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Habent sua fata libelli - Bücher haben ihre Schicksale – so lautet ein berühmtes lateinisches Sprichwort: Im Leben eines Buches oder eines künftigen Buches kann viel passieren. Genau das ist diesem Roman passiert – er wurde gleich zweimal aus dem Verkehr gezogen: Zunächst wurde er aus dem Mitteldeutschen Verlag in Halle an den DDR-Militärverlag in Berlin weitergereicht. Und wieder war dieser Roman weg vom Fenster. So langsam sinkt die Zahl derjenigen, die sich noch an ihre Zeit bei der Fahne und an die dort herrschenden Bedingungen erinnern können. Und damit sind wir bei einem Hauptthema dieses aufmüpfigen Buches – beim Widerspruch von Sein und Schein, wie er in der DDR nicht länger zu verbergen war – auch in der Armee des Volkes nicht. Das muss auch Werner Rosenkranz erfahren, der sich gleich nach dem Abitur als Soldat meldet und Funktechniker einer Fliegerabwehr-Raketeneinheit wird: Rosenkranz hatte sich beim Geländelauf einen Knöchel verstaucht und hinkte. Darum hinkte er auch beim Laufschritt vom Kompaniegebäude zum Essensaal, und er hinkte beim Laufschritt vom Essensaal zum Kompaniegebäude. Die Offiziersschüler standen an jeder Biegung, jeder Ecke, jedem Flur, jedem Treppenabsatz und heizten die frischen Kanoniere an. „Laufen Sie! Laufen Sie!“ Von überall her drangen diese Rufe. Ein Kanon der Hatz. Und Rosenkranz hinkte an einem der Antreibenden vorbei. „Laufen Sie! Sie sollen laufen!“ „Kann nicht. Bein verstaucht.“ Rosenkranz hatte es schnoddrig gesagt, provokant, wütend, weil er auf Strenge und auf gesunden Leistungsdruck eingestellt war, nicht aber auf Vorgesetzte, die ihn mit Genuss nach ihrer Laune tanzen ließen und die sich beim Antreiben gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Er hinkte absichtlich stärker und lief langsamer. Das war er seinen Schmerzen schuldig und seinem Stolz. Der Offiziersschüler rannte ihm nach, baute sich vor ihm auf. Sehr dicht. Seine Stimme nahm eine hohe Tonlage an. „Was bilden Sie sich ein, wer Sie sind? Ich hatte befohlen: Laufen Sie! Name und Gruppe. Sie melden sich im Gruppenführerzimmer!“ Rosenkranz nannte Namen und Gruppe, aber er versprach sich vor Erregung. Er wusste, etwas Unangenehmes würde folgen. Warum? Er wurde zum Essen gehetzt; er wurde nach dem Essen gehetzt. Früh, mittags, abends. Man trieb ihn an. Warum? Man ignorierte seinen Schmerz im Knöchel. Warum? War das nicht der Auftakt, ihm seine Würde auszutreiben, seinen Charakter zu brechen? Stimmte solche Art mit dem vorgegebenen Geist dieser Armee überein?
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2012
Jürgen Ritschel
Harte Jahre
Roman
ISBN 978-3-86394-785-9 (E-Book)
Die Druckausgabe erschien 1990 im Brandenburgischen Verlagshaus.
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de
Manchmal kann Literatur erschreckend wahr sein.
Da standen sie nun auf holprigem Pflaster irgendwo in Mecklenburg zwischen Feld und Wald, junge Männer, achtzehn, neunzehn Jahre alt. Einheitlich gekleidet. Ein Block in Grau. Abgesetzt auf einsamer Landstraße. Kaum auszumachen vor dem halbhohen Kiefernwald. Eine schneidende Stimme fuhr in die lockeren Reihen. Schlag der Stiefel, Straffen, Stille. Der Wind rauschte um die Wipfel. Jetzt deutlich zu hören. Motoren sprangen an. Leer fuhren zehn Lastkraftwagen in Marschrichtung an dem Trupp vorbei. Die jungen Soldatengesichter waren ernst. Zu ernst.
Werner Rosenkranz studierte die Züge des Majors, des Kommandeurs, den er seit zwei Tagen kannte. Sie waren von verbissener Emsigkeit gezeichnet, von Zorn zuweilen. Immer standen Verantwortung und Gewichtigkeit im Blick. Stets trug er eine Unmutsfalte in dem winzigen Kinn unter markanter Nase. Ein sehr dynamischer Mann, dieser Major Ritter. Kopf und Körper zeigten in ihren Bewegungen an, dass er immer zugleich an jedem Ort sein wollte, dass er alles sah, alles entdeckte, auch die geringste Verzögerung, den kleinsten unpassendsten Laut, Und dann schlug seine Stimme zu, fuhr in die Seelen, erschütterte. Junge, weichherzige Männer darunter. Rosenkranz. Eben erst das Abitur abgelegt. Eben den ersten Schritt ins Leben getan, in ein Leben, das man ihm völlig anders vermittelt hatte. Und eben war eine Mauer gezogen worden, die man Schutzwall nannte. Ein Vorgang, den er entfernt kommentierte wie ein Naturereignis: Es war nun mal so. Und es war eben so, dass er über Nacht zu einer Entscheidung finden musste: entweder zwei Jahre Armee oder kein Studium. Da keimte so etwas wie Einsicht in Unabänderliches. Aber jetzt, da er merkte, wie wenig wert er war, weil man ihn anzubrüllen und zu erniedrigen sich erlaubte, wich dieser Keimling Einsicht der Frage: Warum bin ich hier?
Major Ritter war ein adretter Mann. Das Haar trug er übermäßig kurz geschoren. Es begann eine Koppelbreite über den Ohrenspitzen. Die Mütze mit straff geschwungenem Spiegel saß millimetergenau nach Vorschrift. Die Stiefelhosen waren exakt ausgebügelt und standen wie Segel von den Beinen. Die Stiefel glänzten, als wären sie aus schwarzem Glas. Die Ausstrahlung des Mannes, die Haltung, jeder Satz, den er sprach, jede Bewegung zeugten von unantastbarer Autorität und von einer Distanz, die Rosenkranz frieren ließ.
Auch jetzt war der Major mit geschärftem Spürsinn um den kleinen Trupp herum unterwegs, als segelte er im straffen Frühjahrswind von hinten nach vorn und von vorn nach hinten. Er war an jeder Stelle zugleich. Er saß ihnen im Nacken oder auf der Stirn. Eine teuflische Weise, Sie engte Rosenkranz ein. Sie provozierte seinen Trotz. Er war bei seiner Mutter in höchstem Freiraum aufgewachsen. Freilich, ein bisschen verwöhnt. Einzige echte Erinnerung an ihren Mann. Bei Stalingrad vermisst. Geblieben war auch der winzige Laden. Kurzwaren aller Art. Eben ein Geschäft, keine lebendige Erinnerung. Zog Werner Rosenkranz die zum Verwöhnen neigende Mutterliebe ab, erinnerte er sich durchaus an Strenge. Aber nie verletzte diese Strenge sein Persönlichkeitsgefühl.
Die militärische Einheit, die seit einem Tag bestand, duckte sich von der ersten Minute an unter dem Druck ihres Kommandeurs. Rosenkranz spürte schon jetzt, wie solche Saat in einigen jungen, noch unerfahrenen Offizieren zu keimen begann. Sie untersetzten den Unmut des Alten, vervielfachten ihn, engten ein, indem sie Echo waren, Strafen androhten, schnauzten, Rosenkranz fühlte sich als Gefangener. Er marschierte ernst, der junge Soldat. Zu ernst. Aber er war jung genug, die Gedanken kippen zu können. Die Uniform nahm ihm das heitere Leben nicht, dem Täuscher und Senkler, der mit Messingabsätzen übers Pflaster geknallt war, zu Hause. Der in engsten Röhrenhosen lief. Der mit seinen Freunden zu bestimmten Zeiten durch die Kleinstadt spazierte, um zu sehen und gesehen zu werden. Sie nannten es senkeln, und wer senkelte, war ein Senkler. Und wer dabei täuschte, den Weltmann markierte mit erstem Flaum unter der Nase, wer ein Mädchen umwarb und so tat, als könnte er tausend auf einen Wink haben, war ein Täuscher. Täuscher und Senkler musste sein, wer anerkannt sein wollte. Jeans gehörten dazu, die offiziell verpönten. Kenntnisse der Rock-'n'-Roll-Musik, der verbotenen Namen der Sänger, Titel. Bill Haley: Rock around the clock. Elvis: ...everybody let's rock. Es genügte, einige Zeilen vorzusingen oder zu schwärmen von Johnny Holiday, von Little Richard. Ein Täuscher durfte verliebt sein, sogar untröstbar unglücklich, zeigen aber musste er erhabenen Stolz. Einen Täuscher warf doch kein kleines Mädchen aus der Bahn! Gedanken verriet man nicht, auch nicht jetzt, da ein Täuscher nach Zewentin marschierte.
Siehst du mich, Anita? Siehst du mich marschieren? In Stiefeln. Lässig. Ungeheuer kraftvoll, als wäre der Marschblock ich. Ganz allein ich. Ich sehe dich, mein Gedankenengel. Du schwebst über uns wie ein Federchen im Aufwind. Neben mir laufen Schmidtel und Flater, vor uns Lola und Karli Kippe, weiter hinten Frettchen und Käuzchen. Meine Freunde. Tolle Kumpel. Hätten echte Täuscher sein können, wären sie in unserer Stadt aufgewachsen. Sie kennen dich von meinem Erzählen. Lass sie ruhig lästern, wenn ich schwärme. Sie haben nie deine tiefen, aufwühlenden Blicke erlebt, die stumme Sehnsucht darin, nie dein Leid erfahren, das übles Geschwätz verursacht hat. Sie kennen deine dunklen Augen nicht, nicht dein schwarzes aufgestecktes Haar, deinen weichen Mund. Sie brauchen nicht zu wissen, dass ich dich nie geküsst habe. Es gab wenige Spaziergänge und nur einen, bei dem wir Hand in Hand liefen. Unsere Liebe war Sehnen, Träumen, Schwärmen.
"Triefen Sie nicht, Genosse Rosenkranz!"
Er war außer Tritt geraten, war weggetreten in die letzte Phase seiner Pennälerzeit. Peinlich. Der Major, angelockt von dieser Ermahnung, behielt ihn im Blick. Aber Gedanken sind wie stille Musik. Sie untermalen den äußeren Ablauf. Rosenkranz war bald in seinem Heimatort, bei der Abschiedsfeier mit seinen Freunden, bei Anita, bei dem Schmerz um seine kleine enge Welt, der so richtig aufgebrochen war im Rausch.
Nach Schankschluss wankte Rosenkranz durch die Straßen, bis er vor Anitas Haustür stand. Sein Lallen verriet seinen Kummer. Er schickte sich an, das Fallrohr zu erklimmen. Sein Mädchen wohnte im zweiten Stock. Als er ein Bein ansetzte, segelte er rittlings auf die Straße. Passanten witzelten über das Bürschlein, aber hoben es auf. Die schwankende Welt um sich verarbeitete er nur noch bruchstückhaft. Soldat war er bald und kein Bürschlein, und Briefe würde er ihr schreiben, und das Fenster sollte herunterkommen, wenn er nicht hinauf könnte, und augenblicklich wollte er Anita sehen. Kein Lichtschein erhellte ihr Zimmer. Sie schlief. Er sollte zur Armee, und sie schlief. Verratene Liebe. Und ringsum glotzten stumm die Häuser. Große und kleine. Giebel an Giebel. Anhaltinische Kleinstadt. Nirgendwo Lichtreklamen. Keine Nachtbar. Er brauchte Trubel, Tanz, Gesang. Elendes Kaff. Vergessene Welt. Die große Universitätsstadt entfernte sich auf zwei Jahre. Endlich Student sein, raus aus dieser Lebensenge. Konzerte, Theater, Tanzbars, Reste alter Kultur. Er kannte diese noch kriegswunde Stadt nur von Bildern her. Dennoch unvergleichbar der seinen, in der die Abwässer die Rinnsteine entlang flossen, die Häuser nächtens hinter die Dunkelheit traten, wo Gaststätten ihr Leben aushauchten, als litten sie an einem Virus. Er war in einer Stadt aufgewachsen, in der man aus Dachrinnen trinken konnte. Hier gab es einen brüchigen Männerchor und eine überalterte Blaskapelle, die nur noch zum Ersten Mai aufspielte. Kein Orchester. Nie war ein Anfang gesetzt worden. Die Bewohner gingen arbeiten. Sie lebten trist. Kleingarten, Kino, Kneipe. Die einzige neu erbaute Gaststätte glich einem Wartesaal. Front gegen alte Gemütlichkeit. Nieder mit allem, was nach überlebter Vergangenheit roch! Und wehe dem Oberschüler, der öffentlich einen Rock'n'roll sang.
Rosenkranz summierte wirr und schlug gegen einen Fensterladen. Schuljungenstreich. Sie hatten es im Winter getan auf dem Nachhauseweg vom Nachmittagsunterricht. Jetzt knallte er seine Messingabsätze aufs Pflaster und grölte Auszüge des berüchtigten Kriminaltangos: "...da fällt ein Schuss! Und sie tanzten einen Tango..." Er kicherte, hieb nochmals mit der Faust gegen einen Fensterladen, stampfte auf eine der blechernen Abdeckungen, unter denen das Abwasser in die Rinnsteine geleitet wurde. Rosenkranz lärmte aus Trotz. Diese Lieder durften nicht sein, aber sie gefielen ihm. In seinem Rausch löste diese Schizophrenie aus, was den Liedern unterstellt wurde: Kulturlosigkeit und Aufpeitschung zum Randalieren. Der besoffene Rosenkranz wehrte sich wie einst, als die Antennenstürmer in sein Haus eindringen wollten. Sie hatten den damals Fünfzehnjährigen beiseite geschleudert, die Fernsehantenne geknickt und das Dach beschädigt. Gewalt und Verbot waren seine Art nicht. Also rückte er ein Stück ab vom offiziellen Leben und sah und hörte nun erst recht, was er nicht sehen und hören sollte. Sie setzten die Antenne unters Dach. Wieder hatte er seine Schlager, die ihm ein Stück Welt in die kleine Stadt trugen. Die hiesigen waren ihm allzu seicht, und er dachte kopfschüttelnd an das Lied: Unter einem Fliegenpilz sitzt der Zwerg Rumpelstilz.
Begriff niemand, dass auch der gebildete Arbeiter ein bestimmtes Niveau verlangte? Schröder, zum Beispiel, der Schmied. Rosenkranz wird nie die kürzliche Begegnung mit ihm vergessen. Er kam vom Sportunterricht und Schröder aus der Betriebsbibliothek. Sein schmales, von Bartstoppeln immer schwärzliches Gesicht leuchtete auf. Er klopfte an seinen abgewetzten Ledertornister, den er wie eine Aktentasche unterm Ann trug und rief: "Tolstoi!" Er meinte die Bücher, die er ausgeliehen hatte und sich unter dem Leder beulten. An seiner Freude erkannte Rosenkranz den Vorgenuss auf diese Literatur. Seine Haltung überzeugte. Schröder sagte nicht: Du musst Tolstoi lesen. Er sagte auch nicht: Wenn du Tolstoi nicht gelesen hast, bist du kein Mensch. Und er hätte auch nie gesagt: Du darfst den Westschlager nicht hören, weil er dich ideologisch vergiftet. Schröder hätte auch keine Antenne vom Dach geholt. Aber Schröder, der Schmied, bei dem er, Rosenkranz, einen Feuerhaken im praktischen Unterricht schmieden durfte, regte ihn an, Tolstoi zu lesen.
Erinnerungen wie Wolkenfetzen. Rosenkranz tobte durch eine natürliche, verschlafene Welt. Wach wusste sie, wie er zu atmen und zu denken hatte, aber gerade jetzt war er empfindlich für die Kluft zwischen Anspruch und Sein. Die Trunkenheit nahm alle Schranken. Er würde sagen, was er glaubte, sagen zu müssen, damit Stolz und Freude aufbrechen konnten aus tiefster Seele. Und zu Hause legte er die verwunschenen Platten auf und ließ sie in die Nacht schreien. Elvis und Johnny und Little. Er war ein Mensch. Er durfte spielen, was er wollte; er durfte sagen, was er wollte, und wer meinte, er hätte irrige Ansichten, der sollte die seinen dagegensetzen, der sollte reden mit ihm und ihn nicht ertränken in allgemeinen Wendungen.
Sie waren etwa einen Kilometer marschiert. Hinter Koppelzäunen und Kopfweiden erkannten sie die ersten Häuser und Scheunen von Zewentin. Niedrige Parterrebauten mit moosbewachsenem Schilf bedeckt oder mit roten Ziegeln. Sie näherten sich in gleichmäßig zügigem Schritt. Rosenkranz bangte vor der Ungewissheit, die sie erwartete. Er zimmerte sich gedanklich ein karges Leben zwischen Baum und Borke zurecht, fernab jeder Zivilisation und eingepfercht in die Launen Major Ritters. Was zurücklag, war fassbar. Sieben Monate Armee hatten ihn geformt und erwachsener werden lassen. Er wusste nun besser, wann er abducken musste oder wann es lohnte, sich zu behaupten. Sein Durchsetzungsvermögen war bereits in den ersten Tagen seiner Armeezeit herausgefordert worden. Von Offiziersschülern. Den Vorgesetzten während der Grundausbildung. Burschen seines Alters beinahe. Nur wenige Jahre darüber.
Rosenkranz hatte sich beim Geländelauf einen Knöchel verstaucht und hinkte. Darum hinkte er auch beim Laufschritt vom Kompaniegebäude zum Essensaal, und er hinkte beim Laufschritt vom Essensaal zum Kompaniegebäude. Die Offiziersschüler standen an jeder Biegung, jeder Ecke, jedem Flur, jedem Treppenabsatz und heizten die frischen Kanoniere an. "Laufen Sie! Laufen Sie!"
Von überhall her drangen diese Rufe. Ein Kanon der Hatz. Und Rosenkranz hinkte an einem der Antreibenden vorbei.
"Laufen Sie! Sie sollen laufen!"
"Kann nicht. Bein verstaucht." Rosenkranz hatte es schnoddrig gesagt, provokant, wütend, weil er auf Strenge und auf gesunden Leistungsdruck eingestellt war, nicht aber auf Vorgesetzte, die ihn mit Genuss nach ihrer Laune tanzen ließen und die sich beim Antreiben gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Er hinkte absichtlich stärker und lief langsamer. Das war er seinen Schmerzen schuldig und seinem Stolz. Der Offiziersschüler rannte ihm nach, baute sich vor ihm auf. Sehr dicht. Seine Stimme nahm eine hohe Tonlage an. "Was bilden Sie sich ein, wer Sie sind? Ich hatte befohlen: Laufen Sie! Name und Gruppe. Sie melden sich im Gruppenführerzimmer!"
Rosenkranz nannte Namen und Gruppe, aber er versprach sich vor Erregung. Er wusste, etwas Unangenehmes würde folgen. Warum? Er wurde zum Essen gehetzt; er wurde nach dem Essen gehetzt. Früh, mittags, abends. Man trieb ihn an. Warum? Man ignorierte seinen Schmerz im Knöchel. Warum? War das nicht der Auftakt, ihm seine Würde auszutreiben, seinen Charakter zu brechen? Stimmte solche Art mit dem vorgegebenen Geist dieser Armee überein?
In der Unterkunft konnte Rosenkranz seine Unsicherheit nicht verbergen. Noch bestanden keine innigen Freundschaften, aber man sprach ihm Mut zu, man schimpfte über die Methoden und riet ihm, zum Regimentsarzt zu gehen. Dieses Mitgefühl baute ihn auf. Dann stand er vor der Tür des Gruppenführerzimmers und tastete seine Kleidung ab, ob nicht eine Unordnung auffallen könnte. Auch seine Feldmütze saß nach Vorschrift. Seine Hände zitterten. Er merkte, es war Angst. Drinnen hörte er lautes Reden und Lachen. Ein Stimmengewirr wie auf den Soldatenstuben. Er klopfte. Seine Erregung verstärkte sich. Er vernahm deutlich einen ungewohnten Druck in den Schläfen. Niemand schien auf sein Klopfen geachtet zu haben. Der Lärmpegel blieb gleich. Er meinte, er wäre damit dem Befehl nachgekommen, aber ein Unbehagen zwang ihn zu bleiben. Er klopfte stärker. Zu stark. Die Tür vibrierte. Er verhielt den Atem. Drinnen wurde es still. "Herein!"
Rosenkranz wollte forsch eintreten und zeigen, dass seine Person nichts erschüttern kann. Es wurde ein kläglicher Auftritt. "Guten Tag. Ich sollte mich melden."
Entrüstetes Auflachen schlug ihm entgegen. Er sah nur noch eine Wand von Uniformen und Köpfen, und ein verzerrtes Gesicht zeichnete sich ab. Das bereits bekannte. "Wissen Sie nicht, was Sie zu tun haben, wenn Sie aufgefordert werden einzutreten? Gehen Sie raus und kommen Sie wieder rein!"
Rosenkranz fand sich, als er vor der Tür stand, erst nach Sekunden zurecht. Man musste wohl abwarten, bis man angesprochen wird. Irgendwann war dies dem Viertagesoldat bewusst gemacht worden. Abwarten und untadlig verharren. Blick frei geradeaus. Er klopfte. Man ließ sich Zeit. Endlich: "Herein!"
Rosenkranz trat ein, baute sich auf, wartete. Er wartete lange. Er beruhigte sich seltsamerweise, je länger er stand, und er unterschied nun einzelne Gesichter. Sie übersahen ihn. Ein Machtspiel. Ein saudummes, fand er. Dann rief unvermittelt jener Offiziersschüler: "Wissen Sie nicht, dass man die Kopfbedeckung abzunehmen hat? Gehen Sie raus! Kommen Sie wieder rein!"
Beschämung und Wut erregten Rosenkranz so, dass eine Augenpartie anschwoll und sich rötete. Der lästige Druck im Kopf verstärkte sich. Rosenkranz machte die Kehrtwendung überexakt, verlor das Gleichgewicht, setzte nach, verfehlte die Klinke. Jemand lachte.
Wieder stand Rosenkranz vor der Tür. Soldaten waren aufmerksam geworden. Sie verfolgten das Theater in gebührender Entfernung, amüsiert oder erschrocken, je nach Veranlagung. Rosenkranz prüfte nochmals den Sitz seiner Kleidung. Nie in seinem Leben waren ihm die Hände dermaßen außer Kontrolle geraten. Sie vibrierten über die Stirn, über die Knöpfe und Taschen. Er wusste nicht mehr, wie man die Kopfbedeckung abzunehmen hatte. Er klopfte, wartete auf den Ruf, trat ein, nahm sein Käppi mit der rechten Hand ab, überführte es in die linke und hielt es mit der Öffnung nach oben. Geschafft. Untadlig. Er wartete. Der Offiziersschüler trat auf ihn zu und musterte ihn. Rosenkranz dachte: Dieser Mensch hat in seiner Kindheit Katzen gequält.
Er stand lauernd vor ihm. Seine Lippen waren geringschätzig einseitig nach oben gestellt. Sein Blick zeigte seine enorme Wichtigkeit an und Verachtung für die Kreatur Rosenkranz. Und da spürte er, der junge Soldat, wie klein, wie gering sein Gegenüber war, und fühlte seinen Mut, der sich ganz still, ganz versteckt, aber unaufhaltsam entfaltete, und er nahm den ironischen Blick auf und musterte den Vorgesetzten mit Abscheu und Verachtung. Und der schrie plötzlich: "Wie sind Sie denn eingekleidet, Mann? Gehen Sie raus, bringen Sie Ihre Sachen in Ordnung und kommen Sie wieder rein!"
Rosenkranz setzte sein Käppi auf, machte eine exakte Kehrtwendung, öffnete entschlossen die Tür und ging. Er knallte die Stiefelhacken auf die Flursteine, als hätte er seine messingbeschlagenen Täuscherschuhe an. Sie sollten hören, was er von solchen Mätzchen hielt. Zu seinem Erstaunen war jede Angst völlig verweht. Seine Zimmerkameraden umringten ihn in der Erwartung, alles zu erfahren, und Rosenkranz berstete vor Mitteilungsbedürfnis. Er brauchte Meinungen, Beistand, Freundschaften.
Die Tür wurde aufgerissen. Der Offiziersschüler stürmte, suchte, fand, brüllte. Rosenkranz sagte, als der andere Luft holte: "Ich bin nicht Ihr Idiot. Noch heute ziehe ich meine freiwillige Verpflichtung zurück. Wir sind noch nicht vereidigt. Der Grund sind Sie. Ihren Namen will ich wissen."
Die aufgebauschte Großmäuligkeit des Offiziersschülers klappte zusammen. Sein Mund blieb offen, als hätte eine Ohrfeige ihn verkrampft. Das Gehabe wich aus dem Blick. Die Augen wurden klein und wässrig. Der Offiziersschüler verschwand. Ihn verfolgte das Gelächter der Soldaten. Das lag nicht in Rosenkranz' Absicht, denn er hatte eine Macht besiegt, eine winzig kleine nur und nur Augenblicke lang, aber dieser Sieg trug den Keim der Rache in sich. Das wusste er, und er sagte eigentlich mehr zu seiner Verständigung: "Man muss sie mit ihren Mitteln schlagen."
Sein Fuß schwoll stärker an. Er ging zum Regimentsarzt, war gefasst, ähnlich behandelt zu werden, wie eben erlebt. Aber dieser Offizier faszinierte ihn. Es war dessen unerschütterliche Ruhe, es war die Sorgfalt, mit der er den Fuß untersuchte, es war die väterliche Art, sich seiner anzunehmen. Ein Geschenk. Eine Ausnahme. Die anderen würden wieder auf den Gängen stehen und Treibjagd spielen. Wie sollte er mit diesem Fuß bestehen? Rosenkranz brauchte jemanden, eine Vertrauensperson, einen Menschen, der ihn anhörte. "Was soll ich machen? Mir wird befohlen, zu rennen mit dem verstauchten Fuß."
Der Doktor sah ihn an. "Erzählen Sie."
Rosenkranz erkannte die Entrüstung des Arztes, und er schilderte die Methoden und die Auseinandersetzungen. Rosenkranz erhielt keine Antwort darauf. Der Arzt sprach nur vom Röntgen, dessen Ergebnis die weitere Behandlung bestimmte.
Abends zur Nachtruhe trat der Gruppenführer, auch ein Offiziersschüler, an Rosenkranz' Bett. Er war an diesem Tag abkommandiert gewesen und hatte von all den Vorgängen eben erst erfahren. Er brachte auch eine Neuigkeit mit. Gewisse Übertreibungen würden vom Stab untersucht.
Tatsächlich waren über Nacht Wunder geschehen. Keiner heizte die Soldaten an. Sie marschierten im normalen Schritt zum Essen, ohne Hatz, ohne Gebrüll. Der kleine Rosenkranz und andere Einzelne hatte ins Getriebe gegriffen. Blutjunge, vier Tage alte Soldaten.
Und jetzt, da er auf Zewentin zu marschierte, fragte er sich, ob er nicht doch in diesem einen Moment den Schmerz im Knöchel hätte vergessen und exakt laufen sollen. Dass vor allem er, der Abiturient, in die Räder gegriffen hatte, war sehr bald bekannt geworden, zumal er seine Meinung zu bestimmten Methoden immer offen äußerte. Die einen beneideten ihn um seinen Mut, andere lobten ihn dafür. Aber er galt auch als Aufmucker, als Zerstörer der Disziplin, als arroganter Diskutierer. Solchen fühlte sich Rosenkranz ausgeliefert. Sie besaßen die Macht, ihn hinterrücks schluckweise zu zerstören. Und sie taten es. Sie verpassten ihm einen Leumund, der ihm wie ein böser Wind vorauseilte. Da gab es Zufälle, die waren so zufällig, dass sie an exakte Organisation erinnerten.
Der Hauptwachtmeister der Ausbildungsbatterie teilte ihn beim nächsten Revierreinigen für den Waschraum ein. Daran war nichts Ungewöhnliches. Sauberkeit gehört zum Soldatenleben. Ungewöhnlich war die geringe Zeit bis zur Vollzugsmeldung.
Er stand vor zwanzig Waschbecken und Spiegeln, vor einem gefliesten Fußboden und vor teils gefliesten Wänden. Das erste Mal in seinem Leben. Wo beginnen? Wie beginnen? Womit?
Der Hauptwachtmeister beobachtete ihn. "Wollen Sie Löcher in die Luft glotzen?"
Das hatte schon die Stimmgewalt eines Anschisses. Rosenkranz wusste, in welcher Schere er sich befand. Er musste beginnen, aber er wusste nicht, wie. Er zeigte Unvermögen, und darauf schien der Hauptwachtmeister gewartet zu haben.
Rosenkranz machte eine hilflose Geste. "Womit soll ich denn?"
"Sie haben also getrieft, als ich sagte, wo und wann die Gerätschaften auszufassen sind. Kommen Sie mit!" Der Hauptwachtmeister lief in zügigem Schritt zum Geräteraum. Rosenkranz hoppelte in einer Art Laufschritt nach.
"So, was brauchen Sie?"
Rosenkranz konnte nicht antworten. Ihm missfiel der Schulton, auch die lauernde Fixierung. Seine zur Langeweile geschürzten Lippen waren Maske. Rosenkranz spürte wieder das Zittern seiner Hände. "Waschpulver", sagte er dann leise.
"So. Wozu brauchen Sie Waschpulver?"
Diese Frage war Rosenkranz zu hinterhältig. Er schwieg. "Wollen Sie Wäsche waschen?"
"Für die Waschbecken."
"Ah, für die Waschbecken! Was brauchen Sie noch?"
"Lappen."
"Lappen gibt es viele." Der Hauptwachtmeister schnippte seine Schirmmütze nach hinten, stemmte beide Arme in die Hüften, wartete, lächelte überlegen. "Saubermachen haben Sie wohl bei Ihrem Abitur nicht gelernt, Rosenkranz?"
Sollte ihm Rosenkranz darauf antworten? Sollte er in Demut verfallen? Klein werden? Eines Tages zum Kriecher werden? Nein! "Sie haben doch Erfahrung, Genosse Hauptwachtmeister. Warum sagen Sie nicht, was alles gebraucht wird?" Ein aufsässiger Ton. Zu aufsässig. Der Hauptwachtmeister kniff die Augen zusammen. "Mein lieber Scholli!" Aber er stellte Rosenkranz einen Eimer zurecht, Scheuerlappen, Schrubber, Waschmittel, einen Wasserschlauch und Zeitungspapier zum Polieren.
Die Zeit lief. Rosenkranz schloss den Schlauch an, scheuerte die Waschbecken aus, wischte die Spiegel ab, spritzte mit scharfem Strahl nach, überspritzte die Wandfliesen und Fensterscheiben. Der Raum schwamm. Rosenkranz wischte mit Zeitungspapier die Scheiben und Spiegel trocken und polierte sie. Manchmal hauchte er das Glas an. Bis zur Vollzugsmeldung blieben ihm fünf Minuten. Er hatte geschludert unter dem Zeitdruck, vielleicht auch Schaden an den Spiegeln angerichtet. Man wollte es nicht anders. Er streute Waschmittel auf den Fußboden und schrubbte die gesamte Fläche. Dann spritzte er die graue Lauge in den Abfluss. Der Raum war nass und dunstig, Rosenkranz ließ Fenster und Tür offen und meldete Vollzug.
Eine Minute zu spät. Der Hauptwachtmeister sagte nichts. Er stand sehr behände auf und musterte Rosenkranz spöttisch. Mit Kennerblick inspizierte er den Waschraum, untersuchte einzelne Becken und griff plötzlich in einen Ritz zwischen Wand und Porzellan und zog eine verrostete Rasierklinge hervor. Er hielt sie gut sichtbar und triumphierend in die Höhe. "Sie haben Vollzug gemeldet."
Der Ton verriet eine mögliche Strafe, eine kleine Sonderbeschäftigung. Wieder war Rosenkranz der Spielball eines Mächtigeren. Er hätte sich schamvoll auf die Lippen beißen müssen, sich stammelnd entschuldigen sollen, aber Rosenkranz war kein Diplomat. Er sagte forsch: "Dem Rost nach zu urteilen, ist sie Jahre alt. Ein Wunder, dass Sie die völlig versteckte Klinge so zielgerichtet finden konnten."
Der Hauptwachtmeister verlagerte seinen Kopf in den Nacken, betrachtete den Soldaten noch spöttischer und erwiderte: "Sie wagen sich eine ganze Menge, Rosenkranz. Ich will Ihnen nur eines sagen: Mit der Ordnung im Waschraum beginnt es. An der Waffentechnik zeigt sich, was Sie bei mir gelernt haben. Wegtreten!"
Rosenkranz vollführte eine überexakte Kehrtwendung. Eine kleine Demonstration seiner Stärke: Zum Spiel gehören immer noch zwei.
Im Flur, kurz vor Eintritt in seine Stube, sagte er sehr laut: "Schikane und Ordnung sind zwei ganz verschiedene Dinge."
Eine Woche später zählte der Hauptfeldwebel beim Morgenappell von links nach rechts ab und teilte die Revierdienste ein. Rosenkranz und Brauer erwischten die Toiletten. Ganz zufällig. Wie zufällig, erwies sich bald. Drei der sechs Zylinder waren hoffnungslos verstopft.
Brauer prallte zurück, als die üble Brühe nach dem Ziehen stieg, und er unterdrückte heftigen Brechreiz. Er war ohnehin von zartem Wesen mit heller Knabenstimme, blasser Haut, feinstem rötlichblondem Haar, hellblauen Augen, kleinen Fettpölsterchen hier und da. Er sprach ein gepflegtes Hochdeutsch, Hannoveraner Deutsch, wie er immer versicherte. Er war der friedfertigste, netteste Mensch, der eher ein liebevolles Mädchen hätte sein können als ein Mann im Waffenrock. Irgendwer hatte ihn Lola genannt nach einem alten Armeewitz. Und wie er dort stand, vom Gestank gelähmt, und wie er seinen aufbegehrenden Körper zu bändigen suchte, tat er Rosenkranz leid.
"Komm raus, Lola, ich versuche mich mal." Er stand gleichermaßen hilflos vor dem ersten Becken und schluckte den Ekel weg. Ekel und aufkommende Wut überlagerten sich. Es existierte kein Revierdienstplan. Eine bewusste Unterlassung, um willkürlich diesen oder jenen für bestimmte Arbeiten einteilen zu können. Rosenkranz' Eichstrich war erreicht. "Sauerei, elende!" Dieser Aufschrei, der durch die Flure des Gebäudes schallte und wegen seiner doppelten Deutbarkeit aufmüpfig war, beorderte den Hauptwachtmeister zu den Toiletten. Er schob seine Mütze nach hinten und sah eine Weile amüsiert zu, wie der Abiturient hilflos in der Kacke rührte. "Kommen Sie an die frische Luft, Mann!" Er ging in den Raum, öffnete seelenruhig zwei Fenster. "Hier stinkt's wie im Affenhaus, aber an das einfachste denken Sie nicht."
Rosenkranz duckte sich. Dieser Hieb saß.
"Ich habe etwas gegen Muttersöhnchen, die kotzen, wenn sie ein Klo reinigen müssen." Der Hauptwachtmeister zog seine Uniformjacke aus, streifte beide Hemdsärmel über die Muskeln, rückte Eimer und Wasserschlauch zurecht. Er stellte sich stolz vor das erste Becken: Unterhemd, drüber die derben Hosenträger, die Mütze auf dem Hinterkopf. Ein verächtlicher Blick zu Rosenkranz, dann tauchte er einen Arm bis zum Ellenbogen in die frische Jauche, griff und grapschte und rührte und brachte endlich ein Knäuel Zeitungspapier hervor. Gelassen warf er es in den Eimer und spülte sich den Arm ab. Während er die Uniformjacke überzog, sagte er: "In einer Viertelstunde melden Sie Vollzuck!"
Zeit und Ton und die Hast, in der dieser Befehl ausgesprochen war, ließen Rosenkranz keine Wahl. Er zog seine Uniformjacke aus, streifte die Hemdsärmel hoch, wandte sein Gesicht zur Seite, atmete nicht und zog aus dem zweiten Becken ein Bündel Zeitungspapier. Er grinste Lola an. Den hob es wieder. Und nach Ablauf der Viertelstunde sagte er zu Lola: "Geh und melde Vollzuck!"
Jetzt lächelte auch Lola. Er hatte verstanden. Der Vollzug war ein Vollzuck beim Spieß. Und der schüchterne, blasse Jüngling stellte sich im schallenden Flur drei Meter vor den Hauptwachtmeister hin und rief: "Ich melde Vollzuck, Genosse Hauptwachtmeister!"
Einige lachten über die Parodie, und von diesem Augenblick an verging die Autorität des Oberfeldwebels, des Weibels, des Weibes, der Mutter der Kompanie.
Abends darauf, als die Soldaten stillstanden, abmarschbereit zum Abendessen, umhüllt vom Dunkel, und der Weibel ein letztes Räuspern und Knistern durch Warten und Schweigen merzen wollte, ertönte in den vorderen Reihen der Ruf eines Käuzchens. Der Hauptwachtmeister lief leise nach vorn. Da rief ein Käuzchen hinten. Die Soldaten kicherten. Er wartete, bis wieder Stille eingetreten war, und sagte kurz und schneidig und in einem Atemzug: "Ich habe schon Pferde kotzen sehen, direkt vor der Apotheke, im Gleichschritt marsch, ein Lied!"
Die nächste Attacke erlebte Rosenkranz am darauf folgenden Sonnabend. Es war die vierte Woche seiner Dienstzeit. Der Hauptfeldwebel teilte ihm den Kohlenkeller zu. Ein schmutziges Gewölbe von vierzig mal zehn Metern Grundfläche. Zur Hälfte mit Briketts gefüllt. Hier sollte Rosenkranz kehren. Vom ersten Atemzug an schmeckte er Kohle. Kehren hieße Umverteilung des Staubes. Aber Kehren war Befehl. Also pumpe dir die Lugen voll Dreck, Rosenkranz! Endlich haben sie dich dort, wo sie dich haben wollen. Im Staub. Endlich kriechst du im Staub, Rosenkranz. Da begann Rosenkranz zu denken. Er tat, was er eigentlich nicht sollte: Er dachte. Denkend organisierte er die Nichtausführung eines Befehls, weil diese Arbeit sinnlos war. Er schätzte ab, auf welche Weise der Hauptfeldwebel kontrollieren könnte. Dann begann er. Er sammelte Papier in einem Eimer, warf umherliegende Briketts auf den Haufen zurück, schaufelte grobkörnigen Abrieb ein und zog mit dem Besen einige Kehrspuren. Er schmierte sich Nase und Stirn schwarz und setzte sich auf den Eimer, bis die Zeit zur Vollzugsmeldung abgelaufen war.
Der Hauptfeldwebel saß hinter dem Schreibtisch, als Rosenkranz eintrat. Dreist und selbstsicher sagte er: "Genosse Hauptwachtmeister, melde Vollzuck!"
Der lehnte sich zurück, musterte Rosenkranz eine Weile wegen des forschen Auftretens und der ziemlich gekonnten Nachahmung seiner Aussprache und verkniff sich ein aufkommendes Lächeln. Rosenkranz wusste inzwischen, dass man ihn besser so zu nehmen hatte als schüchtern und verweichlicht, und jetzt maß er Rosenkranz, als hätte er den Trick durchschaut. Bis auf den Seelengrund leuchtete er ihn aus. Rosenkranz merkte, wie allmählich jede Festigkeit aus seinen Gliedern wich, und er dachte an Beichte. Sie brächte Milderung. Ein Spieß hat besondere Gucklöcher. Ein Spieß sieht alles. Sicher wusste er, dass Rosenkranz gesessen hatte, anstatt zu kehren. Und damit wusste er, dass er log.
"Den gesamten Keller?" Die Frage kam scharf. Der Blick war plötzlich ungemein hart. Rosenkranz durfte nicht überlegen. Sofort und äußerst überzeugt sagte er: "Jawohl, Genosse Hauptwachtmeister!"
Der Meister schob seine Mütze zum Hinterkopf und verschränkte den rechten Arm hinter der Stuhllehne. Ganz weich und mild, aber zugleich gefährlich drohend sagte er: "Wissen Sie, was sie erwartet, wenn ich mich überzeuge und das Gegenteil feststelle?"
"Jawohl, Genosse Hauptwachtmeister!" Rosenkranz wischte heimlich die feuchtgewordenen Hände an der Hose ab.
"Ich kann mich also überzeugen?"
Rosenkranz machte eine leichte Verbeugung, um seinen Worten einen günstigen Nachdruck zu verliehen. "Bitte, Genosse Hauptwachtmeister, kontrollieren Sie!"
Der sprang auf. "Gnade Ihnen Gott, wenn nicht stimmt, was Sie mir eben bestätigt haben." Noch einmal gewährte er dem Soldaten Augenblicke zur Besinnung. Die nutzte Rosenkranz auf seine Weise. "Gottes Gnade möge denen zuteil werden, Genosse Hauptwachtmeister, die ihren Verstand missbrauchen."
Die Augen des Vorgesetzten verengten sich schreckhaft, aber sofort entspannte sich sein Gesicht, ein Lächeln glitt drüber hin und zerfiel. Er hob einen Arm, zeigte zwischen Daumen und Zeigefinger die Größe eines Pfennigs an. "So klein sind Sie, Rosenkranz. So klein sind Sie. Wegtreten!"
Die Wucht des letzten Wortes trieb Rosenkranz auf den Flur. Dennoch feierte er still für sich einen Sieg. Einen kleinen. Diesen Sieg bezahlte er moralisch. Eine halbe Stunde nach der Nachtruhe wurde die Tür aufgerissen. Fünf Offiziersschüler machten Stubendurchgang. Jener Rosenkranz bekannte brüllte: "Achtung".
Die Soldaten sprangen aus den Betten. Verstörte, verschlafene Gesichter. Sie sahen stumm zu, wie die Offiziersschüler die zusammengelegten Kleidungsstücke von den Hockern warfen, wie sie Spinde ankippten und sich deren Inhalt auf dem Fußboden ausbreitete. Sie schwiegen anfangs noch über die Flüche und Beleidigungen, aber als die Angriffe direkt wurden und mancher als Schlamper und als liederlich herzuhalten hatte, murrten einige, fluchten sogar, und heftige Wortduelle entwickelten sich, die immer mit der Ausforschung des Namens und der Androhung einer Strafe endeten. Rosenkranz wartete ab. Er dämpfte den Zorn seiner Kameraden mit vorsichtigen Handbewegungen. Auch sein Päckchen war niedergerissen und sein Spind war ausgekippt worden. Die Offiziersschüler beruhigten sich und gingen zum theoretischen Teil ihrer Aktion über. Die Aufmucker notierten sie und jene, deren Spinde und Päckchen liederlich gewesen wären. Die Soldaten antworteten bereitwillig. Sie merkten, dass Rosenkranz seinen Trumpf noch ausspielen wollte. Er wartete. Noch maulten die Offiziersschüler lauthals, noch drohten sie Strafen an. Dann schien ihr Machtgelüst befriedigt zu sein. Der Befehl kam, unverzüglich Ordnung zu schaffen.
Rosenkranz sagte scharf: "Die Sachen bleiben liegen, wie sie liegen. Keiner hebt etwas auf."
Augenblicklich trat Ruhe ein. Lähmende Betroffenheit unter den Offiziersschülern. Die Soldaten spürten, dass sich die Machtverhältnisse zu wandeln begannen. Rosenkranz nutzte die Sekunden. Er fasste zusammen: "Stubendurchgang nach der Nachtruhe ist verboten. Außerdem sind Sie besoffen." Er lief zu seinem Spind. "Wer hat meine Ausgangsuniform in den Dreck geschmissen? Sie? Sie? Oder Sie?"
Noch einmal bäumte sich jener bekannte Offiziersschüler auf. "Was erlauben Sie sich? Sie sollen dem Befehl nachkommen!"
Rosenkranz war groß in diesem Moment. Er holte zum entscheidenden Schlag aus. "Wer hat das Ehrenkleid besudelt?"
Sie schwiegen betroffen. Er hatte sie alle fünf im Griff. Und er gab noch eins drauf. "In zwei Minuten sind die Sachen eingeräumt und die Päckchen gebaut!"
Daraufhin brüllten die Offiziersschüler durcheinander. Was er sich herausnähme, ob er nicht wüsste, dass er Vorgesetzte vor sich hätte und dergleichen. Einer gab ein Zeichen. Sie verschwanden. Es war Flucht.
Kurz nach dem Wecken betrat ein unbekannter Offizier des Stabes das Zimmer. Er betrachtete sich die Unordnung und forderte auf, genau zu berichten. Noch war keinem klar, welche Folgen für die Soldaten sich ergeben könnten, deshalb ließ man Rosenkranz, den Wortführer, antworten. Rosenkranz erläuterte den Hergang und sparte nicht aus, unter welchem Psychodruck sie standen. Der Major ging wortlos. Die Soldaten behielten einen guten Eindruck. Wer diesen Major informiert hatte, wusste niemand.
Am Nachmittag, vor Beginn einer Stunde Ballistik, erfuhren die Soldaten mehr, zumindestens in Andeutungen. Der ausbildende Offiziersschüler leitete die Stunde sonderbar ein. "Es gibt Soldaten unter uns, die das kameradschaftlich sozialistische Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Unterstellten hinterrücks untergraben." Er sah in die Gesichter. Ein großer, stattlicher und sich erhaben gebender Mann. Seine Worte erzeugten Furcht. Rosenkranz empörte sich über die dreiste Lüge, und er rief dazwischen: "Über das Verhältnis lässt sich reden."
Der Offiziersschüler ignorierte ihn. Zunächst. Er sagte: "Unter Umgehung der Dienstvorschrift werden falsche Informationen und Anschuldigungen zum Stab gemeldet. Wer die Dienstvorschrift verletzt, wird bestraft. Das haben Sie bereits gelernt. Gelernt haben Sie auch, dass niemand im Glied ungefragt reden darf. Einer scheint das nicht zu wissen."
Rosenkranz meldete sich. Der Offiziersschüler redete und übersah bewusst den gestreckten Arm des Soldaten. Rosenkranz war trainiert. Sie hatten lange den Karabiner mit gestreckten Armen gehalten, um Beherrschung zu üben. Rosenkranz hielt lange seinen Arm vorgestreckt und meldete sich, bis seine Freunde unruhig wurden. Da sagte er: "Wer hat denn nun das kameradschaftlich sozialistische Verhältnis untergraben, Soldaten oder Offiziersschüler, die jegliche Dienstvorschriften missachtet und randaliert haben?"
Die Antwort war Geschrei. "Halten Sie Ihren Mund im Glied!"
Vor Zorn schwoll das Gesicht des Vorgesetzten an. Er suchte nach einer Entgegnung, aber er änderte plötzlich Miene und Ton der Stimme und war kaum wieder zu erkennen. "Ballistik. Betrachten Sie auf der Abbildung die unterschiedlichen Flugbahnen der einzelnen Geschosse..."
Rosenkranz kochte. "Wortverdrehungen. Die neueste Taktik. Klarstellungen wollen sie gar nicht hören, Sie könnten die Wahrheit aufdecken."
"Rosenkranz, Sie melden sich heute Abend bei mir!"
Aha, er kannte seinen Namen. Niemanden kannte er. Es war die erste Unterrichtsstunde bei ihm. Man holte gezielt zur Rache aus. In ihrer Wut sind sie einfältig und verraten sich. Nicht mit mir, nicht mit einem Rosenkranz!
In den wenigen Wochen Soldatsein hatte Rosenkranz ein Leben kennen gelernt, das selbst die Summe aller schlechten Erfahrungen seiner vierjährigen Oberschulzeit übertraf. Er billigte zu, dass dies durchaus ein subjektives Urteil war. Aber verglich er die Theorie mit der Praxis, geriet er ins große Zweifeln, und es gab für ihn nur zwei Möglichkeiten: abducken oder für Gerechtigkeit kämpfen. Dass er in der Schule seine Jeans nicht tragen durfte, war nichts gegen die Heimtücke dieser kleinen Figuren. Rosenkranz spürte den gesunden Hauch dieser Gesellschaft. Ja, man konnte hier leben. Es gab eine erhabene humanistische Zielstellung. Warum war der Alltag so weit entfernt davon? Aber bestimmte letztlich nicht das tägliche Leben den Wert einer Gesellschaft? Im Fach Gegenwartskunde wurde sein noch zartes kritisches Denken zu oft gekappt. Nun ja. Diese hier gingen an seine Substanz. Sie knickten ihn. Sie straften. Nachgeben oder kämpfen? So mancher seiner Lehrer, der zur Wahrheit erzog, wurde zurückgepfiffen und zurechtgestutzt, bis auch er pfiff und stutzte. Rosenkranz fühlte es ihnen nach auf dem Marsch nach Zewentin in die neue Etappe. Inmitten dieses Blockes, umgeben und eingehüllt von deren Leibern blieb er Masse. Er musste nur dem Tritt folgen und durfte durch nichts außer Tritt geraten. Ein Stolpern, ein Zögern, ein Nachdenken rückte ihn in den Mittelpunkt. Dann, Rosenkranz, wirst du belegt, und dann wehrst du dich. Und das ist dein Fehler. Also halt endlich deine Schnauze!
Das schwor er sich, als er die leere Dorfstraße entlang marschierte an diesem müden Sonntagnachmittag im April.
Aber kaum geschworen, sagte er laut: "Zewentin, das Grab meiner Jugend!" Die bösen Erinnerungen an seine ersten Wochen Armee und die mögliche Wiederholung jetzt, reizten ihn zu dieser Bemerkung. Sie sollte gehört werden. Sie sollte anzeigen, dass unter dem Grau des sich bewegenden Quaders eigene Persönlichkeit steckte, die sich entfalten wollte, die notfalls aufbrach unter dem Zuviel strafender Blicke.
Und da war er schon, der Major Ritter. Er segelte längsseits an Leutnant Berndt heran, sagte etwas. Ein giftiges Gesicht.
"Schon notiert", meinte Lola. Wieder wandte sich der Kopf des hohen Vorgesetzten nach hinten. Im Moment des Fixierens straffte sich Lola und marschierte kraftvoller.
Der Major rief: "Ein Lied!"
Vorn kam die Antwort. "Von den Bergen..."
Der letzte Außenmann rief: "Lied durch!"
Der Major korrigierte: "Lied aus! Spaniens Himmel!"
Niemand hatte etwas gegen dieses Lied, aber der Tag drückte mit seinem Grau auf die Gemüter. Die Soldaten brauchten ein frohes volkstümliches Lied. Sie hätten in diesem Dorf wie ein Mann gesungen, hätten singend den eigenen Tönen gelauscht, hätten das verwunderte Aufhorchen hinter den Gardinen ausgekostet. Nun stimmte der Anstimmer bereits missgelaunt an. Die freie Entscheidung war genommen. Ein mummelnder Greisenchor zerquälte die ersten Zeilen. Gellend fuhr der Major dazwischen. "Lied aus!"
Sie liefen noch einige Schritte, da kam das Kommando: "Abteilung!"
Die Beine bewegten sich gestreckt nach oben. Die Sohlen knallten aufs Pflaster. Ein kleines Strafexerzitium, um die Körper zu beleben und den Geist frisch zu machen. Fünfzig Meter hätten vollauf genügt. Der Major ließ zweihundert Meter in dieser straffen Haltung marschieren auf einer Straße aus Kopfsteinen.
Kilometerweit fädelte sich der Ort an der Straße entlang. Scheunen überragten die niedrigen Wohnhäuser, vor denen kleine Gärten angelegt waren. Mittlerweile folgte der Einheit eine Schar Kinder. Manche ahmten das Marschieren nach.
Ein Alter stand vor seiner Tür in Achtungsstellung. Seine Augen vereinnahmten die jungen Männer in Kampfanzügen, mit Stahlhelmen und modernen Maschinenpistolen. Ihr exakter Schritt erschütterte ihn aufs angenehmste.
Ein Offizier des ersten Weltkrieges, dachte Rosenkranz. "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte, drum gab er Säbel, Schwert und Spieß dem Mann in seine Rechte." Nicht anders wohl hatte er gesungen, als er im jugendlichen Alter durch Europa marschiert war. Das Schlechte über die Jahre verdrängt, blieb nur noch blanker Stolz zurück. Er, Rosenkranz, war für Gehorsam nicht geboren. Gehorsam lieferte ihn aus, verdammte ihn zu blinder Untertänigkeit. Er war auch für den exakten Marsch, für militärische Ordnung, nur durfte ihm der geistige Freiraum nicht fehlen, die Kameradschaft, die Lust am Leben unter diesen besonderen Bedingungen.
Damals, nach dem unerlaubten Stubendurchgang der Offiziersschüler, hatte Rosenkranz längere Zeit Ruhe. Der militärischen Grundausbildung folgte eine theoretische in Elektrotechnik. Andere Offiziersschüler wurden ihre Vorgesetzten. Das Jahresende kam. Die komplexe Grundausbildung war vorüber. Eine Neuformierung stand bevor, wieder Ausbildung, aber jetzt an jenen neuartigen Boden-Luft-Raketen, mit denen der amerikanische Spion Powers über Kasachstan abgeschossen worden war und die den eigenen Luftraum in einem Gürtel vor einem möglichen Angriff bewahren sollten. Die Batterie war in Auflösung begriffen, und nach Weihnachten gab es als sichtbaren Vorgesetzten nur noch den Hauptwachtmeister. Der hatte Rosenkranz keinesfalls vergessen. Wie üblich zählte er beim Morgenappell die Diensthabenden ab, und ganz zufällig wurde Rosenkranz zum Unteroffizier vom Dienst geschlagen für die heißesten vierundzwanzig Stunden des Jahres, von Silvester zu Neujahr. Lola und Schmidt waren seine Läufer. Rosenkranz also gegen die gesamte Batterie ohne andere Vorgesetzte. Ein Gleicher unter Gleichen. Er musste Befehle durchsetzen, musste für Ordnung sorgen. Er war hineingestellt in eine Verantwortung, die ihn überforderte. Er stand allein gegen Gleichrangige, die einen lockeren Silvesterabend ankündigten und einen gefügigen UvD forderten. Er sollte zerrieben werden zwischen den Fronten. Ihn konnte man endlich für beliebige Vorkommnisse verantwortlich machen. Schon gab es Drohungen, falls er den Vorgesetzten spielen würde. Er konnte nur abwarten.
Dann stand er vor der Batterie. Abends. Freundlich, aber konsequent hatten er und seine beiden Läufer jeden Unwilligen zum Appell bewegt. Jetzt diskutierten sie im Glied, verlangten völlige Freiheiten für den Silvesterabend. Rosenkranz parierte forsch. Völlige Freiheiten brächten Chaos, und Chaos schadete der gesamten Batterie. Wer anstelle der verbotenen Knallkörper Flaschen um Mitternacht zerschlagen wollte, könnte es im Unterflur vor der Kellertür tun. Nur dort und nur, wenn diejenigen am anderen Morgen freiwillig die Scherben wegräumten. Man war zufrieden. Rosenkranz hatte den Druck abgebaut und ein Ventil gefunden. Auch er war zufrieden. Er ließ die Batterie stillstehen, ließ sie rechtsum wenden. Sie standen abmarschbereit zum Abendessen. Eine mustergültige Stille. Da schrie das Käuzchen. Die Männer lachten. Jemand rief: "Genosse UvD, dort oben pfeift was."
Rosenkranz war sich klar darüber, dass sie ihn jetzt hochnehmen würden, schlösse er sich dem Spaß nicht auf besondere Weise an. Er ahmte die knappe, harte, aber näselnde Aussprache des Hauptwachtmeisters nach und rollte wie er das R. "Ich habe schon Pferde kotzen sehen, direkt vor der Apotheke. Genosse Harnisch, einmal Küchendienst außer der Reihe. Danach melden Sie Vollzuck!"
Rosenkranz hatte sie, und er übertönte das ausgelassene Lachen mit seinem Befehl: "Im Gleichschritt marsch! Ein Lied! Von den Bergen rauscht ein Wasser!"
Sie sangen wie die Lerchen. Es war dunkel. Im Dunklen sangen sie immer volltönend und leidenschaftlich.
In der Küche war für die Silvesternacht Glühwein ausgegeben worden. Auch die drei Diensthabenden der Batterie durften davon trinken. Natürlich in Maßen. Rosenkranz ließ die Soldaten feiern. Gesang und Trommeln auf den Tischen tolerierte er. Einige Zimmer schienen zu kochen. Offenbar waren harte Sachen geschmuggelt worden. Er kontrollierte verhalten, beschwichtigte, dämpfte, ermahnte. Er hatte zu tun. Die ungerechtfertigte Übertragung einer solchen Verantwortung nahm ihm jeden Gedanken an Feier, an Festlichkeit. Man benutzte ihn und durfte Rechenschaft fordern. Jeden Moment konnte die Batterie, dieses einheitliche Ganze, aus den Nähten brechen. Wie unbändiges Wasser würden die Soldaten aus den Stuben fließen, sich schlagend und zertrümmernd, was im Wege stand. Vorbeugen wäre angebracht. Er brauchte nur den Offizier vom Dienst anzurufen oder einen Läufer auszusenden, aber er musste mit den anderen leben, auch morgen, übermorgen. Er wollte sich nicht über sie stellen und wollte auf keinen Fall als Denunziant gelten.
Gegen zweiundzwanzig Uhr erschienen zwei Soldaten. Sie waren ratlos. Ein Soldat ihrer Stube wollte sich das Leben nehmen. Er hätte beschlossen, um Mitternacht über den Zaun zu steigen, um sich von der Wache erschießen zu lassen. Er ließe sich nicht mehr beruhigen und schlüge um sich, sobald sich ihm jemand in bester Absicht näherte. Eine Mädchengeschichte. Die Verlobte hätte Schluss gemacht. Außerdem wäre er vorbelastet. Seine Mutter wollte mehrmals aus dem Leben gehen.
Rosenkranz dachte zunächst an einen Silvestergag. Die Gesichter der beiden zeigten aber tatsächlich echte Hilflosigkeit. Jetzt war er plötzlich in eine Situation gestellt, die mehr erforderte als das Parieren übler Tricks. Er war unversehens zur entscheidenden Person über Tod oder Leben geworden. Gleich unter Gleichen. Achtzehn Jahre alt. Nur die momentane Bestimmung des Diensthabenden hatte ihn erhoben. Hier war kein mehr oder minder wichtiger Befehl auszuführen, Vertrauen kam auf ihn zu, Hoffnung wurde in sein Können gesetzt. Man brauchte seinen Rat. "Kommt. Gehen wir."
Der Soldat saß auf einem unteren Bett, eingesunken, die Hände lasch auf den Beinen. Er hielt den Kopf gesenkt. Die Stille im Zimmer fühlte sich bedrückend an. Aller Augen beobachteten Rosenkranz. Er stand nun als Arzt, Vorgesetzter und Vater in einer Gruppe Burschen, denen er bestenfalls sein Abitur voraushatte. Er wusste, dass er entscheiden musste, aber er wusste nicht wie. Intuitiv ergriff er zwei Tassen Glühwein, reichte eine dem Unglücklichen, sagte: "Kommt, trinken wir erst einmal einen."
Sein Gegenüber sah auf, griff zögernd zur Tasse. Rosenkranz stieß an. "Zum Wohl!"
Der dumpfe Schlag Steingut gegen Steingut zerpolterte die Ohnmacht im Raum. Auch andere stießen gegenseitig an. Der labile Soldat gewann Haltung, weil die Tasse Halt verlangte. In einer Ecke witzelte jemand. Rosenkranz gebot mit einer Handbewegung Ruhe. Die frühere Stille kehrte ein. Rosenkranz sagte: "Ich habe zu Hause ein Mädchen." Er trank einen Schluck. "Gehabt." Noch einmal einen Schluck. Er drehte seine Tasse in den Händen, beobachtete, ob sein Einstieg eine Wirkung zeigte. Zumindest schien der Bursche zu lauschen. "Ich leide heute noch, sobald ich an sie denke. Anita heißt sie. Eine Schönheit wie im Bilderbuch. Blicke, kann ich euch sagen, wie ich sie von anderen in meinem Leben wohl nie mehr erhalten werde. Unwahrscheinlich. Aber dann traten Neider auf. Die erfanden Geschichten. Ich hätte andere Mädchen in der Nachbarstadt. Freilich hatte ich dort mal eine. Das war vorher und völlig harmlos. Anita genügten die Gerüchte. Sie sprach mit mir nicht mehr. Alle meine Versuche blieben hoffnungslos. Es war aus. Ich war fertig. Heute frage ich mich immer mehr, ob sie es wert ist, dass ich ihr nachtrauere. Hat sie danach gefragt, was in mir vorgeht? Hat sie nach meinem Leid gefragt? Gibt es nur die eine einzige Frau auf dieser Welt? Warten nicht Tausende auf uns. Im Moment haben wir das Pech, dass wir nicht suchen können. Aber sie gibt es. Sie verzehren sich nach uns. Sie heulen wie wir." Rosenkranz hob die Tasse und nickte allen zu. "Trinken wir auf jene Weiber, die uns noch nicht begegnet sind!"
Dieser Trinkspruch wirkte erlösend. Die Antwort war ein allgemeiner Aufschrei. Sie hoben die Tassen und schlugen sie gegeneinander. Kampfeswille um die Frauen drückten ihre Mienen aus.
"Auf die Weiber, die noch kommen!", rief Rosenkranz. Er zog den Soldaten vom Bett in die Mitte der anderen.
Der lächelte verkrampft. Allmählich setzte er einen trotzigen Blick auf und goss sich den Glühwein in einem Zug hinter.
Draußen im Flur zerschellte eine Flasche, begleitet von Flüchen gegen das alte Jahr.
"Die Pflicht ruft." Rosenkranz stellte seine Tasse auf den Tisch und ging. Er trat gerade auf den Flur, als eine zweite Flasche barst. Die Splitter trafen seine Stiefel, einer prallte wie ein Geschoss von seinem Stahlhelm ab. Es klingelte in seinen Ohren. "So nicht, Leute!" Er war sofort umringt von drohenden Angetrunkenen und gutmütig Fordernden. "Holst du den OvD, gibt es Dresche. Um zwölf geht was los. Da steht der ganze Batteriebereich kopp."
"Ein bisschen was kannst du uns schon machen lassen. Silvester ist nur einmal."
Rosenkranz musste lavieren. In seiner Lage konnte er keine Verbote aussprechen, andererseits durfte er ein Chaos nicht zulassen.
"Den OvD brauchen wir nicht", sagte er. "Das machen wir unter uns aus."
"Bist Kumpel!" Sie feierten ihn. Eine dritte Flasche fiel. Eine vierte war bereits erhoben.
Rosenkranz wehrte ab. "Vor der Kellertür, hatte ich beim Appell gesagt. Die Scherben hier verschwinden sofort."
Sie reagierten in seinem Sinn. Um Mitternacht entlud sich vor der Kellertür ein Höllenspektakel. Wenig später trat allmählich Ruhe ein. Die Läufer stellten die Vollzähligkeit fest. Rosenkranz trat seinen Weg zum OvD an und meldete die Vollzähligkeit.
Schwierigkeiten erhielt er am anderen Morgen. Die Batterie stand nicht auf. Nur die Essendienste fanden sich ein, um der jeweiligen Gruppe den Sonntagskuchen und die Getränke zu holen. Diese geschrumpfte Truppe führte Rosenkranz zum Essen. Der OvD notierte ihn.
Während die Soldaten auf ihren Unterkünften aßen, erschien ein Hauptmann. Lola hatte ihn entdeckt und beobachtet und erzählte Rosenkranz, dass er offenbar inspizierte. Seiner Miene nach zu urteilen, dürfte mit einer Freudenbotschaft kaum zu rechnen sein. Er käme angeblich vom Stab. Hastig ordneten sie auf ihrer Dienststube, was möglicherweise sein Missfallen erregen könnte. Etwas zu zeitig trat er ein.
Lola rief sehr laut: "Achtung!"
Die drei standen wie Holzfiguren.
Anschiss, dachte Rosenkranz, als er die kalten, überdrüssig wirkenden Gesichtszüge sah. "Wer ist hier der UvD?"
Die abwertende Tonart der Stimme und ihr Schnauzen ließen Rosenkranz noch tiefgründiger spüren, wie ungerecht es war, einen Soldaten in eine derartige Situation zu bringen. Er musterte den Offizier herausfordernd und nahm sekundenlang gleichermaßen kalt dessen Blick auf, bevor er sagte: "Ich."
"Was heißt denn: Ich? Das heißt: Hier, Genosse Hauptmann." Der Offizier wartete auf die demütige Wiederholung.
Rosenkranz schwieg.
Der Hauptmann wurde zorniger. "Ein einziger Saustall ist Ihr Batteriebereich. Soldaten liegen noch in den Betten. Andere essen auf den Stuben. Wie erfüllen Sie Ihre Pflicht? Draußen hat jemand hingekotzt. Sie lassen sich vors UvD-Fenster kotzen. Haben Sie während Ihres Dienstes geschlafen?"
Rosenkranz dachte in diesem Augenblick an seine Schulzeit. Er war elf Jahre alt und Gruppenratsvorsitzender seiner Klasse. Als zu einer Stunde die Lehrerin nicht erschien, tobten die Schüler. Am anderen Tag zog sie ihn, den schwächlichen Knaben, vor der Klasse zur Verantwortung, weil er in seiner Funktion für Disziplin hätte sorgen müssen. Als er weinerlich sagte, er könnte doch nichts machen gegen eine ganze Klasse, äffte sie ihn nach: Was heißt hier, man könnte nichts machen?
Das Kind Rosenkranz trotzte auf seine Weise. Es nahm nie wieder eine Funktion an. Nun durchlebte der junge Erwachsene eine ähnliche Geschichte. Jene, die ihre Verantwortung auf ihn delegierten, zogen ihn zur Rechenschaft. Früher hatte er solche Erniedrigung schlucken müssen. Nicht mehr jetzt. Nicht mit ihm. Er ging einen Schritt auf den Offizier zu, nahm sich vor, ruhig und sachlich zu reden. Es wurde eine Anklage. "Wir haben während unseres Dienstes nicht geschlafen. Ich bin kein Unteroffizier. Ich bin Soldat seit zwölf Wochen. Wo sind die Offiziere, die Feldwebel, die Verantwortlichen für diese Batterie? Man hat in einer Silvesternacht die Soldaten unter sich gelassen. Werden Sie, Genosse Hauptmann, dafür von der Gesellschaft bezahlt?"
An dieser Stelle öffnete der Hauptmann seine verkniffenen Lippen. Rosenkranz sagte schnell: "Ich werde mich noch heute beim Regimentskommandeur beschweren. Mich interessiert kein Dienstweg."
Der Hauptmann machte kehrt und warf wortlos die Tür zu.
Lola, vor Anspannung blass geworden, bekam wieder Farbe und boxte Rosenkranz. "Mann, der hat alt ausgesehen!"
Schmidtel schlug sich ausgelassen auf seine Oberschenkel. Eine Geste, die zuallererst an ihm aufgefallen war. Dazu gehörte ein inniges, aus der Seele dringendes Lachen. Schmidt lachte immer, wenn einer den anderen in seine Grenzen verwies, ob bei Wortgefechten, Lästereien oder Kraftproben. Er war kräftig und gedrungen und kampelte sich gern, um seine Kraft zu zeigen. Nicht aus ungesunder Machtprotzerei. Es war seine Art, sich auszutoben. Er blieb dabei immer Freund. Nie überzog er, obgleich er seine unangefochtene Stärke genoss. Ein bereitwilliger, mutiger Bursche, der einen Befehl selbst in der Hölle ausgeführt hatte. Nur gerecht musste es zugehen. Er war Grubenelektriker. Ein echter Kumpel, ein Mann, der die Erde von unten kannte. Hochstimmung war auf der Bude, wenn er, der kernige Schmidt, seine Kraftspäße mit dem zarten Fachverkäufer Lola machte und anzügliche Fragen stellte. "Hast du auch Damenreizwäsche verkauft, Lola?"
"Ach Gott, mit solchen Dingen gebe ich mich nicht ab."
Acht Uhr traf der Hauptwachtmeister ein. Er fegte wie ein Wirbelwind durch die Zimmer. Sein Ton war laut und poltrig, aber nicht abweisend, als hätte der Spieß mit mehr Unordnung gerechnet. Er pfiff die Batterie auf die Stellfläche und ließ antreten.
"So, mein lieber Rosenkranz, Sie benennen mir sofort, alle diejenigen, die heute Morgen stellvertretend das Essen geholt haben."
Rosenkranz befand sich erneut in der Zange.
Dem Vorgesetzten entging die Denkarbeit nicht. Genießend schob er seine Mütze nach hinten, hob leicht seinen Kopf, lächelte aus gespitzten Lippen, stemmte die Arme in die Hüften und lauerte, was Rosenkranz tun würde. Der dachte nur eins: Zeit gewinnen.
Er lief die Front ab und tat, als suchte er die bekannten Gesichter. Ihm war klar, verriet er einen einzigen, ließ ihn der Spieß hochleben und die Soldaten verpassten ihm Hiebe. Nannte er keinen, konnte der Spieß ihm willkürlich Sonderarbeiten verordnen. Ein wahres Scheißspiel.
Rosenkranz lief auf und ab. Der Oberfeldwebel wartete, als hätte er unendlich Zeit. Eine Reaktion aber musste Rosenkranz zeigen. "Genosse Hauptwachtmeister, ich kann keinen wieder erkennen."
"So? Dann lassen Sie die Reihen auseinander ziehen, und Sie sehen sich jedes Gesicht einzeln an."
