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Paula Oshinski, Privatdetektivin, steht erschüttert vor dem zerfetzten Körper ihrer Cousine Sonja. Die Polizei hat die Sache schon geklärt: Unfall oder Selbstmord durch Sturz vor die anrollende S-Bahn. Das kann Paula nicht glauben. Erst am Morgen war Sonja bei ihr im Büro gewesen. Sie wollte sich scheiden lassen, und Paula sollte herausfinden, ob ihr untreuer Ehemann Geld auf die Seite geschafft hat, das eigentlich ihr zustünde. Paula beschließt zu ermitteln, zumal sie in einem unbeobachteten Moment eine Pistole in Sonjas Handtasche entdeckt hat. Fühlte sich ihre Cousine bedroht? Völlig überraschend stößt sie auf Sonjas dunkles Geheimnis ...
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Marion Schwarzwälder
Zero
Ein Fall für Oshinski und März
Ihr Verlagsname
Paula Oshinski, Privatdetektivin, steht erschüttert vor dem zerfetzten Körper ihrer Cousine Sonja. Die Polizei hat die Sache schon geklärt: Unfall oder Selbstmord durch Sturz vor die anrollende S-Bahn. Das kann Paula nicht glauben. Erst am Morgen war Sonja bei ihr im Büro gewesen. Sie wollte sich scheiden lassen, und Paula sollte herausfinden, ob ihr untreuer Ehemann Geld auf die Seite geschafft hat, das eigentlich ihr zustünde. Paula beschließt zu ermitteln, zumal sie in einem unbeobachteten Moment eine Pistole in Sonjas Handtasche entdeckt hat. Fühlte sich ihre Cousine bedroht? Völlig überraschend stößt sie auf Sonjas dunkles Geheimnis ...
Marion Schwarzwälder, in Villingen geboren, hat nach dem Studium (Literatur und Rhythmik) drei Jahre auf den Kanarischen Inseln verbracht und ist dann in Berlin häufig umgezogen. Sie spielt Saxophon und schreibt Kriminalromane. Von ihr sind erschienen «Trio Berlin» und «Tod nach Noten». Die Kritik schrieb begeistert: «Endlich ein Berlin-Krimi, der den Namen auch verdient» («taz»). « ... raffiniert ausgeklügelt und hervorragend recherchiert» («tip»). Mit «Backstage» startete sie eine neue Serie mit dem originellsten Ermittlerteam von Berlin: Oshinski und März. Die «Funk Uhr» urteilte: «Spannend, raffiniert und mitreißend.» Die «BZ» schrieb: «Ein Krimi, wie er sein soll: schnell, spannend, knallhart», und die «Badische Zeitung» meinte: « ... turbulent und stilistisch eigenwillig geschrieben ...»
Für Christoph Schwarzwälder und Tina Schwarzwälder
Berlin. Stadtmitte.
Er stieg aus dem Taxi und lief auf die Friedrichsbrücke, eine der vielen, die hinüber zur Museumsinsel führt. Sie hatte darauf bestanden, ihn in der Öffentlichkeit zu treffen, am Tage; sie schien sich in dieser Pseudodramatik zu gefallen.
Er tauchte in eine Gruppe Touristen ein, Amerikaner, Japaner, schussbereit die Kameras.
Er blieb auf der Brückenmitte stehen, lehnte sich an das Geländer.
Vor ihm der Berliner Dom, der schon wieder – oder noch, so genau hatte er nie darauf geachtet – mit einer Patina von grauem und schwarzem Dreck überzogen war. Wo blieben nur die Unsummen, die man in den Osten pumpte?
Noch immer galt: in einer Stadt ein fremdes Land.
Er drehte sich um, in seinem Blickfeld war jetzt die Nationalgalerie, einem klassizistischen Tempel nachempfunden; dieses Gebäude, immerhin, war schon renoviert, der helle Stein gesäubert.
Ein paar Meter entfernt saß ein Trompeter, ein junger Mann, der in seinem Alter sein mochte, bequem auf einem Klappstuhl. Er blies gerade die letzten Takte von Happy Birthday in ein Handy. Dann nahm er einen Geldschein dafür entgegen.
Was mochte der Trompeter an so einem Platz verdienen? Steuerfrei? Die Touristen bedeuteten dauernd wechselnde potenzielle Geldgeber.
Sie war zu spät dran.
Er lief ein Stück weg von dem Trompeter, auf die andere Seite der Brücke, sein Blick streifte über die Spree zum Eisenbahnbogen und die dahinter sichtbare vergoldete Kuppel der jüdischen Synagoge.
Ein war ein warmer Frühsommertag. Er hörte alle möglichen Sprachen und deutsche Dialektfetzen, ein Ausflugsdampfer legte an, man warb mit einer Kuhglocke um neue Kunden, Autoverkehr schallte herüber, ein Schnellzug, der vorbeidonnerte, Baulärm, der ewige Baulärm im Osten.
Früher stand «Büroräume» an jeder Baustelle, das neue Zauberwort, Zeichen der Hoffnung, des Aufschwungs, jetzt war es immer mit dem Zusatz «provisionsfrei» versehen.
Und wieder das Trompetengedudel; der Kerl wiederholte ein Stück, das er Minuten zuvor schon einmal gespielt hatte.
Dann, endlich, entdeckte er sie. Sie kam vom Hackeschen Markt her, schlenderte langsam, als sei sie nicht schon eine Viertelstunde zu spät.
Sie war nachlässig gekleidet, mit einem Pappbecher Kaffee in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Sie bat einen Mann um Feuer, dankte mit einem kindlichen Lächeln, die Augen hinter einer großen, dunklen Sonnenbrille verborgen.
Er hatte vorgehabt, ihr den Beutel in die Hand zu drücken und sofort zu gehen. Nun musste er mindestens eine Zigarette lang ihre Gegenwart ertragen, sich vermutlich wieder ihr Geschwätz anhören, mit dem sie ihr Vorgehen zu bemänteln suchte.
Sie kam heran, stellte sich neben ihn an das Brückengeländer, schaute auf den Fluss.
«Es wird in Zukunft nicht mehr reichen», sagte sie.
Er fühlte einen Schwall Zorn in sich aufsteigen, der Puls jagte los. Trotz jahrelanger Übung war er erst nach einigen Momenten in der Lage, ihr beherrscht zu antworten.
«Wir haben eine Abmachung», sagte er schließlich. «Du kannst das nicht einfach ändern, das hatten wir von Anfang an besprochen.»
«Kleinkram», entgegnete sie. «Das ist Kleinkram für dich. Ich bin nicht gierig, aber du wirst einsehen, dass die ursprüngliche Vereinbarung lächerlich ist, gemessen an deinen, sagen wir mal, Einnahmen.» Ihre Stimmlage schraubte sich in die Höhe. «Leg nochmal die Hälfte drauf, das tut dir nicht weh.»
«Und wie soll das weitergehen?»
«Es bleibt dann dabei.»
«Wir haben bereits eine Vereinbarung.»
«Den Teufel haben wir», sagte sie wütend, warf den Becher über die Brüstung in den Fluss und riss ihm den Beutel aus der Hand.
«Du holst das doch sofort wieder rein. Es bleibt dabei», rief sie, drehte sich um, rempelte eine Frau an, stolperte über den Trompetenkoffer, fluchte, lief davon, den Beutel an den Körper gedrückt.
Er sah ihr nach.
Man würde sich etwas überlegen müssen. Sie ließ sich von ihren Emotionen treiben, war unbeherrscht und sprunghaft.
Sie wurde zum Risiko, und er war nicht gewillt zuzusehen, wie sie womöglich all seine Mühe zunichte machte und seine Zeit und sein Geld verschwendet würden.
Ihre Forderungen waren unverschämt.
Er musste sich etwas überlegen.
Die Schüsse folgten schnell aufeinander.
Melissa stand breitbeinig, das rechte Handgelenk mit der linken Hand umfasst. Diese Serie war besser, jeder Schuss wäre ein tödlicher Treffer. Die Waffe, eine P6, lag ihr vertraut in der Hand, der Zeigefinger hatte sich an den kräftigen Abzug gewöhnt, sie verriss nicht mehr, war auf den Rückstoß gefasst.
Das war das Einschießen. Es folgten die Kommandos:
Einhändig schießen.
Im Stehen, Gehen, Knien, Liegen, mit und ohne Deckung.
Aus unterschiedlichen Entfernungen.
«He. Du. Mit dem hellen Muscle-Shirt. Mister Wonderful. Wir sind hier nicht im Actionfilm. Ich gebe hier die Kommandos.»
Weiter.
In geänderten Lichtverhältnissen. Arme und Beine der Pappfiguren verschmolzen beinahe mit dem dunklen Hintergrund der Schießhalle.
«Kurze Pause. Und für dich, Mister, ist das Training beendet. Raus, hier gibt es nur einen Boss.»
Melissa zog den Gehörschutz ab, sah dem Mann nach, der langsam die Halle verließ. Sie ging nach draußen, rieb sich die Innenseite des rechten Handgelenks.
Früher Vormittag, und es mochten schon wieder um die fünfundzwanzig Grad sein. Das Gras, das in den Stadtparks in den langen Wochen, in denen es nur mal genieselt hatte, braungelb geworden war, hatte hier draußen durch den morgendlichen Tau noch das Grün bewahrt. Der Frühling griff dem Sommer vor und überzog die Stadt mit ungewöhnlich hohen Temperaturen. Die Luft stank nach Abgasen, hing wie eine Glocke über den Innenstadtbezirken in diesen windlosen Tagen.
Hier, im Grunewald, im Südwesten Berlins, merkte man erst, wie Luft noch riechen konnte: würzig, nach Kiefern, nach Birkenholz.
Der Leiter des Schießtrainings kam zu Melissa.
«Schluss für heute. Ich muss weg. Soll ich dich in die Stadt mitnehmen?»
«Ja.»
«Okay. Füll aber bitte noch das Anmeldeformular aus.»
Melissa ging zur Halle zurück, nahm das Magazin aus der Waffe, reinigte sie und legte sie in das vorgesehene Fach.
Sie lief hinüber zu der Holzbaracke, in der sie Tasche und Kleidung in einem der Schließfächer untergebracht hatte.
Sie war die einzige Frau im Waschraum. Sie zog die verschwitzten Trainingsklamotten aus, stellte die Wassertemperatur auf lauwarm, beäugte die schmuddeligen Bodenfliesen und ging seufzend unter den Wasserstrahl.
Das Band aus dem Haar gezogen, ein entschlossener Griff – stöhnend ließ sie das kalte Wasser über Kopf und Körper fließen, bis sich die Haut rot färbte.
Sie zog sich den Overall aus leichtem Stoff an, flocht das dicke, naturkrause Haar zu einem Zopf, zwängte die Füße in Halbschuhe, stopfte das Trainingszeug in eine Sporttasche und verließ das Gebäude, ging zum Büro hinüber, wo auch andere Kursteilnehmer die Formulare ausfüllten.
Name: Melissa März. Alter: Zweiundvierzig Jahre. Beruf: Leibwächterin in der Detektei Oshinski und März.
Dann ging sie wieder ins Freie.
Der Trainer hatte sie noch zur Eile gedrängt, jetzt wartete sie auf den Mann.
Leibwächterin, dachte sie. Noch immer zuckte der Stift, wollte sie ihren ursprünglichen Beruf eintragen, studierte Sängerin der Unterhaltungskunst hieß das damals in der DDR.
Und jetzt Leibwächterin, älter und besser bezahlt als die meisten Kursteilnehmer hier. Mittlerweile war sie eine sehr gefragte Begleiterin von Rock- und Popstars, die in der Stadt auftraten; besser, als noch mit Krampfadern am Mikro zu kleben, wie sie sagte.
Aber seit kurzem trat sie wieder auf, in einer kleinen, bezahlbaren Formation und lernte Auftrittsorte und Gagenhöhen für unbekannte Bands von unten kennen.
Das Feld für das Konditionstraining lag still in der Sonne. Eine Kiefernschonung, neu bepflanzt, schloss sich an. Es war mit Draht eingezäunt, dahinter Brombeergebüsch und Hecken, die Melissa nicht kannte, Baumgruppen, die die Sicht nahmen, dazwischen Zittergras, das schlaff herabhing.
Das Gelände lag oberhalb des schmalen Fußgängerwegs, der vom Grunewaldsee zur Krummen Lanke führte. Früher Übungsgelände der amerikanischen Streitkräfte, hatte nach der Wende Frank Lombards Sicherheitsunternehmen hier auf einem kleinen Teil sein Trainingsgelände und eine Halle eingerichtet.
Sie tänzelte auf der Stelle. Wo blieb der Kerl? Wieder diese Unruhe, seit etwa einem Monat, eine Unruhe, die sie trieb, eine nervöse Spannung, Druck, den sie durch Arbeit zu verdrängen suchte. Ihre Verfassung ähnelte in manchen Aspekten der vor Auftritten, aber da wusste sie, woher und warum die Unruhe; dieses Mal nicht.
Endlich tauchte der Schießtrainer auf.
Berlin, Mitte.
Paula von Oshinski hasste Termine am Morgen. Sie grüßte kurz Tamara, verdrückte sich in ihr Büro, stellte sich ans Fenster, öffnete es. Am liebsten arbeitete sie um diese Zeit allein.
Seit der Hitzewelle, die das Stadtbüro im obersten Stockwerk in eine Sauna verwandelte, erledigte sie den Papierkram auch zu Hause.
Zu Hause. Sie bewohnte ein geerbtes Haus nahe dem Wannsee, von ihrem Grundstück konnte sie das Wasser sehen, aber das Ufer war hier parzelliert und in Privatbesitz. Seit zwei Monaten wohnte sie dort und kannte noch immer keinen der Nachbarn. Niemand hatte geöffnet, als sie an Haustüren geklingelt hatte, um sich vorzustellen; hohe Hecken verbargen die Bewohner der angrenzenden Grundstücke.
An diesem Morgen nervte sie alles. Schmerzen im Arm, im letzten großen Fall verletzt, hatten zu unruhigem Schlaf beigetragen wie auch die Hitze und die zu früh geschlüpften Stechmücken, eine unangenehme Beigabe der Lage des Hauses in Wassernähe.
Keine Yogaübungen heute. Das Kaffeewasser war neben dem Papierfilter in die Kanne gelaufen, die Milch sauer und kein Lebensmittelgeschäft in der Nähe. Und der Reißverschluss an der Hose, die sie anziehen wollte, verklemmte sich im Stoff. Dazu die verdammte Hitze, die einen schon morgens müde und träge machte.
Aber sie hatte einen Termin mit einer neuen Klientin, den Tamara, ihre Mitarbeiterin, kurzfristig für sie im Büro vereinbart hatte.
Sie sah auf den Bahnhof Friedrichstraße, das Gelände weiträumig abgesperrt. Am Morgen hatte man eine Bombe gefunden, bei Bauarbeiten, wie oft in den Jahren seit der Wende. Sie war der Aufforderung, das Gebäude sicherheitshalber zu verlassen, nicht nachgekommen.
Das kurze Haar seit drei Tagen blond gefärbt, mit der üblichen schwarzen Kleidung, ohne das meiste des üblichen Silberschmucks, die Augen groß. Mit ihren ein Meter fünfundsechzig war sie beinahe einen Kopf kleiner als Melissa und vier Jahre jünger.
Paula schloss das Fenster, setzte sich an den Schreibtisch.
Es klingelte, Tamara drückte den Türöffner.
Tamara Hermann arbeitete seit zwei Monaten in der Detektei. Sie saß in dem großen, offenen Eingangsraum an ihrem Schreibtisch.
Gleich links der Eingangstür Garderobe und Kundentoilette, die Tür zu Melissas Büro, Holzregale an den Wänden, voll gestellt mit Akten und Fachbüchern, davor der Schreibtisch.
Rechter Hand die Tür zu Paulas Büro, eine Küchenzeile mit Tresen und Barhockern und eine Sitzecke, zu der Tamara die junge Frau im cremefarbenen Businessanzug führte, sie mit Kaffee versorgte und Paula Bescheid gab.
Als sie den Raum betrat, stand die Frau auf.
Momente lang sahen sich die beiden an.
«Komm mit», sagte Paula und öffnete die Tür zu ihrem Büro.
Die Frau nahm ihre Kaffeetasse und folgte Paula, schloss die Tür hinter sich.
«Nett hier.»
Die Frau musterte flüchtig die Einrichtung, wertvolle Einzelstücke, schwungvoller Jugendstil und sachliches Bauhaus auf indischem Teppich; die einzigen Zeugnisse familiärer Vergangenheit, die Paula behalten, aber ins Büro gestellt hatte.
«Wie lange …?»
Die Frau brach ab.
«Setz dich doch.»
Die Frau ging zum Fenster, sah hinaus, drehte sich um.
«Ganz schön klemmig, was?»
Sie hielt noch immer die Tasse in der Hand, nahm einen Schluck.
«Willst du einen frischen, der ist doch bestimmt kalt.»
Die Frau schüttelte den Kopf.
«Ich hab von dir, ich meine, von eurer Detektei, in der Zeitung gelesen, schon vor einigen Wochen.»
Sie sah sich um, stellte die Tasse auf den Schreibtisch.
«Setz dich doch bitte», wiederholte Paula. «Was kann ich für dich tun?»
Die Frau wählte den Sessel.
«Das frag ich meine Kunden auch immer. Ich bin aus geschäftlichen Gründen hier.»
Melissa schwatzte mit Tamara, als Paula die Tür einen Spalt weit öffnete: «Melissa, hast du mal Zeit? Es geht um einen Job für dich.»
«Ja», sagte Melissa und leise zu Tamara: «Wer ist die Frau? Worum geht’s?»
«Keine Ahnung.»
Paula stellte die Frauen einander vor.
«Sonja …»
«Thiersbach.»
«Sonja Thiersbach, Melissa März. Sie ist die Richtige für dich.»
Melissa grüßte, spürte die Spannung zwischen den Frauen.
Thiersbach kam sofort zur Sache.
«Es handelt sich um einen Notfall. Heute Abend findet eine Veranstaltung im Jagdschloss Grunewald statt, eine Gala, hochkarätig, eine Kundin von mir organisiert das. Einer der Gaststars braucht professionelle Betreuung, ihre Managerin, die sonst mit ihr reist, ist gestern ins Krankenhaus gekommen. Anschließend hat die Sängerin zwei freie Tage, die sie in der Stadt verbringen will. Sie ist ein wenig, na, exzentrisch, Sie wissen schon.»
«Wer ist es?»
«Cass.»
«Cass? Kennst du die?», warf Paula ein, die seitlich von Thiersbach stand.
Melissa nickte.
«Aus dem Fernsehen, dem Musikkanal.»
«Dann wissen Sie, dass sie siebzehn, also minderjährig ist. Die Eltern sind aber zurzeit auf Reisen und können nicht einspringen, sie dringen auf Begleitung.»
«Diese Cass ist doch Berlinerin. Hat sie keine Freunde, die den Job übernehmen können? Der Auftrag kommt sehr kurzfristig.»
«Seit sie Karriere macht, ist der Kontakt zu Freunden schwierig geworden.»
«Ich versteh schon. Und heute Abend, was ist geplant?»
«Sie wird einen Song vortragen, als Zugeständnis an die jüngeren Besucher.»
«Was ist das für eine Gala?»
«Das wird Ihnen alles meine Bekannte erläutern.»
Bei dem Wort ‹erläutern› zog Paula die Augenbrauen in die Höhe. Sie hatte Thiersbach nicht aus den Augen gelassen, und die war sich dessen bewusst.
Melissa zögerte.
«Die Veranstaltung ist hochklassig, und Ihr Honorar wird übernommen, die Höhe ist kein Problem, in vernünftigen Grenzen, selbstverständlich.»
«Tu mir den Gefallen», bat Paula.
Melissa sah sie an, eine kurze, wortlose Verständigung.
«Na schön. Einverstanden», sagte sie zu Thiersbach. «Das heißt, ich werde erst mal mit Ihrer Bekannten telefonieren.»
Thiersbach hielt Melissa eine Visitenkarte entgegen.
«Auf der Rückseite steht eine Handynummer, sie wartet schon auf einen Anruf.»
«Ihr entschuldigt mich.»
Melissa verließ den Raum.
Paula unterbrach das unbehagliche Schweigen.
«Und jetzt sag mir, warum du hier bist, Cousine. Das hier hätte deine Bekannte telefonisch selbst erledigen können. Ich werde mir einen Kaffee holen, und dann unterhalten wir uns.»
Paula rührte in ihrem Kaffeebecher und musterte die Cousine. Braunes, halblanges Haar, professionell gesträhnt, feine Gesichtszüge, die ihr etwas Mädchenhaftes gaben. Die Augen groß, dunkel, die hatten sie gemeinsam. Sonja war teuer und zurückhaltend gekleidet. Die schmalen Handgelenke fielen Paula auf. Sie gehört zu den Frauen, die vor allem bei Männern Beschützerinstinkte wecken, dachte sie und kämpfte mit dem aufsteigenden Widerwillen.
«Sonja, du bist doch nicht zum Kaffeetrinken zu mir gekommen, nach all den Jahren.»
«Du bist diejenige, die nie was mit uns zu tun haben wollte.»
«Ach Gott. Das ist der falsche Tag für so eine Debatte, ich bitte dich, lass es sein.»
Sonja Thiersbach brach in nervöses Lachen aus: «Ich bin nicht hier, um eines dieser Ost-West-Gespräche zu führen.»
«Schön.»
Paula ging zum Fenster, riss es auf. Baustellenlärm drang in den Raum, man hatte die Bombe entschärft und abtransportiert, die Sperrungen aufgehoben. Thiersbach stand auf, stellte sich neben Paula.
«Die Klimaanlage funktioniert mal wieder nicht, ich werde die Miete kürzen», murrte sie vor sich hin.
«Ist es nicht sehr laut, wenn die Züge fahren?»
Die Detektei hatte vor etwa zwei Monaten die neuen Räume bezogen.
«Einen tollen Blick hast du.»
Paula war sich nicht sicher, ob das ironisch gemeint war. Die Friedrichstraße sah man, aber nicht die luxuriöse Einkaufsmeile auf der anderen Seite des Boulevards Unter den Linden, sondern den Tränenpalast und ein Stück vom Fluss, der Spree.
«Ihr arbeitet zu dritt hier?»
Paula nickte.
«Komm bitte zur Sache.»
«Du musst mir helfen. Ich hab etwas Vertrauliches zu klären», sagte Sonja Thiersbach. «Ich will mich scheiden lassen.»
«Moment mal. Bevor du weiterredest: Ich bearbeite keine Scheidungssachen. Auf solche Aufträge sind wir glücklicherweise nicht angewiesen.»
Thiersbach nahm die Umhängetasche von der Schulter.
«Darf ich hier rauchen?»
«Nein.»
Die zweite Ablehnung. Sie öffnete die Tasche, entnahm ihr ein Päckchen Kaugummi.
«Ist auch gesünder», lächelte sie kläglich und wickelte umständlich einen Streifen aus.
Paula bereute ihre Unfreundlichkeit.
«Ausnahmsweise. Am Fenster.»
Thiersbach sprang auf, schnappte ihre Tasche, war im Nu am Fenster, fummelte das Päckchen heraus, zündete sich eine Zigarette an und rauchte hastig.
«Damals, bei der Feier, warst du noch nicht verheiratet.»
Thiersbach nickte.
Rauchte.
Schwieg.
«Habt ihr Kinder? Geht es um das Sorgerecht?»
Sie schüttelte den Kopf.
«Finanzen?»
Sie rauchte.
Dieser Gesichtsausdruck. Genau das war es. Jetzt war es so weit, dass Paula sich schuldig fühlte, als habe sie sie ungerecht behandelt. Mit solchen Frauen, mädchenhaft-unschuldig die Ausstrahlung, der Ausdruck der Augen, als stellte sie sich unter ihren Schutz, mit solchen Frauen kam sie schwer zurecht. Wenigstens anhören sollte sie die Frau, die Cousine.
«Es ist schon demütigend, nur darüber zu sprechen. Er hat andere Frauen. Immer wieder. Kurze Affären. Er denkt, ich weiß nichts davon.»
«Will er die Scheidung?»
«Nein. Für ihn ist es doch angenehm so. Was festes, geregeltes und die Abwechslung. Es ist so abgeschmackt, immer wieder dieselbe alte Geschichte. Ich will Schluss machen mit dieser Farce. Aber wir haben gemeinsame Kasse, und ich fürchte …»
Sie sprach immer leiser, verstummte.
«Was befürchtest du?»
«Dass er Geld beiseite schafft.»
«Du musst mir schon Genaueres über eure finanziellen Verhältnisse sagen, wenn ich dir helfen soll.»
Thiersbach warf die Kippe aus dem Fenster, drehte sich zu Paula um, strahlte sie an, umarmte sie. Die Umhängetasche geriet zwischen die Frauen. Paula spürte einen harten Gegenstand an der Hüfte, zuckte zurück.
«Entschuldige», sagte Thiersbach. «Ich bin manchmal zu impulsiv.»
«Schon gut», wehrte Paula ab. «Setzen wir uns.»
«Weißt du, es ist mir peinlich, aber das meiste, das wir haben, stammt von mir. Ich unterstütze noch meinen Vater. Jürgen will demnächst auf eine Lesereise, in die Schweiz und …»
«Langsam, langsam. Ich will mir Notizen machen.»
Die Frauen setzten sich, Paula an ihren Schreibtisch, Thiersbach ihr gegenüber. Sorgsam legte sie ihre Tasche auf den Stuhl daneben und zog ihre Anzugjacke aus.
«Ich bin selbständig, habe eine relocation firm with family services.»
«Was genau ist das?»
«Ich helfe Leuten, die nach Berlin ziehen, bei der Wohnungssuche, dem Ämterkram wie Ausländerbehörde und Arbeitsamt, melde Telefon und Strom an, suche Schulen aus, wenn Kinder da sind, mache Kontakte mit Nachbarn, Geschäften, kurz, ich organisiere alles, damit sie hier schnell in ein geregeltes Leben kommen. Mein Büro ist nicht sehr weit von hier, bei der Fischerinsel, ich hab dort auch meine Wohnung, Jürgen …»
«Dein Mann?»
«Jürgen wohnt auf dem Land, auf dem Hof, er hat dort ein Buch geschrieben, das vor kurzem erschienen ist.»
«Ach, Jürgen Thiersbach. Ich erinnere mich jetzt. Das ist also dein Mann. Das Buch ist bestsellerverdächtig.»
«Ja.»
«Hatte er eigene Einkünfte, während er schrieb? Nein? Also hast du ihn finanziell unterstützt?»
Sonja Thiersbach nickte.
«Wem gehört der Hof?»
«Mir. Aber er ist auf seinen Namen eingetragen, das hatte damals irgendwie steuerliche Gründe.»
«Ich verstehe. Deine Firma läuft gut?»
«Ja. Der Umzug von Bonn nach Berlin ist ein Dauerbrenner, Behörden arbeiten teils hier, teils dort, immer mal zieht dann doch wieder ein Amt hierher, oder einem Abgeordneten wird die Wochenendehe leid, und er holt seine Familie nach. Aber auch ausländische Firmen eröffnen Zweigstellen hier, Journalisten, Künstler ziehen in die Stadt.»
Es klopfte.
«Ja?»
Melissa kam herein, entschuldigte sich für die Unterbrechung.
«Ich habe mit Ihrer Bekannten gesprochen, ich übernehme die Begleitung von Cass. Und dich, Paula, soll ich an deinen Termin erinnern.»
Irritiert sah Paula Melissa an, die ihr rasch ein Auge zuknipste.
Thiersbach sprang auf.
«Kann ich mal telefonieren, ich hab vergessen, mein Handy zu laden.»
«Zeigst du ihr bitte das Telefon nebenan, Lissa?»
Melissa ließ der Thiersbach den Vortritt. Paula wartete, bis die Tür geschlossen wurde, war mit zwei Schritten bei Sonjas Tasche, öffnete sie und zog eine Pistole heraus.
Zehn Minuten später verließ Thiersbach die Detektei. Sie tauschte mit Paula Visitenkarten und lud sie noch einmal eindringlich zu der Gala ein, man könne ausführlich reden, und sie werde dort auch Jürgen treffen.
«Wer war das denn?», fragte Melissa.
«Das war meine Cousine.»
«Du hast eine Cousine?»
«Warum nicht? Jeder hat eine Cousine, die ganze Welt hat Cousinen. Was ist das übrigens für ein Termin, ich hab doch keinen Termin?»
«Ich wollte dir die Frau vom Hals schaffen, ich wusste ja nicht, dass sie zur Familie gehört. Die Stimmung war ätzend, ich dachte, ich schleuse dich da besser raus. Nun erzähl schon.»
«Können wir nicht raus aus dieser Sauna, was essen und dort weiterreden?»
Am Spreeufer, gegenüber der Museumsinsel, liegt der Monbijoupark, ein Fußweg von wenigen Minuten.
Tamara war in der Detektei geblieben, wollte zunächst die Reparatur der Klimaanlage klären, dann nachkommen.
Die Sonne stand hoch, brannte auf die Stadt, kein Wind, der für Luftaustausch sorgte. Hier, am Ufer der Spree, den stickigen Büroräumen entkommen, war es erträglich.
Sie schlenderten zu der Freiluftkneipe am Wasser, man hatte dort hellen Sand aufgeschüttet, eine Bar eingerichtet. Melissa ergatterte noch einen Sonnenschirm, stellte zwei Klappstühle darunter und wartete auf Paula, die um Getränke anstand.
Melissa sah auf die Armbanduhr: In knapp zwei Stunden war sie mit dieser Cass verabredet.
Hier war es auszuhalten.
Erstbezug und die damit verbundenen Baumängel am Hals, die Räume direkt unter dem Dach – Melissa nahm sich vor, nicht wieder den alten Streit über den neuen Standort der Detektei aufflackern zu lassen.
«Du hattest Recht.»
Paula stellte ein Tablett mit Mineralwasser, Laugenbrezeln und Espresso, jeweils dreimal, auf den Sand.
«Womit hatte ich Recht? Schon gut, schon gut, ich will keinen Kniefall. Da müssen wir durch, einen weiteren Umzug verkraften wir nicht. Vielleicht können wir Räume dazumieten, auf der Schattenseite? Seit Tamaras Einstieg ist es zu eng geworden, auf Dauer ist ihr Arbeitsplatz nur ein Provisorium.»
«Ich werde mit dem Vermieter reden. Und die Sache dann mal durchrechnen.»
«Was hast du denn mit deiner, mit dieser Thiersbach? Streit?»
«Nein. Nur keinen Kontakt.»
«Vielleicht ist das eine Chance.»
«Vielleicht. Aber ich werde den Job Tamara übergeben, sonst vermischt sich zu vieles.»
«Hier, Tamara», rief Melissa der Kollegin zu.
Tamara fand im Vorbeigehen einen freien, zusammengeklappten Liegestuhl, nahm ihn mit.
«Ich hab dem Vermieter hinterlassen, dass wir eine Firma auf seine Kosten bestellen, wenn er sich nicht meldet. Wir … ihr solltet vielleicht Ventilatoren anschaffen, bevor sie wieder ausverkauft sind wie im letzten Jahr. Ist das für mich?»
Sie deutete auf eines der Gläser, setzte an und trank das Wasser in einem Zug aus. Schließlich schaffte sie es, mit Melissas Hilfe, den Liegestuhl aufzuklappen, schadenfroh beäugt von denen, die schon lagen.
Auch Paula beobachtete die jüngere Kollegin. Zweiundzwanzig Jahre, mit braunem Haar, unscheinbar das Äußere auf den ersten Blick. Sie saß jetzt im Liegestuhl, die Beine rechts und links des Leinenbezugs in den Sand gestellt. Selten hatte sie Tamara entspannt gesehen. Über Privates sprach sie nicht. Sie trug Jeans und ein T-Shirt, langärmelig trotz der Hitze, die Übergröße sollte wohl den Babyspeck um Bauch und Hüfte verbergen, den sie zu ihrem Ärger trotz Trainings nicht loswurde. Auf den ersten Blick wirkte sie harmlos, freundlich, was ihr bei Beschattungen und Ermittlungen zugute kam, man unterschätzte sie leicht. Der Ehrgeiz, der sie antrieb, der Wille, sich zu profilieren, blieben zunächst verborgen.
Noch immer schmerzte es Tamara, nicht in den Polizeidienst übernommen worden zu sein, sie nahm das persönlich, obwohl es nur der allgemeinen Finanzsituation in der Pleitehauptstadt geschuldet war.
«Also, was hast du für mich?»
Tamara war die Einzige, die an ihrer trockenen Brezel kaute.
«Du tust mir einen Gefallen, wenn du diese Geschichte übernimmst. Die Frau ist eine Verwandte, und ich will …»
«Geschenkt. Sag mir, was ich erledigen soll, und ich mach’s.»
«Okay. Sonja will sich scheiden lassen und verhindern, dass ihr Vermögen verschwindet, wenn ihr Mann die Scheidungspapiere erhält. Sie scheint nicht genau zu wissen, wie viel Geld er wo hat.»
«Adresse, Bankverbindung, ihre Vermögensaufstellung und so weiter hast du abgefragt?»
«Noch nicht. Komm heute Abend mit zu der Gala. Dort wirst du auch ihren Mann sehen.»
Tamara verzog das Gesicht.
«Wenn es sein muss. Ich würde lieber erst mal mit ihr sprechen, sie anrufen. Wie heißt sie nochmal?»
«Thiersbach. Sonja Thiersbach, verheiratet mit Jürgen Thiersbach. Sie leben in zwei Wohnungen, wenn ich das richtig verstanden habe. Sie hat eine Wohnung hier in Stadtmitte, er einen Hof irgendwo im Umland. Keine Kinder. Ihre Adresse findest du auf ihrer Visitenkarte, die liegt auf meinem Schreibtisch. Aber ruf nicht an. Ich will nicht, jedenfalls noch nicht, dass Sonja erfährt, dass ich die Sache nicht persönlich bearbeite.»
«Du wirst deine Gründe haben. Na ja, dann geh ich heute Abend mit, verschaff mir mal einen ersten Eindruck. Warum eilt das so?»
«Der Ehemann hat ein Buch geschrieben, das vor kurzem erschienen ist. Er geht demnächst auf Lesereise, und die führt ihn wohl auch in die Schweiz.»
«Verstehe. Wie alt ist diese Thiersbach?»
«Zweiunddreißig.»
«Und da gibt’s schon Vermögen zu verschachern? Beneidenswert.»
Paula zuckte mit den Schultern.
Salsamusik aus Lautsprechern unterbrach das Gespräch, der aufkommende Wind wehte die Klänge zu ihnen herüber, verstärkte sie, die Stimmen ringsum wurden lauter.
Tamara rückte näher zu Paula.
«Wenn das alles ist, mach ich mich an die Arbeit. Wie viel ist mein Anteil hier an Kaffee und Brezel? Esst ihr die anderen nicht? Dann schlag ich zu.»
«Du bist eingeladen. Ich werde Ventilatoren besorgen, das ist ein guter Vorschlag, Tamara. Bis später», sagte Paula. «Und du, Lissa? Wie bist du mit der Veranstalterin verblieben?»
«Ich hätte ab heute Nachmittag eigentlich vier freie Tage, um das mal zu erwähnen. Du schuldest mir was. Ich treffe mich um fünfzehn Uhr mit ihr.»
«Wo?»
«Am Potsdamer Platz. In diesem Edelschuppen, wie heißt er noch gleich? Egal. Ich werd mich im Büro noch umziehen. Aber jetzt erzähl doch mal mehr über diese Verwandte. Du hast sie mir gegenüber nie erwähnt.»
«Familie ist nicht mein Lieblingsthema, das weißt du. Also gut. Sonjas und mein Vater waren Brüder. Deren Vater, also unser Großvater, gehörte zum pommerschen Landadel. In russischer Gefangenschaft schloss er sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland an und blieb nach dem Krieg im Osten Deutschlands. Er wollte etwas zu einem Neubeginn beitragen, ob als Sühne oder aus Überzeugung, das weiß ich nicht, das kolportierte man in Ost und West unterschiedlich. Sonjas Vater ist der Jüngere, ein Nachzügler, und bei seinem Vater im Ostteil der Stadt geblieben. Mein Vater zog vor dem Mauerbau zu einem Zweig der Verwandtschaft, der schon lange im Westen Berlins lebte; der Kontakt zwischen Ost und West brach ab. Familienmitglieder, getrennt in Ost und West, war doch eine gewöhnliche Geschichte im Nachkriegsdeutschland.»
«Und wie hast du Sonja kennen gelernt?»
«Nach dem Mauerfall habe ich eine Einladung zu einem Familientreffen bekommen, bei dem ich Sonja flüchtig kennen gelernt habe. Ich bin früh gegangen, wütend auf mich selbst, weil ich mich auf so ein Treffen eingelassen hatte, du weißt schon, angesteckt vom allgemeinen Freudentaumel in der Stadt. Seit meiner Kindheit war ich nicht mehr auf so einem Familienfest gewesen.»
«Paula, das schwarze Schaf der Familie», grinste Melissa und drückte Paulas Hand.
Sonja Thiersbachs Pistole ließ Paula unerwähnt.
Müller beobachtete Thiersbach dabei, wie er mit der Frau aus der Maske umging. Er begab sich scheinbar in ihre Hände, fragte sie um Rat zu seiner Frisur, zu der Farbe des Make-ups, ganz der Mann, der in vielen Frauen beschützerische Gefühle weckte.
Aber letztendlich setzte er genau das durch, was er für richtig hielt.
Eine perfekte Technik, bewunderte Müller, wenn Thiersbach sie denn bewusst einsetzte. Der Gast wurde umsorgt, bekam noch einen Espresso aus der Kantine gebracht, eine Nackenmassage. Er genoss die Aufmerksamkeiten.
Eine junge Frau, perfekt gestylt, mit Klemmbrett und Ablaufplan im Arm und mit der Attitüde Wir-vom-Fernsehen trieb die Friseurin an, der Sendebeginn stehe unmittelbar bevor.
Die ältere Friseurin verdrehte die Augen, sprühte Thiersbach nochmal übers Haar, klopfte ihm auf die Schulter: «Sie machen das schon», und übergab ihn an Müller.
Die beiden Männer folgten der aufgeregten jungen Frau zur Garderobe. Thiersbach liebkoste mit Blicken das Schild an der Tür mit seinem Namen.
Ein kleiner Raum, in den man eine Liege gestellt hatte, einen Kleiderständer, woran Thiersbachs Anzug hing, auf dem winzigen Schminktisch mit hell erleuchtetem Spiegel stand ein Fernsehgerät, ein Stuhl davor, die Wände kahl.
Man übertrug aus dem Sendesaal. Die zahlenden Gäste wurden in Stimmung gebracht von einem Mann, der harmlose Anekdoten aus der Geschichte der Talkshow erzählte.
Müller setzte sich auf die Liege.
«Nervös?», fragte er.
Thiersbach nickte.
«Hör zu, mein Junge, das gehört dazu, besser jetzt als in der Sendung. Denk daran, was wir besprochen haben. Dränge dich nicht sofort in den Vordergrund, lerne von den Erfahreneren, die jeden Trick kennen, um sich clever ins Gespräch zu bringen. Nimm dir ein paar Minuten Zeit, mach dir ein Bild. Das, was am Ende gesagt wird, bleibt haften, nicht das Geplänkel am Anfang. Und denke daran: Die Kameras erfassen nicht nur diejenigen, die gerade reden, sondern auch die anderen Gäste. Bleib also konzentriert, kontrolliere dein Gesicht und deine Körpersprache.»
Es klopfte, die junge Frau steckte den Kopf herein.
«Sind Sie fertig?»
Ein Blick in den Spiegel, Thiersbach nickte, drehte sich noch einmal zu Müller um.
«Enttäusche mich nicht, mein Junge. Ich warte hier auf dich.»
Thiersbach nickte, verließ die Garderobe. Das Bild zeigte ihn kurz darauf in der Runde der Gäste, ein Mikrophon wurde ihm am Revers befestigt, er lächelte, wirkte selbstsicher und zugewandt.
Es klopfte wieder, kräftig, energisch und eine Frau im Businessanzug trat ein.
«Da sind Sie ja schon», begrüßte Müller die Frau, stand auf, gab ihr die Hand. An ihrer Anzugjacke klemmte der Ausweis für Presseleute.
Sie wählte den Stuhl, setzte sich so, dass sie das Kontrollbild sehen konnte.
«Wie macht sich unser Kandidat?», fragte sie mit spöttischem Unterton.
«Er macht eine gute Figur, die Sendung hat gerade erst angefangen.»
Sie beobachteten Begrüßung und die einleitenden Worte der Moderatorin, die einen Teil dessen, was sie über die Gäste sagte, von großen Plakaten ablas, die man neben die Kamera gestellt hatte.
«Sie benutzt keinen Teleprompter, aus Eitelkeit, bei der kleinen Schrift müsste sie die Lesebrille aufsetzen. Also. Ich bin da, wie verabredet.»
«Danke. Und willkommen im Team.»
«So weit sind wir noch nicht, Wunderknabe. Ich habe Sie immer unterstützt, war neugierig, was Sie erreichen würden. Aber bevor ich mich auf Ihren Mann festlege, will ich wissen, ob Sie sich bereits festgelegt haben.»
Die Frau war schon lange im Geschäft, eine der wenigen Frauen in leitender Funktion des Zeitungskonzerns; ihr machte er so schnell nichts vor.
«Ich will es so formulieren: Sollte all das, was bisher so viel versprechend anfing, so gut weitergehen, gibt es keinen besseren Mann für uns.»
«Kommen Sie, Doktor Müller. Lassen Sie dieses Politikergeschwätz. Was ist? Ich habe nicht vor, mich für die zweite Garnitur zu engagieren.»
«Der Mann ist erste Wahl. Es ist nur die Frage, wann wir ihn einsetzen.»
«Moment mal.»
Sie drehte sich zum Fernsehbild.
Thiersbach hatte seinen Auftritt, wurde zu seinem Buch befragt.
Müller beobachtete nicht nur ihn – die Aufzeichnung der Sendung würde er hinterher mit seinem PR-Mann analysieren –, sondern auch die Zeitungsfrau, ihre Reaktion auf Thiersbach.
Ihr anfängliches Interesse erlosch rasch, sie lehnte sich zurück, stand auf.
«Ich will mir noch ein, zwei Auftritte ansehen, bevor ich mich entscheide. Noch ist er zu undiszipliniert, das spricht nicht für eine professionelle Einstellung.»
«Warten Sie. Wir sollten das besprechen. Beim Essen? Und auch über Ihren Urlaub, wir denken da an eine Kreuzfahrt, auf einer Yacht.»
«Schön. Rufen Sie mich an.»
Müller öffnete ihr die Tür.
Dann wandte er sich wieder dem Kontrollbild zu, beobachtete Thiersbach, bis der, erhitzt und aufgedreht, in der Garderobe erschien.
«Na, wie war ich?»
«Setz dich», befahl Müller. «Du bist wohl verrückt geworden. Was glaubst du, womit du es hier zu tun hast? Wenn du nur Medienversessenheit pflegen willst, fein. Absolviere noch ein paar Auftritte, bis du überall herumgereicht wurdest, und dann verschwindest du in der Versenkung. Du bist für mich nicht als Autor von Interesse, sondern als zukünftiger Politiker. Was sollte das? Du bist allen über den Mund gefahren, hast dich in den Mittelpunkt gedrängt, konntest nicht aufhören, zu dozieren. Hier geht es aber um Kontrolle, Perspektive, hier geht es um ein bestimmtes Ziel.»
«Wie redest du denn mit mir, Müller?»
Thiersbach landete nach dem Hochgefühl des Auftritts unsanft, das sah Müller seiner Körpersprache an, die der Mann einfach noch nicht unter Kontrolle hatte; hier fehlte eindeutig etwas Training.
«Hast du nicht gesehen, auf wessen Seite das Publikum stand?»
Er kapierte immer noch nicht, was das Wichtige war.
«Das Publikum, ja», fuhr Müller fort, den scharfen Tonfall gemäßigter. «Aber deine zukünftigen Kollegen, noch dazu die der eigenen Partei, solltest du mit dem versöhnlichen Ende deines Buchs vertraut machen, mit dem Aufruf zu mehr Engagement der Bürger und Unterstützung ihrer gewählten Vertreter. Man fuhrt die eigenen Leute nicht vor, es sei denn, es ist kühl geplant. Deren Unterstützung brauchst du irgendwann, und es gibt Regeln, wie weit man in solchen Diskussionen geht. Unsere Pläne betreffen nicht dein Buch, nicht dessen Inhalt, es ist nur Mittel zum Zweck.»
«Moment mal, Richard, du musst mir schon zugestehen, dass ich bestimmte Dinge auf meine Weise handhabe, schließlich bin ich es, der sich draußen vor den Kameras präsentiert.»
Er benötigte die sprichwörtliche feste Hand.
«Auf meine Kontakte hin, ja. Du hast es anscheinend noch nicht begriffen. Ich rate dir, das Video von diesem Auftritt sorgfältig auszuwerten und dich zu disziplinieren, ich habe nicht vor, meinen Einfluss, meine Zeit an einen Verlierer zu verschwenden. Du brauchst jede Unterstützung, vergiss nicht, dass du in der Partei nicht unumstritten bist, da erinnern sich noch einige an dein Versagen. Und wie willst du verhindern, dass sich jemand von der Presse deine familiäre Situation vornimmt und herausfindet, was deine Frau so treibt? Da besteht Handlungsbedarf. Und jetzt raus hier, ich habe noch einen Termin.»
Potsdamer Platz.
Hier war Melissa nur aus beruflichen Gründen oder mit Besuchern von außerhalb, die sich das Quartier zeigen ließen, ein aus dem Boden gestampftes Viertel, wo Berlin Manhattan spielte. Man versuchte, Atmosphäre herbeizureden; für Melissa blieb der Eindruck eines Instantviertels, saubere Kulisse für Touristen und Leute mit Geld.
Der Mann in der opulenten Phantasieuniform hieß Melissa herzlich willkommen. In der Halle steuerte sofort eine junge Frau in konservativem Dunkelblau auf sie zu.
«Kann ich Ihnen helfen?»
«Nein», erwiderte Melissa und lief weiter, vorbei an der Rezeption.
Die Frau umrundete rasch eine Säule und war wieder an Melissas Seite.
«Ich bin Ihnen gerne behilflich.»
«Ich brauche keine Hilfe. Aber wenn Sie wissen wollen, was ich hier will, dann fragen Sie einfach.»
Die Frau blieb stehen.
Melissa wies sich zurecht, weiß der Himmel, was sie an der Frau reizte, sie war beruflich hier, und es machte keinen Sinn, es sich mit Angestellten der Hotels zu verderben, in denen mögliche Klienten absteigen würden.
Wie jetzt. Sie war mit Cass verabredet, im Teeraum des Hotels mit den vielen Sternen; zum ersten Mal war sie hier.
Melissa ging vorbei an reservierten, niedrigen Tischen, fand schließlich einen freien Zweisitzer, für zwei Personen eingedeckt.
Angenehme Temperatur. Säulen, die vorgaben, aus Marmor zu sein, üppige Kronleuchter, der übliche handgeknüpfte Teppich, Porzellan hinter Glas als optische Trennwand zum Eingang – das hier ist was für Amis und reiche Russen, befand Melissa.
Fünfzehn Uhr und keine Cass.
Melissa trug eine ihrer Sommeruniformen, von denen sie für Fälle wie diesen eine im Büro aufbewahrte. Es war ein leichter dunkelgrauer Seidenanzug, den sie auch noch in Schwarz besaß. Kein lästiges ‹Was zieh ich an› – das Problem hatte sie gelöst, entsprechend der Jahreszeit das Material. Sie kleidete sich dienstlich sehr zurückhaltend, bot sich als unauffälligen Hintergrund für die Stars und Sternchen, die sie betreute.
Das Haar hoch gesteckt, keinen Schmuck, außer einem schlichten Goldreifen am Zeigefinger, nichts, woran man sie festhalten, was Verletzungsgefahr bedeuten konnte. Flache Halbschuhe, die auch zum Rennen taugten. Und eine Umhängetasche, an kurzem Riemen, mit dem Notwendigen wie zwei Handys, eines davon mit einer Nummer, die nur das Büro kannte.
Betreuen, Pampern, das war ihr eigentlicher Job. Die großen Stars aus dem Ausland brachten Leibwächter mit, oder man beauftragte Melissa, für örtliche Security-Leute zu sorgen. Das war für Cass nicht nötig, so weit war sie noch nicht, dass Fans und Reporter sich Tag und Nacht auf ihre Spur setzten. Zumindest dieser Hotelaufenthalt hatte sich nicht herumgesprochen, keine Fans, die vor den Hoteleingängen herumlungerten; notfalls konnte Melissa noch jemand hinzuziehen.
Melissa kannte die Stimmungen vor und nach Konzerten, wann Zuspruch nötig, wen schweigend begleiten, kannte diese Mischung aus Aufregung und den unvermeidlichen Zweifeln, die manche bis zum Kotzen kurz vor der Mugge trieb; gigantische Gelder und viele Arbeitsplätze hingen von solchen Auftritten ab. Aber da war auch die wilde Lust auf die Bühnenshow, auf das Publikum, vögeln, die Gegenwart umarmen, einen Auftritt lang. Melissa wusste, wie mit den Stars nach den Konzerten umgehen, nach der Euphorie, dem schwülen Dunst des Jubels, der an ihnen hing, die Depression, wenn die Erschöpfung kam. Und sie kannte die relevanten Clubs, Läden, Plätze in der Stadt, für das Danach.
Eine Hotelangestellte begrüßte Melissa freundlich, öffnete einen Kasten, in dem sich Schälchen mit Teesorten befanden, Duftproben von Sorten, die Melissa alle unbekannt waren, sie gehörte zu den Kaffeetrinkerinnen. Sie entschied sich schließlich nach Geruch für eine der Sorten, dessen Namen sie sofort wieder vergaß.
«Dazu reichen wir englische Sandwichs und Teegebäck.»
«Ich möchte nichts essen, danke.»
«Aber das ist hier so üblich.»
«Ich möchte nur Tee trinken.»
«Das ist eine Teezeremonie, das gehört dazu», beharrte die Frau im asiatischen Gewand und entschwand mit liebenswürdigem Lächeln.
Melissa steckte sich eine Zigarette an.
Pianoklänge, natürlich. Perlendes Tu-niemand-weh, Melodisches für jedermann, einen Tick zu laut.
«Das solltest du lassen. Nikotin ist scheiße, macht alt.»
Plötzlich stand Cass vor ihr, ließ sich in den Stuhl Melissa gegenüber fallen.
«Der ist ja hart. Nö.»
Lautstark zog sie um, zu einer Polstersitzgruppe, ungeachtet des Reserviert-Schildes, warf sich in die Couchkissen. Melissa blieb nur übrig, ihr zu folgen.
«Melissa, ja? Na ja, sonst kommt niemand infrage, der mein Leibwächter sein könnte, wenn ich mich in dem Museum so umsehe. Was gibt’s hier? Tee? Oh nee.»
«Du wolltest dich hier mit mir treffen. Tag, Cass.»
«Hi. Na ja. Warum nicht. Was ist das hier? Diese Stäbchen? Kandis? Ist ja geil.»
Hellblond gefärbtes Haar, zu einer wilden Frisur sorgfältig auftoupiert. Schwarz umrandete Augen. Der Rock kurz, drei Gürtel darüber, das Hemdchen im Rücken tief ausgeschnitten. Armreifen, Ringe an beiden Daumen, ein Augenbrauenpiercing, ein Tattoo wie ein Armband am Oberarm.
«Die haben mich hier eingebookt, in diesen megaöden Laden. Was ist das denn?»
Die Teemeisterin tauchte auf mit ihrem Riechkasten. Unbekümmert griff Cass in eine der Schalen, entnahm eine Prise Tee, roch daran, fragte lautstark nach.
Sie war die jüngste Künstlerin, die Melissa je betreut hatte, und sie ahnte, dass das eine echte Aufgabe werden würde.
Sie war bei einer der Castingshows im Fernsehen aufgefallen, hatte es zwar nicht in die Endrunde geschafft, passte aber einer Plattenfirma ins Konzept; gleich die erste Single wurde ein Nummer-eins-Hit in den Charts. Nun galt Cass in der Branche als heiß – jedenfalls noch für diesen Sommer.
Cass begrüßte begeistert die winzigen Süßigkeiten und Sandwichs, kunstvoll belegt und auf einer Porzellanetagere serviert.
«Ist das für dich?», fragte Melissa und sah die Bedienung an. «Ich habe nichts zu essen bestellt.»
«Ach, iss doch, du kannst das doch noch halbwegs vertragen, geht alles auf Rechnung der Plattenfirma.»
Ob die Kleine die unterschwelligen Unverschämtheiten gezielt oder unbeabsichtigt von sich gab?
Cass jedenfalls griff zu.
«Ich würde gern ein paar Punkte klären.»
«Okay», nuschelte Cass mit vollem Mund. «Willst du echt nichts? Probier mal, schmeckt geil.»
«Hat die Plattenfirma noch andere Sicherheitsleute engagiert?»
«Nö, dieses Mal nicht. Die Veranstaltung wird sowieso bewacht. Und du kannst das Zeug doch auch, oder? Ich meine, Karate und so.»
«Um wie viel Uhr bist du dran? Hast du einen Ablaufplan?»
Cass zog einen gefalteten, zerknitterten Zettel aus dem Rockbund und warf ihn Melissa zu.
Eine Skizze des Auftrittsorts, Garderobe und Bühne gekennzeichnet, die zeitliche Abfolge der Auftritte, der Name einer Ansprechpartnerin und deren Handynummer.
«Was ist mit …»
«Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?», unterbrach eine Hotelangestellte.
Cass nickte.
«Essen ist okay. Aber mein Tee fehlt noch.»
«Ich kümmere mich sofort darum.»
«Was ist mit Bühnenkleidung?», nahm Melissa den Faden wieder auf.
«Meine Klamotten sind schon dort.»
«Wann ist der Soundcheck?»
«Der war heute Vormittag.»
«Hilft dir heute Abend jemand mit Make-up und Frisur?»
«Ich brauch vorher unbedingt noch einen Termin. Du kennst doch sicher jemand? Die meisten sind so spießig, verstehst du. Aber nimm nicht den, zu dem du gehst, das ist echt nicht mein Stil.»
«Wie wär’s mit Larry?»
«Jap.»
«Ich mach dir einen Termin. Nochmal zu heute Abend. Soll ich mich auch um die Abwicklung der Gage kümmern, oder ist das geregelt?»
«Ist geregelt.»
«Wie bist du heute Vormittag an den Auftrittsort gekommen? Hast du einen Fahrdienst?»
«Heute Morgen hat mich jemand von den Veranstaltern gefahren.»
«Gut. Ich besorg uns mal eben einen Wagen.»
«Kann ich einen mit offenem Verdeck haben?»
«Wäre eine Klimaanlage nicht besser bei der Hitze? Außerdem ist ein geschlossener Wagen günstiger, wenn sich Fans vor dem Jagdschloss einfinden und …»
«Darf ich Ihnen einschenken?»
Schon wieder eine Unterbrechung. Und wieder eine andere Bedienung, die hatten eindeutig zu viele Leute. Oder zu wenig zu tun. Und fiel der Blick im Gespräch zufällig auf einen der Angestellten, die ständig Koffer vorbeitrugen, vermutlich in einen Aufbewahrungsraum, was einem das Gefühl von Hauptbahnhof gab, wurde man immerfort gegrüßt.
«Entschuldige mich.»
Melissa rief die Autovermietung an, bei der sie Stammkundin war und sich auf den tadellosen Zustand der Wagen verlassen konnte. Sie bestellte ein Auto mit Klimaanlage und zu öffnendem Verdeck; man würde es in einer halben Stunde vor die Tür stellen, Schlüssel und Papiere an der Rezeption abgeben. Beim Friseur Larry erklärte man sich bereit, Melissa einen Gefallen zu tun und Cass einzuschieben; sie gehörte noch nicht zu der Kategorie von VIPs, für die sich Larry persönlich Zeit nahm.
Mittlerweile futterte sich Cass durch das süße Teegebäck. Ihr Körper wirkte gut trainiert, nicht ein Gramm Fett zu sehen, das ungebeten war.
Cass fing Melissas Blick auf.
«Ich habe Glück, verstehst du. Der Presse erzähle ich manchmal was von Disziplin und Training, wenn mich so eine Fette interviewt, aber ich hab einfach nur Glück. Meine Mutter kann auch futtern, so viel sie will, ohne zuzunehmen.»
«Was sagen deine Eltern zu deiner Karriere?»
«Die sind tierisch stolz auf mich. Ich bin Einzelkind. Ich hab schon als Kind gewusst, dass ich auf die Bühne gehöre, hab Gesangs- und Tanzunterricht bekommen und was so dazugehört, du verstehst schon, Zähne richten, Nase kleiner und so.»
Was war Mache, was war echt? Hatte Cass auch eine private Seite, die sie nur Freunden enthüllte? Trennten diese Kids überhaupt zwischen privat und professionell? Die Erfahreneren im Business, die Älteren, hatten selbstverständlich ein professionelles Gesicht, auch wenn sie als natürlich, als echt in Medien dargestellt wurden, war das nur eine weitere professionelle Maske.
Cass dagegen schwatzte munter und distanzlos drauflos, als wäre Melissa eine gute Freundin, bis die sie unterbrach.
«Was willst du denn mit deinem freien Wochenende anfangen?»
«Keine Ahnung. Aber der Schuppen hier ist langweilig. Jetzt hab ich zum ersten Mal seit Monaten frei und weiß nichts damit anzufangen.»
«Was hattest du mit deiner Managerin geplant?»
«Na ja. Wellness und so. Ausruhen.»
«Hast du einen Freund oder eine Freundin, die du treffen willst?»
«Ich hab keine Zeit für einen Kerl. Und du? Hast du einen Typen? Nein? Aber du gehörst hoffentlich nicht zu diesen älteren Ladys, die lieber mit Katzen zusammenleben als mit ’nem Kerl. Meine Mutter hat so ’ne Bekannte, ein zynisches, sarkastisches Weib, sag ich dir, die liegt nur auf dem Sofa rum, wenn sie von der Arbeit heimkommt, frisst sich seit Jahren mit Süßem voll, kann aber natürlich nichts für ihr Fett, verstehst du. Sie glotzt TV und kennt die Serienpeople besser als ihre Bekannten. Und alle sind dumm, die ganze Welt, verstehst du, nur sie nicht. Willst du dieses Teil?»
Cass deutete auf ein Stückchen Schokoladenkuchen. Melissa winkte ab.
Ältere Dame. Schönen Dank. Die Kleine sammelte Minuspunkte. Melissa sah nochmal auf das Blatt Papier. Cass’ Auftritt fand um zweiundzwanzig Uhr statt.
«Wie lange vor dem Auftritt willst du im Jagdschloss sein?»
Cass hörte auf zu kauen. Zum ersten Mal schlich sich ein Zeichen von Unruhe in ihr Gesicht, sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne, dann die Oberlippe, saugte daran.
«Weiß nicht genau. Was meinst du?»
Unterlippe, Oberlippe zwischen die Zahnreihen.
«Das Auto wird gleich da sein. Wir sollten die Zeit nicht zu knapp berechnen. Lass uns jetzt zum Friseur fahren. Brauchst du noch was aus deinem Zimmer? Ja? Dann warte ich hier und erledige das Finanzielle.»
Die Teestunde kostete sechsunddreißig Euro. Melissa konnte das ungebetene Essen nicht monieren; Cass hatte die Etagere für zwei leer geräumt.
Melissa ließ sich eine Rechnung geben und holte die Autoschlüssel ab.
Paula stand in der Nähe des Eingangs zum Jagdschloss. Sie wartete auf Tamara und die Einladungen, die Sonja am Nachmittag ins Büro bringen ließ und die Tamara eingesteckt hatte, bevor sie am späten Nachmittag verschwand. Ohne die Einladungen kam niemand an den Männern der Security-Firma vorbei, die das Anwesen, vor allem den Eingang bewachten, schwitzende Männer in schickem Zwirn und gepolsterten Anzugjacken. Ein roter Teppich war ausgerollt worden. Autos mussten ein Stück entfernt auf einem Parkplatz abgestellt werden.
Das Jagdschloss, ein Museum mit Gemälden und Jagdzubehör, mochte früher ein angenehmer Halt zwischen Stadtschloss und Potsdam gewesen sein. Es lag beinahe am südlichen Ende des Sees, am nördlichen Teil führte der Berliner seine Hunde aus, ließ sie baden. Hundegebell, anfeuernde Rufe der Besitzer –, Paula war dieser Teil des Sees verhasst.
Das Fest heute Abend würde im Freien, im gepflasterten Innenhof, stattfinden, durch das Tor sah sie im Vorbeigehen noch letzte Vorbereitungen und geschäftiges Hin und Her auf der Bühne.
Paula war eine Stunde vor dem offiziellen Beginn um einundzwanzig Uhr eingetroffen, ein Taxi hatte sie bis zum Parkplatz gefahren, sie war am Morgen mit der S-Bahn in die Stadt gekommen.
Sie saß noch am See, genoss das Bild, bis man sie durch eine absurde Aktion vertrieb: Man sprühte in den angrenzenden wilden Wiesen, als könne man so die Stechfliegen vom See abhalten.
