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Die in der Erzählung dargelegte Faktizität geschichtlicher Ereignisse setzt einen Fokus auf das terroristische Unwesen Adolf Hitlers und den Folgen dessen terroristischen Handelns. Vernichtung als die unbedingte Methode zur Machtergreifung führten nicht allein zum Untergang des Staates, sondern zu einer nachhaltigen Schockwirkung auf die Seelen der Menschen im vollkommen zerstörten Land. Verena machte eine gemeinsame Sache, wenn sie auf den General schoss. Sollten Intrigenspiele zur Tat führen, damit ein Polizist aus dem Fokus der Staatsanwaltschaften geriet? Nahm sie für ihre Tat Geld? Wenn Kette es von ihr glaubt, dann soll er es ihr beweisen.
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Seitenzahl: 831
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Und ich sah Throne und sie setzten sich darauf. Und ihnen wurde das Gericht übergeben. (Offenbarungen 20;4)
Für Werner Gegen das Vergessen Nach einer wahren Geschichte
Arbeitstitel:
Behaviour – Zu anderer ZeitExperimentelle Lyrik Poesie des Jähzorns Teil VI
3. überarbeitete Fassung Suhlendorf, im September 2024
© by Joachim Dieter Schulze
Einleitende Worte
1.
Teil
Zum Wesen des H.s
2.
Teil
Verbrechen
Auszug 1 aus dem Plädoyer des Nebenklägers
2. a) Anklage der Bundesanwaltschaft vom 6. April 2010
3.
Teil
Entnazifizierung
Auszug 2 aus dem Plädoyer des Nebenklägers
3. a) Der Anschlag vom 7. April 1977 - Vorbemerkungen
4.
Teil
Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit
Auszug 3. aus dem Plädoyer des Nebenklägers
6 a.) Erkenntnisse zum Attentat, die 2007 oder danach publik wurden
5.
Teil
Erster Abgesang
6.
Teil
Zum Wesen der Aufklärung
7.
Teil
Niehels Begierde
8.
Teil
Diktator Man
Auszug 4 aus dem Plädoyer des Nebenklägers
8. a) Erklärungen zum Attentat aus dem »Insider-Bereich«
9.
Teil
1984
Auszug 5 aus dem Plädoyer des Nebenklägers
1. a) Äußerungen der Angeklagten zu eigenen Tatbeiträgen
10.
Teil
Farcen
Auszug 6 aus dem Plädoyer des Nebenklägers
12. a) Merkwürdigkeiten bei den Ermittlungen zum Karlsruher Attentat
11.
Teil
2. Abgesang
Schlußgesang
Zu anderer Zeit hätte es ihr das Leben kosten können und unter solchen Umständen hätte man sie damals nicht frei herumlaufen lassen. Jetzt trat sie nicht nur frei, sondern sogar kameragerecht durch die Tür in den Gerichtssaal ein. Zwar etwas gebeugt nahm sie aber ohne Umschweife auf der Anklagebank platz. Sie befand sich auf gleicher Höhe mit dem Gremium. Neben ihr sitzend gleich zwei Anwälte; in salopper Robe und mit längeren, naturbelassenen Haaren wirkten sie irgendwie jung geblieben, modern. Sie hatten sich jetzt nichts zu sagen. Es folgten ihnen Kette zusammen mit seiner Frau, den Nebenklägern, die sich abseits von ihnen und seitlich zum Richterpodium setzten. Das heißt, nur Kette, so will sie ihn nennen, trat als ein solcher in dieser Verhandlung auf.
Zu anderer Zeit hätte man sie auch kaum zu Worte kommen lassen, hätte man sie schwer bewacht abseitig und womöglich hinter Gitter gepflanzt, von wo aus sie sich schweigsam die Anklage, die Aussagen der Zeugen und deren Vorhaltungen anhören müßte. Im Vorfeld dieser Verhandlung bedauerte es wenigstens Kette, daß sie zwar immerhin ihr Schweigen von damals gebrochen habe und sich inzwischen wenigstens zu einer Stellungnahme bereit erklärte. Dennoch erschien es ihm zu wenig. Er glaubte, mit einer ausführlicheren Aussagebereitschaft der Angeklagten wäre die Klärung des Sachverhaltes gründlicher und der Wahrheit entsprechender möglich geworden.
Das wollte sie nicht wahr haben und sie meinte, daß eine weitere Vertuschung wichtiger Tatsachen, an einer ganzen Aneinanderreihung von Lügen und schlimmer Verschleierungen, mit dieser Verhandlung nur eine betrübliche Fortsetzung nähme, die andere davonkommen und Unschuldige für eine Mordtat verbüßen ließ, die sie nicht begangen haben. Aber die Staatsanwaltschaft führte keine Mordanklage gegen sie, obwohl es nach Kettes Plädoyer hierbei sogar um einen dreifachen Mord ginge, für den Unschuldige längst hinter Gittern verschwanden, obwohl sie die mutmaßliche Täterin gewesen ist. Das läge an Kette und sie kenne es nicht anders von ihm. Die Tat lag inzwischen zweiunddreißig Jahre zurück und wie sollte sie sich jetzt noch genau an den 07. April 1977 erinnern, wenn sie nicht einmal mehr zuverlässig sagen könne, wo sie sich an jenem Tage aufgehalten hätte. Aber sie glaubte sich nicht in Deutschland befindlich gewesen.
Eigentlich begann es bereits dreiunddreißig Jahre vor ihrer Geburt im Jahr 1919, in einem Jahr der Revolution. Damals ist es nicht eine Gewalttat gewesen, die den Umsturz erzwang, sondern ihr ganzes Gegenteil davon, nämlich die Aufgabe des Krieges, das Einstellen des Feuers in den Stellungen von Verdun. Die Kapitulation führte zur Rückkehr an den Verhandlungstisch. Kapituliert hatte der Kaiser vor dem Feinde. Schließlich waren Offiziere des Heeres danach geschlossen zum Volke übergegangen. Das Volk war erschüttert: die Arbeiter, die Bauern, das Militär, die Frauen, alle Angestellten, alle Beamten, die Presse. Zuerst war die Stimmung, der das Ereignis folgte, die Abdankung des Kaisers und mit seinem Verschwinden verschwand der Obrigkeitsstaat. Vom deutschen Reichstag in Berlin rief Scheidemann die Deutsche Republik aus, die von nun an eine vom Volke ausgehende ist.
Sogleich erhob sich eine Gegenstimme, die des Karl Liebknechts, auf dem Platz vor dem Schloß und er proklamierte die freie, sozialistische Republik als Anführer des Spartakusbundes, der Fraktion revolutionärer Kommunisten mit einer Moskauer Orientierung, wofür das deutsche Bürgertum es hielt. In Rußland führte ein Umsturz zu Massenvernichtungen und zur Ermordung der russischen Zarenfamilie. In Deutschland hatten viele Menschen Angst davor, gleiches könne nun auch hier geschehen, mit der Bildung eines Revolutionsrates, der sich schließlich aus allen vorhandenen Parteien im Land zusammensetzte und einen Adligen, Prinz Max von Baden, zum ersten Reichskanzler bestimmte, der dem Volk zunächst eine beruhigende Mitteilung machte: Es wird nicht geschossen. Der Reichskanzler hatte angeordnet, daß seitens des Militärs von der Waffe kein Gebrauch gemacht werde. Diese Revolution verlief also zahm und ohne weiteres Blutvergießen, wurde somit beispielgebend dafür, daß es auch anders ginge. Und es ging schnell damit. Rasch war eine Verfassung eingesetzt, die im wesentlichen an die liberale und demokratische Tradition des Jahres 1848 anknüpfte, mit der das zentrale politische Organ, der neue Reichstag, gegründet wurde. Der Kanzler und jeder Minister sind von nun an sein Vertrauen gebunden, das entzogen werden kann. Und man ersetzte den repräsentativen Anteil des Kaisers in der zu einer Ablösung gefunden habenden Staatsform der Monarchie durch einen Reichspräsidenten, den man mit weitgehenden Befugnissen, vor allem mit dem militärischen Oberbefehl und dem Recht zur Reichstagsauflösung versah. Das sollte Folgen haben, die für die Väter dieser Verfassung bis hierher noch nicht absehbar gewesen waren, denn der darin enthaltene Artikel 48 räumte dem Reichspräsidenten eine Ausnahmegewalt ein, wenn im deutschen Reich die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird. H. hatte es ausgenutzt, zunächst den Terror auf den Straßen vorangetrieben, bis er nach dreizehnjähriger politischer Vorarbeit endlich sein Ziel erreicht hatte, sich zum Reichskanzler ernennen ließ und jetzt den Notstand ausrief, der ihn berechtigte, das Land allein zu führen. Seinen Notverordnungen folgten rasch die Notstandsgesetze, die Auflösung der Gewaltenteilung, indem er beide Ämter, das des Reichskanzlers und des -präsidenten auf sich vereinigte. Jetzt war er Diktator, der alle Beamten und Richter auf sich einschwören ließ, übernahm später sogar den Oberbefehl über das Heer und den Polizeiapparat. Dieser Vorgang der rechtswidrigen Amtsanmaßungen, soviel weiß man bis heute davon, sollte sich in späteren Jahren in kriegerischen Verbrechen ausweiten, die man zuvor für unmöglich gehalten hatte und die sich bei der Verhandlung ihres Falles mit nachhaltiger Wirkung fortpflanzten, durch Methoden gemeiner Gewaltanwendungen, die hierbei direkt zwar keinen Umsturz, aber (zunächst) die Freilassung inhaftierter deutscher Revolutionäre erpressen sollten, weshalb von einem Motorrad aus auf den Generalbundesanwalt fünfzehn Schüsse aus nächster Nähe abgefeuert wurden. Soviel vorerst, wenn auch sehr weitschweifend, zu dem Sachverhalt, den sie zu verantworten habe und der seit dem 30. September 2010 gegen sie verhandelt wird.
H. steht an dieser Stelle für den Top-Terroristen Adolf Hitler, der Hitler gewesen ist und dessen Grausamkeit in der Gesetzgebung der Bundesrepublik, während der Nachkriegszeit also, ihr eben jene Nachhaltigkeit eintrug, die sie gerne bekämpfen mochte. Deshalb säße sie jetzt hier, als ein Opfer des bundesdeutschen Verfassungsschutzes, der sie in reiner Gestapo-Manier nicht aus seinen Klauen gelassen habe und der schließlich die alleinige Verantwortung trüge, für Verbrechen, die man ihr zur Last legt, bis auf den heutigen Tag. Eine Polizei also, die zwar ihre Verfassung schütze, aber nicht die Menschen, die eines polizeilichen Schutzes bedürftiger sind, als es für eine Staatsverfassung überhaupt notwendig sein könnte. Soviel zu ihrer Meinung über einen Polizeiapparat, der zu ihrer Zeit einer wilden Terroristin selbst ein Großmeister des Terrors gewesen sei und sie seit `67 zur Reaktion getrieben habe. Seit mehr als dreißig Jahren wurde sie diese Verfolgung nicht los, die sie hiernach hoffentlich nicht mehr ertragen muß, entspricht es ihrem sinnen.
Mit der damaligen Gründung eines Verfassungsstaates wurde die Einheit des Volkes in einem Reich nicht infrage gestellt, sondern für selbstverständlich hingenommen, wie es für die imperialistischen Weltmächte, die nach dem zweiten Weltkrieg über eine neuerliche Zukunft des abermals zerfallenen Reiches eine Entscheidung trafen, nicht mehr hinnehmbar gewesen ist: eine Gewalt, die von einem Volke ausgeht, das sich dazu vereinnahmen ließ, die Völker der Welt zu terrorisieren. Außerdem stellte man auch damals mit der Gründung der Republik kein vernünftiges Verhältnis zur sozialen Realität der Menschen im Reich her, die vielfach darbten und in den Vielen zu groß angewachsenen Metropolen wirkliche Not litten, die es politisch zu lindern galt, weshalb viele von ihnen verrohten und so manche - bei der Abwicklung des Holocaust´ waren es mindestens 200.000 Deutsche, die daran als Täter mitwirkten - zu Massenmördern mutierten, um sich als Herrenmenschen über alle Völker in der Welt zu erheben, vorgeblich aus dem Grund, damit zusätzlicher Lebensraum gewonnen werde und dieses Verlangen schließlich auf terroristische Art und Weise durchsetzten. Die Errichtung von Schreckensherrschaften in den eroberten Gebieten besorgten den Nationalsozialisten eine Kontrolle über all die unzufriedenen Menschen dort, die von ihren Besatzern schließlich nicht mehr geduldet werden und deshalb zu ihrer Ausrottung versklavt werden sollten. Massenmorde waren die von H. beabsichtigte und befohlene Methode hierzu.
Solche Gründe führten die Täter im Jahre 1977 in Karlsruhe sicherlich nicht unmittelbar zu ihrer abscheulichen Tat, sondern sie bekämpften den Terror jenes H.s gleichermaßen, wie soziale Ungerechtigkeiten prinzipiell. Sie glaubten, daß imperialistische Systeme im Kapitalismus grundsätzlich nur soziale Ungerechtigkeit herstellen können, in dem die Arbeiter nur ausgebeutet würden. Eine radikale Gegenkraft sollte sich mit ihnen praktisch der faschistischen entgegenstellt haben, weil eine Gewalt, die vom Staate ausgeht, nur mit einer Gegengewalt des vom Staat terrorisierten Volkes zu bezwingen sei.
Ihr terroristisches Gruppengefüge, so wie es von der Polizei aufgedeckt worden ist, zeugte immerhin von einer vorhandenen Tendenz der Zersplitterung der politischen Parteienlandschaft im herrschenden System, durch eine überall im Lande opponierende Bewegung des außerparlamentarischen Widerstandes, worauf auch sie mit sogar militanten Methoden hinwirkten, so wie es in den zwanziger Jahren in einer vergleichbaren Weise bereits der Fall gewesen war, wenn der Spartakus-Bund sich auf den Straßen im bewaffneten Kampf der Polizei gegenüberstellte, wogegen die erste Verfassung von 1919 kein wirksames Mittel eingebaut hatte, um damit politische Hebel zu setzen, die gleichwohl gegen aufständischen Straßenkampf, wie auch gegen soziales Unrecht, rechtsstaatlich wirken, gegen Mißstände, wie sie durch Arbeitslosigkeit und Hungersnöte, außerdem der Versagung sozialer Leistungen durch den Staat verursacht und deshalb staatlich zu beheben seien, wie es durch die Bildung einer sozialen Schichtung in den Anfängen des nachrevolutionären Volksstaates aber als notwendig geworden festzustellen gewesen war. Die damalige Politik begegnete dem bürgerlichen Unmut mit polizeistaatlichen Maßnahmen, die Tote forderten. Zu jener Zeit fehlte es an einer ausreichenden Erfahrung mit dem Rechtsstaat und seinem Schutz, einem Staatswesen also, das auch sozial sein sollte, im Namen der Gerechtigkeit, die auch für eine gerechte Gleichheit sorgt.
Zu Verena ist festzustellen, daß es sich um eine Angeklagte handelt, die zu ihrer Person keine Angaben gemacht hatte, außer der, daß sie ledig sei. Gestützt auf die schriftlichen Unterlagen zu dem Urteil des 5. Strafsenats des Oberlandesgerichts Stuttgart vom 28. Dezember 1977, wegen versuchten gemeinschaftlichen Mordes und anderer, in Singen am Hohentwiel begangener Straftaten, war es festzustellen, daß sie vorbestraft ist, weil sie bereits zu einer zweifachen lebenslänglichen Strafe sowie sechzehn Jahre verurteilt wurde, wegen zweier Mordversuche, die sie damals als fünfundzwanzigjährige, junge Frau begangen habe. Sie war bis dahin wegen einer Beteiligung an einem Sprengstoffanschlag bereits zu einer sechsjährigen Zuchthausstrafe verurteilt gewesen, deren Haftzeit sie zunächst nicht ganz verbüßte, weil anarchistische Genossen ihre Freilassung, durch die Entführung eines Politikers, erpreßten.
Immerhin besuchte sie nach der Grundschule eine Realschule, die sie nach der zehnten Klasse ohne Abschluß verlassen habe, weshalb sie aber dennoch als eine halbwegs gebildete Person aufzufassen sei. Ihr Vater, ein Bergbautechniker, verstarb 1961, in dem Jahr, in dem Verena neun Jahre alt wurde, heißt es in den Unterlagen, was zweifellos zu einer schwierigen sozialen Situation führte, unter der Obhut der sehr um ihre Kinder besorgten Mutter, die insgesamt zehn Kinder zu versorgen hatte. Verena zog im März 1970 aus dem mütterlichen Haushalt aus, wohnte zeitweilig bei Bekannten oder zur Miete und bestritt ihren Lebensunterhalt durch Arbeit in einer Fleischwarenfabrik, sowie als Telefonistin oder anderweitig als Gelegenheitsarbeiterin. Sie war damals von Ende 1971 an nicht mehr polizeilich gemeldet. Offenbar befand sie sich auf einer schiefen Bahn, denn im Herbst 1971 schloß sie sich der »Schwarzen Hilfe« an, einem Kreis von Anarchisten, die sich mit der Betreuung politischer Gefangener befaßten. Dort lernte sie Bommi und andere kennen, die im Untergrund eine Bewegung aufbauten, die sich - nach dem Todestag von Benno Ohnesorg - den Namen »Bewegung 2. Juni« verlieh. Die Organisation zielte auf die Veränderung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland ab. Der Angeklagten ginge es dabei mehr um praktische Aktionen, als um ideologische Fragen. Weiter heißt es, daß ihre Lebensführung und ihre irrige Solidarisierung mit Gewalttätern schwerwiegende Entwicklungsschäden beweisen. Die schädlichen Neigungen in diesem Sinne sind in ihrer erheblichen Straffälligkeit deutlich hervorgetreten.
Ein schwer zu sprechendes englisches Fremdwort hatte sich zu ihrer Zeit längst im deutschen Sprachgebrauch eingebürgert gehabt, das nur von wenigen verstanden wird, weil es weniger ein umgangssprachlicher, landläufiger Ausdruck, der allgemein verstanden wird, eher ein Fachbegriff der Psychologie geworden ist. Es klingt ähnlich wie das Wort »behutsam«, »behäbig«, womit es nicht zu übersetzen ist, sondern mit »Verhalten«, einem Substantiv also, das in seiner Grundform auch das Verhalten eines Menschen ganz allgemein anspricht und in der psychologischen Forschung, einem modernen Zweig der Verhaltensforschung des Menschen, mit dem Begriff Behaviourismus benamt ist. Behaviorismus hat hier eigentlich nichts zu suchen, aber darum geht es nach ihrem Glauben von Anfang an, denn sie leistete Sozialarbeit, wenn auch inoffiziell, mit der Schwarzen Hilfe, jener Gefangenen-Hilsorganisation, in der ihre Laufbahn begann, mit einer Arbeit, die von einer Erziehungsarbeit (mit Verhaltensgestörten) nicht abzugrenzen ist. Verhalten zeigt Verena nicht allein mit ihrem Benehmen vor dem Gericht; das ist anständig, insofern sie auf jede Störung verzichtet, keine pampigen Antworten oder beleidigende Beschimpfungen von sich gibt. Sie ist ordentlich frisiert, erscheint in sauberer Kleidung, die zwar der damaligen Kluft einer berühmt gewordenen Terroristin entspricht, weil es die gleiche ist, die aber keine Spuren des Verschleißes aufweist, an ihrer original Jeanshose, die sie damals häufig trug, an der hellen Jeansjacke, mit der sie sich als Kette photographieren ließ. Auch sie spielte sehr gerne eine doppelte Rolle, scheute eine maskuline Erscheiungsweise vor der Öffentlichkeit überhaupt nicht. Damit trat sie bereits damals der Presse gegenüber und verblüffte ihr Publikum behaviouristisch und nicht strafbar, wie sie es glaubt. Sauber und ordentlich blieb von ihrer Kleidung alles aufgehoben und weggehängt, bis zu den Tagen dieser Verhandlung; nichts davon ging verloren, von den wenigen Habseligkeiten, die sie bereits damals besaß.
Ihr Verhalten gegenüber dem Gericht und auch dem Nebenkläger, dem Sohn des Opfers, ist etwas anderes; wenn es auch dem des Verhaltens entspricht, wie es von der Gerichtsordnung verlangt ist, so bedeutet ihre Verschwiegenheit auch eine Verschonung ihrer Gegnerschaft, wie gleichermaßen einen Selbstschutz ihrer vom Streß der erneuten Verhaftung am 27. August 2009 zu genüge angegriffenen seelischen Belastbarkeit. Streß greift die Gesundheit eines jeden Menschen an und das müsse mit ihr nicht mehr sein, nach all den Jahren, die sie bereits im Knast gesessen habe. Verhalten meint jede veränderbare materielle Zustandsform, wenn durch einen äußeren Reiz eine organische Reaktion provoziert wird. Es kann also bereits durch eine schlechte Luft im Gerichtssaal auf das Verhalten der Menschen, die sich darin aufhalten, eine Änderung erwirkt werden, die sich durch Nervosität, durch Aggressivität, schlimmstenfalls durch eine Panik äußert. Für reine Luft wird jetzt gesorgt und auch deshalb wird darauf geachtet, daß sich der Saal nicht mit einem zu großen Zustrom eines neugierigen Publikums übervölkert. Das Publikum kann ruhig draußen bleiben, soll sich vor den Fernseher setzen und es sich von dort aus erklären lassen, wie es im Zusammenhang mit dem RAF-Terror niemals etwas anderes gewesen ist, als ein überblähtes Medienspektakel, in dem die Lüge die Hauptrolle einnimmt. Auch dieser Umstand besorgt Verena Angstzustände, weil ihr eine weitere Bestrafung droht, wovor sie sich jetzt fürchten muß, die möglicherweise auf lebenslänglich lautet, wenn das Gericht tatsächlich nur Willkür verübt. Ihre Anwälte ermahnten sie bereits vor dem Prozeßbeginn zur äußersten Vorsicht, damit ihr kein Fehler unterläuft, der durch unvorsichtige Aussagen oder Auffälligkeiten fatale Folgen nach sich ziehen kann. Wer schweigt lügt nicht, weshalb sie verharrt, es die anderen machen läßt: die Richter, die Staatsanwälte, die Zeugen und Kette, als der ehrerbietig mit der Vorlage seines Plädoyers beginnt: »Hoher Senat, meinem Plädoyer möchte ich ein Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann voranstellen, das denjenigen, die den Prozeß gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe verfolgt haben, bekannt sein dürfte. Es lautet: Das Kleid unserer Freiheit sind die Gesetze, die wir uns selbst gegeben haben. Diesen Gesetzen die Achtung und die Geltung zu verschaffen, ist Sache von Polizei und Justiz.« - Sie zeigt sich verhalten ob dieser Feststellung. Verhalten zeigte auch der damalige Reichspräsident, als er in einem Jahr fünf mal das Parlament im Berliner Reichstag auflöste und das Volk zur Neuwahl beorderte. Sie überlegte es nicht, auch diesen Prozeß durch Terror im Gerichtssaal systematisch zu zerstören, wie zu anderer Zeit H. es im Berliner Reichstag terroristisch veranlaßte, wenn er sich durch Zermürbung erwirkte stete Neuwahlen einen entscheidenden Wahlerfolg zu erreichen erhoffte, bis er endlich an die von ihm so fanatisch beanspruchte Macht gelangte: durch stete Störung wurde das Parlament systematisch beschlußunfähig gehalten und dieser Umstand verlangte damals in berechenbarer Weise jeweils seine Auflösung. Es war danach die Sache von Andreas und Gudrun, die sich vielleicht den Erfolg des H.s im Berliner Reichstag zum Vorbild nahmen, wonach sie wußten, wie es ging, von denen Verena sich zu deren Zeit sehr gerne anstecken ließ. Auch sie spielte damals im Gerichtsaal verrückt. Auch der Reichspräsident reagierte auf den Reiz der Gewalttaten, die sich die Politischen auf den Straßen und im Parlament antaten, was jeweils dazu führte, daß eine Regierungsbildung unmöglich und somit der Reichstag nicht handlungs-, schon gar nicht beschlußfähig wurde. Auch ihr H. in der Suppe war ein Präsident, der des Bundeskriminalamtes (BKA), der sie gerne auf seine Seite bekam. Auch ihr H. bot ihr durch Auflösung seinen Schutz: Auflösung der Gruppe, Auflösung des Gerichts im Stammheimer Verfahren gegen Gudrun und Andreas (aber wie?), Einstellung des Verfahrens in dieser Sache, wenn auch nur vorbehaltlich und deshalb nach den Bestimmungen des § 170, Abs. 2 der Strafprozeßordnung (StPO). Die Nationalsozialisten, die nach dem letzten Urnengang ihre schwache Präsenz im Reichstag verzehnfachen konnten und inzwischen mit einer auffälligen Stärke im Parlament vertreten waren, hätten sie ihrer Erwartung nach dafür kurzerhand mit dem Tode bestraft, entspricht es ihrer Überzeugung.
H. hatte inzwischen sein Ziel erreicht gehabt, als er durch Morde und Mordandrohung zur Demoralisierung des Volkes, zusammen mit den Deutschnationalen im Reichstag, nach dem Harzburger Bündnis mehrheitsfähig und somit zum Kanzler gewählt wurde. Mord war also die Methode, die niemand mehr bestrafte, wenn sie zum politischen Erfolg führte, sofern der Täter eine parlamentarische Immunität besaß, außerdem die Herrschaft über das Volk und die Gesetzgebung in seine Hand bekam. Das Volk reagierte, auch Kraft seiner Desinformation, mit Unmut über das Durcheinander im Parlament, weshalb es sich dem Machtanspruch der Nazis, mit inzwischen großem Zuspruch, bei der Wahl beugte. Mit ihrem H. geschah genau das Gegenteil: alles wurde hübsch klein gemacht und Entscheidendes geschah bei ihrer Abwesenheit. Bei der letzten Wahl im Jahr `28 hatten es die Nazis auf nur 1,4 % und bei einer von `32 immerhin auf 42 Prozent gebracht gehabt und die Anzahl ihrer Sitze vervielfacht. Die Erfahrung mit diesem Erfolg durch Terror versprach offenbar auch ihnen Erfolg. Tatsächlich kämpften die Nazis gegen die Kommunisten, wie Verena sich mit den Kommunisten wenigstens nicht gemein machen wollte. Die Nazis drohen ihr, wie den Kommunisten, sie einfach aufzuhängen, um deren politisches Verhalten in den Griff zu bekommen: die ergriffenen Gegner waren zu töten, damit es die übriggebliebenen Sympathisanten einschüchtert, die deshalb ihr politisches Verhalten ändern und zum Überlaufen in die nationalsozialistische Bewegung bereit wurden. Es war die im Volk bereits vielfach verlangte Methode, um im Staat wieder zur Ruhe und zur Ordnung, wie sie den herrschenden Nationalsozialisten gefiel, zu finden, einer verlangten Methode im Sinne der dazu instrumentalisierten Todesstrafe. - »Merken Sie denn nicht, daß Sie die Geschäfte derer da drüben besorgen? Sie wollen beide die demokratische Republik zertrümmern, um dann auf den Trümmern ihre Diktatur zu errichten, und zwar jeder die seine. Sie werden die Gehängten sein!«, weissagte im Reichstag einmal der preussische Minister Braun den Kommunisten, so als habe er Gudrun, Andreas und Jan-Carl genau so angesprochen. Die Methode der Mordandrohung verlangte auch hierbei nach Besserung, Reue, schlicht nach Veränderung menschlichen Verhaltens und sie bezweckte schon immer eine Abschrekkung von einer Nachahmung, wenn die Gewaltandrohung in den Köpfen vieler Menschen in Erinnerung bleibt und sie einzuschüchtern versucht. Die damals so gereizten Kommunisten im Reichstag grölten zur Antwort, riefen: »Ha, zuerst hängen wir Dich auf!«
Wenn es darum ging, machten die Kommunisten mit den Nazis gemeinsame Sache und betrieben über einen langen Zeitraum hinweg ihre aktive Zerstörungspolitik in verbundener Gemeinschaft einvernehmlich, wie es der Terror in der DDR bis zum Ende der 1980er Jahre bewies. Verenas Terror scheint Kette identisch motiviert und auch unterstützt, als eine ebensolche Fortsetzung dieser zerstörerischen Kraft der Antidemokraten, die es nicht seinlassen wollen, den eigenen politischen Willen militant durchzusetzen. Einer Kraft, die außerdem sehr selbstzerstörerisch auf Terroristen wirkt. Zuviele Menschen opferten mutwillig ihr und das Leben anderer, für ihre politische Idee und Verena erschien vielen Beobachtern nahe genug daran gewesen. Das menschliche Leben ist nicht das höchste, schützenswerte Gut eines Terroristen, heißt es in dieser Szene. Kette bedauert es auch deshalb, weil ein Mitleidsempfinden, für die Opfer und ihre Angehörigen, dabei auf der Strecke bleibt.
Instinktiv spürte er einen Zusammenhang. - »In der Stadt haben die Terroristen den Bundesanwalt totgeschossen.«, antwortete der ältere Herr. Ludwig hatte sich noch nicht sehr lange in seinem Vorgarten aufgehalten gehabt, ordnete dort die hinterlassenen Spuren des frisch vergangenen Winters. Es war die österliche Zeit, Gründonnerstag, die es alljährlich so von ihm verlangte, wobei er mit seinem Nachbarn ins Gespräch kam.
Es hatte ihn in die Aufrechte verschreckt gehabt. Er beschwerte sich: »Ich verstehe es nicht. Was soll diese Raserei?« Er sprach damit das viel zu schnell fahrende Motorrad an, das gerade eben an ihm vorbeirauschte. »Schon seit einigen Tagen kurven die hier `rum.«, reagierte der Nachbar. »Du, horch 'mal!«, begannen sie ihre weiterführende Unterredung. Ludwig erleichterte es. Zunächst verdrängte er jeden Verdacht, ging bald nachdenklich zurück ins Haus. Er hoffte auf die Nachrichten im Radio. Seine Frau erwartete ihn, hatte längst den Kaffee aufgesetzt gehabt, den sie ihm reichte, als Ludwig sich zu ihr an den Tisch setzte. Es entsprach ihrer Gewohnheit, das Radio angestellt zu haben, wenn sie sich allmorgendlich zur Vorbereitung der Mittagsmahlzeit in der Küche aufhielt. Er ließ sich eine kräftige Stulle von ihr geben. Er hörte zu kauen auf, als die Radiostimme die Nachricht verlas. Es war eine Eilmeldung, wonach es zwei Tote und einen Schwerverletzten gegeben habe, das der Mitteilung des Nachbarn entsprach. Sie trugen olivgrüne Motorradhelme, verlautbarte der Nachrichtensprecher. Die Person auf dem Sozius kann eine Frau gewesen sein. Sie habe die tödlichen Schüsse abgefeuert. Ihm fielen die beiden jungen Leute auf dem Mottorad, eben gerade auf der Straße vor dem Garten und rasend schnell an ihm vorbei, ein. Er blieb schweigsam, verdrängte seine Eindrücke weiterhin, beschloß nach einiger Zeit des Verweils in der warmen Küche, besser doch bei der Polizei anzurufen. »Es häuft sich.«, bemerkte seine Frau. Ihn versetzte es in eine kleine Rage: »Es kam erst kürzlich zu Verhaftungen. Über kurz oder lang haben die sie doch alle eingefangen.«, reagierte er mit knappen Worten. Tatsächlich ging es ihm im Moment um wichtigeres: »Der Junge kann am Samstag eigentlich die Straße machen. Mir wird es heute zuviel.«, bemerkte er im Vorbeigehen auf dem Weg zum Telefon. Seine Frau verließ sich auf die Hilfsbereitschaft ihres Sohnes, der am Oster-Samstag nicht zur Arbeit müsse und dem Vater gerne die Anstrengung abnähme. Ihn quälte seine Beobachtung. Er suchte das Telefon auf, griff zum Hörer und wählte nach einigem Suchen im Telefonbuch die Nummer des Hauptkommissariats und er sagte dem Polizisten am anderen Ende der Leitung: »Wenn sie den Aufenthaltsort der Täter suchen, dann suchen sie am besten in unserem Wohnviertel. Gerade eben raste hier ein Motorrad vorbei. Ich bin mir sicher. Das waren die!«
I - I. Nicht mehr als die Gegenüberstellung zweier hochgestellter Längsstriche, die sich in ihrer Mitte durch einen schmalen Querbalken zusammenhalten, bilden eine Einheit und formen sie zu einem Buchstaben: H.. Im Klang ziemlich sanft so fehlt es ihm an einem eigenen Laut, dämpft es in der Melodie die Härte und Dominanz der Vokale, im Wortlaut eines Redners, der es nicht sagt, der es eigentlich haucht. Verena kürte den Buchstaben zu einem Namen, den sie ingänze nicht aussprechen mochte, weil sie ihn, seinen Träger, fürchtet, dem sie nicht glaubt, denkt bei der Verwendung weniger an Hitler - den hat sie intus, dem sie ebenfalls nicht traut - mehr noch an Herold, dem Chef, den damaligen Noch-Präsidenten des Bundeskriminalamtes. Der war ihr hinterher.
Wie die Längsseiten des Hs, hatten beide Personen eine Gemeinsamkeit: sie strebten zur Macht. Die Macht beider bestimmte Verenas Taten, bis auf den heutigen Tag. Das eine H. suchte danach, ihre Hand zur Mordtat zu verleiten, so als ob es keine sei. Das zweite kennzeichnet den noch Lebenden, der sie fremdbestimmte, wenn Kalinka sie engagierte. Das gilt für heute, wie für den 2. Juni, als Kalinka in West-Berlin den Studenten umlegte. Sie konnte nichts dafür. Später erwartete er sie abermals an einem seiner Tatorte, delegierte er die Bergungsarbeiten als Kriminalpolizist des BKAs, der er eigentlich nicht war, für den er sich dort ausgab, mutmaßte sie. Sie kannten sich nicht sehr gut, hatten sich im Laufe ihres Lebens gelegentlich zu Gesicht bekommen, aber jedesmal hatte es etwas mit Verhaftungen zu tun gehabt.
Sie verschwanden am 07. April ungefähr um viertel Neun. Stefan kommt erst am Bahnhof hinzu; den bringen Konrad und Knut mit, die sie abwarteten, bis Anton das Motorrad unter der Brücke verschwinden ließ, beide ihre Helme daließen, bevor sie Christian in den Alfa zustiegen, in dem der sie rasend nach Sachsenheim kutschierte. Der Zug, den sie um 10:21 Uhr besteigen wollten, führte zurück nach Karlsruhe. Sie könnten in Bietigheim-Bissingen in den Zug nach Paris umsteigen und dadurch dem Zugriff der deutschen Polizei zu entkommen versuchen. Aber ihr Plan ist ein kühnerer. Für die Rückkehr zum Tatort in Karlsruhe benötigt Verena gute Nerven und tatsächlich nur eine kurze Zeit. Eigentlich hat sie dort nichts verloren, aber der Chef, ihr H. in dieser Suppe, könnte noch leben. - »Silke?«, heiße die Neue, soviel wußte Christian und sie warte am Bahnhof in Karlsruhe, in dem Krankenwagen, in den sie gleich nach ihrer Ankunft umsteigen wollen. Anton gibt die Anweisungen, sagt, daß er und Christian in den Transportraum einsteigen werden. Verena soll sich nach vorne zum Fahrer setzen, denn die Fahrt vom Bahnhof bis zur Unfallstelle dauere nicht sehr lange. Kalinka wird sie einweisen, erwartet Anton. - »Die Bullen werden auch die Bestatter bestellen. Mit dem Abtransport haben wir also nichts mehr zu tun.«, war ihm erst gestern gesagt. Anton sucht seit den Monaten ihrer Liaison nach Oberwasser über sie. Sie führt ihn durch ihre Schweigen an, welches sie auf der ganzen Fahrt, auch im Zug, mit einer Erholung belohnt. Eine Unterredung könnte ihnen jetzt gefährlich werden, sollte jemand mithören.
H. hatte mit Hitler gemein, daß sie beide höchste Ämter ausübten, politische Ämter, in denen sie sehr mächtig wurden. Das H. der zwanziger und dreissiger Jahre unterscheidet sich zwar in seiner körperlichen Konstitution, aber nicht im Engagement bei der Amtsausübung. H. wurde auf dem Weg zur Macht kränklich, baute sich mit Drogen auf. H. wollte nicht herrschen? Er sollte dienen! Da gab es die bittere Erfahrung mit der Gewalttätigkeit seines Vaters, der sehr früh verstarb, der ihm durch gewaltige Demütigungen seine Fähigkeit zur Unterwerfung einbleute. Da gab es die schutzbedürftige Mutter, die ihm Liebe gab. Der frühe Tod des Vaters verhalf ihm zu einer Waisenrente, die ihm Nahrung gab. Dann kam die Zeit der Abweisungen, die ihm Obdachlosigkeit und Hunger einbrachten und es gab die Ausflucht zum Militär, wo er unterkommen konnte, weil es für den Krieg rüstete, in den er 1914 zog. Endlich war er den Notunterkünften in der Psychiatrie und in Männerwohnheimen entkommen, in denen er untertauchen konnte, wenn es in Wien für ihn keine andere Möglichkeit gab. Nach dem Krieg, den das Heer verlor, litt er unter dem Zerfall der politischen Ordnung im Reich, gab er vor, weshalb nicht allein er aus der Bahn geworfen wurde, weshalb Millionen in die Notlagen von Arbeitslosigkeit und Hungerkrisen gerieten. Das hatte er satt, weshalb er nach einem Schuldigen suchte, den er schließlich in dem Gewaltfrieden fand. Sein Initial steht auch für »Haß«, für »Hysterie der Massen«. - Mit einem H im Wortlaut atmet man aus.
Es gab da noch einen, den Brockdorff-Lantzau, der kam ihm im Aussehen sehr gleich: dunkles, kurzgeschnittenes Haar, links gescheitelt, kantig geschnittenes Gesicht, einem knappen Schnauzer zwischen Nase und Oberlippe wie Charly Chaplin eben; von schlankem Wuchs mit kräftigen Schulterpartien war Brockdorff-Lantzau allerdings etwas größer gewachsen als H.. An der Seite von Schuching, Giesberts, Landsberg, Leinest und Dr. Melchior standen sie als Vertreter des Deutschen Reiches in einer Delegation in Versailles zur Verhandlung parat. H. erfuhr von ihnen und darüber in den Zeitungen, redete über den Gewaltfrieden, so wie die Schlagzeilen den Friedensvertrag titulierten, in seinen privaten Zirkeln und er drängte sich auf, gegen Berlin etwas zu unternehmen und den Reichstag zu stürzen, die Verantwortlichen für das Novemberverbrechen, wie er die Revolution verstand, zur Rechenschaft zu ziehen. Er glaubte, politisch ein Anhänger der Alldeutschen Partei zu sein, trat aber der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) bei; das mache sich gut, denn die Arbeiter sind zur Revolution bereit und so könne er sie den Kommunisten entziehen, sie auf seine Seite holen und somit die kommunistische Revolution verhindern. Er schürte den Volkszorn in seinen Reden in den Bierkneipen, wo ihm zunächst nur wenige zuhörten, dann immer mehr, bis er schließlich den ganzen Zirkus Krone mit Menschen füllte, die seinen Hass-Triaden, in pathetischen Schwallungen vorgetragen, zu folgen bereitwilliger wurden. Aber nicht jedermann war sein politischer Freund; manche hielten ihn für einen Phantasten, einen Demagogen halt, andere sprachen von einem Psychopathen, wenn sie über ihn sprachen. Wenige wagten sogar Attentate auf ihn; damit machte H. seine Erfahrung, wie gefährlich ihm ein öffentliches Renommee werden könne. Diese Erfahrung bestärkte ihn in seiner Absicht, sich selbst bei seinen Auftritten wenigstens mit einer Pistole zu bewaffnen. Aber noch hatte man nichts vor ihm zu befürchten, wenn er gelegentlich zum Auftakt einer Rede in einer Lokalität nur in die Lüfte schoß.
Es waren inzwischen Massen, die sich im Reich zunehmend auf den Straßen radikalisierten und somit dem Volk das Fürchten lehrten. Das hatte auch nach dem Willen der Friedliebenden aufzuhören! Plötzlich putschten sie in Berlin. Das war bereits 1920 der Fall, knapp ein Jahr nach der Gründung der Republik. Die Aufrührer waren Rechtsradikale, mit denen H. sympathisierte, die mit ihrem Anführer, einem Mann namens Kapp, eine Gegenrevolution organisierten, von der auch H. überzeugt war, daß sie notwendig sei, wenn sich an der Unordnung im Reich etwas grundlegendes ändern soll. In seinen Reden zielte er selbst auf die Zerstörung des Parlamentes im Reichstag ab. Zwar kam beim Kapp-Putsch die Reichswehr ihrer Pflicht nicht nach; sie griff im Verlauf des Aufstandes nicht ein. Es war die SPD, zusammen mit den Gewerkschaften, die einen Generalstreik durchführten, an einem geheimen Ort außerhalb Berlins eine Notstands-Regierung bildeten, die sich recht bald gegen die Putschisten erfolgreich durchsetzte. Der Putsch löste sich auf. Die parlamentarische Arbeit konnte in Berlin mit der legitimen Regierung fortgesetzt werden. Den Grund im Kappschen Scheitern erkannte H. in dem mangelnden Fanatismus, der weiterführend für die notwendigen Konsequenzen sorge - Verhaftungen, Hinrichtungen, Entlassungen von feindlichen Beamten, die Konzentration der Macht auf einen Einzelnen, sowie die der Gefangenen, in für sie einzurichtenden Arbeitslagern - um das Ziel des erfolgreichen, konterrevolutionären Umsturzes zu erreichen. In seinen Reden sprach er es aus und in Propagandasendungen der Wochenschauen beschwor er geradezu den Fanatismus als die unbedingte Notwendigkeit jedes Einzelnen im Volk, um auch die Umkehr der Versailler Verträge und die Wiederherstellung der allgemeinen Verhältnisse, so wie sie vor 1914 bestanden haben, erfolgreich durchzusetzen, womit er meinte, daß der dafür notwendig gewordene Krieg nur im fanatischen Kampf von Deutschland und den Deutschen zu gewinnen sei. Dafür verlangte er den Krieg, den bedingungslosen Kampf jedes Deutschen für ihn, für H., den ersten deutschen Diktator nach kaiserlichen Zeiten. Für andere, die ihm zuhörten, bedeutete es Anachronismus, Rückkehr zur Feudalherrschaft, politische Verfolgung. H. konnte sich wenigstens in der DAP durchsetzen, die hohen Herren im Parteivorstand, darunter ehemalige Generäle des Kaisers, dazu bewegen, ihn bei der Auswahl für einen jüngeren, nachrückenden Parteivorsitzenden vorzuziehen. Sie wurden durch seine Erfolge als Redner dazu bereit. H. galt ihnen als ein begabter Politiker, den manche Herren aus dem Vorstand aber dennoch nicht mochten. Trotzdem hatte er eine weitere Hürde genommen gehabt, als er nach einer kurzen Zeit tatsächlich zum Parteiführer bestimmt wurde und er begann sofort, der Partei sein Profil aufzuzwingen. Er gab ihr einen neuen Namen, setzte der alten Kurzform zwei weitere Buchstaben voran und gründete die NS(DAP). Er warb um einen Zustrom aus dem Volk. Die Radikalisierung des Volkes hatte damit einen Fortschritt genommen gehabt, der jetzt noch sehr vielen Menschen unauffällig geblieben war. Immerhin war es zu politischen Morden gekommen, wobei es den SPD-Reichstagspräsidenten Ebert, außerdem den Abgeordneten jüdischen Glaubens, Rathenau, die beiden Spartakisten Liebknecht und Rosa Luxemburg tödlich traf.
Niemand bezweifelte, daß diese Morde geschahen und daß sie Folgen haben würden, die nicht gleich absehbar gewesen sind. Das gilt jetzt auch für Verena, unterwegs in dem Zug, der gleich halten wird, dem sie entsteigen werden. Sie sind dann dem auf sie wartenden Krankenwagen zugestiegen, der sie unter Einsatz des Sondersignals zum Unfallort brachte. Sofort eilte sie an das Fahrzeug heran, nachdem sie es während des Heranfahrens bereits inspizierte, eine Person auf dem Beifahrersitz halb schräg zur linken Seite steif weggeneigt sitzen sah, als habe der mit der linken Hand auf das Gaspedal des automatikgetriebenen Dienstfahrzeuges gedrückt, weshalb es noch ein Stück weiterrollte, zunächst bis zur Mitte der Kreuzung, dann über sie hinweg, bevor es an der Bordsteinkante anstieß und dort stehen blieb. Bald wendeten sie den Krankenwagen, hielten in einer Reihe mit anderen Fahrzeugen an der gegenüberliegenden Seite, nahe der beschossenen Limousine. Verena entsprang sofort dem Krankenwagen, lief zum Auto hinüber und besah sich den Mann abermals, der so leblos auf dem Beifahrersitz verharrte. Nach knapper Diagnose sagte sie dem Kerl, der von gegenüber her der Bordsteinkante entsprang, auf sie zukam, daß er verschwinden solle, es habe keinen Zweck, hier käme jede Hilfe zu spät. »Den Body-Bag!«, beorderte sie Christian, der sich inzwischen umgezogen hatte, in einer Sanitätsuniform zu ihr hinzueilte; er möge ihn holen, das Opfer sei nur noch in einem Leichenwagen zu entsorgen.
Transzendenz ist die höchste Quelle zur Macht. Diese Quelle ließ sich im Leben des H.s personifizieren. Zunächst war es der Parteifunktionär der DAP Eckart, mit dem er sich häufig traf und besprach. Der Zerfall des Kaiserreiches und die damit verbundene Zerstörung des Obrigkeitsstaates trieben Blüten in der Gesellschaft, wenn sich Menschen der Freimaurerei und dem Okkultismus hingaben. Letzterer verschuf so manchem neugierigen und dem Übersinnlichen gegenüber aufgeschlossenen Menschen einen Zugang zu Mächten, die magisch seien und, weil unerklärlich, auf Kräfte beruhen, die ein Mensch sinnlich nicht erklären kann. Die Magie der Sterne, die der Pendel und der Karten, verlangt eine Deutung, die aber nicht jeder Mensch beherrschen kann. Wer sie beherrscht, ist ein überdurchschnittlicher, ein von H. gehaltener Herrenmensch, weil er damit Menschen beherrschen kann. In einem Staatswesen, in dem die Industriellen das hauptsächliche wirtschaftliche Geschehen bestimmen, die mit Wirtschaftskrisen regelmäßige Massenentlassungen verursachen, sucht ein ängstlich gewordener Mensch - nach H.s Willen der Schwache Mensch - auf der Suche nach seinem Glück nicht allein nach Auswegen; er hofft in der Weissagung die Zukunft vorausgesagt zu bekommen, die schicksalsträchtig über ihn ergehen wird. Weiß er erst, was ihm geschehen soll, was in der Welt geschehen wird, dann wird seine Lebensplanung kalkulierbarer und er glaubt, wenn er es bereits vorher weiß, worin genau es liegt, wann und wobei ihm die größten Chancen vorbestimmt sind, brauche er das vor ihm liegende Glück nur noch zu ergreifen. H. fehlte so manches Mal der Glaube daran, auch wenn er an Silvester-Abenden vor laufender Kamera seine Langeweile beim Bleigießen vertrieb. Aber es interessierte ihn, dem Geheimnis der Wahrsagung auf die Spur zu kommen: was ist daran? Er wandte sich an einen in München inzwischen berühmt gewordenen Okkultisten namens Hanussen, den so mancher Mann für einen Scharlatan und hinterhältigen Trickbetrüger hielt, wovon solche ihm berichteten. Trotzdem verabredete er einen Termin, suchte ihn auf und erfragte den Weg seines Erfolges in der Politik. Inzwischen waren sehr viele neue Parteien gegründet worden, auch derer aus dem Spektrum des Rechtsradikalismus. Der Hellseher Hanussen sagte ihm Erfolge voraus, erkannte allerdings den Gebrauch von Schußwaffen und äußerster Gewaltbereitschaft als eine hierfür notwendige Voraussetzung. Und Hanussen war es gewesen, der für den Brandstifter des Berliner Reichstages van der Lubbe einen Hypnoseplan ausarbeitete, wonach der junge Kommunist, unter Hypnose stehend, auf Befehl des Hellsehers das Feuer gelegt haben soll, womit der Hellseher sich bei den Nazis beliebt machen wollte, wenn er die Brandlegung so trickreich befahl. Jedenfalls sah er bereits einige Tage vor der Tat ein großes Haus in hellen Flammen aufgehen. Bereits eine kurze Zeit danach wurde der Hypnoseteure im Berliner Grunewald tot aufgefunden.
H. schien Hanussens Ratschläge beherzigt zu haben, hatte er es selbst doch längst nicht anders geglaubt, so forcierte er sein Engagement für öffentliche Auftritte und Reden, in denen er inzwischen seine ganze Konzentration auf die Verbreitung seines Judenhasses lenkte, der seinen Ursprung nicht im H.s Innersten findet, der von außen her bisher auf ihn einwirkte. Antisemitismus war bereits im 19. Jahrhundert zu einer verbreiteten Zeiterscheinung des grundlosen Hasses auf Menschen anderer Religion und Abstammung gewesen. H. hatte dafür extra einen Schauspielunterricht genommen gehabt und auch hierbei folgte er dem Rat des Hellsehers, der ihm weissagte, wie er seine Redekunst verbessern könne, um seine bereits erzielten Erfolge vor seinem politisch interessierten Publikum zu vergrössern. Noch galt er zuvielen seiner Zuhörer als ein Spinner, als der König von München, einer neuartigen touristischen Attraktion, die allerdings zunehmend zu einem anwachsenden Bekanntheitsgrad gekommen war. Sein erkämpfter Status - er war inzwischen Parteiführer der NS(DAP) - untermauerte in der Öffentlichkeit die scheinbare Seriösität seiner politischen Absichten, weswegen man ihn allgemein zunehmend ernster nahm.
Bereits am 24. Februar des Jahres 1920, also zu Anbeginn des dritten Jahres nach der Revolution, die H. als das Novemberverbrechen bezeichnete, das er niemals tolerieren werde, hatten die Parteiführer ein vorläufiges Programm erarbeitet gehabt, dem er inhaltlich zusprach. Er selbst brauchte sich keine Gedanken für ein eigenes politisches Konzept mehr zu machen. Alles war im vorläufigen Parteiprogramm gesagt. Die DAP war ein Erzeugnis der jungen Republik, eine Neugründung einer Partei, was zu bedeuten hatte, daß die Konkurrenz der anderen Parteien H. und der DAP eine Aussicht auf eine große Mehrheit in den Parlamenten versperrte, was in H. außerdem eine Wut entfachen konnte, weil die Vielzahl anderer Parteien und deren Einflußnahme, die Möglichkeit zur Machtergreifung und Durchsetzung eigener politischer Inhalte stark einschränkte. Und die Inhalte des Parteiprogrammes der DAP waren nationalistisch, forderten neben dem Zusammenschluß aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu einem Groß-Deutschland und in ihm die Gleichberechtigung des deutschen Volkes gegenüber den anderen Nationen, zudem die Aufhebung der Friedensverträge in Versailles und St. Germain1, forderten Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung des Volkes und die Ansiedlung des Bevölkerungsüberschusses. Nach klaren Definitionen dieses Programmes könnten nur diejenigen Staatsbürger sein, die Volksgenossen sind und nach Auffassung der Partei kann nur derjenige Mensch ein Volksgenosse sein, wer deutchen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession, weshalb ausdrücklich im Parteiprogramm gesagt ist, daß Juden keine Deutschen sein könnten. Der somit erklärte Antisemitismus dieser Rechts-Partei nährte den Antisemitismus des H.s weiterhin. Dergleichen müssen auch nach Willen der DAP alle Staatsbürger gleiche Rechte und Pflichten erhalten und die erste Pflicht eines jeden Staatsbürgers müsse sein, geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des Einzelnen dürfe danach nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muß im Rahmen des Gesamten und zum Nutzen aller erfolgen.
H. war kein Dummkopf und er sollte auch kein Dummkopf sein. In der Zeit seiner beruflichen Orientierungslosigkeit, nach dem Krieg, witterte er seine Chance, als Politiker der Berufs- und Obdachlosigkeit, dem unsteten Leben als Bohéme entkommen zu können und auch in München hielten sich sehr viele an die Politik, die mit dem neu installierten Parlamentarismus, der Schaffung einer Verfassung, die die Gründung einer Partei ausdrücklich erlaubt und sie sogar für eine politische Mitbestimmung grundsätzlich zur Bedingung macht. So war es gescheit, sich als Politiker zu bewerben, auch um dem Elend zu entkommen, indem man sich als Berufspolitiker etablierte und sich in diesem Stand in eine berufliche Sicherheit bringt. Dennoch widersprach H. der Gescheitheit, die in seinem Sinne sehr töricht sei, wenn es darum ging, seine Ziele, hauptsächlich aber seinen eigenen Willen, durchzusetzen, was ihm mit der Gewalttat sehr leichter möglich würde. Die marxistischen Doktrin fußten zwar auf dem selben darwinistischen Fundament, wonach der Mensch nicht das Produkt einer göttlichen Schöpfung, sondern ausschließlich das einer biologischen Entwicklung sei, die über einen Zeitraum von Jahrmillionen hinweg den modernen Menschen erst hervorgebracht habe, der sich allerdings in seiner Rasse unterscheiden ließe, die eine qualitative Verschiedenheit nachwiese und deshalb naturgesetzlich den Schwachen dem Starken unterstelle. Schon deshalb sei es eine Torheit, den Erklärungen aus christlicher Moral nachzugeben, wonach dem Schwachen wenigstens ein Schutz zu gewährleisten ist, weshalb es zu einem viel zu großen Auswurf an minderwertigen Menschen käme, die den Starken in seinem Lebenskampf verhindern, ihn zumindest aber abhalten. Nach seiner Überzeugung soll der Starke siegen und nur der Sieger gilt ihm als der wertvolle Mensch in der Gesellschaft, den der Schwache nicht belasten darf. Der Starke dürfe deshalb das Schwache ausrotten, wie es in jedem Krieg geschähe, in dem die Vernichtung menschlichen Lebens keinem Verbrechen, sondern einer naturgesetzlichen Bestimmung entspräche, die unumstößlich und somit legal sei. Aber der Marxismus ergründet sich philosophisch und erklärt sich theoretisch. Und er veranlaßt aus der Erkenntnis, daß die modernen Gesellschaften Klassen hervorbrachten, die erst das soziale Unrecht und das Elend der Arbeiterklasse produziert hätten, den systematischen revolutionären Aufbau eines neuen Gesellschaftsmodells, die Überwindung alter Herrschaftssysteme durch den bewaffneten Kampf, wonach Macht und Herrschaft in der marxistischen Gesellschaft sich nicht mehr in den Kreisen des gehobenen Standes, sondern in der Hand der Arbeiterklasse befinden und darin auch verteidigt werden müssen und dieses notfalls mit der Waffe in der Hand. Aus dieser Absicht leitet sich ein neues Menschenbild her, nach dem sich die klassenlose Gesellschaft den Menschen erst erziehen müsse, einem krassen Widerspruch zu dem bisherigen Menschenbild, wonach ein jeder Mensch ein Geschöpf Gottes und nicht allein das Produkt einer staatlichen Erziehung sei. Der Marxismus schafft Gott also ab und auch darüber empörte sich das zur Cholerik neigende Gemüt des H.s nicht sehr, wenn ihm die Vernichtung des jüdischen Glaubens hierzu genügen würde, denn mit dessen Vernichtung gebe es bereits keinen dem germanischen Menschen wesensfremden Gott mehr. Wütend machten ihn auch die Straßenschlachten der Kommunisten, die diese sich mit der Polizei lieferten, wütend geworden auch über die immer wieder aufflammenden Massendemonstrationen in den deutschen Großstädten. Seine Wut behinderte seinen Verstand, der sich bei der Analyse politischen Geschehens in der neuen Gesellschaft viel mehr auf die Triebstrukturen der politisierenden und aufmarschierenden Menschen versteifte und keinen Ausweg aus einer Krise erkannte, wenn diese nicht nur Krawall, sondern dabei handfest von Schußwaffen gebrauch machten. Bereits jetzt gehörte zurückgeschossen. H. wünschte sich dann nicht einen Erfolg des völkischen Aufbegehrs, sondern vielmehr eine Ruhe im Staat!
Nach Darwin hält sich also eine Gesellschaft durch den Lebenskampf, in dem sich naturgesetzlich immer nur das Stärkere gegenüber dem Schwächeren durchsetzt, wie er verlange, daß nur das Stärkere auch siegen soll; eine Erklärung, wie sie im Volk manchmal sogar einer weitverbreiteten Überzeugung entsprach und die von einer Naturgesetzlichkeit zeugt, die dem sozialen Wesen eines marxistisch und sogar eines christlich erzogenen Menschen unausweichlich entgegensteht und daß Eigentum nur Diebstahl sei, wollte er nicht glauben, denn es verböte ihm, die Fördermittel entgegenzunehmen, die man ihm für seinen politischen Aufbau zur Verfügung stellte. Die vornehme Kleidung und ordentlichen Halbschuhe dazu besorgte ihm noch Meister Eckart und ebenso einen Kontakt zur Führungsriege der DAP, als H.s Aufstieg in der Partei begann. Aber H. verfügte auch bald über Förderer und Sponsoren, die bis jetzt mit ihrer wirtschaftlichen Kraft, die ihnen auch eine Macht verleiht, nicht sehr gesegnet waren, die auf einen eigenen wirtschaftlichen Vorteil hoffen durften, wenn ihm der Staatsstreich gelingt, den er bestrebte; schließlich schafft der Geist des Menschen einen Wandel in seinen Auffassungen, aber niemals in den Verhältnissen, die H. unbedingt verändern wollte. Im Willen erkennt H. die Macht zur Veränderung und nicht im freien Denken eines jeden Menschen und es wurde ihm erklärlicher, daß im Fanatismus die Quelle der Durchsetzungskraft gelegen sei und nicht in der Besonnenheit, bei dem Begehen menschlicher Taten, die auch wirklich jene Veränderungen herbeischaffen sollen, die den Menschen einen Nutzen bringen. Inzwischen schrie H. es seiner Zuhörerschar in diesem Sinne zu, hatte er die Macht seiner Fähigkeit, durch seine Reden ganze Massen zu hypnotisieren, selbst erkannt und er verstand, diese Macht mehr und mehr für seinen politischen Erfolg auszubauen, wonach er am Ende als der einzige Führer hervorginge. Niemals folgte H. dieser Idee. Er faßte die Gelegenheit beim Schopfe, wenn sich ihm eine bot. Wie ein großer Feldherr könne er dann ungehindert das Schädliche in der Welt ausmerzen. Der harten Zeit könne dann die liebliche, die wohlständige Zeit folgen, bei der Verwirklichung seines Großdeutschen Reiches, in dem alle glücklich werden, ist erst alles Feindliche und Schwache von der Bewegung vom Erdboden getilgt, einer Bewegung im soziologischen Sinn, die er zu einer Partei umformen wird, die keine anderen Parteien neben sich duldet. Plötzlich versprach er drohend und angstverbreitend, alle Parteien im Lande hinwegzufegen. Ein harter Kampf stünde ihm bevor, der ihm mit dem Endsieg seinen endgültigen Erfolg als die Belohnung bestätigt, für die er die Masse zunehmend berauschte und betörte.
Er sei genau so wie H. und er sei deswegen so gefährlich. Dabei folgte Andreas keinem Traum, erlag er nicht einer Sehnsucht nach einer Heimat, seinem Familienersatz in einem soldatischen Truppenverband. H.s Träume waren welche von seiner Macht. Andreas half nach, bei jenen, von denen er glaubte, daß sie wegen einer sozialen Ausgrenzung selbst zu wenig Macht besäßen, um sich aus ihrem Dilemma - durchaus einem vom Staat und seiner Gesellschaftsordnung verursachten und deshalb auch von jenen Mächtigen, den Personen des Establishment zu verantwortenden - selbst zu befreien. Andreas war sogar kein Verführer, nicht einmal ein Wortführer, aber er war ein Anführer - er mache alles gleich. Er war sogar ein Demokrat, wenn es darum ging, in den im Grunde bloß losen Haufen Aktionen und eben nicht gleich Straftaten anzuregen, die er zur Diskussion stellte, wobei jeder Einzelne in der Gruppe sich frei entscheiden sollte, ob er es selbst so will, ob er sich beteiligt, zum Beispiel an der Sargaktion mit Fritz Teufel darin, an der Mehlbombenaktion vom zertrümmerten Kirchturm der Gedächtniskirche in West-Berlin. Damit setzte Andreas ganz bewußt seine Akzente, die ein Signal an die Öffentlichkeit sendeten, mit denen er bekunden wollte, daß es ihm um einen Widerstand gehe und nicht um die Weltrevolution. Deswegen sitzt Andreas auch nicht seit so langer Zeit ein. Verena jedenfalls hatte es seit der gemeinsamen Berliner Zeit nicht anders von ihm geglaubt gehabt.
Als H. sich in Haft befand, saß der für ein halbes Jahr eine Festungshaft von insgesamt fünf Jahren ab und er nutzte in ihr die Gelegenheit, die Niederschrift seines politischen Kampfes zu beginnen, wobei Rudolf Hess ihm sehr behilflich gewesen war. H. hatte keine politische Idee; er strebte zum Ruhm und mit dem Buch sei es geschafft. Geschaffen wurde ein inhaltlich verworrenes, von Phantastereien und vaterländischem Phatos durchdrungenes Machwerk, in dem er inhaltlich die Grundsätze des Parteiprogramms der DAP von 1920 nun wortreich auszuschmücken begann. Darin forderte er recht mystisch die Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens, die Brechung einer Zinsknechtschaft. Er verlangte die restlose Einziehung aller Kriegsgewinne, womit er so manchem sein räuberisches Wesen bekannte. Mit diesen Inhalten entsprach er der kommunistischen Forderung nach einer Enteignung von Privateigentum. Damit ließen sich Kommunisten fangen und gleichschalten.
Grundsätzlich hielt H. trotzdem an den Fortbestand des Privateigentums an Produktionsbetrieben nach kapitalistischem Muster fest. Den Kommunisten, die nicht zu ihm `rüber kämen, würde er es schon zeigen. Er hielt jenen Personen des unbeugsamen Widerstandes nicht nur polizeiliche Verfolgung entgegen; das Volk stünde hinter ihm, würde er ihm erst einen großzügigen Ausbau der Alters-Versorgung zusichern. H. setzte auf die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und dessen Erhaltung, verlangte die sofortige Kommunalisierung der Großwarenhäuser und einem Diktator fallen diese sehr leicht in seinen privaten Besitz. Ein Führer allein kann dann die Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende auch durchsetzen, unter schärfster Berücksichtigung aller kleinen Gewerbetreibenden, bei Lieferungen an den Staat, an die Länder oder Gemeinden. (H. wollte kein Dummkopf bleiben.) Die deutsche Landwirtschaft kam ihm in der weimarer Zeit vollkommen vernachlässigt vor, erkannte er sie in Grund und Boden gestampft. Deshalb verlangte er eine den nationalen Bedürfnissen angepasste Bodenreform, die Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für gemeinnützliche Zwecke, die Abschaffung des Bodenzinses und die Verhinderung der Bodenspekulationen, womit er sich offene Ohren bei jenen schuf, die selbst danach verlangen. Lediglich die Methode, mit der er dieses Reformpaket durchsetzen wollte, war eine außergewöhnlich radikale, wie sie ihm durch das Grundsatzprogramm bereits, in dicken Lettern gedruckt, so vorgeschrieben stand: Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemein-Interesse schädigen. Gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw. sind auch nach dem Willen des H.s mit dem Tode zu bestrafen, ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse.
Für eine derart rücksichtslose Vorgehensweise gegen Straftäter, die sich vergleichbar nur geringfügigerer Straftaten in dieser Weise schuldig machten, hatte das bisher geltende römische Recht in der materialistischen Weltordnung die Todesstrafe nicht vorgesehen gehabt, weshalb H. dringend darauf hinredete, dieses Recht durch ein deutsches Gemeinrecht zu ersetzen, wie es das Grundsatzprogramm der DAP bereits vorsah. Dieses Recht sah auch eine Berücksichtigung des sozial Benachteiligten bei dem Erlangen eines beruflichen Aufstieges vor, weshalb H. verlangte, jedem fähigen und fleißigen Deutschen das Erreichen höherer Bildung und damit das Einrükken in führende Stellungen zu ermöglichen, weshalb er zu einer Verbesserung für einen gründlichen Ausbau des gesamten Volksbildungswesen strebe. Die Lehrpläne aller Bildungsanstalten sind deshalb den Erfordernissen des praktischen Lebens anzupassen. Das Erfassen des Staatsgedankens müsse bereits mit dem Beginn des Verständnisses durch die Schule (Staatsbürgerkunde) erzielt werden und er verlangte deshalb die Ausbildung geistig besonders veranlagter Kinder armer Eltern, ohne Rücksicht auf deren Stand oder Beruf auf Staatskosten. H. werde außerdem für die Hebung der Volksgesundheit sorgen, die Mütter mit ihren Kindern durch Förderung der körperlichen Ertüchtigung mittels gesetzlicher Festlegung einer Turn- und Sportpflicht, durch größte Unterstützung aller sich mit körperlicher Jugend-Ausbildung beschäftigter Vereine besonders unter seinen Schutz stellen. Dazu diene ihm das Verbot der Jugendarbeit.
