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Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. Ein roter Sportwagen stoppte neben Alexandra Schönauer. Sie drehte nur kurz den Kopf zu Seite und ging dann unbeirrt weiter. Sie kannte das Auto, kannte den Fahrer, wollte aber nichts mit ihm zu tun haben. Zielstrebig bewegte sie sich mit dem Kinderbuggy dem Eingang des Parks zu. Im Buggy saß ihr jetzt elf Monate alter Sohn Julian. Er war ein drolliger kleiner Kerl mit dicken Pausbäckchen und großen blauen Kulleraugen. Ihn interessierte das schnittige Cabrio viel mehr. »Au-Auto«, machte er seine Mami aufmerksam und deutete mit kurzen Fingerchen auf das imponierende Gefährt. Der Fahrer ließ es verkehrswidrig im Schrittempo rollen und beugte sich aus dem heruntergekurbelten Fenster. Daß andere Verkehrsteilnehmer hinter ihm hupten, schien ihn nicht zu stören. »Hallo Alexandra! Schön, dich zu sehen. Siehst fabelhaft aus.« »Hallo«, erwiderte die junge Frau, und aus ihrer Stimme war die Ablehnung herauszuhören. Unwillkürlich ging sie etwas schneller. »Was ist, möchtest du nicht einsteigen? Wir machen eine kleine Spritztour. Ich halte da vorn auf dem Parkplatz.«
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ein roter Sportwagen stoppte neben Alexandra Schönauer. Sie drehte nur kurz den Kopf zu Seite und ging dann unbeirrt weiter. Sie kannte das Auto, kannte den Fahrer, wollte aber nichts mit ihm zu tun haben. Zielstrebig bewegte sie sich mit dem Kinderbuggy dem Eingang des Parks zu. Im Buggy saß ihr jetzt elf Monate alter Sohn Julian. Er war ein drolliger kleiner Kerl mit dicken Pausbäckchen und großen blauen Kulleraugen.
Ihn interessierte das schnittige Cabrio viel mehr. »Au-Auto«, machte er seine Mami aufmerksam und deutete mit kurzen Fingerchen auf das imponierende Gefährt.
Der Fahrer ließ es verkehrswidrig im Schrittempo rollen und beugte sich aus dem heruntergekurbelten Fenster. Daß andere Verkehrsteilnehmer hinter ihm hupten, schien ihn nicht zu stören.
»Hallo Alexandra! Schön, dich zu sehen. Siehst fabelhaft aus.«
»Hallo«, erwiderte die junge Frau, und aus ihrer Stimme war die Ablehnung herauszuhören. Unwillkürlich ging sie etwas schneller.
»Was ist, möchtest du nicht einsteigen? Wir machen eine kleine Spritztour. Ich halte da vorn auf dem Parkplatz.« Arne Korowski fuhr mit aufheulendem Motor davon, denn hinter ihm stockte der Verkehr.
Er war ein selbstbewußter junger Mann, der nicht nur sehr gut aussah, sondern auch seit drei Jahren ein eigenes Unternehmen hatte. Er verkaufte Autos einer italienischen Nobelmarke und verdiente sehr gut damit.
Alexandra hatte ihm damals geholfen, das Geschäft aufzubauen. Sie war seine Angestellte, aber sie sah nie zur Uhr. Sie arbeitete nicht nur abends, sondern sonntags für ihn, wurde seine engste Vertraute.
Jetzt hätte sie die Begegnung gerne vermieden und ging deshalb einen anderen Weg, so, als hätte sie die Aufforderung nicht gehört.
Julian war ein bißchen enttäuscht und beugte sich weit aus seinem Sitz, um dem roten Auto nachzusehen. Dabei zog er einen Schmollmund und protestierte in seinem Babykauderwelsch. »Da – da Auto!«
Alexandra, sonst eine sehr liebevolle, aufmerksame junge Mutter, nahm die Äußerung ihres kleinen Sohnes nicht zur Kenntnis. Sie ging immer schneller, wußte aber, daß sie Arne nicht entfliehen konnte, denn er gehörte zu den Menschen, die ihre Wünsche rücksichtslos durchsetzten.
Kaum hatten sie den Eingang des Parks erreicht, kam ihnen Arne auch schon mit langen Schritten nach. »So lauf’ doch nicht weg! Was soll das Versteckspiel? Wenn ich dich anrufe, nimmst du nicht ab, wenn ich an deiner Wohnung klingle, öffnest du nicht. Das ist doch keine Lösung. Du kannst mir nicht ständig ausweichen.«
Arnes braune Augen sahen Alexandra vorwurfsvoll an. Alles in allem bot er das Bild des erfolgreichen Jungunternehmers. Teuer und modisch gekleidet, gepflegt von den durch einen bekannten Haarkünstler gestylten dunklen Locken bis zu den sorgfältig gefeilten Fingernägeln. Arne besaß jenen Charme, mit dem sich bei Frauen alles erreichen ließ. Auch Alexandra hatte sich seiner dunklen Stimme, seinem jungenhaften Lächeln und dem Strahlen seiner schönen Augen nicht entziehen können.
Doch das war vorbei. Bei ihr zog Arnes Masche schon lange nicht mehr. »Zwischen uns ist es aus, warum akzeptierst du das nicht?« fragte sie im Weitergehen.
»Weil das überhaupt nicht sein kann.« Arne blieb an Alexandras Seite und mußte ungewohnt lange Schritte machen, um ihr Tempo übernehmen zu können. »Wir haben ein Kind«, erinnerte Arne und sah flüchtig auf den kleinen Julian. Das Baby war ausgesprochen
hübsch, sah gesund und intelligent aus, doch er konnte trotzdem gar nichts damit anfangen. Mit Kindern hatte er sich nie befaßt und gedachte es auch nicht zu tun. Daß er den kleinen Sohn nicht gewollt hatte, behielt er allerdings für sich.
»Du irrst dich«, erklärte Alexandra hastig. Sie wollte, daß sich Arne so rasch wie möglich wieder zurückzog. »Julian ist ganz allein mein Kind. Er trägt meinen Namen, ich sorge für ihn. Ich habe nie irgendwelche Forderungen an dich gestellt.«
Arne faßte nach dem Schiebegriff des Kinderwagens, hielt ihn fest und zwang die junge Mutter so zum Stehenbleiben.
»Das ist doch Quatsch. Der Kleine hat auch einen Vater, und der bin ich.« Arne Korowski lachte Alexandra gewinnend an. Es war die Geste, mit der er gewöhnlich bei allen Frauen erfolgreich war.
Doch bei Alexandra kam er nicht an. »Woher willst du das wissen?« fragte sie aggressiv.
»Weil wir damals sehr glücklich miteinander waren. Und das könnten wir wieder sein, wenn du dich nicht so merkwürdig verhalten würdest.« Jetzt war Arne doch ein wenig verunsichert. Er hatte Alexandra Schönauer unterschätzt. Ein Fehler, den er inzwischen sehr bereute.
»Das hat dich aber damals nicht daran gehindert, nebenbei auch noch ein Verhältnis mit einer anderen zu haben«, warf Alexandra ihrem Gesprächspartner vor.
Arne machte eine hilflose Geste. »Ein bedauerlicher Ausrutscher. Es wird nicht mehr vorkommen, das schwöre ich dir.« Zur Bekräftigung seiner Aussage hob Arne drei Finger.
Das sah so komisch aus, daß der kleine Julian, der die Erwachsenen aufmerksam beobachtete, quietschend lachte.
Seine Mami erheiterte dieses Gespräch weniger. Sie fühlte sich gestreßt. Es war ein heißer, schwüler Sommertag, der auch jetzt am Abend kaum abkühlte. Um das Kind nicht den sengenden Sonnenstrahlen auszusetzen, hatte Alexandra bis jetzt mit dem täglichen Spaziergang gewartet. Hätte sie geahnt, daß sie ihren früheren Chef treffen würde, wäre sie einen anderen Weg gegangen. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, dieser Entschluß war endgültig.
»Was du mir auch versprichst, ich kann dir nicht mehr vertrauen. Gib dir keine Mühe, es ist sinnlos.« Alexandra wäre gerne weitergegangen, doch Korowski hielt noch immer den Kinderwagen fest. Mit einer resignierenden Bewegung wischte sich die junge Frau den Schweiß von der Stirn. Sie empfand die Schwüle wie eine schwere Last.
»Hör zu«, sagte Arne eindringlich, »ich liebe dich, habe nie eine andere geliebt. Das mit Yvonne war doch nur ein bedeutungsloser Flirt. Ich habe es dir schon hundertmal versichert. Wann glaubst du es endlich?«
»Nie! Ich…« Alexandra wurde von einem gewaltigen Donnerschlag unterbrochen, der so unerwartet kam, daß sie erschrocken zusammenzuckte. Ich lasse mich nur einmal belügen, hatte sie sagen wollen, doch das blieb unausgesprochen, denn Julian begann ängstlich zu jammern. Sofort wandte sich Alexandra ihm zu, nahm ihn hoch und drückte ihn beruhigend an sich. »Hab keine Angst. Das ist nur ein Gewitter und geht schnell vorbei.« Sanft strich Alexandra dem Baby die blonden Haare aus der erhitzten Stirn und schaukelte das Kind sanft auf ihren Armen.
Doch sie hatte sich getäuscht. Es war kein Gewitter, das sich da anbahnte, sondern ein regelrechtes Unwetter mit Sturmböen, Hagelschlag und gewaltigen Regengüssen.
Alexandra, Arne und der kleine Julian flüchteten ins Restaurant des Stadtparks, wo sie vor den Naturgewalten sicher waren.
*
Zwei Stunden mußte Alexandra ausharren, dann ließ das Unwetter nach. Längst war Julian zufrieden in ihren Armen eingeschlafen. Er merkte nichts von den starken Regenfällen, die aufs Dach des Restaurants prasselten, die Straßen überschwemmten und den See des Stadtgartens zum Überlaufen brachten.
Die meisten Gäste des Restaurants schauten besorgt dem tobenden Unwetter zu, kaum jemand unterhielt sich. Auch Arne gab seine Versuche auf, denn Alexandra wandte sich von ihm ab.
»Du bist besorgt wegen des Hauses, das dir deine Oma vermacht hat, nicht wahr?« erkundigte sich Arne später scheinheilig. Dieses Haus war es, über das er eigentlich mit Alexandra reden wollte. Es lag unmittelbar im Zentrum, sehr verkehrsgünstig, für eine Zweigniederlassung wie geschaffen. Doch bevor er seine Absicht verriet, wollte er das Vertrauen der jungen Frau zurückerobern.
»Ja. Ich wohne nicht nur dort, ich lebe auch davon.« Nervös trat Alexandra von einem Bein aufs andere. Wenn es nur endlich aufhören würde zu regnen, dachte sie.
»Du nimmst wohl ordentlich Miete ein?« erkundigte sich der Autohändler vorsichtig. Das Geheimnis seines Erfolgs lag darin, den günstigsten Zeitpunkt für den Abschluß eines Geschäfts abzuwarten. Darin war er unübertroffen.
Alexandra sah ihn verächtlich an. »Das Haus ist Baujahr 1897, und meine Oma hat seit Jahrzehnten nichts mehr machen lassen, weil das Geld dazu fehlte. Kannst du dir vorstellen, in welchem Zustand dieses Haus ist und was man für solche Räumlichkeiten verlangen kann?«
»Stoß es doch ab. Der Bauplatz allein bringt so viel, daß du anderswo ein Einfamilienhaus kaufen kannst.«
»Nie!« erklärte Alexandra sehr bestimmt. »Meine Mutter ist in diesem Haus aufgewachsen, und auch ich habe wundervolle Jugenderinnerungen daran. Es ist meine Heimat, und das soll es auch für Julian sein. Damals, als meine Eltern durch diesen schlimmen Unfall ums Leben kamen, war ich erst acht. Nur weil meine ganze Familie in diesem Haus lebte, konnte ich in der gewohnten Umgebung bleiben. Das hat mir sehr geholfen. Ich werde das Haus nach und nach renovieren. Bäder und Duschen habe ich schon einbauen lassen, neue Fenster und Türen sind vorgesehen, sobald ich die Schulden abbezahlt habe. Aber wenn jetzt neue Reparaturen anfallen, übersteigt das einfach meine finanziellen Möglichkeiten.«
Arne winkte geringschätzig ab. »In solchen Fällen zahlt die Versicherung.«
»Ja, aber ich muß das Geld vorstrecken. Außerdem zieht in einem so alten Haus eine Reparatur die andere nach sich. Wenn das Dach umgedeckt werden muß, wird man feststellen, daß die Balken morsch sind. Ich darf gar nicht daran denken, was das kostet.« Alexandra seufzte.
»Wenn du Geld brauchst, kann ich dir aushelfen«, erbot sich Arne voll Berechnung. Die Unterredung lief nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte, doch er würde schon noch zum Ziel kommen. Er mußte nur Geduld haben.
»Danke«, lehnte Alexandra das Angebot ab. Keinen Pfennig würde sie von ihrem früheren Chef nehmen. Sie lehnte es auch ab, sich von ihm nach Hause fahren zu lassen. Sie legte das schlafende Kind in den heruntergeklappten Buggy und breitete fürsorglich die stets mitgeführte Decke über Julian.
Es hatte erstaunlich abgekühlt. Von den Bäumen im Park tropfte das Wasser. Die Wege waren aufgeweicht, überall hatten sich Pfützen angesammelt.
Alexandra war froh, als sie die Straße erreichte. Auf der Fahrbahn stand zwar noch Wasser, aber die Bürgersteige waren frei. Allerdings lagen hier eine Menge heruntergefallene Ziegel, Blumenkästen, vereinzelt sogar Dachrinnen.
Immer rascher ging die junge Mutter. Als sie den Marktplatz überquerte und in die Straße einbog, in der ihr Haus stand, wußte sie, daß auch dieser Bezirk vom Unwetter nicht verschont geblieben war. Leute der Feuerwehr waren gerade dabei, mit entsprechenden Geräten die vollgelaufenen Keller leerzupumpen.
»Das hat mir gerade noch gefehlt«, murmelte Alexandra betroffen. Sie blieb bei Johanna Claasen stehen, ihrer Mieterin aus der Dachgeschoßwohnung. Sie war dabei, die Ziegelstücke, die überall zerstreut lagen, zusammenzufegen.
»Gut, daß du kommst, Alexandra… Man sollte die Lücken im Dach provisorisch schließen, bevor es dunkel wird. Denn sicher regnet es in der Nacht erneut, und dann nützen die Eimer und Wannen, die ich im Speicher aufgestellt habe, nichts mehr. Allein schaffe ich es nicht, das habe ich schon probiert.«
Mit Hilfe ihrer Mieterin befestigte Alexandra dicke Plastikplanen an den Dachlatten. Keinen Moment zu früh, denn es begann tatsächlich erneut zu regnen.
»Ich bin sehr froh, daß Sie mir geholfen haben«, bedankte sich Alexandra nach der ermüdenden Arbeit.
»War doch selbstverständlich«, freute sich Johanna Claasen über das Lob. Sie wohnte viele Jahre im Dachgeschoß, kannte Alexandra schon als kleines Mädchen und war deshalb entsprechend vertraut mit ihr. »Komm noch auf ’ne Tasse Tee zu mir«, bat sie freundlich.
»Gerne. Aber ich kann Julian nicht so lange allein lassen. Er wacht vielleicht auf und weint.«
»Entschuldige, daß ich nicht daran gedacht habe. Wir können den Tee ja auch bei dir trinken. Erinnerst du dich daran, wie oft ich mit deiner Oma zusammen war? Wir haben uns immer gut verstanden, haben beide unsere Männer früh verloren. Und als dann das Unglück mit deinem Eltern geschah, war es ganz gut, daß ich deine Oma manchmal ein bißchen ablenken konnte. Damals habe ich nicht gedacht, daß es mir mal ähnlich ergeht.« Frau Claasen ließ den Kopf mit den grauen Löckchen hängen.
»Wieso?« erkundigte sich Alexandra betroffen. Sie war freundlich zu allen Bewohnern der vermieteten drei Wohnungen, kümmerte sich aber nicht um ihr Privatleben.
Die ältere Frau, die zwar graue Haare hatte, aber keinerlei Fältchen im rosigen Gesicht, schnupfte bekümmert. »Das erzähle ich dir später.«
*
Frau Claasen erschien nicht nur mit der gefüllten Teekanne, sondern auch mit selbstgebackenem Kuchen an der Wohnungstür ihrer Vermieterin.
Inzwischen war Alexandra dabei, ihren kleinen Sohn zu versorgen. Sie hatte ihn gefüttert und ließ eben das Badewasser in die Wanne, um ihn abzuseifen.
Julian mochte die Witwe aus dem obersten Stockwerk. »Ooomi«, japste er begeistert und streckte die Ärmchen aus zum Zeichen, daß er von ihr genommen werden wollte.
Johanna Claasen ließ sich nicht lange bitten. Sie liebte Kinder, konnte gut mit ihnen umgehen. »Na, du, hat’s Karotten gegeben?«
Im Gesichtchen und an den kleinen Händen hafteten die Reste. Das hinderte Julian nicht daran, mit allen zehn Fingerchen in Johannas Haare zu greifen und sein Mündchen an ihren Wangen abzustreifen. »Eia, Eia!«
Alexandra, die inzwischen Tee und Kuchen ins Wohnzimmer gebracht hatte, mußte lachen, so ulkig sah das aus. »Glaube bloß nicht, du könntest dir das Bad ersparen, du kleiner Schlingel!« Sie wollte Johanna das Kind abnehmen, doch Julian wehrte sich schreiend. Er wollte von Johanna und niemand anders gebadet werden.
Sie übernahm diese Arbeit gerne. Geschickt zog sie den Kleinen aus und hob ihn in die Wanne. Von ihr ließ er sich sogar ohne Protest abseifen und die Haare waschen, obwohl er diese Prozedur nicht mochte und sich normalerweise strampelnd dagegen sträubte.
»Wie gut Sie das können«, wunderte sich Alexandra.
»Muß ich doch als ehemalige Säuglingsschwester.«
»Sie waren… Das wußte ich ja gar nicht.« Alexandra war überrascht.
»Das war vor meiner Hochzeit. Ist lange her. Danach habe ich nur noch aushilfsweise gearbeitet, und als Dajana kam, gar nicht mehr. Es war nicht einfach, uns mit der kleinen Rente durchzubringen, aber ich wollte mein Kind nicht allein lassen. Später, als Dajana zur Schule ging, habe ich darauf geachtet, stets zu Hause zu sein, wenn sie vom Unterricht kam. Ich habe immer Zeit für sie gehabt, habe mir eingebildet, damit das Richtige zu tun.« Johanna preßte die Lippen zusammen. Sie wollte tapfer sein, konnte aber nicht verhindern, daß sich ihre Augen mit Tränen füllten.
Damit es Alexandra nicht bemerkte, hob sie rasch das Kind aus dem Wasser, legte es auf den Wickeltisch und beugte sich über den Kleinen. Sie schlug das Badelaken um den rundlichen Babykörper und rubbelte das Kind sanft trocken.
Julian, normalerweise nicht gerade sanftmütig, ließ sich alles gefallen. Er lachte sogar, als ihn Johanna in den ungeliebten Strampelanzug steckte.
Alexandra beobachtete die Ältere und sah, daß sie sich nur mühsam beherrschte. Sie schien Kummer zu haben.
Erst später, als das Baby zu Bett gebracht war und sich die beiden Frauen bei einer Tasse Tee gegenübersaßen, wagte Alexandra, eine entsprechende Frage zu stellen.
»Wo ist eigentlich Dajana, Ihre Tochter? Ich habe sie schon eine Weile nicht mehr gesehen.«
Johannas rosiges Gesicht wurde aschfahl, ihre Lippen zitterten, ihre Finger zuckten.