Aus meinen Kindertagen - Selma Lagerlöf - E-Book

Aus meinen Kindertagen E-Book

Selma Lagerlöf

0,0

Beschreibung

Die Welt von gestern im Herzen Schwedens. Mårbacka ist mehr als ein Gutshof – es ist der magische Ort, an dem eine der größten Schriftstellerinnen der Welt ihre Stimme fand. In »Aus meinen Kindertagen« öffnet die Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf das Tor zu ihrer Vergangenheit und lässt die idyllischen Tage des 19. Jahrhunderts wiederauferstehen. Anders als im ersten Band ihrer Memoiren legt Lagerlöf hier die distanzierte Erzählerrolle ab. Aus der direkten »Ich-Perspektive« des 10- bis 13-jährigen Mädchens schildert sie kleine Abenteuer, familiäre Feste und die stillen Momente, in denen die Fantasie zu fliegen lernte. Es sind Geschichten von Bällen und Hauslehrern, von Freundschaft und dem unverwechselbaren Zauber der schwedischen Natur. Ein zeitloser Klassiker der Erinnerungsliteratur – warmherzig, humorvoll und voller Poesie.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf

1. Auflage – © 2026

Vorwort

Die Welt von gestern im Herzen Schwedens.

Mårbacka ist mehr als ein Gutshof – es ist der magische Ort, an dem eine der größten Schriftstellerinnen der Welt ihre Stimme fand. In »Aus meinen Kindertagen« öffnet die Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf das Tor zu ihrer Vergangenheit und lässt die idyllischen Tage des 19. Jahrhunderts wiederauferstehen.

Anders als im ersten Band ihrer Memoiren legt Lagerlöf hier die distanzierte Erzählerrolle ab. Aus der direkten »Ich-Perspektive« des 10- bis 13-jährigen Mädchens schildert sie kleine Abenteuer, familiäre Feste und die stillen Momente, in denen die Fantasie zu fliegen lernte. Es sind Geschichten von Bällen und Hauslehrern, von Freundschaft und dem unverwechselbaren Zauber der schwedischen Natur.

Ein zeitloser Klassiker der Erinnerungsliteratur – warmherzig, humorvoll und voller Poesie.

Aline Laurell

Wir freuen uns sehr, daß wir hier auf Mårbacka eine so liebe Erzieherin bekommen haben.

Sie heißt Aline Laurell; ihr Vater wohnte in Karlstadt, wo er erster Landesvermesser war, und die Familie war gewiß reich, so lange er lebte. Aber als er starb, wurde Almes Mutter arm, und Alines Tante, Frau Unger in West-Ämtervik, machte mit Vater und Mutter aus, daß Aline zu uns kommen und Anna und mir Unterricht im Französischen und im Klavierspiel geben sollte.

Und wir freuen uns auch sehr, daß sie eine Schwester mitbringt, die auch bei uns wohnen und mit uns andern bei Aline lernen wird. Sie heißt Emma und ist zehn Jahr alt. Und man merkt es ihr wohl an, daß die Familie reich gewesen ist, denn Emma hat sehr viele Mammelucken Gestickte Ansatzteile, die zur Verschönerung unten an den Höschen aufgeheftet werden.mit feinen Stickereien daran, die sie von Aline und ihren Schwestern geerbt hat; aber wir auf Mårbacka haben nie welche getragen. Und am Sonntagmorgen müht sich Emma damit ab, diese Mammelucken an ihre Beinkleider anzuheften, und das ist ein schreckliches Geschäft. Die einen sind zu weit, die andern zu lang; und wenn Emma sie dann anzieht, hängt das eine Hosenbein bis auf den Fuß herunter, und das andere geht nur bis unters Knie. Wir halten diese angesetzten Mammelucken für gar nichts Hübsches, besonders nicht, wenn sie schief sitzen; aber Emma denkt wohl, wenn sie eine ganze Schublade voll davon hat und sie überdies so schön gestickt sind, dann muß sie sie auch tragen.

Und es ist recht merkwürdig: gerade in dem Herbst, wo Aline zu uns kam, war ich nach Stockholm geschickt worden, um gymnastischen Unterricht zu nehmen, und dort wohnte ich in der Klarastraße Nr. 7 bei Onkel Oriel Afzelius und Tante Georgina und Elin und Allan. Ich war den ganzen Winter von Hause weg, und so sah ich Aline erst im nächsten Frühjahr. Ich war sehr glücklich, als ich wieder heimreisen durfte, aber doch war mir etwas bänglich zumute, weil ich wußte, daß wir eine Erzieherin bekommen hatten, und ich glaubte, alle Erzieherinnen seien alt und häßlich und böse.

Und als ich von Stockholm heimkam, hatte ich einen Panamahut mit einem blau und weißen Band und einer weißen Feder mit einer Schnalle darauf, sowie einen weißen Sommermantel mit glänzenden Knöpfen und ein Kleid aus blau und weißem Nesseltuch, das Tante Georgina mir hatte machen lassen, so daß ich also furchtbar fein war, als ich zu Hause eintraf. Und die gymnastischen Übungen hatten mir außerordentlich gut getan, man konnte jetzt kaum mehr sehen, daß ich hinkte. Ich war auch gewachsen, war ordentlich groß geworden und gar nicht mehr so blaß und mager wie im Herbst, wo ich nach Stockholm kam, sondern dick und rotbackig. Mein Haar hing mir jetzt in einen Zopf geflochten den Rücken hinab, anstatt daß es an den Ohren in Schnecken aufgesteckt war. Ja, die daheim konnten mich kaum wieder erkennen. Sie sagten, eine ganz neue Selma sei von Stockholm zurückgekommen.

Als ich Aline sah, war ich über die Maßen erstaunt, weil sie jung und hübsch war, und sie gefiel mir vom ersten Augenblick an. Aber als Aline mich sah, dachte sie, ich sähe aus wie ein richtiger kleiner Stockholmer Fratz, und sie fürchtete, daß ich recht verwöhnt und geziert sei.

Ich war sehr lange weg gewesen. Oh, ich hatte so viel zu berichten, daß ich nur immer schwatzte und schwatzte. Ich erzählte, daß ich in der Oper und im Schauspielhaus und im Kleinen Theater gewesen sei, und daß ich am ersten Mai im Tiergarten gestanden und den König Karl XV. und die Königin Lovisa und die kleine Sessan gesehen habe. Und ich erzählte, daß Laura Thiselius, das schönste Mädchen von Stockholm, in die gleiche Gymnastikschule gegangen war wie ich, wo ich sie jeden Tag anschauen konnte, und daß das Haus, in dem Onkel Oriel wohnte, einem Herzog gehörte, der ein Franzose war und d'Otrante hieß, und daß dieser Pferde und Wagen, Kutscher und Diener hatte, und daß sein Vater während der Französischen Revolution etwas ganz Furchtbares gewesen sei. Und ich zeigte alle die schönen Bücher vor, die der Onkel und die Tante mir zu Weihnachten geschenkt hatten. Und ich prahlte mit dem großen Weihnachtsschmaus bei dem Großkaufmann Glosemeyer, zu dem Elin und Allan und ich eingeladen waren; und wie wir dort den Christbaum plündern durften und dann jedes von uns noch eine Tüte Süßigkeiten mit nach Hause bekam. Und ich war bei Lejas im Laden gewesen, wo ich unzählig viele Spielsachen und Schokoladezigarren sowie einen Springbrunnen mit rotem und blauem und grünem Wasser gesehen hatte, der Kalospinterokzomatokrene hieß.

All das hörte Aline Laurell mit an, und sie sagte weiter nichts dazu, aber sie dachte, diese Selma, die jetzt von Stockholm nach Hause gekommen war, sei doch ein recht altkluges kleines Ding.

Das schlimmste aber war, daß ich die ganze Zeit stockholmisch redete. Das wußte ich zwar selbst nicht, aber Aline Laurell hielt es für einen Beweis, wie geziert und verdreht ich war; denn wer in Wärmland geboren sei, der brauche sich doch wahrlich seiner Muttersprache nicht zu schämen.

Ich warf um mich mit Namen wie Königinstraße und Berzeliuspark und Schleuse und Blasienholm, ich redete von der Wachtparade und dem königlichen Schloß, ich war in der katholischen Kirche gewesen, hatte da den heiligen Georg und in der Hauptkirche das Jüngste Gericht gesehen, hatte von Onkel Oriel alle Romane von Walter Scott zum Lesen bekommen, und ich hatte Unterricht bei einer sehr netten Lehrerin gehabt, die sagte, daß sie glaube, ich könnte auch einmal Lehrerin werden, wenn ich groß sei.

All dies hörte Aline Laurell mit an, und sie dachte, mit diesem Mädchen, das so eingebildet sei, werde sie sich niemals befreunden können.

Und weil es jetzt nur noch vierzehn Tage bis zu den Sommerferien waren, wo Aline und Emma zu ihrer Mutter nach Karlstadt reisen durften, sagte mein Vater, es hätte keinen Wert, wenn ich jetzt mit dem Unterricht bei Aline anfinge, sondern ich dürfe bis zum Herbst ganz los und ledig sein.

Und das behagte mir sehr. Ich ging in die Küche und plauderte mit der Haushälterin, und ich betrachtete mir Gerdas Puppen und spielte mit den Hunden und den Miezekätzchen, las meiner Mutter aus »Nösselts allgemeiner Weltgeschichte für Damen« vor, half Tante Lovisa im Garten beim Säen und Pflanzen; aber als ich ein paar Tage zu Hause gewesen war, ging ich an einem Vormittag mitten in den Unterrichtsstunden ins Kinderzimmer, natürlich nicht, um zu lernen oder zu rechnen oder zu schreiben, sondern nur, um zu sehen, was sie da trieben.

Aline gibt Anna und Emma gerade Religionsstunde, und Anna liest eben den langen schweren Spruch vor: »So die Heiden, die das Gesetz nicht haben ...«

Als Anna fertig ist, spricht Aline mit ihr und Emma über das Gewissen. Sie erklärt ihnen den langen und schweren Spruch so gut, daß Anna und Emma die Bedeutung vollkommen verstehen und ich ebenfalls. Aline hat sicher sehr recht, wenn sie sagt, daß wir immer das tun sollten, was unser Gewissen uns befiehlt. Denn dann ersparten wir uns Gewissensbisse.

Als die Stunde zu Ende ist, schlägt es elf Uhr, und Anna und Emma dürfen zehn Minuten lang im Freien spielen, ich aber bleibe im Kinderzimmer.

Ich stelle mich neben Aline; ich bekomme ganz heiße Wangen und frage mit so leiser Stimme, daß Aline mich kaum verstehen kann, ob sie mir helfen wolle, einer Bahnwärterfrau, die in Laxå wohne, vierundzwanzig Schillinge zu schicken.

»Ja, das werde ich schon können,« sagt Aline, »wenn du nur weißt, wie sie heißt.«

»Nein, das weiß ich nicht,« erwidere ich, »denn als der Zug, mit dem ich heimreiste, nach Laxå kam, überfuhr er einen Bahnwärter. Ich hab' ihn nicht gesehen, aber die Leute im Zug sagten, er sei mitten durchgeschnitten worden.«

»Ach so,« sagt Aline, »und nun tut dir die Frau so sehr leid?«

»Sie schrie ganz entsetzlich,« antworte ich. »Sie kam vom Bahnhof hergerannt. Ach, sie schrie ganz entsetzlich. Die Leute sagten auch, sie ist arm und hat viele Kinder.«

»Ja, jetzt erinnere ich mich, daß ich von dem Unglück in der Zeitung gelesen habe,« sagt Aline. »Aber hat man nicht gleich eine Sammlung für sie veranstaltet?«

»Doch,« antworte ich, »das tat man. Ein Schaffner kam zu uns in den Wagen herein und fragte, ob wir der Bahnwärterfrau helfen wollten. Und viele gaben etwas, ich aber gab nichts.«

»Hattest du denn Geld?« fragt Aline.

»Ja, ich hatte zwei Zwölfschillingstücke, aber dafür hatte ich unterwegs in Karlstadt gebrannte Mandeln und Haselnüsse kaufen wollen, damit ich für Anna und Gerda etwas zum Mitbringen hätte. Und es ging auch alles so schnell. Der Schaffner hatte es sehr eilig, und er sah nicht ein einziges Mal nach meiner Seite hin. Und ich brachte es nicht über mich, ihm mein Geld zu geben.«

»Aber jetzt willst du es doch hinschicken?«

»Ja, wenn man mir nur dazu helfen will. In Karlstadt hab' ich dann keine gebrannten Mandeln gekauft, und so hab' ich das Geld noch. Ich schämte mich, während ich da im Zuge saß, mir war, als sähen mich alle, die in dem Abteil saßen, an und fragten, warum ich nichts gegeben hätte. Und ich hab' mich auch hier daheim noch jeden Tag darüber geschämt. Nun möchte ich eben der Bahnwärterfrau so schrecklich gern dieses Geld schicken.«

Aline sieht mich mit ihren großen grauen Augen an.

»Warum hast du nicht mit deiner Mutter darüber geredet?« fragt sie.

»Ich wollte keinem Menschen etwas davon sagen, aber nun hab' ich gehört, was du vorhin über das Gewissen gesagt hast.«

»Ach so,« erwidert Aline. »Ja, dann werde ich dir wohl helfen müssen.«

Und ich hole meine zwei Zwölfschillingstücke und gebe sie ihr.

Aber von da an sind Aline und ich gute Freunde. Ich bespreche alles mit ihr, was ich sonst keinem Menschen sage. Ja, ich erzähle ihr sogar, daß ich einmal, als ich erst sieben Jahr alt war, ein sehr schönes Buch gelesen habe, das »Oceala« hieß, und daß ich damals beschlossen hätte, wenn ich erst groß sei, wollte ich nichts anderes mehr tun, als Romane schreiben.

Die Erbauungsstunde

Wir freuen uns immer, wenn wir am Sonntagnachmittag die Postsachen holen dürfen. Aber nur wir Großen, Anna, Emma Laurell und ich dürfen gehen. Wir schleichen uns davon, ehe Gerda von ihrem Nachmittagschlaf aufwacht, damit sie nicht zu weinen braucht, weil sie nicht mitkommen darf. Seht, Gerda ist erst sechs Jahr alt, und wir meinen, der Weg ist für so eine kleine Person zu schwierig, weil sie nicht über Gräben springen oder über Zäune klettern kann, ohne daß man ihr hilft.

Bisweilen kommt das Kindermädchen Maja dazu und fragt, ob sie mitgehen dürfe, denn es ist ihr langweilig, wenn sie einen ganzen Sonntag daheim bleiben soll. Maja ist Gerdas Kindermädchen, und weder Vater noch Mutter haben ihr befohlen, mit uns zu gehen, um uns zu beaufsichtigen. Wenn Anna zwölf Jahr alt ist und Emma Laurell elf und ich zehn, dann meinen wir wirklich, daß wir niemand brauchen, der uns behütet. Maja geht nur mit, weil es ihr selbst Spaß macht. Sie will lieber mit Anna und Emma Laurell und mir die Post holen, als sich daheim auf dem Hofplatz mit Lars Nylund und Magnus Engström unterhalten. Maja sagt, diese Burschen schwatzen lauter dummes Zeug.

An diesem Tag geht Maja auch wieder mit uns, und die ganze Zeit, während wir am Viehstall vorbei und über die Wiesen hinunter und an Per in Berlins Leutnant Lagerlöf hatte die Häuser seiner Kätner nach den Hauptstädten in Europa genannt: Per in Berlin, Magnus in Wien, Lars in London.Häuschen vorbeigehen, erzählt uns Maja, wie es war, als sie und Lars Nylund und die andern kleinen Kinder von der Högbergalm die Schafe im Åßwalde hüteten. Und Lars Nylund hatte einmal eine Kreuzotter totgeschlagen, gerade in dem Augenblick, wo sie Maja in die große Zehe beißen wollte. Und einmal war Maja bis zum Kinn in ein tiefes Moor eingesunken, und sie hätte nie wieder das Tageslicht erblickt, wenn nicht Lars Nylund herbeigeeilt wäre und sie herausgezogen hätte.

Maja erzählen zu hören, wie es damals beim Viehhüten war, ist immer unterhaltend; doch dann sagt Anna plötzlich, man könne wohl merken, daß Maja recht verliebt in Lars Nylund ist. Maja aber erwidert, das sei nicht wahr, denn jetzt habe sie Schluß gemacht; sie hätten nur so gespielt, als sie noch klein waren. Ich aber war ärgerlich, weil Anna die Maja böse gemacht hatte, denn nun wollte diese nichts mehr erzählen.

Es ist doch recht gut, daß Gerda nicht mitgekommen ist, denn sie wäre schrecklich müde geworden, weil sie doch erst sechs Jahr alt ist! Ich selbst werde ja müde, und ich bin zehn. Aber nicht, weil es mich sonst anstrengen würde, wenn ich eine Viertelmeile oder auch mehr gehe. Seit dem Winter, wo ich in Stockholm war und in die Gymnastik ging, tut mir mein Bein gar nicht mehr weh. Aber seht, der Weg von Per in Berlins Hütte bis zum Wirtshaus in Högberg ist so aufgeweicht wie ein Moor. Wenn man den Fuß hebt, quietscht der Boden. Wir haben nicht gewußt, daß es hier westwärts schon richtig aufgetaut ist, denn es taut ja erst seit ein paar Tagen. Anna sagt, der Postillon sei auch gewiß durch den schlechten Weg aufgehalten worden und wir würden gar keine Post bekommen.

Ich begreife nicht, wie Anna alles wissen kann. Denn siehe, als wir am Wirtshaus ankommen, ist das erste, was wir hören, daß der Postillon noch nicht vorbeigefahren ist und keine Post für Mårbacka abgegeben hat. Anna meint, wir sollten gleich umkehren, aber Maja fragt, ob wir nicht lieber eine Weile warten sollten, weil der Herr Leutnant Lagerlöf sehr ärgerlich sein würde, wenn wir ohne Post nach Hause kämen.

Ich bin froh, als Anna nachgibt, weil ich nun in die große Wirtshausstube gehen und mich da ein wenig ausruhen kann. Die Wirtsfrau stellt in der Nähe der Tür Stühle für uns hin, und wir bleiben da ganz still und stumm sitzen, denn niemand redet uns an. Statt dessen sehen wir uns in der Stube um. Auf einem großen Tisch vorn am Fenster ist Brot und Butter und Käse aufgestellt, und auf einem andern Tisch stehen viele Kaffeetassen und Kuchenschalen. Auf dem Herd sehe ich mehrere große Kaffeekannen, die zischen und summen und ab und zu überkochen. Die älteste Tochter des Hauses mahlt eifrig Kaffee. Maja sagt halblaut, nichts rieche so gut wie Kaffee, besonders wenn man müde und naß und verfroren sei, und das meinen wir andern alle auch; aber Anna gebietet uns Schweigen, damit die Wirtsleute nicht etwa auf den Gedanken kommen könnten, wir erwarteten, daß man uns etwas anbiete.

Man bietet uns auch nichts an, und nach einer Weile geht Maja hinaus, um zu sehen, ob man den Postillon noch nicht drüben am Hügel erblicken kann. Sie bleibt so lange fort, daß wir glauben, wir würden sie nie mehr zu sehen bekommen, und außerdem werden wir unruhig, weil wir sehen, daß sich draußen auf dem Hofplatz sehr viele Leute versammeln. Einige öffnen die Tür, wie um hereinzukommen, aber sobald sie uns wahrnehmen, schütteln sie den Kopf und drehen wieder um. Und wir hören, daß die älteste Tochter, die vorhin Kaffee gemahlen hat, der Wirtsfrau zuflüstert, ob denn die Kinder von Mårbacka gar nicht wieder gehen würden. Und Anna flüstert Emma Laurell und mir zu, sie glaube, hier werde ein Fest gefeiert, und man möchte uns gerne los sein. Wir wollen auch nicht im Wege sein, und wir beschließen, schnellstens fortzugehen, sobald Maja wieder erscheint.

Aber Maja ist und bleibt fort, und ich höre, wie Anna Emma Laurell zuflüstert, Maja habe sich wohl hier im Wirtshaus mit Lars Nylund zusammenbestellt und deshalb sei sie wohl so darauf aus gewesen, mit uns zu gehen. Aber ich kann Maja solche Verschlagenheit nicht zutrauen. Ich schaue die ganze Zeit unverwandt durchs Fenster hinaus, ob ich sie nicht auftauchen sehe.

Mir gerade gegenüber auf der andern Seite des Hofs ist ein Stallgebäude, und an der Ecke dieses Stalls befindet sich eine alte Treppe, so eingebaut, daß man nur die zwei untersten Stufen sehen kann. Und auf dieser Treppe stehen zwei Menschen. Ich kann nicht sehen, wer sie sind, denn von dem einen ist nur ein Paar Stiefel sichtbar und ein Stück von einem Paar Hosenbeinen, und von dem andern nur ein Paar Schuhe und ein Stück von einem gestreiften Rock. Aber die beiden müssen einander sehr viel zu sagen haben, denn sie haben jetzt schon eine gute Weile da auf der Treppe gestanden. Das sonderbarste aber ist, daß ich den gestreiften Rock zu kennen meine, obgleich es ja recht merkwürdig wäre, wenn Maja sich da hinstellen und sich mit einem Paar Hosenbeinen unterhalten würde, wenn sie doch hinausging, um nach dem Postillon auszuschauen, der auf der Landstraße dahergefahren kommt.

Ich wollte eben Anna fragen, was sie von dem gestreiften Rock denke, als die Wirtsfrau zu uns herüberkommt. Sie redet nicht mit uns, als sie vorbeigeht, sondern sagt wie zu sich selbst: »Ja, es ist eine rechte Freude, Paulus Andersson von Sandarne reden zu hören.«

Wir sitzen ganz still und hören nur zu. Die Wirtsfrau steht nun hinter uns und nimmt einige Scheite aus dem Holzkasten.

»Gott sei Lob und Dank, daß Paulus Andersson heute nachmittag um vier Uhr in meinem Haus eine Erbauungsstunde halten wird!« sagt sie vor sich hin, während sie mit den Holzscheiten wettert. »Alle, die hierbleiben und zuhören wollen, sind uns willkommen,« fährt sie fort. »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen, sage ich, wie der Heiland. Aber wer die Menschen mehr fürchtet als Gott, der soll seiner Wege gehen.«

Unsere Augen richten sich sofort alle miteinander auf die große Wanduhr. Und siehe, es sind nur noch fünf Minuten bis vier! Und Emma Laurell und ich, wir springen von unsern Stühlen auf, um zu gehen; aber Anna bleibt unbeweglich sitzen, und sie macht uns ein Zeichen, daß wir auch sitzen bleiben sollen.

Aber was um alles in der Welt denkt sich Anna nur? Meint sie denn, wir sollen hier bleiben und der Erbauungsstunde anwohnen? Denkt Anna denn gar nicht daran, daß Kolporteure und Stundenhalter das schlimmste sind, was unser Vater kennt? Hat sie vergessen, wie oft Vater gesagt hat, wenn irgend jemand aus seinem Hause in so eine Erbauungsstunde ginge, dürfe er sich nie mehr bei ihm blicken lassen?

Es gelingt mir nicht mehr, Anna zu fragen, was sie denkt und zu tun im Sinne hat, denn jetzt erscheint Maja. Fast atemlos teilt sie uns eifrig mit, daß in dieser Stube um vier Uhr Erbauungsstunde gehalten werde und wir uns deshalb sofort auf den Heimweg machen müßten. Aber Anna will nicht fortgehen.

»Aber Anna, dein Vater will doch nicht, daß wir einen Stundenhalter hören, das weißt du recht gut!«

Doch Anna erwidert: »Wir können ja nichts dafür, daß hier eine Erbauungsstunde gehalten wird, während wir hier auf die Post warten.«

»Aber jetzt bekomme ich furchtbar Angst, und ich glaube, ich laufe allein nach Hause,« sagt Maja.

»Ich habe schon die ganze Zeit heimgehen wollen,« flüstert Anna, und man hört ihr an, wie böse sie auf Maja ist. »Aber du hast uns verlockt, hierzubleiben, damit du mit Lars Nylund schwatzen konntest. Jetzt mußt du die Folgen auf dich nehmen.«

Und jetzt können wir auch nicht noch länger beraten, denn ein paar junge Burschen kommen herein. Sie stellen Bänke und Stühle auf, und als dies getan ist, stürmen alle die Leute, die draußen auf dem Hofplatz gewartet haben, in die Stube herein, die sofort gedrückt voll ist. Wir schieben unsere Stühle nur etwas weiter nach der Wand zurück und bleiben da sitzen, denn wenn Anna keine Angst hat, dann ist es wohl für uns andere auch nicht so gefährlich. Und wir sind ja auch alle überaus neugierig, wie es bei so einer Erbauungsstunde zugeht.

Zuletzt erscheint Paulus Andersson von Sandarne. Er sieht indes ganz wie ein gewöhnlicher Bauer aus, und so kann ich mir nichts anderes denken, als daß er auf ganz gewöhnliche Art predigen wird. Aber ich kann dem, was er sagt, nicht richtig folgen, ich muß nur immer daran denken, wie es uns gehen wird, wenn wir heimkommen.

Es wird gar nichts helfen, wenn wir zu Vater sagen, wir hätten auf die Post gewartet. Das kann sich selbst Anna nicht einbilden. Nein, wir werden aus unserer guten Heimat hinausgeworfen werden, weil wir ungehorsam und neugierig waren. Es wird uns gehen, wie einst Adam und Eva.

Womit wird uns Anna verteidigen können, wenn wir heimkommen, und was soll dann aus uns werden? Wir müssen wohl auf die Landstraße hinaus und betteln. Maja hat ihre Eltern auf der Högbergalm, und Emma Laurell hat ihre Mutter in Karlstadt, aber Anna und ich, wir haben nichts als Mårbacka.

Wenn ich daran denke, daß Vater zu sagen pflegt, Kolporteure und Stundenhalter seien ein schlimmeres Gesindel als Diebe und Mörder, und sie müßten alle miteinander in Marstrand im Gefängnis eingesperrt werden, dann kann man ja nichts anderes erwarten, als daß er uns auf die Landstraße hinausjagen wird.

Ach, Gerda, die heute nicht mitkommen durfte, die Post zu holen, ja, die hat es gut! Sie weiß gar nicht, wie glücklich sie ist!

Jetzt stößt mich Anna mit dem Ellbogen an, und ich sehe einen großen Mann an der Tür stehen, der eine Posttasche in die Höhe hält. Sofort schleichen wir uns hinaus und gehen nun heimwärts, Anna und Emma Laurell, Maja und ich; aber wir sind sehr niedergedrückt und verdrießlich und angstvoll; auf dem ganzen Heimweg bringt keines von uns ein einziges Wort über die Lippen.

Als wir an Per in Berlins Haus vorüber sind und über die Wiesen hin und den Scheunenhügel hinauf sehen können, erblicken wir unsere große Köchin Lina, die dort auf uns wartet.

Ach, sie ist immer so sehr nett! Jetzt will sie sicher nichts weiter, als uns warnen.

»Warum kommt ihr so spät?« fragt sie. »Kaum war't ihr fort, als der Herr Leutnant erfuhr, daß im Gasthaus eine Erbauungsstunde gehalten werden soll, und jetzt hat er den ganzen Abend über euer Ausbleiben losgezogen, weil er Angst hatte, ihr könntet auch gleich solche Mucker werden.«

Wir haben keine Zeit, ihr zu antworten, wir eilen nur durch den Hof nach der Treppe; aber siehe da, nun wagt Maja nicht, mit uns durch den großen Hauseingang hineinzugehen, sie schleicht sich nach der Küchentür davon.

Aber Anna hat kein bißchen Angst, sie geht nur ruhig weiter. Und gerade, wie sie die Flurtür aufmacht, sagt sie zu uns, wir sollten lieber nichts von Majas Zusammensein mit Lars Nylund sagen, denn sie wolle nicht, daß Maja deshalb Verdruß bekomme. Aber sie sagt kein Wort davon, daß wir über die Erbauungsstunde schweigen sollen.

Anna geht durch den Flur geradeswegs in die Stube hinein, und ich und Emma folgen ihr. Anna legt nicht einmal ihre Überkleider ab, und wir andern tun es auch nicht. Wir halten es für das beste, zu tun, was sie tut.

Im Saal sind die Vorhänge zugezogen, und die Lampe ist angezündet. Mutter und Aline Laurell sitzen an dem runden Tisch vor dem Sofa und legen Sympathiepatience. Tante Lovisa hat Gerda neben sich und zeichnet ihr eine kleine Blume, Vater sitzt im Schaukelstuhl und plaudert wie gewöhnlich mit den andern.

Und obgleich Anna weiß, daß sie bei der Erbauungsstunde zugegen war, was uns ja Vater verboten hat, geht sie doch gerade auf ihn zu und reicht ihm die Posttasche.

»Hier ist die Post, Vater,« sagt sie.

Aber jetzt sieht es aus, als ob Vater so tun wollte, als bemerke er gar nicht, daß wir heimgekommen sind. Anna muß unbeachtet mit ihrer Posttasche vor ihm stehen bleiben. Er nimmt sie ihr nicht ab, sondern plaudert mit Mutter und Aline Laurell weiter.

Und wenn Vater das tut, dann ist es ein Beweis, daß er sehr böse ist.

Mutter und Aline legen ihre Sympathiepatiencekarten zusammen, und Tante Lovisa zeichnet nicht weiter an ihrer kleinen Blüte. Und keines von ihnen sagt ein Wort. Emma Laurell und ich fassen einander an der Hand, weil wir Todesangst haben, aber Anna ist ganz ruhig und freimütig.

»Die Wege waren sehr schlecht, deshalb ist der Postillon zu spät gekommen,« sagt sie. »Wir mußten im Gasthaus bis fünf Uhr warten.«

Vater schaukelt nur weiter und hört gar nicht, was Anna sagt; aber jetzt ergreift Mutter das Wort.

»Sag, Anna, was tatet ihr, während ihr dort im Wirtshaus gewartet habt?«

»Während der ersten Stunde taten wir gar nichts. Dann kam ein Kolporteur herein und hielt eine Erbauungsstunde,« antwortet Anna. »Aber sobald der Postillon mit der Posttasche da war, gingen wir nach Hause.«

»Aber, Anna,« sagt Mutter, »du weißt doch, daß Vater euch verboten hat, die Predigten von solchen Stundenhaltern anzuhören?«

»Jawohl,« antwortet Anna, »aber siehst du, Mutter, es war ja Paulus von Sandarne, und du weißt doch, daß er der allergefährlichste von allen miteinander ist.«

»Ja, aber liebes Kind,« erwidert die Mutter, »war es ein Grund, dazubleiben, weil er so gefährlich ist?«

»Wir wußten nicht, daß eine Erbauungsstunde gehalten werden sollte, erst gerade bevor sie anfing, erfuhren wir es,« erklärt Anna. »Und ich dachte, wenn wir in diesem Augenblick fortgingen, dann könnte er so böse auf uns werden, daß er hierher nach Mårbacka kommen und stehlen würde.«

»Aber was faselt denn das Mädchen?« murmelt Vater, und er hält den Schaukelstuhl jäh an. »Sie wird doch nicht verrückt geworden sein?«

Plötzlich sehe ich, daß Aline Laurell sich mit dunkelroten aufgeblasenen Wangen über die Spielkarten vorbeugt, damit man nicht merken soll, daß sie auf dem Punkt ist, in helles Lachen auszubrechen. Aber Tante Lovisa lehnt sich in die Sofaecke zurück und lacht so widerstandslos, daß sie sich die Hände in die Seiten drücken muß.

»Ja, da siehst du's, Gustav,« sagt Mutter, und man hört es ihrer Stimme an, daß sie auch gern gelacht hätte, »wie es geht, wenn du so übertreibst.«

Darauf wendet sie sich wieder an Anna und fragt: »Wer hat denn gesagt, daß Paulus von Sandarne ein Dieb sein soll?«

»Aber Vater hat doch gesagt, er sei ein ärgerer Halunke als Lasse-Maja,« antwortet Anna, »und er müßte eigentlich im Gefängnis sitzen.«

Und jetzt lachen Emma Laurell und ich auch mit, denn wir haben ja immer begriffen, wie Vater es meinte, wenn er sagte, die Kolporteure und Stundenhalter seien ebenso schlimm wie Zuchthäusler. Und wir hätten uns doch niemals denken können, daß Anna, die volle zwölf Jahr alt ist, das Wort für Wort glauben könnte.

Als nun alle miteinander laut lachen, geht Anna wohl ein Licht darüber auf, daß sie etwas Dummes gemacht hat, und ihre Oberlippe beginnt zu zittern, wie wenn sie in Tränen ausbrechen wollte.

Doch nun steht Vater von seinem Stuhl auf und nimmt ihr die Posttasche ab.

»Ja, es ist gut, Anna,« sagt er. »Du bist mein liebes Mädchen. Kümmere dich nicht um die andern, die jetzt lachen, denn siehst du, wir zwei, wir haben recht. Nimm jetzt Emma und Selma mit, legt eure Überkleider ab und zieht andre Schuhe an! Und dann dürft ihr die Tante um Sirup und Mandeln bitten, damit ihr euch gebrannte Mandeln machen könnt, denn ihr müßt doch wohl eine kleine Belohnung bekommen, weil ihr so lange auf die Post habt warten müssen.«

Das Gelübde

Nichts ist so vergnüglich, als wenn Vater von einer Reise heimkommt.

Am Tage, nachdem wir der Erbauungsstunde beigewohnt hatten, war Vater fortgefahren und seither nicht wieder dagewesen. Wir finden es recht langweilig, wenn Vater nicht daheim ist. Niemand plaudert, während wir zu Mittag essen, und niemand spielt mit uns nach dem Abendbrot. Das Kindermädchen Maja sagt, er reise umher und erhebe Steuern, und sie will behaupten, er sei erst ein paar Wochen fort. Aber wir verlassen uns nicht mehr auf Maja, seit sie mit Lars Nylund dort im Gasthaus auf der Stalltreppe stand, sondern wir meinen, Vater sei schon viele Monate von Hause fort.

Aber dann eines Morgens sagt Mutter, heute abend komme Vater wieder heim, und wir sind hochbeglückt über diese Nachricht.

Den ganzen Tag hindurch, sobald sich nur Gelegenheit dazu bietet, machen wir die Haustür auf, laufen auf die Freitreppe und horchen und lugen hinaus. Mutter sagt, wir müßten im Hause bleiben, denn wir würden uns draußen nur erkälten; aber wir kümmern uns nicht einen Deut darum.

Aline Laurell beklagt sich über uns, weil wir unsere Gedanken nicht beisammen haben, als sie uns unsere Aufgaben abhört.

»Wenn ich nicht wüßte, wer heut abend erwartet wird,« sagt sie, »dann würdet ihr alle miteinander schlechte Noten bekommen.«

Gerda ist den ganzen Tag mit ihren Puppen beschäftigt. Sie zieht sie an, zieht sie wieder aus und zieht sie wieder an. Sie kann sie gar nicht schön genug machen.

Anna und ich sagen zu Emma Laurell, sie könne ganz sicher sein, daß unser Vater auch für sie Spielsachen mitbringe, wie für uns. Oh, sie kennt unsern Vater nicht, wenn sie daran zweifeln kann!

Als es vier Uhr schlägt und die Unterrichtstunden zu Ende sind, sagt Aline Laurell, sie wolle uns die Aufgaben für den nächsten Tag erlassen, denn wir könnten sie ja doch nicht lernen, das wisse sie im voraus. Und wir alle miteinander, Anna und Emma Laurell, Gerda und ich eilen nun hinaus zum Empfang unseres Vaters. Zuerst gehen wir in den Stall und holen den großen Ziegenbock, den Johann in der letzten Weihnachtszeit für uns eingefahren hat, und spannen ihn vor den Schlitten, damit es recht feierlich aussehen soll. Die Schlittenbahn ist fast ganz aufgetaut, aber Vater freut sich doch, wenn er uns mit dem Ziegenbock ihm entgegenkommen sieht.

Ach, und was haben wir für ein Glück – »Dusel« pflegt Emma Laurell zu sagen –, wir haben kaum das Ende der Allee erreicht, als wir auch schon Schlittengeklingel hören. Und gleich darauf kommt jemand dahergefahren, und wir erkennen den Braunen und den Schlitten und Magnus in Wien und den Vater selbst in seinem großen Wolfspelz. Es gelingt uns gerade noch, durch Stoßen und Schieben den Ziegenbock in Bewegung zu setzen; denn so gut eingefahren, daß er ausweicht, wenn ihm ein Pferd entgegenkommt, ist er nicht, sondern er stellt sich dann lieber auf die Hinterbeine und schiebt den Kopf vor und will das Pferd in den Graben stoßen.

Aber wie merkwürdig ist es doch: Vater hält diesmal gar nicht an, und begrüßt uns auch nicht! Wir haben ja nicht weit nach Hause, aber wir hatten doch geglaubt, daß Gerda und ich, oder wenigstens Gerda, in den Schlitten steigen und mit Vater bis zur Haustür fahren dürften. Aber Vater nickt uns nur ein ganz klein wenig zu und fährt an uns vorbei.

Jetzt bereuen wir es, daß wir den Ziegenbock mitgenommen haben, denn wir wollen so rasch wie möglich heim, aber der Ziegenbock ist eben noch nicht ganz eingefahren; er dreht nicht um, wenn man am Zügel zieht, nein, das Umwenden wird auf andere Weise bewerkstelligt. Wir müssen uns alle vier auf seine eine Seite stellen und schieben und schieben, bis er schließlich begreift, worum es sich handelt.

Dadurch kommen wir zu spät, um Vater zu empfangen, als er an der Freitreppe vorfährt. Aber daß er auch nicht da stehen bleibt und auf uns wartet! Wir können das durchaus nicht begreifen.

Wir stürmen in den Flur hinein, aber auch da ist er nicht. Er hat gewiß etwas ganz Besonderes für uns bereit, denken wir, und wir fragen uns, ob wir ins Schlafzimmer hineingehen sollen. Aber in diesem Augenblick macht Mutter die Schlafzimmertür auf und kommt zu uns heraus.

»Kinder, seid lieb und geht leise die Treppe hinauf,« sagt sie. »Und bleibt dann im Kinderzimmer, denn Vater ist krank. Er hat Fieber und muß sich gleich zu Bett legen.«

Mutters Stimme zittert, als sie das sagt, und darüber erschrecken wir furchtbar. Und nachdem wir die Treppe hinaufgeschlichen und im Kinderzimmer angekommen sind, sagt Anna, sie glaube, daß Vater am Sterben sei.

Wenn wir am Abend zu Bett gegangen sind, kommt immer Mutter und hört zu, während wir unsere Abendgebete sprechen. Wir beten das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Mutter geht von Bett zu Bett, und wir sagen dieselben Gebete her, zuerst Anna, dann Emma Laurell und zuletzt ich. Emma Laurell betet auch, Gott möge ihre Mutter und ihre Geschwister und alle guten Menschen behüten. Aber dieses Gebet pflegen wir andern nicht zu beten, denn man hat es uns nicht gelehrt, als wir klein waren.

Jetzt am Abend kommt Mutter, obgleich Vater krank ist, wie gewöhnlich zu uns herein und setzt sich an Annas Bett. Und Anna betet wie sonst das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Aber sie begnügt sich nicht damit, sondern schließt in derselben Weise wie Emma Laurell und sagt: »Gott behüte meinen Vater und meine Mutter und meine Geschwister und alle gute Menschen.«

Anna betet das, weil sie Gott bitten will, daß er Vater, der krank ist, behüten soll, und das versteht Mutter, denn sie beugt sich nieder und küßt sie.

Dann geht Mutter weiter zu Emma Laurell, und diese betet das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Dann betet sie für ihre Mutter, für ihre Geschwister und für alle guten Menschen. Und ganz zuletzt fügt sie hinzu: »Gott behüte den lieben Onkel Lagerlöf, damit er nicht stirbt wie mein Vater.«

Als Emma Laurell mit ihrem Gebet fertig ist, beugt sich Mutter hinunter und küßt sie ebenso, wie sie Anna geküßt hat. Dann tritt Mutter an mein Bett.

Und ich bete das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«, aber dann füge ich nichts mehr hinzu. Ich möchte von Herzen gern, aber es ist mir ganz unmöglich, noch ein weiteres Wort herauszubringen.

Mutter bleibt still stehen und wartet ein Weilchen, und dann sagt sie:

»Willst du nicht Gott bitten, daß er dir deinen Vater nicht nimmt?«

Ja, ich will, ich will so furchtbar gern, und ich weiß, wie schlimm es aussieht, daß ich nichts sage, aber ich kann eben nicht.

Mutter wartet noch einen Augenblick, und ich weiß, sie denkt an all das, was Vater für mich getan hat, an die Reise nach Strömstadt, die meinetwegen gemacht wurde, und an meinen Aufenthalt in Stockholm, wo ich einen ganzen Winter lang in die Gymnastik gehen durfte; aber ich kann eben mit dem besten Willen kein Wort herausbringen. Und dann steht Mutter auf und geht, ohne mich zu küssen.

Aber seit Mutter gegangen ist, muß ich nun immerfort ein und dasselbe denken:

Vielleicht, ach vielleicht wird Vater nun sterben, weil ich nicht für ihn gebetet habe!

Vielleicht, weil ich Gott nicht gebeten habe, meinen Vater zu bewahren, ist Gott nun so böse auf mich, daß er ihn mir nimmt!

Ach, was soll ich tun, um Gott zu beweisen, daß ich nicht will, daß Vater stirbt?

Ich besitze ein kleines goldenes Herz, das mir Mamsell Spak, die Schwester meiner Tante Wennervik, geschenkt hat, und auch ein kleines Granatkreuz. Wenn ich diese weggebe, dann versteht Gott vielleicht, daß ich es tue, damit mein Vater am Leben bleibt. Aber ich werde sie eben nicht hergeben dürfen, Mutter wird es mir wohl nicht erlauben. Ich muß mir durchaus etwas anderes ausdenken.

*

Jetzt ist der Doktor dagewesen, und als er wieder fortgefahren war, teilte uns Mutter mit, daß Vater eine Lungenentzündung hat. Vater hat auf der Reise einmal in einem Bett mit feuchten Laken schlafen müssen, und feuchte Laken sind das gefährlichste, was es gibt.

Aline Laurell hat in der Nacht mit Mutter bei Vater gewacht, und auch heute am Tage ist sie meist im Schlafzimmer drinnen. Mutter wüßte gar nicht, was sie tun sollte, wenn sie Aline Laurell nicht hätte, denn sie ist sehr besonnen und ruhig. Tante Lovisa hat so furchtbar Angst, daß Vater sterben könnte; von ihr ist also nicht viel Hilfe zu erwarten.

Aline Laurell gibt uns Aufgaben zu lernen, aber sie kommt nicht herauf, um sie abzuhören, und sie gibt uns große Rechnungen auf, aber sie kommt nicht, um in unserem Rechenheft nachzusehen, ob wir richtig gerechnet haben. Und schließlich wird es uns Kindern da allein in der Kinderstube, so weit entfernt von allen Menschen, gar zu unheimlich zumute. Wir schleichen uns auf die Treppe hinaus, Anna, Emma Laurell und ich, und gehen zu Tante Lovisa in die Küchenstube. Und da sitzt Tante Lovisa an ihrem Nähtisch und liest in einem großen dicken Buch, und Gerda sitzt auf einem Schemelchen neben ihr und näht an einem Puppenkleidchen.

Wir drei, Anna, Emma Laurell und ich, kauern uns auf Tante Lovisas Sofa zusammen und sitzen da ganz still, ohne etwas zu sagen. Und Gerda kommt uns ganz sonderbar vor, weil sie an einem Tag wie dem heutigen mit ihren Puppen spielen kann. Aber seht, Gerda ist ja erst sechs Jahr alt, und so versteht sie nicht, daß Vater am Sterben ist.

Und es ist, als fühlten wir uns etwas ruhiger, seit wir uns in der Küchenstube befinden. Alle Menschen finden es hier bei der Tante höchst behaglich. Sie sagen, hier erkennten sie das alte Mårbacka wieder. Da steht die große Bettstatt, in der Großvater und Großmutter schliefen und die Tante Lovisa nach ihrem Tode geerbt hat. Hier ist die alte große Standuhr in ihrem hohen Gehäuse, und hier steht Großmutters schöne Schreibkommode, die der ausgezeichnete Tischler in Askersby aus dem Holz der alten Apfel- und Fliederbäume von Mårbacka zusammengeschreinert hat. Den Überzug des Sofas hat Großmutter mit ihren eigenen Händen gewebt, und das merkwürdige Muster hat sie von Tante Wennervik gelernt, die mit Großmutters Bruder verheiratet war. Der Stuhl, auf dem Tante Lovisa sitzt, ist Großvaters eigener Schreibtischstuhl, und Tantes Spiegel, der auf der Kommode steht und mit einem Schleier bedeckt ist, ist auch in Askersby verfertigt worden. Aber die großen, urnenförmigen, hölzernen Kruken, die zu beiden Seiten des Spiegels stehen und mit trockenen Rosenblättern gefüllt sind, hat Tante Lovisa in Valsäter auf einer Auktion erstanden; dort hatte ihre Schwester Anna, die mit dem Onkel Wachenfeldt verheiratet war, ihr Heim.

Von nichts hier in der Küchenstube würde sich Tante Lovisa lieber trennen, als von dem schwarzen Aufsatz über der Kellertreppe, aber wenn Vater davon redet, daß er ihn wegnehmen lassen wolle, dann sagt Tante Lovisa doch, es sei am besten, er bleibe da, wo er sei, weil er alt sei, und sie würde sich in ihrem eigenen Zimmer nicht mehr auskennen, wenn er nicht mehr da wäre.

Über Tante Lovisas Bett hängt ein Bild, das eine weiße, von hohen Bäumen umgebene Kirche und eine niedere Kirchhofmauer mit einem eisernen Gittertor vorstellt. Aber dieses Bild ist nicht gemalt, sondern ausgeschnitten, und Tante Anna Wachenfeldt ist es gewesen, die die Schere geführt hat. Tante Lovisa sagt immer, dieses Bild sei außerordentlich gut ausgeschnitten und aufgeklebt, und es sei ganz besonders schön, trotzdem kommt es mir aber doch ein wenig ärmlich vor.

Um den Spiegel herum hängen vier kleine Bilder, die Tante Lovisa zu der Zeit, wo sie in Amål in der Pension war, selbst gemalt hat. Das eine stellt eine Rose vor, das zweite eine Narzisse, das dritte eine Nelke und das vierte eine Dahlie, und ich finde sie alle sehr schön. Tante Lovisa besitzt immer noch ihren Farbenkasten und ihre Pinsel, aber so etwas Schönes malt sie nie wieder.

Tante Lovisa hat auch noch ein anderes Bild, das hinter uns über dem Sofa hängt, und es stellt einen dicken Jungen und ein dickes Mädchen vor, die in einem kleinen runden Kahn, in dem sie kaum Platz haben, hinausrudern. Das ganze Bild ist mit Kreuzstich auf Stramin genäht, und Aline Laurell sagt immer wieder, Tante Lovisa solle es doch aus dem Rahmen herausnehmen und ein Sofakissen daraus machen; aber Tante Lovisa will an diesem Altertum nichts ändern, sondern es soll da hängen bleiben, wo es hängt.

Drüben am Fenster stehen die drei mit großen rosaroten Blüten übersäten Oleanderbäume, und an der Wand hängt ein kleines Bücherbord, wo nur gerade das Gesangbuch und das Neue Testament und »Die christliche Liebe« von Johan Michael Lindblad Platz haben, sowie auch das dicke Buch, aus dem Tante Lovisa lernte, als sie in Amål in der Pension war. Darin ist alles, was man von Französisch und Geographie und schwedischer Geschichte und Weltgeschichte und Naturgeschichte und Haushaltführung zu wissen brauchte, in einem und demselben Band zusammengefaßt.

Jetzt wischt sich Tante Lovisa eine Träne aus dem Auge, aber sie sagt nichts, sondern liest nur weiter. Dann steht Gerda von ihrem Schemel auf und fragt Tante Lovisa, ob sie ihrer Puppe einen weißen oder schwarzen Ausputz an das Kleid machen soll.

»Liebes Kind, tu, was du willst!« antwortet Tante Lovisa kurz; aber nach einem Weilchen bereut sie ihre Worte, und sie bespricht mit Gerda, was diese wissen möchte.

Ich grüble die ganze Zeit darüber nach, was ich tun könnte, damit Gott mir meinen Vater nicht nimmt, und auch ich hätte Tante Lovisa gerne um Rat gefragt, aber ich bin zu schüchtern dazu.

Es dauert dann auch nicht lange, bis die Küchentür aufgeht und die Haushälterin mit einem Kaffeebrett hereinkommt.

»Mamsell Lovisa möchte doch wohl ein Täßchen Kaffee haben,« sagt sie. »Das hat man nötig, wenn hier alles so traurig aussieht. Nicht, daß der Herr Leutnant am Sterben wäre, nein, aber auf alle Fälle ... Ach, Mamsell Lovisa, meinen Sie nicht, Sie könnten der gnädigen Frau auch eine Tasse bringen?«

»Nein, Maja, ich bringe heute keinen Kaffee hinunter,« erwidert Tante Lovisa. Aber dann denkt sie wohl, wenn die Haushälterin sich nun doch einmal die Mühe gemacht habe, Kaffee zu kochen, dann sähe es unfreundlich aus, wenn sie keinen tränke; sie schiebt also das Buch zurück und schenkt sich eine Tasse ein.