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Der Autor ist Vorlese-Opa in einer Kindertagesstätte. Er berichtet von seinen Erlebnissen. Von der Auswahl seiner Bücher - eine Hommage an die Kinderliteratur. Vom freudigen Erwartet-Werden von den Kindern, ihrem gespannten Zuhören und Mitmachen, ihrem fröhlichen Lachen, von der raschen Entwicklung der jungen Menschen, von ihrer Dankbarkeit Kinder sind unsere Zukunft. Und Vorlese-Opa zu sein, ist der beste Job!
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Dank
Als manchmal anstrengend, meistens sehr schön und auf jeden Fall ausgesprochen sinnvoll empfinde ich meine Tätigkeit als Vorlese-Opa in der evangelischen Kindertagesstätte an der Thomaskirche der Segensgemeinde in Darmstadt (Thomas-Kita). Für diese Lebensphase nach meiner Pensionierung als Chemie-Professor an der Hochschule Darmstadt bin ich sehr, sehr dankbar.
Meine Familie, Freunde und Bekannte haben sich regelmäßig für meine ehrenamtliche Tätigkeit interessiert und mir zahlreiche Anregungen gegeben. Dafür vielen Dank.
Das Team der Kindertagesstätte ist großartig. Wie freundlich ich in der Kita aufgenommen wurde und welch tolle fachdidaktische und pädagogische Unterstützung ich jederzeit erhalten kann, weiß ich in höchstem Maße zu schätzen. Besten Dank!
Mein größter Dank gilt den Kindern, die mich mit „Hallo, Vorlese-Opa“ freudig begrüßen, begeistert meinen Erzählungen lauschen, gerne mitdiskutieren und oft traurig sind, wenn die Vorlesestunde zu Ende ist. Was gibt es Schöneres, als mit fröhlichen Kindern zusammen zu sein?
Gerne denke ich etwa ein Vierteljahrhundert zurück, als mein Sohn Yoshiki in der Thomas-Kita war. Es waren für ihn, meine Frau Keiko und mich drei glückliche Jahre, mit zahlreichen Freundschaften, die geknüpft, und schönen Festen, die gefeiert wurden. Dank der liebevollen und kompetenten Betreuung durch die Erzieherinnen und einem Konzept, das den Kindern altersgerechte Bildung für Kopf, Hand und Herz bietet, konnten meine Frau und ich von Woche zu Woche beobachten, wie sich unser Sohn und die anderen Kinder entwickelten, bis die Milchzähne wackelten und der tränenreiche Abschied in die (ebenfalls schöne) Grundschule erfolgte. Diese glückliche Zeit hat mich stark motiviert, nach meinem Berufsleben in die Kita zurückzukehren, jetzt in der Funktion des Vorlese-Opas. Das vorliegende Buch möchte ich deshalb meinem Sohn Yoshiki widmen.
Darmstadt, im Januar 2026
Volker Wiskamp
1 Einleitung
2 Wie läuft eine Vorlesestunde ab?
3 Die Kinder der Thomas-Kita
4 Meine ersten Vorlesestunden
5 Auswahl der Bücher
6 Ein Koffer voller Bücher
6.1 Grimm‘sche Märchen
6.2 Prinzessinnen, die keinen Retter brauchen
6.3 Pippi, Michel, Bullerbü und Saltkrokan
6.4 Geschwister, Adoptiv- und Pflegekinder
6.5 Zinnsoldat, Meerjungfrau und Schneekönigin
6.6 Hotzenplotz Superstar
6.7 Hexen, Zauberer, Gespenster, Monster und ein Troll
6.8 Tiergeschichten
6.9 Sachbücher
6.10 Little People, Big Dreams
6.11 Biblische Geschichten
6.12 Weitere Kinderbuch-Klassiker, gekürzt erzählt
6.13 Aus anderen Kulturkreisen
6.14 Ein Antikriegsmärchen
7 Fazit und Ausblick
Literatur- und Quellenangaben
Der Autor
Wie bin ich Vorlese-Opa geworden?
Die Vorgeschichte begann im Jahr 2001, als mein Sohn Yoshiki, gerade drei Jahre alt, einen Platz in der Kindertagesstätte der evangelische Thomasgemeinde (heute Thomas-Kita) in Darmstadt, ganz in der Nähe unserer Wohnung, erhielt. Meine Frau Keiko und ich freuten uns, wie freundlich wir und unser Kind aufgenommen wurden und wie offen seine Erzieherinnen für ein Projekt waren, das ich von meiner beruflichen Seite her in Augenschein genommen hatte. Ich war seit 1989 Professor für Chemie an der Hochschule Darmstadt und hatte mich über die Lehre in den chemischen Grundlagenfächern hinaus zum Fachdidaktiker entwickelt mit den Schwerpunkten der Bildungspartnerschaften zwischen Schule und Hochschule, außerschulischen Lernorten und dem Wecken von naturwissenschaftlichem Interesse bei jungen Menschen, schon vom Kindergartenalter an. Deshalb schlug ich Yoshikis Erzieherinnen vor, in der Kita ein Projekt zu starten, in dem ich gelegentlich mit den Kindern spielerisch hübsche und anschauliche Experimente zu naturwissenschaftlichen Phänomenen durchführte, die junge Menschen neugierig machen und bei ihnen das Staunen wecken, das – so sagte es schon Thomas von Aquin – ein Sehnen nach Wissen ist. Das Projekt kann gut an, wurde von einem Doktoranden wissenschaftlich begleitet, im Rahmen einer Weiterbildungsveranstaltung für Erzieherinnen vorgestellt, im Journal Theorie und Praxis der Sozialpädagogik publiziert [1, 2], später an der Christian-Morgenstern-Grundschule in Darmstadt als Kinderuniversität fortgesetzt und letztlich in Buchform zusammengeschrieben [3].
Auf die Kombination von Elterninitiative und fachdidaktischem Projekt wurde der Gemeindepfarrer aufmerksam. Wir kamen ins Gespräch, wobei er mich beiläufig fragte, ob ich mir vorstellen könne, bei der anstehenden Wahl zum Kirchenvorstand zu kandidieren. Ich wurde gewählt und später noch dreimal wiedergewählt, sodass ich der Gemeinde auch über diese Schiene schon fast ein Vierteljahrhundert verbunden bin. In Rahmen dieser Tätigkeit habe ich mich besonders gerne um die Kinder- und Jugendarbeit gekümmert, sodass der Kontakt zur Kindertagesstätte erhalten blieb und gefestigt wurde.
Ende November 2022 kam die Anfrage von der Kita-Leiterin, ob ich am 6. Dezember den Nikolaus spielen könne. Ich sagte spontan zu, auch weil mein letztes Semester an der Hochschule vor meiner Pensionierung angebrochen war und ich einen neuen „Job“ suchte. Ein Freund spottete, dass der Beruf als Nikolaus zeitlich gut überschaubar sei – einmal pro Jahr eine Stunde – und wohl kaum Stress in meinen Ruhestand bringen werde. Obwohl ich – so finde ich zumindest – als Nikolaus sehr gut aussah (Abb. 1), war diese Karriere nur von kurzer Dauer. Denn schon zwei Jahre später, als ich schon Vorlese-Opa war, erkannten mich die meisten Kinder trotz der tollen Verkleidung und einer zusätzlich aufgesetzten Skibrille an meiner markanten sonoren Stimme, was kontraproduktiv war, denn der Nikolaus sollte ja der geheimnisvolle gute Mann aus dem hohen Norden sein.
Abbildung 1: Wer mag bloß dieser Nikolaus sein?
Mit Kindern zusammen zu sein, ihr fröhliches Lachen zu hören, ihre Wissbegierde zu erleben und von Woche zu Woche festzustellen, wie rasch sie sich in jeder Hinsicht entwickeln, ist einfach toll, sodass ich in der Kita anfragte, ob man mich als Vorlese-Opa gebrauchen könne. Ich habe mir auch zugetraut, ein guter Vorleser werden zu können, zumal ich in Übung war, hatte ich doch 68 Semester lang größeren Kindern (Entschuldigung: Studierenden) spannende Geschichten von Atomen und Molekülen und ihren Reaktionen vorgelesen, sodass ich mir in der Kita den Wechsel der Zuhörerschaft und der Themen zutraute. Das Kita-Team war dankbar für mein Angebot, der organisatorische Rahmen wurde abgesteckt, ein polizeiliches Führungszeugnis eingeholt, dass ich keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatte, und dann ging es Mitte Dezember 2023 los.
Im vorliegenden Buch schildere ich meine Vorgehensweise und meine vielseitigen Erfahrungen in meiner neuen ehrenamtlichen Tätigkeit. Was galt es zu organisieren? Wie groß war der Zeitaufwand? Welche Geschichten habe ich ausgewählt und warum gerade diese? Wie verlief die Kommunikation mit den Kindern? Das Buch ist kein Fachbuch, denn ich bin kein ausgebildeter Pädagoge und Erzieher, sondern es ist eher ein Erlebnis-bericht sowie eine Hommage an die großartige Kinder- und Jugendliteratur und vielleicht und hoffentlich eine Motivation für Leserinnen und Leser, selbst als Lese-Patin bzw. -Pate oder Vorlese-Oma bzw. -Opa aktiv zu werden. Dies lohnt sich – für die Kinder und für einen selbst!
Meine Auswahl von Texten ist gewiss subjektiv. Im Literaturteil (ab S. 68) habe ich die Quellen angegeben, die ich tatsächlich benutzt habe, weil sie mir zu den jeweiligen Themen am besten gefallen haben. Meistens habe ich einen Link ins Internet hinzugefügt, sodass Leserinnen und Leser weitergehende Informationen, u.a. Leseproben, über die von mir ausgewählten Texte erhalten können.
Donnerstags von 10 bis 11 Uhr bin ich in der Kita. Nach dem Morgenkreis werden neun Kinder (jeweils drei aus den drei Gruppen) ausgewählt, damit alle im Laufe der Zeit das Angebot wahrnehmen können.
In der Regel sind die Kinder altersgemischt, wobei die kleinsten frühestens nach einer halbjährigen Eingewöhnungszeit in der Kita zu mir kommen. Gelegentlich, für anspruchsvollere Texte, habe ich mir nach vorheriger Absprache nur die Vorschulkinder als Zuhörer gewünscht.
Neben dem Bistro gibt es einen Raum mit Sofa, auf dem sechs Kinder Platz nehmen, die übrigen drei auf Kissen davor. Ich setze mich in etwa einem Meter Abstand auf einen Stuhl, sodass die Kinder die in den Büchern oder auf dem Schirm meines Notebooks gezeigten Bilder gut sehen können. Dass es zu den Texten passende Illustrationen gibt, ist wichtig, denn gerade darüber kann man mit den Kindern ins Gespräch kommen. Wenn nur kurze Textpassagen vorzulesen sind, reicht es, dass den Kindern danach das passende Bild aus dem Buch gezeigt und mit ihnen besprochen wird. Bei längeren Texten oder wenn ich frei erzähle, hat es sich als vorteilhaft erwiesen, dass ich die Bilder vorab digitalisiere und auf dem Bildschirm zeige. Dann haben wir quasi die Atmosphäre des bei den Kindern sehr beliebten Kamishibai-Erzähltheaters, das von den Erzieherinnen und Erziehern gerne genutzt wird (s. Kap. 6.13). (Abb. 2)
Meistens habe ich einen Text mit einer reinen Lesezeit von ca. 20 Minuten mitgebracht, sodass mit Bildbetrachtung und Diskussion etwa 40 Minuten vergehen. Das ist für die Kleinen eine lange Zeit, aber sie halten erfreulicherweise interessiert durch. Danach biete ich den Kindern, die müde sind, an, sich zum Freispiel zu verabschieden; die meisten Kinder bleiben aber und wünschen sich eine zweite, kürzere Geschichte. Um 11 Uhr verabschiede ich mich, während die jüngsten Kinder zu Mittag essen und die älteren zum Freispiel oder in ihre Gruppen zurückkehren.
Gelegentlich bespreche ich die Vorlesestunde mit den Erzieherinnen. Kurzzeitig dabei ist eine Erzieherin nur, wenn neue Kinder in der Kita sind, die mich noch nicht kennen.
Manchmal bringe ich „Assistenten“ mit. Das sind über 60 Jahre alte Kuscheltiere aus meiner eigenen Kindheit. Mit einem Hasen und dem Igelpaar Mecki und Micki wird das Märchen »Der Hase und der Igel« nachvollzogen; ein Steiff-Affe spielt den Herr Nilsson von »Pippi Langstrumpf«. (Abbildung 3)
Erwähnt werden muss auch, dass kaum eine Stunde störungsfrei verläuft. Kinder sind Kinder. Mancher Zappelphilipp ist dabei; gelegentlich gibt es Streitereien, wer auf dem Boden und wer auf dem Sofa sitzt; irgendjemand muss zur Toilette oder holt sich etwas zu trinken. Ein Kind schaut mir beim Vorlesen über die Schulter, ein anderes will mit meinen mitgebrachten Kuscheltieren schmusen, wieder ein anderes Kind kann sich nicht mehr konzentrieren und wendet sich der im Raum befindlichen Legokiste zu … Das alles passiert, ist zwar nicht schön, manchmal sogar nervig, ist aber auch nicht so schlimm, gehört irgendwie dazu, wird aber vom Lachen und der Dankbarkeit der Kinder weit über-kompensiert.
Abbildung 2: Übliche Vorlese-Situation.
Abbildung 3: Der Vorlese-Opa mit einer Bücherauswahl und einigen seiner „Assistenten“, hier dem Hasen und dem Igelpaar sowie Herrn Nilsson.
Die Thomas-Kindertagesstätte liegt im Darmstädter Komponistenviertel. Dieses heißt so, weil die Straßen nach berühmten Musikern wie Mozart oder Wagner benannt sind. Es ist eine gute und ruhige Wohngegend am Stadt- und Waldrand mit einem hohen Bevölkerungsanteil mit akademischer Bildung. Ausländische Kinder haben häufig Eltern, die in Darmstadt als Wissenschaftler arbeiten. Das macht sich bei den meisten Kindern dadurch bemerkbar, dass sie auch zuhause vorgelesen bekommen, zusammen mit ihren Eltern altersgerechte Kinderfilme schauen und häufig verreisen. Nicht selten sind in einer Vorlesestunde ein paar Kinder dabei, die die von mir ausgewählte Geschichte bereits kennen. Ich bitte sie dann, nicht vorlaut zu verraten, wie die Geschichte weitergeht, um den anderen Kindern nicht die Spannung zu nehmen, woran sie sich fairerweise halten. Über die Themen mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, gelingt fast immer.
In der Kita gibt es 70 Kinder, darunter auch 1-3 Integrationskinder, die eine besondere pädagogische Betreuung und Förderung erfahren und bislang noch nicht bei meinen Erzählstunden dabei waren.
Es war Mitte Dezember 2023; der Nikolaus war in der Woche zuvor im Kindergarten gewesen: meine erste Vorlesestunde. Eine Erzieherin war dabei, weil die Kinder mich noch nicht kannten und alle gespannt auf das neue Angebot waren. Ich hatte meine Lieblings-Nikolausgeschichte aus meiner eigenen Kindheit mitgebracht: »Der Esel des Sankt Nikolaus« [4]: Der kleine Esel trottet gemächlich hinter dem guten Nikolaus her und schleppt die schweren Geschenke. Abends, im Stall einer Herberge, überredet ein großer Esel das Eselchen, seinen alten Herrn zu verlassen, abzuhauen und statt der ständigen Schlepperei ein freies Leben im Wald und auf dem Feld zu genießen. Das Eselchen, das beim Nikolaus nur Gutes gelernt hat, erkennt das angeberische und arrogante Verhalten des großen Esels nicht und läuft tatsächlich davon. Zunächst gefällt ihm das Spiel mit den Hasen und Rehen, aber dann bricht die Dunkelheit ein, das Eselchen bekommt Hunger und friert. Der Nikolaus hat inzwischen das Verschwinden seines Gefährten bemerkt, macht sich auf die Suche und findet das Eselchen. „Graues, was machst du für Sachen?“ fragt er liebevoll. Und das Eselchen geht voller Freude mit dem Nikolaus zurück, der es so gut behütet. Es schämt sich sehr und denkt, dass es wohl wirklich ein Esel gewesen sei, auf den großen Esel reinzufallen.
Die über 60 Jahre alte Geschichte gefiel den Kindern, was mich zu der Einsicht brachte, dass gute Texte zeitlos sind.
Für die nächste Woche, es war die letzte vor Weihnachten, hatte ich den Andersen-Klassiker »Der Tannenbaum« [5] ausgewählt. Im Vorfeld hatte ich in der pädagogischen Fachliteratur gelesen, dass Andersen-Märchen für Kinder im Kindergartenalter schwer zugänglich seien. Das leuchtete mir ein, denn sie haben in der Tat eine philosophische Tiefe, die kleine Kinder vielleicht erahnen, die sich ihnen aber nicht vollständig erschließt. Beim »Tannenbaum« sind es die Freuden und Leiden im Leben und dessen Vergänglichkeit. Wie klagt der Tannenbaum: „Vorbei, vorbei.“ Meine jungen Zuhörer lauschten der Geschichte mit Interesse, 45 Minuten lang, ohne sonderliche Ermüdungserscheinungen. Das Märchen hat sie wohl beeindruckt und mich in meiner Meinung gestärkt, auch andere Andersen-Märchen vorzulesen, denn es handelt sich meiner Ansicht nach bei ihnen um Weltklasseliteratur.
Nach Weihnachten stand eine lustige Geschichte an, »Die Bremer Stadtmusikanten« [6]. Hier konnten die Kinder aktiv mitwirken, denn wir brauchten ein lautes I-A, Wau, Miau und Kikeriki, um die Räuber zu vertreiben. Ein riesiges Gaudi. Ich konnte verstehen, warum eine Erzieherin mir zuvor gesagt hatte, dass die »Bremer Stadtmusikanten« das Lieblingsmärchen ihrer eigenen Kinder sei.
Geburtstage werden in der Kita immer gefeiert. Ein Geburtstagskind sitzt beim gemeinsamen Frühstück auf einem erhöhten Thron, hat eine Krone auf und erhält die herzlichsten Glückwünsche. Den Team-Mitglieder wird an ihren Geburtstagen ebenfalls mit einem Ständchen von allen Kindern gratuliert. Auch ich habe mich sehr gefreut, als die Kinder an meinem Geburtstag ihrem Vorlese-Opa mit einem Lied und Blumen dankten. Also lag es nahe, einmal eine Geburtstagsgeschichte vorzulesen: »Opa Jahn und der turbulente Geburtstag« [7]: Die Dorfkinder schenken dem Hundertjährigen sein Leibgericht, dicke Bohnen. Er freut sich sehr und verputzt sofort die gesamte Portion, worauf sich das Sprichwort bewahrheitet „Jedes Böhnchen gibt ein Püpchen“. Die Kita-Kinder artikulierten akustisch, was Opa Jahn wohl auf der Toilette macht. Ein großer Spaß.
Soweit meine ersten Erlebnisse als Vorlese-Opa. Sie haben mich dazu bewegt, weiterhin Themen und Methoden zu variieren, sodass über die Zeit für jeden Geschmack etwas dabei ist, und auf jeden Fall die Interaktion mit den Kindern zu suchen.
Einmal wöchentlich gehe ich in die Darmstädter Stadtbibliothek. Hier gibt es ein riesiges Sortiment an Kinder- und Jugendbüchern.
Für meine Zwecke geeignet sind Bilderbücher mit kurzen Texten, die zum Vorlesen gedacht sind und bei denen die Kinder gleichzeitig die Bilder betrachten können. Sie passen bestens in den zeitlichen Rahmen meiner einstündigen Vorleseaktion. Ebenfalls geeignet sind Bücher für Erstleser, die gut bebildert und in einfacher Sprache verfasst sind. Sie können aber nicht innerhalb einer Stunde ganz vorgelesen werden; deshalb kürze ich ihre Inhalte und beschränke mich auf das Vorlesen bzw. Nacherzählen ausgewählter und wichtiger Passagen.
Die Märchenklassiker sind vielfach herausgegeben und auch gekürzt und/oder variiert worden. Hier hat man die Qual der Wahl. Ich gebe zu, dass ich mich bei der Auswahl stark von meinem eigenen Geschmack leiten lasse, insbesondere was die Bebilderung angeht. In Hinblick auf die Texte achte ich darauf, dass keine Sinnverfälschung der Originale vorliegen, aber die dort nicht selten vorkommenden Grausamkeiten und antiquierten Menschenbilder (vor allem Frauenbilder) abgeschwächt oder relativiert werden. (Siehe z.B. im Kapitel 6.13 die Beschreibung der Geschichte von Ali Baba.)
Auch an Sachbüchern, die Kindern Natur, Gesellschaft, Sport, Kunst und Musik nahebringen, gibt es in der Stadtbücherei eine große Auswahl. Mehr dazu in den Kapiteln 6.9 und 6.10.
Oft ist es sinnvoll, dass die vorgelesenen Geschichten in die aktuelle Jahreszeit passen. Anregungen dazu liefern z.B. »Das große bunte Vorlesebuch für Frühling und Ostern« [8], »Die schönsten Leselöwen Weihnachtsgeschichten« [9] oder »Wenn es Weihnachten wird bei uns« [10].
Wenn gegen Ende der Vorlesungsstunde noch etwas Zeit bleibt und die Kinder eine Zugabe fordern, sind »Drei-Fünf-Acht Minutengeschichten zum Lachen und Kichern« [11] bzw. »… Kuscheln und Träumen« [12] oder z.B. die Kurzgeschichten aus »Geheimversteck und Geisterstunde« von Cornelia Funke [13] hilfreich.
Natürlich sollen die vorgelesenen Geschichten den Kindern gefallen. Genauso wichtig ist es aber auch, dass sie mir auf verschiedene Art und Weise gefallen. Denn nur dann kann ich sie akzentuiert und theatralisch vortragen und die Kinder zum Mitwirken motivieren.
