Hoffnungen - Jürgen Ritschel - E-Book
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Jürgen Ritschel

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Beschreibung

Jürgen Ritschel erzählt von Jugendlichen der DDR, ihren Lebensauffassungen, Erwartungen und Hoffnungen. An der Schwelle vom Kindes- zum Erwachsenenalter stehen sie vor Entscheidungen, die für ihr weiteres Leben wichtig sind. Ein jeder wird gebraucht, jeder muss seinen Platz finden. Jeder hat seine Chance, aber auch seine Pflichten, und immer werden Lehrer, Eltern oder Vorgesetzte gefordert. Der Autor rückt in den vorliegenden drei Erzählungen Haltungen wie Ehrlichkeit zu sich selbst und zu anderen, Bewähren oder Versagen in schwierigen Situationen in den Mittelpunkt seiner Erkundungen. In «Jagdflieger sein» hat es sich ein Vierzehnjähriger in den Kopf gesetzt, Jagdflieger zu werden. Gesundheitliche Schäden nach einer Rettungstat werfen all seine Pläne zunächst über den Haufen ... Mit welchem Maß an Strenge und Feingefühl kann ein Ausbilder im GST-Lager der Studenten seine Aufgabe lösen? Dieser Frage geht Jürgen Ritschel in der Erzählung «Jochen Winter» nach. In «Cross auf Lanz Bulldog» wendet sich der Autor Konflikten zu, die sich in einer achten Klasse ergeben. Auch hier erweist sich der Autor als gut beobachtender Zeitgenosse. LESEPROBE: Thomas bemerkte nicht, dass sein Großvater in die Scheune gekommen war und seinem Tun eine Weile zusah. „Hast das Motorrad gefunden?“ Der Junge wandte sich schreckhaft seinem Opa zu, ließ die Hände sinken, stand hilflos, verlegen, fühlte sich ertappt. „Eine gute Maschine“, sagte der Opa und kam näher.“Neunzehnfünfundsiebzig bin ich das letzte Mal darauf gefahren. Die hat mitgemacht bei Wind und Wetter. Schläuche müssten noch da sein. Nagelneu. Talkumiert.“ Er stieß mit dem Schuh gegen den platten Mantel des Hinterrades. „Pumpe aber am besten erst einmal Luft auf. Vielleicht halten die Schläuche noch.“ Thomas lockerte seine Stellung. Kein Vorwurf. Das klang, als dürfte er mit dem Motorrad fahren. „Deinem Vater erzähl’s lieber nicht“, sagte der Opa. Er sparte aus, warum. Thomas verstand trotzdem. Sein Vater benölte die Fliege an der Wand, seit er aus der zentralbeheizten Wohnung aufs Land gezogen war. Sie hätten sich von der totalen Freiheit der Stadt in die Zwänge des Landlebens begeben, sagte er oft. Thomas dagegen entdeckte täglich mehr Freiheiten, und für ihn war es die größere Freiheit, den Ofen selbst zu heizen, als ihn geheizt zu bekommen. „Bist du damit auch über die Äcker gefahren. Opa?“ „Über die abgeernteten Felder, aber sicher.“ Großvaters Augen waren plötzlich von freundlichen Fältchen umkränzt.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Impressum

Jürgen Ritschel

Hoffnungen

Drei Erzählungen

ISBN 978-3-95655-417-9 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1987 im Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Jochen Winter

Herbst. Klare, kühle Luft. Heiße Sonne. Die Wiesen in knalligem Grün. Rot die Fichtenstämme. Zwischen den nadligen Astbüscheln das Gelb der Birken. Hügel, weite und sanfte Täler. Oben der schroffe Granit eines verlassenen Steinbruchs. Dorthin führt Jochen Winter, gedienter Feldwebel, die Männer seiner Seminargruppe.

Er ist uneins mit sich. Seine Prüfungen nach dem ersten Studienjahr waren kein Glanzstück. Zwei Vieren und eine Fünf. Damit hat er den Studentenwettbewerb entsprechend beeinflusst. Er ist der schlechteste Student der Seminargruppe. Ausgerechnet er hat sie nun drei Wochen lang militärisch auszubilden. Eine Zwangslage, die ihn erdrücken will. Noch immer begreift er nicht, weshalb er bei den Prüfungen versagt hat. Am Lernen lag es nicht, auch nicht an seiner Auffassungsgabe. Aber vielleicht war die dreijährige Kluft zu groß zwischen Abitur und Hochschule.

„Ruhe im Glied! Links, zwo, drei, vier. Hinten aufholen!“

Einige murren.“Sonst keine Ahnung, aber sich hier hochschaukeln.“

Solche Bemerkungen gehen Winter unter die Haut. Viele haben höhnisch gelächelt, als er an diesem Morgen, das erste Mal vor der Gruppe stehend, in forscher Art kommandiert hat. Sollte er lasch auftreten, sich hier im GST-Lager Beliebtheit erheucheln? Ist er denn um so vieles schlechter als jene anderen, die bessere Zensuren erreicht haben? Gehört nicht auch ein bisschen Glück zur Prüfung? Er hat die Pflicht, militärisches Wissen zu vermitteln und Können zu trainieren. Vor ihm stehen Uniformierte. Er ist Feldwebel der Reserve.“Links, zwo, drei, vier! Ruhe im Glied!“

Gäbe er nach, würden sie ihn bald beherrschen und von ihm fordern, die geringste Anstrengung zu unterlassen. Und dann wäre wiederum er, Winter, der Geprellte. Er hätte als Ausbilder nicht verstanden, die geforderten Leistungen durchzusetzen. Winter, der Versager auf der ganzen Linie. Nein! Und keiner hat ein Recht, ihm weiterhin schlechte Studienergebnisse zu unterstellen. Die Mehrzahl kam vom Abitur zur Universität. Bei ihm lagen drei Jahre dazwischen. Er lässt sich nicht beiseiteschieben. Ha, Küchler, dieser kühne Rechner! Mal sehen, was er außer seiner Drei und den zwei Zweien noch zu leisten imstande sein wird. Schulze. Hat die besten Zensuren. Den ärgert der schlechte Gesamtdurchschnitt. Seiner Ansicht nach wäre es besser für Jochen, sich einen anderen Beruf zu wählen. Arschloch! Und Baum, der Professorensohn? Ausgerechnet Baum hat ihn immer wie einen Ebenbürtigen behandelt. Und Baum ist Zweitbester.

„Gruppe, halt! Links - um! Rührt euch! So, Genossen, wir üben bis in Höhe des Steinbruchs Bewegungen im Gelände. Auf das Kommando ‚Stellung!‘ gehen wir in Stellung, und das sieht folgendermaßen aus.“ Winter wirft sich blitzschnell ins Gras und fängt sich erst kurz vor dem Aufprall mit den Armen ab. Eine Haltung wie bei einer turnerischen Übung.

Küchler guckt. Er verzieht sein Gesicht zu einem Ausdruck, der heißen könnte: Alle Achtung! Schaffe ich nie.

Im Liegen erläutert Winter: „Auf das Kommando ‚Bis auf meine Höhe vorwärts gleiten !‘ sieht die Bewegung wie folgt aus.“ Er gleitet zehn Meter gewandt wie eine Echse und zeigt dabei eine Leichtigkeit, die den Männern Anerkennung abringt.

„Zum Sturmangriff - vorwärts!“ Winter schnellt in die Höhe, als stützten ihn Startblöcke. „Hurra!“

„Wie im Kino“, sagt Hasel, und mit ihm lachen einige über die Wintersche Ernsthaftigkeit, mit der er im Alleingang den Sturmangriff vorführt. Aber nicht genug. Winter kommandiert sich selbst in schneller Folge, fällt ins Gras, springt auf, gleitet, kriecht, springt auf, rennt, ruft hurra.

„Sollen wir das etwa nachmachen?“, fragt Heuer unbestimmt in die Gruppe hinein. „Bin zu dergleichen absolut nicht in Stimmung.“

„Gut, der Mann“, meint Baum. „Enorme Körperbeherrschung.“

„Wir sind aber zu diesem Studium nicht angetreten, um edle Körperbeherrschung zu demonstrieren“, entgegnet Küchler mit eindeutig anspielendem Unterton auf Winters Prüfungsergebnisse.

„Ein großes Maul ziert den Menschen nicht“, sagt Baum zu Küchler, strafft sein Koppel und zieht die Uniform glatt. Seine Vorbereitung auf die Übung. Er war selbst Soldat. Anderthalb Jahre. Bei der Ausbildung hatte er nie geflucht, auch nicht, wenn er sauer war. Taktik war für ihn Leistungssport. Hier konnte er seine Willenskraft testen.

Jochen Winter kehrt zurück, den Blick auf die Gruppe gerichtet. Er läuft ruhig. Sein Gesicht verrät keine Anstrengung. Das beeindruckt. Auch seine Konzentration und seine große, kräftige Gestalt. Er lässt die Gruppe in Reihe antreten und auseinanderziehen, läuft dreißig Schritt vor die Front und befiehlt: „Genosse Heuer! Bis auf meine Höhe vorwärts gleiten!“

„Wieso ich?“, begehrt Heuer auf und sieht sich Hilfe suchend um. Er blickt in grinsende Gesichter, wird rot, weil er der auserwählte erste ist, der seine Fähigkeit zur Schau zu stellen hat. Winter bleibt ruhig. Er wartet ab. Heuer kniet sich nieder und krabbelt in Kriechstellung.

„Genosse Heuer, Achtung!“

Heuer rekelt sich auf. Um seine Augen steht Zornesröte.

„Ein bisschen bemühen musst du dich schon“, sagt Winter.

„Sind wir hier bei der Armee oder wo?“ Heuer sucht Zustimmung in der Seminargruppe. Hasel zimmert ihm eine Brücke. „Einem Feldwebel der Reserve liegt das so im Blut, denke ich. Manche können nicht anders.“

„Psychologisch bedingt“, sagt Schulze. „Wenn ich meine Zinnsoldaten aufstelle, nehme ich von selber Haltung an. Geist braucht’s da nicht.“

Winters Blick wird hart. Die unterdrückten Lacher weisen aus: Das war zu scharf und zu provokativ.

„Genosse Heuer, Stellung.“ Heuer fällt mit einem Mal vorschriftsmäßig. Ein bisschen schlaksig, aber immerhin.

„Bjs auf meine Höhe vorwärts gleiten!“

Heuer gleitet. Ungelenk, Kraft verbrauchend, doch bemüht, den Befehl auszuführen. Nach zwanzig Schritt bleibt er liegen.

„Weiter!“ Winter wartet. Er presst die Lippen aufeinander. Eiserne Miene.

Heuer versucht noch einmal, schafft fünf Schritt, ruht sich aus, brüllt plötzlich: „Scheiße!“, und steht auf. Abwartend und Gleichgültigkeit zur Schau tragend, sieht er Winter entgegen.

Der nimmt den Blick auf, zögert aber noch, eine Entscheidung zu treffen. Heuer gehört zu jenen, die ihm das Ende des Studiums nach spätestens den nächsten Semesterprüfungen prophezeit haben. Sehr einfach für Heuer. Er gehört zum besseren Durchschnitt, und er lässt ihn jetzt eindeutig auflaufen. Was tun? Soll Winter klagen wie ein altes Weib? Ich muss genauso wie ihr, Leute. Seid doch nicht so schuftig. Er hat weiche Typen schon heulen sehen, als sie in ähnlicher Zwangslage steckten. Nicht mit kullernden Tränen, aber nahe dran. Und das Ende war dann stets weinerlich. Sie absolvierten regelrechte Bittgänge.

„Genosse Heuer, Stellung!“

Heuer trotzt, angestachelt vom Murren einiger, besinnt sich aber bald, da Winter ein echter Vorgesetzter zu sein scheint, ringt noch mit seinem Ehrgefühl, sich von einem Versager kommandieren lassen zu müssen, prüft Winters Gesichtsausdruck, erkennt die Unnachgiebigkeit, fällt dann, fällt gut und gleitet bis auf des Vorgesetzten Höhe.

„Genosse Heuer, Achtung!“

Heuer steht gemächlich auf. Sein Widerwille zu gehorchen bremst die Schnelligkeit.

Winter übersieht es nicht. „Rührt euch!“

Heuer läuft auf seinen Platz zurück.

„Genosse Baum, bis auf meine Höhe vorwärts gleiten!“

Baum wirft sich in den Liegestütz und gleitet gewandt und kraftvoll wie Winter.

„So muss das aussehen!“, lobt der Gruppenführer. Die Männer schweigen andächtig, Winter scheint es, als springe ein wenig vom sportlichen Wettkampfgeist über.

„Genosse Hasel!“

Hasel müht sich, obgleich er die Leistung Baums nicht im Mindesten erreicht. Für Winter aber genügt es, die Selbstüberwindung zu erkennen. Auch er hat sich um gute Prüfungsergebnisse bemüht. Die vormilitärische Ausbildung gehört zu den Studienanforderungen. Heuer erfüllt sie auf diese Weise nicht. Hasel schlecht.

„Genosse Schulze!“

Schulze läuft einige Schritt, hinkt plötzlich, umklammert sein rechtes Knie, jammert.

Blödes Theater, stellt Winter fest, und er fragt scharf: „Was soll das?“

„Meniskus. Altes Leiden.“ Und er murmelt: „Bin ich ein Tier, dass ich im Staub krieche?“

Winter läuft heran. “Streif das Hosenbein hoch!“

„Soll ich mich entblößen? Soweit kommt’s!“

Winter bewegt die Lippen, findet keine passende Antwort, sieht eine Weile über die Köpfe hinweg ins Geäst einer üppigen Schwarzpappel, sagt dann, ohne den Blick zu ändern: „Roland Schulze hat mich aufgefordert, das Studium abzubrechen , weil ich die Prüfungen versaut habe.“ Er macht eine Pause. Nicht zu übersehen, wie Winter mit sich ringt. „Eine solche Aufforderung passt nicht zu dem Affentheater, das er hier abzieht. Also wie? Nichtausführung eines Befehls oder?“

„Na, Mann! Die Gesundheit geht doch wohl vor.“ Schulze macht keine Geste, den Befehl auszuführen.

Schroff sagt Winter: „Streif das Hosenbein hoch!“

„Bist du ein Arzt? Na also!“

„Gut“, sagt Winter. Er stellt sich sechzig Schritt vor der Front auf. „Genosse Schulze, Achtung!“

Stimmen werden laut, nicht verrückt zu spielen. Einer redet von Exmatrikulation. Schulze spürt den Ernst der Lage.

Baum sagt: „Dir wird gleich das Wasser im Arsch kochen und zu Recht, denke ich.“

„Bis auf meine Höhe vorwärts gleiten!“

Schulze fällt in den Liegestütz und beginnt zu gleiten. Er hat die Rückendeckung der Gruppe verloren und muss zeigen, was er kann. Sechzig Schritt, ungefähr vierzig Meter. Hier heißt es, die Kräfte einzuteilen.

„Kopf unten lassen! Gesäß tiefer!“

Die Strecke scheint zu wachsen. Schulze wird langsamer.

„Nicht so müde, Genosse Schulze! Unten bleiben! Gleiten, nicht kriechen!“

Nach dreißig Schrittmaßen erhebt sich Schulzes Widerspruchsgeist. Der weigert sich, die zunehmende Anstrengung durchzuhalten. Schulze riecht das feuchte Herbstgras, die Erde, die absterbenden Pflanzen. Die Halme streifen die Augen. Um das schweißige Gesicht surren kleine aufdringliche Fliegen. Eine große Heuschrecke springt zur Seite, ein Laufkäfer glänzend, schwarzgrün, flüchtet über seine Hand. Schluss jetzt! Schluss! Knie und Ellenbogen schmerzen ihm. Wofür diese Schinderei? Zehn Meter vor Winter bleibt er liegen. Er denkt daran, die Szene ins Lächerliche zu ziehen und laut pfeifend auszuatmen. Er müsste Winter auf achtzig bringen und ihm die Grenzen seiner Befehlsgewalt zeigen. Aber er weiß nur Küchler und Heuer hinter sich. Hasel vielleicht noch. Baum ist ein Anpasser. Der macht jeden Dreck mit. Hat er das nötig, der Professorensohn? Die anderen lavieren.

„Genosse Schulze, Achtung!“

Schulze steht auf.

„Stellung!“

Schulze fällt.

Winter geht zehn Schritt voraus. „Bis auf meine Höhe vorwärts gleiten!“

Empörung ist zu vernehmen und Gekicher. Geteilte Meinungen. Schulze bewegt sich langsam vorwärts. Warte ab, Winter! Du fällst. Das nächste Studienjahr kommt bestimmt. In wenigen Wochen ist deine Macht zu Ende. Schulze schafft die erweiterte Strecke, erhebt sich, reißt einen Batzen Gras aus, wirft ihm Winter vor die Füße. Der übergeht die Geste, ruft nacheinander die übrigen Kommilitonen auf, die ursprünglichen dreißig Schritt zu bewältigen.

Ein komplikationsloser Vorgang, wenn auch Unvermögen gezeigt wird, zuweilen Flüche erleichtern sollen und niemand vor Freude jauchzt.

„So, Genossen, das war gewissermaßen der Einstand in die Taktik. Bis zum Steinbruch hinauf folgt der nächste Abschnitt. Es wird anstrengender. Diese Übung kann mit einem Zehntausendmeterlauf verglichen werden.“

Ablehnende Stimmen werden laut. Winter kontert: „Das ist übliche Ausbildungspraxis. Eher liegt sie unter den Anforderungen der Armee als darüber.“ Er lässt sie ein Stück marschieren und schließlich zur Schützenkette auseinanderziehen, erläutert, wie sich der Soldat bei Angriffen verschiedenster Waffenarten zu verhalten hat.

„Gruppe. Achtung!“ Winter wartet, bis der letzte stillsteht. „In Schützenkette vorwärts -marsch!“

Die Studenten simulieren die fehlenden Maschinenpistolen mit der Haltung der Arme.

„Stellung!“

Sie fallen kleckerweise.

„Beim Kommando ‚Stellung!‘ fällt jeder augenblicklich. Das ist keine Laune des Vorgesetzten, sondern wichtige Selbsterhaltung, denn der Gegner schießt scharf. Gruppe, Achtung!“

Die Männer springen auf

„Im Laufschritt - marsch!“

Sie rennen.

„Stellung!“

Die Männer fallen.

„Achtung“

Sie springen auf.

„Im Laufschritt - marsch!“

Sie rennen ...

Winter wiederholt all diese Befehle in kurzen Abständen. Er beordert Tiefflieger von vorn. Panzer von hinten, Artilleriefeuer, Haubitzenschläge. So dirigiert er die Studenten bis zum Steinbruch. Sie sind erhitzt, abgekämpft, lustlos. Gerötete, schweißige, schmutzverschmierte Gesichter, glasige Augen, teils Wut darin.

„Wir haben die fälligen Pausen aufgespart“, sagt Winter, „ist nicht ganz korrekt, aber dafür bleibt Zeit zum Ausruhen und zum Baden. Baden aber auf eigene Verantwortung. Ich habe nichts gesehen. Wegtreten!“

Jochen Winter legt sich ins Gras, deckt sein Käppi aufs Gesicht, schließt die Augen. Wohltuende Ruhe. Der Wind bewegt die Birken. Blätter fallen. Jochen spürt ihren leichten Aufprall. Vielleicht war es falsch, überlegt er, volles Programm zu fordern. Aber es bleibt ein bewährtes Prinzip, von Anfang an straffen Dienst abzuverlangen. Die Fronten müssen klar sein. Eine Lehre aus der eigenen Armeepraxis. Als er Unteroffizier wurde, hatte er seine Kumpel als Gruppenführer zu befehligen. Er war weichherzig, versöhnlerisch; sie nahmen ihn hoch. Sie nannten ihn Durchdrücker, wenn er etwas verlangte, und zählten ihm seine Schwächen auf. Erst bei den fremden Soldaten war er frei von solchen Belastungen. Seine Dienstdurchführung funktionierte. Freilich liegen jetzt andere Bedingungen vor. In dieser Seminargruppe hat er noch Jahre zu studieren. Er braucht das Kollektiv. Er braucht die Anerkennung. Es tut weh, nur gelitten zu sein. Er kann nicht auf das Urteil seines Umfeldes pfeifen. Ist es denn so schwierig, miteinander auszukommen? Warum tun sich viele so schwer, zu ihm zu gehen, ihm vielleicht auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: Hast Pech gehabt. Wird schon werden!

Gemurmel lässt Winter aufhorchen. Einige schimpfen sich die Wut von der Seele.

„Dienstgeiler Hund!“

„Hat vergessen, wie lange wir hier sind.“

„Das macht kein anderer Gruppenführer.“

„Der geht sowieso ab. Die letzten Zuckungen.“

„Er zeigt noch mal, wer er ist.“

Günter Baum setzt sich neben Jochen Winter, „ich nehme an, du schläfst nicht.“

Winter schiebt die Mütze von einem Auge, wartet, was Baum veranlasst, sich zu ihm zu setzen.

„Mir sagt dein Ausbildungsstil im Wesentlichen zu“, beginnt er. „Aber ich war bei der Armee, ich bin darauf eingestellt. Ich bin auch körperlich gut in Form. Nicht jeder ist in der Lage, ein solches Maximalprogramm durchzustehen.“ Baum spricht leise. Die Gruppe sitzt abseits. „Mach’s ein wenig verhaltener! Allmählich steigern von Tag zu Tag. Du kehrst zu sehr den Vorgesetzten heraus. Man spürt nicht, dass du zu uns gehörst.“

Winter richtet sich halb auf. Das Käppi rutscht ins Gras. „Bin ich das, einer von euch?“

Baum wendet sich ihm zu. Er hat bisher in die weitläufige Berglandschaft gesehen. „Seltsame Frage.“

„Finde ich nicht. Zu viele haben mir deutlich gemacht, dass ich nicht mehr zu euch gehöre.“

„Vier oder fünf von neunzehn. Jochen! Die Schwätzer kannst du vergessen. Versuche, lockerer aufzutreten. Du siehst verbiestert aus, wenn du kommandierst. Ein Gesicht, eher zum Fürchten als eine Brücke zwischen Vorgesetztem und Unterstelltem.“

Wozu vermittelt Baum? Er, Winter, fühlt sich im Recht. Er erfüllt seine Aufgabe nach bestem Vermögen. Hier tadeln sie ihn für die gute Leistung des Gruppenführers, dort tadeln sie ihn für sein Prüfungspech. Wie könnte er eine Brücke bilden ohne den Willen der anderen Seite? Er schiebt sein Käppi wieder ganz übers Gesicht und sagt: „Letztlich muss jeder selbst einschätzen, was er zu tun gedenkt.“ Ein bisschen zu abweisend erscheint auch ihm seine Entgegnung, nachdem sie ausgesprochen ist. Aber wie oft haben Ereignisse in seinem Leben gefordert, selbstständig einzuschätzen und zu entscheiden, und wie oft hat er bereut, nicht selbst entschieden zu haben, sondern gutgläubig zum Beispiel Mutters Order gefolgt zu sein. Als Kind erfuhr er manch bittere Stunde, wenn ihn seine Mutter aus dem Kreis der Freunde riss, um ihre Einsamkeit durch ihn zu überbrücken. Vom schönsten Räuberspiel hat sie ihn weggerufen, und er musste im Wald Spazierengehen. Er mochte den Wald, doch zu unpassender Zeit wurden diese Gänge für ihn zur Qual. Freunde durfte er nicht nach Haus bringen. In anderen Wohnungen hatte er sich nicht aufzuhalten. Sie lebten isoliert. Manchmal herzte und küsste sie ihn in plötzlicher

Anwandlung. Er entwand sich, und sie weinte. Sogar seinen brennenden Wunsch, eine Lehre beim Forst zu beginnen, redete sie ihm aus. Er sollte mehr sein. Und jetzt sitzt er fest. Falls er sein Studium aufgeben müsste, bliebe ein Riss. eine bittere Lebenserfahrung. Er hätte Jahre verspielt. Was heißt aufgeben? Er will nicht gelitten sein, weil er anderen, einer ganzen Gruppe, den Leistungsdurchschnitt verdorben hat, weil andere für ihn bestraft werden, obgleich nur moralisch. Aber der Finger, der über ihnen steht, geht durch sie als Faust auf ihn nieder. So kann er nicht leben. Dann lieber klare Verhältnisse. Aus. Ziel nicht erreicht. Dagegen wiederum steht sein sehr gutes Abitur. Wie konnte er auch die Prüfungen derart verhunzen! Und nun Befehlsgewalt. Jede seiner Handlungen erscheint besonders gewichtig. Welche Methode er anwendet, sie schlägt gegen ihn zurück. Die weiche, pfeift’s von oben. Die harte, pfeift’s von unten. Also bleibt nur die Entscheidung. Er hat sich entschieden. Er selbst. Ein normal harter Dienst wird durchgeführt. Ohne Übertreibungen, ohne Kompromisse.

Baum hat eine solche Reaktion nicht erwartet. Er ist wortlos gegangen. Küchler hält sein Bein fest, als er sich an den Leibern vorbei auf seinen Ruhefleck begeben will. „Große Dankbarkeit fürs Lob, Semsek?“

„Was für ein Lob?“

„Hervorragende Dienstdurchführung. Ich hätte ihm lieber gesagt, dass er ein blöder Hund ist.“

„Geh und sag’s ihm!“

Küchler macht eine abwertende Handbewegung. „Sinnlos.“

„Ausrede des Feigen.“ Baum setzt seinen Weg fort.

Schulze winkt ihn zu sich heran. „Müssten wir als Seminargruppe gegen den Knaben nicht irgendwie Vorgehen?“

„Und wie?“

„Wir holen ihn heute Abend auf die Bude und machen ihn fertig.“

„Auf die Bude holen, einverstanden. Aber wir werten ganz sachlich den Ausbildungstag aus. Bis dahin lass dir was einfallen, wie du deine Mätzchen begründest.“

Schulze bläst die Backen auf.“Du willst doch nicht sagen, dass diese Schinderei normal ist! Blanke Rache, weil wir ihm klargelegt haben, er solle das Studium lieber schmeißen. Dumm wie ein Brot, aber hier den Starken spielen!“

„Du hast keinen Grund, dich über andere aufzuregen. Deine Geringschätzigkeit finde ich äußerst miserabel. Sicher. Winter überzieht etwas, aber wir lernen einiges.“

„Hohle Faxen sind das, die er ernster nimmt als wesentliche Studienfächer.“

„Er hat die Welt nicht so gemacht, wie sie ist. Aber er nimmt die Chance, sie zu erhalten, ernst.“

„Jetzt wirst du politisch, Semsek.“

Baum wendet sich ab, begibt sich endlich zu seinem Platz, will sich, den anderen gleich, hinstrecken, besinnt sich aber und läuft durch das Gelände rund um den Steinbruch. Auf dem stillen Wasser ruhen gelbe Birkenblätter. Neue fallen hinzu. Der braungrüne Fels spiegelt sich und ein Stück Himmel. Unergründliche Tiefe bis in den Äther. Man könnte zu den Wolken tauchen. Schöne, wunderschöne Welt.

Die Pause ist um. Winter ruft: „Gruppe. Achtung!“ Einigen bereitet es Mühe, die bleischweren Glieder in Bewegung zu setzen. Schulze springt aus der Kniebeuge auf. Sieh an, denkt Winter, er muss wohl seine Sportlichkeit beweisen. „Sachen in Ordnung bringen und antreten.“ Winter sagt es lasch. Er hat Baums Worte nicht vergessen. Er lässt die Gruppe ein Stück marschieren, gibt hin und wieder den Takt an und befiehlt schließlich: „Ein Lied! Genosse Kaltofen, anstimmen!“

„Ich?“, ruft Kaltofen, „hatte im Singen eine Fünf.“

„Ein Lied, habe ich gesagt!“

„Kenne keins. Haben noch keins gelernt, Genosse Gruppenführer.“

Ein Selbsttor für den Vorgesetzten. Er wollte mit dem Lied nur das Taktgefühl für den Gleichschritt erzeugen. Kaltofen hat ihn mit spürbarer Freude hochgenommen, und die kichernden Rivalen bestätigen es. Soll sich Winter entschuldigen, das Kommando zurücknehmen oder gar darauf beharren? Er lässt den Befehl versanden, sagt nur noch die dringendsten Wendungen an. Dienstende naht mit jedem Schritt. Was soll er sich noch aufschaukeln?

Das Abendbrot ist karg. Ein Rädchen Jagdwurst, ein Rädchen Blutwurst, Brot, ein Sternchen Butter, dazu Kräutertee. Die Studenten werden nicht satt und maulen. Jochen Winter verschwindet wortlos und organisiert eine Schüssel ausgelassenes Fett. Es wird mit Beifall aufgenommen. Winter lächelt kaum merkbar. Ein kurzer Sonnenstrahl, der durchs Gewölk dringt. Ernst wendet er sich an Schneiderheinze, seinen Nachbarn: „Mal ehrlich. War das zuviel heute, Taktik und ...“

Schneiderheinze kaut den Bissen durch, schluckt schnell, zwirbelt seinen Schnauzer, der bis zu den Mundwinkeln herunterhängt, und antwortet, ohne hintergründigen Schalk verbergen zu können: „Ich würde lieber spazierengehen.“ Er beißt ins Brot, kaut hastig und ergänzt mit vollem Mund: „Aber es war auszuhalten, ein bissel Willen vorausgesetzt.“

Winter verteilt das Stück Butter auf einer Scheibe Brot, streicht eine spiegelglatte Fläche, beißt hungrig ab, nickt.

„Wie gesagt“, meint Schneiderheinze, „ein bissel Sport schadet keinem.“ Er mummelt mit vollem Mund. „Den Trabantmotor muss man auch mal ab und zu mit hundert fahren. Dann läuft er besser.“

Heuer hat mitgehört. „Dann frisst der aber zehn Liter. Wie werde ich gefüttert?“ Er spießt die Blutwurst an und hält sie hoch. „Ergo, Genosse Gruppenführer, im Felde mit sechzig, nicht mit hundert. Im Studium mit hundertachtzig von mir aus. Aber hier ..., igittigitt!“

Heuer hat seinen Beitrag mit feinem Zynismus vorgebracht, spielerisch verbindlich, souverän. Für Winter eine einzige Abwertung. Eigentlich wollte er die Atmosphäre beim Abendbrot lockern. Das besorgte Schmalz entsprach seiner Handreichung. Die Gruppe hat nicht erwartungsgemäß eingeschlagen. Er bleibt der außenstehende Vorgesetzte. Er spürt selbst seine Verkrampfung. Ja doch, Baum! Ein Gesicht zum Fürchten, keine Verbindlichkeit, nur dienstlich ... Er müsste Witze erzählen. Aber er ist kein Witzeerzähler. Dazu muss man wohl geboren sein. Eine Story aus seiner Armeezeit. Ja!

Winter zwingt sich zum Lachen, es verrutscht ein bisschen, und er verschafft sich durch eine Handbewegung Aufmerksamkeit. Seine plötzliche Wandlung stößt auf Skepsis. Keiner ahnt, was Winter vorschwebt zu sagen. und als er salopp beginnt, ist statt der Vorfreude auf eine erwartende Pointe nur Erstaunen in den Gesichtern. „Also, während der Grundausbildung hatten wir einen verdammt scharfen Unteroffizier. Sein Hobby war der Stiefelputz, speziell die Brücke, also das Stück zwischen Sohle und Absatz. Er hob jedes Mal beim Stubendurchgang beide Stiefel an, die nebeneinanderstanden. Warte! denke ich und stelle sie über Eck unter den Hocker. Und zuvor dick eingecremt. Der fasst an, Daumen schwarz. Alles feixt.

‚Wem gehören die?‘

‚Mir, Genosse Unteroffizier!‘

‚Wie üblich hinstellen!‘

Denkste! denk ich, fahre mit beiden Armen rein und schiebe sie zueinander. Wieder feixt alles. Der zieht ab. Vor dem nächsten Stubendurchgang cremen wir alle auch die Innenseiten ein. Der hebt das erste Paar hoch. Daumen und Finger schwarz.“

„Ungeheuer spaßig gewesen, dreimal ha“, ruft Hasel. Es wird plötzlich still am Tisch. Winter kann seine Enttäuschung nicht verbergen. Er sagt schnell noch: „Na, und wir mussten aus den Betten, die Stiefel abwischen und am nächsten Sonntag Küchendienst machen.“

„Rindvieh!“, zischt Baum.

„Was denn?“, erwidert Hasel. „Finde ich stark. Ehrlich. Das waren noch Kerle:“ Er kichert. Einige fallen ein.

Winter hat eine Riesenwut auf Hasel. Auf dem Weg zur Unterkunft denkt er sich Schikanen aus. Kleine, unauffällige. Hasel soll zeigen, was er kann. Bisher hat er sich wenig bemüht. Aber dann verfliegen die Gedanken an Rache. Baums Worte gewinnen Bedeutung. Leute wie Hasel darf man nicht ernst nehmen. Ein wichtigerer Kummer überfällt ihn. sobald er an Karin denkt. Es ist ein Schmerz aus Bangen und Hoffen, der das bisschen Hohn in sich auflöst. Sie hat noch nicht geschrieben, obwohl er seit dem Vorbereitungslehrgang über eine Woche im Lager weilt. Eine Woche ohne Post, das ist viel. Könnte er zurückblicken auf ein langes Jahr, wäre diese eine Woche lächerlich kurz. Aber er wartet, und im Warten auf den ersten ersehnten Brief mit den so wichtigen Beteuerungen dauert jeder Tag ein ganzes Jahr. Mindestens. Die örtliche Trennung bestärkt seine Sehnsucht. Sie muss seine Frau werden. Sie oder keine! Er macht sich diesen Vorsatz zur Gewissheit. Ein kleines Manöver in Richtung Selbstbetrug, denn so glücklich war der letzte Abend nicht. Sie hatte beim Spazierengehen nur nach unten gesehen und hatte eigenartig fremd gelächelt, wenn er beider Zukunft ausmalte. Zum Abschied reichten sie sich wortlos die Hände.

„Was hast du?“, rief er ihr nach.

„Was soll ich haben? Nichts.“

Sie lief, so schien es ihm, erleichtert die Stufen hinauf. Er hat das Bild deutlich vor sich: ihre zierliche Gestalt im luftigen Sommermantel, den dunklen Bubikopf, die leichten Sandaletten mit Absatz, die schönen Beine ... Ein Abschied auf immer. Er spürt es stärker als an jenem Abend, an dem er wie angepflockt stand, ohnmächtig zu bitten oder nachzulaufen. Er war zu schwach, der kräftige Jochen Winter, der äußerlich so stattliche, selbstbewusste Mann. Ein hilfloses Etwas, das hätte heulen mögen. War das Verhalten seiner Mutter die Ursache? Was mag Karin empfunden haben beim ersten Besuch, der gar nicht lange zurückliegt? Seine Mutter unterstrich mit jeder Geste ihre Abneigung. Hat Mutter sein Mädchen nicht ähnlich behandelt wie die Seminargruppe ihn? Wie etwas, das nicht dazugehört? Mutter kann erzählen. Sogar sprühend und geistvoll. An jenem Nachmittag beim Kaffee dehnten sich die Minuten. Enttäuschend für Jochen, aber er schwieg darüber. Auch Karin äußerte sich nicht. Später streute seine Mutter immer mal unter die Gespräche, dass solche Leute, Diplom-Ingenieur und Ärztin, kein Umgang für die Winters wären. Viele Mädchen liefen ihm noch über den Weg. Er sollte zunächst an sein Studium denken und so weiter.

„Jochen!“

Winter erschrickt. Er ist in die Wirklichkeit des Lagers zu rückgerufen. „Ja?“

Günter Baum hat ihn eingeholt. „Wir wollen nachher den Tag auswerten. Kommst du?“

„Auswerten? Sicher. Ja. Prima.“ Wohl ist Winter nicht bei dieser Zusage. Er fühlt sich gefordert zu einem ungleichen Duell. Einer gegen neunzehn. Da heißt es aufpassen. Sie werden ihn in die Defensive drängen. Baum hat eigenartig gegrinst. Welche Rolle spielt er?

Hauptmann Böhm, der Kompaniechef, kommt Winter entgegen. „Na, Genosse Winter, alles klar? Morgen nach Dienst führen wir die nächste Gruppenführerbesprechung durch. Sie haben ja Ihre Leute ganz schön rangenommen.“ Er lacht.

„War das zuviel?“

„Die beste Dienstdurchführung. Auch die Methodik.“

„Und woher wissen Sie das?“

Der Hauptmann lächelt verschmitzt. „Ein guter Vorgesetzter hat seine Augen überall.“

Jochen Winter bestärkt das Lob. Hauptmann Böhm gilt als Respektsperson. Nicht nur wegen seiner Befehlsgewalt. Er ist so manchem klugen Bürschchen gewachsen. Ein schlagfertiger Offizier, belesen, gewandt, hilfsbereit und korrekt.

Im Bungalow von Winters Gruppe herrscht Stimmung. Jemand spielt auf einem Akkordeon, dazu Gitarre und ein Schlaginstrument. Die Männer singen: „Von den Bergen rauscht ein Wahasser ...“

Als er im Begriff ist einzutreten, stimmt einer an: „In einem Polenstädtchen!“

Hasel ruft übertrieben „Achtung!“ und springt von seinem Stuhl auf. Einige tun es ihm gleich. Die Musikanten spielen weiter, Schulze Akkordeon, Berger Gitarre und Baum trommelt mit den Händen gegen einen Spind.

„Stoppt mal!“, sagt Winter. „Gegen gewisse Lieder habe ich etwas.“

„Wie könnte es anders sein“, sagt Kaltofen, „also: Ein Männlein steht im Walde.“