Beschreibung

Das Tagebuch der Anne Frank• Vollständig verlinkt und mit eBook-Inhaltsverzeichnis• Mit einem Vorwort des Herausgebers und einer ausführlichen Darstellung der Urheberrechts-ProblematikHätte Anne Frank die Nazizeit überlebt, wäre höchstwahrscheinlich eine große Schriftstellerin aus ihr geworden. Ihrem Tagebuch vertraute sie diesen Lebenstraum an: »Du weißt ja schon lange, dass es mein größtes Ziel ist, einmal Journalistin und später eine berühmte Schriftstellerin zu werden [...] Themen habe ich schon jede Menge. Nach dem Krieg will ich auf jeden Fall ein Buch mit dem Titel ›Das Hinterhaus‹ herausbringen [...] mein Tagebuch kann mir als Grundstein dafür dienen.«Den ersten Tagebucheintrag schrieb Anne am 12. Juni 1942, den letzten am 1. August 1944, vier Tage vor der Verhaftung. Alle Bewohner des Verstecks im ›Hinterhaus‹ wurden von den Nazis zunächst nach Auschwitz verschleppt. Im März 1945 starb Anne, ebenso wie ihre Schwester Margot, an Entkräftung und Typhus im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Der genaue Todestag ist nicht bekannt. Anne Franks Tagebuch gilt heute als bedeutendstes schriftliches Zeugnis aus der Nazi-Zeit.Eine ausführliche Darstellung zur Urheberrechtsfrage findet sich im Vorwort dieses eBooks.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 470

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Inhalt

 

Vorwort des Herausgebers

Anne Franks Tagebuch

1942

1943

1944

Das Ende

Zur Frage des Urheberrechts an Anne Franks Tagebuch

Impressum

 

Vorwort des Herausgebers

Hätte Anne Frank die Nazizeit überlebt, wäre wahrscheinlich eine große Schriftstellerin aus ihr geworden. In ihrem Tagebucheintrag vom 5. April 1944 schreibt sie: »Ich will fortleben, auch nach meinem Tod. Und darum bin ich Gott so dankbar, dass er mir mit meiner Geburt schon einen Weg mitgegeben hat, mich zu entwickeln und zu schreiben, also alles auszudrücken, was in mir ist. Durch Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer vergeht, mein Mut kommt zurück.« – Leider war es Anne nicht vergönnt, ihren Weg als Schriftstellerin durchs Leben zu gehen. Aber dieser Satz: »Ich will fortleben, auch nach meinem Tod« – er hätte sich nicht eindrucksvoller bewahrheiten können.

Die Zeit im ›Hinterhaus‹, im Versteck der dort verborgenen Juden, dauerte von 6. Juli 1942 bis zum 4. August 1944 – etwas mehr als zwei Jahre. Anne schrieb hier ihr berühmtes Tagebuch, und auf losen Blättern belletristische Kurzgeschichten und Textentwürfe, die nach der Verhaftung der Versteckten von Hermine ›Miep‹ Gies1, einer früheren Mitarbeiterin von Annes Vater Otto Frank im Hinterhaus aufgesammelt und verwahrt wurden. Anne Franks Tagebuch und ihre ›Erzählungen aus dem Hinterhaus‹ gelten heute als bedeutendste schriftliche Zeugnisse aus der Zeit der Nazi-Diktatur.

*

Am 12. Juni 1942 – kurz vor dem ›Untertauchen‹ mit ihrer Familie im Hinterhaus des Handelsbetriebes Opekta, dessen Leiter ihr Vater Otto zuvor gewesen war, beginnt Anne, ihr Tagebuch zu schreiben, zunächst ganz privat und für sich alleine.

Aber im Frühjahr 1944 – sie waren nun schon fast eineinhalb Jahre im Versteck – hört Anne im englischen Rundfunk eine Ansprache des niederländischen Erziehungsministers im Exil, der davon sprach, man müsse nach dem Krieg alle schriftlichen Quellen über das Leiden und die Unterdrückung des niederländischen Volkes sammeln und veröffentlichen – besonders Tagebüchern und Briefe.

Für Anne war das der Auslöser, ihr Tagebuch nun mit der Absicht der Veröffentlichung weiterzuführen, während sie gleichzeitig begann, die bis dahin entstandenen Einträge zu überarbeiten und zu korrigieren, um sie für ein breites Publikum besser lesbar zu machen. Dieses planvolle Vorgehen zeigt den Weitblick und die schon beinahe professionelle Vorgehensweise der 14jährigen.

Und nicht nur was die Methodik betrifft, viel mehr noch zeigen der Schreibstil, die abwechslungsreiche Thematik der Texte, die Ironie und Selbstironie, abwechselnd mit tiefsinnigen und unglaublich anrührenden Einträgen, das Talent der jungen Autorin. Sogar eine kleine Liebesgeschichte gibt es in dem Buch. – Eine Mischung, die selbst der routinierteste Schriftsteller nicht besser hinbekommen hätte.

Das Leben im Hinterhaus war in jeder Hinsicht limitiert: Fenster durften nur ab und zu geöffnet, die Vorhänge nur gelegentlich zur Seite gezogen werden. Nachts konnte nur schwaches Licht die Räume beleuchten. Um wenigstens ab und zu die Sonne und die Sterne zu sehen, ging Anne auf den Dachboden, von wo aus das möglich war. Lebensmittel besorgten die Helferinnen Miep Hermine ›Miep‹ Gies und Elisabeth ›Bep‹ (Elisabeth) Voskuijl – früher Mitarbeiterinnen in Otto Franks Büro der Firma Opekta.

Die acht Bewohner2 des Hinterhauses, die beiden Familien Frank und van Daan (dies ist ein Pseudonym, siehe unten) sowie der Zahnarzt Albert Dussel (Pseudonym) lebten zwischen Hoffen und Bangen. – Hoffen auf eine baldige Invasion der Engländer an der Küste Frankreichs, Bangen vor der Entdeckung durch die Nazis, oder durch niederländische Mitläufer und Denunzianten.

Trotz aller Bedrücktheit und Eingeschränktheit versuchten die Hausbewohner ein möglichst normales Leben zu führen. Der Tagesablauf war geregelt, man kochte und aß zusammen, Bücher gaben Abwechslung und Trost, und jeder versuchte, die Zeit zu nutzen, um sich weiterzubilden oder sonstwie produktiv zu sein. Die Kinder arbeiteten diszipliniert, um später, wenn die Nazis besiegt und wieder Normalität eingekehrt wäre, nahtlos den Schulbesuch aufnehmen zu können.

Der größte Trost in dieser schlimmen Zeit war für Anne ihr Tagebuch, das sie mit Kitty* ansprach. Der Kunstgriff, das Tagebuch zu personalisieren und direkt anzusprechen, zeigt auch hier das literarische Talent der jungen Autorin. Diese Methode motivierte sie zum Schreiben und führte zu Tagebucheinträgen, wie sie berührender und herzergreifender nicht sein könnten. Den letzten Eintrag schrieb Anne am 1. August 1944, drei Tage vor der Festnahme durch die Nazis.

(* Am Samstag, den 20. Juni 1942, schreibt Anne: »Um mir die ersehnte Freundin in meiner Phantasie besser vorstellen zu können, werde ich nicht einfach Erlebtes in mein Tagebuch schreiben, wie das andere tun, sondern ich will dieses Tagebuch selbst die Freundin sein lassen, und diese Freundin heißt Kitty.«)

 

Link: Ausführliche Darstellung zur Urheberrechtslage bei Anne Franks Tagebuch

Anne Franks Tagebuch

Die Pseudonyme

Ursprünglich hatte Anne vor, allen Personen im Hinterhaus Pseudonyme zu geben, auch ihrer Familie und sich selbst. Das niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation beschloss in seiner wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebücher, die Pseudonyme der meisten Beteiligten aufzulösen, in erster Linie diejenigen der Familie Frank und ihrer Helfer Miep Gies, Bep Voskuijl, Victor Kugler und Johannes Kleimann. Die Pseudonyme derer, die in Annes Tagebuch zum Teil mit harscher Kritik und harten Worten belegt wurden (vor allem die ›van Daans‹ und ›Albert Dussel‹), behielt man zu deren Schutz bei.

Alle Bewohner der versteckten Wohnung im Hinterhaus wurden nach der Verhaftung in verschiedenen Konzentrationslagern der Nazis getötet. Mit Ausnahme von Anne Franks Vater Otto, dem einzigen Überlebenden der Tragödie (ebenso überlebten die nichtjüdischen Beteiligten, wie Miep Gies und die anderen Helfer). Anne wurde von den Nazischergen zunächst nach Auschwitz verschleppt und starb, ebenso wie ihre Schwester Margot, im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Entkräftung und Typhus (der genaue Todestag ist nicht bekannt). Otto Frank kümmerte sich nach seiner Rückkehr nach Amsterdam und später in Basel sein Leben lang um die Veröffentlichung des Tagebuchs seiner Tochter. Er starb 1980 in Birsfelden bei Basel.

 

Hier eine ausführlichere Darstellung der Ereignisse nach der Verhaftung

 

Das Tagebuch

1942

12. Juni 1942

Ich werde, hoffe ich, dir wirklich alles anvertrauen können, wie ich das bisher bei niemandem konnte, und ich hoffe, du wirst mir ein großer Rückhalt sein.

[Die beiden hier folgenden, nachträglich von Otto Frank eingefügten Tagebucheinträge wurden wieder entfernt]

 

Samstag, 20. Juni 1942

Es ist ein merkwürdiges Gefühl für mich, Tagebuch zu schreiben. Nicht nur, dass ich das noch nie gemacht habe, sondern ich denke auch, dass sich später kein Mensch, weder ich selbst noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird. Aber das ist nicht so wichtig, ich habe Lust darauf, zu schreiben und will mir hauptsächlich alles Mögliche gründlich von der Seele reden.

Papier ist geduldig. Dieses Sprichwort fiel mir ein, als ich an einem meiner etwas melancholischen Tage träge am Tisch saß, den Kopf auf die Hände gestützt, und vor Trägheit nicht wusste, ob ich weggehen oder doch zu Hause bleiben sollte – und deshalb einfach sitzen blieb und weiter grübelte. Ja wirklich, Papier ist geduldig. Und weil ich gar nicht vorhabe, dieses mit Karton gebundene Büchlein mit dem verheißungsvollen Namen »Tagebuch« jemals jemanden zum Lesen zu geben – es sei denn, ich fände irgendwann in meinem Leben »den« Freund oder »die« Freundin –, ist das auch egal.

Ja, das ist der Punkt, an dem die ganze Idee mit dem Tagebuch anfing: Ich habe keine Freundin. Um das verständlich zu machen, muss ich es erklären, denn niemand kann verstehen, dass ein Mädchen von dreizehn ganz allein auf der Welt steht. Das stimmt so auch nicht. Ich habe liebe Eltern und eine sechzehnjährige Schwester, ich habe, alle zusammengenommen, mindestens dreißig Bekannte oder was man so Freundinnen nennt. Ich habe einen Haufen Verehrer, die mir alles von den Augen ablesen und zur Not sogar versuchen, in der Klasse, mit Hilfe eines zerbrochenen Taschenspiegels einen Schimmer von mir zu erhaschen. Ich habe Verwandte und ein gutes Zuhause. Nein, mir fehlt wie es scheint nichts, außer »die« Freundin. Ich kann mit keinem meiner Bekannten etwas anderes tun, als herumzualbern, ich kann nur über banale Dinge sprechen und werde nie vertraulicher mit ihnen. Das ist der Haken. Vielleicht liegt dieses mangelnde Zutrauen auch an mir. Jedenfalls ist es leider so, und nicht zu ändern. Darum dieses Tagebuch.

Um mir die ersehnte Freundin in meiner Phantasie besser vorstellen zu können, werde ich nicht einfach Erlebtes in mein Tagebuch schreiben, wie das andere tun, sondern ich will dieses Tagebuch selbst die Freundin sein lassen, und diese Freundin heißt Kitty.

Meine Geschichte! (Seltsam, so etwas vergisst man nicht.)

Weil niemand das, was ich Kitty anvertraue, verstehen kann, wenn ich so mit der Tür ins Haus falle, muss ich wohl oder übel kurz meine Lebensgeschichte erzählen. Mein Vater, der liebste Schatz von einem Vater, dem ich je begegnet bin, heiratete erst mit 36 Jahren meine Mutter, die damals 25 war. Meine Schwester Margot wurde 1926 in Frankfurt am Main geboren, in Deutschland. Am 12. Juni 1929 folgte ich. Bis ich vier Jahre alt war, wohnte ich in Frankfurt. Weil wir Juden sind, ging mein Vater dann 1933 in die Niederlande. Er wurde Direktor der Niederländischen Opekta Gesellschaft, einer Marmeladen-Fabrikation. Meine Mutter, Edith Frank-Holländer, fuhr im September auch nach Holland, und Margot und ich gingen nach Aachen zu unserer Großmutter. Margot folgte dann im Dezember nach Holland und ich im Februar, wo ich als ›Geburtstagsgeschenk‹ für Margot auf dem Tisch platziert wurde.

Ich besuchte bald den Kindergarten der Montessorischule. Dort blieb ich bis zum Alter von Sechs, dann kam ich in die erste Klasse. In der 6. Klasse war ich bei Frau Kuperus, der Direktorin. Am Ende des Schuljahres gab es einen herzergreifenden Abschied zwischen uns, und wir weinten beide, denn ich wurde im Jüdischen Lyzeum aufgenommen, in das auch Margot ging.

Unser Leben verlief nicht ohne Aufregung, denn die übrige Familie in Deutschland war nicht vor Hitlers Judengesetzen sicher. Nach den Pogromen von 1938 flohen meine beiden Onkel, die Brüder meiner Mutter, nach Amerika, und meine Großmutter zog zu uns. Sie war zu der Zeit 73 Jahre alt.

Ab Mai 1940 gingen die guten Zeiten auf Talfahrt: Erst der Krieg, dann die Kapitulation der Niederlande, die Besetzung durch die Deutschen, und das Elend für uns Juden begann. Judengesetz folgte auf Judengesetz, und unsere Freiheit wurde immer mehr eingeschnürt: Juden müssen einen Judenstern tragen; Juden müssen ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen nicht mit der Straßenbahn fahren; Juden dürfen nicht mit einem Auto fahren, auch nicht mit dem eigenen; Juden dürfen nur zwischen 3 und 5 Uhr einkaufen; Juden dürfen sich nur bei einem jüdischen Frisör die Haare schneiden lassen; Juden dürfen zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht das Haus verlassen; Juden dürfen sich nicht in Theatern, Kinos oder anderen Plätzen, die dem Vergnügen dienen, aufhalten; Juden dürfen nicht ins Schwimmbad, und genau so wenig auf Tennis-, Hockey- oder andere Sportplätze; Juden dürfen nicht rudern; Juden dürfen in der Öffentlichkeit überhaupt keinen Sport treiben; Juden dürfen nach acht Uhr weder bei sich zu Hause noch bei Bekannten im Garten sitzen; Juden dürfen nicht zu Christen ins Haus kommen; Juden müssen auf jüdische Schulen gehen, und so weiter. So lebten wir dahin, aber wir durften dies nicht und jenes nicht. Jacque [Annes Freundin Jacqueline van Maarsen] sagt immer zu mir: »Ich getraue mich nicht mehr, irgendetwas zu machen, denn ich fürchte, es könnte verboten sein.«

Oma wurde im Sommer 1941 sehr krank. Sie musste operiert werden, und mein Geburtstag ging daneben unter. Im Sommer 1940 war er auch schon flach gefallen, da war der Überfall auf die Niederlanden gerade vorbei. Oma starb im Januar 1942. Keiner ahnt, wie oft ich an sie denke und sie noch immer lieb habe. Der Geburtstag 1942 ist dann auch gefeiert worden, um alles nachzuholen, und Omas Kerze stand dabei.

Uns vieren geht es noch immer gut, so bin ich also beim heutigen Datum angelangt, an dem die feierliche Einweihung meines Tagebuchs beginnt, es ist der 20. Juni 1942.

 

Samstag, 20. Juni 1942

Liebe Kitty!

Dann beginne ich gleich mal. Es ist schön ruhig zu Hause, Vater und Mutter sind ausgegangen, Margot ist mit ein paar jungen Leuten zu ihrer Freundin zum Tischtennis-Spielen. Das spiele ich in der letzten Zeit auch sehr häufig, sogar so häufig, dass wir fünf Mädchen einen Club gegründet haben.

Der Club heißt »Der kleine Bär minus 2«. Ein bescheuerter Name, der durch einen Irrtum zu Stande kam. Wir wollten einen besonderen Namen und hatten wegen unserer fünf Mitglieder gleich die Sterne im Sinn, das Sternbild des Kleinen Bären. Wir dachten, er hätte fünf Sterne, aber da täuschten wir uns, denn er hat sieben, genauso wie der Große Bär. Darum das »Minus zwei«.

Ilse Wagner hat eine Tischtennisplatte, und das große Esszimmer der Wagners steht uns jederzeit zur Verfügung. Da wir Pingpongspielerinnen vor allem im Sommer gerne Eis essen, und das Spielen erhitzt, endet es meistens mit einem Ausflug zur nächstgelegenen Eisdiele, in die Juden gehen dürfen, die ›Oase‹ oder das ›Delphi‹. Nach Geld oder Portemonnaie brauchen wir gar nicht zu kramen, denn in der Oase ist es meistens so voll, dass wir immer einige Kavaliere aus unserem großen Bekanntenkreis oder den einen oder anderen Verehrer finden, die uns mehr Eis spendieren, als wir in einer Woche essen können.

Ich nehme an, es wundert dich ein wenig, dass ich, jung wie ich bin, über Verehrer spreche. Leider (in einigen Fällen auch nicht leider) ist dieses Übel an unserer Schule wohl unvermeidbar. Sobald mich ein Junge fragt, ob er mit mir nach Hause radeln könne, und wir ein wenig miteinander reden, kann ich in neun von zehn Fällen davon ausgehen, dass dieser Jüngling sofort Feuer und Flamme für mich ist und mich nicht mehr aus den Augen verliert. Nach gewisser Zeit verfliegt dann die Verliebtheit wieder, vor allem, weil ich mir aus den feurigen Blicken nicht viel mache und frohgemut weiter radle. Wenn es mir manchmal zu bunt wird, schlenkere ich ein bisschen mit dem Rad hin und her, die Tasche fällt zu Boden, und der junge Mann muss absteigen, wie es sich gehört. Bis er mir die Tasche zurückgegeben hat, habe ich längst ein anderes Gesprächsthema gefunden. Das sind aber noch die Braven. Es gibt auch welche, die mir Kusshändchen zuwerfen oder versuchen, mich am Arm zu halten. Aber da sind sie bei mir an der richtigen Adresse! Ich steige ab und lehne es ab, weiter seine Gesellschaft in Anspruch zu nehmen. Oder ich gebe die Beleidigte und sage ihm unumwunden, er könne den Weg nach Hause antreten.

So, das Fundament für unsere Freundschaft ist gelegt. Bis Morgen!

Deine Anne

 

Sonntag, 21. Juni 1942

Liebe Kitty!

Unsere ganze Schulklasse bibbert. Natürlich ist der Grund die bevorstehende Lehrerkonferenz. Die halbe Klasse schließt Wetten über Versetzungen oder Sitzenbleiben ab. G. Z., meine Sitznachbarin, und ich lachen uns schief über unsere beiden Hintermänner, C. N. und Jacques Kocernoot, die schon ihr ganzes Ferienkapital verzockt haben. »Du wirst versetzt«, »ach wo!«, »doch ...«, so gehts von morgens bis abends dahin. Weder G.s beschwörende Blicke noch meine Wutausbrüche können die beiden zum Schweigen bringen. Wenn es nach mir ginge, müsste ein Viertel der Klasse sitzen bleiben, solche Dummköpfe sitzen hier drin. Aber Lehrer sind die wankelmütigsten Menschen auf der Welt. Vielleicht sind sie gelegentlich auch mal wankelmütig in die richtige Richtung. Was meine Freundinnen und mich betrifft, habe ich kaum Bedenken, wir werden wohl durchkommen. Nur in Mathematik bin ich unsicher. Na mal sehen, abwarten. Bis dahin machen wir uns gegenseitig Mut.

Ich komme mit allen Lehrern und Lehrerinnen recht gut klar. Es sind insgesamt neun, sieben Männer und zwei Frauen. Herr Keesing, der alte Mathelehrer, war eine Weile sehr böse auf mich, weil ich so viel schwätze. Eine Ermahnung kam nach der anderen, schließlich brummte er mir eine Strafarbeit auf. Ich sollte einen Aufsatz zum Thema »Eine Schwatzliese« schreiben. Eine Schwatzliese, was soll man denn darüber schreiben? Aber ich machte mir erstmal keine Sorgen, packte das Aufgabenheft ein und versuchte, gelassen zu bleiben.

Abends, als ich mit den anderen Hausaufgaben fertig war, fiel mir plötzlich die Notiz ins Auge, dass ich den Aufsatz schreiben sollte. Das Füller-Ende im Mund, begann ich, über das Thema zu sinnieren. Nur irgendwas hin zu schreiben und dabei die Worte so weit wie möglich zu dehnen, das kann jeder, aber einen überzeugenden Beweis für die Unvermeidbarkeit des Schwätzens zu finden, das war die Kunst. Ich überlegte und überlegte, und dann hatte ich plötzlich die Idee. Ich schrieb die drei verlangten Seiten und war zufrieden. Als Argument hatte ich vorgebracht, dass Reden eine weibliche Eigenschaft sei, dass ich mich ja wirklich bessern wolle, aber ganz abgewöhnen werde ich es mir wohl nie können, denn meine Mutter redet genau so viel wie ich, wenn nicht mehr, und an ererbten Eigenschaften kann man nun mal wenig ändern.

Herr Keesing war über meine Argumente amüsiert. Aber als ich in der nächsten Stunde wieder ratschte, folgte der zweite Strafaufsatz. Diesmal sollte er »Eine unverbesserliche Schwatzliese« heißen. Auch den lieferte ich ab, und zwei Schulstunden lang hatte Herr Keesing nichts zu meckern. In der dritten wurde es ihm jedoch wieder zu bunt. »Anne Frank, als Strafarbeit für Schwätzen einen Aufsatz mit dem Titel: ›Queck, queck, queck, sagte Fräulein Schnatterbeck.‹«

Die Klasse gröhlte. Ich musste auch lachen, obwohl meine Kreativität auf dem Gebiet von Schwätzaufsätzen jetzt aufgebraucht war. Es galt, etwas anderes zu finden, etwas wirklich Originelles. Meine Freundin Sanne, eine gute Dichterin, bot an, mir zu helfen, um den Aufsatz von Anfang bis Ende in Reimen abzufassen. Ich triumphierte. Keesing hatte versucht, mich mit diesem blödsinnigen Thema dranzukriegen, aber ich würde es ihm doppelt und dreifach zurückzahlen.

Fertig gestellt war das Gedicht großartig. Es ging dabei um eine Mutter Ente und einen Vater Schwan mit drei kleinen Entchen, die wegen endlosen Schnatterns von ihrem Vater tot gebissen wurden. Zum Glück hatte Keesing Humor. Er las das Gedicht der Klasse vor, und gab seine Kommentare dazu, auch in anderen Klassen. Seitdem konnte ich schwätzen ohne jemals wieder eine Strafarbeit zu bekommen. Im Gegenteil, Keesing macht jetzt immer Scherze darüber.

Deine Anne

 

Mittwoch, 24. Juni 1942

Liebe Kitty!

Es ist glühend heiß. Jeder schnaubt und dampft, und bei dieser Hitze muss ich jeden Weg zu Fuß gehen. Nun merke ich erst, wie angenehm eine Straßenbahn ist, vor allem eine offene. Aber in diesen Genuss kommen wir Juden nicht mehr, für uns müssen Schusters Rappen gut genug sein. Gestern musste ich in der Mittagspause zum Zahnarzt in die Jan Luikenstraat. Von unserer Schule am Stadtgarten ist das ein weiter Weg. Ein Glück nur, dass einem die Leute unaufgefordert was zu trinken geben. Die Zahnarzthelferin war wirklich eine herzliche Frau. Nachmittags schlief ich dann trotzdem im Unterricht fast ein.

Das einzige Transportmittel, das wir noch benützen dürfen, ist die Fähre. Der Fährmann an der Jozef-Israëls-Kade nahm uns gleich mit, als wir ums Übersetzen baten. An den Holländern liegt es wirklich nicht, dass wir Juden es so schlecht haben.

Ich wünschte nur, dass ich nicht zur Schule müsste! Mein Fahrrad ist in den Osterferien gestohlen worden, und Mutters Rad hat Vater bei Christen zur Aufbewahrung untergestellt. Aber zum Glück nähern sich die Ferien in Windeseile. Eine Woche noch, und das Elend ist vorbei.

Gestern Morgen habe ich etwas Nettes erlebt. Als ich am Fahrradabstellplatz vorbeikam, rief mich jemand. Ich schaute mich um und sah einen netten Jungen dort stehen, den ich am vorhergehenden Abend bei Wilma kennengelernt hatte. Er ist um drei Ecken ein Cousin von ihr, und Wilma ist eine Bekannte. Ich fand sie zuerst sehr nett. Das ist sie tatsächlich, aber sie redet den ganzen Tag nur über Jungs, und das langweilt. Der Junge kam ein wenig schüchtern heran und stellte sich als Hello Silberberg vor. Ich war irritiert und wusste nicht so recht, was er wollte. Aber das klärte sich schnell. Er wollte meine Gesellschaft genießen und mich zur Schule begleiten. »Wenn du sowieso in dieselbe Richtung gehst, dann geh ich mit«, antwortete ich, und so gingen wir zusammen. Hello ist schon sechzehn und hat von allen möglichen Dingen Ahnung. Heute Morgen hat er wieder auf mich gewartet, und in Zukunft wird es wohl so bleiben.

Anne

Mittwoch, 1. Juli 1942

Liebe Kitty!

Bis jetzt hatte ich wirklich gar keine Zeit zum Schreiben. Am Donnerstag war ich den ganzen Nachmittag bei Bekannten, Freitag kam Besuch, und so ging es weiter bis heute.

Hello und ich haben uns in dieser Woche gut kennen gelernt, er hat mir viel von sich erzählt. Er kommt ursprünglich aus Gelsenkirchen und ist hier in den Niederlanden bei seinen Großeltern. Seine Eltern sind in Belgien. Für ihn gibt es keine Möglichkeit, auch dorthin zu kommen.

Hello hat eine Freundin, Ursula. Ich kenne sie, sie ist ein Ausbund an Sanftmut und Langeweile. Nachdem er mich getroffen hat, hat Hello entdeckt, wie sehr ihn Ursula einschläfert. Ich bin also so eine Art Wachhalte-Mittel für ihn! Ein Mensch weiß nie, wozu er noch einmal zu gebrauchen ist.

Samstag hat Jacque bei mir geschlafen. Mittags war sie bei Hanneli, und mir war denn todlangweilig.

Hello sollte abends zu mir kommen, aber gegen sechs rief er an. Ich war am Telefon, da sagte er: »Hier ist Helmuth Silberberg. Kann ich bitte mit Anne sprechen?«

»Ja, Hello, hier ist Anne.«

»Tag, Anne. Wie geht es dir?«

»Gut, danke.«

»Ich muss dir zu meinem Bedauern sagen, dass ich heute Abend nicht zu dir kommen kann, aber ich würde dich gern kurz sprechen. Geht es in Ordnung, wenn ich in zehn Minuten vor deiner Tür bin?«

»Ja, in Ordnung. Tschüs!«

Hörer aufgelegt. Ich habe mich rasch umgezogen und mir meine Haare ein bisschen zurechtgemacht. Und dann hing ich nervös am Fenster. Endlich kam er. Erstaunlicherweise bin ich nicht sofort die Treppe hinuntergesaust, sondern habe ruhig abgewartet, bis er geklingelt hat. Ich ging hinunter. Er fiel gleich mit der Tür ins Haus.

»Hör mal, Anne, meine Großmutter findet dich noch zu jung, um dich regelmäßige zu sehen. Sie meint, ich sollte zu Löwenbachs gehen. Aber du weißt vielleicht, dass ich nicht mehr mit Ursul gehe.«

»Nein, wieso? Habt ihr Streit gehabt?«

»Nein, im Gegenteil. Ich hab Ursul gesagt, dass wir doch nicht so gut miteinander auskommen und besser nicht mehr zusammen gehen sollten. Aber dass sie auch weiterhin bei uns sehr willkommen wäre, und ich hoffentlich bei ihnen auch. Ich dachte nämlich, dass sie mit anderen Jungen flirtet, und habe sie auch so behandelt. Aber das war überhaupt nicht wahr. Und nun sagte mein Onkel, ich müsste Ursul um Entschuldigung bitten. Aber das wollte ich natürlich nicht, und darum habe ich Schluss gemacht. Doch das war nur einer von vielen Gründen.

Meine Großmutter will nun, dass ich zu Ursul gehe und nicht zu dir. Aber dieser Meinung bin ich nicht und habe es auch nicht vor. Alte Leute haben manchmal sehr altmodische Ansichten, aber danach kann ich mich nicht richten. Ich brauche meine Großeltern zwar, aber sie mich auch, in gewisser Hinsicht. Mittwoch abends habe ich immer frei, weil meine Großeltern denken, ich gehe zum Schnitzen, aber ich gehe zur Versammlung der Zionistischen Partei. Das ist mir eigentlich nicht erlaubt, weil meine Großeltern sehr gegen den Zionismus sind. Ich bin zwar nicht fanatisch, aber ich interessiere mich dafür. In der letzten Zeit ist dort allerdings so ein Chaos, dass ich vor habe auszutreten. Deshalb gehe ich nächsten Mittwoch zum letzten Mal hin. Also habe ich Mittwochabend, Samstagabend und Sonntagnachmittag und so weiter Zeit.«

»Aber wenn deine Großeltern das nicht wollen, solltest du es nicht heimlich tun.«

»Liebe lässt sich nun mal nicht zwingen.«

Wir kamen an der Buchhandlung Blankevoort vorbei, und da stand Peter Schiff mit zwei anderen Jungen. Es war seit langem das erste Mal, dass er mich grüßte, und ich freute mich wirklich sehr darüber.

Montagabend war Hello bei uns zu Hause, um Vater und Mutter kennen zu lernen. Ich hatte Torte und Süssigkeiten geholt. Tee und Kekse, alles war da. Aber weder Hello noch ich hatten Lust, starr nebeneinander auf den Stühlen zu sitzen. Wir sind spazieren gegangen, und er lieferte mich erst um zehn nach acht zu Hause ab. Vater war sehr böse, er fand das unmöglich, dass ich so spät heimkam. Ich musste versprechen, in Zukunft schon um zehn vor acht im Haus zu sein.

Am kommenden Samstag bin ich bei Hello eingeladen.

Wilma hat mir erzählt, dass Hello neulich abends bei ihr war und sie ihn fragte: »Wen findest du netter, Ursul oder Anne?« Da hat er gesagt: »Das geht dich nichts an.« Aber als er wegging (nachdem sie sich den ganzen Abend nicht weiter unterhalten hatten), sagte er: »Anne! Tschüs, und niemandem sagen!« Schwupps, war er zur Tür draußen.

Es war klar, dass Hello in mich verliebt ist, und ich fand es zur Abwechslung mal ganz schön. Margot würde sagen, Hello ist ein annehmbarer Junge. Und das finde ich auch. Sogar mehr als das. Und auch meine Mutter lobt ihn über die Maßen. »Ein hübscher, höflicher und netter Junge.«

Ich bin froh, dass er der Familie so gut gefällt, nur meinen Freundinnen nicht. Und er findet sie sehr kindisch, und da hat er Recht.

Jacque zieht mich immer mit ihm auf. Ich bin wirklich nicht verliebt, o nein, aber ich darf doch wohl Freunde haben. Niemand stört sich daran.

Mutter fragt immer wieder, wen ich später heiraten möchte. Aber sie würde bestimmt nie erraten, dass es Peter Schiff ist, weil ich es, ohne mit der Wimper zu zucken, immer ableugne. Ich habe Peter so gern, wie ich noch nie jemanden gern gehabt habe. Und ich rede mir immer ein, dass Peter, nur um seine Gefühle zu mir zu verbergen, mit anderen Mädchen geht. Vielleicht denkt er jetzt auch, dass Hello und ich ineinander verliebt sind. Aber das ist nicht wahr. Er ist nur ein Freund von mir, oder, wie Mutter es ausdrückt, ein Kavalier.

Deine Anne

 

Sonntag, 5. Juli 1942

Beste Kitty!

Die Versetzungsfeier am Freitag ist wunschgemäß verlaufen, mein Zeugnis ist gar nicht so übel. Ich habe ein Ungenügend in Algebra, zwei Sechsen, zwei Achten und sonst alles Siebenen [Anm.: Zehn ist die beste Note, fünf bedeutet knapp ungenügend]. Zu Hause haben sie sich gefreut. Aber meine Eltern sind in diesen Dingen sowieso anders als andere Eltern. Für sie waren gute oder schlechte Zeugnisse nie von besonderer Bedeutung, sie achten nur darauf, dass ich gesund bin, nicht zu frech und Spaß habe. Wenn diese drei Dinge in Ordnung sind, kommt alles andere von selbst.

Ich bin das Gegenteil, ich kümmere mich sehr darum und möchte nicht schlecht sein. Ich bin nur unter Vorbehalt im Lyzeum aufgenommen worden, denn eigentlich hätte ich noch die siebte Klasse in der Montessorischule machen sollen. Aber als alle jüdischen Kinder in jüdische Schulen mussten, hat Herr Elte mich und Lies Goslar nach einigem Hin und Her unter Vorbehalt aufgenommen. Lies ist auch versetzt worden, aber mit einer schweren Nachprüfung in Geometrie.

Arme Lies, sie kann zu Hause fast nie vernünftig arbeiten. In ihrem Zimmer spielt den ganzen Tag die kleine Schwester, ein verwöhntes Baby von fast zwei Jahren. Wenn Gabi ihren Willen nicht bekommt, schreit sie, und wenn Lies sich dann nicht um sie kümmert, schreit Frau Goslar. Auf diese Art und Weise kann Lies unmöglich richtig arbeiten, da helfen auch die vielen Nachhilfestunden nicht, die sie immer wieder bekommt. Bei Goslars ist das aber auch ein Haushalt! Die Großeltern wohnen nebenan, essen aber bei der Familie. Dann gibt es noch ein Dienstmädchen, das Baby, Herrn Goslar, der immer zerstreut und abwesend ist, und Frau Goslar, immer nervös und gereizt, und sie ist wieder schwanger. In dieser Lotterwirtschaft ist Lies mit ihren beiden linken Händen so gut wie verloren.

Meine Schwester Margot hat auch ihr Zeugnis bekommen, hervorragend, wie immer. Würde in der Schule ein cum laude vergeben, wäre sie sicher mit Auszeichnung versetzt worden. So ein kluges Köpfchen!

Vater ist in letzter Zeit viel zu Hause, im Geschäft hat er nichts mehr zu sagen. Ein unangenehmes Gefühl muss das sein, wenn man sich so ausgemustert fühlt. Herr Kleiman hat ›Opekta‹ übernommen und Herr Kugler ›Gies und Co.‹, die Firma für (Ersatz-)Kräuter, die erst 1941 gegründet worden ist. Als wir vor ein paar Tagen um unseren Platz spazierten, fing Vater an, über Untertauchen zu sprechen. Er meinte, es würde sehr schwer für uns werden, völlig abgeschnitten von der Welt zu leben. Ich fragte, warum er jetzt schon darüber sprach.

»Du weißt ja«, sagte er, »dass wir schon seit mehr als einem Jahr Kleider, Lebensmittel und Möbel zu anderen Leuten bringen. Wir möchten nicht, dass unser Besitz den Deutschen in die Hände fällt. Aber noch weniger wollen wir selbst geschnappt werden. Deshalb werden wir aus eigener Entscheidung weggehen und nicht warten, bis wir geholt werden.«

»Wann denn, Vater?« Der Ernst, mit dem Vater sprach, machte mir Angst.

»Mach dir darüber keine Sorgen, das regeln wir schon. Genieße dein unbeschwertes Leben, solange du es noch genießen kannst.«

Das war alles. Oh, lass die Erfüllung dieser Worte noch in weiter Ferne bleiben!

Gerade klingelt es, Hello kommt, ich mach Schluss! Deine Anne

 

Mittwoch, 8. Juli 1942

Liebe Kitty!

Zwischen dem Sonntagmorgen und jetzt scheinen Jahre zu liegen. Es ist so viel passiert, als stünde die Welt plötzlich auf dem Kopf. Aber, Kitty, du siehst, dass ich noch lebe, und das ist das Wichtigste, sagt Vater. Ja, in der Tat, ich lebe noch, aber frage nicht, wo und wie. Ich denke, dass du mich heute überhaupt nicht verstehst, darum fange ich mal an dir zu erzählen, was am Sonntag geschehen ist.

Um 3 Uhr (Hello war gerade weggegangen und wollte später wiederkommen) klingelte jemand an der Tür. Ich hatte es nicht gehört, denn ich sonnte mich faul in einem Liegestuhl auf der Veranda und las. Gleich darauf kam Margot ganz aufgeregt an die Küchentür. »Für Vater ist ein Aufruf von der SS gekommen«, flüsterte sie. »Mutter ist schon zu Herrn van Daan gegangen.« (Van Daan ist ein guter Bekannter und Teilhaber in Vaters Firma.)

Ich erschrak furchtbar. Ein Aufruf! Jeder weiß, was das bedeutet. Konzentrationslager und einsame Zellen sah ich vor mir auftauchen, und dahin sollten wir Vater ziehen lassen? »Natürlich geht er nicht«, sagte Margot, als wir im Zimmer saßen und auf Mutter warteten. »Mutter ist zu den van Daans gegangen und fragt, ob wir schon Morgen in das Versteck umziehen können. Van Daans kommen mit. Wir sind dann zu siebt.« Stille. Die Sprache versagte. Der Gedanke an Vater, der gerade, nichts Böses ahnend, einen Besuch im jüdischen Altersheim machte, das Warten auf Mutter, die Hitze, die Anspannung ... das alles ließ uns schweigen.

Plötzlich klingelte es wieder. »Das ist Hello«, sagte ich. Margot hielt mich zurück. »Nicht aufmachen!« Aber das war unnötig zu sagen. Unten hörten wir schon Mutter und Herrn van Daan mit Hello reden. Dann kamen sie herein und schlossen die Tür hinter sich. Bei jedem Klingeln gingen Margot oder ich nun leise hinunter, um zu sehen, ob es Vater war. Andere Leute ließen wir nicht rein. Margot und ich wurden aus dem Zimmer geschickt, van Daan wollte mit Mutter allein sprechen.

Als Margot und ich in unserem Schlafzimmer saßen, erzählte sie, dass der Aufruf nicht Vater gegolten hatte, sondern ihr. Ich erschrak wieder und begann zu weinen. Margot ist sechzehn. So junge Mädchen wollten sie deportieren? Aber zum Glück würde sie nicht gehen, Mutter hatte es selbst gesagt. Und vermutlich hatte Vater daran gedacht, als er mit mir über Verstecken gesprochen hatte.

Verstecken! Wo war es denn möglich, sich zu verstecken? In der Stadt? Auf dem Land? In einem Haus, in einer Hütte? Wann? Wie? Wo? Das waren Fragen, die ich niemandem stellen konnte und die mich doch ständig beschäftigten.

Margot und ich begannen, die nötigsten Sachen in unseren Schultaschen zu verstauen. Das Erste, was ich hineinlegte, war dieses gebundene Heft, danach Lockenwickler, Taschentücher, Schulbücher, einen Kamm, alte Briefe. Ich dachte ans Untertauchen und stopfte deshalb das unsinnigste Zeug in die Tasche. Aber es tat mir nicht Leid, denn ich mache mir mehr aus Erinnerungen als aus Kleidern.

Um fünf Uhr kam Vater endlich nach Hause. Wir riefen Herrn Kleiman an und fragten, ob er noch an diesem Abend kommen könnte. Van Daan ging los und holte Miep [Anm.: Hermine ›Miep‹ Gies war Assistentin in der Firma Opekta]. Sie kam, packte einige Kleider, Mäntel, Schuhe, Strümpfe und Unterwäsche in eine Tasche und versprach, abends wiederzukommen. Danach war es in unserer Wohnung still. Keiner von uns vieren wollte etwas essen. Das Wetter war noch lind, und alles war sehr sonderbar.

Im großen Zimmer wohnte Herrn Goldschmidt zur Miete, ein geschiedener Mann in den Dreißigern. Anscheinend hatte er an diesem Abend nichts vor, er hing bis zehn Uhr bei uns rum und war nicht wegzukriegen. Um elf Uhr kamen Miep und Jan Gies. Miep arbeitet seit 1933 bei Vater im Geschäft, und sie ist eine gute Freundin geworden, genau wie ihr frisch gebackener Ehemann Jan. Erneut verschwanden Schuhe, Hosen, Bücher und Unterwäsche in Mieps Beutel und Jans tiefen Taschen. Um halb zwölf gingen sie wieder.

Ich war todmüde. Mir war klar, dass es die letzte Nacht in meinem eigenen Bett sein würde, trotzdem schlief ich sofort ein und wurde am nächsten Morgen um halb sechs von Mutter geweckt. Zum Glück war es nicht mehr so heiß wie am Sonntag; den ganzen Tag fiel ein warmer Regen. Wir zogen so viel Kleidung übereinander an, als müssten wir in einem Eisschrank übernachten, und das nur, um noch ein paar Kleidungsstücke mehr mitzunehmen. Kein Jude hätte es in unserer Lage gewagt, mit einem Koffer voller Kleider auf die Straße zu gehen.

Ich hatte zwei Hemden, drei Hosen, zwei Paar Strümpfe und ein Kleid an, darüber Rock, Mantel, Sommermantel, feste Schuhe, Mütze, Schal und noch viel mehr. Ich erstickte zu Hause schon fast, aber das war jetzt nicht wichtig.

Margot stopfte ihre Schultasche mit Schulbüchern voll, holte ihr Rad und fuhr hinter Miep her, in Richtung einer mir unbekannten Zuflucht. Ich wusste nämlich noch immer nicht, wo der geheimnisvolle Ort war, zu dem wir gehen würden.

Um halb acht schlossen wir anderen die Tür hinter uns. Die Einzige, von der ich Abschied nehmen musste, war Moortje, meine kleine Katze, die ein gutes Zuhause bei den Nachbarn bekommen sollte, wie in einem kleinen Brief an Herrn Goldschmidt stand. Die ungemachten Betten, die Frühstücksreste auf dem Tisch, ein Pfund Fleisch für die Katze in der Küche, all das wirkte, als wären wir Hals über Kopf weggegangen. Das konnte uns egal sein. Wir wollten weg, nur weg, und sicher ankommen, sonst nichts.

Morgen mehr. Deine Anne

 

Donnerstag, 9. Juli 1942

Liebe Kitty!

So gingen wir dann im strömenden Regen, Vater, Mutter und ich, jeder mit einer Schul- oder Einkaufstasche, bis zum Rand vollgestopft mit allen möglichen Sachen. Die Arbeiter, die zeitig zur Arbeit gingen, schauten uns bedauernd nach. In ihren Gesichtern war deutlich zu lesen, dass es ihnen leid tat, uns kein Fahrzeug anbieten zu können. Der auffallende gelbe Stern sprach für sich selbst.

Erst als wir auf der Straße waren, erzählten Vater und Mutter mir nach und nach den ganzen Versteckplan. Schon monatelang hatten wir so viel Hausrat und Kleidung wie möglich aus dem Haus geschafft, und am 16. Juli wäre es soweit gewesen, dass wir planmäßig hätten untertauchen können. Durch diesen Aufruf war der Plan um zehn Tage nach vorne verschoben, so dass wir uns mit einer weniger gut vorbereiteten Unterkunft begnügen mussten. Das Versteck war in Vaters Bürogebäude. Für Außenstehende ist das ein bisschen schwer zu begreifen, darum werde ich es näher erklären. Vater hatte nicht viel Personal, Herrn Kugler, Herrn Kleiman und Miep, dann noch Bep Voskuijl, die 23-jährige Stenotypistin, und alle waren über unser Kommen informiert. Im Lager arbeiteten Herr Voskuijl, Beps Vater, und zwei Arbeiter, denen hatten wir nichts gesagt.

Das Gebäude sieht so aus: Im Parterre ist ein großes Magazin, das als Lager benutzt wird und wieder unterteilt ist in verschiedene Verschläge, zum Beispiel den Mahlraum, wo Zimt, Nelken und Pfeffersurrogat vermahlen werden, und den Vorratsraum. Neben der Lagertür ist die normale Haustür, danach eine Zwischentür, hinter der man zur Treppe gelangt. Oben an der Treppe kommt man zu einer Tür mit Milchglas, auf der einmal mit schwarzen Buchstaben das Wort »Kontor« stand. Das ist das große vordere Büro, sehr groß, sehr hell, sehr voll. Tagsüber arbeiten da Bep, Miep und Herr Kleiman. Durch ein Durchgangszimmer mit Tresor, Garderobe und großem Vorratsschrank kommt man zu dem kleinen, ziemlich muffigen, dunklen Direktorenzimmer. Dort saßen früher Herr Kugler und Herr van Daan, nun nur noch Ersterer. Auch vom Flur aus geht es in Kuglers Zimmer, durch eine Glastür, die zwar von Innen, aber nicht ohne weiteres von Außen zu öffnen ist. Von Kuglers Büro aus weiter durch den langen, schmalen Flur, vorbei am Kohlenverschlag und vier Stufen hinauf, da ist das Prunkstück des ganzen Gebäudes, das Privatbüro. Vornehme, dunkle Möbel, Linoleum und Teppiche auf dem Boden, Radio, elegante Lampe, alles prima-prima. Daneben ist eine geräumige Küche mit Durchlauferhitzer und zwei Gaskochern. Dann noch ein Klo. Das ist der erste Stock.

Vom unteren Flur führt eine gewöhnliche Holztreppe nach oben. Dort ist ein kleines Zwischenzimmer, das Diele genannt wird. Rechts und links sind Türen, die linke führt zum Vorderhaus mit den Lagerräumen, dem Dachboden und dem Oberboden. Vom Vorderhaus aus führt auf der anderen Seite auch noch eine lange, übersteile, echt holländische Knochenbrechertreppe zur zweiten Straßentür.

Rechts von der Diele liegt das »Hinterhaus«. Kein Mensch würde denken, dass hinter der schlichten, grauen Tür so viele Zimmer versteckt sind. Vor der Tür ist eine Schwelle, und dann ist man drinnen. Direkt gegenüber der Eingangstür ist eine steile Treppe, links ein kleiner Flur und ein Raum, der Wohn- und Schlafzimmer der Familie Frank werden soll. Daneben ist noch ein kleineres Zimmer, das Schlaf- und Arbeitszimmer der beiden jungen Damen Frank. Rechts von der Treppe ist eine fensterlose Kammer mit einem Waschbecken und einem abgeschlossenen Klo und einer Tür in Margots und mein Zimmer. Wenn man dann die Treppe hinaufgeht und oben durch die Tür tritt, ist man verwundert, dass es in einem alten Grachtenhaus so einen hohen, hellen und geräumigen Raum gibt. In diesem Raum stehen ein Herd (das haben wir der Tatsache zu verdanken, dass hier früher Kuglers Laboratorium war) und ein Spülstein. Das ist also die Küche und gleichzeitig auch das Schlafzimmer des Ehepaares van Daan, außerdem Wohnzimmer für alle, Esszimmer und Arbeitszimmer. Ein ganz kleines Durchgangszimmerchen wird Peters Appartement werden. Dann, genau wie vorn, ein Dachboden und ein Oberboden.

Siehst du, so habe ich dir unser ganzes schönes Hinterhaus vorgestellt!

Deine Anne

 

Freitag, 10. Juli 1942

Liebe Kitty!

Wahrscheinlich habe ich dich mit meiner langatmigen Beschreibung der Wohnung recht gelangweilt, aber es ist schon wichtig, dass du weißt, wo ich gestrandet bin. Wie ich gestrandet bin, wirst du aus den folgenden Briefen schon erfahren.

Nun weiter mit meiner Geschichte, denn ich bin noch nicht fertig, wie du weißt. Nachdem wir die Prinsengracht 263 erreicht waren, führte uns Miep gleich durch den langen Flur und über die hölzerne Treppe nach oben ins Hinterhaus. Sie schloss die Tür, und wir waren allein. Margot, die mit dem Rad viel schneller gewesen war, hatte schon auf uns gewartet.

Unser Wohnzimmer und alle anderen Zimmer waren so mit Sachen vollgestopft, dass man es nicht beschreiben kann! Alle Kartons, die im Lauf der vergangenen Monate ins Büro geschickt worden waren, standen auf dem Boden und auf den Betten. Das kleine Zimmer war bis an die Decke mit Bettzeug vollgestopft. Wenn wir abends in ordentlich gemachten Betten schlafen wollten, mussten wir sofort damit anfangen, den Kram in Ordnung bringen. Mutter und Margot waren nicht fähig, auch nur einen Finger zu rühren. Sie lagen auf den kahlen Betten, waren müde und schlapp und was weiß ich noch alles. Aber Vater und ich, die beiden Ordnungshüter der Familie, wollten sofort anfangen.

Wir räumten Schachteln aus und Schränke ein, den ganzen Tag lang, wir hämmerten und werkten, bis wir abends todmüde in die sauberen Betten fielen. Den ganzen Tag hatten wir kein warmes Essen bekommen, aber das störte uns nicht. Mutter und Margot waren zu müde und zu nervös, um zu essen, Vater und ich hatten zu viel Arbeit.

Dienstag Morgen machten wir da weiter, wo wir am Montag aufgehört hatten. Bep und Miep gingen mit unseren Lebensmittelmarken einkaufen, Vater reparierte die zum Teil kaputte Beleuchtung, wir schrubbten den Küchenboden und waren wieder von morgens bis abends beschäftigt. Bis Mittwoch hatte ich kaum Zeit, über die große Veränderung nachzudenken, die in mein Leben gekommen war. Jetzt fand ich zum ersten Mal seit unserer Ankunft im Hinterhaus Gelegenheit, dir die Ereignisse mitzuteilen und mir gleichzeitig darüber klar zu werden, was nun eigentlich mit mir geschehen war und was noch geschehen würde.

Deine Anne

 

Samstag, 11. Juli 1942

Liebe Kitty!

Vater, Mutter und Margot können sich noch immer nicht an das Geräusch der Westerturmglocke gewöhnen, die jede Viertelstunde verlauten lässt, wie spät es ist. Ich schon, mir hat es sofort gefallen, und besonders nachts hat es so etwas Beruhigendes. Es wird dich vermutlich interessieren, wie es mir »im Untergrund« gefällt. Aber ehrlich gesagt, weiß ich das selbst noch nicht genau. Ich glaube, ich werde mich in diesem Haus nie zuhause fühlen, aber damit möchte ich gar nicht sagen, dass ich es hier unangenehm finde. Ich fühle mich mehr wie in einer recht eigenartigen Pension, in der ich Ferien mache. Das ist eine ziemlich schräge Auffassung von Untertauchen, aber es ist nun mal nicht anders. Das Hinterhaus ist ein perfektes Versteck. Obwohl es feucht und ein bisschen zerknautscht ist, wird man wohl in ganz Amsterdam, ja vielleicht in ganz Holland, kein so bequem eingerichtetes Versteck finden.

Unser Zimmer war mit seinen nackten Wänden vorher sehr kahl. Dank Vater, der meine ganze Postkarten- und Filmstarsammlung schon zuvor hierher mitgenommen hatte, konnte ich mit Leimtopf und Pinsel die ganze Wand bestreichen und aus dem Zimmer ein einziges Bild machen. Es sieht nun viel fröhlicher aus. Wenn die van Daans kommen, werden wir aus dem Holz, das auf dem Dachboden liegt, ein paar Schränkchen und anderen netten Krimskrams basteln.

Margot und Mutter haben sich wieder ein wenig erholt. Gestern wollte Mutter zum ersten Mal Erbsensuppe kochen, aber als sie zum Ratschen unten war, vergaß sie die Suppe. Die brannte so an, dass die Erbsen kohlenschwarz und nicht mehr vom Topf loszukriegen waren. Gestern Abend sind wir alle vier hinunter ins Privatbüro gegangen und stellten den englischen Sender an. Ich hatte solche Angst, jemand könnte es hören, dass ich Vater regelrecht anflehte, wieder mit nach oben zu kommen. Mutter verstand meine Angst und ging mit.

Auch sonst haben wir große Angst, dass die Nachbarn uns hören oder sehen könnten. Gleich am ersten Tag haben wir Vorhänge genäht. Eigentlich kann man nicht von Vorhängen sprechen, denn es sind nichts weiter als Lappen, vollkommen unterschiedlich in Form, Material und Muster, die Vater und ich sehr unprofessionell schief aneinander genäht haben. Mit Reißnägeln wurden diese Prachtstücke vor den Fenstern befestigt, und sie würden vor Ablauf unserer Untertauchzeit nie mehr herunterkommen.

Rechts neben uns befindet sich das Haus einer Firma aus Zaandam, links eine Möbeltischlerei. Diese Leute sind also nach der Arbeitszeit nicht in den Gebäuden, aber dennoch könnten Geräusche durchdringen. Wir haben Margot deshalb auch verboten, nachts zu husten, obwohl eine schwere Erkältung sie erwischt hat, und wir geben ihr große Mengen Codein zu schlucken.

Ich freue mich sehr auf die Ankunft der van Daans, die am Dienstag sein soll. Es wird viel gemütlicher und auch weniger still sein. Die Stille nämlich ist es, die mich abends und nachts so nervös macht, und ich würde einiges darum geben, wenn jemand von unseren Beschützern auch hier schlafen würde. Sonst ist es hier gar nicht so schlimm, denn wir können selbst kochen und unten in Papis Büro Radio hören. Herr Kleiman, Miep und Bep haben uns sehr geholfen. Wir hatten sogar schon Rhabarber, Erdbeeren und Kirschen, und ich glaube nicht, dass wir uns fürs Erste hier langweilen werden. Zu lesen haben wir auch, und wir lassen noch einen Haufen Spiele besorgen. Aus dem Fenster schauen oder hinausgehen dürfen wir natürlich nie. Tagsüber müssen wir auch immer sehr leise gehen und leise sprechen, denn im Lager dürfen sie uns nicht hören.

Gestern hatten wir viel Arbeit, wir mussten für das Büro zwei Körbe Kirschen entkernen, Herr Kugler will sie einmachen. Aus den Kirschenkisten werden wir Bücherregale machen.

Gerade werde ich gerufen!

Deine Anne

 

Nachtrag, geschrieben am 28. September 1942

Es beklemmt mich doch mehr, als ich sagen kann, dass wir niemals hinaus dürfen, und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden. Das ist natürlich eine gar nicht so angenehme Aussicht.

 

Sonntag, 12. Juli 1942

Heute vor einem Monat waren sie alle so nett zu mir, weil ich Geburtstag hatte, aber nun fühle ich jeden Tag mehr, wie ich mich von Mutter und Margot entfremde. Heut habe ich hart gearbeitet, und alle lobten mich überschwänglich, aber fünf Minuten später schimpften sie schon wieder auf mich ein.

Man kann deutlich den Unterschied sehen, wie sie Margot behandeln und mich. Margot hat zum Beispiel den Staubsauger kaputtgemacht, und deshalb ist den ganzen Tag das Licht ausgefallen. Mutter sagte: »Aber Margot, man sieht, dass du keine Arbeit gewöhnt bist, sonst hättest du gewusst, dass man einen Staubsauger nicht am Kabel zieht.« Margot sagte irgendwas, und damit war die Geschichte erledigt.

Aber heute Mittag wollte ich etwas von Mutters Einkaufsliste abschreiben, weil ihre Schrift so undeutlich ist. Sie wollte das nicht und hielt mir sofort wieder eine gepfefferte Standpauke, in die sich die ganze Familie einmischte.

Wir passen nicht zusammen, das wird mir vor allem in der letzten Zeit sehr deutlich. Sie sind so gefühlvoll miteinander, ich will das lieber sein, wenn ich alleine bin. Sie betonen, wie gemütlich wir vier es doch hätten und dass wir so harmonisch zusammenpassen würden. Dass ich es ganz anders empfinde, können sie sich keinen Moment lang vorstellen.

Nur Papa versteht mich manchmal, ist aber meistens auf der Seite von Mutter und Margot. Ich kanns nicht ausstehen, wenn sie vor Fremden erzählen, dass ich geheult habe, oder wie vernünftig ich bin, oder dass sie von Moortje [die Katze der Franks, die zurückgelassen werden musste, red.] anfangen zu reden. Das kann ich überhaupt nicht ertragen. Moortje ist mein weicher und schwacher Punkt. Ich vermisse sie jede Minute, und keiner weiß, wie oft ich an sie denke. Ich bekomme dann immer Tränen in die Augen. Moortje ist so lieb, und ich habe sie so gern, und ich träume davon, dass sie wieder zurückkommt.

Ich träume hier so schön. Aber die Wahrheit ist, dass wir hier sitzen müssen, bis der Krieg vorbei ist. Wir dürfen nie hinausgehen, und Besuch können wir nur von Miep, ihrem Mann Jan, Bep, Herrn Kugler und Herrn und Frau Kleiman bekommen – aber Frau Kleiman kommt nicht, sie findet es zu gefährlich.

 

Nachtrag, geschrieben am 28. September 1942

Papi ist immer so lieb. Er versteht mich vollkommen, und ich würde gern mal ganz allein und innig mit ihm reden, ohne sofort in Tränen auszubrechen. Aber das scheint an meinem Alter zu liegen.

Ich würde am liebsten immerzu schreiben, aber das wird viel zu langweilig. Bis jetzt habe ich fast nur meine Gedanken und Gefühle in dieses Buch geschrieben, aber hübsche Geschichten, die ich später einmal vorlesen kann, gibt es bisher keine. Aber ich werde in Zukunft nicht mehr so sentimental sein und mich mehr an die Wirklichkeit halten.

 

Freitag, 14. August 1942

Beste Kitty!

Einen Monat lang habe ich dich links liegen lassen, aber es passiert nun wirklich nicht so viel, um dir jeden Tag etwas Interessantes zu erzählen. Van Daans sind am 13. Juli angekommen. Wir dachten, sie kämen erst am 14., aber weil die Deutschen immer mehr Deportations-Aufrufe verschickten, fanden sie es sicherer, lieber einen Tag zu früh als zu spät umzuziehen.

Morgens um halb zehn (wir saßen noch beim Frühstück) kam Peter van Daan, ein ziemlich langweiliger und schüchterner Lulatsch von noch nicht sechzehn Jahren, von dessen Gesellschaft man nicht viel erwarten kann. Frau und Herr van Daan kamen eine halbe Stunde später an.

Frau van Daan hatte zu unserer großen Belustigung einen Nachttopf in ihrer Hutschachtel. »Ohne Nachttopf fühle ich mich nirgends zu Hause«, erklärte sie, und der Topf bekam sofort einen Stammplatz unter der Bettcouch. Herr van Daan hatte keinen Topf dabei, sondern trug einen zusammenklappbaren Teetisch unterm Arm.

Wir aßen am ersten Tag unseres Zusammenseins gemütlich miteinander, und nach drei Tagen fühlten wir alle sieben uns, als wären wir eine große Familie geworden. Selbstverständlich hatten die van Daans noch viel zu erzählen, sie waren ja eine Woche länger in der Welt draußen gewesen. Unter anderem wollten wir genau wissen, was mit unserer Wohnung und mit Herrn Goldschmidt passiert war.

Herr van Daan erzählte: »Montagmorgen um neun Uhr rief mich Goldschmidt an und fragte, ob ich mal schnell herüberkommen könne. Ich ging gleich hin und fand ihn sehr aufgeregt vor. Er gab mir den Zettel zu lesen, den Sie dort gelassen hatten, und er wollte die Katze laut Anweisung zu den Nachbarn bringen, was ich sehr gut fand. Er hatte Angst vor einer Hausdurchsuchung, deshalb kontrollierten wir alle Zimmer, deckten den Tisch ab und räumten ein bisschen auf. Da entdeckte ich auf Frau Franks Schreibtisch einen Zettel, auf dem eine Adresse in Maastricht stand. Obwohl ich wusste, dass Frau Frank ihn dort absichtlich hingelegt hatte, gab ich mich sehr erstaunt und erschrocken und bat Herrn Goldschmidt eindringlich, dieses unglückselige Papier zu verbrennen. Die ganze Zeit blieb ich dabei, dass ich nichts von Ihrem Verschwinden wüsste. Aber nachdem ich den Zettel gesehen hatte, kam mir eine gute Idee.

›Herr Goldschmidt‹, sagte ich, ›jetzt fällt mir auf einmal ein, was diese Adresse bedeuten kann. Ich erinnere mich deutlich, dass vor etwa einem halben Jahr ein hoher Offizier ins Büro kam, ein Jugendfreund von Herrn Frank, der versprach, ihm zu helfen, wenn es nötig sein würde, und der in der Tat in Maastricht stationiert war. Ich vermute, er hat sein Wort gehalten und die Franks irgendwie nach Belgien und von dort weiter in die Schweiz gebracht. Erzählen Sie das auch den Leuten, die vielleicht nach den Franks fragen. Maastricht brauchen Sie dann natürlich nicht zu erwähnen.‹ Und damit ging ich weg. Die meisten Bekannten wissen es nun bereits, denn ich habe meinerseits schon von verschiedenen Seiten diese Version gehört.« Wir fanden die Geschichte sehr witzig, lachten aber noch mehr über die Phantasie der Leute. Denn eine Familie vom Merwedeplein hatte uns angeblich alle vier morgens auf dem Fahrrad vorbeikommen sehen, und eine andere Frau behauptete, sie hätte gesehen, wie wir mitten in der Nacht in ein Militärauto gestiegen wären.

Deine Anne

 

Freitag, 21. August 1942

Beste Kitty!

Unser Versteck ist erst jetzt ein richtiges Versteck geworden. Herr Kugler fand es nämlich sicherer, vor unsere Zugangstür einen Schrank zu stellen (denn es werden Hausdurchsuchungen gemacht, um versteckte Fahrräder aufzuspüren), aber natürlich einen Schrank, der schwenkbar ist und wie eine Tür aufgeht. Herr Voskuijl hat das Ding geschreinert. (Wir haben ihn inzwischen über uns sieben Untergetauchte informiert, und er ist die Hilfsbereitschaft selbst.)

Wenn wir nach unten gehen wollen, müssen wir uns jetzt immer zuerst bücken und dann hinaus hüpfen. Nach drei Tagen liefen wir alle mit Beulen an der Stirn herum, weil sich jeder den Kopf an der niedrigen Tür stieß. Peter nagelte dann ein Tuch mit Holzwolle davor. Mal sehen, ob es hilft!

Lernen tue ich kaum, bis September mache ich Ferien. Danach will Vater mir Unterricht geben, aber erst müssen wir die neuen Schulbücher besorgen.

Viel Veränderung kommt nicht in unser Leben hier. Heute hatte Peter eine Haarwäsche, aber das ist nicht so etwas Umwerfendes. Herr van Daan und ich haben dauernd Knatsch. Mama behandelt mich immer, als ob ich ein Baby wäre, und das kann ich nicht ausstehen. Peter finde ich noch immer nicht besser. Er ist ein öder Junge, faulenzt den ganzen Tag auf seinem Bett, tischlert mal ein bisschen und geht dann wieder dösen. Was für eine Trantüte!

Mama hat mir heute Morgen wieder eine elende Predigt gehalten. Wir sind immer absolut gegenteiliger Meinung. Papa ist ein Schatz, auch wenn er mal fünf Minuten böse auf mich ist. Draußen ist schönes, warmes Wetter, und trotz aller Hindernisse nutzen wir das so gut es geht aus, indem wir uns auf dem Dachboden auf das Ausziehbett legen.

Deine Anne

 

Nachtrag, geschrieben am 21. September 1942

Herr van Daan ist in letzter Zeit scheinheilig freundlich zu mir, ich lasse es mir ruhig gefallen.

 

Mittwoch, 2. September 1942

Liebe Kitty!

Herr und Frau van Daan haben gewaltigen Streit gehabt. So etwas habe ich noch nie erlebt, denn Vater und Mutter würden nicht im Traum daran denken, sich derart anzubrüllen. Der Anlass war so unbedeutend, dass es nicht der Mühe gewesen wäre auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren. Na ja, jeder nach seinem Geschmack.

Für Peter ist es natürlich unangenehm, er steht doch dazwischen. Aber er wird von niemandem mehr ernst genommen, weil er furchtbar zimperlich und faul ist. Gestern war er ganz besorgt, weil er eine blaue Zunge bekommen hatte. Diese merkwürdige Erscheinung verschwand aber genauso schnell, wie sie gekommen war. Heute hat er den ganzen Tag einen dicken Schal um den Hals geschlungen, weil er ein steifes Genick hat. Des weiteren klagt der Herr über Hexenschuss. Auch Schmerzen zwischen Herz, Niere und Lunge sind ihm nicht fremd. Er ist ein echter Hypochonder! (So heißt das doch, oder?)

Mutter und Frau van Daan vertragen sich nicht gut. Anlässe für Unstimmigkeiten gibt’s ja eine Menge. Als kleines Beispiel will ich dir erzählen, dass Frau van Daan jetzt aus dem gemeinsamen Wäscheschrank für sich Laken herausgeholt hat, und nur drei übrig ließ. Sie meint, dass Mutters Wäsche für die ganze Familie verwendet werden kann. Sie wird schwer enttäuscht sein, wenn sie merkt, dass Mutter ihrem guten Beispiel gefolgt ist.

Außerdem hat sie eine Stinkwut, dass nicht unser Tischgeschirr verwendet wird, sondern ihrs. Immer versucht sie herauszufinden, wo wir unsere Teller hingetan haben. Sie sind näher als sie denkt, sie stehen in Kartons auf dem Dachboden hinter einem Berg Reklamematerial von Opekta. Solange wir uns verstecken, sind die Teller für sie unerreichbar, und das ist auch gut so!

Mir passieren dauernd Missgeschicke. Gestern habe ich einen Suppenteller von Frau van Daans Geschirr zerdeppert.

»Oh«, rief sie wütend, »pass doch besser auf! Das ist das Einzige, was mir geblieben ist.«

(Bitte berücksichtige, Kitty, dass die beiden Damen hier ein katastrophales Holländisch sprechen. Über die Herren wage ich nichts zu sagen, sie wären sehr beleidigt. Wenn du dieses Gestammel hören könntest, würdest du laut auflachen. Wir kümmern uns gar nicht mehr drum, verbessern nützt sowieso nichts. Ich werde aber, wenn ich über Mutter oder Frau van Daan schreibe, nicht ihre Originalsprache wiedergeben, sondern ordentliches Niederländisch.)

Letzte Woche hatten wir eine kleine Unterbrechung in unserem so eintönigen Leben, und das lag an einem Buch über Frauen, und an Peter. Dazu musst du wissen, dass Margot und Peter so gut wie alle Bücher lesen dürfen, die Herr Kleiman für uns ausleiht. Aber dieses spezielle Buch über ein »Frauenthema« wollten die Erwachsenen gar nicht gern aus den Händen geben. Das weckte Peters Neugier. Was für verbotene Dinge wohl in dem Buch stehen? Heimlich nahm er es aus den Sachen seiner Mutter, als sie unten am Reden war, und lief mit seiner Beute rauf zum Speicher. Zwei Tage lang klappte das. Frau van Daan wusste aber längst, was er tat; sie verriet aber nichts, bis Herr van Daan dahinter kam. Er wurde böse, nahm Peter das Buch weg und ging davon aus, dass die Sache damit erledigt wäre. Er hatte aber nicht mit der Neugier seines Sohnes gerechnet, den das energische Auftreten seines Vaters keineswegs aus der Fassung gebracht hatte. Er überlegte sich, wie er vorgehen konnte, um dieses hochinteressante Buch doch zu Ende lesen zu können.

Frau van Daan hatte inzwischen Mutter gefragt, was sie von dieser Sache halte. Mutter fand das Buch nicht gut für Margot, aber was die meisten anderen betraf, hatte sie keine Bedenken.

»Zwischen Margot und Peter ist ein großer Unterschied«, sagte Mutter.

»Erstens ist Margot ein Mädchen, und Mädchen sind immer reifer als Jungs, zweitens hat Margot schon mehr ernste Bücher gelesen und sucht nicht nach Dingen, die vielleicht verboten sein könnten, und drittens ist sie viel weiter entwickelt und verständiger, was auch ihre vier Jahre Oberschule mit sich bringen.«