mum hatte recht gehabt: Veronique schien nicht darauf anzuspringen. Ich wandte mich an sie.

»Ist es wegen Mrs Martin? Das war total komisch, nicht wahr? Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Niemand denkt, dass du es warst, oder?«

»Das ist es nicht«, sagte Veronique.

Ich schlug mir mit der Hand an die Stirn. Das Fußballspiel hatte mich abgelenkt. Es ging natürlich um Nanai.

»Aber es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme«, sagte ich. »Das hat dein Dad doch gesagt, oder?«

Veronique sah auf ihren Schoß hinunter. »Ja, aber …«

»Was?«

»Er ist ein Erwachsener.«

»Na und?«

»Du kannst ihnen nicht glauben, wenn sie über solche Dinge sprechen.«

»Echt nicht?«

»Nein«, sagte Veronique, und ich erkannte, dass sie recht hatte. Es gibt sinnlose Dinge, die du nach Ansicht von Erwachsenen UNBEDINGT