Barackencarlos - Jürgen Ritschel - E-Book
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Barackencarlos E-Book

Jürgen Ritschel

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Beschreibung

Der Roman „Barackencarlos“ist 1981 erschienen. Es ist der Roman einer Umsiedlerfamilie, die nach dem Krieg in ein Barackenlager am Rande einer kleinen Elbstadt verschlagen wird und dem Vorurteil der ansässigen Städter unterliegt. Der älteste Sohn, Carlos, Klempnerlehrling auf der Schiffswerft, wird von einer Siedlungsbande verachtet, gejagt und gequält. Das Blatt wendet sich etwas, als Carlos den Anführer rettet, der auf einer Eisscholle in die weite, überflutete Aue treibt. Die neue Gesellschaft in der sowjetischen Besatzungszone stellt Carlos ein Ingenieurstudium in Aussicht, wenn seine Noten gut ausfallen. Ein schönes Ziel, denn er will aus der lumpigen Kleidung heraus, um der hübschen Susanne aus der Beamtenvilla zu gefallen, der Tochter des Personalchefs. Als Vater Jatzig aus englischer Gefangenschaft zurückkehrt, will er mit Hilfe von Carlos die siebenköpfige Familie aus der Armut ziehen. Der Personalchef bietet dazu schwarze Geschäfte an für seine illegale Firma. Während sie nachts eine versenkte Drehbank aus dem Hafen bergen wollen, kommt Senf, ein kleiner, liebenswerter Gauner und mittlerweile Freund von Carlos, dabei um. Grund genug, Carlos zur Besinnung zu bringen. Jürgen Ritschel hat ein unverwechselbares Buch geschaffen aus dem Volksleben der Nachkriegszeit, handlungsreich, voller Spannung, oft humorvoll, nicht selten kriminalistisch anmutend und immer den Wahrheitsgeist der Zeit treffend. LESEPROBE: Für Carlos ist es Flucht. Wegen der Sache mit dem Eisenbahner kann er nicht mehr jauchzen über das Abenteuer Kohlenklau. Er steigert sein Tempo, rennt jetzt. Vater hält mit. An der Chaussee verschnaufen sie kurz und wittern hinüber zum Güterbahnhof. „Abgehängt den Köter“, sagt Carlos. „Weiter!“, befiehlt Jatzig. Carlos rennt wieder. „Seitenstechen!“, ruft er nach einigen Metern. Er bleibt stehen und krümmt sich leicht. „Weiter!“, drängt Jatzig. „Die haben unsere Spur.“ „Du hättest den Bahner in Ruhe lassen sollen“, keucht Carlos. „Dann säßen wir jetzt schon. Er uns oder wir ihn. Und nicht anders!“ Sie hören den Hund wieder. Carlos rennt und versucht gleichmäßig durch die Nase ein- und durch den Mund auszuatmen. Das Stechen verbeißt er. Nach einiger Zeit verliert es sich. „Und jetzt hundert Meter Richtung Helmdorf abbiegen“, weist Jatzig an. „Dann dieselbe Strecke zurück, über die Straße und nach links in den Feldweg!“ Der Schmerz glimmt immer wieder auf und nimmt Carlos den Atem. „Scheißkohlen!“

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EPUB

Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Impressum

Jürgen Ritschel

Barackencarlos

Roman

ISBN 978-3-95655-415-5 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1990 im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

1. Kapitel

„Bodo und die Siedlungsbande!“ Die Barackenjungen lassen sich ins verdorrte Gras fallen, pressen sich an den gefrorenen Boden, atmen verhalten und bewegen sich nicht. Sie sind in der Minderzahl, und sie wollen ihr Boot, eine halbe Bombenhülle, nicht ihren Feinden überlassen.

Bodo stellt sich vor seinen Leuten auf, verschränkt die Arme und sieht herausfordernd in die Gesichter.

Die Zeit, auf Eisschollen zu fahren, ist da. Eine milde Januarwoche hat Hochwasser gebracht, und nun, im kalten Februar, treiben Schollen über die Wiesen, ziehen still an den Jungen vorüber, oft groß genug, die ganze Bande zu tragen. Und wenn die körnigen Ränder aneinanderstoßen, rauscht das Eis sanft. Aber es klirrt auch, wenn die Schollen bersten, sich auftürmen, sich zermalmen. Und dann erscheint das Wasser dunkler, die Strömung reißender, und der beißende Wind geht unter die Haut.

„Feige?“ Bodo sieht einen nach dem anderen an. Er hat Erfahrung beim Schollengondeln. Das wissen sie. Sie wissen auch, dass er im Jahr zuvor ins Wasser gesprungen ist, um nicht abzutreiben. Darum weichen sie seinem Blick aus, und keiner fordert, er solle den Anfang machen.

Joachim Schwarzbach steht abseits. Er ist der Bande einfach nachgelaufen, obwohl ihm Bodo Schläge angedroht und ihn ein feiges Schwein genannt hat. Jetzt könnte Joachim beweisen, dass sie ihn bisher grundlos ausgeschlossen haben. Er macht einen unsicheren Schritt, überblickt hastig die riesige Wasserfläche. Sie wirkt düster. Er bleibt stehen, schwankt, bemerkt Bodos spöttisches Grienen und stolpert in den Kreis der Bande.

"Was?“, schreit Bodo. „Von diesem Stück Elend lasst ihr euch in die Tasche stecken?“ Er zupft an Joachims Kleidung herum. „Da! Keinen Arsch in den Hosen. Hier! Sind das etwa Muskeln? Und ihr wollt Deutsche sein? Scheißer seid ihr!“

Joachim krümmt sich unter dem Hohn, tritt aufs Randeis, schlittert vorsichtig zum Wasser. Manche Schollen sind zu klein, manche zu weit entfernt. Er wartet auf eine große, die auf ihn zu treibt, läuft nebenher, als sie das fest Eis schabt. Die Bande feuert ihn an. Er bückt sich leicht, setzt ein Bein vor, will überspringen, zögert. Die Scholle löst sich vom Ufer. Schnell vergrößert sich ihr Abstand. Das Enttäuschungsgeheul treibt ihn erneut an. Er rennt, - es ihn trennen schon Meter von der flüchtigen Fläche.

„Los! Die nächste!“, fordert Bodo und drängt Joachim zum Wasser. Der klammert sich ängstlich an Bodos Joppe. Der morsche Stoff reißt. Joachim verliert das Gleichgewicht, strauchelt, springt auf eine Scholle, um nicht ins Wasser zu fallen. Die Scholle kippt. Winselnd kriecht er auf eine andere. Bis zum Leib ist er durchnässt.

Bodo schlägt sich vor Wonne auf die Oberschenkel und lacht, besinnt sich, sieht an seiner Joppe hinunter und droht Joachim mit der Faust. „Ich mach’ dich fertig. wenn du dir wagst, an Land zu kommen.“ Er zerrt am verdorrten Gras, bis sich Büschel aus dem gefrorenen Boden lösen und bewirft Joachim. Die Bande jubelt bei Volltreffern. Allmählich treibt die Scholle vom Ufer weg. Bodo lässt seinen Arm sinken, duckt sich, starrt Joachim nach. „Mann, komm zurück! Willst wohl absaufen?“

Die Jungen bleiben erschrocken stehen.

„Los, retten!“, befiehlt Bodo. „Was glotzt ihr blöd? Der treibt ab!“

Sie sehen sich hilflos an, wirbeln mit einem Mal am Ufer durcheinander und schicken unsinnige Ratschläge hinüber. Bodo flucht unablässig.

Die Scholle schwimmt auf eine Hecke zu, in deren Nähe Carlos mit den Barackenjungen versteckt liegt. Sie verständigen sich, und Carlos schiebt das winzige Einmannboot ins Wasser. Vorsichtig bewegt er das Paddel, ein grob behauenes Brett, und balanciert mit dem Körper. Er hält scharf gegen die Strömung, zweifelt, ob sein Vorhaben gelingt. Schwarzbachs Scholle wird an der Eisbarriere der Hecke brechen. Er treibt direkt drauf zu. Carlos zieht das Brett kräftiger durch. Die Flut rauscht in den Zweigen, schießt unter dem Eis hervor, lässt Strudel zurück. Das Boot schlingert. Carlos versucht, Gleichgewicht zu halten. Sofort zieht ihn die Strömung um Meter von der Hecke weg. Er fängt den Kahn ab, kämpft sich verbissen gegen die reißende Gewalt an eine Erle heran, schlingt die Leine um den Stamm, steigt auf einen Ast über und zerschlägt mit dem Paddel das angestaute Eis.

Joachims durchnässte Kleidung ist steif gefroren. Aus geweiteten Augen verfolgt er, wie die Entfernung zur Hecke abnimmt. Dahinter dehnt sich die Wasserfläche, und fast am Horizont jagen sich die Schollen im Bett der Elbe. Er richtet sich auf, kriecht ein winziges Stück, sieht sich verzweifelt um. Kein Balken, keine Erhebung, nur Schollen, und die Siedlungsjungen am Ufer glotzen hilflos. Joachim zieht die Knie an, hockt sich. Die Scholle taumelt. Ihr Rand taucht ins Wasser. Er kauert sich schnell, liegt nun wie eine Katze, bereit, ins Buschwerk zu springen. Noch zwanzig Meter, und direkt vor ihm zwängt sich der Fluss gierig durch einen eisfreien Schlund. Joachim schließt die Augen, krallt sieh in den Harsch. Dann ein Anprall, Knirschen, brechendes Eis und mittendrin ein menschlicher Schrei: „Aufpassen!“

Etwas umklammert seine Brust. Er wird gehoben. Ein Ungeheuer! Er schreit mit letzter Kraft, strampelt.

„Halte dich ruhig!“, ruft Carlos. „Steig auf den Ast!“ Joachim begreift erst jetzt. Hastig umklammert er den Baum. Die Beine treiben im Wasser. Die Strömung zerrt. Carlos bugsiert ihn in den Kahn.

„Zieh dich zum Ufer!“, befiehlt der Retter. Ungeschickt greift Joachim nach den Ästen, aber die gefrorenen Finger rutschen ab und er wird mit dem Boot vor dichtes Mehlbeergebüsch gespült.

„Ich komme!“ Carlos rutscht ans Astende. Das winterspröde Holz bricht. Der Fluss reißt ihn mit, drückt ihn gegen Rosengestrüpp. Das eisige Wasser nimmt Carlos die Luft. In seinen Augen spiegelt sich Angst. Instinktiv ergreift er Äste über sich und zieht sich mühsam gegen den Strom zu einem sicheren Standort. Er keucht, spannt die Muskeln an, um einen Schüttelanfall abzuwehren. Trotzdem findet er Kraft, das Getöse zu überschreien. „Schmeiß den Strick her!“

Joachim holt mehrere Male aus. Steif vor Kälte, fehlt ihm jedes Geschick, und das Boot droht zu kippen. Carlos beugt sich vor, bis er die Bordwand fassen kann. Er schiebt das Gefährt, sucht Halt, hangelt sich an Ästen vorwärts, schiebt wieder ein Stück, sucht wieder Halt.

Die Siedlungsjungen haben ein Feuer entfacht. Carlos klettert den Hang hinauf, als laufe er auf Stümpfen. Seine einzigen Hosen sind noch zerrissener als zuvor. Die dürftig geflickten Schuhe fehlen. Seine Lippen sind blau. Heftig schlagen ihm die Zähne aufeinander.

Joachim strecken sich viele Arme entgegen. Kaum spürt er unter sich festen Boden, sackt er zusammen und weint.

Die Barackenjungen mühen sich um Carlos, ziehen ihm Hosen, Jacke und Hemd aus, wringen das alte Zeug behutsam und wehren, dicht um ihn gedrängt, den Wind ab.

Einer der Siedlungsjungen hat eilig aus Stöcken ein Gerüst gebaut. Er holt sich Carlos' Kleidung und hängt sie zum Trocknen auf. „Setz dich ans Feuer, Carlos!“, ruft er.

Die Siedlungsjungen rücken bereitwillig. Anerkennende Worte sind zu hören: „Klasse!“ - „Carlos ist unser Mann!“ - „Der gehört zu uns!“

Sie werfen abgestorbenes Gras und trockenes Schwemmgefilz ins Feuer. Die Flammen schlagen hoch. Die Wärme kribbelt in Carlos’ Zehen und Fingern. Er ist zufrieden. Er hat eine Tat hinter sich, um die ihn die meisten beneiden, und als aus der flinken Flechterei eines Siedlungsjungen ein Grasschuh für ihn wird, probiert er ausgelassen und hüpft unter beifälligem Gelächter umher. Bodo verkneift sich jede Reaktion.

Die Barackenjungen sind näher ans Feuer gerückt. Sie sitzen schweigend dicht beieinander und mustern die Runde misstrauisch. Es ist ungewöhnlich, so einträchtig mit der Siedlungsbande am Feuer zu sitzen. Selten kommt einer an der Siedlung vorbei, ohne gehänselt, verhöhnt oder geschlagen zu werden. Und jeder muss auf dem Weg zur Schule den äußeren Siedlungsweg kreuzen.

Für die Siedlungskinder ist dieses Verhalten selbstverständlich. Die Umsiedler gehören nicht in ihre Stadt. Sie sind von irgendwoher gekommen, beengen ihren Lebensraum. Sie sind schmutzig, haben Läuse und Wanzen, verbreiten Krankheiten. Es sind in Lumpen gehüllte Geschöpfe, die anders als in Baracken gar nicht hausen können. Und selbst hier, ganz am Rande der Stadt, stört solcher Abschaum.

Carlos hat sich nie etwas gefallen lassen. Darum haben sich die Jungen um ihn geschart. Er hat jeden Angegriffenen verteidigt, und oft haben sie die Siedlungsbande aus dem Wäldchen verjagt und sich jene vorgeknöpft, die einen Barackenjungen verprügelt hatten. So ging das fort. Auge um Auge. Und jetzt sitzen sie miteinander an einem Feuer.

Einer von ihnen, dreizehn Jahre alt, schlottert in einer zerlumpten Lodenjoppe, die ihm von den schmalen Schultern herabhängt und bis an die Waden reicht. Die Füße, mit Lappen umwickelt, stecken in zu großen Holzschuhen. Seinen kahl geschorenen Schädel bedecken graue, schuppige Grinde. Fahl ist die Gesichtshaut. Die Augen liegen tief und sind dunkel und wirken wie Löcher. Beim Lachen entblößt er große gelbliche Zähne. Ihn beobachtet Bodo. Joachim hat sich beruhigt. Er stolziert in langen Unterhosen vor dem Feuer auf und ab, stemmt die Hände in die Hüften und fühlt sich nach Bodo als wichtigster Mann. Anerkennende Blicke vom Anführer erhofft er sich vergeblich. Aber als dieser aufspringt, ihm auf die Schulter schlägt und laut sagt: „Schwarzbach!“, da hört Joachim Anerkennung heraus, und er lacht Bodo dankbar ins Gesicht. Bodo lächelt und ergänzt: „Du stinkst.“

Joachim grinst dumm. Er versteht nicht.

„Merkt ihr“, wendet sich Bodo an die anderen, „hier stinkt was.“ Er zeigt auf Carlos. Einige lachen.

„Klar, du stinkst, Schwarzbach.“ Bodo sieht der Reihe nach in die Gesichter seiner Anhänger, hebt ruckartig den Arm, zeigt auf den kahl geschorenen und ruft: „Was will denn der Totenschädel hier?“

Stirn und Wangen des Verhöhnten verfärben sich. Seine Augenhöhlen erscheinen schwarz. Die Lippen öffnen sich, erstarren zu einem Viereck. Schallendes Gelächter von der Siedlungsbande. Bodo schlägt sich wie wild auf die Oberschenkel. Sein Lachen übertönt das der Schar.

Die Barackenjungen rücken enger aneinander, beobachten hasserfüllt ihre Feinde und hoffen auf Carlos.

Der erhebt sich langsam. Seine Freunde stoßen sich an, bereit, gegen die Übermacht zu kämpfen.

„Guck dich an, Busch!“, sagt Carlos zu Bodo. „Und sieh meine Faust an!“

Bodo, endlich am Ziel, setzt ein Bein vor, hebt seine Fäuste in Brusthöhe und ruft: „Auf die Baracken! Haut die Baracken!“

Gewöhnlich folgt solcher Aufforderung wildes Geheul. Diesmal ruft sie Erstaunen hervor.

„Feige Schweine“, sagt Bodo verächtlich. Carlos tritt vor ihn hin. „Zweikampf!“, fordert er ruhig. „Für den Totenschädel, für den Gestank und für Schwarzbach, der wegen dir beinahe abgesoffen wäre.“

Das Geheul folgt jetzt, und sofort bildet sich ein Ring. Bodo wirft drohende Blicke auf seine Bande, duckt sich plötzlich, tätschelt mit den Fäusten die Luft und ruft: „Hier könnt ihr Schmeling erleben!“

Das zählt! Und wer seine Fäuste so gekonnt vom Körper stößt wie Bodo, darf sich Schmeling nennen.

Die Barackenjungen bleiben reserviert. Sie hoffen auf Carlos. Locker steht er vor Bodo, hält ab und zu die Luft an, um Kälteschauer abzuwehren; die Arme lässt er hängen. Bodo verzieht geringschätzig seine Lippen, schickt zuerst die Linke, dann blitzschnell die Rechte gegen Carlos, aber jeder Schlag stoppt Millimeter vor dessen Gesicht. Carlos zuckt mit keinem Muskel. Die Umstehenden feuern beide an, brausen ungeduldig auf, tänzeln, knuffen sich, stemmen die Arme in den Himmel.

Carlos atmet geräuschvoll die beißende Luft ein, ballt endlich seine Fäuste. Anfeuernde Schreie der Siedlungsjungen ermuntern ihn. Bodo, unsicher geworden, federt zurück. Er tritt. Carlos gegen den Bauch.

„Feige!“, ruft einer aus der Siedlungsbande. Die Barackenjungen murren. Carlos ergreift im Fallen Bodos Bein und reißt es nach oben. Bodo fällt mit dem Rücken auf die hart gefrorene Lehmwiese. Ihm bleibt die Luft weg. Seine Bauchdecke zuckt. Er schnappt wie ein Fisch. Als die Blockade nachlässt, plagen ihn heftige Stiche unter den Rippen. Carlos taumelt, während er die feuchte, vom Feuer erwärmte Kleidung überzieht. Er verlässt mit seinen Freunden den Kampfplatz, ohne die Siedlungsjungen eines Blickes zu würdigen. Vor den Baracken erbricht er sich. Er kann sich kaum noch auf den Füßen hallen.

2. Kapitel

Carlos kriecht nun auf allen vieren. Er leckt das Wasser, das ihm vom regennassen Haar übers Gesicht rinnt, bellt und lacht, und er schüttelt sich, wie sich Hunde schütteln. Sie haben ihn wieder gejagt wie einen Hund. Die ganze Siedlungsbande. Vergessen ist über Frühjahr und Sommer, was Carlos im Februar riskiert hat. Hier auf dem schmalen Streifen Gras zwischen Wäldchen und Acker fühlt er sich allein und frei von seinen Peinigern. Er spielt die Rolle, die ihm andere zudenken. Er will wissen, ob ein Hundeleben so viel geringer ist als das seine. Er springt, winselt, knurrt, hechelt, fletscht die Zähne, dreht der verhassten Stadt sein Hinterteil zu und bläst mit dem Mund die verdorbenen Winde. Kein Fluch. Kein Ruf, ihn einzukesseln. Stumm flimmern über ihm die Espenblätter. Nur Tropfen unterbrechen ab und zu die Stille. So lebt sich’s besser. Und Carlos hebt ein Bein und nässt die alte Pappelborke.

Der Gewittersturm hat in Massen Kastanien geschüttelt. Carlos sucht die frischsten, noch gelb gestreiften, auf und drückt sie an die Lippen. Sie sind kühl wie der Regen und glatt und schön, und Carlos denkt an das Mädchen vom Beamtenhaus, sieht ihr Gesicht und den dicken, blonden Zopf, und er stellt sich vor, wie sanft sie die Kastanien mit ihren Lippen berühren würde. Aber bei diesen Gedanken wirft er die Kastanien wütend von sich. Ausgerechnet er und ein solches Mädchen! Wunder müssten geschehen, und Wunder sind ihm noch nie erfüllt worden. Er legt sich ins nasse Gras, verschränkt die Hände unter dem Kopf und sieht in den Himmel. Man müsste sich sehen können, sinnt er, wenn jeder zur selben Zeit nach oben guckt, und er strengt sich an, auf dem gewaschnen Blau ihr blondes Haar zu entdecken. Eine Krähe fliegt in sein Blickfeld. Träge zieht sie vorüber und krächzt heiser. Ein Schicksalszeichen? Carlos springt auf, schüttelt sich. Langsam schlendert er nach Hause. An einem Kartoffelfeld wird ihm sein Hunger bewusst. Pellkartoffeln von ganz jungen Knollen! Er verdreht die Augen und meint, einen Kochtopf dampfen zu sehen. Man brauchte ja nur ein bisschen am Kraut zu ziehen. Aber in der Bretterbude mitten auf dem Feld könnte ein Wächter hocken, und manch einem Kartoffeldieb ist tüchtig das Fell gegerbt worden. Carlos ahnt, dass ihn jemand belauert, doch er glaubt den Wächter nicht schon hinter den Bromheerbüschen. Und weil es Carlos nicht geheuer ist, am lichten Tag ins Feld zu steigen, meint er, man müsste sich von unten her ans Gemüse ’ranarbeiten. Schon gräbt er in Gedanken, sieht den Schacht sich formen, riecht die feuchte Erde, und endlich purzeln die begehrten Knollen. Den Sack braucht er nur aufzuhalten. Mutter zu Hause würde die Hände vor der Brust zusammenschlagen und sich gleich ans Kochen machen. Und während sie alle sechs, er, Mutter und seine vier jüngeren Geschwister, die heißen Kartoffeln verputzten, würde sie fragen: Doch hoffentlich nicht unrecht besorgt?

Nur vom Bauern.

Und sie würde sagen: Die haben’s. Die können geben. Aber lass dich nicht erwischen!

Carlos winkt ab, als fände das Gespräch auf der Wiese statt. Kleinigkeiten. Er wird schon dafür sorgen, dass die Familie auch in Zukunft durchkommt, selbst, wenn Vater nicht eines Tages aus Gefangenschaft zurückkehrt. Immerhin wissen sie nur vom Suchdienst, dass Vater bei den Engländern steckt. Von ihm selbst haben sie bisher keine Nachricht.

Carlos setzt sich an den Feldrand.

Der Wächter tritt seitlich an ihn heran. Wie ein Riese steht er vor dem Jungen und überlegt, oh er das Bürschchen in die Tasche stecken und vor den Bauern tragen soll oder ob die Androhung fürchterlicher Prügel ausreicht. Carlos erschrickt. Da bückt sich der Riese, hebt Carlos an den Armen hoch, bis die Füße frei über der Erde schweben und stellt ihn mit einem Ruck zurück auf den Rasen. Es staucht in den Knien. Carlos zuckt vor Schmerz. Der Pächter öffnet seine Lippen. „Du Stromer schleppst mich heimlich Kartoffel' ins Jebüsch. Die zeichst du miche!“

Es dauert, ehe Carlos in die Wirklichkeit zurückfindet. Begreifend antwortet er: „Schon meine kleinen Geschwister können Kastanien von Kartoffeln unterscheiden.“

Er zeigt auf Kastanien im Gras. Der Wächter lockert seinen Griff, betrachtet das Spielzeug wie einer, der nie Kastanien gesehen hat, lässt ab von Carlos und droht: „Ich zind eich die Baracken an. Wartet‘s ab!“

Er bewegt seinen schweren Kopf, um der Drohung Gewicht zu verleihen, und trottet, sich häufig umsehend, zu seiner Bretterbude.

Carlos verharrt, wo er steht, als hätt’ ihn der Riese in die Erde gerammt. Aber als der Wächter genug gegafft hat, stürzt sich Carlos wütend aufs Kartoffelfeld und reißt so viele Pflanzen samt Knollen heraus, wie er in Sekunden ergreifen kann. Dann setzt er über das freie Stück und verbirgt sich im Wäldchen. Der Wächter argwöhnt, Carlo liege in den Furchen, sein Feld anzuknabbern. Er bückt sich unbeholfen und lauert. Carlos lacht sich eins hinter den Büschen. In aller Ruhe pflückt er die Kartoffeln vom Kraut und stopft sie in sein Hemd. So will er es jetzt immer halten. Diese Ausbeute jeden Tag, und die Familie kann leben. Pfeifend zwängt er sich durchs Unterholz, hält schützend einen Arm unter den erhamsterten Leib. Das Märchen vom Tischleindeckdich wird wahr. Aber die Tauben sollen ihm gar nicht gebraten in den Mund fliegen. Er will schon etwas tun dafür. Will jetzt jeden Abend quer durchs Wäldchen gehen, einige Zeit im Unterholz versteckt das Feld beobachten und dann einsacken, soviel er tragen kann. Gut, dass Mutter etwas gegen die Bauern hat. Sie würde sich sonst totpredigen. Soll sie mal einen Topf Farbe aus der Werft mitbringen, winkt sie gleich ab, obwohl das Zeug dort kübelweise verstrichen wird. Andere nehmen sich, was im Wege steht. Vielleicht sollte er die Kartoffeln gegen Kleidung eintauschen. Gegen ein Hemd ohne Flicken und eine Hose mit Bügelfalte. Seine besteht aus vier Sorten Stoff, und keine Sorte taugt etwas. Und gegen Schuhe. Gegen Lackschuhe, die immer glänzen. Die Siedlungsbande würde staunen. Vom lahmen Senf, der manchmal wie ein Dieb um die Baracken schleicht, heißt’s, der soll sich von Musiziererei und Hausiererei volle tausend Mark zusammengespart haben. Nur würde Senf gerissen genug sein, keinen in seinen Reichtum einzuweihen. Darum glaubt's auch keiner. Carlos stellt sich vor, wie er selber die lieblichsten Weisen auf den Straßen fiedelt und wie das Geld kiloweise von allen Seiten in seine Kiste fliegt. Ein Hut genügt nicht. Eine Kiste müsste es mindestens sein. Aber wenn ihn das Mädchen vom Beamtenhaus sieht? Wenn er sich vor den Leuten verbeugt und sie käme vorbei? Wie sollte er sich ihr vorstellen? Barackencarlos, Bettler? Nein! Er müsste das Windrad bauen. Das wäre ganze Arbeit. Der Mast wird hundert Meter hoch, und oben drehen sich im Winde die Flügel und treiben eine Dynamomaschine an. Vorbei wär’s mit den Stromsperren. Seine Technik würde die Menschheit bewundern, wie einst die Nürnberger ihren ersten Zug, und der Baumeister erscheint in Frack und Zylinder. Mindestens.

Ein schöner Tag. Carlos hat sich in Laune gesponnen, die Verfolger sind längst vergessen. Er streift absichtlich die nassen Blätter und schnappt mit dem Mund nach den glitzernden Tropfen. Das Windrad ist einmalig. Sie werden staunen. Alle! Und schon lässt er die gesamte Stadt antreten, stolziert er durch ein Spalier Bewunderer, die ehrfürchtig ihre Hüte lüften und voller Achtung flüstern: Früher nannten sie ihn Barackencarlos.

Als er, noch benommen, auf einen Weg tritt, kommt ihm Joachim Schwarzbach entgegen. Erschrocken bleibt er stehen, auch Carlos zögert weiterzulaufen. Also kämmt die Siedlungsbande das Wäldchen nach ihm durch! Etwas entfernt knacken Äste.

Schwarzbach lächelt krampfhaft. Eine seltene Gelegenheit, sich bei Bodo Ansehen zu verschaffen. Stürzt er sich mit Gebrüll auf sein Gegenüber, alarmiert es die anderen, und sie hätten den wichtigsten Mann gefangen, das heißt Schwarzbach, die Pfeife, hätte ihn gefangen.

Carlos geht langsam auf ihn zu. Ohne seine Kartoffeln im Hemd wäre die Situation klar: Kein Wort, sonst knallt‘s! Aber Schwarzbach erkennt seinen Vorteil, weicht nicht und ruft triumphierend: „Barackencarlos!“

Von allen Seiten antwortet Geheul. Durchs Unterholz hetzt die Bande herbei, und Carlos wird von einer Übermacht niedergedrückt. Die Kartoffeln kullern auf den Waldweg. Er wehrt und windet sich, versucht Schwarzbach zu fassen, aber der hält sich abseits, bis Carlos am Boden liegt.

Bodo setzt einen Fuß auf Carlos’ Nacken und drückt dessen Gesicht brutal auf den Weg. „Küss die Erde, Satan!“, wiederholt er laufend durch die Schneidezähne und befiehlt: „Los, auf die geklauten Kartoffeln pinkeln!“

Schwarzbach beeilt sich. Er will erster sein. Und als das Geschäft erledigt ist, erklingt ein vielstimmiges Siegergejaule.

Carlos schnauft vor Schmerz und Wut. Er kaut Sand, spuckt und presst gequält hervor: „Schwarzbach, gnade dir Gott, wenn wir uns noch mal begegnen. Jeden knöpf ich mir einzeln vor. Wartet, ihr Hunde!“

Bodo sagt kurz: „Abführen!“

3. Kapitel

Nach dem unerwarteten Septembergewitter herrscht in der Siedlung wieder reges Sonnabendnachmittagsleben. Umgewehte Kaninchenställe werden aufgerichtet und die Herbstarbeiten in den Gärten fortgesetzt. Manche Leute schwatzen miteinander über die Zäune hinweg. Die Jüngsten patschen in morschen Schuhen durch Pfützen. Mädchen machen Kreisspiele. Jungen sausen auf Leiterwagen die betonierte Straße entlang. Kleinere kreiseln, und einige malen mit Porzellanscherben Humpelfelder auf den Beton. Irgendwo quält sich eine Schrotsäge durch hartes Holz. Hühner gackern. Ein Hund kläfft. Amelungs streiten sich weiter um die Lebensmittelkarten. Die Küchlein niest wie immer ungeheuer laut und lacht aus dem Fenster, weil ihr vom anderen Ende jemand Gesundheit gewünscht hat. Frau Schwarzbach ruft wieder ihren Joachim, und die Weißgerbern regt sich über das Geschrei der Kinder auf. Beyer, der Siedlungsverwalter, hebt die Kaninchenbucht an. Seine Arme zittern vor Anstrengung. Mehrmals versucht er, die Schulter unterzuschieben, drückt dann langsam den Stall hoch. Nawrath im Nachbargarten grient. Er wohnt erst seit einigen Monaten in der Siedlung, aber wer der alte Beyer ist, weiß er, und einem Roten hilft er nicht. Beyer hat sich einen Handwagen voll Pferdemist besorgt. Es scheint, er kann ihn endlich untergraben. Seit er nebenbei die Siedlung verwaltet, findet er kaum noch Zeit für die eigenen Beete. Er kassiert die Miete, repariert Fenster, Schlösser, Türen, reinigt verstopfte Klosetts und Kläranlagen und hat sich den Ärger der Leute anzuhören. Man sieht ihn selten anders als im Schlosseranzug. Er hat für die Siedlung zu leben. Gibt es Streit, hat er zu richten. Urteilt er anders als erwartet, beschimpfen ihn die Niederträchtigsten und reden ihm nach, er habe sich auf den Verwalterposten schieben lassen, um die zweiunddreißig Mark Miete zu sparen.

Beyer verteilt den Mist über die abgeerntete Fläche. Es arbeitet sich gut. Die Luft ist klar. Er wird einiges schaffen, bis seine Frau zum Kaffee ruft, und er stellt sich beim Dunst der saftigen Pferdeäpfel den Geruch des Zuckerkuchens vor, den Else eben bäckt. Gut hat seine Frau das Roggenmehl eingeteilt, das ihnen vom Ährenlesen geblieben ist. Zum Malzkaffee gibt’s Milch. Diesmal haben sie reichlich. Fünf Liter vom Bauern. Von dem hat er auch den roten Rübenzucker. Braucht keiner zu wissen, dass Schlosser Beyer dem Bauern eine kleine Tabakschneidemaschine gebaut hat.

Es ist seltsam still in der Siedlung geworden. Frau Schwarzbach ruft ihren Joachim nicht mehr. Beyer stützt sich auf die Gabel. „Endlich!“ Misstrauisch äugt er die Häuserfront entlang, schätzt die zu grabende Fläche ab und nimmt sich vor, bis zur Dämmerung die Hälfte zu schaffen. Aber kaum hat er den Spaten in der Hand, hört er seinen Namen.

Frau Schwarzbach rennt, winkt und ruft. Beyer stößt ärgerlich das Grabscheit in den Boden. Erst, nachdem sie ihn mehrmals am Ärmel gezerrt hat, wendet er sich um. Außer Atem erklärt sie, dass im Keller die Jauche steige, weil was verstopft sein möchte im Rohr und weil doch die Männer aus ihrem Hause im Kriege geblieben oder noch nicht heimgekehrt seien aus der Gefangenschaft, möcht er, der Herr Beyer, Manns genug sein ... Beyer winkt ab. Das stinkende Gummizeug hängt noch zum Auslüften am Zaun. Schweigend zieht er es über, nimmt Brechstange, Haken, Spirale und Schöpfer und geht langsam zum Abwasserschacht am Schwarzbachschen Haus. Vorsichtig und mit Abstand folgt ihm die Frau. „Jesus, wenn’s nun mal verstopft ist“, jammert sie laut. „Der Mann hat immer zu rackern, der möcht‘ immer auf Achse sein, so eine Siedlung ist ein undankbares Geschäft.“

Zwischendurch droht sie einigen Jungen, die, hinter Aschenkübeln versteckt, Joachim rufen und wie Mutter Schwarzbach das O betonen.

Als Beyer den Betondeckel heruntergehoben und zur Seite gezogen hat, tritt sie hinzu. „Ach, bitte, Herr Beyer, haben Sie vielleicht meinen Joachim gesehen? Kann doch sein, denk’ ich mir, wo Sie doch so viel herumkommen und jeden Schwanz kennen in der Siedlung. Man möcht’ nämlich hinterher sein hinter dem Burschen. Und ausgerechnet bei dem Unwetter heute bleibt der weg. Meinen Hühnern hat’s ja nischt gemacht, aber die vielen Karnickelställe ... Man möcht’ sich gar nicht vorstellen, wie den armen Hasen zumute war.“

Beyer nickt und steigt in den Schacht.

Eine Gruppe Jungen biegt in das untere Siedlungstor ein: Bodo Busch mit seiner Bande, unter ihnen das Kerlchen Joachim. Frau Schwarzbach stürzt fluchend auf ihn zu. Beyer steigt einige Sprossen hinauf und linst über den Rand. Die Schwarzbachen zerrt ihren widerspenstigen Sohn unter Püffen und Flüchen ins Haus. Beyer taucht wieder ab.

Die Bande zwängt sich durch den schmalen Eingang zum Wäscheplan, der sich an einer Häuserfront entlangzieht und vom Beamtengrundstück begrenzt wird. Die Jungen stoßen einen zerlumpten Gefesselten vor sich her, der nur widerwillig ein Bein vor das andere setzt: Barackencarlos.

Bever hat die Verstopfung beseitigt, und als er weitergraben will, dringt über die Giebel das Geschrei der Schwarzbachen: „Verbrecher seid ihr! Halunken! Eure Alten müssten sie einsperren bei Wasser und Brot. Den Herrn Beyer werd’ ich holen.“

Beyer schleudert den Spaten ins Erdreich. „Jetzt reicht’s!“, sagt er zu Nawrath, dem maulfaulen Zugezogenen. Der nickt nur.

Frau Schwarzbach bewegt, als sie wieder gerannt kommt, Kopf und Hände, um Beyer zu beschwichtigen.

„Mich geht’s ja nischt an“, beginnt sie, „aber mit Stacheldraht angebunden haben die ihn. Und wie der so steht, da denk ich mir, das ist doch Faschismus. Und immer ’rein in die Fresse. Aber meiner ist nicht dabei. Den hab’ ich eingesperrt. Alle möchten sagen, die Schwarzbachen, die hört man wieder bis sonst wo. Ist das ein Wunder, frag' ich Herrn Beyer, ist das ein Wunder, wo der den Stacheldraht aushalten möchte?“

„Wer möchte Stacheldraht aushalten?“, fragt Beyer, überzeugt noch, dass die Frau übertreibt.

„Carlos möchte‘ der heißen. So ein undeutscher Name. Verzeihung. Jesus!“

Joachim, der am Küchenfenster gelauscht hat, hastet ins Schlafzimmer, vor dessen Fenster Carlos am Wäschepfahl steht, und meldet eifrig: „Der alte Beyer kommt!“

Einige Jungen rennen ein Stück, bleiben aber stehen, als Bodo ihnen mit gewaltiger Stimme zubrüllt: „Haut ab. ihr Pfeifen! Lasst euch nie wieder blicken!“ Dann zeigt er auf Joachim. „Der ist die allergrößte Lusche. Hängt feige hinter den Gardinen. Komm ’raus, du! Hau deinem Retter aufs Maul!“

Joachim antwortet mit komischen Grimassen, steht plötzlich auf dem Fensterbrett, springt vom zwei Meter hohen Sims auf den Rasen, rappelt sich eilig auf, tritt Carlos gegen das Schienbein und hangelt sich Sekunden später wieder am Fenster hoch. Dies alles so schnell, dass selbst Bodo staunt. Aber er fasst sich und schreit: „Was glotzt ihr blöd? In die Schnauze, hab’ ich gesagt, und der latscht feige ans Schienbein.“

In wenigen Sätzen ist Bodo am Fenster und hält Joachims Beine fest, die gerade in der Wohnung verschwinden wollen. Nun hängt der Feigling wie ein Sack, die Beine im Wäscheplan, der Oberkörper im Schlafzimmer. Gleich muss Beyer auftauchen. Jeder will Joachim schnell noch eins auswischen und schielt fluchtbereit zur Ecke. Joachim windet sich verzweifelt. Er muss vor seiner Mutter im Zimmer sein. Aber schon prasseln ihre Schläge auf Kopf oder Holz, wohin sie gerade trifft. Flüche findet sie nicht. Ihr Sohn hängt die Füße zum Fenster hinaus, will aus dem Stubenarrest flüchten. Als sie endlich brüllt: „Der Herrgott möcht' dich strafen!“, geht unter ihr wildes Gelächter los. Bodo, dicht an die Hauswand gelehnt, zeigt nach oben und feuert die Freunde stumm an. Ein höllischer Spaß! Die Mutter zerrt ihren Sohn ins Zimmer und flucht, weil sie keinen Zentimeter gewinnt, die Jungen halten ihn zurück. Sie wird misstrauisch, schiebt sich über Joachim wie eine Glucke über das Küken und gewahrt die frohlockende Bande. Heftig droht sie mit den Armen und schreit : „Dir wird‘ ich geben! Ja, dich meine ich, Busch. Du bist der Anführer. Hinter Schloss und Riegel wirst du kommen. Wollt ihr wohl meinen Joachim loslassen!“

Beyer erscheint und droht mit der Faust. Die Burschen stieben auseinander wie eine Schar Fliegen. Carlos steht mit einem Mal aufrecht am Wäschepfosten und hebt stolz seinen Kopf. Er würdigt Beyer keines Blickes, auch nicht, als dieser hastig die verdrillten Drähte auseinanderbiegt. Beyer atmet heftig. Tonlos bewegt er die Lippen. „Genauso“, bricht es endlich aus ihm hervor, „genauso haben uns die Nazis gepeinigt. Ja, das ist Faschismus!“ Frau Schwarzbach reißt erschrocken die Augen auf. Sie hat es nur so dahergesagt und flüstert nun: „Da möcht’ was dran sein, wenn sogar der neue Siedlungsverwalter davon spricht.“

Sie drängt ihren Joachim aus dem Blickfeld, beugt sich übers Fensterbrett und schmettert ohne Pause zwischen den Sätzen: „Das möcht’ der Bodo sein. Der Sohn vom Busch. Wenn der nicht was zu quälen hat, weiß der Herrgott, ist das Miststück krank. Der hat schon Fröschen einen Strohhalm ins Arschloch gesteckt und hat sie aufgeblasen. Das hat er! Und wenn der nicht möcht’ ein Verbrecher werden ... Hinter Schloss und Riegel! Und die Alten mit. Jesus, wie der arme Junge zugerichtet ist. Komm’ rein, kannst dich abwaschen.“

Carlos hebt seine blutenden Arme und schüttelt die gespreizten Finger. „Wenn ich deinen Spross erwische, Alte, mit diesen Pfoten hier bringe ich den um!“

„Oh“, stöhnt die Frau. Dann droht sie wieder mit ihrem fetten Unterarm. „Gesindel! Halunke! Fort! Hinaus aus der Siedlung! Der Herrgott möcht’ dich strafen!“ Erbost wirft sie das Fenster zu.

Hat der Bursche das wirklich gesagt: Mit diesen Pfoten hier bringe ich den um? „Was redest du da?“ Beyers Gesicht läuft rot an vor Zorn. Carlos kneift seine Augen zusammen. Er starrt den Alten hasserfüllt an. Der beugt sich dicht zu Carlos herüber. „Du gehörst wohl selber zu diesen Meuchlern? Diesmal warst du dran, was? Wen willst du umbringen mit deinen Pfoten? Rede!“

Carlos stopft bedächtig sein zerrissenes Hemd in die Hose. Da Beyer keine Antwort erhält, fragt er knapp und unpersönlich wie ein Polizist: „Wer bist du, und wo wohnst du?“

„Ich?“ Carlos lacht verächtlich. „Ein Dreckschwein bin ich. Aus den Baracken.“

Beyer schweigt betroffen. Dann fragt er: „Leben die Eltern noch?“

Patzig entgegnet Carlos: „Ich habe Sie doch auch nicht nach Ihren Eltern gefragt.“

Beyer schluckt. Er ergreift Carlos’ Arm und drückt ihn, obwohl er die Wunden sieht. „Hör gut hin, wenn ich dich etwas frage, und antworte!“

Carlos macht sich los. Er steht unschlüssig vor dem Siedlungsverwalter. Soll er dem an die Kehle springen, oder soll er flüchten?

„Du bist kein Dreckschwein“, sagt Beyer leise, „aber“, und jetzt schwillt sein Ton an, dass es von den Wänden widerhallt, „ein erbärmlicher Dummkopf bist du. Erniedrigst dich. Lässt dich fesseln und windelweich hauen und wirst rotzfrech, wenn man dir hilft. Hast du das von deinem Vater?“

„Siedlungsschweine“, sagt Carlos. „Die kommen immer in Meute, überall passen die uns ab. Bloß, weil wir in Baracken wohnen.“

Beyer horcht auf, brummt etwas und nickt verstehend, greift dann in seine Jackentasche und zieht eine abgenutzte Tabakspfeife aus rohem Holz hervor. Aus der Hosentasche klaubt er ein Häuflein Rippentabak. Sorgfältig drückt er mit seinem verhornten Daumen das Kraut in die Öffnung, klopft die übrigen Taschen ab, findet das Feuerzeug und pafft die Pfeife an, nachdem er mehrere Male das Rädchen über den Zündstein gedreht hat.

So unmenschlich erscheint Beyer Carlos nicht mehr. Sein Vater hat die Pfeife ebenso umständlich in Brand gesetzt, auch er hat mit dem Daumen nachgestopft. Vielleicht auch mit einem anderen Finger, auf jeden Fall hat er nachgestopft, ganz andächtig, wie Beyer, und er hat nichts und niemanden dabei angesehen.

Beyer nimmt nach den ersten kräftigen Zügen die Pfeife aus dem Mund und zeigt zu den Baracken. „Die verschwinden!“ Und während er sich wieder in den graublauen Qualm hüllt und mit seiner geäderten Hand sanft den Pfeifendom umschließt, erinnert sich Carlos, wie sein Vater in Breslau eine echte Bruyere-Pfeife mit brasilianischem Tabak eingeraucht und ihm, Carlos, ein großes Stück Schokolade in den Mund gesteckt hat. Vater hat gelacht und gesagt: Ich genieße meine Bruyere mit Brasil und du deine Sarotti. Und der sechsjährige Carlos hat nun gewusst, dass in Vaters Traumland nicht nur Tabak wächst, sondern auch Schokolade und echte Bruyere-Pfeifen.

Carlos lächelt, und er sagt unvermittelt: „Vater ist im Krieg geblieben.“ Die Nachricht vom Suchdienst verschweigt er.

Beyer beißt auf dem Mundstück herum. Langsam geht er zum Siedlungshof zurück. „Nie was gehört?“, fragt er durch die Zähne.

„Die letzte Feldpostkarte kam im August vierundvierzig.“

„Seitdem bist du mit Muttern allein?“

„Mit ihr sind wir sechs.“

„Fünf Kinder.“ Beyer nickt, als müsste er die Antwort bestätigen. „Verdient einer schon?“

„Mutter! Ist Anstreicherin bei Sachsenbergs auf der Werft. Ich bin Klempnerlehrling. Auch bei Sachsenbergs.“

Beyer hat die Pfeife aus dem Mund genommen und zeigt in die Luft. „Die Sachsenbergs, die sind getürmt. Gleich nach dem Krieg. Und das ist schon drei Jahre her!“

Ein Pferdegespann biegt in die Siedlung ein. Die beiden Gäule stemmen sich ins Geschirr. Der Kutscher schwingt fröhlich die Peitsche, und oben auf den Säcken lärmt eine ausgelassene Kinderschar. Beyer legt zum Gruß zwei Finger an die Schläfe. Der Kutscher zieht überschwänglich seine schmuddlige Schirmmütze.

„Endlich wieder Einkellerungskartolfeln“, sagt Beyer und sieht freudig den großen eisenbeschlagenen Rädern nach, die auf dem Beton eine helle Spur hinterlassen.

„Wie heißt denn deine Mutter? Vielleicht kenne ich sie.“ Aber Carlos ist fort. Beyer sieht sich vergeblich um.

Vater Busch kommt auf Vollgummi geradelt und treibt Sohn Bodo, am Kragen gefasst, neben sich her wie einen Hund. „Weiß schon Bescheid!“, ruft er Beyer zu. „Ich leg den Saujungen übers Knie. Dein Werkzeug, der Schöpfer und das Gestänge, kommt wieder herzu. Verlass dich drauf, Karl!“

Beyer bedeutet ihm anzuhalten. „Du weißt nicht Bescheid, Paul. Es geht nicht nur um Schöpfer und Gestänge.“

„Habt ihr noch mehr versteckt?“, fragt Busch seinen Sohn und schüttelt ihn. Bodo sieht verbissen nach unten.

„Mit Faschisten machen wir kurzen Prozess“, herrscht Beyer den Halbwüchsigen an.

Bodo zuckt sich nicht. Vater Buschs Stirn überzieht sich mit Falten. „Faschisten? Aber wieso. Karl?“

„Frag ihn!“

Bodo sieht Beyer an. „Die haben angefangen. Immer, wenn wir im Wäldchen sind, vertreiben die uns. Das lassen wir uns nicht gefallen.“

„Und warum vertreiben sie euch? Weil ihr sie Dreckschweine ruft, weil ihr sie bespuckt und erniedrigt.“

Vater Busch weist Bodo knapp an: „Hoch mit dir! Und untersteh dich! Leg den Ziemer zurecht! Ab!“

Bodo trottet wütend los. Er stampft trotzig auf die Straße. Im Vorgefühl der Zucht, die ihn erbarmungslos erwartet, wünscht er sich Schwarzbach in die Finger. Er will ihn jammern hören.

„Wieder eine Prügelei?“, fragt Vater Busch. „Ich werd’s ihm austreiben.“

„Keine bloße Prügelei, Paul.“ Beyer klopft die Pfeife auf dem Lenker aus. „Folter!“

„Folter?“ Energisch schüttelt Busch den Kopf. „Ich nehm’ ihn nicht in Schutz, aber Folter ... Nein, Karl!“

„Sie haben einen Burschen mit Stacheldraht gefesselt und dann traktiert. Er sah aus ... überall blutig, blaue Flecke, das Hemd zerrissen. Das ist, verdammt noch mal, Folter!“

Busch legt Beyer die Hand auf die Schulter. „Karl, ich war sechs Jahre nicht zu Hause. Der Schwiegervater hat den Jungen versaut. Ich hab’ ihn nicht umsonst ’rausgeschmissen. Vom ersten Weltkrieg hat er ihm die schönsten Geschichten erzählt. Als wär’s ein Ausflug, so ein Krieg. Ich habe lange genug im Dreck gelegen. Ich könnte erzählen! Ich prügel’s dem Jungen schon noch aus. Vielleicht sollte ich mit seinem Lehrausbilder reden?“

Beyer tritt einen Schritt zurück. „So, der Schwiegervater? Wenn man dich in eurer Frühstücksrunde hört, dann war auch für dich der Krieg ein einziges Abenteuer. Italien ein Paradies! Griechenland das reinste Sanatorium! Und die Weiber ... Nicht ohne Grund bist du im Betrieb als Lügenpaul bekannt. Aus deinen Geschichten holt sich der Junge, was er braucht.“

Busch spielt nervös mit dem Lenker und öffnet ab und zu die Karbidlampe. „Wer gibt nicht mal unter Kollegen was zum besten? Aber immer betone ich: Nie wieder! Den Jungen stoße ich mit der Nase drauf. Wenn er mir Schande macht, wie sein Großvater, hau' ich ihm jeden Tag die Jacke voll. Das versprech ich dir, Karl.“

Beyer setzt langsam seinen Weg fort. Busch schiebt unsicher das Rad nebenher. Er lässt keinen Blick von Beyers Lippen. Als sie sich endlich bewegen, noch tonlos, nickt Busch überfreundlich, als müsse er seinen Nebenmann zur Rede ermuntern.

„Die Fuhre Mist hab’ ich“, sagt Beyer. „Schön durchsaftet. Was meinst du, was im nächsten Jahr darauf wächst! Ich bin schon dabei, ihn unterzugraben.“

Busch glotzt eine Weile. „Ja. Ach, ja!“

Der Themenwechsel erleichtert ihn, und er lobt den Pferdemist als besten Dung überhaupt. Hühnermist sei zu scharf. Mit Schafsdung habe er sich vor Jahren die Pflanzen verbrannt. und durch Jauche hole man sich Spul- und Bandwürmer. Ein Pferdeapfel sei eben ein Pferdeapfel, was an Beyers diesjähriger Ernte wieder einmal abzulesen wäre. Beyer schmunzelt. Busch lobt die jauchegedüngte Ernte. Soll er, wenn’s hilft! Und Beyer sagt im Abschiedston: „Den Ochsenziemer, Paul, den leg beiseite! Lass deinen Bodo arbeiten! Du hast doch Baumstämme liegen. Mit Fünfzehn, wenn ich mich recht besinne, wär’s eine Strafe für mich gewesen, nicht als Mann im Hause geachtet zu sein. Ich dachte immer, ohne mich kommt die Familie nicht durch. Und mein Vater, wenn der seinen Arm auf meine Schulter gelegt hat, du, dann hätte ich mir fast einen Dachziegel weggebrochen vor Stolz.“

Beyer schlurft in seinen Garten. Nein, geschlagen hätte er seinen Jungen nicht. Aber Kinder hatte er keine. Und er brabbelt, während er den Spaten ins Erdreich sticht: „Man kann zwar nie wissen, wie sich so ein Bengel entfaltet, doch nicht mit dem Ochsenziemer. Ganz bestimmt nicht!“

Bodo entblößt den Oberkörper, als sein Vater eintritt. Die Knute liegt schon auf dem Tisch. Bevor der Junge seinen Rücken beugt, sieht er auf die Uhr. Die Hiebe, überlegt er, dauern nur Sekunden. Der Schmerz hält länger an. Danach wird er sich die Katze von Amelungs vornehmen. Das schwarze Mistvieh ist ihm über den Weg gelaufen. Er wird sie aufhängen.

Mit diesem Gedanken beginnt er. auf die Schläge gefasst, die Sekunden zu zählen.

Busch aber ist in der Tür stehen geblieben. Sein Sohn spielt Faschismus. Ein gefährliches Spiel, wo die Russen im Land sind. Schon drängt ihn der alte Jähzorn, doch er beherrscht sich bei dem Gedanken an Beyer.

„Zieh dich an, Bodo“, sagt er betont ruhig.

Die Peitsche bleibt liegen. Das hat es nie gegeben. Ängstlich drückt sich Bodo in die Ecke. Er sieht seinen Vater flehend an.

„Wir sägen Holz!“, sagt der. „Nicht lange, ist der Winter da. Wenn dann Mutter aus der Heilstätte kommt, muss die Bude warm sein.“

Busch schmiert Marmeladeschnitten. Bodo kaut trotz rasenden Hungers daran, als wäre das Brot aus Leder. Heftig pocht ihm das Blut in den Schläfen. Etwas Furchtbares muss passiert sein.

4. Kapitel

In einer Pfütze, die ihm sauber erscheint, wäscht sich Carlos das verkrustete Blut von Gesicht und Armen. Was eigentlich geht diesen Beyer an, ob und wo Vater lebt, und wie Mutter heißt? Warum hat er die Pfeife genauso geraucht wie Vater? Er wollte ihn zum Reden bringen. Solche Tricks sind nicht neu. In dem letzten Schmöker von Hedwig hat Carlos Ähnliches gelesen. Vielleicht lebt Vater doch, und jetzt wollen sie den Sohn aus irgendeinem Grund aushorchen. Aber er, Carlos Jatzig, fällt darauf nicht ’rein! Der ist im richtigen Moment entwischt. Er lacht lautlos und schüttelt sich. Nun fesseln ihn vor einer Villa Tannen, hinter denen das hübsche Mädchen wohnt. Er hat es selten gesehen und immer nur von Weitem. Doch das genügt, heimlich zu schwärmen.

Carlos hat das Beamtenhaus, wie die Villa genannt wird, schon lange neugierig gemacht, und er geht nicht vorbei, ohne die Emailleschilder am Tor zu lesen: Hyronimus Hutschenreuter - Immobilien, Gottfried Strohbach - Homöopath, Hermann Pieplack - Personalchef. Immobilien und Homöopath müssen ganz besonders gewichtige Ämter sein, meint Carlos, aber was sich genau dahinter verbirgt, hat er bisher nicht erfahren können. Mit Lastautos oder mit Bienen hätten Immobilien zu tun. Dies findet Carlos zumindest vorstellbar, obgleich Lastautos mit Bienen wenig Gemeinsamkeit haben. Dass es sich um Liegenschaften handelt, hat er zur Kenntnis genommen, nur weiß er mit Liegenschaften nicht mehr anzufangen als mit Immobilien. Ein Homöopath soll ein Kurierer sein. Sagt seine Mutter. Der Personalchef hat einen Haufen Leute unter sich. Es handelt sich also um ehrenwerte Persönlichkeiten. Alles das wäre weniger wichtig, hätte nicht damals einer dieser Bewohner einen großen schwarzen Hund auf Carlos gehetzt.

Carlos stand vor dem Villeneingang wie jetzt. Genauso leer war der Pflasterweg, der an den Baracken vorbei zur Strontianfabrik führt. Es war auch Herbst. Der erste nach dem Krieg. Und Carlos war ebenso neugierig. Barfüßig und in ärgeren Lumpen als jetzt stand er und bekam den grindigen Mund nicht zu. Vor heller Fassade wuchsen drei blaugrüne Tannen schlank und himmelhoch. Hinter breiten Fenstern sonnten sich Blattpflanzen, wie er sie nie gesehen hatte. Als er die Klinke drückte, gab das Tor nach. Das Schild „Bissiger Hund“ beachtete er kaum. Hunde hatte er gern. Den Waldemar mit den treuen, blanken Augen, den weißen Spitz und sogar Hektor, Omas bissigen Rüden, der dem Bauern Sauerbier die Wade ausgerissen hatte, als der mit der Sense auf Oma losgegangen war. Carlos übersah auch ein zweites Schild, das Betteln und Hausieren verbot. Er wollte ja nur gucken, und einen Apfelbaum, von dem er vielleicht gekostet hätte, gab es nicht. Er ging also 'rein. Aus den Büschen trat ein Mann, der einen riesigen Hund straff an der Leine hielt und dessen runde Brillengläser aufblitzten. Carlos rannte zurück, hörte scharrende Krallen und Sekunden später warf sich die Bestie auf ihn. Carlos hat noch das mörderische Röcheln im Ohr. Ihn friert hei dieser Erinnerung. Damals waren es für ihn Todesqualen. Er dachte nur noch daran, dass er im nächsten Augenblick lebendig zerfleischt würde, und er schrie. Dann wurde es dunkel um ihn. Er erwachte, als er hochgehoben wurde. Der Hund lag tot auf der anderen Straßenseite, Vor ihm standen Russen, ein Offizier und zwei Soldaten. Sie hängten ihm seine zerfetzte Flickenjacke über, und die Offizier wies auf den Hund. „Hitler kaput! Du nach Haus!“

Carlos lief, so schnell er konnte. Erst später sah er sich um. Das Militär verschwand gerade durch das Tor des Beamtenhauses.

Lange vorbei. Carlos wendet sich ab vom prunkvollen Haus. Eine Tür klappt. Jemand betritt den Gartenweg und geht aufs Tor zu. Das Mädchen! Carlos bleibt stehen und gafft. Sie hat das blonde Haar zu einem Zopf gebunden, trägt eine schicke dunkelgrüne Jacke über schwarzem Rock. Von weinroten Schuhen heben sich weiße Strümpfe ab. Eine Prinzessin! Märchenhaft hingehaucht.

Carlos versucht, die eingerissenen Igelitschuhe zu verbergen, in denen die bloßen Füße stecken. Das Blut steigt ihm zu Kopf. Er ist bestenfalls der Schweinehirt.

Sie weiß, er kommt aus den Baracken, und ihr ist seine schüchterne Neugier nicht entgangen. Sie hat sich darüber amüsiert und ihn in Gedanken neben sich auf die Schulbank gesetzt, ausstaffiert wie Speditionsfirmensohn Haberlein. Sicher würde sich niemand über den Barackenjungen lustig machen, falls seine Herkunft unbekannt bliebe. Was aber, wenn nicht? Und was, wenn er in seinen Lumpen erschiene? Der Hohn würde ihn vernichten.

Sie betrachtet sein Gesicht, bannt seinen Blich. Nur aus Neugier. Und sie wundert sich, dass er ihrem Blick standhält, fragt sich, woher er diesen Mut nimmt. Sieht sie nicht zu Haberlein auf, immer bange, sie könnte etwas falsch machen? Würde sie, in Lumpen, nicht aus Scham vor ihm weglaufen? Sie in Lumpen! Verachtet. Hungrig jeden Tag.

„Warte!“, sagt sie. Schnell geht sie ins Grundstück zurück. Carlos sieht sich nach allen Seiten um, ob nicht jemand in der Nähe ist, dem er zurufen kann: Hast du gehört? Sie will, dass ich warten soll. Sie! Ich! Er lacht befreit, als hätte das Mädchen alle Erniedrigung aus seinem Gedächtnis gewischt. Was wird sie wollen? Holt sie ein Bild für ihn oder etwas, das er immer bei sich tragen, mit dem er heimlich reden kann, dem er alles sagt, mehr als ihr? Viel mehr? Er drückt die Fäuste zusammen, um seine Freude zu bändigen.

Die Haustür klinkt ein. Carlos läuft einige Schritte weg vom Tor, kehrt um, steckt die Hände in die Hosentaschen, nimmt sie sofort wieder heraus und streicht sein widerspenstiges Haar nach hinten. Er wird flammend rot, als sie vor ihm steht. Sie gibt ihm etwas, aber er sieht nur sie an, und er guckt ihr nach, bis sie in eine Seitenstraße abbiegt. Erst jetzt bemerkt er, was sie ihm gebracht bat: eine Doppelschnitte mit Speck. Ihm ein Almosen! Sie hält ihn für einen Bettler. Und er schleudert das Brot von sich wie glühende Kohle, rennt weg, rennt, was sein hungriger Körper hergibt. Am Luxschen Kartoffelacker verschnauft er und setzt sich auf den Feldrain. Eine Schar Stoppler, die vor Minuten noch am Rand gestanden und auf die Freigabe gewartet hat, achtet auf nichts als auf das Loch, das die eigene Hacke gräbt. Der alte Lux, krummbucklig, bewacht mit seinem kurzbeinigen Schäferhund den angrenzenden Rübenschlag.

Carlos ist schwindlig. Ihm wird heiß. Seine Finger graben sich in die kühle Erde.

Von Kreuzschmerzen geplagt, richtet sich eine alte Frau auf, überblickt die gebückten Gestalten, vergleicht ihr schmales Säckchen mit dem Erstoppelten der anderen und wundert sich über den Jungen, der faul im Grase hockt. Sie muss Kartoffeln heimbringen. Die Enkel haben Hunger. Ihre Tochter liegt an Schwindsucht, ihr Schwiegersohn ist im Krieg geblieben. Sie seufzt und buddelt weiter. Nach einigen Metern vergeblicher Mühe richtet sie sich wieder auf. Die unveränderte Stellung des Jungen macht sie argwöhnisch.

„He, du!“, ruft sie. Der Junge rührt sich nicht.

„Leute, dort liegt einer!“ Sie weist zum Feldrand und läuft hinüber. Einige folgen ihr, andere unterbrechen das Stoppeln nicht einen Moment. Auch Senf, den lahmen Umsiedler, wegen seiner flinken Finger Spitzbubensenf genannt, kümmert das Geschrei nicht. Gelegen kommt es ihm. Er schätzt die Möglichkeit ab, das Säckchen der Alten auf seinen Fahrradanhänger zu packen und außer Sichtweite zu gelangen. Aber der Acker ist zu weich, und Senfs Knie ist zu steif, und ringsum wächst kein Strauch, der ihn verdeckt. Senf stoppelt weiter, ganz zufällig in Richtung auf das fremde Säckchen. Er wühlt und beobachtet die diskutierenden Leute am Rand, die häufig herübersehen. Erst, als ein sehniger Langer geradewegs auf ihn zuläuft, meint er, das fremde Eigentum vergessen zu müssen und ackert in entgegengesetzter Richtung.

„Hören Sie!“, ruft der Lange. „Der Junge muss schnell zur Werft zum Sanitäter.“

„Nichts dagegen“, antwortet Senf, ohne aufzusehen. Der Lange tritt auf Senfs Hacke, die bis zum Schaft im Boden verschwindet. Senf richtet sich langsam auf und sieht den Langen herausfordernd an. „Was soll das?“

„Wir brauchen Ihren Hänger. Der Junge ist ohnmächtig. Er muss zum Sani.“

Senfs Brauen schieben sich nach oben. „Den großen Kerl auf meinen Hänger?“ Er schüttelt seinen Kopf und will weiterbuddeln. Aber der Lange bleibt auf der Hacke stehen. Senf wählt einen freundlicheren Ton. „Neulich hatt’ ich ein Säckchen Erdäppel drauf, da taten schon die Räder wackeln. Geht nicht. Die Karre bricht z’ammen.“

Der Lange tritt drohend an Senf heran. Der erkennt seine Lage, hebt schließlich die Schultern, nimmt Rad und Hänger und hinkt zu der Gruppe, die sich um Carlos müht.

„Wolltest dich drücken, was, Spitzbubensenf?“, empfängt ihn ein Alter. „Sollst eine Fuhre machen, ohne dass du was einstreichen kannst. Was? He?“

Senf kennt den Alten. Es ist Krüger aus der Siedlung. Ein jähzorniger Mensch und, obwohl schon dreiundsechzig, ein Schläger. Senf kann es beschwören, denn es ist nicht lange her, dass er von Krüger und noch zwei Jüngeren tüchtig vermöbelt worden ist. Ganz ohne Grund natürlich. Er, Senf, hatte ihnen ihre Kaninchen jedenfalls nicht gemaust. Das merkten sie auch, als sie den sorgfältig abgedeckten Hänger durchstöberten und nur drei tote Katzen und sieben Briketts landen. Katzen sind keine Karnickel, was also ging diese Brüder an, wie viel Zeug von jeder Sorte er transportierte? Trotzdem schlugen sie auf ihn ein und schimpften ihn einen Spitzbuben, ihn, der selber genug solcher Nager hat. Sie prügelten ihn dermaßen, dass er es für angebracht hielt zu winseln, zu erstarren und tot liegen zu bleiben. Die drei verdrückten sich eilig. Senf stand auf, guckte in seinen Hänger und heulte. Die sieben Kohlen fehlten. Er hatte sie unter Lebensgefahr von einem rangierenden Güterzug geklaut.

Krüger tritt nervös den Acker unter sich fest. Er weiß, dass Senf wendig sein kann, wenn es etwas zu ergaunern gibt, und sagt: „Tote Katzen sind dir lieber wie so ein lebendiges Stück Mensch. Was? He?“

Senf reagiert nicht. Ein Lahmer muss ruhig bleiben, hatte er sich nach seiner Verwundung vorgenommen, und er hatte die besten Erfahrungen damit gemacht. Eines Tages würde auch der Krüger an sein Tor klopfen, weil jeder irgendwann etwas braucht, und wenn es bloß ein rostiger Nagel ist.

Senf hat sein Gefährt endlich zur Straße bugsiert. Die Leute heben Carlos auf den Hänger. Bei jedem Ächzlaut des Karrens verzieht Senf schmerzhaft sein Gesicht. Schweigend schiebt er die Fuhre zur Werft. Schweigend aber nur, bis die Stoppler außer Hörweite sind. „Dreckskerl!“, schimpft er nach hinten. „Tust die Leiche spielen, Höllenhund!“

Er stolpert, weil er mehr auf Carlos als auf den Weg achtet. „Wach auf, Mensch, verflixter! Inzwischen tun die mir die Arpern wegstoppeln. Faulbuckel, elendiglicher!“ Er droht mit der Faust. Carlos bewegt sich nicht.

Am Siedlungsweg lauschen drei Jungen, kaum älter als acht Jahre. Einer hat Senf schon von Weitem entdeckt, und sie warten, um ihn aus der Nähe ärgern zu können.

„Spitzbubensenf!“, klingt es schrill. Senf stiert hinüber. „Hundefresser, Katzenfresser!“

Senf stellt sein Rad gegen den Werftzaun und hinkt wütend zu den Schreihälsen. Sie ermuntern Senf, schneller zu laufen, rennen lachend vor ihm her und schleifen plötzlich alle das rechte Bein nach. An der Betonstraße der Siedlung bleiben sie stehen, zeigen Senf lange Nasen und stecken ihm die Zunge ’raus.

„Höllenbrut, elendigliche!“, ereifert sich Senf. „Rösten werd’ ich euch Saukerle!“

Die Jungen verschwinden. Senf grinst. Also tun die vor dem Rösten Angst haben, sagt er sich.

Die Bengels laufen zum Wäscheplan, kriechen unter dem Maschendrahtzaun hindurch und tauchen am Ende des Beamtengrundstücks wieder auf. Im Chor grölen sie: „Eene meene minke pinke, Senf, der frisst Hundestinke!“

Sie schneiden Grimassen und schreien durcheinander: „Menschenfresser! Hundefresser! Senf schleppt einen Toten!“

Senf gibt Carlos einen Nasenstüber. „Wach auf, Undankbarer! Jetzt tun sie schon Menschenfresser schimpfen. Nichtsnutz!“

Er schlägt Carlos einige Backpfeifen. Die Jungen bleiben in sicherer Entfernung.

Carlos öffnet die Augen. „Lasst mich weiterschlafen!“, murrt er. Das ist Senf zu viel. Er hebt ihn mit beiden Armen aus dem Hänger und stößt ihn gegen den Zaun. In den mannshohen verwitterten Latten knackt es. Für Sekunden klebt Carlos an den Brettern. Er sieht noch nichts. Nur ein Flimmern umgibt ihn, und vor ihm schnauft jemand.

Die Jungen feuern Carlos an: „Hau ihn, Carlos! Spitzbubensenf wollte dich fressen. Hau ihn! Wir helfen dir.“

Vor Carlos taucht die Welt wieder auf. „Was ist?“, fragt er verständnislos in Senfs mürrisches Gesicht. Er riecht den beizenden Tabakatem, und beinahe stechen ihn Senfs Bartstoppeln. Unheimlich wirken die zusammengewachsenen Augenbrauen. Die höckrige Nase gleicht einem Adlerschnabel.

„Das tut die Stirn haben zu fragen“, poltert Senf. „Tat-t uns an der Nase ’rumführen, Barackenlümmel. Scher dich, oder ich mach’ Hackfleisch aus dir!“

Carlos geht einige Schritte zur Seite. Er wundert sich nicht einmal, wie er in Senfs Fänge geraten ist. Wozu auch? Er wird dem Spitzbuben gleich einheizen. Zwar ist ihm flau, und er hat Mühe, auf den Beinen zu stehen, aber den Lahmen erledigt sein kleiner Finger. „Was heißt hier Barackenlümmel? Guck dir deine Saubude an! Lauter Kisten. Und wenn einer durch deine Zaunsritzen sieht, hat er gleich eine Ladung Hühnerscheiße im Auge.“

Die Kinder auf der anderen Straßenseite jubeln. Senf guckt Carlos wütend an. „Dich kriege ich noch zu fassen, Saukerl, dann wehe dir.“

Carlos bläst sich auf. „Landstreicher! Geh lieber arbeiten! Du kotzt die Welt an mit deinem Gesicht. Schacherst dir alles zusammen. Drei tote Hunde gegen zehn rostige Schrauben. Gemauste!“

Senf stöhnt. Er krümmt sich, als setze er zum Sprung an. So verharrt er lauernd und schluckt die ätzenden Worte, erstaunt, was der Kerl alles von ihm weiß.

„Die Klauerei hat dir Gauner was eingebracht. Gehst hausieren mit dem Zeug und stapelst die Piepen. Wie sitzt sich's denn auf den Tausendern? Unsereiner geht ehrlich schuften von früh bis abends.“

Senf nähert sich Carlos. Der hebt einen faustgroßen Stein auf und wiegt ihn hochmütig und unmissverständlich in der Hand. Die drei Jungen nehmen vor Spannung die Hände aus den Hosentaschen. Aber Senf gibt auf. Seine Haltung lockert sich. Er sieht zerknirscht auf das Pflaster, reißt das Rad vom Zaun und radelt weg, das rechte Bein nach vorn gestreckt, mit dem linken heftig ins Pedal tretend.

Die Bürschchen hüpfen vor Freude und rufen Senf allerlei Frechheiten nach.

Carlos lächelt. Die Niederlagen des Tages rechtfertigen diesen Sieg. Er pfeift ein Lied und fängt den Stein im Gehen wie einen Ball.

Die Jungen bleiben unbefriedigt zurück, warten ab, bis sie vor Carlos sicher sind und rufen: „Wanzencarlos! Barackencarlos!“

Jetzt wirft Carlos seinen Stein. Die drei ducken sich hinter eine Mauer, und als Antwort erhält er das gleiche Hohngeschrei wie Spitzbubensenf.

5. Kapitel

Senf tobt durch sein winziges Holzhaus. Bei jedem Schlag mit den mächtigen Fäusten gegen alles, was ihm im Wege steht, Schrank, Tisch, Kisten oder Wand, verharren seine Hühner draußen im Schritt, horchen und halten die Köpfe schief.

„Das Barackengesindel tut die Frechheit haben!“, schimpft Senf. „Diese Lumpensäcke! Die halbe Welt kommt zu mir und handelt, aber der Kerl tat sich wagen!“

Er droht mit beiden Fäusten in Richtung der Baracken. So hat er oft gedroht und dabei Hedwig verflucht, seine ehemalige Frau. Auch sie wohnt in den Baracken, und ihr ist er in die kleine Elbestadt gefolgt.

Er lässt sich auf sein Bett sinken. Das steife Bein liegt gestreckt, das gesunde, angewinkelt, stützt sich auf die Dielen. Er schiebt die Hände unter den Kopf und starrt gegen die Spinnweben an der dunklen Balkendecke. Schwer für ihn, Hedwig in den Baracken zu wissen, wo sie, wie er überzeugt ist, bei ihm ein schönes Zuhause finden täte mit den beiden Jungen, deren Vater er nicht ist. Aber Hedwig weicht ihm aus, und er wagt den großen Angriff nicht. Einige Male schon hat er sich sorgfältig rasiert, ist er in seinen alten Frack gestiegen, hat sich Blumen besorgt und ist losgegangen. Jedes Mal im Dunkeln, und jedes Mal hat ihn kurz vor den Baracken wieder sein Mut verlassen. Er kann die erste Wiederbegegnung nach dem Krieg hier in der Stadt nicht verwinden. Als sie bemerkte, wer da eilig auf sie zu hinkte, verschwand sie schnell in einem Hauseingang.

Seitdem sind Jahre vergangen, aber Senf hat die Hoffnung bis jetzt nicht aufgegeben, wenn auch immer größere Pausen dazwischen lagen, Pausen voller Gleichgültigkeit. Oft hat er sich einen Vogel zeigen müssen, um zu begreifen, wie einfältig er doch ist, einer Frau nachzutrauern, die ihn verlassen hat. Er hat sich ausgelacht in solchem Zustand, als wär’s nicht er, sondern ein anderer. Das hat ihn beruhigt. Monatelang. Die Baracken hat er gemieden wie die anderen Städter das schmutzige Viertel meiden, mit der Einbildung, den Ekel nicht ertragen zu können. Beim Stoppeln auf Luxes Acker, das Barackendorf vor sich, wäre er zu gern ’rübergehinkt, hätte geklopft und gesagt: Da bin ich. Stattdessen wird ihm der undankbare Barackenkerl übergeben, als wär’s ein böses Zeichen. Dieser Lumpenhund hat ihn niedergemacht wie einen Dreck. Er, Senf, ein Dreck! Senf, der Schmied, ein Dreck!

Im Aufrichten schleudert er seine Jacke durch den Raum. „Wie, zum Kuckuck, soll man denn leben?“ Er ruft es dem Barackenjungen zu, als stände der vor ihm. Langsam streift er sein Hosenbein übers Knie und massiert das steife Gelenk, hebt nach einiger Zeit das Bein an, als müsste nun die Heilung erfolgt sein und sich die innere Klammer lösen. Nichts. Das übliche dumpfe Ziehen, aber keine Bewegung. Er bleibt schlaff sitzen, sagt leise und monoton, als sei es eine Selbstanklage: „Teufel, ich führ schon ein komisches Leben!“

Senfs Garten grenzt an die eine Schmalseite der Siedlung, und genau gegenüber schließt sich an die andere Schmalseite das Beamtengrundstück an. Obwohl es in der ebenen Siedlung kein unten und kein oben gibt, hat es sich eingebürgert zu sagen: oben am Beamtenhaus und unten bei Spitzbubensenf. Keiner der Siedlungsbewohner wäre so vermessen gewesen, sich mit den Beamten zu vergleichen oder gar Beziehungen zu ihnen zu pflegen. Die Leute vom Beamtenhaus leben in einer anderen Welt, und es geziemt sich bestenfalls, Aufwartung bei ihnen zu machen.

Sich mit Senf zu vergleichen, kommt erst recht keinem in den Sinn, aber Senfs Welt ist den Siedlern viel näher als die der Beamten, denn Senf ist ein brauchbarer Mensch. Senf hat alles. Und die Siedler brauchen alles. Senf verkauft zwei Sorten Nägel, krumme und gerade geklopfte, die zwar alle rostig sind, aber ihren Zweck erfüllen. Woher soll man sonst Nägel beziehen? Senf hat außerdem Draht, Bretter, Werkzeuge und Rutenbesen. Er hat Tabak. Sogar vier Sorten: veredelten, den er aus gesammelten Kippen gewinnt, ganze Blätter, selbst geschnittenen aus seiner Handschneidemaschine und Rippenkrüll aus den Resten. Er hat Karbid für Fahrradlampen und Gummiflicken für diejenigen, die noch luftbereift zum Hamstern fahren; und mancher hat schon eine Vollgummibereifung bei ihm erstanden, die zwar aus Igelit gewesen ist. aber immerhin! Senf hat Leim, Nadeln, Bindfäden, Schrauben, Muttern, Bolzen, Hufeisen, Firmenschilder. Bleche, Geweihe, Spazierstöcke, Krücken, aufgesetzten Obstwein, Quitten, Äpfel, Vogelbeeren. Eicheln. Kastanien, ja, man kann sogar abgezogene Hasen erstehen, sofern Senfs nächtliche Jägerei von Erfolg war. Aber diese Art Hasen lässt er nur an ganz große Hungerleider ab, weil die sich wenig dafür interessieren, ob das Vieh zu Lebzeiten Gras oder Mäuse gefressen hat.

Mittlerweile ist ein stattliches Lager aller denkbaren Utensilien entstanden. Kein Wunder also, dass sich die Siedlungsbewohner unten bei Spitzbubensenf wohler fühlen als oben beim Beamtenhaus.

Seit der Prügel durch Krüger und Co ist das Verhältnis zwischen Senf und der Siedlung beinahe herzlich geworden. Senf mied von nun an die von Ställen und Buden wimmelnde und daher so verlockende Siedlung bei seinen Streifzügen und verkaufte jetzt aus anderen Ortsteilen entwendete Gegenstände an die Bewohner. Er hatte nicht einmal Geld für das Trinkwasser aus seiner Pumpe genommen, als im letzten Sommer das Wasser knapp war und die Siedlungsbewohner Schlange vor seiner Pumpe standen. Wie lobte man ihn da! Senf tat zuvorkommend und bescheiden, aber vergaß nicht, seine neugierigen Hühner mit viel Geschrei von dem großen Hut wegzujagen, den er neben die Pumpe gelegt hatte.

Senf hat sich inzwischen ein schönes Sümmchen aus seinem Handel zusammengeschachert. Für die Leute ist Senf der verkommene, am Abgrund lebende Spitzbube, der den mitleidig hingegebenen Fünfer selbst von den Ärmsten einstreicht, der gierig jede angebotene Suppe schluckt und danach den Löffel umständlich blitzblank leckt. Nie vergisst Senf seine guten Manieren. Er dankt und verbeugt sich liebenswürdig bei der kleinsten Gabe.

Senf hat sich Schuppen an Schuppen zusammengenagelt aus Brettern, Leisten, Pappe und Blechen. Die säumen seinen Hof und erdrücken beinahe die schmächtige Wohnhütte. Die Schuppen sind Lagerräume mit Ställen oder Ställe mit Lagerräumen. Es gibt keinen Unterschied. Als er im Lazarett gelegen hatte und erfuhr, dass sein rechtes Bein steif bleiben wird, wusste er nicht, wie sein Leben nach dem Kriege weitergehen sollte. Als Schmied musste er beweglich sein. Früher schaffte er einiges weg an Arbeit. Hatte er Laune, trieb er das glühende Eisen ins Gesenk, dass es eine Augenweide war. Er ließ das Eisen nicht zu weiß werden, und sobald es zu sterneln anfing, entnahm er es dem Feuer. Vor dem ersten Schlag spuckte er auf das erglühte Metall und erschlug den zischenden, flitzenden Speicheltropfen. Der dabei entstandene scharfe Knall riss die Köpfe hoch, und irgendeiner rief: „Guckt euch den verrückten Senf an, den Himmelhund!“ Und man pausierte für Sekunden nebenan in der Schlosserei. Der Hammer prasselte, Funken flogen, Senfs Oberkörper schwang im Takt der Schläge.

Senf richtete sich nach dem Klang, und er schlug wilder auf das Eisen ein, wenn der Ton höher wurde. Dieser Wettkampf gegen das Erkalten berauschte die anderen. Senf war ein Schmied, wie es wenige gibt. Je länger er auf das Material einhieb, desto schneller wurde er. Darüber schüttelte man die Köpfe. Aber Senf machte das nicht, um sich zu brüsten, Senf überlegte bei den ersten Schlägen, weil am Anfang die größte Verformung erreicht wurde. Ein gezielter kräftiger Schlag sparte Arbeitszeit und brachte ihm mehr Geld bei der Akkordarbeit.

Senf hatte sich aufgegeben, als er aus dem Lazarett entlassen war. Er diente noch zwei Monate als Luftschutzhelfer, dann war der Krieg vorbei. In seinen Heimatort konnte er nicht zurück. Die Grenze verlief jetzt durch Görlitz. Kriegsbeschädigt und daher nicht mehr vollwertig, bettelte er sich anfangs durchs Leben und nahm schließlich Gelegenheitsarbeiten bei Bauern an. Als er vom Suchdienst erfuhr, wo seine Mutter lebte, wandelte er los, nahm alles, was sich an Fahrbarem bot. Seine Mutter, ausgezehrt, brachte nun, da sie ihren Sohn wiedergesehen hatte, nicht mehr die Kraft auf weiterzuleben. Senf erbte die elterlichen Eheringe, Müllers goldene Kette mit dem silbernen Kruzifix, auf dem drei Rosenquarze schimmerten, den alten Frack vom Vater, den Mutter treu bewahrt hatte, dazu die Attrappe eines Hemdes und Vaters Geige, auf der Senf als Kind schon gespielt hatte. Er kannte jetzt auch Hedwigs letzten Aufenthalt. Dorthin schrieb er, erhielt nie Antwort, und später, als er sich auf den weiten Weg nach Mecklenburg machte, wieder mit allerlei Fahrzeugen, zu Fuß und per Bahn, erfuhr er, dass sie in Richtung Mitteldeutschland unterwegs sei und ein Kind erwarte. Er durchstreift die anhaltinischen Dörfer und Städte, nahm Arbeit, die sich bot und erfuhr endlich von Elbschilfern, dass im Schanzenhaus, einer Schifferkneipe, ein dralles scharfes Weib bedienen würde, die sich Hedwig nennt. In die Kneipe hatte er sich nicht gewagt, aber nachts nach Schankschluss hatte er sich verborgen hinter den dicken Kastanienstämmen und war ihr heimlich gefolgt. Das Kind hatte sie schon. Er schlief nächtelang im Wäldchen und beobachtete sie am Tage. Er lief die ganze Gegend ab, um sich ein Zimmer zu besorgen. Er fand nichts. Dann bot er für Essbares seine Eheringe, geriet an einen, der Schmuck suchte und dafür einen Garten bot mit einem winzigen Holzhäuschen. Den Garten nahm Senf, gab die Kette mit dem Kruzifix, seine Trauringe und die seiner Eltern, und als er einzog mit der Geige, dem Frack und den Hemdsteilen, schlug er mit der Faust auf den Tisch und rief: „Senf, du Himmelhund!“

Senf war nun sesshaft und wusste seine ehemalige Frau ganz in seiner Nähe. Er plante, lachte und sang, obwohl er nach manch erfolgloser Betteltour vom Hungern erschöpft war. Und als er dann, die versöhnende Umarmung vor Augen, auf Hedwig zuging und sie im nächsten Hauseingang verschwand, viel zu erschrocken, als dass es ein Zufall gewesen sein könnte, wurde Senf auch seelisch zum Bettelhund. Er wagte sich kaum aus seinem Häuschen, heulte und klagte, und er flehte das Hochzeitsbild an.

Die Zeit verwehte auch Senfs Kummer. Er konnte sich wieder dem Kampf ums Dasein stellen, und hatte er einmal satt zu essen, tasteten sich seine Gedanken weit voraus. Er war schnell beim Reichtum und war sich gewiss, über diesen wunderbaren Umweg Hedwig zu gewinnen. Man musste nur sparsam und raffiniert sein. Den Händlern ging es in keiner Zeit schlecht, sagte er sich. Aber zum Handeln brauchte er ein Fahrzeug. Eines Tages stand sein Entschluss fest.

Er prügelte sich in die überfüllte Eisenbahn und fuhr an die fünfzig Kilometer über Land. Schwarz, versteht sich. Er bettelte sich wochenlang durch eine Kleinstadt, spähte überall nach einem geeigneten Fahrzeug, aber entweder waren die Besitzer in der Nähe, oder einem Wagen fehlte das Pferd oder einem Pferd der Wagen, und reiten konnte er nicht. Auf seiner Betteltour aber waren ihm zwei Männer aufgefallen, ein Radfahrer und ein Fußgänger, die sich, wenn sie sich begegneten, gemein beschimpften und bedrohten. Das war auf einem schmalen Weg zwischen zwei Mauern, und Senf erkannte bald, dass keiner der Dickschädel dem anderen Platz machen wollte. Senf amüsierten die Wortgefechte, und er hoffte, bevor er die Stadt verließ, wenigstens eine handfeste Keilerei zu erleben. Vielleicht könnte er dann das unbeachtete Fahrrad mitnehmen. Diese Gedanken waren verlockend schön, die Erfüllung aber dem Zufall überlassen. Da besann sich Senf, wie das tapfere Schneiderlein die Riesen besiegt hatte, und er lachte aus vollem Halse. Die Leute unterwegs wunderten sich zuerst, lachten dann über den verrückten, komischen Lahmen, der einfach ohne Grund zu meckern anfing wie ein Ziegenbock.

Senf lauerte nun, und als sich die beiden wieder begegneten und nach dem Streit jeder seinen Weg nahm, bewarf Senf zuerst den Radfahrer und gleich danach den Fußgänger mit armdicken Holzscheiten. Die Rivalen rasten aufeinander zu und wälzten sich bald im Sand. Senf schwang sich aufs Fahrrad, streifte um Pedal und linken Fuß einen Riemen und fuhr, so schnell er konnte. Er hörte noch das Geschrei des Besitzers und das schadenfrohe Lachen des Fußgängers, dann fuhr er auf Umwegen in seine Stadt zurück.

Einige Monate danach hatte er sich zwei komplette Vorderräder von angeschlossenen Fahrrädern besorgt und sich den Hänger zusammengebaut. Von da an hatte er eingesackt, was er ergaunern konnte. Allmählich löste sein Hungerdasein ein erträgliches, obgleich sehr sparsames Leben ab. Fünf Pellkartoffeln, auf offenem Feuer gekocht, genügten ihm zu Mittag, und war ihm danach, einen fetten Tag einzulegen, schoss er sich mit dem Katapult eine Krähe.