Bauernjagd - Stefan Holtkötter - E-Book

Bauernjagd E-Book

Stefan Holtkötter

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Beschreibung

Eine brutale Mordserie erschüttert das Münsterländer Dorf Erlenbrook-Kapelle. Mehrere alte, respektierte Bauern kommen auf grausame Weise zu Tode, die Umstände sind höchst mysteriös. Hauptkommissar Hambrock übernimmt die Ermittlungen und stößt auf alte Familienfehden, betrogene Hoferben und die Folgen des um sich greifenden Höfesterbens. Dann schlägt der Mörder erneut zu, und Hambrock erkennt zu spät, dass auch seine Familie in allerhöchster Gefahr schwebt ...

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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für Willi und Mariele

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

5. Auflage 2011

ISBN 978-3-492-95656-7

© Piper Verlag GmbH, München, 2010 Umschlag: semper smile, München Umschlagfoto: plainpicture / Deepol (Hintergrund) und plainpicture / Dona (Traktor) Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

1

Die Sonntagshemden klebten an ihren Körpern, in den Gesichtern glänzte der Schweiß. Das Einzige, was den Männern bei dieser Gluthitze einfiel, war, im Schatten zu stehen und Bier zu trinken.

»Verflucht, jetzt seht euch mal Magdas Vorbau an! Siebzig Jahre, und immer noch solche Dinger.«

»Hat sich wohl gelohnt, sieben Kinder zu kriegen.«

»Ach was, wartet nur, bis die ihr Geschirr ablegt, dann fällt doch alles auf den Boden!«

Sie brachen in wildes Gelächter aus, unter dem Coca-Cola-Schirm leuchteten ihre Gesichter hellrot.

»Tschuldigung.« Annikas Stimme war kaum zu hören. »Ich müsste hier mal durch …«

Doch erst als sie versuchte, sich vorbeizudrängeln, wurden die Bauern auf sie aufmerksam.

»Annika Horstkemper! Das ist ja eine Überraschung!«

»Unsere rasende Reporterin!«

»Wieso hast du es denn so eilig? Willst du mit uns alten Herren nicht ein Bierchen trinken?«

Ihre Antwort ging im Getöse der Blaskapelle unter, die am Rande der Festwiese aufspielte. Wahrscheinlich war das auch besser so. Sie ließ Bierwagen und Stehtische hinter sich, grüßte ein paar Kinder, die vor der Tombola darüber diskutierten, welche Preise am meisten wert seien, und erreichte den Pommes- und Würstchenstand. Wie jedes Jahr arbeitete ihre Mutter auch auf diesem Schützenfest ehrenamtlich am Grillrost.

Sophia Horstkemper bemerkte ihre Tochter zunächst nicht. Würdevoll stand sie da, in der einen Hand eine Holzzange und auf dem Kopf eine Haube, die sie etwas schief in ihre kräftigen Locken gesteckt hatte. Wieder einmal war Annika fasziniert von der Schönheit ihrer Mutter. Selbst mit neunundfünfzig Jahren wirkte sie noch wie ein Filmstar, wie eine Göttin aus Hollywood.

Ihre drei erwachsenen Töchter waren nach dem Vater geraten, die Ähnlichkeit war unverkennbar. Theodor Horstkemper war ein netter Kerl gewesen, doch alles andere als eine Augenweide. Annika hatte das oft bedauert und sich irgendwann damit abgefunden.

»Annika!« Ihre Mutter hatte sie entdeckt. »Wo bleibst du denn nur? Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Ich hab gesehen, dass du mich auf dem Handy angerufen hast. Eigentlich wollte ich auch zurückrufen, aber dann hätte ich noch mehr Zeit verloren.« Sie blickte sich um. »Ist der Vogel denn schon unten? Komm ich etwa zu spät?«

»Keine Bange. Mario stellt sich nicht gerade geschickt an.«

Mario Westlake würde in diesem Jahr der Schützenkönig von Erlenbrook-Kapelle werden. Unter der Hand war alles längst abgesprochen, die Krone war seit Langem Marios großer Traum. So zielte keiner mehr ernsthaft auf den Holzvogel am Ende der Stange, stattdessen schossen alle absichtlich daneben und warteten darauf, dass Mario endlich den finalen Schuss abfeuerte. Was bislang nicht geschehen war.

»Mach schnell ein Foto von den Schützen. Sie stehen alle noch in Reih und Glied«, sagte ihre Mutter. »Und erzähl mir später, was los war.«

»Was für ein Glück! Bis später!«

Annika lief weiter zur Festwiese. Alles wegen dieser blöden Kamera, dachte sie. Die war erst unauffindbar gewesen, und dann hatte sich herausgestellt, dass der Akku leer war. Wenn sie nicht bald lernte, sich besser zu organisieren, würde sie ihren Job bei der Zeitung verlieren. Egal, wie sehr ihre Chefin sie mochte.

Die Schützen standen in einer Schlange vor dem Schießstand. Nur noch ein knappes Dutzend war übrig geblieben. Alles junge Männer, die in verschwitzten Uniformen und mit sonnenverbrannten Gesichtern in der Hitze ausharrten.

Anfangs beteiligten sich immer sämtliche Mitglieder des Schützenvereins am Schießen. Das gehörte zur Tradition. Doch wenn der Holzvogel erst einmal eine Reihe von Treffern abbekommen hatte und es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er endgültig von der Stange fiel, lichtete sich das Feld der Schützen schnell. Die meisten siedelten zum Bierwagen über, wo sie sich unter die Sonnenschirme stellten und das Schießen aus der Ferne verfolgten.

Unter normalen Umständen wäre um diese Uhrzeit alles längst vorüber gewesen. Doch nicht heute. Annika hielt die Hand über die Augen und musterte den Vogel, von dem nur noch ein zerschossener Rumpf übrig war.

»Das war jetzt der zweihundertachtzigste Schuss!«, rief eine vertraute Stimme. »Du schaffst einen neuen Rekord, Mario!«

Ihre Schwester Marita lehnte am Wiesenzaun hinter dem Schießstand und betrachtete gut gelaunt Mario Westlake, der mit verkrampftem Gesicht das Gewehr entgegennahm und bemüht war, Kommentare zu überhören.

»Wenn ich schon sehe, wie du das Gewehr hältst! Das wird nie was!« Marita entdeckte Annika und winkte ihr zu. »Hey, Kurze! Wird auch Zeit, dass du hier auftauchst. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr.«

»Kurze« war zu Annikas Bedauern ihr Spitzname in der Familie. Dass sie inzwischen einundzwanzig war, änderte nichts daran. Sie war eine Nachzüglerin gewesen, so etwas wie ein Betriebsunfall der Eltern. Marita und Mechthild waren bereits zehn und zwölf Jahre alt gewesen, als sie zur Welt kam. Durch den Altersunterschied war es ihr immer vorgekommen, als wäre sie mit zwei Tanten aufgewachsen und nicht mit zwei Schwestern.

Im Lauf der Jahre hatte sie einiges einstecken müssen, und immer, wenn ihre Schwestern es wieder einmal zu weit getrieben hatten mit ihren Späßen, war deren Kommentar gewesen: Ach komm schon, Kurze, sieh es mal so – wer uns überlebt, der überlebt einfach alles.

Sie zu foppen, war schon immer ihre Art gewesen, Annika gegenüber ihre Zuneigung auszudrücken. Wenn Marita und Mechthild nämlich wirklich sauer auf sie waren, dann gab es plötzlich keine herablassenden Bemerkungen mehr, dann zeigten sie sich enttäuscht und verletzt und redeten nicht mehr mit ihr.

»Mario hätte den Vogel natürlich längst abgeschossen«, rief Marita. »Aber er ist fair und wollte damit warten, bis du dein Foto für die Zeitung gemacht hast.«

Die Männer in der Schlange lachten laut. Mario Westlake rang sich ein gequältes Lächeln ab.

»Wenn du es so gut weißt, dann schieß doch selber«, murrte er. »Vielleicht kann ich von dir noch was lernen.«

Marita tippte sich an die Stirn, doch unter den Schützen kam Stimmung auf.

»Genau, Marita. Zeig’s ihm.«

»Das möchte ich sehen!«

»Ach, die! Großes Maul und nix dahinter!«

Marita machte sich an den Rückzug.

»Nein, nein, das macht mal schön allein. Ich sag schon nichts mehr. Versprochen.«

Doch da war es bereits zu spät.

»Komm schon, Marita! Jetzt wollen wir’s sehen.«

»Natürlich schießt du! Du bist schließlich Mitglied im Schützenverein. Warum sollst du nicht schießen?«

»Ich wette, du kannst nicht mal ein Gewehr halten, so wie du aussiehst.«

Marita wirkte plötzlich klein.

»Jetzt mach schon deine verdammten Fotos«, raunte sie Annika zu. »Dann fällt es keinem auf, wenn ich mich währenddessen aus dem Staub mache.«

Einen Augenblick lang zog Annika in Erwägung, ihrer Schwester diesen Gefallen nicht zu tun. Nur so zum Spaß, um sie zu ärgern. Doch dann besann sie sich, schließlich musste der Zeitungsbericht in ein paar Stunden fertig sein. Annika schwang sich über den Zaun, zückte ihre Kamera und stellte sich, die brennende Sonne im Rücken, vor die Schützen.

»Bitte alle einmal aufstellen«, rief sie. »Und du, Mario, kannst du mal so tun, als ob du schießen würdest?«

»Er macht den ganzen Tag nichts anderes«, flüsterte jemand, doch offenbar hatte Mario es nicht gehört. Er hob das Gewehr und lächelte ins Objektiv.

Annika machte ein halbes Dutzend Fotos, dann steckte sie die Kamera ein und ließ die Schützen allein.

Sie merkte, wie die Anspannung von ihr abfiel. Das wäre also geschafft. Jetzt musste sie nur noch warten, bis der Vogel abgeschossen wurde. Gemächlich schlenderte sie über den Festplatz und blickte sich um. Für die Zeitung brauchte sie nur zwei Fotos, eins von den Schützen und eins vom neuen Königspaar. Trotzdem zog sie ihre Kamera noch einmal hervor, suchte nach Motiven und fotografierte ein bisschen herum. Sie knipste die Männer rund um den Bierwagen, ein paar Kinder, die mit einer am Würstchenstand ergatterten Fanta zurück zur Hüpfburg liefen, und ein Grüppchen von Landfrauen, die sich in den Schatten einer Linde gesetzt hatten und kichernd eine Flasche Likör öffneten.

Als sie das große Festzelt erreichte, traf sie Clemens Röttger, einen Großbauern aus der Nachbarschaft. Er gehörte zu den wenigen, denen die Schützenuniform wirklich gut stand. Die machte ihn jünger, fand sie, und betonte seine gute Figur.

»Hallo, Anni! Schön, dich zu sehen.«

Er zwinkerte ihr zu, und sie lächelte glücklich zurück.

Keiner sonst nannte sie so, nur Clemens Röttger. Er hatte ihr diesen Namen gegeben, als sie noch ein Kind gewesen und dem damaligen Jungbauern wie ein Hund hinterhergetrottet war. Sie hatte ihn zum Pflügen aufs Feld begleitet, zum Einkaufen in den Landhandel, und wenn bei Röttger Mittagsschlaf gehalten wurde, hatte sie geduldig in der Küche gesessen und auf ihn gewartet. Eine richtige Nervensäge war sie gewesen, doch er hatte sie nie weggeschickt. Heute wusste sie, dass er damals Mitleid für sie empfunden hatte. Nachdem ihr Vater unerwartet gestorben war, hatte sie sich an ihn rangehängt. Ein sechs Jahre altes Mädchen, das nicht verstehen konnte, wieso es plötzlich alleine war. Sie war doch der kleine Liebling ihres Vaters gewesen, sein Nesthäkchen.

»Musst du einen Artikel für die Zeitung schreiben?«, fragte Clemens Röttger und deutete auf die Kamera.

Sie verzog das Gesicht. »Ja, leider. Schützenfeste und Kaninchenzuchtvereine. Zu etwas Höherem sieht man mich nicht berufen.« Sie fügte hinzu: »Das Zeug liest doch eh kein Mensch.«

»Sag das nicht. Gerade die Artikel vom Schützenfest werden von allen gelesen. Die Leute finden es toll, ihren Namen in der Zeitung gedruckt zu sehen.«

Annika lächelte, obwohl sie fand, dass dies ein sehr zweifelhaftes Kompliment für ihre Arbeit war.

»Komm, lass uns ins Zelt gehen«, sagte er. »Ich lad dich zu Kaffee und Kuchen ein.«

Sie hakte sich bei ihm unter und ging mit. Im Innern des Festzelts staute sich die Hitze. Hier war die Luft schwer und drückend, es roch nach dem Harz der Birkenzweige, mit denen das Zelt geschmückt war. Lange Tische mit weißen Papierdecken und Blumenschmuck waren auf das Podest ausgerichtet, auf dem der Thron des Königspaars und die Tische der Ehrengäste standen.

Um diese Zeit war noch nicht viel los im Zelt. Ein paar Frauen spielten Karten, an der Kuchentheke drapierten zwei ehrenamtliche Helferinnen die Torten, und am Biertresen saß einsam ein alter Bauer, der in sein Glas starrte.

Annika setzte sich, während Clemens Röttger zur Kuchentheke ging, ohne sie gefragt zu haben, was sie gerne hätte. Sie legte die Kamera auf den Tisch und wartete.

Etwas abseits entdeckte sie eine Nachbarin, Hedwig Tönnes. Eine seltsame alte Frau, der sie schon als Kind aus dem Weg gegangen war. Früher hatte sie Angst vor ihrem fetten Krötengesicht gehabt, heute wusste sie, dass es durch den Alkohol so aufgequollen war. Doch auch ihre ewig miese Laune und ihr Frust über die vierzig schlechten Ehejahre mit ihrem Mann Ewald hatten sich tief in ihre Gesichtszüge gegraben. Solange Annika denken konnte, hatten sich die beiden entweder angeschnauzt, oder sie hatten stumm und gereizt in entgegengesetzte Richtungen geblickt.

Auch jetzt hockte Hedwig Tönnes übellaunig da und stopfte ein Stück Sahnetorte in sich hinein. Neben ihr saßen zwei alte Frauen aus dem Dorf, wahrscheinlich zerrissen sie sich wieder mal das Maul über jemanden.

Annika nahm die Kamera und zoomte das Krötengesicht heran. Wie sehr ein Leben seine Spuren hinterlässt, dachte sie und drückte den Auslöser. Irgendwie tat die Nachbarin ihr leid. Kein Mensch hatte es verdient, so auszusehen.

»Hedwig, wo bleibt denn dein Mann?«, rief Clemens Röttger, der Kaffee und Kuchen an ihrem Tisch vorbeibalancierte. »Das gab es ja noch nie, dass Ewald zu spät zum Schützenfest gekommen ist.«

Sein Lächeln und seine unbekümmerte Art entwaffneten die Frauen. Nur Hedwig Tönnes zeigte sich unbeeindruckt.

»Ich weiß auch nicht, was er sich dabei denkt«, knurrte sie.

»Aber er ist doch nicht krank?«, erkundigte sich Clemens Röttger.

»Nein, nein«, erwiderte eine der Frauen aus dem Dorf. »Er war ja heute Morgen zum Festgottesdienst hier. Er wollte nur kurz nach Hause zu den Schweinen.«

»Hubert Höing ist rübergegangen, um ihn zu holen«, sagte die andere. »Sie werden sicher gleich wieder hier sein.«

»Oder er hat sich seinen stinkenden Schweinen zum Fraß vorgeworfen«, kam es von Hedwig Tönnes. »Zuzutrauen wäre es ihm, diesem vertrottelten Nichtsnutz.«

Die beiden Frauen schwiegen betroffen, doch Clemens Röttger lachte laut.

»Ich glaube kaum, dass eure Schweine Interesse an ihm hätten. Sein Fleisch ist viel zu zäh.«

Einen Augenblick lang schien Hedwig Tönnes offenbar nicht zu wissen, was sie von diesem Scherz halten sollte, doch dann verzog sich ihr Mund zu einem widerstrebenden Lächeln, und sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Dieser Trottel«, murrte sie, damit war das Thema beendet.

Clemens Röttger kam zu Annikas Tisch und stellte Kaffee und Kuchen ab.

»Marmorkuchen«, sagte er. »Den hast du als Kind immer am liebsten gegessen. Und deinen Kaffee trinkst du mit Milch und einem Stück Zucker. Oder hat sich daran in den letzten Monaten was geändert?«

»Nein. Es ist alles perfekt.« Sie betrachtete ihn. »Willst du dir denn gar nicht das Vogelschießen ansehen?«

»Ach was. Es ist doch klar, wer dieses Jahr König wird. Vorausgesetzt, dass sich eine seiner Kugeln zum Vogel verirrt.«

Er rückte den Stuhl heran. Sein Gesicht wurde ernst.

»Wie läuft’s bei der Zeitung?«

»Ganz gut. Wieso?«

»Ach, nur so.« Er zögerte. »Gibt es neue Informationen zum Banküberfall? Hat die Polizei inzwischen einen Verdächtigen?«

Es war zwei Monate her, dass die Sparkasse im Nachbarort Nordwalde überfallen worden war. Der Täter hatte einen sechsstelligen Betrag erbeutet und war geflohen, ohne der Polizei allzu viele Spuren zu hinterlassen. Die Cousine von Clemens war in dieser Sparkasse am Schalter beschäftigt. Ihr hatte der Bankräuber früh morgens vor Arbeitsbeginn aufgelauert, hatte sie gefesselt und geknebelt und in Todesangst im Kundenraum zurückgelassen.

»Ich weiß nichts darüber«, sagte Annika. »Alle denken, nur weil ich bei der Zeitung arbeite, müsste ich etwas wissen, aber das ist totaler Quatsch. Ich schreibe über Fußballvereine und Gemeinderatssitzungen. Wenn ich Glück habe, auch mal über eine Kulturveranstaltung. Woher soll ich wissen, wie der Stand der Ermittlung ist?«

»Redet ihr denn nicht über diese Dinge? In der Redaktion, meine ich. Bestimmt gibt es Informationen, die nicht in der Zeitung stehen, weil sie inoffiziell sind.«

»In der Redaktion wird besprochen, wann ich einsatzfähig bin. Dann bekomme ich meine Termine und erfahre, worüber ich schreiben soll. Mehr nicht.«

Er schüttelte betrübt den Kopf.

»Wie geht es denn deiner Cousine?«, fragte Annika.

»Sie leidet immer noch unter dem Schock. Ihr Zustand bessert sich überhaupt nicht. Ich sage dir: Wenn ich diesen Typen in die Finger bekomme …« Weiter kam er nicht. Draußen brach Jubel aus. Die Leute vor dem Zelt liefen in Richtung der Festwiese. Offenbar war der Vogel abgeschossen worden.

Clemens Röttger verlor alles Nachdenkliche. Er strahlte sie an und sprang auf.

»Hat es Mario also tatsächlich geschafft!«, meinte er lachend. »Wurde aber auch Zeit.«

Die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr dröhnte über den Platz. Einige Instrumente quietschten schief in die altbekannte Melodie hinein: »Es waren zwei Königskinder«, seit Jahren die heimliche Hymne des Erlenbrook-Kapellener Schützenfests.

Clemens Röttger lief zur Festwiese, wo sich die Schützen um den neuen König drängten. Annika blieb im Schatten des Zeltes stehen. Noch konnte sie Mario Westlake nicht entdecken, doch gleich würden ihn zwei Schützen auf ihre Schultern heben.

Ein paar Jugendliche liefen an ihr vorbei und zerrten saftiggrüne Fahnen aus dem Kofferraum eines Kombis. Dann stellten sie sich auf, hoben die Fahnen an ihre Schultern und marschierten auf die Wiese, um den Fahnenschlag vorzuführen.

Die Traube um den neuen König wurde immer größer. Jetzt hoben ihn zwei Männer hoch, und er ragte aus der Menge heraus. Erst in dem Moment sah Annika, dass es nicht Mario, sondern Marita war.

 Sie lief über den staubigen Platz. Am Grillstand wechselte sie einen Blick mit ihrer Mutter, die sich erschrocken die Hand vor den Mund hielt.

»Mario, du Flasche!«, hörte sie jemanden rufen. »Musst dir von einer Frau zeigen lassen, wie man einen ordentlichen Schuss abgibt.«

»Der Typ ist echt ’ne Schande! Für ganz Erlenbrook-Kapelle.«

Annika blickte zum Schießstand. Mario Westlake stand noch immer auf der Wiese, mit hochrotem Kopf und eingezogenen Schultern. Derweil rollte das Knäuel der jubelnden Schützen auf den Bierwagen zu. Marita tauchte zwischen ihnen auf. »Moment! Moment! Hört mir doch zu! Ich will gar nicht!«, rief sie, ehe sie wieder in der Menge verschwand.

Marita nutzte den einzigen Ausweg: Sie ließ sich zum Bierkönig ernennen. Dafür musste sie den Schützen ein Fünfzig-Liter-Fass Bier spendieren, sich eine aus Bierdeckeln gebastelte Königskette umhängen lassen, ihr Glas heben – und danach würde der Vogel wieder aufgesetzt, und das Schießen könnte weitergehen.

Die älteren und bereits stark angetrunkenen Männer bedauerten, dass ihnen nun entging, zum ersten Mal in der Geschichte ihres Schützenvereins eine Frau auf dem Thron zu sehen. Längst waren sie in der Stimmung, so etwas amüsant zu finden.

»Nicht so schnell!«, rief einer der Männer vor dem Bierstand. »So leicht entkommst du uns nicht, Marita. Wenigstens eine Bierkönigin musst du wählen! Tu es für uns.«

Erneut brach Jubel aus, und Annika erkannte, dass Marita zu ihrer gewohnten Form zurückgefunden hatte, denn sie grinste zufrieden, und Annika ahnte bereits, wen sie wählen würde.

»Manfred Schulze Ahlerkamp.«

Natürlich den großspurigen Schulzensohn. Manfred war ein Angeber und Großmaul, der sich gerne in Maritas Gegenwart mit chauvinistischen Sprüchen hervortat, nur um dann zu beobachten, wie sie in die Luft ging.

Heute war der Tag ihrer Rache.

Ein paar Nachbarn liefen los und entdeckten Manfred bei der Fahnenschlagtruppe, die er kommandierte. Noch ehe er begriff, wie ihm geschah, warfen sie sich auf ihn und schleppten ihn ins Festzelt, zur Verkleidungskiste der Tanzgruppe. Sie zerrten ihm die Uniform vom Leib, stülpten ihm ein knallrotes Abendkleid über, zwängten Perücke und Plastikdiadem auf seinen Kopf und bearbeiteten sein Gesicht mit Rouge und Lippenstift. Da er sich aus Leibeskräften wehrte und drei Männer ihn festhalten mussten, sah er schließlich aus wie ein blutverschmiertes Unfallopfer. Unter Jubel und Gelächter trugen sie ihn zum Bierwagen und setzten ihn neben Marita, seinen König, an die Theke.

Annika beobachtete das Treiben vom Würstchenstand aus.

»Es ist doch immer das Gleiche«, meinte ihre Mutter. »Marita muss sich in den Mittelpunkt drängen. Ich wünschte, sie wäre manchmal ein bisschen zurückhaltender.«

Doch Annika stellte fest, dass ihrer Mutter das Spektakel gar nicht so übel gefiel, auch wenn sie das niemals zugegeben hätte.

»Vielleicht solltest du dich dazusetzen«, schlug sie vor. »Schließlich bist du jetzt die Königsmutter.«

Doch ihre Mutter blickte sie nur ärgerlich an. Mit einem »Ach, du!« wandte sie sich wieder den Würstchen zu und beachtete sie nicht mehr.

Kurz darauf ging das Schießen weiter. Annika kehrte zurück zum Festzelt, in der Hoffnung, dass auch Clemens wiederkommen und noch ein bisschen mit ihr plaudern würde.

Vor dem Eingang blieb sie abrupt stehen. Sie blinzelte in die flirrende Luft. Auf dem Feldweg näherte sich Hubert Höing, der Nachbar, der losgegangen war, um Ewald Tönnes abzuholen. Er drückte sich beim Laufen die Hand aufs Herz und stolperte über die verdorrten Grasnarben. Schwer atmend erreichte er schließlich den Platz. Sein Gesicht war schreckensbleich.

»Ewald«, keuchte er. »Ewald Tönnes.«

»Was ist mit Ewald Tönnes?«, fragte eine Frau.

»Er ist verunglückt … Er ist … der Bodendeckel seiner Güllegrube stand offen. Er … er hat die Gülle ins Silo umgepumpt und wollte wohl den Abfluss beobachten. Er ist … er muss ausgerutscht sein … Jedenfalls lag er unten in der Grube, als ich ihn gefunden habe …«

Der Lärm und die fröhliche Musik des Schützenfests umrahmten das stumme Entsetzen vor dem Zelt.

»Ich konnte nichts mehr machen«, keuchte Hubert Höing.

Annika trat einen Schritt zurück und sah ins Zelt. Hedwig Tönnes und die beiden Frauen aus dem Dorf saßen unweit des Eingangs, sie hatten jedes Wort gehört. Während die beiden Frauen bestürzt die Hände auf den Mund pressten, hockte Hedwig Tönnes unverändert da, mitten in der Bewegung erstarrt. Sie sah aus, als würde sie nicht begreifen, was geschehen war.

»Er ist tot!«, rief Hubert Höing. »Ewald ist tot!«

Langsam sank die Gabel zurück auf den Teller. Hedwig Tönnes glotzte zu der Traube vor dem Zelteingang. Annika beobachtete gebannt ihr Krötengesicht. Der Mund öffnete und schloss sich langsam. Dann begann sie zu blinzeln, und ihre plötzlich verwundbaren Augen passten gar nicht mehr zu dem verhärmten Gesicht.

Sie senkte den Blick, starrte ihren Teller an, und irgendwann, nach endlos scheinenden Sekunden, nahm sie ihre Gabel und begann, langsam und bedächtig, den Rest ihrer Sahnetorte zu essen.

Plötzlich brach auf der Festwiese Lärm aus. Ein Triumphschrei, dann jubelnde Menschen und schließlich die Blaskapelle, die das Lied von den Königskindern anstimmte. Irritiert blickte sich Annika um. Die Vogelstange ragte jetzt nackt in den Sommerhimmel, der Holzvogel war endgültig abgeschossen worden. Männer stürmten auf die Wiese, setzten den Schützen auf ihre Schultern und trugen ihn zum Bierwagen. Mario Westlake war neuer Schützenkönig von Erlenbrook-Kapelle.

»Wir müssen das Fest abbrechen«, rief ein Nachbar völlig außer sich. »Einer muss die Polizei rufen.«

Annika sah zu Marios sonnenverbranntem Gesicht, das aus der Menge ragte. Seine Augen leuchteten, er strahlte wie ein kleiner Junge, der eine riesige brandneue Carrerabahn geschenkt bekommen hatte.

»Die Musiker sollen aufhören zu spielen! Hört ihr denn nicht? Brecht doch endlich das Fest ab!«

Immer mehr Menschen blickten sich um, langsam erstarb der Lärm. In Marios Gesicht spiegelten sich jetzt Unverständnis und Verwirrung, und dann, zuletzt, kurz bevor er von den Schultern der Schützen rutschte und in die Menge abtauchte, sah Annika noch unsagbare Enttäuschung.

Die Beerdigung von Ewald Tönnes fand am darauffolgenden Freitag statt. Es war ein wunderschöner Spätsommertag, an dem es nach abgeernteten Weizenfeldern duftete und Insekten im goldenen Licht der Sonne trudelten. Alles war so hell und voller Leben, dass es Annika geradezu obszön vorkam, zum Friedhof zu fahren, um einen Menschen unter die Erde zu bringen.

Als sie in ihrem schwarzen Kleid vor die Haustür trat, wäre sie am liebsten in den Garten gelaufen, um mit Maritas Kindern zu spielen oder sich mit einem Buch unter den Birnbaum zu setzen. Doch daran war natürlich nicht zu denken.

Ihre Schwester tauchte hinter ihr auf, das schwarze Kostüm sah merkwürdig an ihr aus. Irgendwie standen ihr Arbeitssachen besser, fand Annika.

»Bist du fertig?«, fragte Marita. »Wir müssen los, sonst kommen wir zu spät. Der Gottesdienst beginnt um drei Uhr. Mutter fährt mit Tante Ada.«

Annika löste sich widerwillig vom sonnendurchfluteten Garten. »Ich bin fertig. Meinetwegen kann es losgehen.«

»Gut. Die Kinder sitzen schon im Auto. Wir setzen sie auf dem Weg bei Lütke-Woltering ab.« Marita zog die Haustür zu. »Ich will ihnen erst gar nicht die Gelegenheit geben, während der Zeremonie etwas anzustellen und mich vor allen Leuten zu blamieren.«

Marita war alleinerziehend. Andi, der Vater ihrer beiden Kinder, hatte sich vor Jahren aus dem Staub gemacht. Er war ein Metallbauer aus Erfurt, der kurz nach der Wende ins Münsterland gekommen war, um Arbeit zu finden. Doch es waren nur ein paar Gelegenheitsjobs herausgesprungen, bis er sich in Marita verliebt und von da an auf dem Bauernhof mitgearbeitet hatte. Das Leben auf dem Land war aber nichts für ihn gewesen, und als die Beziehung in einer tiefen Krise gesteckt und er plötzlich ein Stellenangebot aus Erfurt bekommen hatte, war er von heute auf morgen einfach verschwunden.

Die Kinder auf der Rückbank wirkten ungewohnt friedlich, als Annika ins Auto stieg. Emma, die Kleinere von beiden, döste in ihrem Kindersitz, und Paul, ihr älterer Bruder, spielte stumm mit einem Playmobilmännchen auf seinem Oberschenkel.

Marita startete den Motor. Beim Zurücksetzen bemerkte sie einen Joghurt-Fleck auf ihrer schwarzen Bluse und rubbelte nervös daran herum. Annika schnallte sich an. Eine Weile fuhren sie wortlos über die Landstraße, dann brach Marita das Schweigen.

»Was machst du eigentlich im nächsten Jahr? Hast du schon Pläne?«

Annika sah sie verwundert an. »Wie meinst du das? Was sollte ich denn für Pläne haben?«

»Keine Ahnung.« Maritas Augen lagen hinter der Sonnenbrille verborgen, ihre Stimme klang beiläufig. »Ich dachte, vielleicht willst du dich ja fürs Sommersemester an der Universität einschreiben. Die Frist fürs Wintersemester ist ja schon abgelaufen, aber der nächste Sommer kommt schneller, als man denkt.«

Das alte Thema, dachte Annika. Geht das schon wieder los.

»Gefällt es dir nicht, dass ich auf dem Hof mithelfe? Möchtest du mich loswerden?«

»Nein, natürlich nicht.« Marita stieß einen Seufzer aus. »Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie wir die viele Arbeit ohne dich bewältigen sollen. Trotzdem. Ich will nicht, dass du bei mir versauerst. Du bist einfach kein Bauer, das ist nicht dein Ding. Mensch, Annika, du bist jetzt einundzwanzig! Wenn du nicht irgendwann eine Ausbildung oder ein Studium machst, wirst du es eines Tages bereuen.«

Marita warf ihr einen Seitenblick zu.

»Mir gefällt es aber so, wie es ist«, sagte Annika.

Marita schien zu überlegen, was sie darauf erwidern konnte. Doch ihr fiel offenbar nichts ein, denn sie schwieg. So gut sie darin ist, eine polternde Bemerkung herauszuhauen, dachte Annika, so schlecht ist sie darin, ein sensibles Thema anzusprechen. Aber ihr selbst ging es gar nicht anders. Auch sie tat sich schwer, über Dinge zu sprechen, die man nicht mit einem Witz auflockern konnte. Also sagte keine mehr ein Wort, bis sie den Hof von Lütke-Woltering erreichten.

Paul sprang sofort aus dem Wagen. Er kannte sich aus, sein Schulfreund lebte hier. Hinter der Scheune war die Reifenschaukel, dort würde er ihn und die anderen Jungen aus der Nachbarschaft finden. Emma hingegen blieb auf ihrem Kindersitz und blickte ein wenig scheu zum Haus hinüber.

»Frau Lütke-Woltering kennst du doch«, sagte Annika aufmunternd. »Sie hat bestimmt wieder einen Zitronenkuchen gebacken. Na, ist das was?«

Emma rutschte auf dem Sitz herum. »Ich möchte lieber mit euch mitkommen.«

»Das geht leider nicht, mein Engel.« Marita beugte sich nach hinten und öffnete den Anschnallgurt. »Wir gehen zu einer Beerdigung. Das habe ich dir doch erklärt. Der Onkel Tönnes ist jetzt beim lieben Gott, und die Erwachsenen gehen in die Kirche, um für ihn zu beten.«

Das Kind blickte auf seine Füße. »Ihr sollt da nicht hin.«

»Also wirklich, Emma. Wir sind doch in zwei Stunden wieder hier. So schlimm ist das nicht.«

»Onkel Tönnes war ein böser Mensch«, murmelte das Kind gerade so laut, dass sie es hören konnten.

»Wer sagt denn so etwas?«, wollte Marita wissen. Irgend-wo musste die Kleine diese Worte aufgeschnappt haben.

»Wer das sagt, habe ich gefragt.«

Emma zögerte. Verlegen starrte sie zu Boden.

»Klooke«, sagte sie dann leise.

Marita stöhnte auf. »Du bist langsam aus dem Alter raus, in dem man unsichtbare Freunde hat, Emma.« Sie wechselte einen Blick mit Annika und deutete ein Lächeln an. »Richte Klooke bitte von mir aus, dass das nicht stimmt. Onkel Tönnes war kein böser Mensch. Und ich möchte auch nicht, dass du Frau Lütke-Woltering oder sonst jemandem davon erzählst. So, und jetzt raus mit dir.«

Sie öffnete die Fahrertür und stieg aus, um Emma hinten herauszulassen. Das Kind blickte Annika ernst ins Gesicht.

»Ich brauch Klooke nichts sagen. Sie hat alles gehört.«

Annika rang sich ein Lächeln ab, das sofort in sich zusammenfiel, als Emma ihr den Rücken zukehrte. Diese Klooke war ihr unheimlich. Der Name war eines der ersten Worte gewesen, die Emma sprechen konnte, gleich nach Mama und Ball. Und schon ebenso lange gab es dieses unsichtbare Wesen, mit dem Emma heimlich Zwiesprache hielt, ganz egal, was sie gerade tat. Keiner sonst in der Familie nahm Anstoß daran, im Gegenteil, sie trieben alle ihre Späße damit. Alle außer Annika.

Irgendwann einmal hatte sie im Kinderzimmer gesessen und Emma gefragt: »Wo lebt Klooke eigentlich? Schläft die bei dir im Bett?« Emma hatte daraufhin zu Boden geblickt und die Antwort hinausgezögert. Sie redete nicht gerne mit Erwachsenen über Klooke, am allerwenigsten, wenn sie direkt darauf angesprochen wurde. Doch schließlich hatte sie auf eine Stelle neben der Dachschräge gedeutet und gesagt: »Klooke wohnt da in der Wand.«

Das Kind konnte nicht wissen, dass sich hinter der Wand ein Hohlraum verbarg. Als kurz vor ihrer Geburt der Dachstuhl renoviert worden war, hatten Bauarbeiter eine alte Kammer entdeckt, die allen unbekannt gewesen war. Marita hatte sie nach kurzem Zögern einfach wieder zumauern lassen, doch Annika hatte sich gemerkt, wo sie sich befand – nämlich genau dort, wo Emma in jenem Moment mit ihrem ausgestreckten Finger hingedeutet hatte.

Mit einem leicht beklommenen Gefühl blickte sie dem Kind hinterher, das von Frau Lütke-Woltering an der Haustür in Empfang genommen wurde. Marita kehrte eilig zum Wagen zurück und setzte sich hinters Steuer.

»Du liebe Güte, wir kommen zu spät.« Sie startete den Motor. »Sieh mal ins Handschuhfach«, sagte sie, während sie den Wagen wendete. »Vielleicht ist jetzt nicht der richtige Moment dafür. Aber was soll’s.«

Annika öffnete mit gerunzelter Stirn das Fach und zog einen dünnen Schnellhefter hervor. Sie blickte hinein.

»Das sind Informationen zum Studiengang Publizistik«, sagte sie verwundert. »An der Universität Münster. Was soll ich damit?«

»Wäre das denn nicht was? Wo du doch den Job bei der Zeitung hast. Das passt doch, oder?«

»Ich bin eine Vierhunderteurokraft beim Lokalteil. Ich schreibe hauptsächlich über Kinderschützenfeste, falls du es vergessen hast. Was hat das mit ernsthaftem Journalismus zu tun?«

»Ach, komm schon. Guck es dir wenigstens einmal an.« Marita schob die Sonnenbrille zurück auf die Nase. »Mehr verlange ich gar nicht.«

Annika betrachtete ihre Schwester, dann begann sie, in dem Hefter zu blättern. Sie tat es Marita zuliebe, die es schließlich gut mit ihr meinte. Doch Annika wollte nicht studieren, jedenfalls noch nicht.

Sobald sie die Kirche erreicht hatten, schob sie den Hefter zurück ins Handschuhfach und nahm sich vor, ihn später verschwinden zu lassen, damit Marita keinen Verdacht schöpfte. Dann stieg sie aus dem Wagen und folgte ihrer Schwester zum Kirchentor.

Ganz Erlenbrook-Kapelle war zur Beerdigung gekommen. So war es Tradition. Auch wenn keiner Ewald Tönnes besonders gut hatte leiden können, gehörte sich das einfach so. Die Nachbarn feierten die Totenmesse, folgten dem Sarg über den Friedhof und setzten sich danach bei Kaffee und Kuchen in der Dorfkneipe zusammen.

Im Gasthaus schienen Trauer und Bedrückung nach kurzer Zeit vergessen. Es kam nicht oft vor, dass alle aus der Bauernschaft zusammentrafen. Da gab es viel zu erzählen. Schnapsgläser mit Korn und Likör gingen durch die Reihen, und schon bald wurden Witze zum Besten gegeben. Vom Tod war nur noch wenig zu spüren in der engen Stube, vom Leben dafür umso mehr.

Als Annika von der Toilette zurückkam, hatten sich ein paar Frauen aus der Nachbarschaft um Marita versammelt und redeten lautstark auf sie ein. Es ging offenbar um den nächsten Ausflug ihres Kegelclubs.

»Natürlich kommst du mit zu den Chippendales!«, sagte eine zu Marita. »Wie oft kommt das schon vor, dass die hier auftreten?«

»Außerdem haben wir längst die Karten gekauft. In der Kegelkasse war genug Geld für alle.«

»Du musst alles andere absagen, Marita, uns zuliebe. Wir machen uns einen richtig schönen Hühner-Abend.«

Marita lehnte sich zurück und hob abwehrend die Hände.

»Also gut, ihr habt gewonnen. Ich sag die Gemeinderatssitzung ab.«

Die Frauen jubelten. Annika quetschte sich an ihnen vorbei, um zurück zu ihrem Platz zu gelangen.

»Marita bei den Chippendales?«, rief ein Bauer und begann zu lachen. »Na, vielleicht ist da ja einer dabei, der ihren Ansprüchen genügt. Obwohl mich das wundern würde, ehrlich gesagt.«

»Ach was, die Chippendales!«, kam es gut gelaunt von anderer Seite. »Die Jungs kriegen doch Angst vor der. So einer sind auch die nicht gewachsen.«

»Die trauen sich erst gar nicht auf die Bühne!«

»Lasst Marita doch in Ruhe!«, mischte sich Clemens Röttger ein. »Immer hackt ihr auf ihr herum.« Er lächelte nachsichtig. »Geh ruhig zu den Chippendales und amüsier dich, Marita.« Und mit gleicher Freundlichkeit: »Und nimm deine Bierkönigin vom Schützenfest mit. Vielleicht ist ja für sie ein Kerl dabei.«

Die Bauern grölten und jubelten. Manfred Schulze Ahlerkamp, den Marita zur Bierkönigin gewählt hatte, saß mit versteinertem Gesicht unter ihnen.

Marita grinste böse. »Wie sieht’s aus, Manfred: Bist du dabei?«

Doch bevor der Schulzensohn etwas erwidern konnte, donnerte eine Faust auf die Tischplatte. Hedwig Tönnes war am Tisch der Nachbarn aufgetaucht und funkelte böse in die Runde. Keiner hatte sie kommen sehen.

»Wenn ihr hier schon auf meine Kosten sauft, könnt ihr wenigstens so tun, als wärt ihr wegen Ewald hier.«

Sofort wurde es ruhig, die Nachbarn blickten schuldbewusst zu Boden. Hedwig Tönnes sah voller Verachtung von einem zum anderen.

»Ich hätte Ewald in der Güllegrube verrotten lassen sollen«, spuckte sie aus. »Dann hätte ich das Geld für diese lächerliche Beerdigung gespart.«

Damit wandte sie sich ab und kehrte zum Tisch der Familie zurück, der sich am anderen Ende des Gastraums befand.

Ein Moment lang herrschte betroffenes Schweigen. Annika rutschte auf ihren Platz neben Clemens Röttger. Dann nahmen die Nachbarn verhalten wieder das Gespräch auf, und nach kurzer Zeit herrschte erneut ausgelassene Stimmung.

Am Ende des Tages löste die Gesellschaft sich auf, und alle fuhren nach Hause. Auf dem Heimweg dachten sie wohl noch an Ewald Tönnes und an das Schicksal, das ihn ereilt hatte. Doch zu Hause warteten bereits das Abendessen und der Fernseher, der sie auf andere Gedanken brachte.

Es dauerte nur wenige Wochen, da waren der alte Bauer und sein grausamer Tod in Erlenbrook-Kapelle so gut wie vergessen.

2

Theodor Horstkemper war eines der letzten Opfer des Zweiten Weltkriegs geworden. Er starb in der Nacht zum 24. August 1992 auf einer einsamen Landstraße nahe Erlenbrook-Kapelle. Sein Wagen war von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt, trotz trockenen Asphalts, guter Sichtverhältnisse und einer schnurgeraden Straße. Er war sofort tot gewesen, ein Segen für ihn, wie sich herausstellte, denn der Wagen hatte Feuer gefangen, und er wäre sonst auf grausame Weise in den Flammen ums Leben gekommen.

Anfangs konnte sich keiner erklären, weshalb er in dieser ruhigen, lauen Sommernacht die Kontrolle über das Auto verloren hatte. Er war ein guter Fahrer gewesen, der sich niemals betrunken hinters Steuer setzte. Erst als eine Woche später ein Nachbar nachts dieselbe Strecke fuhr, fand sich eine Erklärung für den Unfall.

»Ich habe mich fast zu Tode erschreckt!«, raunte er später in der Dorfkneipe. »Ihr müsst euch das vorstellen: Plötzlich seh ich die Flak am Himmel! Fliegeralarm, wie damals 1944!«

Doch in der Kneipe lachten sie ihn aus. »So ein Unsinn, Fliegeralarm! Die neue Disko an der A 31 schickt diese Lichter in den Himmel. Im Rhythmus der Musik, verstehst du? Das ist ein Partyspaß.«

Theodor Horstkemper hatte wie viele in der Gegend die Bombennächte von Münster und die letzten Kriegswochen niemals vergessen können, auch wenn er kaum älter als fünf Jahre gewesen war. Er hatte die Schrecken dieser Zeit verdrängt, sie fest verschlossen in einer dunklen Kammer seiner Seele. Doch in dieser Nacht hatten sie sich daraus befreit und ihn die Kontrolle über seinen Wagen verlieren lassen.

Er hinterließ Frau und Kinder. Dazu einen kleinen, schlecht gehenden Hof in Erlenbrook-Kapelle und einen Berg Schulden bei der ortsansässigen Sparkasse. Er hinterließ einen ratlosen Kartenclub, der mit ihm seinen besten Spieler verlor, und eine altersmüde Ziege, die ihren Ruhestand auf der Wiese hinter dem Hof genoss. Vor allem aber hinterließ er mich, dachte Annika und drückte das Foto fest an ihre Brust. Sein Stoppelkätzchen, wie er sie genannt hatte. Seine jüngste Tochter.

An die Zeit nach seinem Tod konnte sie sich kaum erinnern. Es waren Monate wie im Nebel. Ihre Mutter war damals mit dem Hof völlig überfordert gewesen. Sie hatte nicht gewusst, wie sie das alles überstehen sollte, zumindest war das der Eindruck ihrer drei Töchter gewesen. Kurz nach der Beerdigung war Tante Ada zu ihnen gezogen, die unverheiratete Schwester ihres Vaters. »Damit hier wieder ein Mann im Haus ist«, so hatte sie ihr Auftauchen erklärt, und tatsächlich wären sie wohl alle untergegangen, hätte Ada den Betrieb nicht in Schwung gebracht.

Die unrentable Schweine- und Hühnerzucht wurde kurzerhand abgeschafft, stattdessen konzentrierte sie sich ganz auf Milchkühe. Sie ließ die Ställe für eine moderne, effiziente Milchproduktion ausbauen, pachtete Land dazu, ersteigerte Milchquoten, um die zulässige Milchproduktion zu erhöhen, und später, als es die finanzielle Situation zuließ, kaufte sie fünfzehn Hektar Land von einem Kleinbauern, der die Landwirtschaft aufgegeben und sich auf sein Altenteil zurückgezogen hatte.

Schon nach kurzer Zeit konnte sich keiner in der Familie mehr vorstellen, wie sie je ohne Ada zurechtgekommen waren. Sie war einfach unersetzlich auf dem »Frauenhof«, wie die Horstkempers in der Nachbarschaft leicht spöttisch genannt wurden. Doch den Vater ersetzte sie Annika nicht. Er hatte ein großes Loch in ihrem Herzen hinterlassen, das keiner füllen konnte.

Sie legte das Foto mit seinem Porträt zurück und zog ein anderes hervor. Es zeigte sie bei der Einschulung, kurz vor dem Unfall. Da hatte sie nicht gewollt, dass er sie zur Schule begleitet. Ich bin doch jetzt groß, hatte sie gesagt, da brauch ich keinen Vater mehr, der überallhin mitkommt. Zwei Wochen später war er tot gewesen, und danach hatte sie sich jeden Morgen auf dem Schulweg unendlich schuldig gefühlt.

»Kurze? Bist du hier oben?«

Die Stimme kam aus dem Flur vorm Schlafzimmer. Marita stand plötzlich in der Tür. Eilig schob Annika das Album unters Kopfkissen.

»Was gibt’s denn?«, fragte sie.

Doch es war schon zu spät, ihre Schwester hatte das Album längst gesehen. Annika war die Einzige in der Familie, die nach all den Jahren noch ständig in den alten Fotos wühlte. Ein seltsamer Ausdruck trat in Maritas Gesicht. Annika glaubte, dass es Mitleid war. Es schien, als wollte Marita etwas Tröstendes sagen. Doch natürlich war sie damit völlig überfordert.

»Kannst du runterkommen?«, fragte sie stattdessen. »Jemand muss mit Paul zum Arzt fahren. Er hat sich beim Spielen den Kopf aufgeschlagen. Ist alles halb so schlimm, doch wie es aussieht, muss die Wunde mit ein oder zwei Stichen genäht werden.«

»Na klar. Kein Problem.« Sie sprang vom Bett, wobei sie darauf achtete, dass das Album unter dem Kopfkissen blieb, und folgte ihrer Schwester nach unten.

»Ich würde ihn ja selbst fahren«, sagte Marita. »Aber Clemens häckselt gerade Mais in der Nachbarschaft, und ich habe versprochen, ihn zum Mittagessen abzulösen.«

Clemens Röttger besaß einen Fuhrpark mit Landmaschinen, und der dazugehörige Maishäcksler wurde im Herbst von der gesamten Nachbarschaft für die Ernte gebucht. Da nur Clemens und Marita in der Lage waren, die große Maschine zu fahren, arbeiteten sie sich in wechselnden Schichten kreuz und quer über die Felder von Erlenbrook-Kapelle.

Unten in der Küche hörten sie schon Tante Ada, die lautstark auf den Jungen einredete.

»Was habe ich dir über das Spielen auf der Egge gesagt? Du weißt ganz genau, dass du da nicht rumklettern darfst.« Ihre Stimme schwoll an, sie hielt ihm eine ihrer berüchtigten Standpauken. »Irgendwann wirst du dir noch das Genick brechen, wenn du partout nicht auf das hören kannst, was man dir sagt. Aber wenn es so weit ist, brauchst du nicht zu mir angelaufen kommen. Dann kannst du meinetwegen verbluten, du verfluchter Bengel.«

Als sie die Küche betraten, rettete sich der Junge heulend in Maritas Arme. Er zitterte am ganzen Körper. Tante Ada hatte es wieder einmal zu weit getrieben. Sie stand vor der Anrichte: hochgewachsen, sehnig, die Arme fest vor der Kochschürze verschränkt.

»Ist doch nicht so schlimm«, flüsterte Marita. »Es wird alles gut. Annika fährt mit dir zum Arzt.«

»Du sollst mit mir zum Arzt fahren, Mama.«

»So weit kommt es noch!«, polterte Tante Ada weiter. »Erst kannst du nicht auf das hören, was man dir sagt, und dann soll es für dich noch Extrawürstchen geben.«

Marita warf ihr einen warnenden Blick zu. Der Junge klammerte sich wie ein Ertrinkender an seine Mutter und begann hemmungslos zu schluchzen. »Du sollst mit mir zum Arzt!«

Tante Ada erkannte, dass sie übers Ziel hinausgeschossen war. Sie presste die Lippen aufeinander, nahm einen Lappen und wischte über die Anrichte.

Marita blickte Hilfe suchend zu Annika.

»Wie es aussieht, muss ich selber fahren«, sagte sie. »Kannst du Clemens fragen, ob er meine Nachmittagsschicht übernimmt? Du kannst ihm sagen, ich mache dann morgen den ganzen Tag für ihn.«

Annika nickte. Sie hatte nichts dagegen, zu Clemens hinauszufahren. Ganz im Gegenteil, denn sie hatte ihn seit fast drei Monaten nicht mehr gesehen. Zuletzt bei der Beerdigung von Ewald Tönnes.

»Aber du gehst nicht mit leeren Händen!«, mischte sich Tante Ada ein. »Wenn Clemens schon unseretwegen den ganzen Tag arbeiten muss, soll er wenigstens ein ordentliches Mittagessen bekommen.«

Marita machte sich auf den Weg zum Arzt, und Tante Ada stellte sich an den Herd und backte Unmengen von Apfelpfannkuchen, von denen Annika wusste, dass Clemens sie leidenschaftlich gern aß. In dem Hängeschrank, der mit Adas heiß geliebter Tupperware vollgestopft war und von Marita nur spöttisch »das Depot« genannt wurde, fand die Tante den passenden Transportbehälter. Sie kochte Kaffee, holte eine Flasche Apfelschorle aus dem Vorratsraum und packte alles in einen Korb. Dann schickte sie Annika mit der Ermahnung los, sich zu beeilen, damit das Essen nicht kalt würde.

Es war nicht weit bis zum Maisfeld, keine fünf Minuten mit dem Fahrrad. Annika musste ein Stück an der Landstraße entlang, die nach Altenberge führte. Vorbei an Stoppelfeldern und abgelegenen Bauernhöfen, über den Landwehrbach – und dann, hinter einem Eichenwald, lag bereits das Feld, auf dem Clemens arbeitete.

Schon von ferne sah sie den Häcksler. Ein riesiger dröhnender Metallkäfer, der sich langsam durch die Maispflanzen fraß. Im Führerhäuschen oberhalb des Schneidwerks saß Clemens, von Weitem wirkte er klein wie eine Puppe. Ein Schlepper fuhr gerade vom Feld, auf dem Anhänger eine Ladung zerhäckselter Pflanzen.

Annika legte ihr Fahrrad ab, nahm den Korb und sprang über den Graben. Die Stümpfe der geernteten Maispflanzen waren von zerrissenen Blättern bedeckt, sie musste sich in Acht nehmen, um nicht zu stolpern.

Neben der Fahrspur des Häckslers ragte der noch nicht geerntete Mais wie eine Mauer empor. Sie folgte der Spur an den Pflanzen entlang. Clemens Röttger hatte sie entdeckt, er ließ eine Hupe ertönen und hob die Hand. Annika winkte zurück.

Im Mais neben ihr begann es zu rascheln. Sie blieb stehen und blickte neugierig hinein, doch die Pflanzen standen so eng, dass nichts zu erkennen war. Es wurde wieder ruhig. Das wird ein Fasan sein, dachte sie. Oder ein Feldhase.

In dem Moment kehrte das Rascheln zurück, diesmal lauter. Das war kein Hase. Etwas Größeres musste sich im Mais verbergen, keine fünf Meter von ihr entfernt. Sie drückte den Korb an ihre Brust.

»Hallo? Ist da jemand?«

Doch wer sollte da schon sein? Sie kam sich lächerlich vor. Der Häcksler näherte sich, sein Dröhnen wurde lauter und schluckte nun jedes Geräusch. Sie drehte sich um und lief ihm entgegen.

Clemens hielt die Maschine an, trat aus dem Führerhäuschen und sprang auf das Stoppelfeld.

»Lass mich raten. Marita kommt heute nicht.«

»Paul muss zum Arzt, er hat sich den Kopf aufgeschlagen. Sie sagt, es tut ihr leid.«

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Na großartig.«

»Tante Ada hat dir etwas zu essen gemacht. Und Marita will zum Ausgleich morgen deine Schicht übernehmen.«

Er lehnte sich gegen das Schneidwerk, sein typisches, verschmitztes Lächeln trat in sein Gesicht.

»Also gut. Dann lass mal sehen, was du da hast.« Er nahm ihr den Korb ab. »Das reicht ja für eine ganze Kompanie. Typisch Ada. Wer soll das denn alles essen?«

»Sie hat Apfelpfannkuchen gemacht. Die magst du doch so gerne.«

Er lachte. »Das hast du ihr verraten, nicht wahr? Komm, setz dich zu mir. Es reicht bestimmt für uns beide.«

Sie setzten sich neben den Maishäcksler. Clemens breitete ein Geschirrtuch aus und öffnete den Behälter. Sie redeten nicht viel, während sie aßen. Im Anschluss holte er seine Zigaretten aus der Brusttasche und bot Annika eine an. Das tat er erst, seit sie zwanzig geworden war, und sie fühlte sich immer sehr erwachsen, wenn sie neuerdings gemeinsam rauchten.

»Ich habe heute zwei Rehe gesehen«, sagte er und blies Rauchringe in die Luft. »Die kamen direkt vor mir aus dem Mais geschossen. Zwei Ricken waren es, ganz prachtvolle Tiere.«

Annika blickte zu der Stelle, an der sie das Rascheln gehört hatte.

»Hoffentlich fallen sie nicht den Jägern zum Opfer.«

»Nein, das glaube ich nicht«, sagte Clemens. »Sie waren stark und schnell. Bestimmt sind sie schlauer als die Jäger.« Er legte den Arm um sie, wie er es getan hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. »Schade, dass du nicht dabei warst. Ich hätte sie dir gerne gezeigt.«

Auf dem Rückweg blickte Annika nochmals in das Dickicht aus Maispflanzen, doch diesmal blieb alles still. Clemens ließ hinter ihr die Maschine an, das Dröhnen übertönte jedes andere Geräusch.

Als sie das Rad auf die Straße schieben wollte, donnerte ein Lkw auf sie zu. Er kam wie aus dem Nichts, der Mais hatte den Blick versperrt. Sie schrie auf. Das Fahrrad fiel auf den Weg. Ein wildes Hupen ertönte, der Wagen schlingerte in einem Bogen um sie herum. Dann war er auch schon vorbei, und Annika stand in einer Wolke aufgewirbelten Staubs.

Ihr Herzschlag beruhigte sich nur langsam. Sie blickte dem Lkw hinterher. Es war der Tanklastwagen der Molkerei, der in der Bauernschaft unterwegs war, um die Milch abzuholen.

Ende der Leseprobe