Beschreibung

Das Tagebuch der Anne Frank ist weltberühmt als Dokumentation des unmenschlichen Alltags unter der Nazi-Herrschaft in den Niederlanden. Das Werk erfährt in dem Anne-Frank-Film "Das Tagebuch der Anne Frank" (2016) eine eindrucksvolle Würdigung. Reclams neue Ausgabe des Anne-Frank-Tagebuchs stellt die wichtigsten und bekanntesten Ausschnitte Aus den Tagebüchern für den Schulunterricht bereit: in der neuen Übersetzung von Simone Schroth in einer verlässlichen, konsequent die bisherigen Mischfassungen vermeidenden Darstellung; die verschiedenen Fassungen sind in dieser Ausgabe eindeutig voneinander zu unterscheiden. Ein Kommentar und ein Nachwort geben Verständnishilfen für dies erstaunliche Werk einer jungen Frau, die Schreiben als ihr Lebensmotto verstand. Text in neuer Rechtschreibung. Text aus Reclams Universal-Bibliothek mit Seitenzählung der gedruckten Ausgabe.

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EPUB

Seitenzahl: 198


Anne Frank

Aus den Tagebüchern

Aus dem Niederländischen übersetzt und kommentiert von Simone Schroth

Reclam

2016 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen

Made in Germany 2017

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-960899-0

Inhalt

Aus den TagebüchernZu dieser AusgabeAnmerkungenLiteraturhinweiseNachwort

Aus den Tagebüchern

[7]Vorblatt [a]1

Ich werde dir, hoffe ich, alles anvertrauen können, so wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, dass du mir eine große Stütze sein wirst.

Anne Frank12. Juni 1942

 

 

[a]

Ich habe bisher eine große Stütze an dir gehabt, und auch an unserem lieben Club, dem ich nun regelmäßig schreibe; diese Art, mein Tagebuch zu führen, finde ich viel schöner, und jetzt kann ich es fast nicht erwarten, bis ich Zeit habe, in dich zu schreiben.

28. September 1942Anne Frank

Ich bin oh so froh, dass ich dich mitgenommen habe.

 

 

Sonntag, 14. Juni 1942 [a]

Die Seiten, die hierauf folgen, werden, denke ich, alle vom selben Datum sein, denn ich muss dich noch über alles informieren.

Ich fange mal bei dem Augenblick an, als ich dich bekommen habe, also als ich dich auf meinem Geburtstagstisch habe liegen sehen (denn das Kaufen, bei dem ich auch dabei gewesen bin, zählt nicht mit).

Am Freitag, dem zwölften Juni, war ich schon um sechs [8]Uhr wach, und das ist sehr begreiflich, da ich Geburtstag hatte.

Aber um sechs Uhr durfte ich noch nicht aufstehen, also musste ich meine Neugierde noch bis Viertel vor sieben bezwingen. Dann hielt ich es nicht länger aus; ich ging ins Esszimmer, wo ich von Moortje (der Katze) mit Kopfstupsern willkommen geheißen wurde.

Die Zwischentüren machte ich natürlich zu. Um kurz nach sieben ging ich zu Papa und Mama und dann ins Wohnzimmer, um meine Geschenke auszupacken; an erster Stelle warst du es, was ich zu sehen bekam und was wohl eines meiner schönsten Geschenke ist. Dann einen Strauß Rosen, zwei Zweige Pfingstrosen, eine Pflanze, das waren an diesem Morgen Floras Kinder, die auf meinem Tisch standen, aber es kamen noch viel mehr.

[…]

Dann kam Hanneli mich abholen, und wir gingen in die Schule. In der Pause verteilte ich Butterkekse an Lehrer und Schüler, und dann wieder an die Arbeit.

Als ich nach Hause kam, war es fünf Uhr, denn ich war mit beim Turnen gewesen (obwohl ich nie mitmachen darf, weil ich mir dann Arme und Beine ausrenke) und hatte für meine Klassenkameraden Volleyball als Geburtstagsspiel ausgesucht. Später tanzten sie alle im Kreis um mich herum und sangen »Lang soll sie leben«. Als ich nach Hause kam, war Sanne Ledermann schon da, und Ilse Wagner, Hanneli Goslar und Jacqueline van Maarsen habe ich vom Turnen mitgebracht, denn sie sind in meiner Klasse. Hanneli und Sanne waren früher meine beiden besten Freundinnen, und wer uns zusammen sah, sagte immer, da gehen Anne, Hanne und Sanne. Jacqueline van Maarsen habe [9]ich erst auf dem Jüdischen Lyzeum kennengelernt, und sie ist nun meine beste Freundin. Ilse ist die beste Freundin von Hanneli, und Sanne geht auf eine andere Schule und hat dort ihre Freundinnen. […]

 

 

20. Juni 1942 [b]

Es ist für jemanden wie mich ein sehr eigenartiges Gefühl, in ein Tagebuch zu schreiben. Nicht nur, dass ich noch nie geschrieben habe, es kommt mir auch so vor, als würde später weder ich noch jemand anders die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens für wichtig halten. Nun gut, eigentlich kommt es darauf nicht an; ich habe Lust zu schreiben, und noch viel mehr, mein Herz, was allerlei Dinge betrifft, einmal gründlich und ganz und gar zu erleichtern. »Papier ist geduldiger als Menschen«, diese Redensart fiel mir ein, wenn ich an einem meiner eher melancholischen Tage gelangweilt mit dem Kopf in den Händen dasaß und vor Antriebslosigkeit nicht wusste, ob ich ausgehen oder zu Hause bleiben sollte, und deshalb letzten Endes auf demselben Fleck sitzen blieb und grübelte. Ja, tatsächlich, Papier ist geduldig, und da ich nicht vorhabe, jemals jemanden dieses in Karton eingebundene Heft, das den prunkvollen Namen »Tagebuch« trägt, lesen zu lassen, es sei denn, ich finde noch einmal im Leben einen Freund oder eine Freundin, der oder die dann »der« Freund oder »die« Freundin ist, interessiert es wahrscheinlich niemanden.

Nun bin ich an dem Punkt angekommen, an dem die ganze Tagebuchidee angefangen hat: Ich habe keine Freundin.

[10]Um noch deutlicher zu werden, ist hier eine Erklärung nötig, denn niemand wird verstehen, dass ein Mädchen von dreizehn Jahren ganz allein auf der Welt dasteht, und das ist auch nicht so: Ich habe liebe Eltern und eine Schwester von sechzehn, ich habe alles zusammengenommen sicher an die 30 Bekannte und was man so Freundinnen nennt, ich habe eine ganze Menge Verehrer, die mir jeden Wunsch von den Augen ablesen und, wenn es nicht anders geht, in der Klasse mit dem Stück eines Taschenspiegels noch einen Blick auf mich zu erhaschen versuchen; ich habe Familie, liebe Tanten und ein gutes Zuhause; nein, so auf den ersten Blick fehlt es mir an nichts, außer an »der« Freundin. Ich kann mit keiner meiner Bekannten etwas anderes tun als Spaß haben, ich komme nie dazu, einmal über etwas anderes als über alltägliche Dinge zu sprechen oder etwas Vertraulicheres anzusprechen, und genau das ist das Problem. Vielleicht liegt dieser Mangel an Vertraulichkeit bei mir, jedenfalls ist es eine Tatsache und lässt sich, so schade das auch ist, nicht aus der Welt schaffen. Darum dieses Tagebuch. Um nun die Vorstellung der so lange ersehnten Freundin in meiner Fantasie noch lebendiger werden zu lassen, werde ich nicht wie jeder andere einfach so die Tatsachen in dieses Tagebuch schreiben, sondern ich will dieses Tagebuch die Freundin selbst sein lassen, und diese Freundin heißt Kitty.

 

Da niemand etwas von meinen Geschichten für Kitty verstehen würde, wenn ich einfach so mit der Tür ins Haus falle, muss ich kurz meine Lebensgeschichte wiedergeben, so ungern ich das auch tue. Mein Vater, der liebste Schatz von einem Vater, den ich kenne, heiratete erst im Alter von 36[11]Jahren meine Mutter, die damals 25 war. Meine Schwester Margot wurde 1926 geboren, in Frankfurt am Main in Deutschland. Am 12. Juni 1929 folgte ich, und weil wir Vollblut-Juden sind, emigrierten wir 1933 in die Niederlande, wo mein Vater als Direktor der niederländischen Opekta Gesellschaft zur Marmeladenherstellung angestellt wurde. Unser Leben verlief nicht ohne einige Aufregung, da die restliche Familie in Deutschland nicht von Hitlers Judengesetzen verschont blieb. 1938, nach den Pogromen, flüchteten meine beiden Onkel, Brüder von Mutter, und kamen sicher in Nordamerika an; meine alte Großmutter zog zu uns; sie war damals 73 Jahre alt. Nach Mai 1940 ging es bergab mit den guten Zeiten; erst der Krieg, die Kapitulation, der Einmarsch der Deutschen, und das Elend für uns Juden begann. Judengesetz folgte auf Judengesetz, und unsere Freiheit wurde sehr eingeschränkt, aber es ist noch zu ertragen, trotz des Sterns, der Trennung der Schulen, der Zuhausezeit usw. usw.

Oma starb im Januar 1942, Margot und ich mussten im Oktober 1941 auf das Jüdische Lyzeum wechseln. Sie in die vierte, ich in die erste Klasse. Unserer Viererfamilie geht es immer noch gut, und so bin ich dann beim heutigen Datum angelangt, wo die feierliche Einweihung meines Tagebuchs beginnt.

Amsterdam

20. Juni 1942

Anne Frank

 

 

[12]20. Juni 1942 Samstag [b]

Liebe Kitty,

dann fange ich gleich an; es ist gerade so schön ruhig, Vater und Mutter sind ausgegangen, und Margot ist mit ein paar jungen Leuten bei ihrer Freundin Trees, zum Pingpong. Pingpong spiele ich in letzter Zeit auch sehr viel, sogar so viel, dass wir mit fünf Mädchen einen Club gegründet haben. Der Club heißt »Der Kleine Bär minus zwei«; das ist natürlich ein sehr verrückter Name, aber er geht auf einen Irrtum zurück. Wir wollten einen ganz besonderen Namen für unseren Club und dachten alle fünf an die Sterne. Wir glaubten, dass der Große Bär aus sieben und der Kleine Bär aus fünf Sternen besteht, fragten aber nach und fanden heraus, dass sie alle beide sieben haben. Darum »minus zwei«. Ilse Wagner hat ein Pingpong-Spiel, und das große Esszimmer der Wagners steht uns jederzeit zur Verfügung; Susanne Ledermann ist unsere Vorsitzende, Jacqueline van Maarsen Sekretärin, Elisabeth Goslar, Ilse und ich sind die übrigen Mitglieder. Da wir fünf Pingpong-Spielerinnen vor allem im Sommer sehr gern Eis essen und man beim Pingpong ins Schwitzen kommt, läuft es meistens darauf hinaus, dass wir zu einer der nächsten Eisdielen gehen, die Juden besuchen dürfen, in die Oase oder ins Delphi. Nach Portemonnaies oder Geld suchen wir schon gar nicht mehr; in der Oase ist meistens so viel los, dass sich unter den ganzen Leuten immer einige großzügige Herren aus unserem großen Bekanntenkreis oder der eine oder andere Verehrer finden lassen, und die bieten uns mehr Eis an, als wir in einer Woche essen können.

Ich denke, du wirst ein bisschen erstaunt darüber sein, dass ich, so jung wie ich bin (die Jüngste im Club), von [13]Verehrern spreche. Leider, oder in manchen Fällen auch wieder nicht leider – dieses Übel scheint bei uns auf der Schule unvermeidbar zu sein. Sobald ein Junge fragt, ob er mich mit dem Fahrrad nach Hause begleiten darf, und ein Gespräch begonnen wird, kann ich in neun von zehn Fällen davon ausgehen, dass der betreffende Jüngling die lästige Angewohnheit hat, sofort Feuer und Flamme zu sein, und mich nicht mehr aus den Augen lässt. Wenn einige Zeit vergeht, nimmt diese Verliebtheit natürlich wieder ab, vor allem, weil ich mir aus den feurigen Blicken nicht viel mache und fröhlich weiterradle. Wenn es mir zu bunt wird und sie davon zu brabbeln anfangen, dass sie mit Vater sprechen wollen, lasse ich mein Fahrrad ein bisschen wackeln, meine Tasche fällt runter, der junge Mann muss anstandshalber absteigen, und nachdem er die Tasche wieder abgeliefert hat, habe ich längst wieder ein anderes Gesprächsthema gefunden. Das sind noch die Harmlosesten; es gibt natürlich auch welche, die mir Küsschen zuwerfen oder versuchen, einen Arm zu ergattern, aber da sind sie bei mir ganz und gar an der falschen Adresse; ich steige ab und weigere mich, weiter in der Gesellschaft des Jungen zu bleiben, oder ich bin angeblich beleidigt und lasse ihn in deutlichen Worten wissen, dass er nach Hause gehen kann.

Siehst du, der Grundstein für unsere Freundschaft ist gelegt, bis morgen.

Deine Anne

 

 

[14]21. Juni 1942Sonntag [b]

Liebe Kitty,

unsere ganze 1LII bibbert; der Anlass ist natürlich die in Aussicht gestellte Lehrerkonferenz. Die halbe Klasse schließt Wetten darüber ab, wer es in die nächste schafft und wer sitzenbleibt. G. Z., meine Tischnachbarin, und ich lachen uns kaputt über unsere beiden Hintermänner, C. N. und Jacques Kokernoot, die ihr gesamtes Ferienkapital in Wetten gegeneinander eingesetzt haben. »Du schaffst es«, »Niemals«, »Doch, klar«; von morgens früh bis abends spät, und selbst G. Z.s um Ruhe flehende Blicke und meine bösen Bemerkungen können die zwei nicht zur Ruhe bringen. Meiner Ansicht nach müsste ein Viertel der ganzen Klasse sitzenbleiben, solche Dummköpfe sitzen da drin, aber Lehrer sind die unberechenbarsten Menschen, die es gibt; vielleicht sind sie jetzt, ausnahmsweise, einmal auf die richtige Weise unberechenbar.

Um meine Freundinnen und mich selbst mache ich mir keine so großen Sorgen, ein paar Zusatzaufgaben und Nachprüfungen, und damit müssten wir eigentlich durchkommen. Nur in Mathematik bin ich unsicher. Nun ja, wir müssen abwarten. Bis dahin sprechen wir einander Mut zu.

Ich komme mit all meinen Lehrern und Lehrerinnen ziemlich gut aus; insgesamt sind es neun an der Zahl, davon sieben männlich und zwei weiblich. Herr Keesing, der alte Mathematik-Mensch, war eine Zeitlang sehr böse auf mich, weil ich so viel schwätzte; eine Ermahnung folgte der anderen, bis ich eine Strafarbeit bekam. Einen Aufsatz zum Thema »Eine Quasseltante«. Eine Quasseltante, was soll man denn da schreiben? Darum würde ich mich später [15]kümmern; ich trug es in meinen Kalender ein, steckte ihn in die Tasche und versuchte still zu sein.

Am Abend zu Hause, als die anderen Aufgaben erledigt waren, fiel mein Blick auf die Notiz über den Aufsatz. Mit dem Ende meines Füllfederhalters im Mund begann ich über das Thema nachzudenken; einfach so etwas faseln und die Wörter so weit wie möglich auseinanderschreiben, das kann jeder, aber einen überzeugenden Beweis für die Notwendigkeit des Schwätzens zu finden, das war die Kunst. Ich überlegte und überlegte; dann hatte ich plötzlich eine Idee, schrieb die mir aufgegebenen drei Seiten voll und war zufrieden. Als Gründe hatte ich angeführt, dass Schwätzen weiblich ist, dass ich wirklich mein Bestes tun würde, um es ein wenig einzuschränken, aber ganz abgewöhnen würde ich es mir sicher nie, da meine Mutter genauso viel redete wie ich, wenn nicht noch mehr, und dass man bei vererbten Eigenschaften nun einmal wenig machen kann.

Herr Keesing musste über meine Argumente sehr lachen, aber als ich meine Plauderrunde in der nächsten Stunde doch wieder aufnahm, folgte auch der zweite Aufsatz. Diesmal sollte es um »eine unverbesserliche Quasseltante« gehen. Auch der wurde abgeliefert, und Keesing hatte zwei Stunden lang keinen Grund zur Klage. In der dritten Stunde wurde es ihm allerdings wieder zu bunt. »Anne Frank, als Strafarbeit fürs Reden einen Aufsatz zum Thema ›Queck, queck, queck, sagte Fräulein Schnatterbeck‹.« Die Klasse brach in lautes Gelächter aus. Ich musste mitlachen, obwohl mein Erfindungsreichtum auf dem Gebiet von Quasselaufsätzen erschöpft war. Ich musste etwas anderes, ganz Originelles als Antwort finden. Der Zufall [16]kam mir zu Hilfe; meine Freundin Sanne, eine gute Dichterin, bot mir ihre Unterstützung dabei an, den Aufsatz von vorne bis hinten in Reimen abzugeben. Ich jubelte. Keesing wollte mich mit diesem blödsinnigen Thema hochnehmen; ich würde ihn mit meinem Gedicht gleich dreifach hochnehmen.

Das Gedicht wurde verfasst, und es war prächtig! Es handelte von einer Mutter Ente und einem Vater Schwan, mit drei kleinen Entchen, die wegen zu viel Quaken vom Vater totgebissen wurden. Keesing verstand den Spaß zum Glück gut; er las das Gedicht mit Kommentar in der Klasse vor und in verschiedenen anderen Klassen auch noch. Seitdem durfte ich schwätzen und bekam nie wieder eine Strafarbeit; im Gegenteil, Keesing macht jetzt immer seine Witzchen.

Deine Anne

 

 

Mittwoch, 24. Juni 1942 [b]

Liebe Kitty,

es ist brütend heiß, jeder schnauft und brät vor sich hin, und in dieser Hitze muss ich alle Wege zu Fuß gehen. Jetzt sehe ich erst, was für eine schöne Sache eine Straßenbahn doch ist, vor allem eine offene, aber die dürfen wir Juden nicht mehr genießen; für uns sind die eigenen Füße gut genug. Gestern musste ich mittags zum Zahnarzt in die Jan Luikenstraat; von unserer Schule am Stadtgarten aus ist das ein langer Weg; in der Schule schlief ich dann nachmittags auch fast ein. Ein Glück, dass die Leute einem von selbst etwas zu trinken anbieten; die Schwester beim Zahnarzt ist wirklich freundlich. Das Einzige, [17]was wir noch benutzen dürfen, ist die Fähre; an der Jozef-Israëls-Kade gibt es ein kleines Boot, dessen Fährmann uns sofort mitnahm, als wir ihn baten, uns überzusetzen. An den Holländern liegt es wirklich nicht, dass wir Juden so eine schreckliche Zeit haben. Ich wollte nur, ich müsste nicht zur Schule; mein Fahrrad ist in den Osterferien gestohlen worden, und das von Mutter hat Vater bei christlichen Bekannten in Aufbewahrung gegeben. Aber zum Glück stehen die Ferien schon fast vor der Tür; noch eine Woche, und alles ist überstanden. Gestern Morgen ist mir etwas Schönes passiert; ich ging am Fahrradständer vorbei, als jemand nach mir rief. Ich wandte mich um und sah einen netten Jungen hinter mir stehen, den ich am Abend zuvor bei Wilma kennengelernt hatte. Er kam ein wenig verlegen näher und stellte sich als Hello Silberberg vor. Ich war ein bisschen erstaunt und wusste nicht genau, was er wollte, aber das stellte sich bald heraus. Hello wollte meine Gesellschaft genießen und mich zur Schule bringen. »Wenn du sowieso in dieselbe Richtung musst, gehe ich gerne mit«, antwortete ich, und so gingen wir zusammen. Hello ist schon sechzehn und kann über allerlei Dinge nett erzählen; heute Morgen hat er wieder auf mich gewartet, und in Zukunft wird das nun wohl so bleiben.

Anne

 

 

Mittwoch, 1. Juli 1942 [b]

Liebe Kitty,

bis heute habe ich wirklich keine Zeit finden können, wieder zu schreiben. Am Donnerstag war ich den ganzen [18]Nachmittag bei Bekannten, am Freitag hatten wir Besuch, und so ging es immer weiter bis heute.

Hello und ich haben einander in dieser Woche gut kennengelernt, er hat mir viel über sein Leben erzählt; er kommt aus Gelsenkirchen und ist ohne seine Eltern bei seinen Großeltern hier in den Niederlanden. Seine Eltern sind in Belgien; für ihn gibt es keine Möglichkeit, auch dort hinzukommen. Hello hatte ein Mädchen namens Ursula, ich kenne sie sogar; ein Muster an Sanftheit und Langeweile; seit er mich getroffen hat, ist Hello zu der Erkenntnis gekommen, dass er an Ursuls [sic] Seite einschläft. Ich bin also eine Art Wachhaltemittel für ihn; ein Mensch weiß nie, wozu er im Leben gebraucht wird!

Am Montagabend war Hello bei uns zu Hause, um Vater und Mutter kennenzulernen; ich hatte Torte und Süßigkeiten geholt, Tee und Kekse, alles gab es, aber weder Hello noch ich hatten Lust dazu, so nebeneinander auf einem Stuhl zu sitzen; wir sind spazieren gegangen, und erst um zehn nach acht wurde ich daheim abgeliefert. Vater war sehr böse, fand es keine Art, dass ich zu spät zu Hause war; ich musste versprechen, in Zukunft schon um zehn vor acht drinnen zu sein. Am kommenden Samstag bin ich bei ihm eingeladen. Meine Freundin Jacque zieht mich immer mit Hello auf; ich bin aber wirklich nicht verliebt; oh nein, ich darf doch wohl Freunde haben, niemand findet da etwas dabei.

Vater ist in letzter Zeit viel zu Hause; in der Firma hat er nichts mehr zu suchen; es muss ein grässliches Gefühl sein, sich so überflüssig vorzukommen. Herr Kleiman hat Opekta übernommen, und Herr Kugler Gies & Co., die Gesellschaft für (Ersatz-)Kräuter, die erst 1941 gegründet wurde. [19]Als wir vor ein paar Tagen zusammen in der Nachbarschaft spazieren waren, fing Vater an, über Verstecken zu sprechen; er sprach davon, dass es sehr schwierig für uns sein würde, ganz abgeschnitten von der Welt zu leben. Ich fragte ihn, warum er denn nun schon darüber sprach. »Ja, Anne«, sagte er daraufhin, »du weißt, dass wir schon seit mehr als einem Jahr Kleidung, Lebensmittel und Möbel zu anderen Leuten bringen; wir wollen unseren Besitz nicht in die Hände der Deutschen fallen lassen, aber noch weniger wollen wir selbst aufgegriffen werden. Wir werden darum aus eigener Entscheidung weggehen und nicht warten, bis wir abgeholt werden.«

»Aber Vater, wann denn?«

Ich bekam Angst, weil Vater das mit so großem Ernst sagte.

»Keine Sorge, das regeln wir schon; genieße du dein sorgloses Leben, solange das noch geht.«

Das war alles. Oh, wenn es bis zur Erfüllung dieser ernsten Worte nur noch lange dauert.

Deine Anne

 

 

Mittwoch, 8. Juli 1942 [a]2

Ich muss jetzt eine ganze Menge in mein Tagebuch schreiben; am Sonntag war Hello bei mir; am Samstag waren wir mit Freddie Weiss unterwegs, natürlich u. a. auch in der [20]Oase. Am Sonntagmorgen lagen Hello und ich auf unserem Balkon in der Sonne; am Sonntagnachmittag sollte er wiederkommen, aber ungefähr um drei Uhr kam ein Polizist zu Mutter, der unten an der Tür nach Frl. Margot Frank rief; Mutter ging nach unten und bekam von dem Polizisten eine Karte, auf der stand, dass Margot Frank sich bei der SS zu melden hätte.

Mutter war völlig außer sich und ging sofort zu Herrn van Pels; er kam sofort mit zu uns, und mir wurde gesagt, dass Papa einen Aufruf bekommen hatte. Die Tür wurde abgeschlossen, und niemand durfte mehr in unsere Wohnung. Papa und Mama hatten schon lange Maßnahmen getroffen, und Mutter versicherte mir, dass Margot nicht gehen würde und dass wir am folgenden Tag alle zusammen weggehen würden. Ich fing natürlich sehr an zu weinen, und es war eine schreckliche Unruhe bei uns im Haus. Papa und Mama hatten schon lange sehr viele Sachen aus unserer Wohnung geschafft, aber wenn es darauf ankommt, vergisst man doch so vieles.

Miep Gies und ihr Mann Jan kamen dann bis um elf Uhr abends, um noch Sachen abzuholen. Wir gingen am folgenden Tag schon um Viertel vor acht aus dem Haus, und ich hatte eine kombineschen an, dann zwei Hemden und zwei Hosen, außerdem ein Kleid und einen Rock, dann eine Wollweste und eine Jacke; es goss, also setzte ich ein Kopftuch auf, und Mama und ich nahmen jede eine Schultasche unter den Arm. Margot stieg auch mit einer Schultasche aufs Fahrrad, und wir mussten zum Büro laufen.

Papi und Mami erzählten mir jetzt eine ganze Menge. Wir würden in Papis Büro gehen, und da oben war eine [21]Etage für uns freigemacht worden. Die van Pels’ würden auch kommen, dann wären wir also zu siebt, die Katze der van Pels’ würde auch mitkommen, dann hätten wir ein bisschen Abwechslung.

Wir kamen gut im Büro an, und dann gingen wir sofort nach oben, da war erst das WC und dann ein kleines Badezimmer mit einem neuen Waschtisch, daran grenzte ein kleines Zimmer mit zwei Diwanbetten, das war das Zimmer von Margot und mir. Da waren drei Wandschränke, daran grenzte wieder ein Zimmer, das von Papa und Mama, da standen wieder zwei Diwanbetten und zwei kleine Tische mit einem Rauchertischchen und ein Bücherregal und auch ein Wandschrank, darin standen 150 Dosen Gemüse und allerlei andere Vorräte, dann kamen wir in einen kleinen Gang, und dann waren da wieder zwei Türen, die eine führte in den Flur, und dann konnte man nach unten und in Papas Büro. Und eine führte wieder in unser Badezimmer, dann führte eine sehr steile Treppe nach oben, und da ist eine große Wohnküche, von den van Pels’, mit einem kleinen Zimmer für Peter, und dann kam ein Dachboden mit einem Oberboden.

Es ist hier alles gar nicht so schlimm, denn wir können selbst kochen und unten in Papis Büro Radio hören.

Ich kann jetzt ganz offen alle Namen und alles in mein Tagebuch schreiben. Herr Kleiman und Miep und auch Bep Voskuijl haben uns so geholfen; wir haben schon Rhabarber, Erdbeeren und Kirschen gehabt, und ich glaube nicht, dass wir uns hier vorläufig langweilen werden.

Herr van Pels erzählt herum, dass Papa mit einem Hauptmann aus der Armee befreundet ist und der ihm geholfen hat, nach Belgien zu kommen; diese Geschichte [22]kennt nun jeder, und wir amüsieren uns darüber. Zu lesen haben wir auch, und wir kaufen noch ganz viele Spiele.

Aus dem Fenster schauen oder nach draußen gehen dürfen wir natürlich nie. Außerdem müssen wir leise sein, denn unten dürfen sie uns nicht hören.

Jetzt höre ich auf, denn ich habe noch viel zu tun.

 

 

Mittwoch, 8. Juli 1942 [b]

Liebe Kitty,

zwischen Sonntagmorgen und jetzt scheint ein Abstand von Jahren zu liegen; es ist so viel passiert, dass es ist, als hätte sich die ganze Welt plötzlich umgedreht, aber Kitty, du merkst, dass ich noch lebe, und das ist die Hauptsache, sagt Vater.

Ja, tatsächlich, ich lebe noch, aber frag nicht, wo und wie. Ich glaube, dass du heute gar nichts von mir begreifst, darum werde ich damit anfangen, dir zu erzählen, was am Sonntagnachmittag passiert ist.

Um drei Uhr (Hello war kurz weggegangen und wollte später zurückkommen) klingelte jemand an der Tür; ich hörte es nicht, da ich faul im Liegestuhl auf der Veranda in der Sonne lag und las. Ein wenig später erschien Margot in aufgeregtem Zustand an der Küchentür. »Für Vater ist ein Aufruf von der SS gekommen«, flüsterte sie, »Mutter ist schon zu Herrn van Pels gegangen.«