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Ein Universial-Soldier in Späh: Dieter Schlechter. Seine Lebensgeschichte erzählt nicht nur von seiner Persönlichkeitsentwicklung, sondern von seiner politischen Reifung an den realpolitischen Begebenheiten und wie sie zur Zeit des Kalten Krieges in Deutschland vorherrschten. Und sie reibt sich an den Ereignissen am Tage des 11. Septembers 2001 auf; an jenem Tage also, an dem sich die Welt verändern sollte. Eine Erzählung, die in der Darstellung ländlicher Lebensverhältnisse Nord-West-Deutschlands beginnt, die sich anderen Ortes zu militarisieren beginnen. Eine Geschichte, die sich an der Banalität eines gärtnerischen Lebens nicht aufhält, sondern sich zu einem spannenden Politthriller entwickelt und wie er sich nur in den 70´er Jahren des 20. Jahrhunderts ausgestalten konnte. Eine dramatische Auseinandersetzung mit dem sich überall aufdrängenden Welt-Kommunismus ließ sich in diesem Werk nicht umgehen. Doch der anti-imperialistische Kampf zu jener Zeit stellt sich hier nur als eine perfide Form des grassierenden Welt-Terrorismus heraus, wie er am 11. 09. 2001 seine Fortsetzung gefunden und wobei lediglich die Ideologie des Todes hierbei vom politischen zum religiösen Motiv hin eine Wandlung erfahren hatte.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Inkognito
Es bedurfte eines Toten
Aus Herzen wurden Mördergruben
Ein kostspieliger Ausflug
Warum?
Von dem darauf warten müssen
Unter Vermummten
Der Anfang vom Ende
Aus der Not eine Tugend
Gastarbeiten
In der Fremde
Der Weisheit letzte Schlüsse
The finale count-down
»…ich flüchte und ich halte selten an!”
Für Georg, den ich vor Jahr und Tag aus den Augen verlor, der dieses aber unbedingt wissen sollte.
Eine nacherzählende Kolportage über das Phantom eines Top-Terroristen
D´rum handle so, daß die Maxime Deines Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen kann. - Dieters Moral läßt es zumindest jetzt nicht zu, sich selbst zu gefährden, wenn er sich nach solch einer Zeche ans Steuer setzt. - Er war damals nicht gerade besoffen aber es war ihm schwindelig vom Suff. Ulli überließ ihm das Rennrad, mit dem er die gut zehn Kilometer Entfernung bis in seine Pension zu Lisa zurücklegen könne. Es war gegen zehn Uhr am Abend, als sie sich dazu verabredeten und wonach er sich auf das schnittige, weiß lakkierte Gefährt setzte um damit endlich die Heimreise anzutreten, denn er war von dem ereignisreichen Tag fix und fertig. - Er fuhr direkt in sie hinein: in die Schwärze der Nacht, die er mit der Fahrradlampe, die vorne, die an der Lenkstange, zunächst eher schwach dann aber mit zunehmendem Tempo heller werdend, einen schmalen Kegel weit ausgeleuchtet hatte; jenen Lichtstreifen, der vor ihm herfuhr, der nicht einzuholen gewesen war und schon deshalb eine Motivation in ihm weckte - ganz ähnlich wie es tagsüber einem manchmal danach ist, im hellen Sonnenschein den eigenen Schatten zu überspringen - jetzt aber in die Mitte des Lichtes zu gelangen, um die Schwärze der Nacht besser zu durchleuchten und ausgerechnet in ihr hell zu erstrahlen. - Die Schwärze der Nacht bedeutet ihm keine Farbe. Sie bedeutet ihm einen Zustand, nun dem einer Verdunkelung des saftigen Buchenwaldes, durch den er fuhr, der links und rechts der Bundesstraße wie verschlungen dalag, an der durchgezogenen weißen Linie, rechts der stattlichen Asphaltstraße entlang, den er nur witterte und somit mit seinen Ohren und seiner Nase wahrnehmen konnte und der Duft des Waldes erfrischte ihn auf der anstrengenden Fahrt lindernd, schwächte seinen Schwindel, der vom Übermaß des Bieres herstammte. - Mariechens Küsse hatten ihn satt gemacht. Seine Küsse erwiderten prallen Lippen in einem herrlich frischen Gesicht einer durch und durch skandinavischen, jungen Frau, durchaus deutschstämmig, mit hellblonden, langen und glatt herunterhängenden Haaren, die sich hingab, im frohen Kreis der jungen Gesellen, ihren Etappensieg gemeinsam zu feiern; bald ist sie selbst mit der Prüfung d´ran. - Sein Atmen jetzt, der Odem aus Kraftanstrengungen, unterwegs auf dem edlen, vierundzwanziggängigen Gefährt, war an die Stelle des Verhauchens seines Schmachtes getreten, während er sie in seinen Armen gefangen hielt. Jetzt wußte er nicht, wie es mit ihr weiterginge. Er war eine ganze Strecke im sechsten Gang unterwegs gewesen und das Treten der Pedale strengte ihn zunehmend an. Seine Versuche, in den zehnten Gang hochzuschalten, scheiterten an der verrosteten Gangschaltung, die Spuren der Alterung vorwies, zugezogen während kühner Touren durch abenteuerliche Landschaften und in sofern gescheitert an unwillkürlich beigebogenen Dellen von Rohheiten in den Zahnrädern des vierstufigen Kettenantriebes. Er gab sich deshalb bis auf weiteres geschlagen, unternahm im sechsten Gang zufrieden die tapfere Heimfahrt. - Resignation in einer schwarzen Nacht.
Gleiches geschah am 28. Juni 1973 in Paris, als eine Autobombe hochging, die dem jungen Mann galt, der ein Anführer gewesen war: der Führer des Schwarzen Septembers in Europa. Er wurde nicht sehr alt, der sich noch kurz zuvor in gleicher Weise von seiner Freundin mit verschmachtenden Küssen verabschiedete, dessen anhaltender, schmatzender wie feuchtwarmer Kuß völlig unerwartet nur einen Auftakt bedeutete - ein Kuß, der machtvoll von Zigarettenrauch umqualmt gewesen, der beinahe freihändig vergeben war, als er, wie nebenher, die Pistole hinter den Saum seiner Hose `wegsteckte. - Liebe knallt mitunter zwei Menschen zusammen aber damals riß es eine siechende Liebe für immer auseinander. Nur sie allein, die junge Frau namens Brigitte, woanders auch Anton genannt, blieb zurück und auch Illitsch war am Tatort anzutreffen, wo er sich in einem Hinterhalt aufhielt, als die Polizei längst da war und Brigitte vor seinen Augen in das Polizeiauto zum Verhör abführte. Er war jetzt außerdem mit einer guten Spiegelreflexkamera ausgestattet, einer Nikon, wie sie von militanten Fotografen häufig benutzt wird, mit der er jetzt nur Fotos vom Tatort schoß - weiß der Himbeer-Toni für wen er die Fotos brauchte? - Auch Dieter hatte die Zeichen der neuen Zeit längst verstanden gehabt, hatte sich zum letzten Weihnachtsfest eine Kamera von seinen Eltern gewünscht und war prompt von Karl mit einer Praktika beschenkt worden. Ein Markenzeichen aus Jena und Dieter freute sich über die Entwicklung, daß DDR-Marken im Westen marktfähig geworden waren, denn es zeugte ihm von einem erwünschten Zusammenhalt. Sie machte ihm sehr gute Bilder, die er rückblickend und wegen der Ereignisse am Tage seiner Gesellenprüfung und zu solcherlei Anlässen generell dann lieber nicht auf Fotopapier und in Farbe bannte; dieses galt auch für das abschließende Stelldichein im Stones bei fetziger Rockmusik aus den Boxen an den Wänden des irischen Bierlokals in der Stadt. Hier stellte er nichts zur Schau. Hier wollte er ganz und gar er selbst bleiben. - Noch im selben Monat Juli aber inzwischen einige Jahre zurückliegend landete Illitsch in Beirut, wo er in Begleitung zweier Damen einer Boing entstieg. Er gab sich entschlossen der Wildnis des Nahen Ostens hin. Dort witterte er nicht den Sauerstoff eines Buchenwaldes, der Dieter jetzt durchhalten ließ; Illitsch witterte den Duft des Öl-Geldes. Er war auf seinen Vornamen getauft, weil sein Vater ein peruanischer Arzt gewesen sei - ein überzeugter Komunist im Übrigen und in Anlehnung an Lenin ließ er deshalb seinen jüngsten Sohn auf den selben Vornamen jenes Mannes taufen, wie der berühmte russische Revolutionär ihn längst getragen hatte. So war er verlautbart. Die Revolution benötigte einen Toten; sie wissen es seit Jesus-Christus, weil ohne ihn für einen wirksamen, politischen Aktionismus keine öffentliche Aufmerksamkeit in den Medien zu erlangen sei. So entsprach es Illitsch´ festen Glaubens. - Kaum, daß Lenin den blutigen Umsturz gewollt hätte, wenn sein Bruder nicht wegen seiner Beteiligung an einer Vorbereitung eines Attentats auf Kaiser Alexander III im Jahre 1887 hingerichtet worden wäre, so ließ sich sein Wille zum Umsturz schüren, war Illitsch außerdem zu überzeugen gewesen. Die Revolution nährt sich von ihren Toten, außerdem den ruhmreichen Jahrestagen, schließlich auch denen, solcher schandbarer Ereignisse, die von einer blutigen Rache herstammen. Erst im Juli 1917 floh Lenin nach Finnland und verfaßte dort in seinem Exil die Schrift »Staat und Revolution« und es handelte sich um eine Grundsatzschrift über Zerschlagung und Aneignung des Staatsaperats durch das Proletariat. - Das Proletariat hatte Dieter heute entgültig in Besitz genommen; auch er gehörte zur Revolution, weil sie jeden in Beschlag nimmt, was ihn außerdem schwindelig machte. - Er strauchelte nach ungefähr fünf Kilometern, unterwegs auf einer ebenen, asphaltierten Bundesstraße im westlichen Landkreis, einer Errungenschaft, hauptsächlich der aus Arbeiterkraft. Plötzlich fiel er unvermittelt mit dem Fahrrad um. Er befand sich auf halber Strecke und war von den Anstrengungen des Tages und seines Bierkonsums außerdem ganz und gar erschöpft und ehe er sich versah, fiel er deswegen inmitten der strapaziösen Heimfahrt mit seinem Rennrad in den Straßengraben, in dem er gottlob weich landete aber es benötigte Sekunden, bis er wieder zu sich kam, realisierte, was ihm eben geschah. Unter Lenins Führung rissen die Bolschewiki die Macht an sich. Dieses geschah am 25.10. 1917 und war am 07.11.1917 vollendet. Drüben werden sie in diesem Herbst den 63. Jahrestag des glorreichen Sieges feiern, mit Militärparaden protzen, die nicht nur Dieter bedrohen und mit dem Gefühl des davon-einem-ganz-übel-werdens wendet er sich bestimmt auch in diesem Jahr davon nur ab, wendet er sich wichtigerem zu, vieleicht an neuer Arbeitsstätte, dann als junger Gärtner- und liebeshungriger Junggeselle, immer auf der Suche und zu neuen Abenteuern mit einer neuen Braut bereit. - Mariechen gönnte ihm heute Abend den ersten, lohnenden Erfolg hierbei. - In Beirut machte sich Illitsch auf den Weg zu Vadi Haddad. - Lenin trat 1917 als Vorsitzender des Rates der Volkskomissare an die Spitze des Staates und wer gründet sich schon in einem Staat der Komissariate, wenn nicht der Polizeistaat höchstpersönlich. - Jetzt ist auf Dieters Strecke keine Polizei unterwegs; die ihm hier drohende war scheinbar gezähmt und sie kümmert sich bestenfalls um die Verkehrssicherheit auf seinem Weg, die er nur kaum gefährdete, zumal jetzt nur wenige bis gar keine Fahrzeuge auf selber Strecke unterwegs gewesen sind und sie kümmert sich nicht mehr um seine politische Gesinnung, wovon er über sie weiß, daß es auch wegen der Verhältnisse drüben, den Polizisten in Westdeutschland ausgetrieben war und so pflegte die westliche Bürgerschaft das Bürgerrecht gemeinsam mit ihren Freunden und Helfern. - Er hatte sich wieder aufgerichtet gehabt, seinen Zorn verpustet, den Drahtesel aus dem Straßengraben gezogen, ihn auf der Straße aufgerichtet, das Rad auf ein Neues bestiegen und auf ihm wacker seine Fahrt fortgesetzt. Er litt unter seiner Trunkenheit, die er jetzt bereute. Er hoffte auf das Allmähliche und diesbezüglich gelang es Lenin immerhin, mit der Unterstützung Trotzkis und Stalins einen ganzen Staat zu gründen aber hierzu bedurfte es eines Toten. Damals war es der Zar und seine Familie wurde ihnen mit ihm nur überflüssig. Sie waren wegen eventueller Erbansprüche der Revolution viel zu gefährlich geworden und ihr somit heillos entwachsen. - Vadi Haddad wollte auch einen Staat - seinen Staat und unter seiner Führung den Staat der Palästinenser, die als schwache Volksgruppe von den Sowjets in ihrem Befreiungskampf unterstützt wurden. Er musterte Illitsch, prüfte dessen Einsatzwillen bei ihrem Zusammentreffen, damals in Beirut und er verwies den jungen, kampfbereiten wie -erprobten Revolutionär nach dem Vorbilde Che´s.
Illitsch hatte bereits im Jahre 1970 ein Training in einem Camp in Jordanien absolviert gehabt und dort zusammen mit linken Studenten aus Deutschland zu kämpfen begonnen, die er aber nicht als wirkliche Kämpfer erkannte, sie vielmehr für bürgerliche Abenteurer hielt, wie er Haddad in besagtem Gespräch unterrichtete. Er hätte danach in den Bergen erste Kampferfahrung gesammelt und Haddad verwies ihn während ihrer Unterredung an Monsieur X, den er aufsuchen solle, in dessen Büro, irgendwo in Paris, denn Illitsch schien ihm brauchbar für seine Absichten und Zwecke. - Die Revolution hatte sich längst durchgesetzt, spann ihr Netz über die ganze Welt, von Moskau bis in den Süd-Jemen hinunter, bis nach Kuba hin und in der Mitte Europas hatte das Netz der Revolution sein schwarzes Loch sitzen. Ein Loch für den Klassenfeind, den es sog; eines für jene der von ihnen bekämpften, ein Loch für das unterdrückende Joch der Kapitalistenschweine. So hart schimpften sie es manchmal bei ihrer Schmähe und so unerbittlich knallte es im Olympischen Dorf zu München, während der Spiele im Jahre 1972 dort, womit der bewaffnete Kampf seine Fortsetzung nahm, der damit nach West-Europa hineinzuziehen drohte, wo man gerade so friedfertig damit begonnen hatte, ein belastetes Volk aus schmachvoller Sippenhaft nach einem von ihm angefangenen und schließlich verlorenen Weltkrieg ganz langsam zu entlassen, es hinüberzuführen, zu einem Apriori des Befreiten. Der Kategorische Imperativ erzwang den Willen aller Menschen zum Frieden hierzu. Es war die Zeit ihrer Entlassung aus der Ideologie des Todes, die seit der großen Revolution im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Europa eine Flagge zu hissen begann, deren Farbe keine war, das Land nur schwärzlich verrußte und ihr Zustand suggerierte a priori den Schmauch des revolutionären Kugelhagels, dem der Kanonenschläge und Sprengstoffattentate, in dessen Fülle sich ein blutiges Rot verschmierte - Rot ist dabei die Farbe des Blutes, welches in Fortsetzung auf die Düsternis der Revolution zu fließen begann und es floß von Rache und es vermengte sich in ihrem Schmauch, wieder einmal. - Und es geschah unter Berufung auf das Proletariat, das von Marx im frühen 19. Jahrhundert als die leidtragende Klasse des feudalistischen Ständewesens in Europa erkannt war. Marx, dessen Idee die der Befreiung der Arbeiter und Bauern galt, errichtete Lenin dogmatisch ein diktatorisches Regierungssystem, weil Marx in einem System des demokratischen Mehr-Parteien-Staates keine Chance für seine Revolution erkannte, die sich von Anfang an auch unter dem Einsatz gewaltsamer Mittel behauptete und sich auch gegen die anderen, revolutionären Parteien wandte, weil es durchaus einer apriorischen Erkentnis der Revolutionäre entsprang, daß allein das Realitätsprinzip bei der Durchsetzung der revolutionären Ziele zumindest einen Toten verlange, anderenfalls würde die Revolution nicht real. 1918 wurde Lenin bei einem Attentat schwer verwundet - man versuchte es schon noch einmal - denn die Revolution benötigte Tote, weil vieleicht auch auf Golghata ohne eine Hinrichtung eine diesbezügliche Beweislage etwas in eine Schieflage gerate wäre, weil sich ein öffentliches Interesse an jenem Debakel wiederum nicht herstellen ließe, wie sich der derzeitige Zeitgeist zu äußern wußte.
Dank der Autorität Lenins hielt er unter souveräner Beherrschung der marxistischen Theorie die widerstrebenden Kräfte seiner Partei, seit 1918 Komunistische Partei der Bolschewike, zusammen; dabei strebte er im Rahmen eines Demokratischen Zentralismus die Zentralisierung der Macht in den Händen einer kleinen Führungsgruppe nach der Errichtung des Politbüros im Jahre 1919 und dem Verbot der Fraktionsbildung im Jahre 1921 an. Die Revolution feierte nur langsam und nur dann und wann ihre Erfolge. Beginnend mit dem Frieden von Brest-Litowsk im Jahre 1918 verfolgte Lenin eine langfristige Politik der Weltrevolution und eine kurzfristige des zeitweisen Zusammenlebens mit den kapitalistischen Staaten in einer Phase des Überganges, der Zeit, die von anderen als jene des Spätkapitalismus´ postuliert war. - Die Auffassung vom langfristigen dialektischen Prozeß der geschichtlichen Bewegung erlaubte es ihm auch mit der Neuen Ökonomischen Politik im Jahre 1921 in begrenztem Umfang kapitalistische Wirtschaftsweisen wieder zuzulassen. So hielt sich der sozialistische Staat Rußlands weltoffen und weil er die jungen Menschen, überall in der Welt, auf seine Seite zu bekommen verlangte, damit diese für den Sozialismus eintreten und für ihn kämpfen, durfte auch Illitsch von Venezuela zunächst in die DDR einreisen, um sich dort von der Stasi ausbilden zu lassen, auch ausspionieren zu lassen und vermitteln zu lassen, weiterführend in ein Schulungszentrum in der UdSSR, von wo aus er bald wieder in den Westen abgeschoben wurde, weil er im Osten in der Zeit um den 20. Jahrestag der Revolution herum, wegen eines auffallend dekadenten Lebensstils aus der Sowjetunion ausgewiesen und somit verbannt worden ist. Die Revolution verlangte weiterführend und jetzt erst recht von ihm zumindest einen Toten.
Vadi Haddads Organisation kämpfte für die palästinensische Organisation und Feiglinge wie Arafat, verriet ihm Haddad bei besagtem Zusammentreffen in Beirut, die also Verrat begingen, könne die Organisation nicht gebrauchen. Auch Golghata benötigte einen Verräter - wie man es weiß - für einen kapitalen Verrat; anderenfalls gab es keinen Toten.
Illitsch lebe bereits seit längerem in London; von dort könne er überaus nützlich sein. - Mohamed Bodia, der die Organisation in Europa vertrat, sei von israelischen Mossad-Agenten getötet worden, erklärte er Haddad in dessen Büro in Beirut und er beteuerte seine Unschuld hieran und hierbei nur durch ein Übergehen weiterer Komentare zu diesem Ereignis. -
»... mit mir fahren Sie besser. Sie benötigen mutige Kämpfer und keine feigen Schreibtischtäter bei der Durchsetzung von militärischen Kampfaktionen.«, stellte er ihm anheim. - Haddad trug viele Gesichter in einem ihm typischen Antlitz und er war von manchem verkörperbar geworden:
»Wie alt bist Du? - Grünschnäbel kann ich nämlich nicht gebrauchen! Für meine Aufträge erfordert es den ganzen Kerl und keinen Hampelmann.«, forderte Vadi Haddad von ihm. -
»... und das glauben Sie von mir?«, hakte Illitsch und ihn dabei herausfordernd nach. -
»Du wirst von einem Mann, den Du vermutlich nicht kennst, in Europa unterwiesen! Dieser Mann ist für die Nachfolge Bodias von mir vorgesehen. Er ist reif und er hält, was er verspricht, ist zumeist sehr erfolgreich bei der Sache. Du findest ihn in Paris.«, motivierte Haddad Illitsch. - »Die Ablösung Stalins vom Amt des General-Sekretärs der KP, wie es im Testament des Vorsitzenden geschrieben stand, konnte Lenin nicht mehr miterleben, denn er starb im Jahre 1924; sein Leichnam wurde später in einem Mausoleum am Roten Platz in Moskau beigesetzt. Die bereits in der Schaffung des Sowjetstaates in Rußland begründete weltgeschichtliche Bedeutung Lenins erhielt insofern eine weitere Dimension, als sich sämtliche komunistische Herrschaftssysteme im 20. Jahrhundert auf seine Lesart des Marxismus als Marxismus-Leninismus beriefen.«1 Und Haddads Ehrgeiz bezog sich nicht nur auf die Ausweitung dieser ideologisch längst etablierten Weltanschauung sondern auf die Stärkung ihrer Weltmacht, die ihn in seinem Kampf für den Marxismus unterstützte. In diesem Macht- und Einflußgeflecht hatte sich das Führerprinzip des Älteren erhalten, das die jungen Menschen unter seiner Knute bishin zum KadaverGehorsam dazu anhielt - und dieses zur Verehrung des Patriarchen, die bis zur gottgleichen Anbetung und Unterwerfung führte - dessen Willen zu erfüllen und nur diesem eine Gültigkeit zuzusprechen. Im Winter des Jahres 1973 übergab Monsieur X hierfür eine Pistole und nur wenige Patronen an Illitsch und dieses in Absprache mit Haddad und dessen Auftrag, einen jüdischen Kaufhausbesitzer in London zu töten, denn die Revolution benötigt schließlich Tote und die Organisation will ihn sehen, Illitsch begutachten, wie gut er dabei ist, wie konsequent, treffsicher und überhaupt wie mutig, wie durchsetzungsfähig. - Michel Moukhartel öffnete Illitsch die Tür in sein Büro aber Illitsch nannte ihn Monsieur X.
»... jemand schickt mich zu Ihnen. Sie wissen bescheid, war mir gesagt. Das Kennwort ist Septembergrauen! - Kann ich Sie sprechen?«, fragte er den kleinwüchsigen, jüngeren Mann. Der stand ihm mit einem advokatisch geschnittenem, frischem Gesicht, in dem er einen kräftigen, schwarzen Schnurrbart über seiner schartigen Oberlippe trug, jenem Mann also, gekleidet in salopper Anzughose, außerdem in einem weißen Oberhemd, über das er eine graue Weste anhatte - ihn, dem Gesandten Haddads - an jenem Wintertag aus gutem Grunde eher mißtrauisch gegenüber. Jener noch junger, eher akrobatisch als athletisch gebauter, insgesamt also ein Mann von pykmischer Gestalt, der eine Anwaltskanzlei betrieb, von der aus er seine Dienste für die Organisation administrativ erledigte, hielt es für möglich. -
»Ich habe Sie erwartet!«, lud er Illitsch in die Wohnung mit dem kleinen Bürozimmer darin ein. Er übergab ihm im weiteren Verlauf ihrer Unterredung die Pistole, mit der er Illitsch losschicken soll und er erklärte ihm nebenbei:
»... wir machen das zusammen. Du bleibst dafür aber in London und ich in Paris. Du darfst auf gar keinen Fall Kontakt zu mir aufnehmen! Keine Mitteilungen, keine Fragen, keine Anweisungen. Nichts davon! Weder Adresse noch Telefonnummern. Du brauchst einen toten Briefkasten. Such´ Dir in London einen Freund - es darf auch eine gute Bekannte sein, welche für Dich die Post annimmt und dessen Adresse Du benutzen kannst. - Du pflegst Umgang mit Waffen?«, fragte er Illitsch und er bediente ihn kaltschnäuzig. -
»Normalerweise halte ich besseres in der Hand!«, imponierte Illitsch. -
»...`was Besseres habe ich leider nicht!«, entäuschte ihn Monsieur X. -
»Es sind nicht sehr viel Patronen, die Du mit mir auf den Weg schickst.«, bemerkte Illitsch, zweifelnd über die Anzahl des ihm ausgehändigten Materials. -
»Ich brauche nicht mehr?«, blöffte er Hartgesottenes. -
»Bereits seit Stalins Tod war die Zeit als eine Ära des blutigen bürokratischen Despotismus gebrandmarkt worden.«2 Vieleicht floh Illitsch auch deshalb davon. Er setzte wenige Tage nach dem Zusammentreffen mit Monsieur X in London in einem für den Linksverkehr ausgestatteten beigefarbenen, britischen Mittelklassewagen von gewöhnlicher Marke seinen Weg mit dem Ziel der Villa seines Opfers fort, denn die Revolution beauftragte einen Toten und Illitsch sah sehr gut bei der Durchführung des Auftrages aus. Er war nicht gerade klein gewachsen, war von untersetzter, geradezu engelhafter Figur und er trug sein Haar mittellang, dabei die Ohren halb bedeckt, den Scheitel - jetzt nur sehr unordentlich gezogen - links. Die Farbe seines Haupthaares war eher brünett als daß man es als Schwarz bezeichnen durfte. - Er hielt in dem Londoner Villen-Vorort, verließ rasch den Wagen, verschuf sich durch einen Klingelton Einlaß durch die ihm daraufhin geöffnete Tür ins Haus des Warenhausbesitzers und engagierten Unterstützers der Zionistischen Bewegung, die seit langem, vieleicht bereits seit der Zeit des Karl Marx´, die Rückkehr aller Juden ins gelobte heilige Land nach Israel und seiner alsbaldigen Staatsgründung am selbigen Ort bestrebte und auch deshalb machte Haddad die Zionisten zu seinen Feinden, denn sie stahlen ihm damit, dank seiner Einbildungskraft, seine wunscherträumte Hauptstadt Jerusalem. Auf jeden Fall kamen sie ihm viel zu nahe. Der Mossad verfolgte ihn deshalb; sie duellierten sich bereits seit Jahren. - Illitsch hatte dafür fünf weitere Schüsse abzugeben, nachdem er den Buddler, der ihm ahnungslos nach seinem klingeln hin öffnete, der jenen Mann mit einer an dessen Hals gehaltener, durchgeladener Pistole unvermittelt und somit sofort anfiel, sich schließlich unter Mordandrohung den Eintritt ins Haus erzwang und mit einem dabei nach hinten verschränktem Arm des Dieners, also mit fesselnden Zugriffen, zusammen mit dem Überfallenen eine Treppe im Hause des Opfers hinauf gelangte und danach in der oberen Etage hinein ins Badezimmer, wo Illitsch inmitten des hell gekachelten, vornehm ausgestatteten Raumes nach dem Herbeirufen des Delinquenten von dem so eingeschüchterten Diener es halbnackt vor sich zu stehen bekam; und von den fünf Schüssen knallte sofort nur einer ganz laut, wovon das Opfer im Gesicht getroffen wurde, was es niederstreckte, wonach vier weitere Entladungen aus der plötzlich ladegehemmten Pistole zu nachfolgenden, metallen klingenden Fehlschüssen führten, die nichts bewirken konnten, weshalb der Todgeweihte überleben durfte, was nicht ganz dem Zufall überlassen schien, sondern der Absicht des Monsieur X entsprochen haben konnte, Illitsch nicht den ganzen Erfolg bei dieser Aktion zu gönnen. Jedenfalls blieb Illitsch so fehlbar, erpreßbar und er wurde nicht selbstbewußter, als es ihm, der allgemeinen Sicherheit wegen, zu erlauben gewesen wäre. - Tote drohen in solchen Fällen den noch Lebenden durch ihre frei herumlaufenden Mörder! Illitsch trug zu diesem Event eine silbern glänzende, dabei schwarze Lederjacke, vieleicht Mufflon, vieleicht gar Büffel, aber sicherlich nur eine Imitation davon, deren Kragen mit einem hellen, geknüpften Kunststoffell besetzt war, der ihm in der kühlen Jahreszeit eines nahenden britischen Herbsten nützlich war, denn mehr noch behagte ihm das mediterrane Klimat Süd-Amerikas oder das des Nahen wie des Mittleren Ostens zur selben Zeit, wo ihre Revolution die Todeskandidaten gebar. - Seine Hose war eine graue Anzughose, die er zur Hinrichtung kleidsam trug und er trug unter seiner Jacke einen pechschwarzen Pullover und so ward es ihm vor dem nahenden, schwarzen September heiß genug. Eine dazu passende, schwarze Gesichtsmaske über seinem massigen, rundlichen Kopf gezogen, diese aber nur während des Einsatzes vor dem und im Hause des Opfers tragbar, die dort nur einen Spalt weit Wahrheiten über sein Aussehen preisgaben - denen seiner Augen und Teilen seiner hohen Stirn - machte Illitsch auf seinem Weg in der Villa unsichtbar wie verwechselbar. - Er rannte nach dem kleinen Feuerwerk die Treppe hinunter und er verschwand rasch in seinem englischen Auto, das sich sofort nach dem Zuknallen der Fahrertür, dem startenden Aufbrausen seines Motors, mit quietschenden Reifen auf der ruhig gelegenen Straße um die Ecke herum auf- und davonmachte, denn schon bald war die Polizei verständigt und die Nachrichten verkündeten das Geschehnis, ächteten es als einen feigen wie bestialischen Überfall, den das Opfer nur knapp überlebte. Illitsch blieb bis hier hin unerkannt und das Attentat auf den Präsidenten der Warenhauskette, bei dem jener schwer verletzt auf dem Fußboden liegend zurückgelassen dalag, hatte sich bisher immer öffentlich für Israel starkgemacht und bei seinem letzten Interview und sich hierbei über das Attentat äußernd, für eine baldige Festsetzung des mordbereiten Attentäters ausgesprochen.
»Will man die russischen Jugendlichen dieses Zeitraumes charakterisieren, so muß man kurz auf einige spezifische - und zwar höchst politische - Auswirkungen hinweisen, die das leninistische System der Parteidiktatur, wie es während Stalins Herrschaft praktiziert wurde, nach sich zog. In diesem System gab es eine genau festgelegte Dringlichkeitsliste der verschiedenen Schritte, die schließlich zu einer Umgestaltung der Bevölkerung und des Landes führen sollten. Auf dieser Liste stand die komunistische politische Erziehung an erster und die allgemeine Ausbildung an zweiter Stelle, gefolgt von der technologischen und fachlichen Ausbildung. Da der größte Teil der vom Partei- und Staatsaperat kontrollierten finanziellen Mittel auf diese vorrangigen Aufgaben verwendet wurde und die Teilnahme an den entsprechenden Veranstaltungen obligatorisch war, konnte die elementare politische Ausbildung des gesamten Volkes tatsächlich mit Erfolg vollendet werden. Das bedeutet nicht, daß jeder mit Erfolg indoktriniert wurde, wie es an Illitsch bald zu erkennen war, sondern nur, daß jeder mit der komunistischen Doktrin vertraut war. Komunisten und Nichtkomunisten hatten ohne Unterschied die Seminarkurse für marxistisch-leninistische politische Erziehung zu besuchen. Von den Bauern und ungelernten Arbeitern bis zu den Büroangestellten, von den Akrobaten bis zu den Medizinern, von den Kantinenköchen bis zu den Waschfrauen war jeder unter fünfundsechzig Jahren zur Teilnahme an den elementaren Kursen für Marxismus verpflichtet. Jeder mußte sich mit der Entwicklung der Gesellschaftsformen und der Produktionsverhältnisse - vom primitiven Urkomunismus zur Sklavenhaltergesellschaft, zur feudalen, kapitalistischen und letztlich zur sozialistischen Gesellschaft vertraut machen. Diese Elementar- oder Grundkurse wurden häufig wiederholt. Bauern und Arbeiter mittleren Alters, die nur ein paar Jahre Schuluntericht genossen hatten, mußten ein wenig über die abstrakten Begriffe des dialektischen Materialismus und der politischen Ökonomie lernen und die Broschüren, die man ihnen mit nachhause gab, durcharbeiten. Viele mußten sich in den Seminaren für Fortgeschrittene weiterbilden. Diese politische Erziehung hörte niemals auf und es gab einfach Menschen, die zwei Jahrzehnte lang den Grundkurs immer wieder, meist in jährlichem Abstand, wiederholt hatten.«3 - Illitsch kämpfte alternativ dazu in den Bergen für George Habbasch und Vadi Haddad klärte Illitsch bei ihrer Unterredung in Beirut darüber auf, das Habbasch schon lange nicht mehr zu ihrer Organisation gehöre, den Haddad aus den Augen verlor, weil er sein Ding lieber für die eigene Kasse drehe, worüber er lieber verschwieg. - Illitsch wurde während seiner ersten Kampfeinsätze verwundet und er fühlte sich danach wie ein feuergetaufter Soldat, unterwegs in der gerechten Sache der Revolution, denn schließlich hatte er es so überlebt. Die Revolution verzichtete mit ihm auf einen weiteren Toten und übte sich so in Gnade über ihn. Dann traten sie plötzlich aus der Treppenanlage eines U-Bahnschachts in London bei regengrauer Nacht hervor und sie flüchteten, dabei eng ineinander gehakt, in ein nahe gelegenes Hotel, wo sie sich in der dortigen Bar, in der nur einige Gäste zugegen waren, die sich im Abseits von ihnen aufhielten und sich dort unabhängig von ihrem Gespräch und den dabei offenbarten Absichten unterhielten. Magdalena schenkte ihm aus einer Rotweinflasche erst einmal in das Weinglas ein, das auf der hochglanzpolierten Holzplatte des hohen Bistrotisches bereitstand und sie fragte ihn bei anheimelnder Atmosphäre - der ganze Gästeraum schimmerte im gedämpften Orange, jener Modefarbe, die das ganze Jahrzehnt bestimmte, bei allem öffentlichen Ambiente in der westlichen und der nahöstlichen Welt:
»... ich bin dabei und ich habe eine Menge hinzugelernt. Letzte Woche ging es gegen Pinoche. Aber ich sah Dich nicht.«
»Mir reicht es seit langem. Seit langem mache ich ernst und ich halte mich nicht mehr auf Demos auf. Außerdem sind die Bullen hinter mir her.« - Magdalena provozierte es und sie provozierte Illitsch weiterführend, der sich eben eine Zigarette anzündete und sie fragte ihn im folgenden streng wie zynisch:
»... und wie glaubst Du, daß Du davon kommst? Bist Du erst soweit, dann suchen die Dich über Interpol.« -
»Das ist mir egal. Es gibt Länder und Regionen, in denen die Wessis nichts zu suchen haben. Die finden mich dort nie. Es ist viel zu spät für mich, mich lediglich demonstrierend und agitierend in unserem Kampf zu behaupten. So kann sich die Revolution nicht durchsetzen. Auf jeden Fall nicht mit systemgelenkten Demonstrationen, auf denen eine offene Klarlegung des Feindbildes nicht zugelassen ist! - Wenn ihr dort aufmupft, kriegt ihr von den Bullen doch eines in die Fresse. Und wenn ihr sagt, für wen und wofür ihr demonstriert, landet ihr im Knast. Und dann war es alles und alles war umsonst.«, entgegnete Illitsch; er war davon überzeugt. -
»Mit welchen Methoden, will ich wissen, willst Du der Revolution zum Sieg verhelfen?«, fragte Magdalena; sie blieb unnachgibig und sie forderte ihn messerscharf zu einer Antwort heraus. Ihr Aussehen glich gerade dem einer wilden Katze, einem Panther vieleicht ähnlich, entsprechend der Farbe ihres vollen, schulterlangen und rechts gescheitelten Haares und seine Farbe ist Schwarz.
»Allein mit den Parolen auf euren Plakaten schafft ihr es nicht!«, suchte Illitsch sie zu überzeugen, sie zumindest umzustimmen, daß ein bewaffneter Kampf gegen das Establishment ein für seine Einsichten wirksamerer sei. Sie antwortete ihm zunächst mit strengen Blicken, schwieg, suchte nach Argumenten und die Züge ihres ovalen Gesichtes verschärften sich wie die schmalen Spalte ihrer verkniffenen, schwarzen Augen und sie stand aufrecht vor ihm, als sie ihn belehrte:
»Wie willst Du das schaffen?«, hatte sie ihn wiederum gefragt.
»... welche Art von Aktionismus soll euch den Erfolg bescheren?«, erkundigte sich Magdalena bei Illitsch und sie schien es zu beabsichtigen, sein Gehirn zu waschen, seine begonnen Schritte aber negativistisch zu stärken. -
»Verpflichtende, verbindliche.«, antwortete Illitsch wie auf Bestellung. Er sah sie fest entschlossen, geradezu beschwörend an.
»Wozu?«, fragte Magdalena und man spürte etwas von Ungeduld in ihr. -
»Ich spreche von der Verpflichtung, die Revolution fortzuführen, sie durchzusetzen! Und ich erkenne kein Zurück, denn sie ist sehr erfolgreich. Schau´ doch auf die UdSSR. Siehe nach China. Es sind Milliarden, die längst auf unserer Seite stehen«, versuchte Illitsch, sie zu überzeugen.
»Revolution ...«, wiederholte Magdalena seine Worte. -
»Und dazu benötigst Du die Schutzräume des Undergrounds?«, fragte sie ihn erforschend. Sie hielt ihr Weinglas in beiden Händen ganz fest vor sich und sie vergaß es, etwas von dem Wein zu trinken, so sehr war sie in dem Gespräch vertieft, so sehr war sie innerlich geladen und gespannt, daß Funken der Begeisterung für seine Absichten jetzt zu ihm in einer positiv verstärkenden Weise hinübersprangen. - Noch gab er an:
»Der Untergrund taugt nichts für meine Absichten! Ich strebe in den bewaffneten Widerstand!«, legte Illitsch ihr seine Motive offen. Er hätte eine Gruppe gebildet, erklärte er ihr und er stieß Zigarettenqualm in den Raum aus, als wolle er etwas vorankündigen, als wolle er von kommenden Zeiten seines revolutionären Aktionismus künden und wie es dabei Feuer gäbe.
»Und ich brauche Dich dazu!«, erklärte er ihr. - Magdalena wich ihm aus.
»Illitsch! Daraus wird nichts werden. Ich glaube nicht daran, daß der Kapitalismus auf diese Weise und mit den Methoden einer Guerilla zu bekämpfen ist. Du verfängst Dich dabei in einer Art Landser-Romantik, die noch niemals zu durchgreifenden politischen Erfolgen geführt hat. Das wird scheitern und es scheitert an der Übermacht der imperialistischen Weltmächte und deren unschlagbaren Waffentechnologien.«, desillusionierte sie ihn. Um ihre Augenpartien herum hatte sich ein Schimmer ihres Hasses ausgeweitet. - Illitsch respektierte zwar ihre Absage und er fragte sie fast unter Bedauern:
»... vom Nichts-Tun wirst Du mit Deinen Absichten auch nicht weit kommen?«
»Meinst Du wirklich von mir, daß ich keinen Kampf aufgenommen hätte, daß ich untätig sei?« konterte sie. - Illitsch forderte sie weiterhin nur heraus:
»... aber nur diskutierend und Du schwelgst bei linken Thematiken. Du verstrickst Dich in einer revolutionären Kaffeehaus-Romantik. Das ist viel schlimmer, weil es dekadent ist.« - Er beäugte sie kritisch und er wiederholte:
»… in den Kaffeehäusern willst Du der Revolution zu ihrem Sieg verhelfen? - Hm? - Entspricht das Deinem politischen Ernst und Deinen politischen Absichten, ja…?«, provozierte er sie weiterführend ...
»... wie kannst Du die Massengräber ignorieren, in denen unsere Genossen aus Latein-Amerika zuhauf gelandet sind. Die wollten kämpfen. Viele von denen starben im aktiven Kampf. - Mit Worten allein schaffst Du keine wirkliche Solidarität und schon gar keine wirkliche Veränderung herbei.«, war sein Einwandt, den er nicht gelten lassen wollte. -
»Du! Ich war dabei und habe alles mit angesehen? Wie kannst Du mich nicht ernstnehmen wollen?«, fragte er sie dann. Sie versuchte ihn zu rütteln, beugte sich über den Tisch hinweg, streckte sich leicht an ihn heran und sie konterte scharf:
»... nun höre aber bitte auf! Da stimmen die Proportionen nicht. Die Massen stehen auf Seiten des Kapitalismus und stellen sich gegen Dich!«, antwortete sie.
»Das ist Dein Glaube!«, entgegnete Illitsch; fast keiften die Beiden im weiteren Verlauf ihrer Diskussion. -
»... nein, kein Glaube, sondern tiefe Überzeugung - eigentlich feststehendes Wissen ...«, widersprach Magdalena -
»... natürlich ...«, beargwöhnte Illitsch ihren Unwillen, ihm beizupflichten:
»... betrachte doch das Schicksal Ches!«, verlangte sie. -
»... was ist aus dem geworden?«, fragte sie und er schien beinahe zu resignieren, war durchaus wissend um das Schicksal seines großen, komunistischen Idols. -
»... und der war ein wirklicher Soldat, ein echter Krieger!«, wies sie darauf hin. -
»Es ist zwecklos gegen die Rechten in Süd-Amerika zu kämpfen, wie Che es eben tat?«, konterte Illitsch. -
»... die Rechte gehört vernichtet! - Glaubst Du im Ernst, die sei unabhängig von den Amis?« -
»Wir alle werden von den Amis fremdbestimmt; wir alle! - Aber wir können die Amis nicht besiegen, weil der Imperialismus weiter bestehen bleibt. Dann hoffe ich auf unseren Kampf auf internationalem Parkett und überall auf der Welt kämpfen unsere Genossen zur gleichen Zeit aber niemals an der selben Front. Die Amis sind in Vietnam sowas von `rausgeflogen, sind sowas von gedemütigt worden. Wie kannst Du das außer Acht lassen und glauben, unser bewaffneter Kampf sei ohne Chancen?«, versetzte er sie scharf. Zugleich wollte er sie ermutigen:
»Wir haben die in den Boden gestampft.«, und er erinnerte Magdalena an Kampferfolge der Roten Khmer unter der komunistischen Führung Ho Chi Mins. - Illitsch dachte kurz nach. Dann sagte er noch:
»Na, komm! - .... also erzähle mir nicht, die Stärke des Feindes sei übergroß! Das ist nicht wahr!«, setzte er sich in seiner Argumentation über sie hinweg. Magdalena sah kritisch und ihn dabei abweisend auf die Oberfläche des Tisches hinab, hielt ihr Weinglas zu einem nippenden Schluck Wein daraus vor ihren Augen bereit. - Aber sie verharrte, schwieg nachdenklich, während Illitsch weiterhin auf sie einredete:
»... und wenn wir so weitermachen, den bewaffneten Kampf unerschütterlich fortsetzen, kommen wir zu Ruhm.«, erklärte er ihr abschließend. - Magdalena empörte sich darüber:
»... ist es das, was Du willst? Du willst zur Berühmtheit aufsteigen? Standing Ovationens ereifern, ja?«, fragte sie ihn ärgerlich. Illitsch trotzte ihr aber sie fügte an:
»... Du bist doch auch nur ein mediengeiler, besessener Zyniker.«, fluchte sie. Illitsch wartete für einen Moment mit seiner Antwort:
»... mir geht es um Ruhm der zur Verehrung führt. Nicht um Presserummel zionistischer Meinungsmacher um meine Person. Das stimmt nicht, was Du mir unterstellst.« -
»... ich will nur meine Pflichten erfüllen. - Es ist mir meiner Genugtuung ausreichend!«, machte er ihr klar. Magdalena wollte es nicht glauben und ihr Gesicht zeugte von Zorn ...
»... von einer stillen Genugtuung spreche ich; hast Du gehört. Nur darum geht es mir.«, bestärkte Illitsch sich in seinen Motiven, noch bevor er Magdalena zu antworten gestattete. -
»... und Du mußt von mir wissen, daß hinter jedem Schuß, den ich abfeuere, ein Gedanke steht, der meine Absicht erklärt und dabei habe ich keine Gewissensbisse. Weil die Revolution von mir diesen Kampf erwartet wie sie es eigentlich von uns allen verlangt, die sich ihr verschrieben haben - hörst Du?« -
»Lydia!«, so nannte er Magdalena bei ihrem Namen, den er jetzt nicht anders kennen wollte und kaum glaubte er an ein falsches Spiel, das Magdalena mit ihm triebe. Die Genossinnen sehen sich alle untereinander gleich. -
»... und Du hältst so etwas für eitel und überheblich? - Ja, Herr Gott, dann bin ich überheblich! Überheblich für die Unschuldigen aus der Klasse der Ausgebeuteten, der Arbeiter und Bauern überall in der Welt! - Dafür werde ich noch viel Gerede über mich bringen lassen. Und mein Name steht schon längst in den Gazetten.« -
»... außerdem mußt Du es wissen!«, fuhr er mit seiner Rede fort, während Magdalena nur schweigend und innerlich rebellierend bei ihm stand. -
»Ich bin Carlos!«
In der UdSSR wurden die Seminare für Parteimitglieder und für die Mehrheit der Nichtmitglieder getrennt durchgeführt und fanden einmal wöchentlich an den jeweiligen Arbeitsplätzen statt. Auch an den Diskussionen mußte jeder einzelne teilnehmen. Hinzu kamen für die Komunisten die ebenfalls obligatorischen Versammlungen ihrer Parteizellen, für die Nichtkomunisten die lokalen Gewerkschaftsgruppen. Wer innerhalb des sowjetischen Machtbereichs nicht wenigstens einmal wöchentlich an einer kurzen, das heißt etwa zweistündigen Diskusionssitzung nach der Arbeit und zumindest einmal monatlich an einer langen Sitzung (die sich über fünf bis acht Stunden erstreckte) teilnahm, durfte als krasser Ausnahmefall gelten. Sich nicht an der Diskussion zu beteiligen, war gefährlich; und deshalb strengte jeder einzelne sich an. Das war nicht alles. Morgens hatten sich alle ein wenig früher an ihrem Arbeitsplatz einzufinden, um in Gruppen von zehn bis zwanzig Personen an der regelmäßigen, etwa fünfzehn Minuten währenden Diskussion über die Nachrichten und Standpunkte, die in der Parteizeitung desselben Morgens enthalten waren, teilnehmen zu können. In solchen Versammlungen gewöhnten sich die Menschen daran, die inneren und internationalen Entwicklungen im Sinne der herrschenden Parteilinie zu debattieren. Unwissen über die häufig wechselnde Parteilinie in diesen Angelegenheiten zog unverzüglich einen Verweis des Gruppenleiters nach sich und konnte unerfreuliche Auswirkungen haben. Das Vertrautsein mit den innen- und außenpolitischen Verhältnissen und die Fähigkeit, in den Seminaren und auf den zahllosen Versammlungen im Prawda-Russisch darüber zu reden, gingen allen, die noch nicht fünfundsechzig Jahre alt waren, in Fleisch und Blut über. Auch was ihr Programm für die allgemeine Ausbildung angeht, waren die UdSSR und die Satellitenstaaten äußerst erfolgreich. Das Analphabetentum wurde ausgemerzt, und das leninistische Modell nötigte jedem eine Art kultivierter Existenz auf. Der Mangel an Vergnügungsstätten, die Eintönigkeit und die Armut des Lebens im allgemeinen ließen eine riesige Anzahl von Menschen, die unter normalen Umständen nur sehr wenig gelesen hätten, zu eifrigen Lesern werden. Da aber die offiziell geförderte zeitgenössische Literatur zum großen Teil langweilig war, und nicht selten als reiner Hohn empfunden wurde, wandte man sich den Klassikern zu. Zigmillionen von Russen griffen nun zu den großartigen klassischen Werken ihrer Literatur. Die gleiche Situation herrschte in den Satellitenstaaten, wo die nationalen und die russischen Klassiker zusammen mit denen des Westens gelesen wurden. Kurz, der unvorstellbare politische Druck und die bildungsorientierte Politik der Regierungen steigerten die Fähigkeiten und weckten die schlummernden geistigen Kräfte der Erwachsenen, indem sie diese zu Studenten auf Lebenszeit machte.«4 - Carlos war dieser Aussicht entflohen und er war ein entgültiger Aussteiger hiervon, als er nach der Aussprache mit Lydia und jetzt nur momentan als Alleintäter unterwegs, in einer kleinen, braunen Herren-Ledertasche bei seinem dabei zur Außenseite seiner Hand hin gespreiztem kleinen Finger während eines filegranen Zugriffs seiner kräftigen Hand den Reißverschluß aufzog und in das Innere der Tasche griff, darin an einem Schalter hantierte, der bald danach eine Detonation auslösen sollte. Er befand sich noch in seinem momentanen Wohnort in London und er wandete sich dafür im britischen Chique, trug hierzu einen beinlangen, blauen Schurwoll-Herrenmantel und darunter einen eleganten Anzug. Er sah dann aus wie ein eleganter Herr, der niemandem etwas antäte und aus seiner Manteltasche ragte der Kopf einer renoumierten Tageszeitung hervor, deren Anzeigenseite er vieleicht mit neuen Nachrichten über sich selbst füttern wollte, weil ihn ihre älteren Inhalte über seinen Kampf bitter aufstießen, die er in ihrer Kritik für überflüssig und somit für sanktionsbedürftig hielt. »All das intensivierte jene anderen, wichtigeren Kräfte, welche eine erwachsene Bevölkerung einen ungewöhnlichen Grad geistigemotionaler Reife erreichen lassen. Es ist eine Binsenwahrheit, daß gefährliche Herausforderungen einige der dem Menschen innewohnenden Eigenschaften zur Entfaltung bringen; und zweifellos stellte der fatale Terror des stalinistischen Polizeistaates das äußerste Extrem einer solchen gefährlichen Herausforderung dar.5 Vieleicht hatte das System Carlos so ausgebildet; aber warum hat es ihn dann verbannt? Warum handelt er mit absoluter Eigenmacht oder tut er es vieleicht gar nicht, denn es bleibt fragwürdig, woher er über den Sprengstoff verfügte, den er eben scharf gemacht hatte? - Wer bezahlte ihm seine Auslandsaufenthalte? - Oder vieleicht doch? - vermochte er selbst nur gehofft haben. - Er kam bei seiner Sache sehr schnell in Bewegung, öffnete eben nur rasch wie möglichst unauffällig die elegante Glastür des Verlegerhauses, welches im Parterre direkt am Bürgersteig gelegen, den er entlangging, dessen Tür also, die Carlos sachte und möglichst unauffällig sehr rasch und nur einen Spalt weit öffnete, wonach er leise und somit fast unhörbar die eben geschärfte Herrentasche in den Vorraum des Verlagsgebäudes hineinwarf, wonach er schnell das Weite suchte, rasch den Bürgersteig entlang schritt und erwartungsvoll sowie außer Reichweite gelangt, den Big Bang auf seinem weiterführenden Wege nur abwartete. - Plötzlich zerbarsten die Fenster zwischen den noblen Mamorpfeilern des mehrgeschössigen Geschäftshauses und Carlos erschrak nur kaum, als der Knall so scheinbar unerwartet zu hören war und
