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Kurz nach Mitternacht schlurft Marius Bahr den verwaisten Bahnsteig in Gertenbeck entlang. Niedergeschlagen und in Gedanken versunken bemerkt er die Gruppe angetrunkener Jugendlicher zunächst gar nicht. Da trifft ihn schon der erste Schlag. Wenige Stunden später ist Marius tot. Hauptkommissar Bernhard Hambrock ermittelt im privaten Umfeld des Ermordeten – und stößt hinter der Fassade von Erfolg und Rechtschaffenheit auf eine Welt aus Zwietracht und Missgunst.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
2. Auflage 2013
ISBN 978-3-492-96075-5
© 2013 Piper Verlag GmbH, München
Umschlaggestaltung: semper smile, München
Umschlagabbildung: Nicky Willcock/Plainpicture, Eric Isselée/Shutterstock, mycola/Shutterstock
Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell
Kurz vor Mitternacht. Vereinzelt drückten sich Gestalten im Neonlicht herum, die Schultern hochgezogen, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. Eine kalte Windböe fegte über das Pflaster, vom gegenüberliegenden Gleis drang eine Lautsprecherstimme herüber.
Marius lehnte am Eisengeländer des Treppenaufgangs. Das Gleis, der Bahnsteig, die Lichter, die Menschen – alles verschwamm vor seinen Augen.
Kein Wunder, so betrunken, wie er war. Seit dem späten Nachmittag hatte er sich in der Bahnhofskneipe volllaufen lassen, um seine Gefühle abzutöten. Doch offenbar vergebens, denn sie waren immer noch da: Trauer, Versagen, Schuld. Und der Selbsthass. Der war es, der Marius am meisten zu schaffen machte.
Weitere Lichter rückten ins Blickfeld, dann eine rote Lok und helle Waggons. Sein Zug fuhr ein, für heute die letzte Regionalbahn quer durchs Münsterland ins Ruhrgebiet. Er stieß sich vom Eisengeländer ab und wankte über den Bahnsteig. Ihm wurde schwindelig, und eine weitere Woge gallenbitterer Gefühle überrollte ihn. Er blieb stehen. Holte Luft. So ging das nicht.
Er musste alles hinter sich lassen. Einfach vergessen, was gewesen war. Atmen. Weitermachen.
Marius betrat ein Großraumabteil. Grelles Licht blendete ihn. Eine Bierflasche rollte über den Mittelgang, Hamburger-Schachteln lagen zwischen den Sitzen, aus den Abfallbehältern quollen zerfledderte Zeitungen. Nach dieser Fahrt kam die Putzkolonne.
Er ließ sich in eine verwaiste Sitzgruppe fallen und streckte die Beine von sich. Dann zog er eine Bierflasche hervor, die er am Bahnhofskiosk gekauft hatte, öffnete sie und trank mit großen Schlucken.
Ein Jugendlicher im Gothic-Look, mit schwarzer Kutte und gepiercten Lippen, schlurfte an ihm vorbei und ließ sich auf einen Klappsitz sinken. Leise blecherne Beats drangen aus seinen Kopfhörern. Gegenüber machte es sich eine ältere Frau mit einem Kopftuch bequem und zog eine Zeitung hervor, die Hürriyet. Die Türen schlossen sich, und der Zug fuhr aus dem Bahnhof in die schwarze Nacht hinein. Draußen wurde es dunkel, und im Fenster war nur noch sein Spiegelbild zu sehen.
Marius sah smart aus, wie ein Vorzeigestudent aus dem Universitätsprospekt. Daran konnten selbst die heutigen Augenringe kaum etwas ändern. Auf dem BWL-Campus spürte er die Blicke der Studentinnen. Er kam gut an bei den Frauen, zumindest, bis sie ihn näher kennenlernten. Lange hatte er das ausgenutzt, warum auch nicht. Aber nun war alles anders, natürlich.
Er fixierte sein Spiegelbild. Vielleicht lag es ja am Alkohol, doch zum ersten Mal erkannte er noch etwas anderes als den smarten Studenten darin. Die vertrauten Züge seines Vaters. Klaus Baar, der Familienpatriarch. Da gab es eine gewisse Ähnlichkeit, keine Frage. In dreißig Jahren würde Marius genauso aussehen wie er. Wieder erfasste ihn der Selbsthass. Er wandte sich vom Fenster ab und nahm einen weiteren tiefen Schluck aus der Flasche.
Sein Blick traf auf den des Gothic-Typs, der am anderen Ende des Waggons hockte. Der Jugendliche sah hastig weg. Marius kannte ihn vom Sehen, er fuhr häufiger mit dem letzten Regionalzug. Überhaupt waren ihm alle vertraut, die noch im Abteil saßen. Die ältere Frau mit Kopftuch, die in ihrer Zeitung das Kreuzworträtsel löste. Der Handwerker im Blaumann, der Feierabend machte. Oder der Alkoholiker, der mit aufgequollenem Gesicht und blauroter Schnapsnase vor sich hin glotzte. Eine seltsame Gemeinschaft bildeten sie. Obwohl sie regelmäßig zusammen im Zug saßen, vermieden sie es, miteinander in Kontakt zu treten. Lieber starrten sie in die Dunkelheit hinaus und ließen sich vom Rattern der Waggons einlullen.
Sah man ihm wohl an, wie schlecht es ihm ging? Ob die anderen Fahrgäste ahnten, dass sein Leben gerade zusammengebrochen war? Interessierte das überhaupt einen?
Er hatte versagt, und zwar so allumfassend, dass er sich nicht mehr davor verstecken konnte. Er war ein Schwächling. Eine Niete.
Eine Erkennungsmelodie ertönte. Der nächste Bahnhof wurde angesagt. Ein Mann mit Aknenarben im Gesicht erhob sich, der aussah wie ein brutaler US-Marine aus einem Kriegsfilm. Auch ihn kannte Marius bereits. Irgendwas stimmte mit dem Typen nicht. Marius fühlte sich ständig von ihm beobachtet. Auch jetzt glotzte der wieder so komisch herüber. Für gewöhnlich sah Marius einfach weg, doch jetzt spürte er Wut in sich aufsteigen. Hatte dieser Typ irgendein Problem mit ihm? Dann sollte er das einfach sagen, heute würde Marius keinen Streit scheuen.
»Was ist? Passt dir mein Gesicht nicht?«, rief er. »Kümmer dich gefälligst um deinen eigenen Kram und starr mich nicht so an!«
Zu seiner Überraschung sah der Marine zu Boden. Als wollte er jedem Ärger aus dem Weg gehen. Der Zug fuhr langsamer, der Bahnhof rückte ins Blickfeld, die Türen glitten auseinander. Der Mann schwang seinen Rucksack über die Schulter und stieg aus. Breitbeinig wie ein Cowboy schritt er davon.
Marius massierte sich die Schläfen. Die Türen schlossen sich, und der Zug fuhr weiter. Der Alkoholiker war inzwischen eingeschlafen. Die Frau mit dem Kopftuch hatte die Zeitung beiseitegelegt und sah hinaus in die Nacht. Als Marius den Blick schweifen ließ, bemerkte er das forschende Spähen des Gothic-Typen mit der Kutte. Offenbar sah man Marius doch an, wie schlecht es ihm ging.
»Was glotzt du so?«, rief er.
Der Typ senkte eilig den Kopf. Auch er sagte nichts. Die anderen im Abteil sahen kurz auf, und Marius warf allen böse Blicke zu.
Heute Morgen im Bad hatte er eine Falte auf seiner Stirn entdeckt, die bisher nicht da gewesen war. Eine kleine aggressive Furche, senkrecht über seiner linken Augenbraue. Sie sah aus, als würde sie dauerhaft bleiben. Aber das war wohl kein Wunder nach den letzten Wochen.
Doch jetzt würde sich alles wieder beruhigen. Er hatte eine Entscheidung getroffen. Es gab kein Zurück mehr, und beinahe war er erleichtert. Er leerte seine Bierflasche.
Die nächste Station wurde angesagt: Gertenbeck am See. Er stand auf, kämpfte ums Gleichgewicht und wankte zum Ausgang.
Die Türen glitten auseinander, und er stolperte nach draußen. Kalte Luft empfing ihn. Er blieb stehen und atmete durch. Der Bahnsteig war in orangefarbenes Licht getaucht. Eine hölzerne Überdachung war zu erkennen, die Unterführung und das Bahnhofsgebäude. Drum herum gab es nur Dunkelheit. Menschen hasteten an ihm vorbei. Ein Anzugträger, ein Händchen haltendes Pärchen, der Handwerker im Overall.
Marius schloss kurz die Augen. Er wurde angerempelt und stolperte zur Seite. Es waren drei Jugendliche mit Basecaps, Lederjacken und Jogginghosen, die machohafte Posen probten und dabei wie Laiendarsteller aussahen. Auf eine Entschuldigung wartete Marius vergebens.
»Hey, passt doch auf!«, rief er.
Sie ignorierten ihn und gingen weiter.
Marius spürte seine Wut.
»Idioten!«
Jetzt blieben sie stehen und drehten sich um. Die Oberarme leicht abgespreizt, als hätten sie Rasierklingen unter den Achseln. Sie waren höchstens achtzehn. Einer mit einem auffallend hübschen Gesicht. Zart und engelsgleich, ein richtiger Chorknabe. Die Ghettomode passte so gar nicht zu ihm.
Aber auch die anderen beiden gaben kein besseres Bild ab. Der eine von ihnen hatte einen Überbiss und ein pickliges Gesicht und sah aus wie ein typischer Münsterländer Bauernjunge. Der Dritte wirkte mit seinen braven Zügen und seinem Kassengestell trotz der Posen wie ein Klassenprimus. Alles in allem standen Wunsch und Wirklichkeit bei den dreien in auffälligem Missverhältnis.
»Ist was?«, blaffte der mit dem Überbiss. »Hast du irgendein Problem?«
»Ja, ich habe ein Problem. Passt mal auf, wo ihr hinlauft.«
Die drei wirkten verunsichert. Offenbar hatten sie damit gerechnet, ihn durch Auftreten und Überzahl einzuschüchtern. Nun wechselten sie zögernd Blicke. Der Klassenprimus gewann als Erster seine Fassung zurück. Verächtlich pfiff er durch die Lippen.
»Hört euch diese Schwuchtel an«, rief er und äffte ihn nach: »Passt mal auf, wo ihr hinlauft.«
Die anderen lachten, schlugen ihm auf die Schulter, dann drehten sie sich um und gingen breitbeinig weiter.
»Ihr denkt, ihr seid die Größten, was? Ihr armseligen Muttersöhnchen.«
Marius war wütend. Er wollte Ärger. Und er bekam ihn. Die Jugendlichen blieben stehen und bauten sich vor ihm auf. Das Lachen war ihnen vergangen. Es war der Junge mit dem hübschen, engelsgleichen Gesicht, der zuerst ausholte. Marius fing den Schlag ab und stieß den Jungen weg. Im gleichen Moment schlug der Streber mit dem Kassengestell zu. Seine Faust traf ihn mitten ins Gesicht. Die Schmerzen explodierten. Es fühlte sich gut an. Jetzt spürte Marius nichts anderes mehr. Er taumelte zurück. Seine Lippe war aufgeplatzt. Er stützte sich mit den Händen auf den Knien ab und spuckte Blut.
Das war’s also. Er hatte bekommen, was er wollte.
»Na, du Arschloch? Wie schmeckt dir das?«
Der Junge mit dem hübschen Gesicht kam erneut auf ihn zu. Ehe Marius reagieren konnte, stieß er ihm mit voller Wucht das Knie in den Bauch. Marius krümmte sich, taumelte, würgte.
Er blinzelte und sah zu dem Jungen hoch. Warum trat dieser Idiot noch einmal nach? Er hatte doch längst gewonnen. Der Jugendliche starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Wilder Hass flackerte darin. Mordlust. Ein kaltes Gefühl bemächtigte sich seiner. Er begriff: Es ging gar nicht darum, einen Streit mit einem Faustschlag zu beenden. Hier brach sich etwas anderes Bahn.
Die drei tänzelten um ihn herum, hellwach, konzentriert, angespannt. Sie ließen sich von ihren Instinkten leiten. Ein Tritt, und er ging zu Boden. Über ihm das Gesicht des engelsgleichen Jungen, das völlig verzerrt war und trotzdem auf irritierende Weise immer noch unschuldig aussah. Ein weiterer Tritt in den Magen, und er verlor für einen Sekundenbruchteil das Bewusstsein. Marius spürte die nackte Angst. Für seinen nächsten Tritt nahm der Bauernjunge Anlauf. Wieder explodierten die Schmerzen. Rippenknochen brachen. Marius jaulte auf. Da waren doch noch andere Leute. Die mussten sehen, was hier passierte. Einer musste ihm helfen.
Er versuchte, seinen Kopf mit den Armen zu schützen. Aber es war schon zu spät. Der Streber mit der Brille stellte sich über ihn, hob ein Bein und trat ihm mit aller Kraft ins Gesicht. Sein Kiefer brach knirschend, das Gesicht schien sich zu verformen. Er spürte nichts mehr. Seine Gedanken sprangen wild herum. Irgendwie musste es ihm gelingen zu fliehen. Er begriff nicht, was passierte. Jemand musste ihm helfen. Bitte.
Der hübsche Junge war wieder an der Reihe. Er nahm Anlauf und holte aus, als wollte er einen Elfmeter schießen. Marius sah, wie der Turnschuh auf ihn zuschnellte. Dann wurde es dunkel.
Sonnenstrahlen fielen durch die gläserne Dachkonstruktion in den Lichthof. Spiegelungen entstanden und Palmenfächer warfen fleckige Muster auf den hellen Steinboden. Es war ganz still in der Haupthalle des Landgerichts. Momentan liefen überall Verhandlungen, und die Flure waren menschenleer. Eine Atmosphäre wie in einem Gymnasium während der Klausurtage.
Bernhard Hambrock saß auf einer Bank unterhalb einer Birkenfeige und wartete. Er schloss die Augen und döste ein wenig.
Mehr als zweihundert Überstunden hatten sich in den vergangenen Monaten angehäuft. Besonders in den letzten zwei Wochen war die Hölle los gewesen. Da hatte er kaum noch Schlaf bekommen. Doch nun schien endlich Ruhe im Präsidium eingekehrt zu sein. Seit Tagen war nichts Neues mehr reingekommen, und gestern hatten sie den letzten aktuellen Fall an die Staatsanwaltschaft übergeben. In den nächsten Tagen würde er ein paar Überstunden abfeiern. Mal wieder ausschlafen und ein bisschen Freizeit haben. Die Hälfte seines Teams würde es genauso machen. Er musste nur noch diesen Gerichtstermin hinter sich bringen, danach könnte er endlich ausspannen.
Der letzte Fall steckte ihm noch in den Knochen. Da war es um den Mord an einer arbeitslosen Frau im Münsteraner Problembezirk Coerde gegangen. Sie hatten den Ehemann im Verdacht gehabt, einen cholerischen und gewalttätigen Alkoholiker. Doch der hatte ein Alibi, sein Kumpel schwor Stein und Bein, die beiden hätten sich zur Tatzeit in seiner Wohnung am anderen Ende der Stadt DVDs angesehen. Sogar Zeugen gab es. Und so hatten sich die Ermittlungen immer weiter in die Länge gezogen, bis sich am Ende herausstellte, dass der Kumpel gelogen und die Zeugen nicht den Verdächtigen, sondern jemand anderen in der Wohnung gesehen hatten. Aber so war das häufig: Der erste Verdacht war der richtige, doch dann tauchten widersprüchliche Indizien auf, seine Leute ermittelten in alle möglichen Richtungen, nur um am Ende doch wieder zum Erstverdacht zurückzukommen, der sich schließlich als richtig herausstellte. Was für eine Zeitverschwendung das manchmal war.
Als sie diesen Ehemann festgenommen hatten, war da noch ein Junge gewesen, das Kind der beiden, Fabio, gerade vierzehn Jahre alt. Was für ein Schicksal, hatte Hambrock gedacht. Die Mutter erschlagen und der Vater unter Anklage, und dann bist du plötzlich allein auf der Welt. Nachdem der Vater abgeführt worden war, hatte Hambrock mit Fabio in der verdreckten Küche gesessen. Sie hatten miteinander geredet. Fabio sollte zu seiner Oma väterlicherseits, die in derselben Hochhaussiedlung lebte und ihn nur äußerst widerwillig aufnahm. »Das Kind hätte damals abgetrieben werden sollen«, war ihr einziger Kommentar zu den Geschehnissen gewesen. »Ich hab gleich gesagt, das bringt nichts, so ein Balg auszutragen.« Im Grunde hatte Hambrock gar keinen Trost zu spenden, trotzdem schien der Junge dankbar für das Gespräch zu sein. Es tat ihm sichtlich gut, von einem Erwachsenen ernst genommen zu werden. Er war ein kleiner Kämpfer, ganz tapfer und entschlossen. Von nichts auf der Welt wollte er sich unterkriegen lassen. Dabei wirkte er gleichzeitig so bedürftig, dass es Hambrock beinahe das Herz brach.
Er verscheuchte den Gedanken an diesen Fabio. Es brachte nichts, Fälle mit nach Hause zu nehmen. Distanz war wichtig in seinem Job. In den nächsten Tagen würde er sich entspannen. Etwas mit seinen Händen machen. Der Küchenschrank musste repariert werden. Vielleicht würde er danach das Arbeitszimmer seiner Frau tapezieren. Irgendwas fand sich bestimmt. Hauptsache, er grübelte nicht.
»Bernhard Hambrock?«
Er öffnete die Augen. War er für einen Moment eingenickt? Vor seiner Bank stand der Gerichtsdiener in seiner Uniform. Hinter ihm die offene Saaltür.
»Darf ich Sie jetzt bitten?«
»Ach so. Natürlich.« Hambrock reckte sich. »Entschuldigen Sie.«
Der Gerichtsdiener zwinkerte verschwörerisch und kehrte dann mit ernster Miene in den Saal zurück. Hambrock stand auf und folgte ihm. Stickige, verbrauchte Luft schlug ihm entgegen. Die Zuschauerreihen des Saals waren überfüllt. Für die Presse waren zusätzliche Stühle herbeigeschafft worden. Mit Laptops und Kameras auf dem Schoß hockten sie dicht gedrängt beisammen und blickten Hambrock neugierig entgegen. Ein paar bekannte Gesichter von der Lokalpresse waren dabei, doch viele der Journalisten kamen offenbar von den großen überregionalen Zeitungen.
Hambrock trat ein. Es fühlte sich an, als beträte er eine Theaterbühne. Jenseits der Absperrung, auf der Seite des Gerichts, saß ebenfalls eine Menge Leute, die Hambrock neugierig entgegenblickten. Staatsanwaltschaft, Verteidigung, die Nebenkläger, deren Anwälte, die drei Angeklagten und schließlich der Tross auf der Richterbank: Beisitzer, Schöffen, Gerichtsschreiber, Diener.
Den Vorsitz hatte Richterin Schniederjohann, eine große Frau mit kräftigen Locken und breiten Wangenknochen. Im Grunde eine Schönheit, wären da nicht kleine Unstimmigkeiten, die das Bild verzerrten. Ihre Statur war ein bisschen zu robust, der Kiefer zu wuchtig, der Mund zu breit, und ihre Stimme klang so laut und schneidend, dass es einen regelrecht durchfuhr. Bei einer Unterhaltung in der Gerichtskantine hatte sie Hambrock einmal erzählt, dass sie wie er von einem Münsterländer Bauernhof stammte.
Nach einer förmlichen Begrüßung bat sie ihn, auf dem Zeugenstuhl Platz zu nehmen. Er nannte Name, Alter und Dienstgrad, und der Gerichtsschreiber begann eifrig zu tippen.
Die Stimme der Richterin hallte durch den Gerichtssaal. »Sie kennen das Prozedere ja, Herr Hambrock. Trotzdem der Form halber: Sind Sie mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert? Ich frage Sie das, weil Sie in dem Fall von Ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen können.«
Hambrock blickte zur Anklagebank. Neben den Anwälten in ihren Roben saßen die drei Angeklagten mit hochgeschlossenen Hemden und gescheitelten Haaren. Die Schläger, die Marius Baar am Bahnhof in Gertenbeck totgeprügelt hatten. Es waren achtzehnjährige Gymnasiasten, und im Grunde sahen sie noch aus wie Kinder. Sie saßen aufrecht da, wie bei einer mündlichen Schulprüfung. Die Gesichter waren leichenblass, die Augen rot gerändert, und den Blick hielten sie starr zu Boden gerichtet – als warteten sie darauf, dass endlich jemand rief: »So, vergesst einfach alles. Und jetzt raus mit euch zum Fußballspielen.« Diesen Eindruck hatte Hambrock bereits während der gesamten Vernehmungen gehabt.
»Nein, weder verwandt noch verschwägert«, sagte er.
»Dann muss ich Sie noch darauf hinweisen, dass Sie zu wahrheitsgemäßen Angaben verpflichtet sind. Falschaussagen werden vom Gesetzgeber als schwere Straftat angesehen, das wissen Sie ja. Ein Meineid ist ein Verbrechen.« Sie lehnte sich zurück. »So, dann hätten wir das. Herr Hambrock, Sie wissen, worum es geht. Wir wollen den Tod von Marius Baar aufklären. Als Leiter der Gruppe für Kapitalverbrechen waren Sie der Hauptsachbearbeiter. Könnten Sie dem Gericht einen Überblick über die Ereignisse geben? Aus Ihrer Sicht, versteht sich.«
»Sehr gern.« Im Augenwinkel sah er, wie einer der Journalisten seinen Laptop heranzog und die Finger über der Tastatur schweben ließ. »Am 14. Juni ging um 23 Uhr 50 die Meldung beim Polizeinotruf ein, dass sich am Bahnhof in Gertenbeck am See ein Übergriff auf einen Fahrgast ereignet habe. Ein offenbar tödlicher Übergriff, wie es hieß. Etwa fünfzehn Minuten nach Eingang der Meldung trafen Notarzt und die örtliche Schutzpolizei ein. Die Kollegen der Schutzpolizei sicherten den Tatort und nahmen die Personalien der Zeugen auf. Ich wurde dann ebenfalls verständigt, gegen Viertel nach zwölf. Etwa um ein Uhr war ich am Bahnhof. Das Gelände war da schon weiträumig abgesperrt. Der Notarzt hat mich über den Tod des Opfers in Kenntnis gesetzt. Anscheinend war jede Hilfe zu spät gekommen.«
Hambrock dachte an den übernächtigten Mittdreißiger mit dem Arztkoffer, der völlig verloren am Bahnsteig stand und dort auf ihn wartete. Irgendein junger Bereitschaftsarzt, der nicht viel Erfahrung mit solchen Gewalttaten hatte und sich verstört an einem dampfenden Kaffeebecher festhielt.
»Der Notarzt zeigte sich schockiert über die Brutalität, mit der die Täter vorgegangen waren«, fuhr Hambrock fort. »Es gab Knochenbrüche im Brust- und Schulterbereich. Zahlreiche Hämatome an Beinen und Oberkörper, dazu eine Reihe von Schürfwunden. Am massivsten aber waren die Kopfverletzungen. Der Notarzt musste einen Nasenbeinbruch, einen Kieferbruch und eine Fraktur des Gesichtsschädels feststellen.«
Ein leises Schluchzen drang aus dem Zuschauerbereich. Im Augenwinkel sah Hambrock, wie eine Gestalt in einem hellen Trenchcoat und mit langer dunkler Mähne zum Ausgang lief und durch die Tür verschwand. Die Mundwinkel der Richterin sackten herab. Normalerweise riet sie Angehörigen, den Saal zu verlassen, wenn bei einer Befragung besonders schmerzliche Einzelheiten zu erwarten waren. Hambrock war offenbar zu sehr in medizinische Details gegangen. Er wollte sich zurückhalten. Die Rechtsmedizinerin würde ohnehin noch gehört werden.
»Der Notarzt vermutete einen Schädelbasisbruch«, beendete er die Ausführungen. »Allerdings konnte das erst durch die Obduktion bestätigt werden. Das Opfer muss bereits am Boden gelegen haben, als sich der Hauptteil der Gewalt entlud. Erst da wurden die Tritte auf den Kopf des Opfers abgegeben.«
Hambrock erinnerte sich, wie fassungslos der Notarzt gewesen war. »Wir sind doch hier nicht in Berlin! Ich bin in Gertenbeck aufgewachsen, verstehen Sie? Das ist mein Dorf! So etwas passiert hier nicht. Die Gertenbecker sind so nicht.« Hambrock hatte geschwiegen. Wer ist schon so?, hatte er sich gefragt.
»Wenn Sie mir eine persönliche Bemerkung gestatten«, sagte Hambrock zur Richterin. »Ich bin seit über zwanzig Jahren im Polizeidienst, aber eine so enthemmte Gewalttat habe ich in dieser Zeit noch nicht erlebt. Besonders erschreckend finde ich, dass es offenbar keinen nennenswerten Anlass gegeben hat.«
Sein Blick wanderte zur Anklagebank. Die Jugendlichen sahen aus, als würden sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Nur der Haupttäter, ein auffallend hübscher Junge mit blonden Engelshaaren, der den tödlichen Tritt abgegeben hatte, sah mit festem Blick zur Decke. Das war schon in den Vernehmungen so gewesen. Zuerst hatte er sich geweigert, mit der Polizei zu sprechen, obwohl die anderen beiden längst geständig waren. Und auch danach hatte er sich einsilbig und wenig kooperativ gegeben. Er schien einen dicken Panzer um sich errichtet zu haben. Aber vielleicht war das nur ein Schutzmechanismus.
»Waren die Angeklagten zu diesem Zeitpunkt schon in Polizeigewahrsam?«, fragte die Richterin und blätterte in einer Akte. »Soweit ich weiß, waren sie bereits aufgegriffen worden, als Sie den Tatort in Gertenbeck erreichten.«
»Das stimmt. Es gab Zeugen, die die jungen Männer genau beschreiben konnten. Eine Polizeistreife hat sie kurz darauf am Gertenbecker Marktplatz aufgegriffen. Nach ihrer Flucht vom Bahnhof hatten sie dort am Brunnen Wodka getrunken. Als sie die Polizeifahrzeuge entdeckten, versuchten sie zu fliehen. Aber weit kamen sie nicht. Anfangs haben sie alles abgestritten. Danach die Aussage verweigert. Aber mithilfe der Augenzeugen konnten sie schnell als Täter identifiziert werden. Es gab ein Handyvideo von der Tat. Einer der Zeugen hat ein paar Sekunden lang mitgefilmt.«
»Ein Handyvideo? Haben wir das bei den Beweismitteln?«, fragte die Richterin und blätterte in den Unterlagen. »Ach ja, hier ist es. Das schauen wir uns später an. Machen Sie weiter, Herr Hambrock. Die Angeklagten konnten also zweifelsfrei als Täter identifiziert werden?«
»Ja, Sascha Bördemann und Dennis Gröver waren daraufhin geständig. Lennard Müller hat die Aussage zunächst verweigert. Nach dem Gespräch mit seinem Anwalt hat er sich aber ebenfalls entschlossen, die Tat zuzugeben. Es gibt keinen Hinweis auf eine vordeliktische Beziehung. Täter und Opfer stammten zwar allesamt aus Gertenbeck, aber das Opfer war acht Jahre älter als die drei Täter. Marius Baar hat sein Abitur gemacht, als die drei Angeklagten gerade aufs Gymnasium gekommen waren. Er studierte seit einigen Jahren in Münster, und so gab es auch im Bekanntenkreis keine Berührungspunkte. Die erste bewusste Begegnung zwischen Marius Baar und den Angeklagten fand offenbar in der Tatnacht auf dem Bahnsteig statt.«
»Können Sie etwas zu den Motiven der Tat sagen?«, fragte Richterin Schniederjohann.
»Es scheint zu einem spontanen Gewaltausbruch gekommen zu sein. Die Täter waren leicht alkoholisiert. Sascha Bördemann gab an, wegen der bevorstehenden Abiturprüfungen frustriert gewesen zu sein. Sie standen unter extremem Druck, auch durch das Elternhaus. Der Streit auf dem Bahnsteig war offenbar ein willkommener Anlass, um Dampf abzulassen.«
»Dampf ablassen? Ist damit für Sie ein solch ungewöhnlicher Gewaltausbruch erklärbar?«
Hambrock sah zu den drei Angeklagten, die immer noch krampfhaft vor sich hin starrten.
»Ich weiß nicht, ob das diese Tat erklärt«, sagte er. »Aber eine andere Erklärung hat sich bei den Ermittlungen nicht ergeben. Es gibt keine weitergehenden Motive.«
Die Richterin sah zur Anklagebank hinüber und pickte sich den Erstbesten der drei heraus.
»Herr Bördemann«, donnerte ihre Stimme durch den Saal. »Was war der Grund für die Gewalttat?«
Der Junge verkrampfte sich. Er schien zu begreifen, dass Aussitzen nicht mehr möglich war. Panik trat in sein Gesicht.
»Sagen Sie mir, weshalb Sie Marius Baar geschlagen haben«, beharrte die Richterin. »Und dann, als er bereits wehrlos am Boden war, immer weiter auf ihn eingetreten haben.«
»Ich…« Sascha Bördemann schluckte schwer. »Ich weiß nicht. Wir wollten ihn nicht töten. Wir waren nur sauer auf ihn. Wir hatten doch nie vor, ihn umzubringen.«
»Sie haben ihm ins Gesicht getreten, als er am Boden lag«, insistierte sie. »Immer wieder und mit voller Kraft. Ist doch klar, dass man so was nur schwer überleben kann.«
»Ich… wir wollten nicht…« Er fing an zu schluchzen.
Das Gesicht der Richterin verfinsterte sich weiter. So leicht wollte sie es den Angeklagten nicht machen.
»Herr Gröver«, schoss sie hinterher. »Dann sagen Sie es mir. Was war der Grund?«
Dennis Gröver sah verschreckt auf. Seine großen Augen wirkten unschuldig wie die eines Kindes.
»Ich weiß auch nicht, was in uns gefahren ist. Wir wollten ihn nicht töten, bestimmt nicht.«
»Das ist alles, was Ihnen dazu einfällt?«, fragte die Richterin. »Sie wollten ihn also nicht töten?«
»Wir wollten uns nur prügeln. Und dann… dann lag er am Boden, und wir konnten einfach nicht mehr aufhören.«
»Sie konnten also nicht mehr aufhören, ja?« Die Richterin beugte sich vor. Ihre durchdringende Stimme war selbst im letzten Winkel des Saals deutlich zu hören, als sie fragte: »Weshalb konnten Sie nicht mehr aufhören?«
In den Zuschauerreihen war es jetzt totenstill.
Nur das Schluchzen von Sascha Bördemann war zu hören. Die anderen beiden schwiegen beharrlich und starrten schuldbewusst auf den Tisch. Saschas Schultern bebten, der ganze Körper begann zu zittern. Und dann konnte er sich mit einem Mal nicht mehr halten und heulte lautstark drauflos.
In den Zuschauerreihen wurde getuschelt. Die Verteidiger beantragten eine Unterbrechung. Richterin Schniederjohann missfiel das sichtlich. Aber der Anfall des Jungen war nicht gespielt, und sie gab dem Ansinnen mürrisch statt.
»Herr Hambrock, sind Sie damit einverstanden, die Befragung kurz zu unterbrechen und nach einer Pause von – sagen wir – fünfzehn Minuten dem Gericht nochmals zur Verfügung zu stehen?«
»Natürlich«, sagte er.
Hambrock war einer der Ersten, die den Saal verließen. Kühle und frische Luft schlug ihm entgegen.
Hinter ihm strömten die Zuschauer plaudernd heraus. Mit der Stille im Lichthof war es schlagartig vorbei. Auf einer Bank entdeckte Hambrock die Gestalt in dem hellen Trenchcoat, die während der Befragung den Saal verlassen hatte. Es war eine Mulattin mit einer auffälligen Afrofrisur. Hambrock kannte sie bereits. Nathalie. Der Nachname war ihm entfallen, aber sie war die feste Freundin von Marius Baar gewesen. Sie hatten den Tag miteinander verbracht, bevor er seine schicksalhafte, letzte Fahrt nach Gertenbeck angetreten war.
Sie hockte mit hängenden Schultern auf der Bank, und Tränen liefen ihr übers Gesicht. Hambrock fühlte sich schuldig. Er zog eine Packung mit Papiertaschentüchern hervor und ging auf die Bank zu. Er wollte für seine Wortwahl um Verzeihung bitten. Vielleicht brauchte sie außerdem jemanden zum Reden. Möglich, dass es ihm gelang, ein wenig Trost zu spenden.
In diesem Moment tauchte ein junger Mann in Kapuzenpulli und mit einer modischen Hornbrille auf. Er trat auf die Bank zu und legte tröstend die Hand auf Nathalies Schulter. Hambrock hatte auch ihn schon einmal gesehen, konnte sich aber weder an den Namen erinnern noch daran, in welcher Beziehung er zu dem Opfer gestanden hatte.
Der junge Mann bemerkte Hambrock. Er beugte sich zu Nathalie und flüsterte ihr eindringlich etwas zu. Sie sah ebenfalls verstohlen herüber, nickte dann, stand auf, hakte sich bei ihm unter und verließ gemeinsam mit ihm das Gerichtsgebäude. Beinahe wirkte es, als wären sie auf der Flucht vor ihm, um ja nicht mit der Polizei sprechen zu müssen.
Hambrock sah den beiden nachdenklich hinterher. Ihr Verhalten war mehr als seltsam. Er versuchte sich zu erinnern, was diese Nathalie für eine Rolle bei der Ermittlung gespielt hatte. Vielleicht würde ihm dann auch wieder einfallen, wer der Mann mit der Hornbrille war. Ob er noch mal einen Blick in die Akten werfen sollte?
Doch das war natürlich Unsinn. Der Fall war abgeschlossen. Er hatte jetzt ein paar Tage frei. Wenn das Gericht ihn entlassen hatte, würde er nach Hause fahren und den Küchenschrank reparieren. Also steckte er seine Taschentücher wieder weg und steuerte die Kantine an, um sich einen Becher Kaffee zu besorgen.
Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Die Sonne stand tief am Himmel und blinzelte zwischen Dachfirsten und Schornsteinen hindurch. Ein weiterer warmer Sommerabend über den Dächern der Stadt. Marius fühlte sich immer noch verkatert. Die Party in der vergangenen Nacht war wild gewesen, und wie er ins Bett gekommen war, wusste er nicht mehr. Heute Morgen war er bei einem Kumpel in dessen Studentenwohnung aufgewacht. Sie lag in einem Altbau im Kreuzviertel unweit der Promenade, genau das Passende für einen Betriebswirtschaftler kurz vor dem Examen. Marius hätte gern mit ihm getauscht. Aber sein Vater fand, Marius’ Platz sei zu Hause in Gertenbeck und nicht in Münster. Platz genug gab es ja in der Familienvilla. Deshalb musste er pendeln. Das Studium sei nicht dazu da, sich zu amüsieren, meinte sein Vater. Es solle ihn vielmehr vorbereiten, eines Tages die Firma zu übernehmen. Alles andere sei Zeitverschwendung. Sein Vater eben.
Der Signalton der Lok pfiff einsam durch den Abendhimmel. Häuserfronten zogen vorbei, alles war in warmes orangefarbenes Licht getaucht. Ein Gothic-Typ mit schwarzer Kutte schlurfte an ihm vorbei und setzte sich in eine verlassene Sitzgruppe. Er senkte den Kopf und ließ sich die Haare ins Gesicht fallen, als wollte er sich damit von seiner Umgebung abschirmen. Aus seinen Ohrstöpseln drang blechern Musik. Doch er blieb nicht lange allein. Eine Gruppe etwa gleichaltriger Jugendlicher baute sich vor ihm auf. Vier Jungs mit Markenklamotten und gestylten Haaren. Der Gothic-Typ sah ängstlich auf. Offenbar kannte er die vier. Einer von ihnen bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, er solle sich verziehen.
»Das ist mein Platz! Verpiss dich!«
Er stieß ihn unsanft zur Seite. Die drei anderen kicherten. Sie machten sich auf den freien Plätzen breit und rückten dem Gothic-Typen bedrohlich auf die Pelle. Der duckte sich, sah zu Boden.
»Kannst du nicht hören? Du sollst dich verpissen, du Arschloch!«
Die anderen Fahrgäste sahen angestrengt aus dem Fenster. Keiner mischte sich ein. Der Junge in der schwarzen Kutte bekam einen weiteren Stoß, dann schlich er schließlich davon. Die anderen lachten triumphierend. »Was stinkt das hier, wo der gesessen hat!«, rief einer.
Marius sah wieder aus dem Fenster. Er dachte an die Party der vergangenen Nacht. An Nathalie. Sein Kumpel hatte ihm gesagt: »Vergiss es, Marius. Es gibt da eine Sorte Frauen, bei der landest du nicht.« Ungesagt schwang mit: Frauen, die Klasse haben. Keine von den typischen Campustussis, die er regelmäßig abschleppte: blonde, gestylte Frauen aus wohlhabenden Familien. Frauen mit perfekten Körpern, mit Einserzeugnissen, Praktika in den USA und schicken, teuer eingerichteten Studentenwohnungen. Frauen, für die Marius perfekt ins Portfolio passte: Unternehmersohn mit blendend gutem Aussehen. Manchmal fragte er sich, wer eigentlich wen flachlegte.
Er hatte einen gewissen Ruf auf dem Campus. Ein Herzensbrecher, ein einsamer Cowboy, unnahbar und geheimnisvoll. Es gab Frauen, für die es eine sportliche Herausforderung war, ihn zu knacken und für sich zu gewinnen. Die wenigen Male, bei denen er sich allerdings auf eine Beziehung eingelassen hatte, war er kurz darauf von den Frauen sitzen gelassen worden. Offenbar war der Schein vielversprechender.
Marius legte die Stirn an die kühlende Scheibe. Sie hatten die Stadt verlassen und fuhren durchs Münsterland. Wallhecken und Pappelalleen, Wiesen und Weizenfelder, und hinter allem die blutrote Sonne, die langsam am Horizont verschwand.
Bei Nathalie hatte er tatsächlich nicht landen können. Nicht, dass er es nicht versucht hätte. Aber sie war keine dieser Frauen, die ihm nachliefen. Auch war sie keine von denen, die spröde und abweisend auf ihn reagierten, nur um zu kaschieren, dass sie insgeheim von ihm erobert werden wollten. Im Gegenteil. Sein Aussehen, sein Charme, die ganzen Tricks, die er draufhatte, das alles schien Nathalie vielmehr zu amüsieren. Sie lachte unentwegt, strich sich dabei durch ihre Afrofrisur, und nicht selten hatte er das Gefühl, sie lachte ihn aus. Überhaupt war es schwer zu sagen, ob er bei ihr gerade Eindruck schindete oder sich zum Affen machte. Es war verwirrend. Und sehr anziehend.
Im Durcheinander der Party hatten sie sich schließlich aus den Augen verloren, und später hieß es, Nathalie sei gegangen. Marius hatte danach keine Lust mehr gehabt, sein Glück bei einer anderen Frau zu versuchen. Er hatte sich einfach nach allen Regeln der Kunst volllaufen lassen und war schließlich in der Wohnung seines Kumpels gelandet.
Da war ein seltsames Gefühl. Als würde er beobachtet. Er sah auf. Am anderen Ende des Großraumabteils saß ein Mann auf einem Klappsitz und starrte herüber. Ein bulliger Typ mit einem von Aknenarben zerfurchten Gesicht. Er erinnerte Marius an einen grobschlächtigen Marine aus einem amerikanischen Film. Das kantige Gesicht, der düstere Blick, einfach alles. Marius fühlte sich unwohl. Was glotzte der so?
Eine Erkennungsmelodie ertönte, dann sagte eine Computerstimme die nächste Station an. Der bullige Typ stand auf und steuerte die Türen an. Offenbar hatte er das Interesse an Marius verloren. Der Zug verlangsamte das Tempo und fuhr in den kleinen Bahnhof ein. Der Marine stieg aus und verschwand. Marius sah sich um. Die Jugendlichen, die den Gothic-Typen verjagt hatten, waren ebenfalls fort. Offenbar unterwegs ausgestiegen, ohne dass er es bemerkt hatte. Der Junge mit der schwarzen Kutte hockte etwas entfernt auf einem Klappsitz. Seine Haare verdeckten wieder das Gesicht, und er hatte eine bemüht lässige Pose eingenommen.
Marius betrachtete ihn nachdenklich. Er wusste genau, wie es sich anfühlte, weggestoßen zu werden. Sich nicht wehren zu können und Demütigungen zu ertragen. Es war ein klebriges Gefühl, das einen nach und nach von innen einkleisterte. Marius fiel scheinbar alles zu. Da waren sein sicheres Auftreten, sein gutes Aussehen. Er war ein Gewinnertyp. Aber das war nur der Schein. Sein Innenleben war ein anderes.
Die Sonne war nun am Horizont verschwunden. Draußen schimmerte zwischen den Bäumen das Wasser einer Seenlandschaft. Wieder ertönte eine Stimme aus den Lautsprechern. Die nächste Station wäre Gertenbeck. Sein Bahnhof. Er nahm seine Tasche und stand auf.
Der Zug wurde langsamer und hielt. Auf dem Weg zu den auseinandergleitenden Türen ließ er den Blick durch den Waggon schweifen. Plötzlich sah er sie. In der hintersten Sitzgruppe. Schwarze Locken, eine hohe Stirn, kluge Augen und eine Haut wie Milchkaffee.
Nathalie.
Sie blickte auf und entdeckte ihn ebenfalls. Überraschung trat in ihr Gesicht. Offenbar hatte sie ihn nicht vergessen.
»Hallo«, sagte sie. »Marius, oder?«
Er war völlig durcheinander. Wahrscheinlich waren sie beide in Münster in denselben Wagen gestiegen, ohne einander bemerkt zu haben.
»Hallo, Nathalie. Hast du die ganze Zeit dort gesessen?«
Eine blöde Frage. Doch perplex wie er war, fiel ihm nichts anderes ein. In ihren Augen blitzte etwas auf. Sie schien sich schon wieder zu amüsieren.
»Ich fahre nach Essen«, sagte sie. »Meine Eltern leben da, und meine Mutter hat heute Geburtstag.«
Dieser Blick. Er spürte einen Stich. Was sollte er jetzt tun? Sich nach ihrer Telefonnummer erkundigen? Vom Bahnsteig drang eine Ansage: Bitte zurücktreten, die Türen schließen selbsttätig, Vorsicht bei der Abfahrt.
»Musst du nicht hier raus?«, fragte sie.
Er zögerte. Dann hob er eine Augenbraue und ließ sich den Scheitel ins Gesicht fallen. Eine Geste, von der er wusste, dass sie ihn verwegen aussehen ließ.
»Nein«, log er ganz offensichtlich. »Ich muss nach Essen.« Die Türen schlossen sich, und der Zug setzte sich in Bewegung. Sein Spiel war natürlich durchschaut, aber das war ihm egal. Er nahm Haltung an, trat an ihre Sitzgruppe, deutete auf den freien Platz und fragte: »Darf ich?«
Nathalie betrachtete ihn nachdenklich.
Dann begann sie zu lächeln.
Hambrock hatte wieder seinen Platz auf dem Zeugenstuhl eingenommen. Die Verhandlung wurde fortgeführt. Auch die drei Angeklagten saßen wieder auf ihren Plätzen und sahen zu Boden. Sie wirkten gefasst, und Tränen schienen vorerst nicht mehr zu fließen.
Richterin Schniederjohann befragte Hambrock noch eine Weile zu den Abläufen am Tatort und den anschließenden Ermittlungen. Er gab einen Überblick über die Zeugenbefragungen, den Spurenbericht, die Vernehmungen und die Geständnisse. Aber im Grunde gab es keine weiteren Einzelheiten mehr, die eine neue Perspektive auf das Geschehen gezeigt hätten.
Schließlich dankte die Richterin ihm und gab das Wort an die Staatsanwaltschaft. Josef Wübken, ein alter Bekannter von Hambrock, der, obwohl er noch ganze drei Jahre bis zum Ruhestand vor sich hatte, bereits jetzt aussah wie ein achtzigjähriger Märchenopa, sah freundlich zum Zeugenstuhl herüber. Er sagte nichts, und eine Weile schien es, als würden ihm gleich die Augen zufallen, doch dann durchfuhr ihn ein leichtes Zucken, und er meinte: »Keine weiteren Fragen, danke.«
Das Wort ging an die Nebenklage. Dort saßen die Anwälte der Familie. Mittendrin Klaus Baar, der Vater des Opfers, ein in jeder Hinsicht schwergewichtiger Unternehmer, und Marius’ Schwester Nicole, die Hambrock bereits während der Ermittlung kennengelernt hatte. Eine kühl wirkende und verschlossene Frau, die in ihrem teuren Kostüm viel älter aussah, als sie tatsächlich war. Die Anwälte und der Familienpatriarch steckten die Köpfe zusammen, und dann hieß es auch von dieser Seite: Keine weiteren Fragen.
Also erteilte Richterin Schniederjohann der Verteidigung das Wort. Eine junge Anwältin mit streng zurückgebundenen Haaren und stahlblauen Augen wandte sich an Hambrock. Die Robe stand ihr gut, und Hambrock fragte sich insgeheim, wie alt sie sein mochte. In jedem Fall gab es nicht viele Anwältinnen in ihrem Alter, die bei einer solch großen Verhandlung für die Verteidigung sprachen, das stand fest.
»Wir haben noch ein paar Fragen«, begann sie. »Zunächst zu dem Geschehen am Bahnhof.« Sie wandte sich an Hambrock. »Sie haben fünf Zeugen befragt, die mit dem Zug aus Münster gekommen sind. Wäre es möglich, dass da Fahrgäste vergessen wurden, die am Bahnhof in Gertenbeck ausgestiegen sind? Es könnte jemand übersehen worden sein, der nicht auf das Eintreffen der Polizei gewartet hat.«
»Das halte ich für unwahrscheinlich«, sagte Hambrock. »Keiner der Zeugen konnte sich an einen weiteren Fahrgast erinnern. Sehen Sie, der Zug hatte nur drei Waggons. Der Bahnsteig ist sehr übersichtlich. Die Fahrgäste, die in Gertenbeck ausstiegen, gingen gemeinsam über den schmalen Bahnsteig zur Unterführung. Kaum vorstellbar, dass da ein weiterer Fahrgast unbemerkt geblieben wäre.«
»Ausschließen können Sie aber nicht, dass es einen oder mehrere weitere Fahrgäste gab, die am Tatort waren und nicht gehört wurden?«
»Ausschließen kann ich gar nichts, ich halte es aber für extrem unwahrscheinlich. Die Zeugen stimmten in allen ihren Angaben überein. Und keiner hat einen weiteren Fahrgast gesehen. Davon auszugehen wäre reine Spekulation.«
Ihm war schon klar, worauf die Anwältin hinauswollte. Dennis Gröver, der Junge mit dem Kassengestell, hatte in den Vernehmungen immer wieder betont, dass Marius noch gelebt habe, als sie weggerannt seien. Er habe sich noch einmal umgedreht und dabei gesehen, wie ihr Opfer gestöhnt und sich bewegt habe. Nach dem Befund der Obduktion war das allerdings unmöglich: Der tödliche Tritt hatte eine schwere Schädelfraktur zur Folge gehabt. Marius Baar war auf der Stelle tot gewesen.
Dieses Detail war für die Verteidigung von erheblicher Bedeutung. Sollte Marius tatsächlich noch gelebt haben, änderte das die gesamte Situation grundlegend. Zum einen versuchte die Verteidigung natürlich, das Gericht zu überzeugen, dass bei der Tat keine Tötungsabsicht vorgelegen habe, zum anderen ging es um den Unterschied zwischen Totschlag und gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge – was sich wiederum auf das Strafmaß auswirken würde. Vor allem aber stellte sich dann die Frage, wer Marius Baar den tödlichen Tritt versetzt haben mochte. Ein unbekannter Dritter am Tatort, das hatte natürlich Potenzial.
»Wie Sie wissen, werden wir heute Nachmittag die Rechtsmedizinerin als Sachverständige befragen«, fuhr die Anwältin fort. »Aber Sie haben ja schon angedeutet, dass die Schädelfraktur bei Marius Baar den sofortigen Tod zur Folge hatte. Mein Mandant gibt nun an, dass Marius Baar noch gelebt hat, als die drei Angeklagten fortgelaufen sind. Er habe sich noch bewegt. Die medizinischen Details werden wir später klären können. Aber gehen wir mal davon aus, dass der Tod sofort eingetreten ist. Dann ergibt sich ein Widerspruch mit der Aussage meines Mandanten.«
Dabei gab es nicht den geringsten Hinweis auf ein solches Szenario. Hambrock hatte während der Vernehmung zu keinem Zeitpunkt den Eindruck gehabt, dass diese Geschichte der Wahrheit entsprechen könnte. Selbst wenn Dennis Gröver nicht bewusst log, so war es durchaus denkbar, dass er sich etwas zurechtlegte, um seine persönliche Schuld zu relativieren. Nicht von ungefähr war er der Junge, der am meisten unter dem Geschehen litt.
Die Anwältin fuhr fort: »Auf der Aufzeichnung des Handy-Videos ist nicht zu erkennen, ob Marius Baar nach dem Übergriff noch lebte. Der Mitschnitt zeigt nur, wie meine Mandanten über das Gleisbett fliehen. Das Opfer ist bei der Aufzeichnung sozusagen im toten Winkel. Ich frage Sie daher: Ist es denkbar, dass ein unbekannter Dritter hinzugetreten ist, nachdem meine Mandanten den Tatort verlassen hatten?«
»Es gibt keinerlei Hinweise, weder hinsichtlich der Zeugenaussagen noch von der Spurenlage her. Ich möchte auch zu bedenken geben, dass das Zeitfenster sehr klein war. Gleich nachdem die Angeklagten geflohen waren, wurde der Notarzt verständigt. Außerdem hat einer der Fahrgäste versucht, erste Hilfe zu leisten. Von einem unbekannten Dritten auszugehen, wäre sehr spekulativ.«
Die Anwältin betrachtete ihn nachdenklich, bevor sie schließlich nickte und sich an die Richterin wandte.
»Danke. Ich habe keine weiteren Fragen mehr an den Zeugen.«
Und das war es dann. Schniederjohann händigte Hambrock das Formular für die Fahrtkostenerstattung aus, und er wurde entlassen. Als er aufstand und den Saal durchquerte, gab es in den Zuschauerreihen Getuschel. Der Gerichtsdiener hielt ihm die Tür auf und nickte ihm zum Abschied zu. Wieder zwinkerte er ihm verschwörerisch zu, dann schloss er die Tür. Die laute Stimme der Richterin verhallte, und Hambrock war wieder allein im stillen Lichthof.
Er atmete durch. Jetzt noch schnell ins Präsidium, um die letzten Absprachen zu treffen, und danach würde er nach Hause gehen. Endlich freimachen.
Draußen hinter der Glasfront stand eine einsame Gestalt mit hochgezogenen Schultern in der Kälte und rauchte. Hambrock stutzte. Das war Henrik Keller, sein Kollege. War der etwa hier, um Hambrock abzuholen? Da hätte er doch vorher etwas gesagt. Außerdem stand er ohne Jacke dort, in einem viel zu dünnen Hemd. Es sah aus, als wäre er nur kurz für eine Zigarette vor die Tür gegangen.
Ende der Leseprobe
