Backstage - Marion Schwarzwälder - E-Book

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Marion Schwarzwälder

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Beschreibung

MORD HINTER DEN KULISSEN DES SHOWGESCHÄFTS In der Garderobe des Rockstars Tom Braun wird dessen Jugendfreund Fred erstochen aufgefunden. Melissa März, die Leibwächterin Brauns, selbst ehemalige Musikerin, fühlt sich für den Mord verantwortlich und will unbedingt den Täter finden. Dabei hilft ihr Paula Oshinski, Freifrau und Privatdetektivin mit unkonventionellen Ermittlungsmethoden. Verdächtig sind zunächst Brauns Ehefrau und sein Manager. Doch bald kommen Oshinski und März auf eine neue Spur. Vor zwanzig Jahren waren Tom und Fred in den gewaltsamen Tod einer jungen Frau verstrickt ...

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Marion Schwarzwälder

Backstage

Ein Fall für Oshinski und März

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

MORD HINTER DEN KULISSEN DES SHOWGESCHÄFTS

 

In der Garderobe des Rockstars Tom Braun wird dessen Jugendfreund Fred erstochen aufgefunden. Melissa März, die Leibwächterin Brauns, selbst ehemalige Musikerin, fühlt sich für den Mord verantwortlich und will unbedingt den Täter finden. Dabei hilft ihr Paula Oshinski, Freifrau und Privatdetektivin mit unkonventionellen Ermittlungsmethoden. Verdächtig sind zunächst Brauns Ehefrau und sein Manager. Doch bald kommen Oshinski und März auf eine neue Spur. Vor zwanzig Jahren waren Tom und Fred in den gewaltsamen Tod einer jungen Frau verstrickt ...

Über Marion Schwarzwälder

Marion Schwarzwälder, in Villingen geboren, hat nach dem Studium (Literatur und Rhythmik) drei Jahre auf den kanarischen Inseln verbracht und ist dann in Berlin häufig umgezogen. Sie spielt Saxophon und schreibt Kriminalromane. Von ihr sind erschienen: «Trio Berlin» und «Tod nach Noten». Die Kritik schrieb begeistert: «Endlich ein Berlin-Krimi, der den Namen auch verdient.» («taz») «... raffiniert ausgeklügelt und hervorragend recherchiert.» («tip») «... ist Spitzenklasse.» («Express», Köln)

«Backstage» ist ihr erster Roman mit Oshinski und März, dem originellsten Ermittlerteam von Berlin.

Inhaltsübersicht

Für Tatjana Jurczok-StedingPrologTeil EinsEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZweiter TeilZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnTeil DreiZwanzigDanksagung

Für Tatjana Jurczok-Steding

Prolog

Das war der Ausweg. Seine Rettung.

Panitz stand im dunklen Hotelzimmer, sah auf eine Gracht, auf Hausboote und eine beleuchtete Brücke.

Amsterdam.

Panitz mochte Lichter. Hochhäuser. Echte, im Rudel, nicht wie in Berlin, wo er nun schon so lange lebte und wo man am neu bebauten Potsdamer Platz Manhattan spielte.

Amsterdam aber war unvergleichlich, lief außer Konkurrenz. Eine Traumstadt, die er in den vergangenen Jahren immer wieder besucht hatte. Wie Tom auch. Allerdings ohne ihn, in den langen Jahren der Trennung.

Tom kam zu spät. Wie früher schon, zu den privaten Verabredungen.

Bei Gigs war er pünktlich. Er war am liebsten noch kurze Zeit allein vor Konzertbeginn, nicht mal ihn, Panitz, mochte er in diesen Minuten um sich haben. Weiß der Henker, wie Tom sich vorbereitete. Aber dann war er da. Explodierte auf der Bühne, legte von der ersten Minute an los.

Er hatte immer links von Tom gestanden, elektrische Gitarre gespielt. Und sich darum gekümmert, Auftritte ranzuschaffen. Erst, als er nach Westberlin ziehen musste, übernahm Tom die Geschäfte. Aber das war nicht sein Metier. Also suchte die Band einen Manager und fand schließlich einen, der etwas vom Geschäft verstand, diesen Reimann, mit dem Tom immer noch arbeitete.

Panitz wusste schon immer, dass er kein herausragender Gitarrist war. Er war der zweite Mann, derjenige, der Tom aus der Klemme half. Was immer gerade schief gelaufen war, er war da für den Sänger, den die Mädels belagerten, hielt ihm den Rücken frei.

Es war so selbstverständlich, wieder mit ihm zusammen zu sein. Leicht.

«Ich brauch dich, Mann.»

Das war’s.

Panitz ging zum Telefon, ließ sich mit Toms Suite verbinden.

«Es tut mir Leid, es meldet sich niemand. Soll ich es weiter versuchen?», fragte eine Frau an der Vermittlung.

«Nein, danke.»

 

Er war schon mal mit Tom in Amsterdam gewesen, fünfzehn-, sechzehnjährig. Die Stadt, das, was sie anzog, war die wilde Mischung aus Späthippies, Punks, Reggaefreaks und Rockern, eine geile Mischung, eine Insel, auf der man nicht mehr Außenseiter war.

Sie waren sofort auf Speed, ohne was genommen zu haben, vielleicht ein bisschen Gras, okay, tobten durch die Stadt, Nacht-Tag-Nacht. Schliefen auf einem Hausboot, na klar, eine verwanzte Holzkiste, mit der der Besitzer Kohle machte, überteuerte Schlafplätze vermietete an Ausländer, die auf die Legende von coolen Sleep-ins hereinfielen. Nach der zweiten Nacht machten sie die übrigen Nächte durch, schliefen tagsüber in Parks. Die Stadt war teuer, sie hatten zu wenig Geld, um all die Konzerte und Clubs zu besuchen, auf die sie scharf waren. Aber Panitz fand Wege, er war es gewohnt, zu tricksen, hintenrum reinzukommen.

Er war von seiner älteren Schwester aufgezogen worden, lebte im selben Dorf wie Tom. Die monatlichen Schecks aus der Lebensversicherung nach dem Unfalltod der Eltern reichten meist nur bis zum Sechs-, Siebenundzwanzigsten des Monats. Er ging dann einkaufen. Und anschreiben. Kein Problem, solange es noch den Dorfladen gab. Als die Besitzerin schließen musste, fuhr man zum Supermarkt in der zehn Kilometer entfernten Kleinstadt. Panitz lernte zu tricksen – «hab mein Geld vergessen», das ihm dann ein Nachbar, der ihn mit dem Auto mitnahm, auslegte und der dann bis zum Ersten darauf warten musste.

Was zum Teufel … Warum jetzt diese Erinnerungen? Panitz goss sich ein Mineralwasser ein. Das geplante Essen konnten sie sich abschminken, sonst würde es zu spät für die anschließende Verabredung mit den Frauen.

Er legte die alte CD ein, Toms erste Platte, die gerade wieder aufgelegt worden war, weil Toms aktuelle Single in den Charts lief.

Einige der Songs hatten sie noch zusammen entwickelt, im Proberaum, einer kam mit einem Riff, der andere nahm es auf, irgendwann gab’s ’ne Melodie dazu, und so entstanden viele der Stücke, nach und nach, wurden auch schon mal nach Gigs verändert, je nachdem, wie sie beim Publikum ankamen.

Er freute sich schon auf den einen, den Song, der Sehnsucht weckte, nach damals, als alles noch möglich schien, das Leben Neues versprach, immer und immer wieder, als es ihn noch überraschen konnte.

Und nun wieder ein Anfang. Er wagte kaum, sich diesem Gefühl anzuvertrauen, das Anfang und Aufbruch versprach, schalt sich einen verdammten sentimentalen Narren. Aber es konnte gut gehen, sie war wieder da, die Selbstverständlichkeit im Umgang, auch die Vertrautheit. Wieder das Leben auf der Scheinwerferseite, ohne die drückende Gewissheit, dass seine musikalischen Defizite sie eines Tages trennen würden, ihn und Tom. Dieses Mal war seine Rolle in diesem Duo klar: Der alte Freund, der Vertraute. Und für ihn, Panitz, Anfang und Aufbruch. Und Rettung.

paula und melissa

Teil Eins

Eins

«Willst du noch einen Kaffee?»

Berlin. Prenzlauer Berg. Frühstücken in einer kleinen Bäckerei, Kaffee satt.

Noch gab es den Bäckerladen mit Schrippen aus eigener Backstube; die Fußpflegerin, bei der sich alte Frauen bedienen ließen, die sich nicht mehr bücken konnten; Frauen, die ihr ganzes Leben in diesem Kiez, in einer Wohnung, manche die der Eltern, verbrachten. Der Handwerker, der in Hausfluren die Stummen Portiers mit neuen Namen versah, wenn wieder jemand ins Umland zog. Kleine Geschäfte, in denen die Großstadt-Zeit anhielt, ein Wort gewechselt, für viele das einzige Gespräch des Tages.

Aber es häuften sich die leeren Schaufenster mit den Schildern: zu vermieten, ohne Provision.

In diesem Kiez. Es gab Stadtteile wie Dahlem, die lagen auf einem anderen Finanzstern.

Melissa gähnte. Sie hatte den Winter über durchgearbeitet. Heute begann ein neuer Auftrag, und sie war müde. Der Abend zu lange, in ihrer Stammkneipe, mit zwei Saxophonisten am Tresen, die davon redeten, dass sie in derselben Kleinstadt aufgewachsen waren. Damals, sagte der eine, habe er ihn nur als Konkurrenten gesehen. Je mehr Bier, umso aufgeplusterter die Beichte. Dazu Schnaps, den Melissa seufzend stehen ließ.

«Ich kenne keine Konkurrenzgefühle zu Musikern», sagte schließlich der andere Saxophonist. «Ich war einfach besser als du.»

Steigender Druck auf die ortsansässigen Musiker, die monatliche Kohle ranzuschaffen, nicht mal mehr die fünfzig Euro, der frühere Hunderter, war gesicherte Gage, oft war es der Eintritt, die Hälfte kassierte der Veranstalter. Man spielte sich in halb leeren Clubs den Arsch ab, drei Sets, bis in die Nacht. Während tausende Fans bereit waren, fette Kohle für die großen Acts zu bezahlen.

«Schicke Limo», sagte die Bäckerin.

Melissa nickte. Dieses Auto war ein Schiff, mit getönten Fensterscheiben, eine Limousine, die schon von weitem schrie, dass hier ein Jemand kam.

Brauns Manager hatte präzise Anweisungen bezüglich des Autos gegeben.

«Wen holst du denn heute ab?»

«Einen Sänger», antwortete Melissa und leerte den Rest des Kaffees.

«Sag schon, wer ist es?»

«Tom Braun.»

«Wow. Der hält sich schon lange, was?»

«Ich muss los», sagte Melissa, bezahlte, ging zum Auto, fuhr scharf an, bremste, stellte den Rückspiegel nach, gab Gas und legte auf der Seitenstraße probehalber eine Vollbremsung hin. Vollgetankt, Öl nachgefüllt, sie konnte sich darauf verlassen, dass das Auto sorgfältig gewartet war. Sie fuhr los, zum Flughafen Tegel, Berlins Stadtflughafen. An einer roten Ampel nestelte Melissa eine CD aus der Innentasche ihrer Jacke und legte sie in den Player ein.

Melissa hatte sich die erste Scheibe ihres neuen Klienten besorgt, neu aufgelegt, nachdem die letzte Single sich schon so lange in den Charts hielt.

Das hier, die Erste, war Rockmusik mit Gewissen. Für ihre Generation, die der Vierziger und älter, Themen, die längst salonfähig waren, ob in Ost oder West aufgewachsen. Neuerdings entdeckten ihn auch die Teenies, die diese Musik nicht als Revival, sondern als etwas Neues erlebten.

Die kräftige Stimme hob sich ab von den üblichen Barden, die eingequetschtes Gesinge, mit minimalem Stimmumfang, als persönlichen Stil verkauften.

Der Kerl konnte singen, intonierte sauber, hatte ein Timbre, das neugierig machte auf den Mann, der sich schon so lange im Musikgeschäft hielt, fünfzehn Jahre. Mal war es stiller um ihn, dann wieder überall ein neuer Song zu hören; die letzte Single hatte es wieder in die Charts geschafft.

Auf der CD folgte eines dieser Antikriegslieder. Melissa warf einen Blick auf das Gesicht von Tom Braun auf dem CD-Booklet. Dunkles, langes Haar, glatt rasiert, mit markanten Gesichtszügen, helle, blaugraue Augen, volle Lippen, Falten, die sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln zogen.

Melissa rief sich das aktuelle Foto, das der Manager an die E-Mail angehängt hatte, ins Gedächtnis. Das Gesicht schien glatt, voller, das Haar kurz, aber das machte noch nicht die Veränderung aus. Es waren die Falten zum Mund, die Melissa so attraktiv fand; sie waren im Laufe der Jahre nicht schärfer geworden, sie wirkten abgemildert.

Tom Braun. Rockstar. Der eine örtliche Sicherheitsfrau angefordert hatte, als seelische Stütze und Begleitung – Leibwächter brachten die Künstler meist selbst mit –, und zwar ausdrücklich Melissa März, deren Ruf sich unter Stars herumgesprochen hatte: März wisse, wann man Musiker ansprach, fände schnell heraus, bei wem Schweigen das Lampenfieber anheizte oder es herunterfuhr, wie mit ihnen umzugehen war am Tag des Konzertes und danach, wenn sie verschwitzt und noch mit heißen Gesichtern von der Bühne tänzelten, in den Körpern die Begeisterung der Fans, und wie sich Erschöpfung ankündigte, das Loch, die Depression nach dem Auftritt, wenn es ruhig wurde in der Garderobe.

Und sie kannte die relevanten Läden der Stadt. Promi-Bars für diejenigen, die erkannt, dort geparkt und von der Klatschpresse ausgenommen werden wollten. Oder Läden, die den Stars Anonymität gewährten. Und sie kannte Plätze zum Alleinsein. Aber dorthin wollte selten ein Kunde.

Keiner ihrer Klienten wusste, dass Melissa selbst Sängerin war, ausgebildet in Ostberlin. Jahrelang tourte sie in wechselnden Formationen durch die DDR. Nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch vieler Ostbands entschloss sich Melissa, ihr Leben zu ändern. Radikal. Sie machte ein Praktikum bei ihrer langjährigen Freundin Paula aus Westberlin, die eine Detektei leitete, anschließend eine Ausbildung als Sicherheitsfrau, bei Ex-Stasis, wie sich später herausstellte. Seit einigen Jahren waren Paula und Melissa Partnerinnen der Detektei.

Das, was ihr als Sängerin Spott eingetragen hatte, wurde nun Melissas Vorteil: ihre Körpergröße von einem Meter achtzig und ihre Amazonenfigur.

«Ich wollte nicht mit Gicht, Krampfadern und weißem Haar hinterm Mikro auf Kaffeefahrten enden», bügelte Melissa Fragen von Fremden zu ihrem Berufswechsel ab.

Und – mittlerweile sang sie wieder, in einer bezahlbaren, kleinen Formation, in kleinen Läden, auf kleinen Sommerfestivals im Brandenburgischen, zu kleinen Gagen, für die sie zu Ostzeiten nicht mal aus dem Bett gekrochen wäre; unregelmäßig, meist an Wochenenden, wenn ihre Starklienten in den großen Städten der Welt gastierten.

 

Melissa stellte die CD ab, konstruiertes Zeug, nicht ihre Welt, aber es war für den Job ja auch nicht wichtig, was sie davon hielt.

Dann klingelte das Handy. Bert Reimann, Brauns Manager, wollte abgeholt werden.

Gerade hatte sie das Brandenburger Tor umfahren. Und immer noch das Ziehen im Magen – nur hier, von Ost nach West, inmitten von Touristen, die sich fragten, wo die Mauer mal stand.

Melissa bremste, fuhr auf den Busstreifen, wendete, überfuhr den Mittelstreifen und machte sich auf den Weg zurück zum Gendarmenmarkt, um Reimann im Hotel abzuholen. Sie hielt an der roten Ampel, vor sich nun die Westansicht des Brandenburger Tors.

Und plötzlich ein Hubschrauber, Sirenengeheul. Polizei auf Motorrädern, die eine Schneise in den Vormittagsverkehr schlugen, die Ampeln wurden außer Kraft gesetzt, Politiker so angekündigt. Der Verkehr stand still.

Melissa stellte die Heizung höher. Vom Kalender her war das ein Frühlingstag, doch er forderte dicke Jacken. Winterkleidung. Der Winter, der dieses Jahr nicht zu enden schien, vorzugsweise grau-nasse Tage, wie dem November entliehen.

Eine Autokolonne raste herbei, bog mit hoher Geschwindigkeit vor dem Tor links ab Richtung Reichstagsgebäude. Eine der dunklen Limousinen kam ins Schlingern, zwang die nachfolgenden Autos zum Ausweichen, eines krachte auf ein wartendes Auto, Sicherheitsleute rissen Türen auf, lalülala, Chaos brach aus.

Nichts ging mehr. Die Autofahrer reagierten nicht auf das Grün der Ampel. Melissa lenkte auf den Bürgersteig, nach rechts, in die entgegengesetzte Richtung zum Unfallort, fuhr zurück auf die Straße. Niemand achtete auf sie. Melissa drückte aufs Gas. Die Zeit drängte. Jetzt galt es, noch rechtzeitig den Manager abzuholen, der wohl die verdammten Taxikosten sparen wollte.

 

Eine Dreiviertelstunde später. Sie näherten sich dem Flughafen, im Norden des alten Westberlins, auf einer Route, die das Brandenburger Tor umging, auf dem Rücksitz B.R., englisch ausgesprochen, der Manager Tom Brauns, der Melissa einige Minuten vor dem Hotel hatte warten lassen.

Reimann war etwa so groß wie Melissa, ein Mann um die fünfzig, mit spärlicher werdendem Haar, ebenso wie die Augenbrauen beinahe schwarz gefärbt, was seinem Teint nicht schmeichelte, ihn bleich und kränklich aussehen ließ. Der Manager – «Nennen Sie mich B.R., wir werden in dieser Woche zusammenarbeiten» – entschuldigte sich, öffnete eine Aktenmappe und begann, in Papierbündeln zu blättern, zu lesen.

Er gehörte zu den Menschen, denen der aufgelegte Duft voranschritt. Er war sorgfältig gekleidet, trug einen gefütterten Trenchcoat, den er aufknöpfte: «Schalten Sie bitte die Heizung herunter.»

Melissa hatte sich für einen grauen Hosenanzug aus Wollstoff entschieden, dazu einen Kaschmir-Pullover in hellerem Grau, eine ihrer Dienstuniformen, wie sie es nannte, mit ausreichend Taschen in der Jackettinnenseite, bewegungsfreundlich geschnitten und so wärmend, dass ein Mantel überflüssig war.

Reimann hatte Melissas Figur mit einem anerkennenden Blick bedacht, als sie, ausgestiegen, um eine Zigarette zu rauchen, auf ihn gewartet hatte; der Kunde Braun hatte ausdrücklich auf einem rauchfreien Auto bestanden. Melissa hatte breite Schultern, eine schmale Taille, lange Beine, schulterlanges, dickes, beinahe krauses Haar; heute trug sie es in einem Zopf gebunden. Neuerdings musste sie einmal wöchentlich nachhelfen, um eine grau nachwachsende Strähne ihrer rotbraunen Naturfarbe anzugleichen.

Sie war kaum geschminkt, die grünen Augen etwas betont, hatte auf Lippenstift verzichtet, der die sehr üppige Unterlippe betont hätte, etwas Farbe auf die Wangenknochen – all das gelernt seit dem ersten Job als Backgroundsängerin im Unterhaltungsgenre.

«Es gibt eine Änderung», sagte Reimann unvermittelt. Er hielt Melissa ein beschriebenes Blatt Papier hin, wie sie im Rückspiegel sehen konnte. Schließlich bequemte er sich, sich vorzubeugen, legte ihr das Papier in die ausgestreckte Hand.

«Wir fahren zunächst vom Flughafen zum Olympiastadion.»

Mehr schien er ihr nicht anvertrauen zu wollen.

Melissa legte das Papier auf den Sitz neben sich, beobachtete den dichter werdenden Verkehr, nutzte die Wartezeit an einer Ampel, um sich telefonisch zu erkundigen, ob das Flugzeug aus Amsterdam pünktlich ankomme.

Es blieb noch eine halbe Stunde Zeit, wovon sie etwa fünf Minuten bis zum Flughafen benötigten.

«Was ist im Olympiastadion geplant?»

Irritiert sah Reimann aus seinen Papieren auf.

Melissa wiederholte die Frage.

«Ein zusätzlicher Termin, Melissa.»

Melissa zog die linke Augenbraue hoch. Sie hatte sich mit vollständigem Namen vorgestellt, nicht den Vornamen angeboten.

«Worum geht es bei diesem Termin?»

Reimann hatte sich schon wieder in seine Papiere vertieft.

Ach je. Wieder einer, bei dem sie sich durchsetzen musste. Und der Flughafen schon in Sichtweite.

Melissa scherte aus, brachte das Auto in einer Parkbucht zum Stehen, drehte sich zum Manager um.

«Wie Sie sagten, Herr Reimann, wir werden einige Tage zusammenarbeiten. Sie wollen professionelle Mitarbeit. Dazu gehört, dass Sie mich umfangreich informieren. Als Fahrerin wäre ich überbezahlt.»

Reimann wollte schon bei den ersten Worten etwas entgegnen, beherrschte sich, ließ sie aussprechen.

«Sie haben den Zeitplan», deutete er mit dem Kinn Richtung Beifahrersitz.

Melissa überflog den Zettel. 14 bis 18 Uhr Olympiastadion.

«In Ordnung. Ich erfahre dann sicher von Ihrem Klienten Näheres.»

Das half.

«Ich habe ein Pressemeeting organisiert. Unsere Teilnahme an der Wohltätigkeitsveranstaltung am Freitag ist das Thema, in Zusammenarbeit mit Hertha BSC. Dem Fußballverein», fügte er hinzu. «Für Flutopfer. Außerdem drehen wir dort, vielleicht können wir etwas für das neue Video verwenden.»

«Ihr Klient kennt die Änderungen?»

Reimann musterte Melissa.

Wir werden keine Freunde, dachte sie.

«Natürlich ist Tom auf den Videodreh vorbereitet.»

Will heißen, nicht auf den Pressetermin, grinste Melissa und fuhr los. Der ursprüngliche Plan sah eine Besprechung in kleinem Kreis vor, im Hotel.

Melissa parkte vor dem Flughafengebäude.

Der neue Job hatte begonnen.

 

Drückte ein Flughafen den Charakter einer Stadt aus, wäre Berlin ein Dorf. Diese Anlage glich einem übersichtlichen, geruhsamen Busbahnhof, nicht dem Flughafen Berlins, der den Ankömmlingen nach zweiundzwanzig Uhr nicht mal mehr eine Schachtel Streichhölzer zu kaufen gönnte. In wenigen Minuten war man einmal durch das Gebäude gelaufen.

«Immer wieder nett, in Berlin zu sein», sagte Reimann.

«Sie sind aus …?»

«Frankfurt.»

«Daher kommt doch auch Braun.»

«Hausaufgaben gemacht, Melissa? Werfen Sie bei Gelegenheit einen Blick in den Atlas. Braun stammt aus dem Odenwald. Aber nun will er ja Bewohner der Hauptstadt werden.»

Sie schlenderten auf das Gebäude zu. Ein Schwarm Touristen, mit Kofferbergen auf Handwagen, drängte durch die gläserne Schiebetür ins Freie, hinein in ein Grüppchen Raucher um einen Aschenbehälter. Kosmetikbags fielen auf den Boden, erste Schimpfworte flogen durch die Luft, smokey bastards.

Melissa wich rechtzeitig aus, fasste Reimann am Ellbogen und dirigierte ihn zur nächsten Tür. Er aber blieb stehen, zog eine zerknüllte Zigarette aus der Manteltasche.

«Haben Sie Feuer? Eigentlich rauche ich nicht mehr. Nur ab und zu.»

Er inhalierte, als rauche er eine Gefüllte.

Melissa setzte ein verbindliches Lächeln auf, hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie hasste diese Art von Raucherbeichten, mit einer Zigarette in der Hand. Absurd wie diese Raucherecken. Wie früher auf dem Schulklo. Und alle redeten miteinander. Wie Hundebesitzer. Wie Fremde im Zugabteil.

«Wir gehen besser zum Flugsteig.»

Eine Tafel zeigte an, dass Brauns Flieger gelandet war.

Er war der Erste, der am Zollschalter erschien, eskortiert von einer Frau und einem Mann seines Alters.

Plötzlich tauchte ein Trupp junger Leute auf. Die Ersten begannen zu kreischen, als sie Tom Braun entdeckten.

«Woher zum Teufel … Niemand weiß doch …», stotterte Reimann.

«Holen Sie das Auto, kommen Sie zum Ausgang», rief Melissa ihm zu und drückte ihm die Autoschlüssel in die Hand.

Sie drängte entschlossen durch die Gruppe zappelnder Teenies, nahm die Arme und Schultern zu Hilfe, arbeitete sich vor zu Braun, der bei den Zollbeamten stehen geblieben war.

Braun erkannte sie, grinste freundlich. Melissa, die ihm ein Foto gemailt hatte, nickte ihm zu.

«Wo ist Ihr Sicherheitsdienst?»

Braun lächelte. Melissas Frage war im Aufkreischen einiger Mädchen untergegangen, die sich näher schoben.

Sicherheitsbeamte auf dem Laufsteg über den Köpfen hasteten herbei, mit gezogener Waffe. Zwei Beamte drängten durch die Menge. Einer erkannte den Rockstar, sagte etwas zu seinem Kollegen, stellte sich mit dem Rücken zu den Fans, winkte nach oben ab. Die Waffen wurden weggesteckt.

Hinter Braun kamen die anderen Passagiere.

«Helfen Sie uns zum Auto», forderte Melissa die Wachleute auf. Weitere Beamte eilten herbei, schoben die Fans zurück. Melissa schnappte Braun an der Lederjacke, zog ihn zum Ausgang.

Tom Braun lächelte. Er schien nicht im Mindesten beunruhigt, genoss das Spektakel.

«Wo sind Ihre Leibwächter? Sollten Sie nicht im Flugzeug bleiben, bis alle Passagiere ausgestiegen sind?»

Brauns Antwort war nicht zu verstehen. Er machte einen Schritt auf ein Mädchen zu, das ihm einen Stift und ein Poster hinhielt, über die Arme zweier Sicherheitsbeamten hinweg, die sich an den Händen hielten, eine Art Kette bildeten.

Ein Mann mit Handkamera drängte heran, im Schlepptau eine Frau, die Braun ein Mikrophon vors Gesicht hielt.

«Wo zur Hölle sind die Leibwächter?»

Braun lächelte. «Die kommen mit dem nächsten Flugzeug.»

«Das ergibt Sinn. Wir müssen weg hier. Mittlerweile wird das Auto bereitstehen.»

Jemand riss von hinten an Melissas Zopf. «Unternehmen Sie etwas, wozu sind Sie denn da», schrie eine Frau Melissa ins Ohr.

«Bleiben Sie ruhig.»

Endlich hatten die Beamten einen Gang durch die Fans hin zum zehn Meter entfernten Eingang freigemacht. Melissa schob Braun zur Tür, packte ihn am Arm, rannte zum Auto, in dem Reimann, mit laufendem Motor am Steuer sitzend, wartete. Melissa riss die Tür auf, schob Braun auf den Rücksitz, umrundete das Heck, Reimann rutschte auf ihr Kommando hin auf den Beifahrersitz. Melissa übernahm das Steuer, raste los, sah im Rückspiegel die zurückbleibenden Fans.

 

Melissa liebte schnelles Autofahren, trainierte immer wieder mal, unterschiedliche Autotypen, Wetterbedingungen, Fahrbahnen. Sie nutzte Lücken zum Überholen, war im Nu auf der Stadtautobahn.

Reimann hatte sofort zum Handy gegriffen, sprach schnell. Dann drehte er sich zu Braun um, hielt mit einer Hand die Kopfstütze umarmt.

«Gute Arbeit», sagte er sarkastisch zu seinem Star.

Tom Braun zog eine riesige Sonnenbrille à la Miles Davis aus der Jacke und setzte sie auf.

«Änderungen, Tom. Wir fahren sofort zum Olympiastadion, zu einer Pressekonferenz. Die Koffer, etwas zum Umziehen, wird gebracht. Du hast noch Zeit, dich auf Vordermann zu bringen, wir machen ein paar Aufnahmen.»

«Cool. Wirklich cool. Warum erfahre ich das erst jetzt? Die letzte Nacht war verdammt kurz und …»

«Ich habe angerufen, Tom. In eurem Hotel. Deine Frau Lilli wusste aber auch nicht, wo du steckst. Und dein Handy war abgeschaltet, nicht mal die Mailbox an. Und was war das für eine Show eben am Flughafen? Du wirst noch ausreichend Gelegenheit haben für Öffentlichkeitsrummel. Solche unkontrollierten Auftritte können ins Auge gehen. Ich hab den Sicherheitsdienst vom Fußballverein angefordert. Wo sind deine Sicherheitsleute, Tom, sag mal, knallst du jetzt komplett durch? Und was geht da vor mit Lilli, wieso weiß sie nicht, wo du steckst?»

«Meine Ehe ist immer noch meine Privatsache. Im Übrigen hatte ich freie Tage, Mister B., acht freie Tage, wenn du dich erinnerst. Die erste freie Woche seit Monaten.»

«Falsch, Tom. Du solltest dich fit machen lassen, Tom. Und das ist gelungen, wie ich sehen kann. Wo sind deine Leute?»

«Die kommen mit dem nächsten Flieger. Sind auf dem Weg zum Flughafen in einer Verkehrskontrolle hängen geblieben. Je mehr sich Joey aufregte, umso gründlicher haben die Cops das Auto gecheckt. Ein Leihauto, wohlgemerkt.» Braun grinste, schnippte mit den Fingern. Ein Bein war in Dauerbewegung, der linke Fuß trommelte in rasendem Rhythmus auf den Autoboden.

«Warum war Joey nicht bei dir?»

«Wir sind direkt zum Flughafen gefahren, waren nicht mehr im Hotel.»

«Wir. Panitz und du also.» Reimann atmete kräftig durch. «Du weißt, wie wichtig diese Zeit ist. Das weißt du, ja? Verdammt, ihr seid nicht mehr in eurem Odenwalddorf, Tom. Pubertäre Scheiße, Tom. Abhauen. Einen draufmachen, was? Alte Freundschaft erneuern. Irgendein scheiß Paparazzi hat euch mit Sicherheit erwischt.»

«Hauptsache, mein Name ist richtig geschrieben.»

«Ich habe die neuen Verkaufszahlen, mein Junge. Die Zahlen gehen runter. Die Zahlen waren zu keinem Zeitpunkt so hoch wie bei der letzten Singleauskoppelung.»

Melissa fuhr von der Stadtautobahn ab. Sie würde über Seitenstraßen zum Stadion fahren. Es blieb genügend Zeit bis zur Pressekonferenz, und das Gepäck musste noch rechtzeitig ankommen.

«Das Problem mit den Verkaufszahlen haben alle. Die Leute kaufen eine CD und brennen zehn nach. Oder laden runter, ziehen sie sich aus dem Netz. Sie auch, Melissa März?»

Melissa verstärkte das unverbindliche Berufslächeln, nickte. «Ab und zu.»

«Siehst du, B.R., du machst dir zu viele Sorgen. Die Scheibe hält sich seit Wochen in den Charts.»

«Auf Platz vier. Trotzdem ist es mein Job, mir Sorgen zu machen. Und Konzepte zu machen, und zwar vorausschauend. Die Plattenfirma hat mir einige neue Songs zugeschickt. Es wird Zeit für die Imagekorrektur.»

Melissa musterte Tom Braun im Rückspiegel. Lederkluft. Schwarzer Rollkragenpullover. Sonnenbrille, wenig vom Gesicht zu sehen.

«Dazu gehört die Konferenz im Olympiastadion. Fußball weckt großes Medieninteresse. Alle Großen haben zu Sportereignissen gesungen. Fußball ist nicht mehr nur eine Sache für Prollis. So ein Spiel ist ein gesellschaftliches Ereignis, eine große Sache geworden.»

«Sache. Welche Sache? Von welcher Sache sprichst du?» Braun war in eine Art Rap verfallen. «Hieroglyphen, B.R., Sphinxereien. Sa-che, Sa-che, Sa …»

«Hast du was genommen, Braun? Sag bloß, du hast wieder angefangen?»

«Ach, Quatsch. Und wenn, dann wäre das auch meine Privatsache.»

«Was ist nur mit dir los, du führst dich auf wie ein Fünfzehnjähriger. Ich bin aber nicht dein Vater. Dieser verdammte Panitz», setzte Reimann leise hinzu. «Okay. Was immer zu besprechen ist, es muss warten. Konzentriere dich auf die Presse. Die neue CD ankündigen, mit Charme, wenn ich bitten darf, du weißt schon.»

«Ich kann’s mir vorstellen, B.R., ich bin schon ein paar Tage in diesem Geschäft, wenn du dich erinnerst. Ich will jetzt mal fünf Minuten meine Ruhe vor der Show, einen Kaffee und einige Worte mit Melissa. Oder ist das zu viel verlangt?»

Reimann drehte sich nach vorn, rieb sich die linke Schulter.

«Verdammt, total verzerrt. Diese Scheiße hier kostet dich Massagen.»

 

Melissa überquerte den überdimensionalen Parkplatz vor dem Haupteingang des Stadions. Schon von weitem sah man den Rummel: Wild gestikulierende Fans, Absperrungen. Ein Mann in Uniform winkte das Auto zu einer Durchfahrt.

Braun öffnete das Seitenfenster. Nun hörte man auch das Schreien, die Rufe, meist von Mädels, «Tooom, Tommiiiiie». Braun ließ Zähne sehen, winkte.

Hinter der Limousine wurde hastig das Tor geschlossen, der Mann in Uniform rannte herbei, öffnete die Beifahrertür.

«Wir mussten umdisponieren. Die Pressekonferenz findet im Haus der Kulturen statt. Hier … hier gab es einen Vorfall. Man fand einen Giftstoff. Das Stadion musste abgesperrt werden. Wir müssen zusehen, dass … dass … das Ganze bis zum Wochenende behoben wird.»

«Sie wollen uns wohl verarschen? Wer sind Sie überhaupt? Was ist denn das für eine Scheißorganisation?», keifte Reimann.

«Wir haben versucht, Sie noch im Hotel zu erreichen. Und am Flughafen. Ihr Handy war auf Mailbox geschaltet. Es tut uns schrecklich Leid. Der Vorfall ereignete sich erst heute früh. Aber keine Sorge, wir haben das Ganze schon umorganisiert. Man wartet dort auf Sie.»

Melissa lächelte. Gut, dass sie für diesen Mist keine Verantwortung trug. Das hier würde endlose Streitereien nach sich ziehen. Sie beobachtete den tobenden Reimann: Ein Manager, der so rasch die Ruhe verlor? Oder war das kalkulierte Schau?

Braun zog sein Handy heraus, wählte, übergab an Melissa, die Panitz und Lilli, Brauns Freund und die Ehefrau, unterwegs in Richtung Tiergarten, umdirigierte zum Haus der Kulturen. Vom Fußball zur Kunst. Es gab skurrilere Verbindungen.

 

Reimann telefonierte während der ganzen Fahrt.

Der Konzertveranstalter Brauns hatte in den Tagen zuvor ein Festival in der ehemaligen Kongresshalle organisiert und, kurz entschlossen, «das Ambiente zur geeigneten Location» erklärt. Der Mann hatte sein gesamtes Mitarbeiterteam eingesetzt: Die Konferenz wurde telefonisch umdirigiert. Man organisierte Fahrdienste für die Presseleute – ein überflüssiges Extra, um sie milde zu stimmen –, den Partyservice für ein Buffet, verpflichtete die Techniker des Festivals für einen weiteren Tag, um die Mikrophone zu installieren, und erledigte rasch, was noch anlag.

Der Manager von Hertha lag mit schwerer Grippe im Bett.

Melissa fuhr auf die Heerstraße. Schnurgerade, mit einigen Namensänderungen, vorbei an der Siegessäule, würde sie bis in die Nähe des Brandenburger Tores kommen, dorthin, wo sie vor kurzem aufgebrochen war.

Im nordöstlichen Teil des Tiergartens, in der Nähe des Regierungsviertels, stand die so genannte schwangere Auster, ehemals Kongresshalle, in der seit etwa fünfzehn Jahren multikulturelle Veranstaltungen stattfanden. Der Bau war 1980 gleichsam aus innerer Spannung heraus explodiert, ein Teil des Dachs krachte zusammen und wurde erneuert. Eine großzügige Freitreppe mit zwei Teichen, in einem spiegelt sich eine Skulptur von Henry Moore, der Big Butterfly, den Melissa, ansonsten nicht an bildender Kunst interessiert, liebte und öfters besuchte, ein sinnliches Kunstwerk, das einlud, es mit Händen zu erforschen.

Von hier war es nur ein Steinwurf bis zum Kanzlerbunker.

Melissa spielte die Fremdenführerin. Die Stars kannten von einer Stadt meist Hotel, Bar, Auftrittsort. Aber vor allem redete und erklärte sie, um den Streit zu unterbrechen, in den sich Braun und Reimann verstrickt hatten; sie mühte sich, die Stimmung zu entspannen.

Es hatte angefangen zu regnen. Heftige Windböen zerstäubten die schweren Regentropfen, trieben feine Wasserschleier vor sich her, der Wind tobte von Nordost, die geschlossene Wolkendecke minderte das Tageslicht, ähnelte dem der Dämmerung.

Das Dach der Kongresshalle schien zu schweben, das Fundament des Hauses in Nebel gehüllt.

Melissa fuhr die Limousine zum Seiteneingang des Hauses, wo schon mehrere Wagen parkten.

Erstaunlicherweise hatten sich auch hier Fans versammelt, ein verlorenes Grüppchen im Regen, das nur verhalten nach Braun rief. Das Dutzend Sicherheitsmänner hatte keine Mühe, ruhig ordneten sich die Nassgeregneten zu einer Linie, die Braun abschritt, Hände drückte, ein Poster bekritzelte, behütet von Melissa mit einem Schirm für zwei. Auch die Sicherheitsleute ließen sich Autogrammkarten geben, die Reimann eifrig verteilte.

Am Eingang erwarteten sie ein Mann aus dem Herthavorstand und der Veranstalter. Sie überschütteten Braun und Reimann mit Entschuldigungen, auf dem Weg zu Garderoben, im Schlepptau Melissa, umschwirrt von Fotografen, die im Pulk auftauchten und sich erst an der Garderobentür abdrängen ließen.

«Schaff mir bitte die Leute vom Hals», zischte Braun.

Melissa bat die Offiziellen um Verständnis dafür, dass Braun etwas Zeit für sich benötige; das übliche Gerede, um dem Sänger Gelegenheit zu geben, die Kontrolle über seine Wirkung loszulassen, und sei es nur für Minuten.

«In zehn Minuten Beginn», beschwor der Veranstalter. «Ich hole Sie ab. Friseur und Visagistin kommen in fünf Minuten.»

Melissa schloss die Tür hinter ihm.

Es handelte sich um zwei geräumige Garderoben, die Verbindungstür stand offen: große Spiegel, begrenzt von grellen Lampen, Tische und bequeme Stühle davor. Melissa warf einen Blick in das Badezimmer, das besser ausgestattet war als ihr eigenes.

Ein Buffet war aufgebaut, Schnittchen de Luxe, Obst, Geschirr, Bestecke, Säfte, Mineralwasser, drei Sorten, Gläser.

Lilli Braun und Panitz trafen ein, er trug die Koffer. Lilli schloss einen auf, begann, routiniert auszupacken, Kleidung zusammenzusuchen.

Blonde Schönheit, eine dieser Kindfrauen, die man beschützen will, die aber energisch zu werden verstand, wie Melissa durch den Griff in ihr Haar, im Flughafengedränge, erfahren hatte.

Der Teint und die hellen Haare im Gesicht ließen eine echte Blondine vermuten, die aber auch bei der Haarfarbe nachhalf, wie Melissa am Haaransatz bemerkte. Sorgfältig geschminkt, gut gekleidet, aber eher für eine Abendveranstaltung, in einem Kostüm, das an Joan-Crawford-Filme der vierziger Jahre erinnerte, sehr tailliert, enger Rock bis übers Knie, ausgepolsterte Schultern, hohe Schuhe, ganz in Schwarz.

«Lass doch, ich such mir selbst was aus», protestierte Braun.

Lilli hielt inne in ihrer Wühlerei im Koffer. «Ich will dir doch nur behilflich sein.»

«Willst du ein Glas Wein, Alter?», fragte Panitz. «Im Gebäude gibt es ein Restaurant, dort wird ja nicht auch die Prohibition ausgebrochen sein.»

«Ob das so gut ist?», sagte Lilli.

«Ergibt das jetzt Sinn?», zeitgleich Reimann.

«Bitte, Leute. Das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich will zwei Minuten alleine sein. Mit Melissa. Und ja, ich will einen Wein. Und nein, ein Glas haut mich nicht um, verdammt.»

Panitz verließ sofort den Raum, Reimann und Lilli zögerlich.

Braun drehte sich zum Spiegel, zog die Sonnenbrille ab, betrachtete sein Gesicht.

«Machen Sie … hör zu, wir duzen uns, ja? Besorg mir doch einen Cognac. Bitte.»

«Ich dachte, es gäbe etwas zu besprechen?»

Es klopfte. Eine Frau mit Schminkkoffer, dicht gefolgt von einem Berliner Promifriseur.

«Hier hat man keine Minute seine Ruhe.»

Braun grinste Melissa an. Sie machte sich auf den Weg zum Restaurant.

 

Im Flur stand Panitz, im Gespräch. Mit Lilli. Und Reimann, der nun zu dem Saal ging, in dem die Pressekonferenz stattfinden würde.

«Braun möchte einen Cognac, vielleicht können Sie den mitbesorgen», wandte sich Melissa an Panitz.

Zum ersten Mal nahm sie den Mann als Einzelnen wahr. Er stand im Schatten von Braun, unauffällig, der Begleiter. Sie hatten die gleiche Körpergröße, die beiden Männer, ähnliche Figuren, Panitz etwas schmaler in den Schultern, beide schlank. Sein Gesicht war breiter, das Haar heller und kurz geschnitten, er hatte mehr Falten um Augen und Mund. Aber vor allem unterschied sie die Haltung, selbstbewusster die Brauns.

Auch Panitz trug Leder, schlichter, fast elegant.

Lilli trat auf Melissa zu. «Haben Sie Toms E-Mail aus Amsterdam nicht bekommen?»

Melissas Gesichtsausdruck blieb freundlich, ließ nicht erkennen, was sie dachte. Lilli wirkte wie eine Klassenpetze, berstend vor Mitteilungsbedürfnis.

«Lass doch, Lilli», bat Panitz.

«Er wollte Sie ausmustern. Er braucht keinen Berlinkenner mehr. Auch keinen Seelentröster», behauptete Lilli. «Er hat Panitz wieder, der nach langen Jahren wieder aufgetaucht ist. Guter, alter Panitz.»

«Was ist mit den Getränken?»

«Ich besorge den Wein.» Panitz verdrehte zu Lilli hin die Augen, zog los.

«Entschuldigen Sie mich.»

Melissa ließ Lilli stehen, lief zu einer der gegenüberliegenden Garderoben, die leer war. Sie würde Paula anrufen, um ihr den veränderten Standort durchzugeben. Das hier konnte sich hinziehen.

 

Paula Oshinski war die Abkürzung des eigentlichen Namens von Melissas Partnerin Jacobina Pauline Freifrau von Oshinski, achtunddreißig und damit vier Jahre jünger als Lissa; die Einzige, die sie, außer der Mutter, so nannte.

Paula entstammte einer Berliner Familie, ursprünglich in Ostpreußen beheimatet, Teil des alten Westberliner Klüngels, der mühsam Notiz nahm vom neuen Gesellschaftspotpourri seit dem Regierungsumzug. Von Kind an galt Paula als eine Art schwarzes Schaf und bestätigte diesen Ruf durch die spätere Berufswahl, dem der Privatdetektivin, mit dem sie sich und ihren Sohn durchbrachte, der einer kurzen, leidenschaftlichen Jugendbeziehung entstammte; Paula hatte aber nie vor, zu heiraten. Nach langen Lehrjahren war sie als Partnerin in eine Detektei eingestiegen, eingekauft mit dem Pflichterbe nach dem Tod des Vaters. Als sich der damalige Partner nach der Wende zur Ruhe setzte – dit is nich mehr meen Berlin – übernahm Lissa dessen Agenturanteile.

Zu Ost-West-Zeiten, anlässlich eines Konzerts, hatte Paula Melissa aus dem Ostteil der Stadt kennen gelernt. Die Sängerin war überwältigt von den Eindrücken des ersten Auftritts im Westen. Melissa, nach der Mugge angesprochen von Paula, soff und redete und gab ihr schließlich ihre Adresse in Ostberlin.

Die Arbeit der anderen machte neugierig. Hier die Sängerin, die durch die DDR tourte, dort die Detektivin, was es als Beruf in der DDR nicht gab. Später, im Laufe der Besuche Paulas bei Melissa, entdeckten sie die Gemeinsamkeiten: das Nomadenhafte, der innere Zwang, sich Zeit, Lebenszeit, selbst einteilen zu können, ohne tägliches Gleichmaß in einem Acht-bis-siebzehn-Uhr-Job und ohne Chefs, Privates und Berufliches fließend zu gestalten.

Die Freundschaft überdauerte den Fall der Mauer.

Melissa, ausgebildet an der Musikschule in Friedrichshain, einem Ostberliner Bezirk, wo die meisten DDR-Musiker aus der Sparte Rock und Pop ihre Pappe gemacht hatten, hatte die Berufsklasse Tanz- und Unterhaltungsmusik absolviert, sang in unterschiedlichen Formationen, zunächst background, dann als Frontfrau. Nach der Wende kam für viele DDR-Rockgruppen der Einbruch, auch das Stammpublikum wollte sie zunächst nicht mehr hören; dazu die Schließung von Auftrittsorten, die ohne Subventionen nicht überlebten.

Melissa entschied sich zu der neuen beruflichen Perspektive, die zur beruflichen Partnerschaft mit Paula führte. Mittlerweile brachten Melissas Aufträge die höchsten Honorare ein.

Kürzlich erst hatte Paula bereits einen Umzug hinter sich gebracht, in das von einer Patin geerbte Haus, von der Innenstadt hinaus an den Großen Wannsee. Nun stand Paula wieder inmitten von Umzugskartons, im neuen Büro. Die Detekteiräume befanden sich im obersten Stockwerk eines neu erbauten Hauses in der Friedrichstraße.

 

Der Morgen entschied über den Tag. Paula, früh am liebsten in der eigenen Gesellschaft, hatte ihn so verbracht, wie sie es liebte. Meditation gehörte unbedingt dazu, jetzt im neuen Zimmer, nach ruhiger Nacht, vom Freund am Abend in den Schlaf gefickt und nicht mehr gehört, wann er das Haus verlassen. Mit ihm war Paula länger als mit allen anderen Liebhabern zusammen. Sie, die mit ihnen Neues, Anfänge suchte, immer wieder, neu sich entdecken im anderen mit seinen unbekannten Geschichten, nicht festgehalten werden im So-Sein.

Otto Ehlers war verheiratet. Darin lag die beruhigende Beschränkung. Kein Alltag. Und – das Geheimnisvolle wahren, auch wenn sie ein schlechtes Gewissen drückte, wenn sie an Frau Ehlers, der sie nie begegnet war, dachte.

Ehlers war ihr Geheimnis. Auch, weil er bei der Kripo, der Mordkommission, arbeitete und ihr ab und an behilflich war.

 

Paula machte sich über den Karton mit dem privaten Nippes her, den sie in ihrem Büro verteilen würde. Die neuen Räume waren später als vereinbart fertig geworden. Für diesen Fall hatte Paula eine Konventionalstrafe ausgehandelt. Mittlerweile rissen sich die Hausbesitzer um Mieter für Gewerberäume und waren dieses Risiko eingegangen.

In den letzten vierzehn Tagen hatte jeder Tag Bares gebracht und damit den Verdienstausfall kompensiert, der entstanden wäre, weil man vorübergehend keine neuen Fälle annahm, bis das gröbste Umzugschaos beseitigt war.

Wo blieb Tamara Hermann, die eigentlich mit ihr Umzugskartons auspacken sollte?

Paula hatte ihr drei Stunden freigegeben, um eine Freundin aus den USA am Flughafen abzuholen.

Paula kannte Tamaras Vater und hatte arrangiert, dass die Kleine die Stelle als Bürokraft, als Aushilfe für die Sekretärin im Schwangerschaftsurlaub, erhielt. Sie hatte sie am Wochenende eingewiesen, mit dem Computer vertraut gemacht und die Aktenablage erklärt.

Paula dachte an die ausgezeichneten Praktikumsbeurteilungen der Tamara Hermann. Sie hatte nach dem Abitur die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege absolviert, war als Kriminalbeamtin ausgebildet und, nach bestandenem Examen, nicht in den Polizeidienst übernommen worden, Sparmaßnahmen der Pleitestadt, offiziell Optimierungsmaßnahmen genannt.

Paula schien es, als fühle Tamara sich betrogen, fasste die Arbeitslosigkeit als persönliche Kränkung auf. Ihr Traumarbeitsplatz war die Mordkommission, wo sie auch ein sechswöchiges Praktikum absolviert hatte.

Zweiundzwanzig Jahre alt war das Mädchen. Sie würde sie unter die Fittiche nehmen.

Telefongeklingel, das Handydisplay zeigte Melissas Nummer an, zum zweiten Mal in kurzer Zeit.

«Komm sofort, Paula, ins Haus der Kulturen.»

Zwei

Wie viele Tropfen waren jetzt im Glas? Sechzig? Achtzig? Er würde es sich angewöhnen müssen, die eingenommene Menge zu notieren.

Er sprühte nochmals fünf Tropfen in den Cognac, dessen Geschmack die Bitterkeit des Mittels überdecken sollte, trank das Gemisch in einem Zug aus, spülte mit Wasser nach.

Zwanzig Minuten. Etwa zwanzig Minuten würde es dauern, bis sich die Wirkung einstellte.

Er legte sich auf die Couch, Kissen in den Nacken, angelte nach der Fernbedienung für den DVD-Player und startete den bereits eingelegten Film.

Verdammte Vergesslichkeit. Wenn es denn Vergesslichkeit war. Er hatte ihm die Waffe versprochen und wieder nur Ausreden am Telefon gehabt.

Er brauchte eine Waffe.

Er verzog den Unterkiefer, Mundgymnastik, boxte ein paar Mal in die Luft, um die Schläfrigkeit abzuschütteln.

Sie würde ihn finden, davon musste er ausgehen. Nach allem, was er über sie erfahren konnte, war sie gut in ihrem Job.

Sehr gut.

Und er baute ab. So jedenfalls hatten die Bosse geurteilt.

Er spannte den Bizeps an. Ein, zwei Wochen Training und er wäre so gut wie neu.

Morgen.

Morgen würde er damit anfangen. Jetzt war es schon beinahe Nacht.

Da – er fühlte die Welle. Wärme im Körper. Die Couch in einem Zimmer voller Federn. Schwere Lider. Die Stadt, sein Leben – weit in der Ferne.

Er schreckte auf. Die Geschichte war an einer Stelle angelangt, zu der ihm der Zusammenhang fehlte. Was hatten diese beiden Frauen, und das zusammen, in dieser Bar zu schaffen?

Er spulte zurück zu der Stelle, die ihm bekannt vorkam. Blöder Film.

Er knöpfte die Hose zu, gähnte, rieb sich über das Gesicht, griff nach der Zigarettenpackung, zündete eine an.

Rauch nie im Liegen, hatte ihn sein Großvater schwören lassen, als er ihn, zwölfjährig, beim Rauchen erwischte. Er rauchte im Liegen. Aber zumindest dachte er daran, an den Großvater, blieb deshalb wach.

Dieses Zeug war stärker als das Gewohnte.

***

Schon von weitem hörte Melissa Bässe wummern. Den Cognac für den Sänger in der Hand, lief sie zur Garderobe, aus der die Musik dröhnte, öffnete die Tür.

Sie sah zuerst das Blut. Dann Panitz. Er lag auf dem Fußboden. Die Hände, in Abwehr erhoben, zerschnitten.

Das Glas fiel ihr aus der Hand. Mit zwei Schritten war sie bei der Musikanlage, riss den Stecker heraus, ging neben Panitz in die Hocke und suchte den Puls an seinem Hals, obwohl sie ahnte, dass es vergeblich war. Panitz’ Augen standen noch offen, Melissa schloss sie behutsam.

Panitz war tot.

An Melissas Seite tauchte Braun auf, sah den Mann, der auf dem Boden lag, das Blut, blieb wie festgefroren stehen, begann zu wimmern: «Nein. Nein. Oh Gott, nein.»

Sie stand auf, wandte sich Braun zu und schob ihn in den Nebenraum, behielt ihn im Auge, rief Paula an. Dann öffnete sie die Tür zum Flur einen Spalt weit, entdeckte einen Security-Mann, winkte ihn heran.

«Rufen Sie die Polizei, nebenan liegt ein Toter. Bleiben Sie ruhig», betonte Melissa, als sie den Schock im Gesicht des Mannes sah. «Nichts anfassen. Riegeln Sie die Tür ab, bleiben Sie davor stehen, bis die Polizei eintrifft.»

Und, mit Blick auf Braun: «Besorgen Sie einen Arzt.»

Braun fiel vornüber, fing an zu würgen, krampfte, kotzte.

 

Reimann stand in der Tür.

«Ich habe uns die Garderobe gegenüber besorgt. Diesen Raum will die Polizei untersuchen.»

Melissa wischte Braun notdürftig das Erbrochene von der Kleidung, aus dem Gesicht.

«Fotografen?»

Reimann nickte.

«Sie rechts, ich links.»

Sie zogen den Sänger hoch. Melissa schnappte eine Decke vom Sessel, um Brauns Gesicht und Oberkörper zu verdecken.

 

Im Flur versuchte die Schutzpolizei, das Chaos zu bändigen. Blitzlichter, Kamerateams, jemand grapschte nach der Decke, Geschrei, Fragen, an wen immer gerichtet.

Die Polizei rief nach Verstärkung, eskortierte Melissa, Reimann und den stolpernden Braun in den gegenüberliegenden Raum.

Dort telefonierte hektisch ein Polizist:

«Wieso? Der Mann ist tot, hier ist die Hölle los. Gib mir den Schichtleiter.»

 

Lilli stürzte in die Garderobe, fiel ihrem Mann um den Hals, der wie erstarrt in einem Sessel kauerte und vor sich hin starrte; das rechte Bein, wie nicht zugehörig zum Rest des Körpers, zuckte in wildem Staccato.

«Tom. Ich bin’s. Lilli.»

«Geh weg», flüsterte er.

«Tom. Hör doch.» Lilli fasste ihn am Arm.

«Geh. Geh. Geh.»

Bei jedem Wort wurde seine Stimme lauter. Lilli wich zurück. Reimann brachte sie, auf einen Wink Melissas hin, aus dem Zimmer, redete leise auf die Frau ein, die widerstrebend mitging, stieß in der Tür mit einem Mann zusammen.

«Ich bin Arzt.»

Er beugte sich zu Braun hinunter.

 

Schnell war klar, dass es sich um einen Mord handelte. Wahllose Schnittwunden, Abwehrverletzungen, Schnitte und Stiche durch die Kleidung hindurch waren erste Indizien, um die Mordkommission hinzuzuziehen. Unterbesetzt und überarbeitet wie alle Teams, waren die Männer dieses Mal rasch zur Stelle; der Anruf fiel in die normale Behördendienstzeit, und daher musste kein Team erst telefonisch zusammengestellt werden.

Der Gerichtsmediziner traf ein, untersuchte das Opfer gründlich, ließ die Leiche zur Autopsie abtransportieren. Der Fall versprach hohes öffentliches Interesse, man beachtete streng die Vorschriften, der Arzt arbeitete dieses Mal mit Handschuhen.

Man hatte die polizeiliche Pressestelle informiert.

Man hatte die Spurensicherung, den Erkennungsdienst und eine Hundertschaft angefordert, Letztere, um den Tatort abzusperren. Tatort-Tourismus war zu erwarten.

 

Der Arzt spritzte Braun ein starkes Beruhigungsmittel, empfahl, ihn wegzubringen. Der Mann würde Ruhe und Schlaf benötigen.

 

Einer der Beamten ging mit Melissa in einen Nebenraum, wo man die ersten Zeugen vernahm.

Der Polizist ließ sich ihren Ausweis zeigen.

«Also Sie sind hier für die Sicherheit verantwortlich», fasste er Melissas Angaben zusammen.

Hörte sie da einen zynischen Unterton?

«Ich bin für Braun zuständig. Er hat mich ins Restaurant geschickt, mich gebeten, ihm einen Cognac zu besorgen. Als ich ging, betraten Friseur und Visagistin die Garderobe. Ich war etwa zehn Minuten weg. Als ich zurückkam, war die Musikanlage laut gestellt und … und Panitz lag tot auf dem Boden.»

«Woher wussten Sie …»

«Dass er tot ist? Mann! Ich hab den Puls am Hals gesucht. Da werden Sie meine Fingerabdrücke finden.»

«Schon gut. Bleiben Sie ruhig.»

Ein weiterer Beamter kam in den Raum, zog Melissas Vernehmer zur Seite, redete auf ihn ein.

«Total betäubt», verstand Melissa und: «Vorschnell gehandelt, der Doc.»

«Kann ich Herrn Braun jetzt wegbringen?»

Die Männer sahen sich kurz an.

«Hören Sie, ich hab nichts gesehen, das Ihnen weiterhelfen könnte. Im Gang, auf dem Rückweg vom Restaurant, war niemand. Auch sonst ist mir nichts aufgefallen.»

Sie nannte die Straße und Hausnummer des Apartmenthauses am Gendarmenmarkt, wo für Braun das Penthouse gebucht war. «Also, können wir gehen?»

«Na schön. Hauen Sie ab. Aber lassen Sie noch Ihre Adresse da, unter der Sie erreichbar sind. Und bleiben Sie in der Stadt.»

 

Melissa entdeckte Paula, hinter der Schupokette, winkend; man ließ sie zu ihr.

«Bist du in Ordnung?»

«Frag mich das später. Wir müssen Braun in seine Wohnung fahren. Irgendjemand hat den Wagen geparkt und noch die Autoschlüssel.»

«Ich kümmere mich darum.»

Paula fuhr die Limousine an den Seitenausgang. Die Polizei hatte das Gelände weiträumig abgesperrt.