Schlamm, Schweiß und Tränen - Bear Grylls - E-Book
Beschreibung

Welches Ereignis lockt regelmäßig Menschen in über 180 Ländern vor den Fernseher? Was haben schon 1,2 Milliarden Menschen im TV gesehen? Den Superbowl? Das Fußball-WM-Finale? Die Olympischen Spiele? Nicht ganz. Der Name hinter diesen Zahlen lautet: Grylls. Bear Grylls. Wenn sich der ehemalige Elitesoldat des britischen Special Air Service SAS durch die Wildnis kämpft, scheinbar Ungenießbares verspeist und ganz nebenbei jede Menge Überlebenstricks zum Besten gibt, kleben auch in Deutschland zahlreiche Fans vor dem Bildschirm. Auf DMAX läuft sein Format "Ausgesetzt in der Wildnis" und begeistert eine stetig steigende Zuschauerzahl. Bear Grylls lernte früh das Segeln und Klettern. In jungen Jahren begeisterte er sich für Bergsteigen und Kampfsport. Sein Weg führte ihn weiter zu den legendären Special Forces des britischen SAS. Bei einem Fallschirmabsturz in Afrika zog er sich drei Wirbelsäulenbrüche zu. Die Ärzte waren nicht sicher, ob er jemals wieder laufen würde. Allen Unkenrufen zum Trotz - und gegen den Rat seiner Ärzte - wurde er 18 Monate später der jüngste Brite, der den Mount Everest bezwang. Und das war nur der Anfang zahlreicher Abenteuer ... Nun erzählt Bear Grylls zum ersten Mal seine Geschichte.

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Schlamm, Schweiß und Tränen

Bear Grylls

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Mud, Sweat and Tears ISBN 978-1-905-02648-7

Copyright der Originalausgabe 2011:

Mud, Sweat & Tears copyright © Bear Grylls 2011. Translation copyright © 2012, by Börsenmedien AG, Kulmbach

Copyright der deutschen Ausgabe 2012: © Börsenmedien AG, Kulmbach

Übersetzung: Yvonne Rolli Gestaltung und Satz: Johanna Wack, Börsenmedien AG Lektorat: Hildegard Brendel Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

9783864700712

Alle Rechte der Verbreitung , auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sid im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 • 95305 Kulmbach Tel: +49 9221 9051-0 • Fax: +49 9221 9051-4444 E-Mail: buecher@boersenmedien.de www.plassen.de

Inhaltsverzeichnis

TitelImpressumWidmungVorwort1.
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2.
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3.
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4.
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5.
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NachwortNamensverzeichnis

Für meine Mutter. Ich danke Dir.

Vorwort

Die Lufttemperatur beträgt minus 20 Grad Celsius. Ich reibe meine eiskalten Finger kräftig aneinander, aber sie werden einfach nicht richtig warm. Sie machen einem eben ständig zu schaffen, diese alten Verletzungen, die man sich infolge von Erfrierungen eingehandelt hat. Die gehen auf das Konto des Mount Everest.

„Bist Du startklar, Kumpel?“, fragt Kameramann Simon mit einem Lächeln. Seine Kameraausrüstung ist montiert und einsatzbereit.

Ich lächle zurück. Ich bin ungewöhnlich nervös.

Irgendetwas stimmt nicht.

Aber ich höre nicht auf meine innere Stimme.

Die Arbeit ruft.

Mein Kamerateam schwärmt mir vor, wie atemberaubend schön die schneebedeckten Gipfel der kanadischen Rocky Mountains heute Morgen aussehen. Aber ich nehme das nicht wirklich wahr.

Denn es ist jetzt Zeit, dass ich mich gedanklich an meinen geheimen Ort zurückziehe. In jenen verborgenen Winkel tief in meinem Innersten, der sich durch absolute Konzentration, Unerschrockenheit, Klarheit und Präzision auszeichnet. Auch wenn ich mit diesem Teil meines Innersten am besten vertraut bin, ziehe ich mich nur äußerst selten an diesen Ort zurück.

Das mache ich ausschließlich in besonderen Situationen. So wie jetzt.

Unter mir befindet sich eine etwa 90 Meter lange, steil abfallende Felswand, die mit einer dicken Schnee- und Eisschicht bedeckt ist. Steil, aber durchaus machbar.

Eine derart rasante Schussfahrt wie diese habe ich schon oft, sehr oft gemacht. Meine innere Stimme ermahnt mich: Sei bloß niemals zu selbstsicher. Diese Stimme hat immer recht.

Ein letzter tiefer Atemzug. Ein Blick hinüber zu Simon. Dieser erwidert meinen Blick stillschweigend.

Doch wir haben eine entscheidende Kurve nicht korrekt genommen. Ich weiß es. Aber ich reagiere nicht.

Ich springe.

Ich werde augenblicklich von der Geschwindigkeit überrascht. Normalerweise mag ich das. Doch dieses Mal bin ich beunruhigt.

Ich spüre, dass irgendetwas nicht stimmt.

Im Nu rase ich mit über 65 Stundenkilometern talwärts. Füße voran den Berghang hinunter. Mit meinem Kopf sause ich nur wenige Zentimeter am Eis vorbei. Das ist meine Welt.

Ich werde immer schneller. Der Rand des Berghangs kommt immer näher. Höchste Zeit, die Schussfahrt abzubremsen.

Schnell drehe ich mich auf den Bauch und schlage meinen Eispickel tief in den Schnee.

Eine weiße Wolke aus feinem Schneestaub und Eis wirbelt durch die Luft. Nachdem ich den Eispickel mit meiner ganzen Kraft tief in das Schneefeld gerammt habe, merke ich sofort, dass ich extrem an Geschwindigkeit verliere.

Es läuft alles ganz genauso wie immer. Wie am Schnürchen. Grenzenloses Selbstvertrauen. Es ist einer jener seltenen Augenblicke, die von absolut klaren Gedanken geprägt sind.

Ein flüchtiger Augenblick. Dann ist er vorbei.

Ich bin jetzt zum Stillstand gekommen.

Die Welt um mich herum steht still. Dann – rums.

Simon und sein schwerer Holzschlitten samt dem robusten Kameragehäuse aus Metall krachen direkt in meinen linken Oberschenkel. Und das mit gut und gerne über 70 Stundenkilometern. Der laute Aufprall entlädt sich augenblicklich in einer unglaublichen Explosion aus Schnee und Schmerz.

Es ist, als hätte mich ein Güterzug erfasst. Ich werde den Berg hinuntergeschleudert wie eine Stoffpuppe.

Das Leben steht still. Ich fühle und sehe alles wie in Zeitlupe.

Im Bruchteil einer Sekunde wird mir jedoch eines klar: Wäre der Schlitten nur um ein Grad von seiner Bahn abgewichen, hätte er mich am Kopf erwischt. Zweifellos wäre dies dann wohl der letzte Gedanke in meinem Leben gewesen.

Stattdessen krümme ich mich vor Schmerzen.

Ich weine. Es sind Tränen der Erleichterung.

Ich bin zwar verletzt, aber am Leben.

Ich sehe einen Hubschrauber, kann ihn aber nicht hören. Dann bin ich im Krankenhaus. Ich war schon in einigen Krankenhäusern, seit wir die Reihe Abenteuer Survival – Ausgesetzt in der Wildnis: Bear Grylls drehen. Ich hasse Krankenhäuser.

Ich kann sie allesamt mit verbundenen Augen erkennen:

Die dreckige und blutverschmierte Notaufnahme in Vietnam, in die ich gebracht wurde, nachdem ich mir im Dschungel meinen Finger zur Hälfte abgesäbelt hatte. Nachttische gab es dort nicht.

Dann der Steinschlag im Yukon. Ganz zu schweigen von dem weitaus schlimmeren Felssturz in Costa Rica. Der Einsturz des Grubenschachts in Montana oder das Salzwasser-Krokodil in Australien. Oder der fast fünf Meter lange Tigerhai, mit dem ich im Pazifik Bekanntschaft gemacht habe, oder gar der Schlangenbiss, den ich mir in Borneo zugezogen habe.

Es gab unzählige Situationen, in denen ich dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen bin.

Sie alle verschwimmen irgendwie in meiner Erinnerung. Alle waren übel.

Doch alle sind sie gut ausgegangen. Ich bin am Leben.

Es gibt viel zu viele solcher Situationen, um mich darüber aufzuregen. Denn das Einzige, worauf es im Leben ankommt, ist zu leben.

Ich lächle nur.

Am nächsten Tag ist der Zusammenstoß vergessen. Für mich gehört er der Vergangenheit an. Unfälle passieren eben; niemand hat Schuld daran.

Ich habe meine Lektion gelernt.

Hör auf Deine innere Stimme.

Und weiter geht’s.

„Hey, Si, ich nehm’s locker. Du gibst mir einfach eine Piña Colada aus, wenn wir hier rauskommen. Ach, und außerdem werde ich die Rechnungen für Bergrettung, Krankenhaus und Physiotherapie an Dich weiterleiten.“

Er greift nach meiner Hand und drückt sie. Ich mag diesen Kerl einfach.

Wir haben immerhin schon so manches Abenteuer gemeinsam gemeistert.

Ich schaue an mir herunter – auf meine zerrissenen Ski-Latzhosen, auf meine mit Blut verschmierte Jacke, die zertrümmerte Minikamera und die zerbrochene Skibrille.

Doch insgeheim frage ich mich: „Wann wurde dieses ganze verrückte Treiben eigentlich zu meiner Welt?“

1.

Die jungen Leute wissen nochzu wenig, um vernünftig zu handeln.Darum versuchen sie dasUnmögliche – und bringen es,Generation für Generation,aufs Neue zuwege.

– Pearl S. Buck, US-amerikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin

1

Mein Urgroßvater Walter Smiles hatte eine ganz klare Vorstellung von seinem Lebenstraum. Denn während er an der nordirischen Küste, die er so sehr liebte, die frische salzige Meeresluft einatmete, ließ er seinen Blick zu den weit draußen liegenden Copeland Islands von County Down schweifen. Er gelobte, dass er eines Tages nach Portavo Point – an diese ursprüngliche und windumtoste Bucht – zurückkehren würde, um genau hier zu leben.

Er träumte davon, sein Glück zu machen, seine große Liebe zu heiraten und ein Haus für sich und seine Braut zu bauen – hier, in dieser kleinen Bucht, von der aus man die zerklüftete irische Küstenlinie überblicken kann. Es war ein Traum, der nicht nur sein Leben, sondern letztlich auch sein Lebensende prägen sollte.

Walter stammte aus einer starken, hoch motivierten und zielstrebigen Familie. Sie war zwar nicht einflussreich und gehörte auch nicht zur High Society, dafür zeichneten sich ihre Mitglieder aber als vernünftige und tatkräftige Menschen mit großem Familiensinn aus. Walters Großvater war Samuel Smiles, der Autor des 1859 erschienenen bahnbrechenden „Motivations“-Ratgebers mit dem Titel Self-Help. Das Werk galt als Meilenstein und wurde sofort zu einem Bestseller, dessen Erstausgabe sogar noch höhere Verkaufszahlen erzielte als On the Origin of Species1 von Charles Darwin.

Samuels Buch Self-Help betonte insbesondere auch den Leitsatz, dass harte Arbeit und Durchhaltevermögen eine Schlüsselrolle bei der persönlichen Weiterentwicklung spielen. In der viktorianischen Gesellschaft traf sein Buch Self-Help haargenau ins Schwarze, denn zur damaligen Zeit lag einem Engländer die Welt regelrecht zu Füßen, sofern er über den nötigen Elan und Unternehmungsgeist verfügte, um sich tatkräftig für die Verwirklichung seiner Ziele einzusetzen. Das Buch wurde zum ultimativen Leitfaden, der dem gewöhnlichen Mann auf der Straße das Rüstzeug an die Hand gab, nach den Sternen zu greifen. Die Kernaussage des Buches machte deutlich, dass der Adelsstand kein Geburtsrecht ist, sondern dass er durch unser Handeln definiert wird. Es enthüllte die einfachen, bislang jedoch unausgesprochenen Grundsätze für ein sinnvolles und erfülltes Leben und definierte einen Gentleman einzig auf der Grundlage seines Charakters und nicht etwa seiner Abstammung.

Reichtum und gesellschaftliche Stellung gehen nicht zwingend Hand in Hand mit echten ritterlich-edelmütigen Charaktereigenschaften. Denn ein armer Mann, welcher reich ist an Mut und Tatkraft, ist in jeglicher Hinsicht einem reichen Mann, welcher arm ist an Mut und Tatkraft, weit überlegen.

Um es mit den Worten des heiligen Paulus zu sagen, der Erstgenannte „hat nichts und besitzt doch alles“, während der Letztgenannte zwar alles besitzt und dennoch nichts hat.

Nur diejenigen, welche arm sind an Mut und Tatkraft, sind wahrhaftig arm. Derjenige, der alles Hab und Gut verloren hat, aber dennoch seinen Mut, seinen Frohsinn, seine Hoffnung, seine Tugend und seine Selbstachtung nicht sinken lässt, ist noch immer ein reicher Mann.

Im viktorianischen Zeitalter, das heißt in einem aristokratischen England mit extrem ausgeprägtem Klassenbewusstsein, waren dies revolutionäre Worte. Um seinen Leitsatz unmissverständlich deutlich zu machen (und um zweifellos ein paar hochwohlgeborenen aristokratischen Egos auf den Schlips zu treten) betonte Samuel noch einmal mit Nachdruck, dass der Titel Gentleman verdient werden müsse: „Es gibt keinen Freifahrtschein für wahre Größe.“

Samuel Smiles schließt sein Buch mit der nachfolgenden sehr bewegenden Geschichte eines Generals mit Gentleman-Qualitäten:

Ein Gentleman zeichnet sich durch seine Aufopferungsbereitschaft aus, indem er das Wohl der anderen bei den kleinen alltäglichen Angelegenheiten des Lebens vor sein eigenes stellt. […] In diesem Zusammenhang wollen wir auf die Anekdote des edelmütigen Sir Ralph Abercromby verweisen, von dem berichtet wird, dass man ihm, als er in der Schlacht von Abukir tödlich verwundet wurde, eine Wolldecke, die einem Soldaten gehörte, unter den Kopf geschoben hatte, um seine Schmerzen erträglicher zu machen, wodurch seine Qualen in der Tat erheblich gelindert wurden.

Er fragte, was man ihm da unter den Kopf geschoben hatte.

„Das ist bloß die Wolldecke von einem Soldaten“, lautete die Antwort.

„Wem gehört diese Decke?“, fragte er, indem er seinen Oberkörper halbwegs aufrichtete.

„Einem der Männer.“„Ich wünsche zu erfahren, wie dieser Mann heißt, dem die Decke gehört.“„Sie gehört Duncan Roy vom 42. Regiment, Sir Ralph.“„Dann sorgen Sie dafür, dass Duncan Roy noch heute Nacht seineDecke zurückerhält.“

Der General hätte noch nicht einmal für eine einzige Nacht einen einfachen Soldaten seiner Decke beraubt, selbst wenn er dadurch seine Todesqualen hätte lindern können.

Es ist genauso, wie Samuel geschrieben hat: „Wahrer Mut und echte Großherzigkeit gehen Hand in Hand.“

Und genau in dieser Familie, die nach eben diesem altüberlieferten Wertesystem lebte, ist mein Urgroßvater Walter aufgewachsen und hat seinen ganz persönlichen Lebenstraum gefunden.

2

Im Ersten Weltkrieg stürzte sich Urgroßvater Walter ins Kampfgeschehen, und zwar wo und wann auch immer sich ihm die Möglichkeit dazu bot. Er galt als einer jener „seltenen Offiziere, die ganz und gar im Kampfgeschehen aufgehen“.

Er hatte den Pilotenschein gemacht, doch als er merkte, dass sein Einsatz im Luftkampf aufgrund des Mangels an Flugzeugen eher unwahrscheinlich war, ließ er sich als Sub-Lieutenant [Unterleutnant zur See] zur Royal Naval Armoured Car Division – einer Panzerwagen-Schwadron der britischen Marine – versetzen, die von Winston Churchill ins Leben gerufen worden war und eine Art Vorläuferorganisation der späteren Spezialeinheiten darstellte.

Anders als die britischen Offiziere an der Westfront, die monatelang in ihren Schützengräben festsaßen, pendelte er zwischen zahlreichen wichtigen Kriegsschauplätzen hin und her – und dabei war er ganz in seinem Element. Selbst Walters CO – sein befehlshabender Offizier – hielt in einem offiziellen Bericht fest: „Besonders hervorzuheben ist Lieutenant Smiles uneingeschränkte Bereitschaft zur Übernahme gefährlicher Einsätze unter schwierigsten Bedingungen.“

Dann wurde er zur Kaiserlich Russischen Armee des Zaren abgestellt, um die Türken an der Kaukasusfront zu bekämpfen. Und während dieses Einsatzes wurde Walter sehr schnell befördert – 1915 zum Lieutenant [Kapitänleutnant], 1917 zum Lieutenant Commander [Korvettenkapitän] und 1918 zum Commander [Fregattenkapitän]. In diesen Jahren wurde Walter mit zahlreichen Orden für seine Verdienste ausgezeichnet: Für seine Tapferkeit im Kampfgeschehen erhielt er 1916 einen DSO – Distinguished Service Order – und 1917 erneut einen DSO, der mit einem Bar – einer besonderen Spange auf dem Medaillenband – gekennzeichnet war, 1919 eine „Mention in Despatches“ – eine namentliche Erwähnung im Kriegsbericht, die als besondere militärische Auszeichnung für Tapferkeit und vorbildliche Pflichterfüllung gilt sowie eine Reihe weiterer russischer und rumänischer militärischer Auszeichnungen.

In der lobenden Erwähnung anlässlich der Verleihung seiner ersten DSO-Auszeichnung hieß es: „Er wurde am 28. November 1916 in der Dobrudscha verwundet. Sobald er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, meldete er sich freiwillig, um eine Fliegerstaffel anzuführen, die bei einem Sondereinsatz die Stadt Braila erkunden sollte; dabei ist es in erster Linie seiner Tapferkeit zu verdanken, dass dieser Einsatz so erfolgreich durchgeführt werden konnte.“

Ein anderes Mal, als er sich mit einem Panzerfahrzeug im Kampfeinsatz befand, musste er zweimal aussteigen, um es unter heftigem Artilleriefeuer wieder in Gang zu bringen. Nachdem er von einer Kugel getroffen wurde, ließ er sich in einen Graben rollen und hielt verbissen den ganzen Tag seinen Angreifern stand. Ungeachtet der Tatsache, dass Walter verletzt war, stieß er binnen 24 Stunden wieder zu seiner Einheit und konnte es gar nicht abwarten, seinen Dienst erneut aufzunehmen. Sobald er wieder auf den Beinen war, führte er seine Fahrzeuge auch schon wieder ins Kampfgeschehen. Walter bewies nicht nur ein unerschütterliches Pflichtbewusstsein, sondern auch einen unbändigen Wagemut.

In einem Auszug aus dem Russian Journal von 1917 hieß es, dass Walter „ein außerordentlich mutiger Offizier und ein großartiger Kamerad“ war. Und der Kommandant der russischen Armee schrieb an Walters befehlshabenden Offizier: „Die außergewöhnliche Tapferkeit und grenzenlose Unerschrockenheit von Lieutenant Commander Smiles haben einen ruhmvollen Beitrag zur britischen Militärgeschichte geleistet und geben mir die Gelegenheit, ihn für die Auszeichnung mit dem höchsten militärischen Verdienstorden, nämlich dem russischen Orden des Heiligen Georg 4. Klasse, vorzuschlagen.“ Zur damaligen Zeit galt dieser Orden als höchste militärische Auszeichnung in Russland, die einem Offizier für außergewöhnliche Tapferkeit vor dem Feind verliehen werden konnte.

Um ehrlich zu sein, ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ein Urgroßvater, der den Namen Walter trug, wohl eher ein langweiliger oder ernster Mensch gewesen sein muss. Aber nachdem ich ein wenig in der Vergangenheit gegraben hatte, habe ich schließlich entdeckt, dass er in Wirklichkeit ein ausgelassener, charismatischer und über die Maßen mutiger Mann war. Außerdem finde ich es klasse, dass Walter auf den Familienportraits, die ich gesehen habe, genauso aussieht wie mein ältester Sohn Jesse. Das zaubert immer ein Lächeln auf meine Lippen. Walter war schon ein großartiger Mann, an dem man sich ein Beispiel nehmen kann. Seine Verdienstorden und Medaillen hängen zwar noch heute bei uns zu Hause an der Wand, aber eigentlich habe ich nie so richtig begriffen, was für ein außergewöhnlich tapferer und heldenmütiger Mann mein Urgroßvater doch war.

Nach dem Krieg ging Walter nach Indien zurück, wo er schon vor Kriegsbeginn gearbeitet hatte. Dort war er als Arbeitgeber bekannt, der sich „gern unter seine indischen Arbeiter auf seinen Teeplantagen mischte und großes Engagement für die Probleme der ‚niederen‘ Kasten zeigte.“ Im Jahr 1930 wurde ihm die Ritterwürde verliehen – Sir Walter Smiles.

Auf einem Segelschiff, das ihn von Indien nach England zurückbrachte, lernte Walter dann seine zukünftige Ehefrau Margaret kennen. Margaret war eine sehr eigenständige Frau im mittleren Alter. Sie begeisterte sich sehr für Bridge und Polo, sah gut aus, hatte ein resolutes Auftreten und konnte Dummköpfe partout nicht ausstehen. Als sie es sich an Deck des Frachtschiffs mit ihrem Gin Tonic und einem Kartenspiel gemütlich machte, hätte sie nie im Leben damit gerechnet, dass sie sich verlieben würde. Denn auf dieser Schiffsreise lernte sie Walter kennen, aber so ist das nun mal mit der Liebe: Sie kommt meist völlig unerwartet und kann das ganze Leben verändern.

Schon kurze Zeit nach seiner Ankunft in England heiratete Walter seine Margaret, und obwohl sie schon im „fortgeschrittenen“ Alter war, wurde sie ziemlich schnell schwanger – sehr zu ihrem Entsetzen. Für eine Lady in den Vierzigern war es damals – zumindest nach ihrer Auffassung – einfach nicht „schicklich“, noch ein Kind auf die Welt zu bringen und deshalb unternahm sie alles erdenklich Mögliche, um ihre Schwangerschaft zu gefährden.

Meine Großmutter Patsie (sie war zu jenem Zeitpunkt das ungeborene Kind, das Margaret unter ihrem Herzen trug) hat mir einmal erzählt, was ihre Mutter zu diesem Zweck alles unternommen hat: „Sie ist sofort hinausgestürmt und hat die drei schlimmsten Dinge getan, die man in der Schwangerschaft überhaupt tun kann. Sie schwang sich auf ihr Pferd und jagte im gestreckten Galopp durch die Gegend, trank eine halbe Flasche Gin und genehmigte sich zum Schluss dann stundenlang noch ein richtig heißes Vollbad.“

Ihr Vorhaben scheiterte (Gott sei Dank) und im April 1921 erblickte Walters und Margarets einziges Kind Patricia (oder Patsie) – meine Großmutter – das Licht der Welt.

Als Walter Indien verließ und nach Nordirland zurückkehrte, erfüllte er sich schließlich seinen Lebenstraum. Er errichtete für Margaret ein Haus, und zwar an exakt demselben Ort in County Down, an dem er vor so vielen Jahren gestanden und aufs Meer hinausgeschaut hatte.

Mit seinem diplomatischen Geschick und messerscharfen Verstand ging er dann in die Politik und gewann am Ende den Parlamentssitz für Nordirland im Wahlbezirk North Down in Ulster, wo er dem Volk treu diente.

Am 30. Januar 1953 jedoch, einem Samstag, sollte sich all das ändern. Walter hatte gehofft, dass er vom Parlamentssitz in London nach Ulster zurückfliegen könnte. Doch in jener Nacht braute sich ein Sturm zusammen, der ein so fürchterliches Unwetter mit sich brachte, wie es Großbritannien in über zehn Jahren nicht mehr erlebt hatte. Da sein Flug wie zu erwarten gecancelt wurde, reservierte er stattdessen einen Sitzplatz im Nachtzug nach Stranraer in Schottland.

Am nächsten Tag dann – der Sturm nahm derweil immer bedrohlichere Ausmaße an – bestieg Walter die Princess Victoria, die Autofähre nach Larne in Nordirland. Den Passagieren wurde versichert, dass das Schiff seetüchtig sei. Zeit war immerhin Geld und so verließ die Fähre den Hafen wie geplant.

Was jedoch in jener Nacht geschah, hat die Städte Larne und Stranraer bis zum heutigen Tag stark geprägt. Vermeidbare Unfälle traumatisieren die Menschen, denn sie ereignen sich immer dann, wenn der Mensch aus purer Dummheit die Naturgewalten zum Duell herausfordert – und verliert.

Nicht vergessen: Warnungen soll man beherzigen.

3

Bei den Leuten hieß das Haus von Walter und Margaret an der Küste von Donaghadee einfach nur „Portavo Point“.

Von diesem mit viel Liebe gebauten Haus aus hatte man einen atemberaubenden Ausblick über die gesamte Küstenlinie und an einem klaren Tag konnte man nicht nur die in der Ferne schimmernden kleinen Inseln sehen, sondern sogar weit aufs Meer hinausschauen.

Das Haus war ein magischer Ort und ist es noch immer.

Allerdings war dies in jener Nacht nicht so.

Walter stand auf dem Deck der Autofähre und beobachtete, wie sich die schottische Küstenlinie immer weiter entfernte, während die stählerne Fähre – sie hatte ein durchgehendes und zum Heck hin offenes Fahrzeugdeck – hinausglitt auf See und mitten hineinfuhr in die sich immer höher auftürmenden Wellenberge dieses schweren Sturms. Die Wetterlage verschlimmerte sich immer weiter, die Überfahrt wurde immer stürmischer und die Wellen immer höher. Bis sich die Princess Victoria auf einmal – zu diesem Zeitpunkt war sie nur noch wenige Meilen von ihrem Zielhafen in Nordirland entfernt – inmitten des schwersten Orkans befand, der jemals über der Irischen See getobt hatte.

Anfangs konnte die Fähre den hohen Wellen zwar noch trotzen, aber achtern auf dem offenen Fahrzeugdeck gab es aufgrund eines Konstruktionsfehlers ein Leck in den Hecktoren, was katastrophale Folgen haben sollte.

Denn nach und nach drang über die nicht vollständig geschlossenen Falltore am Heck der Fähre immer mehr Wasser auf das Fahrzeugdeck. Und als dann noch schwere Brecher über das Deck schlugen, konnten die eindringenden Wassermassen nicht mehr über die Speigatten abfließen, wodurch sie sich ungehindert im gesamten Laderaum verteilen konnten, sodass das Schiff unter dem zunehmenden Gewicht dieser Wassermassen letztlich immer weniger Fahrt machen konnte, weil es immer mehr an Stabilität verlor, sich zur Seite neigte und folglich manövrierunfähig wurde.

Auch die Kielräume füllten sich schließlich mit Wasser. Undichte Hecktore und eindringendes Wasser, das nicht vollständig wieder abfließen kann, sind eine tödliche Kombination – bei jedem Sturm.

Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis die See das Schiff verschlingen würde.

Schon bald drehte der Sturm die Princess Victoria längsseits in die Wellen, wodurch das Schiff unter dem Gewicht der hereinbrechenden Wassermassen ins Schlingern geriet und Schlagseite bekam. Der Kapitän gab den Befehl, die Rettungsboote auszusetzen.

Ein Überlebender des Unglücks sagte damals vor dem Ulster High Court – dem Obersten Gericht – aus, dass er gehört hätte, wie Walter der Mannschaft genaue Instruktionen erteilt hatte: „Los, los, macht weiter, versorgt zuerst die Frauen und Kinder mit Rettungswesten.“

In sturmgepeitschter, tosender See sorgten der Kapitän und seine Besatzung dann dafür, dass die von panischer Angst getriebenen Passagiere die Rettungsboote bestiegen.

Zu diesem Zeitpunkt konnten sie allerdings nicht ahnen, dass sie die Rettungsboote mit den Frauen und Kindern in den sicheren Tod schicken würden.

Denn als die Rettungsboote heruntergelassen wurden, saßen die Passagiere zwischen dem Stahlrumpf der Fähre und der weiß schäumenden Gischt der hereinbrechenden Wellenberge sozusagen in der „Todesfalle“.

In dieser Situation waren sie den starken Sturmböen und dem peitschenden Regen erbarmungslos ausgeliefert – es gab kein Entrinnen.

Durch die Gewalt der seitlich aufschlagenden Wellen gerieten die Rettungsboote in eine unkontrollierte Rotationsbewegung um ihre Längsachse, wobei die von vorn auftreffenden Wellen die Boote zusätzlich noch um ihre Querachse drehten – das heißt, sie schaukelten und schlingerten hilflos vor sich hin und schafften es nicht, sich vom Rumpf der Fähre zu entfernen. Angesichts der heftigen Orkanböen und des hohen Seegangs war die Mannschaft nicht in der Lage, die Evakuierung des Schiffes voranzutreiben und musste ohnmächtig mit ansehen, wie schließlich fast alle Rettungsboote – eins nach dem anderen – kenterten.

Doch jetzt im Januar würde die Überlebenszeit der Passagiere in dem eiskalten Wasser der Irischen See nur wenige Minuten betragen.

In immer kürzeren Abständen schlugen die Wellen nun mit voller Wucht gegen das Schiff und es zeichnete sich ab, dass die Fähre diesem Sturm nicht standhalten konnte. Der Kampf des Schiffes gegen die Naturgewalten war aussichtslos – der Kapitän wusste es und Walter wusste es auch.

Die Sir Samuel Kelly, das Seenotrettungsboot aus Donaghadee, lief an diesem Samstag etwa gegen 13:40 Uhr aus und schaffte es bei schwerer See, die havarierte Fähre zu erreichen.

Die Besatzung musste sich durch heftige Böen und schwere Brecher kämpfen, aber es gelang ihr, von den 165 Passagieren zumindest 33 lebend zu bergen.

Als ehemaliger Pilot im Ersten Weltkrieg reiste Walter stets lieber mit dem Flugzeug als mit dem Schiff. Jedes Mal, wenn er mit der „Dakota“ von London zurück nach Nordirland flog, bat er darum, dass er auf dem Vordersitz sitzen darf, damit er – so witzelte er immer – im Fall eines Absturzes als Erster tot ist.

Es war schon Ironie des Schicksals, dass er nicht durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kam, sondern durch eine Schiffsreise.

Er hatte alles Erdenkliche getan, um den Passagieren zu helfen; alle Möglichkeiten waren ausgeschöpft. Es war kein Rettungsboot mehr übrig. Walter zog sich still in seine Kabine zurück und wartete – er wartete darauf, dass die tosende See dem Schiff endlich den Todesstoß gab.

Er musste nicht lange warten, aber diese Zeit muss ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen sein. Das Glas im Bullauge von Walters Kabine muss in tausend Stücke zerborsten sein, als es dem unaufhörlichen Druck der Wassermassen nachgab.

Mein Urgroßvater Walter, der Kapitän der Princess Victoria sowie 129 weitere Personen – Besatzungsmitglieder und Passagiere – sie alle sind von der brüllenden See verschlungen und in die Tiefe gerissen worden.

Tot.

Dabei waren sie nur wenige Meilen von der nordirischen Küste entfernt; Portavo Point – Walters und Margarets Zuhause – war schon fast in Sichtweite.

Margaret und ihre Familie standen am Fenster im Gesellschaftszimmer und schauten hinaus auf die Bucht – sie konnten beobachten, wie die Leuchtsignale der Küstenwache, mit denen die Besatzungsmitglieder des Seenotrettungsboots in Donaghadee zu ihren Einsatzorten geleitet wurden, den Himmel hell erleuchteten –, aber sie konnten nichts weiter tun, als voll banger Sorge zu warten und zu beten.

Ihre Gebete wurden jedoch nicht erhört.

4

Das Seenotrettungsboot von Donaghadee fuhr am nächsten Morgen – einem Sonntag – früh um sieben Uhr noch einmal hinaus auf See; der Sturm war vorüber und das Meer war gespenstisch ruhig und spiegelglatt. Im Umkreis der Unglücksstelle fand die Rettungsmannschaft zwar zahlreiche kleinere Wrackteile, konnte aber letztlich nur die Leichen von elf Männern, einer Frau und einem Kind bergen.

Die Retter fanden keinen einzigen Überlebenden; die übrigen Todesopfer hatte die See verschlungen und gab sie nicht mehr her.

Noch am selben Tag musste sich Margaret unter Schock der traurigen Pflicht stellen, die Leichen zu identifizieren, die an der Kaimauer im Hafen von Donaghadee aufgebahrt waren.

Der Leichnam ihres geliebten Mannes wurde nie gefunden.

Margaret hat sich von diesem Schock nie erholt und ein Jahr später starb sie an gebrochenem Herzen.

Anlässlich eines Gedenkgottesdienstes, zu dem mehr als tausend Menschen in die Dorfkirche nach Bangor strömten, sagte der Bischoff von Down in seiner Ansprache, dass Walter Smiles gestorben war, wie er gelebt hatte: „Als guter, tapferer, selbstloser Mann, der nach dem Gebot lebte: ‚und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient‘.“

Fast auf den Tag genau hundert Jahre zuvor hatte Samuel Smiles die letzten Seiten seines Buches Self-Help geschrieben. Es schloss mit einer bewegenden Geschichte über Heldenmut, an dem sich der viktorianische Engländer ein Beispiel nehmen sollte. Was das Schicksal meines Urgroßvaters Walter angeht, so traf diese Geschichte in höchstem Maße auf sein Leben zu.

Das Dampfschiff fuhr mit 472 Männern und 166 Frauen und Kindern an Bord an der afrikanischen Küste entlang.

Bei den Männern handelte es sich größtenteils um Rekruten, die sich erst seit kurzer Zeit im Militärdienst befanden.

Um zwei Uhr morgens, während alle unter Deck schliefen, rammte das Schiff mit voller Wucht einen Felsen, der von der Wasseroberfläche aus nicht zu sehen war. Er durchbohrte den Rumpf und es war augenblicklich jedermann klar, dass das Schiff untergehen würde.

Mit einem Trommelwirbel wurden die Soldaten auf dem Oberdeck zu den Waffen gerufen und die Männer marschierten auf, als wären sie auf dem Exerzierplatz.

Sie bekamen den Befehl „Rettet die Frauen und Kinder.“; dann wurden die hilflosen Geschöpfe, die meisten von ihnen notdürftig bekleidet, an Deck gebracht und wortlos in die Boote gesetzt.

Nachdem alle Boote sich vom Schiffsrumpf entfernt hatten, rief der Kapitän leichtfertig: „All diejenigen, die schwimmen können, springen über Bord und schwimmen zu den Booten hinüber.“

Doch Hauptmann Wright vom 91. Regiment der Highlanders widersprach: „Nein! Wenn Ihr das macht, werden die Boote mit den Frauen voll Wasser laufen und untergehen, weil sie überladen sind.“ Also verharrten die tapferen Männer regungslos. Kein Einziger zitterte vor Angst; kein Einziger drückte sich vor seiner Pflicht.

„Bis zu jenem Augenblick, als das Schiff unterging, gab es bei den Männern weder ein Raunen noch einen Aufschrei“, sagte Hauptmann Wright, der das Unglück überlebt hatte.

Das Schiff ging unter und mit ihm die heldenmütige Truppe, die eine Salve der Freude abfeuerte, während die Wellen sie nach und nach verschlang.

Ruhm und Ehre gebührt den Großmütigen und Tapferen! Männer, die so beherzt und vorbildlich handeln, sterben nie, denn in unserer Erinnerung sind sie einfach unsterblich.

Zweifellos musste Walter als junger Mann diese Zeilen im Buch seines Großvaters gelesen und verinnerlicht haben.

In höchstem Maße ergreifend.

In der Tat: Männer, die so beherzt und vorbildlich handeln, sterben nie, denn in unserer Erinnerung sind sie einfach unsterblich.

5

Als die Princess Victoria sank, war Margarets Tochter Patsie – meine Großmutter – eine junge, attraktive Frau. Die Medien stürzten sich regelrecht auf dieses tragische Unglück, indem sie in ihren Reportagen den großherzigen Heldenmut und die unendliche Opferbereitschaft von Walter in den Mittelpunkt stellten.

Irgendwie schienen diese Schlagzeilen Patsies tiefen Schmerz zu lindern. Zumindest kurzfristig.

Patsies Trauer hatte im Handumdrehen einen Medienrummel ausgelöst und ehe sie sich versah, hatte sie eine Nachwahl gewonnen, um den Parlamentssitz ihres Vaters in Nordirland zu übernehmen.

Die strahlend schöne Tochter übernimmt das politische Amt ihres heldenhaften Vaters. Diese Geschichte war filmreif.

Doch das Leben ist nun mal kein Film und die magische Faszination, die vom Parlamentsgebäude, dem monumentalen Palace of Westminster, ausgeht, sollte sich für Nordirlands jüngste Parlamentsabgeordnete aller Zeiten noch als eine sehr schwere Bürde erweisen.

Patsie hatte Neville Ford – meinen Großvater – geheiratet: Ein sanftmütiger Riese von einem Mann, der noch sechs Geschwister hatte.

Nevilles Vater Lionel war „Dean of York“ – Dekan der Kathedrale von York Minster, der größten mittelalterlichen Kirche Englands – und Rektor der Harrow School, einer der bekanntesten Public Schools2 für Jungen. Sein Bruder Richard – er war ein großes sportliches Ausnahmetalent und besuchte das Eton College – war ganz plötzlich und unerwartet einen Tag vor seinem 17. Geburtstag verstorben. Christopher, ein anderer Bruder von Neville, fiel auf tragische Weise während des Zweiten Weltkriegs in Anzio.

Doch Neville überlebte und er war sehr erfolgreich.

Er besuchte das Oriel College in Oxford, wo er zum attraktivsten Studenten gekürt wurde. Aber Neville sah nicht nur sehr gut aus, sondern er war auch ein fantastischer Sportler. Er spielte Cricket in der Profiliga der Grafschaft und die Presse feierte ihn als großartigen „Sechserschläger“, da er aufgrund seiner Größe von 1,90 Meter und seiner kräftigen Statur Spieldurchgänge mit den höchsten Punktzahlen erzielte.

Dann heiratete er Patsie, die Liebe seines Lebens, denn ihr allein gehörte sein ganzes Herz.

Mit seiner frischgebackenen Ehefrau bezog er in der Grafschaft Cheshire ein Häuschen auf dem Land und war der glücklichste Mann der Welt. Er nahm eine Stelle in der Papierfabrik Wiggins Teape an und gründete mit Patsie in dieser ländlichen Idylle eine kleine Familie.

Was Neville jedoch beunruhigte war, dass Patsie sich in aller Öffentlichkeit dazu bekannt hatte, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Er wusste, dass sich durch diese Entscheidung das Leben der ganzen Familie dramatisch verändern würde. Aber dennoch gab er seine Zustimmung.

Doch der Glamourfaktor von Westminster war nicht nur für eine junge Ehefrau sehr berauschend, sondern auch in den Korridoren des Parlamentsgebäudes war man(n) in gleicher Weise berauscht von Patsies Intelligenz und Schönheit.

Neville saß im gemeinsamen Zuhause in Cheshire und wartete geduldig. Doch vergebens.

Es dauerte nicht lange, bis Patsie eine Liebschaft mit einem Parlamentsabgeordneten anfing. Der Abgeordnete versprach ihr, dass er seine Frau verlassen würde, wenn sie sich von Neville trennte. Das war eine typische Floskel, nichts weiter als ein leeres Versprechen. Doch zu diesem Zeitpunkt war die junge Patsie schon tief in den gefährlichen Strudel der Macht geraten. Sie beschloss, Neville zu verlassen.

Es war eine Entscheidung, die sie bis zu ihrem Lebensende tief bereut hat.

Natürlich hat dieser Parlamentsabgeordnete seine Frau nie verlassen. Doch nun, da Patsie alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte, musste ihr Leben ja schließlich weitergehen.

Doch unsere Familie litt sehr unter der Trennung; für Nevilles und Patsies zwei junge Töchter (für Sally, meine Mutter, und ihre Schwester Mary-Rose) war es eine Katastrophe, die ihre Welt ins Wanken brachte.

Für Neville war es eine entsetzliche Tragödie.

Es dauerte nicht lange, da machte Nigel Fisher, ein anderer Politiker, Patsie den Hof und dieses Mal heiratete sie ihren Verehrer. Doch schon zu Beginn ihrer Ehe ging Patsies Ehemann Nigel fremd.

Sie blieb jedoch bei ihm und ertrug den Kummer in der vagen Überzeugung, dass dies wohl Gottes Strafe dafür war, dass sie Neville – den einzigen Mann, der sie stets aufrichtig geliebt hat – verlassen hatte.

Patsie zog Sally und Mary-Rose groß und hat in ihrem weiteren Leben sehr viel geleistet und erreicht, darunter unter anderem die Gründung einer der erfolgreichsten karitativen Einrichtungen in Nordirland – den Women Caring Trust, der auch heute noch (unter dem Namen Hope for Youth Northern Ireland, Anm. d. Übers.) mithilfe spendenfinanzierter Projekte, zum Beispiel mit Musik- und Kunstworkshops oder Berg- und Wandertouren, ein friedliches und kreatives Miteinander zwischen Katholiken und Protestanten in der konfliktgebeutelten nordirischen Gesellschaft unterstützt. (Wandern und Bergsteigen lag unserer Familie ja schon immer im Blut!)

Oma Patsie wurde von vielen geliebt und sie verfügte über jene Charakterstärken, die schon ihr Vater und ihr Großvater besaßen. Allerdings hat sie die Scheidung von Neville in jungen Jahren zeitlebens bereut und hat diesen Schmerz nie überwunden.

Als meine Schwester Lara zur Welt kam, hat sie ihr einen sehr bewegenden, gleichzeitig aber auch sehr schönen Brief über das Leben geschrieben, der mit folgenden Worten endete:

Genieße und schätze die Augenblicke purer Glückseligkeit wie einen wertvollen Edelstein – sie kommen völlig unerwartet und mit einem berauschenden Gefühl wahrer Wonne.

Aber es wird natürlich auch Augenblicke geben, in denen Dir alles düster und grau erscheint – vielleicht wird ein Mensch, den Du von ganzem Herzen liebst, Dich verletzen oder enttäuschen, sodass Dir vielleicht alles extrem kompliziert oder absolut sinnlos erscheint. Doch denke immer daran, dass alles vorübergeht und nichts so bleibt, wie es ist … und dass jeder Tag ein neuer Anfang ist und dass keine Situation, ganz gleich, wie schrecklich sie auch sein mag, völlig hoffnungslos ist.

Warmherzigkeit gehört zu den wichtigsten Dingen im Leben und kann so viel bedeuten. Sei bestrebt, niemals die Menschen zu verletzen, die Du liebst. Wir alle machen Fehler und manchmal sind es schreckliche Fehler, aber sei bestrebt, niemanden aus purem Egoismus heraus zu verletzen.

Sei stets bestrebt, Dein Denken in die Zukunft zu richten und nicht in die Vergangenheit, doch versuche bloß nicht, die Vergangenheit zu verdrängen, denn sie ist ein Teil von Dir, denn sie hat aus Dir den Menschen gemacht, der Du bist. Aber bemühe Dich, bitte, bitte bemühe Dich, ein wenig aus der Vergangenheit zu lernen.

Erst sehr spät in Patsies letzten Lebensjahren sind Neville und sie so gut wie „wiedervereint“ gewesen.

Neville wohnte damals nur ein paar Hundert Meter von dem Haus auf der Isle of Wight entfernt, in dem ich als Teenager aufgewachsen bin, und in dem Patsie regelmäßig während der Sommermonate bei uns zu Besuch war, als sie älter wurde.

Die beiden haben dann immer gemeinsame Spaziergänge unternommen und saßen zusammen auf einer Bank und schauten hinaus aufs Meer. Aber obwohl Patsie ihm mit Zärtlichkeit und Wärme begegnete, kämpfte Neville immer dagegen an, ihr noch einmal sein Herz zu öffnen.

Nachdem Patsie Neville verlassen hatte, quälten ihn 50 Jahre lang Kummer und Schmerz – so viel Leid kann man nicht einfach vergessen. Als junger Bursche konnte ich oft beobachten, wie sie ihre Finger sanft in seine große Hand gleiten ließ; das war ein schöner Anblick.

Von den beiden habe ich zwei wichtige Lektionen für mein Leben gelernt: Die Kirschen in Nachbars Garten schmecken nicht immer süßer und für wahre Liebe lohnt es sich zu kämpfen.

Oma Patsie in ihrer geliebten Bucht Portavo Point in Nordirland.

Paps (hintere Reihe, 4. von rechts) im Royal Marines Commando Training Centre in Lympstone.

Familienfoto mit uns allen, zu Hause in London. Dreimal dürfen Sie raten, wer wohl das süße Baby ist …

Oma und ich; da war ich sieben (übrigens war dies das einzige Mal in meinem Leben, dass ich eine Fliege getragen habe!).

Paps und ich bei einem gemeinsamen Ausflug in den Bergen.

Beim Urlaub in Frankreich. Unverkennbar: Ein Lausbub mit verschmitztem Lächeln, dem der Schalk schon aus den Augen blitzt.

Zu Hause auf der Isle of Wight – da war ich zehn, neugierig und abenteuerlustig.

Ich, Paps und meine Schwester Lara in unserem Garten auf der Isle of Wight.

Mein erstes Schulfoto im Alter von sieben.

Lara im Alter von 18 Jahren – wie immer bildhübsch.

Mick (Crosthwaite) und ich treffen Vorbereitungen für einen Segelausflug um die Insel; wir sind beide elf.

Im Alter von 16 wurde ich mit dem Abzeichen für den besten Karate-Schüler ausgezeichnet; das war kurz bevor ich nach Japan ins Trainingslager fuhr.

Unser House Cricket Team in Eton; da war ich 17. Ich bin der Zweite von links in der ersten Reihe.

Charlie (Mackesy) und ich mit 18; wir haben wieder mal herumgeblödelt.

Unmittelbar nach bestandener SAS (R) Selection-Prüfung; bei unserem Fallschirmtraining.

Ich, zusammen mit Soldaten meiner Kompanie des 21. SAS-Regiments in der Wüste in Nordafrika.

Dem schlechten Wetter trotzen beim Bergsteigen – Berge sind eine meiner ganz großen Leidenschaf ten.

Mick und ich im Everest-Basislager, kurz bevor die Expedition begann.

6

In meinen ersten Schuljahren habe ich meine gesamten Ferien an der nordirischen Küste in Portavo Point in Donaghadee verbracht, und zwar in exakt demselben Haus, in dem mein Urgroßvater Walter gelebt hatte und in dessen unmittelbarer Nähe er schließlich ums Leben kam.

Ich liebte diesen Ort.

Der kräftige Wind, der vom Meer herüberwehte, und der Geruch von Salzwasser drang in jeden Winkel des Hauses. Die Wasserhähne quietschten beim Aufdrehen und die Betten waren so alt und so hoch, dass ich immer am Bettgestell hochklettern musste, um überhaupt in mein Bett hineinzukommen.

Ich kann mich noch gut an den Gestank des alten Yamaha-Außenbordmotors erinnern, mit dem unser fast schon museumsreifes Holzboot ausgestattet war, das mein Vater bei ruhiger See immer hinunter zum Strand schaffte, um eine Spritztour mit uns zu machen. Ich erinnere mich auch daran, dass ich durch die Wiesen und Wälder gestreift bin, wenn überall die Glockenblümchen blühten. Ganz besonders gern bin ich draußen herumgetollt und habe mit meinem Vater Verstecken gespielt; dabei habe ich mich hinter den Bäumen versteckt und mein Vater musste mich immer suchen.

Ich weiß noch, wie meine ältere Schwester Lara mir mal einen ordentlichen Schubs gegeben hat, sodass ich auf meinem Skateboard die Einfahrt hinuntergesaust und in den Zaun gekracht bin; oder wie Oma Patsie und ich gemeinsam das Bett hüten mussten, weil wir beide mit Masern darniederlagen und aus Quarantänegründen ins Gartenhäuschen verbannt wurden, damit wir die anderen nicht auch noch ansteckten.

Ich kann mich auch erinnern, dass ich in dem kalten Wasser der Bucht geschwommen bin und jeden Tag zum Frühstück ein hart gekochtes Ei gefuttert habe.

Im Grunde war dies der Ort, wo meine Liebe zum Meer und zur wilden unberührten Natur erwacht ist.

Doch zum damaligen Zeitpunkt war mir das noch nicht bewusst.

Die Schulzeit dagegen verbrachte ich Trimester für Trimester in London, wo mein Vater seiner Arbeit als Politiker nachging. (Die Tatsache, dass meine Mutter ausgerechnet einen künftigen Parlamentsabgeordneten geheiratet hat, wo sie doch durch ihre Mutter Patsie am eigenen Leib erfahren hatte, welch gefährliche Macht von der Politik ausgeht, hatte schon irgendwie etwas eigenartig – vielleicht auch nicht ganz so eigenartig – Ironisches.)

Als mein Vater das Royal Marines Commando – die Marineinfanterie des britischen Naval Service – nach drei Dienstjahren als Offizier verließ, heiratete er meine Mutter und arbeitete zunächst als Weinimporteur. Danach führte er ein kleines Weinlokal in London, bevor er sich schließlich als Kandidat für die Wahl zum Gemeinderat aufstellen ließ und im Anschluss daran für die Wahl zum Abgeordneten für den Wahlbezirk Chertsey, südlich von London.

Was allerdings viel wichtiger ist, mein Vater war in erster Linie ein guter Mensch: Ein freundlicher, großherziger, lustiger und loyaler Mann, der von vielen geschätzt und gemocht wurde. Doch wenn ich an meine Schulzeit in London zurückdenke, so fühlte ich mich damals als Heranwachsender ziemlich einsam.

Mein Vater arbeitete sehr hart und oftmals bis spät in die Nacht, und da meine Mutter seine Assistentin war, arbeitete sie genauso lange. Diese Zeit war für mich sehr schwer, denn ich vermisste einfach das Familienleben – Zeit, in der wir gemeinsam etwas unternehmen konnten, ganz ohne Stress und Termindruck.

Wenn ich so zurückschaue, dann habe ich mich schon sehr nach einem ausgeglichenen Familienleben gesehnt. Und das ist wohl auch der Grund dafür, warum ich mich in der Schule so schlecht betragen habe.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich einmal einen Schulkameraden so fest gebissen habe, dass er blutete, woraufhin meine Lehrer meinen Vater anriefen und sich beklagten, dass sie nicht mehr wüssten, wie sie mir beikommen sollten. Mein Vater versicherte ihnen, dass er schon wüsste, wie er mir beikommen könnte und kam sofort zur Schule gefahren.

Er setzte sich auf einen Stuhl in die Mitte der Turnhalle, versammelte alle Schüler im Schneidersitz um sich herum und versohlte mir dann so kräftig den Hintern, bis er grün und blau war.

Am nächsten Tag riss ich mich auf einer viel befahrenen Londoner Straße von der Hand meiner Mutter los und lief davon, bis die Polizei mich dann einige Stunden später am Schlafittchen packte. Ich denke mal, ich wollte Aufmerksamkeit.

Da ich ununterbrochen Schwierigkeiten machte, sah meine Mutter sich gezwungen, mir Hausarrest zu geben und sperrte mich in mein Zimmer ein; allerdings plagte sie derweil immer die Sorge, dass mir womöglich der Sauerstoff ausgeht, weshalb sie einen Schreiner beauftragte, ein paar Luftlöcher in die Tür zu machen.

Doch wie heißt es so schön? Not macht erfinderisch: Ich hatte recht schnell den Bogen raus, wie ich mit einem entsprechend zurechtgebogenen Kleiderbügel durch die Luftlöcher hindurch den Riegel öffnen und mich aus dem Staub machen konnte. Das waren meine ersten Ausflüge in die Welt des Tüftelns und Improvisierens, und diese Fähigkeiten haben mir über all die Jahre hinweg sehr gute Dienste geleistet.

Gleichzeitig habe ich aber auch eine Leidenschaft für körperliche Betätigung entwickelt. Meine Mutter hat mich jede Woche in einer kleinen Sporthalle abgeliefert, wo der unvergessliche Mr. Sturgess Turnkurse für Kinder abhielt.

Diese Kurse fanden in einer alten, staubigen Doppelgarage statt, die sich auf der Rückseite eines Wohnblocks im Stadtteil Westminster befand.

Mr. Sturgess leitete den Unterricht mit der eisernen Disziplin eines ehemaligen Militärangehörigen. Jeder von uns hatte seine klar markierte „Stelle“ auf dem Boden, wo wir regungslos strammstehen und auf unsere nächste Turnübung warten mussten. Und er hat uns hart rangenommen. Man konnte den Eindruck gewinnen, Mr. Sturgess hätte vergessen, dass wir erst sechs Jahre alt waren – doch wir Kinder liebten das.

Durch das Training fühlten wir uns als etwas Besonderes.

Unter einer Metallstange, die gut und gerne zwei Meter hoch war, haben wir uns immer nebeneinander in einer Reihe aufgestellt und dann hat jeder gesagt: „Bitte hochheben, Mr. Sturgess.“ Daraufhin hat er einen nach dem anderen von uns hochgehoben und hängen lassen, bis er am Ende der Reihe angekommen war.

Die Regeln waren ganz einfach: Solange nicht die gesamte Reihe an der Stange baumelte wie ein toter Fasan am Haken in der Kühlkammer beim Metzger, durfte man nicht um Erlaubnis bitten, loszulassen. Und selbst dann musste man darum bitten: „Bitte runterlassen, Mr. Sturgess.“ Wenn man sich nicht mehr halten konnte und vorzeitig den Abgang machte, wurde man zu seinem Platz zurückgeschickt und musste sich schämen.

Wie sich herausstellte, genoss ich diese Trainingsstunden sehr, denn ich legte großen Wert darauf, immer der Letzte zu sein, der noch an der Stange baumelte. Meine Mutter sagte immer, dass sie diesen Anblick nicht ertragen konnte, wie mein kleiner, hagerer Körper dort oben hing und mein schmerzverzerrtes Gesicht in wilder Entschlossenheit, bis zum bitteren Ende durchzuhalten, purpurrot anlief.

Die übrigen Jungs ließen sich – einer nach dem anderen – von der Stange holen, während ich noch immer da oben hing und verbissen darum kämpfte, unbedingt so lange auszuharren, bis sogar Mr. Sturgess zu dem Schluss käme, dass jetzt endlich genug wäre.

Danach bin ich immer zu meinem Platz zurückgeflitzt, mit einem breiten Grinsen von einem Ohr zu anderen.

Der Satz „Bitte runterlassen, Mr. Sturgess“, wurde in unserer Familie zum geflügelten Wort, denn er verkörperte für uns den Inbegriff von harter körperlicher Anstrengung, strenger Disziplin und tollkühner Entschlossenheit. Eigenschaften, die mir während meiner späteren Militärlaufbahn gute Dienste geleistet haben.

Meine sportlichen Trainingseinheiten waren also ziemlich ausgewogen: Klettern, Hängen und Ausbüxen.

Ich liebte jede einzelne.

Noch heute sagt meine Mutter über mich, dass es ihr immer so vorkam, als wäre ich als Heranwachsender fest entschlossen gewesen, eine Mischung aus Robin Hood, Harry Houdini, Johannes dem Täufer und einem Attentäter zu werden.

Ich habe diese Äußerung als großes Kompliment betrachtet.

7

Wenn ich an meine ersten Schuljahre zurückdenke, dann habe ich mich immer ganz besonders auf die Dienstagnachmittage gefreut, denn sobald die Schule aus war, bin ich zu Oma Patsies Apartment gegangen – wir haben dann gemeinsam zu Abend gegessen und ich durfte bei ihr schlafen.

Ich kann mich noch gut an den typischen Geruch in Omas Wohnung erinnern – es war eine Mischung aus Zigarettenrauch der Marke Silk Cut und gebackenen Bohnen mit Fischstäbchen, die sie mir extra zum Abendessen gemacht hatte. Aber ich mochte das. Denn nur bei ihr hatte ich nie Heimweh, wenn ich von zu Hause weg war.

Wenn meine Eltern nicht da waren, wurde ich oft über Nacht zu einer älteren Dame gebracht, die ich nicht kannte und die – wie es den Anschein hatte – mich genauso wenig kannte. (Ich vermute, dass es eine freundliche Nachbarin oder Bekannte meiner Eltern war, zumindest jedoch hoffe ich das.)

Ich hasste es.

Ich kann mich noch heute an den Geruch des alten Leder-Bilderrahmens erinnern, in dem ein Foto von meinen Eltern steckte, und den ich in diesem fremden Haus in diesem fremden Bett fest umklammert hielt. Damals war ich noch zu klein, um zu verstehen, dass meine Eltern ja bald zurückkommen würden.

Doch durch diese Nächte habe ich eine weitere wichtige Lektion gelernt: Lass Deine Kinder nicht allein, wenn sie Angst davor haben allein zu sein.

Denn das Leben – und ebenso die Kindheit – ist doch so kurz und so zerbrechlich.

In diesen jungen Jahren, die mich immerhin sehr geprägt haben, war meine Schwester Lara stets mein Fels in der Brandung. In den acht Jahren nach Laras Geburt hatte meine Mutter drei Fehlgeburten erlitten und war fest davon überzeugt, dass sie keine weiteren Kinder mehr bekommen kann. Aber dann wurde Mama wieder schwanger und sie hat mir erzählt, dass sie neun Monate lang das Bett gehütet hat, um sicherzugehen, dass sie nicht wieder eine Fehlgeburt hat.

Es hat funktioniert. Mama hat mir das Leben gerettet.

Unterm Strich war sie jedoch vermutlich heilfroh, als sie mich endlich zur Welt bringen konnte und dass Lara nun ihr lang ersehntes Brüderchen bekam oder genau genommen ihr eigenes Baby. Schließlich hat Lara alles für mich getan, und dafür habe ich sie regelrecht vergöttert.

Denn da meine Mama eine viel beschäftigte „berufstätige“ Mutter war – sie half meinem Vater nicht nur dabei, den Pflichten in seinem Wahlkreis nachzukommen, sondern auch andere Aufgaben zu erledigen – , wurde Lara quasi zu meiner Ersatzmama. Sie machte für mich so gut wie jedes Abendessen, das ich jemals zu mir genommen habe – und zwar von dem Zeitpunkt an, als ich noch ein Baby war, bis ich etwa fünf Jahre alt wurde. Sie wechselte meine Windeln, sie brachte mir das Sprechen bei und danach das Laufen (was ich natürlich aufgrund der immensen Aufmerksamkeit, die ich von ihr bekam, wahnsinnig früh lernte). Sie brachte mir bei, wie man sich anzieht und wie man Zähne putzt.

Im Grunde genommen hat sie mich dazu gebracht, all jene Dinge zu tun, die sie sich entweder selbst nicht zutraute, weil sie zu ängstlich war, oder die sie einfach faszinierend fand, wie zum Beispiel ungebratenen Frühstücksspeck zu essen oder mit einem Dreirad ohne Bremsen einen steilen Abhang hinunterzufahren.

Ich war einfach die beste Spielzeugpuppe, die sich meine Schwester überhaupt nur wünschen konnte.

Das ist auch der Grund, warum wir beide von jeher ein sehr inniges Verhältnis zueinander hatten. Für meine Schwester bin ich nach wie vor ihr kleiner Bruder. Und dafür liebe ich sie. Doch das große Problem daran mit Lara aufzuwachsen, war einfach die Tatsache, dass ich nie auch nur einen einzigen Augenblick meine Ruhe vor ihr hatte. Bereits vom ersten Tag an – als neugeborenes Baby auf der Entbindungsstation – wurde ich überall herumgezeigt und vor allen möglichen Leuten ganz stolz zur Schau gestellt: Ich war eben das neue „Spielzeug“ meiner Schwester. Und das hörte einfach nie auf.

Heute kann ich darüber lachen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dies der Grund dafür war, dass ich mich so unendlich nach der Ruhe und Einsamkeit der Berge und des Meeres gesehnt habe, als ich älter wurde. Ich wollte nicht vorgeführt werden, um irgendjemandem zu imponieren; ich wollte einfach nur etwas Raum für mich, um mich bei all dem Tohuwabohu selbst zu finden.

Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, woher meine große Liebe zur Natur kam; doch um ganz ehrlich zu sein, ich glaube sie ist vermutlich einerseits aus der engen Vertrautheit erwachsen, die sich zwischen mir und meinem Vater entwickelte, wenn wir gemeinsam die Küsten Nordirlands erkundeten, und andererseits aus dem starken Wunsch, meiner geliebten, aber dominanten älteren Schwester zu entfliehen. (Gott schütze sie!)

Heute kann ich Lara damit aufziehen, denn trotz allem ist sie bis heute meine engste Verbündete und beste Freundin geblieben. Lara war schon immer sehr extrovertiert; sie würde wahnsinnig gern im Rampenlicht stehen oder allzu gern auf der Couch in einer Talkshow Platz nehmen; ich dagegen sehne mich eher nach ein paar ruhigen, gemütlichen Stunden mit meinen Freunden und meiner Familie.

Kurz gesagt, Lara würde sich sehr viel leichter damit tun, prominent zu sein als ich.

Sie bringt das sehr treffend auf einen Nenner, wie ich finde:

Bevor Bear auf die Welt kam, fand ich es einfach schrecklich, ein Einzelkind zu sein – ich habe mich bei Mama und Papa immer darüber beklagt, dass ich so alleine bin. Es fühlte sich schon merkwürdig an, dass ich weder einen Bruder noch eine Schwester hatte, zumal doch alle meine Freunde Geschwister hatten. Bears Geburt war wirklich ein aufregendes Ereignis (nachdem ich die erste Enttäuschung verwunden hatte, dass mein Geschwisterchen ein Junge war, denn ich hatte mir immer eine Schwester gewünscht!).

Doch in dem Augenblick, als ich ihn zum ersten Mal sah, wie er in seiner Wiege lag und weinte und schrie, dachte ich bei mir: „Das ist mein Baby. Ich werde für meinen kleinen Bruder sorgen.“ Ich hob ihn hoch und er hörte sofort auf zu schreien und von da ab – bis er irgendwann zu groß wurde – habe ich ihn überall mit mir herumgeschleppt.

Zu den absolut positiven Erlebnissen in meiner frühen Kindheit im Londoner Smog gehört die Tatsache, dass ich im Alter von sechs Jahren Mitglied bei den Pfadfindern wurde – ich war total begeistert.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Tag bei den Pfadfindern erinnern, wie ich hereinkam und all die großen Jungs in ihren ordentlich gebügelten Hemden sah, die mit zahlreichen Auszeichnungen und Abzeichen geschmückt waren. Ich dagegen war ein kleiner, schmächtiger Pimpf und fühlte mich sogar noch kleiner, als ich aussah. Doch als ich hörte, wie der Gruppenleiter uns aufforderte, draußen auf dem Gehsteig eine Wurst mit nur einem einzigen Streichholz zu grillen, war ich hellauf begeistert.

Ein Streichholz, eine Wurst … hmm. Aber das wird doch niemals lange genug brennen, dachte ich bei mir.

Dann lernte ich, wie man mit dem Streichholz zuerst ein Feuer entfacht, um danach die Wurst zu grillen. Das war ein echtes Aha-Erlebnis für mich.

Wenn man damals den Jungs, die bei diesen Pfadfinder-Abenden anwesend waren, gesagt hätte, dass ich eines schönen Tages zum Chief Scout – also, zum obersten Pfadfinderführer des britischen Pfadfinderverbandes – ernannt und dadurch zur Galionsfigur für 28 Millionen Pfadfinder weltweit werden würde, hätten die sich vermutlich totgelacht. Doch was mir an Größe und Selbstvertrauen fehlte, habe ich stets durch Mumm und Entschlossenheit wettgemacht – denn das sind die Eigenschaften, auf die es wirklich ankommt, und zwar sowohl im richtigen Leben als auch im Pfadfinderleben.

Auf diese Weise bescherte mir das Pfadfinderleben nicht nur ein großes Freiheitsgefühl, sondern auch das Gefühl großartiger Kameradschaft. Die Pfadfindergemeinschaft war wie eine Familie und es spielte überhaupt keine Rolle, aus welchen Verhältnissen man kam.

Wenn man Pfadfinder war, war man ein Pfadfinder und nur darauf kam es an.

Das gefiel mir und ich entwickelte immer mehr Selbstvertrauen.

8

Schon bald kauften sich meine Eltern ein kleines Ferienhäuschen auf der Isle of Wight und von meinem fünften bis zu meinem achten Lebensjahr verbrachte ich dann jeweils die Schultrimester in London, wovor mir stets graute, und meine Schulferien auf der Insel.

Durch den Job meines Vaters war das möglich, denn als Parlamentsabgeordneter hatte er fast genauso lange Urlaub, wie die Ferien dauerten, und da sein Wahlbezirk auf dem Weg zwischen London und der Isle of Wight lag, konnte er seine „Sprechstunde“ quasi im Drive-Through-Verfahren absolvieren, bevor er in Richtung Südküste fuhr und zur Insel übersetzte. (Das war vielleicht nicht gerade eine mustergültige Arbeitseinstellung, um seinen Pflichten wirklich gerecht zu werden, doch was meine Bedürfnisse betraf, war das einfach fantastisch.)

Denn das Einzige, was ich wollte, war immer so schnell wie möglich zur Insel zu kommen. Für mich war sie das Paradies. Meine Mutter und mein Vater waren unablässig damit beschäftigt, unser kleines Wochenendhäuschen weiter auszubauen, damit wir ein bisschen mehr Platz hatten, und es dauerte nicht lange, bis es zu unserem Hauptwohnsitz wurde.

Das Leben auf der Insel war im Winter eher stürmisch, windig und nass, im Sommer dagegen glich es eher einem Ferienlager mit einer Menge junger Leute in meinem Alter, von denen noch heute viele zu meinen engsten Freunden gehören.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich frei und unabhängig, denn ich konnte mich ausprobieren und ganz ich selbst sein.

Außerdem hatte die Insel noch einen weiteren großen Vorteil zu bieten, nämlich dass mein Opa Neville nur knapp 400 Meter von unserem Haus entfernt wohnte.

Er war für mich nicht nur ein Musterbeispiel an Tugendhaftigkeit, sondern auch einer der wunderbarsten Menschen, die ich je kennengelernt habe; ich habe ihn sehr geliebt. Er war sanftmütig, liebenswürdig, stark, voller Zuversicht und lebenslustig; und er hatte eine Vorliebe für Riesentafeln Schokolade (auch wenn er sie immer grimmig ablehnte, wenn man ihm eine als kleine Aufmerksamkeit mitbrachte). Doch unter Garantie hatte er sie innerhalb weniger Minuten verputzt, sobald man gegangen war.

Er wurde 93 Jahre alt und hat sehr gewissenhaft und konsequent sein tägliches Sportprogramm absolviert. Man konnte dann immer hören, wenn er in seinem Schlafzimmer vor sich hin murmelte: „die Knie beuuugen, die Zehen berüüühren, Arme ganz nach oben strecken und einatmen … .“ Er sagte immer, dies wäre das Geheimrezept, um sich stets bester Gesundheit zu erfreuen. (Ich bin mir zwar nicht sicher, wo genau die Schokolade oder das dick mit Butter bestrichene Toastbrot in diesem Gesundheitsprogramm einzuordnen ist, doch was soll’s – man muss das Leben ja auch genießen.)

Als Opa Neville starb, saß er auf einer Bank am Ende unserer Straße, ganz in der Nähe des Meeres. Noch heute fehlt er mir – seine langen, buschigen Augenbrauen, seine großen Hände und festen Umarmungen, seine Wärme, seine Gebete und seine Geschichten, doch vor allen Dingen sein leuchtendes Vorbild, wie man leben und wie man sterben sollte.

Mein Onkel Andrew hat sehr schön beschrieben, was für ein Mensch Neville war:

Neville ist in seinem Herzen ein Schuljunge geblieben; deshalb hat er auch so ein wunderbar harmonisches Verhältnis zu den jungen Leuten gepflegt. Begeisterung, Ermunterung und Liebe waren immer sein Leitspruch.

Er fungierte als Saalordner bei Winston Churchills Trauerfeier und bewegte sich nicht nur problemlos in der adligen Gesellschaft, sondern gleichermaßen in jeder Gesellschaft. Er lebte nach Rudyard Kiplings Grundsatz: ‚Wenn dich die Menge liebt und du noch du bleibst, wenn du den König und den Bettler ehrst.‘

Er war nicht nur ein vorbildlicher Sportler, sondern auch ein vorbildlicher Gentleman. Ich habe nie gehört, dass er schlecht von jemandem gesprochen hätte; ich habe nie erlebt, dass er unfreundlich gewesen wäre. Er war in jeder Hinsicht ein wunderbarer Mensch.

Oma Patsie – eine bemerkenswerte Lady, die auf ein außergewöhnliches Leben zurückblicken konnte – war ebenso zu einem großen Teil an meiner Erziehung auf der Insel beteiligt. Sie war liebenswürdig und herzlich, aber gleichzeitig auch zerbrechlich. Für uns war sie allerdings einfach nur Oma. Als sie jedoch älter wurde, reagierte sie zunehmend sensibel und verletzlich und hatte mit Depressionen zu kämpfen. Vielleicht war dies zum Teil auf ihre Schuldgefühle zurückzuführen, weil sie sich nicht verzeihen konnte, dass sie Neville in jungen Jahren betrogen hatte.

Doch sie hatte ihr ganz eigenes Antidepressivum entwickelt, nämlich eine Vorliebe für den Erwerb teurer, zumeist allerdings völlig nutzloser Objekte, und zwar in der festen Überzeugung, dass sie eine großartige Geldanlage darstellten.

Unter anderem kaufte Oma einen komplett ausstaffierten, altertümlichen Zigeunerwagen sowie ein Ladenlokal, das direkt neben der Fish-and-Chips-Bude unseres Dorfes lag und nur knapp 200 Meter die Straße entlang von unserem Haus entfernt war. Das Problem an dem Ganzen war nur, dass der Zigeunerwagen ohne sachgerechte Pflege vor sich hin gammelte und dass das Ladenlokal zu ihrem persönlichen Antiquitäten- und Ramschladen verkam.

Natürlich war das eine echte Katastrophe.

Wenn man außerdem noch berücksichtigt, dass für das Ladengeschäft auch Personal nötig war (eine Aufgabe, die meist von verschiedenen Familienmitgliedern übernommen wurde, einschließlich von Nigel, der die meiste Zeit draußen vor dem Laden in einem Liegestuhl hockte und sich mit einer Zeitung überm Kopf im tiefen Schlummer befand), dann gewinnt man leicht den Eindruck, dass das Leben auf der Insel nicht nur unrentabel war, sondern gleichzeitig große Charakterstärke erforderte. Aber in erster Linie war es immer ein Riesenspaß.

(Nigel war Omas zweiter Ehemann, ein liebenswerter Schlawiner, der damals in der Tat ein sehr erfolgreicher Politiker war. Ihm wurde während des Zweiten Weltkriegs ein MC (Military Cross) verliehen – eine militärische Auszeichnung für den verdienstvollen Kampfeinsatz; später bekam er dann einen Posten als Nachwuchsminister in der Regierung. Für mich allerdings verkörperte er die Figur eines liebenswürdigen, freundlichen Großvaters, der von uns allen geliebt wurde.)

Bei uns zu Hause war immer etwas los, deshalb war meine Ferienzeit einerseits auch sehr erlebnisreich, andererseits aber auch ausgesprochen turbulent und chaotisch. Aber das war typisch für meine Eltern, insbesondere für meine Mutter, die – selbst nach ihren eigenen verrückten Maßstäben – immer ziemlich unkonventionell war und auch heute noch ist …, und das im besten Sinne des Wortes.

Im Grunde genommen lässt sich meine Familie ganz einfach charakterisieren: Sie ist wunderbar, mitunter auch wunderlich sonderbar. Die meisten von uns sind zwar relativ normal, aber dennoch gibt es – wie in jeder anderen Familie auch – den einen oder anderen, der gehörig einen an der Waffel hat.

Das Wunderbare daran war, dass wir als Familie ununterbrochen herumgereist sind und eine wahre Flut an interessanten Leuten aus aller Welt kennengelernt haben, die allesamt von meiner Mutter regelrecht angezogen wurden – das gehörte einfach zu unserem Leben dazu. Dabei spielte es keine Rolle, ob wir in einem alten Campingbus unterwegs waren, um irgendeinem amerikanischen Motivationstrainer zu lauschen, oder ob wir meine Mutter bei der Umsetzung ihrer neuen Geschäftsidee unterstützten – dem Verkauf von Mixern und Wasserfiltern.

Unsere Mahlzeiten haben wir zu ganz unterschiedlichen Tages-und Nachtzeiten eingenommen; dazu wurden dann in der Regel Schweinekoteletts mit dem denkwürdigen Satz „Die sind doch absolut noch in Ordnung.“ aus einem Behälter herausgefischt. (Selbst wenn mein Vater sie bereits am Vortag entsorgt hatte, weil sie schon dunkel angelaufen und schmierig waren.)

Es hatte irgendwie den Anschein, als wäre es das vorrangige Ziel meiner Mutter gewesen, ihre Familie nach Möglichkeit so richtig zu mästen. Im Grunde hat dies den Ausschlag gegeben, dass ich mich in meinem späteren Leben in genau die andere Richtung orientiert habe, wodurch ich vermutlich eine schon nahezu „krankhafte“ Marotte entwickelt habe, mich gesund zu ernähren. (Obwohl ich es wahrscheinlich insbesondere den Kochkünsten meiner Mutter zu verdanken habe, dass ich mit einem so extrem robusten Magen gesegnet bin, denn das kam mir bei meinen vielen Survival-Filmen im Laufe der Jahre sehr zugute. Dem Himmel sei Dank für all die gammeligen Schweinekoteletts.)