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Vielleicht kennen Sie die wunderschöne Region rund um die Mainschleife mit ihren Weinbergen, den historischen Städtchen und den liebenswerten Einwohnern. Kann auch dort das Verbrechen Einzug halten? Gerade die Überlieferungen aus altgermanischer Zeit sind Auslöser einer grauenvollen Mordserie. Die Opfer werden misshandelt und ihr Kopf mit einem Kupfernagel an einen Baum genagelt. Lange Zeit jagen die Kommissare der Würzburger Kriminalinspektion verschiedenen Lösungsansätzen her, ohne Erfolg zu haben und befürchten, absichtlich in die Irre geführt zu werden. Allerdings bietet der Lebenswandel der Opfer Anlass genug, genügend Mordmotive zu liefern.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Alexander Melang
Baummörder - Mörderbaum
Anfang
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Karte mit den Tatorten
Handelnde Personen
Vorwort
Prolog
1. Marina Volkach
2. Unzufriedenheit in Schwarzach
3. Zorn in Obereisenheim
4. Nächtliche Aktivitäten
5. Das erste Opfer
6. Der Sohn
7. Die Tochter
8. Die Ehefrau
9. Der Sohn - Teil 2
10. Erste Dienstbesprechung
11. Die Zeugen
12. Der Sohn - Teil 3
13. Kriminalpolizeiinspektion Würzburg
14. Telefonkonferenz
15. Die Auszubildende
16. Beginn der Bauarbeiten
17. Der Quittenbauer
18. Der Einzelhandelskaufmann
19. Der Vorsitzende der Bürgerinitiative 'Rettet die Mainauen'
20. Zweite Dienstbesprechung
21. Unverhofft kommt oft
22. Vaters heimlicher Club
Impressum neobooks
Kartendaten © 2014 Geo-Basis-DE/BKG (© 2009), Google
Da ich jedem Leser die Möglichkeit bieten möchte, die Ermittlungswege auch räumlich nachvollziehen zu können, habe ich mich um authentische Ortsangaben bemüht. Deshalb möchte ich an dieser Stelle deutlich darauf hinweisen, dass dort lebende Personen sicher ein untadeliges Leben führen und mit dem Geschehen dieser Erzählung absolut nichts zu tun haben. Sollte sich dennoch ein Einheimischer dieser liebenswerten Landschaft unangenehm berührt fühlen, bitte ich vielmals um Entschuldigung.
Das schauderhafteste aller Übel, der Tod, hat für uns also keine Bedeutung mehr. Denn solange wir ja da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, werden wir nicht mehr sein.
(Aus einem Brief des Epikur an seinen Freund Menoikeus)
Volker Weidlich - Kriminalhauptkommissar und Leiter der Mordkommission der Kriminalinspektion Würzburg
Kilian Bleibtreu - Kriminaloberkommissar - Volkers rechte Hand
Daniela Hübner-Steglitz - Kriminalkommissarin - seit einem Monat von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Recht in Fürstenfeldbruck nach Würzburg versetzt
Dr. Martin Faust - Pathologe am Institut für Rechtsmedizin in Würzburg
Günter Semmerteich - Landtagsabgeordneter für Unterfranken
Gabriele Semmerteich - ehemalige Deutsche Weinkönigin und Frau des Landtagsabgeordneten
Maria Semmerteich - Tochter der beiden
Maximilian Semmerteich - jüngerer Bruder
Dr. Dieter Herzog - Rechtsanwalt
Herbert Scholz - Pädagoge am Egbert-Gymnasium in Münsterschwarzach und Leiter der Bürgerinitiative 'Rettet die Mainauen'
Marius Baum - Händler und Erzeuger von Quittenprodukten
Rupert Neumann - Staatsanwalt beim Schwurgericht Würzburg - Abteilung 2
Eberhard Schwarz - Winzer und Vorsitzender der Winzergenossenschaft Volkach
Gisela Endras - Bauunternehmerin
Rudolf Göbel - Vorsitzender der Raiffeisenkasse in Volkach
Stefan Riedel - Besitzer einer Einzelhandelskette im Raum Kitzingen
Anita Hellmann - Auszubildende in einem dieser Läden
Kevin Hellmann - ihr Bruder
Edmund Jung - Winzer in Untereisenheim
Herbert Krümmel - Obstbauer in Gaibach
Benedikt Rolfes - pensionierter Lehrer
Peter und Inge Borisiak - Rentner in Astheim
Es gibt wunderschöne Gegenden in unserem Land, gekennzeichnet durch den unendlichen Blick über das Meer, mal sanft, mal stürmisch, steil aufragende Berge, die den ambitionierten Kletterer fordern, flaches Bauernland, ideal für das Radfahren, romantische Flusstäler oder tiefverschneite Winterlandschaften. Zu diesen Highlights deutscher Urlaubsfreuden gehört auch die Mainschleife mit dem romantischen Städtchen Volkach. Gut, es gibt hier keine Achtausender, die den Extremsportler in uns wecken, dafür aber sanfte Weinberge mit teilweise erstaunlich steilen Hängen. Allein der Anblick schier unendlicher Weinlagen und blühender Obstplantagen signalisiert das milde, ja ausgesprochen sonnige Wetter. Wer die Landschaft gemütlich erleben will, nutzt den ruhigen Mainradweg, der fast ohne Steigungen die Städtchen an diesem Fluss verbindet. Die ausgesprochen sportlichen Masochisten kämpfen sich lieber jeden Weinberg hoch und lassen sich auf der anderen Seite in den Geschwindigkeitsrausch rollen. Natürlich geht es noch entspannter bei einem ruhigen Spaziergang durch die Weinanbaugebiete oder die oft noch mittelalterlich anmutenden Gemeinden. Romantische Heckenwirtschaften laden zu einer geruhsamen Rast ein. Alte Gasthöfe, oft von einheimischen Winzern betrieben, bieten traditionelle Gerichte und selbst produzierten, unverfälschten Frankenwein dem hungrigen und durstigen Touristen an. Zahlreiche Weinfeste ermöglichen das Kennenlernen und Probieren (Snobs nennen dies Degustieren - trunken werden sie trotzdem) der unterschiedlichen Weinsorten. Bei Führungen durch die Weinberge werden dem Ahnungslosen die verschiedenen Rebsorten gezeigt und erklärt. Wer eines der vielen Weingüter besucht, kann sich auch noch die Kelterung und weitere Weinherstellung erläutern lassen. Schlösser, Burgen, Ruinen, was der Nostalgiker sich wünscht, und selbst wenn es einmal regnet, gibt es immer noch interessante Museen, wie beispielsweise das Museum zur Militär- und Zeitgeschichte in Stammheim. Fast überflüssig zu erwähnen, ist die herzliche Gastfreundschaft der Eingeborenen und dass ich nur Gast in diesem bezaubernden Ländchen bin.
Kann in solch einer friedlichen und heilen Welt ein Verbrechen geschehen? Der Großteil der Unterfranken ist christlichen Glaubens und beachtet stets konsequent die Einhaltung der zehn Gebote. Dieser Teil der Bevölkerung fällt also restlos aus dem Kreis potentieller Gewalttäter heraus. Zugewanderte? Ja, damit mich niemand in einen Topf mit politisch und historisch verkalkten Außenseitern wirft, ich beziehe diesen Begriff auf Halbausländer, aus bayerischer Sicht. Dazu gehören Friesen, Westfalen, zu denen ich gehöre, Hessen, Schwaben und neuerdings auch Sachsen, Pommern und andere. Der standhafte Bajuware, und die Franken gehören gemäß bestehender Landesgrenzen auch dazu, erkennt diese Fremdlinge sofort an ihrem unmöglichen Gebrauch der deutschen Sprache und ihrer Unkenntnis landesüblicher Gebräuche. Dieser unglückseligen Truppe ist natürlich jede Schandtat zuzutrauen.
Und daher wird Kriminalhauptkommissar Volker Weidlich von der Kriminalinspektion Würzburg mit einer Reihe brutaler Morde konfrontiert, die ihn trotz jahrelanger erfolgreicher Ermittlertätigkeit dieses Mal vor fast unlösbare Aufgaben stellt. Ein Mensch, missachtet, gedemütigt, beiseitegeschoben, wartet geduldig, bis alle wichtigen Faktoren die Durchführung seines Vorhabens gestatten. Lang aufgestauter Hass führt zu einem perfiden Plan, dessen Durchsetzung einen ganzen Landstrich in lähmende Angst versetzt. Wird es Volker mit der Unterstützung seiner Mitarbeiter, Kriminaloberkommissar Kilian Bleibtreu und Kriminalkommissarin Daniela Hübner-Steglitz, gelingen, die Mordserie zu stoppen und den oder die Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen?
Deutlich unzufrieden meldet sich der Leiter der Mordkommission der Kriminalinspektion Würzburg, Kriminalhauptkommissar Volker Weidlich, im Sekretariat der Polizeipräsidentin Liliane Thormann. Seit 2009 führt erstmals eine Frau eines der sieben Polizeipräsidien in Bayern. Sie erfährt von ihren Mitarbeitern höchste Anerkennung, da sie sich jederzeit für deren Bedürfnisse und Interessen einsetzt. Gerade deshalb trägt sie im Dienst fast ausschließlich ihre Uniform. Diese verschafft ihr eine gewisse Distanz und erleichtert Aussprachen mit den Untergebenen. Und heute gilt es nicht, Streicheleinheiten zu verteilen.
Volker dagegen trägt lieber sein Räuberzivil, was ihm bei einem Kollegen den Spitznamen 'Jackie' einbrachte. Da bei Tatortbesichtigungen und anderen dienstlichen Freiluftveranstaltungen nicht immer die Sonne angeschaltet werden kann, hat er sich einen gewissen Fundus an Outdoor-Kleidung zugelegt und jener Kollege bezeichnete ihn daher als 'wandelnde Wolfskin-Reklame'.
Heute freut er sich nicht, die sympathische, blonde Polizeipräsidentin aufsuchen zu müssen, denn er hat wenig Konkretes im neuen Mordfall zu berichten. Es ist nur ein kurzer Weg von der Kriminalinspektion in der Weißenburger Straße zum Polizeipräsidium in der Frankfurter Straße und so sehr er auf dem Weg seine Gehirnzellen auch anstrengt, ihm fällt kein genialer Lösungsansatz à la Sherlock Holmes ein. Die Sekretärin meldet sein Erscheinen und er wird sofort in das Arbeitszimmer gebeten. Kurz kann Volker einen Blick aus der großen Fensterfront werfen und erkennt in nicht einmal zwei Kilometer Entfernung die Altstadt mit dem UNESCO-Weltkulturerbe, der Residenz mit dem Hofgarten. Etwas rechts davon thront auf einer Anhöhe die Festung Marienberg. Doch er ist schließlich nicht wegen der romantischen Aussicht gekommen. Frau Thormann bittet ihn Platz zu nehmen, setzt sich selbst wieder auf ihren Bürostuhl und eröffnet das Gespräch:
"Haben sie heute schon Zeitung gelesen?"
"Ja, aber es gab schon Tage, da hat die Lektüre mehr Freude gemacht."
Sie hebt demonstrativ die Main-Post hoch und seufzt:
"Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. 'Ein Monster schleicht durch Unterfrankens Wälder', oder 'Sadist richtet Winzer hin' oder 'Zeugen in Psychiatrie eingeliefert' oder 'Wozu sind Menschen fähig'. Noch ist auch die Presse angesichts dieser unvorstellbaren Brutalität geschockt, aber bald werden sie sich auf uns einschießen."
"Bedauerlicherweise wurde das Opfer von Urlaubern und Angestellten eines Restaurants gefunden. Der Tatort konnte erst abgesperrt werden, nachdem einige mit ihren Handys das Opfer abgelichtet und ihre Aufnahmen der Presse verkauft hatten."
"Herr Weidlich, dies ist der dritte Ermordete in sechs Tagen. Wenn das so weiter geht, reicht der Platz in der Rechtsmedizin nicht mehr aus. Noch gibt es keine negativen Auswirkungen, aber die Bevölkerung wird ungeduldig und wenn die Angst steigt, bleiben die Touristen weg. Unser Landkreis lebt überwiegend von den auswärtigen Besuchern und wenn das Geld ausbleibt, wird die Volksseele über uns herfallen. Hängen denn alle drei Mordfälle zusammen?"
"Es gibt deutliche Indizien, die das bestätigen."
"Und sie haben noch keinen Verdächtigen?"
"Frau Präsidentin, das Problem ist, dass wir zu viele Verdächtige haben. Zu mindestens zwei der Opfer haben zu Lebzeiten für mehr Feinde als Freunde gesorgt. Je genauer wir hinschauen, desto mehr dunkle Seiten offenbaren sich."
"Bitte, sagen sie mir, dass sie einige vielversprechende Spuren verfolgen!", ein bisschen Verzweiflung, aber auch deutliche Menge an Verdruss ist aus den Sätzen der Polizeipräsidentin zu hören, "Der Ministerpräsident hat sich schon persönlich bei mir gemeldet. Schließlich ist einer seiner Leute betroffen. Er will schnelle Ergebnisse, damit dieses Problem nicht zu lange in den Medien kreist."
"Wir haben familiäre Differenzen eruiert. Weiterhin bringt der Bau der inzwischen genehmigten Marina einige Mitbürger in finanzielle Schieflage und ein alter Eichenbaum scheint für die Anhänger eines historischen Germanenglaubens ebenfalls von besonderer Bedeutung zu sein."
"Ich bitte sie, Herr Weidlich", schmunzelt die Präsidentin jetzt, "hier bei uns im tiefsten Katholikenland Heiden?"
"Wenn sie wüssten, wer der Vorsitzende der hiesigen Ortsgemeine ist. Sie kennen ihn sehr genau. Es gibt außerdem Motive im Bereich der Homosexualität."
"Oh Gott, wo es zurzeit Mode in der Politik und Gesellschaft ist, sich als schwul zu outen, müssen sie diesen Bereich mit äußerster Diskretion behandeln. Benötigen sie zusätzliche Hilfe?"
"Nein, vielen Dank, und ich hege die Hoffnung, bald ein wesentliches Stück weiter zu sein."
"Das müssen sie mir genauer erläutern", verlangt die Polizeipräsidentin.
"Haben sie ein wenig Zeit?", fragt Volker.
Die Angesprochene nickt.
"Dann", fährt Volker fort, "werde ich ihnen alles berichten, was wir bisher erfahren und ermittelt haben."
Sonntag, 27. April 2014, 20.00 Uhr
Es ist Sonntag, der 27. April 2014, und der kleine Zeiger der Uhren im Frankenland nähert sich der VIII. An diesem warmen und wolkenfreien Frühlingsabend wandern noch viele Touristen zum Kapuzinerkloster und Marienwallfahrtsort 'Käppele', oberhalb der Altstadt von Würzburg. Sie müssen sich, für ältere und schwächere Menschen mühsam, den Kreuzweg vom Mainufer zum Nikolausberg über 247 Stufen hinauf plagen. Leider werden im Oktober dieses Jahres die Kapuzinermönche das schneeweiße Juwel des Spätbarock verlassen, doch die Diözese Würzburg übernimmt das ehrwürdige Gebäude und wird es hoffentlich weiter für die zahlreiche Besucherschar offen halten.
Doch nicht alle Mitmenschen unterziehen sich der kräfteraubenden Glaubensprüfung. Mehrere schwere Luxuskarossen werden dank der überlegenen Motorstärke locker und zügig durch die alten und engen Straßen bergauf zum Maasweg, nur durch einen schmalen Waldstreifen vom Kloster entfernt, gesteuert. Hier verstecken sich stattliche und kostbare Villen fast unsichtbar hinter geschickt getrimmten Büschen und Bäumen. Die protzigen Limousinen halten kurz vor einem schmiedeeisernen Rolltor, welches sich nach einer unmerklichen, optischen Kontrolle für sie öffnet. Nur noch wenige Meter über einen gekiesten Weg und sie parken vor einer Doppelgarage. Der Hausherr und sein erwachsener Sohn erwarten die Gäste vor dem Eingang und führen sie über einen langen Flur in ein behagliches Wohnzimmer mit großer Glasfront zum inzwischen wieder jungfräulich grünen Frühlingswald.
Der Gastgeber, Landtagsabgeordneter Günter Semmerteich, ein sportlicher, gutaussehender Mann im besten Alter, wartet, bis alle Gäste an einem runden Eichentisch Platz genommen haben. Auf dem Tisch stehen verschiedene Getränke, mit und ohne Alkohol, sowie süßes und salziges Gebäck. Nachdem sich alle mit einer Erfrischung versorgt haben, eröffnet er die Gesprächsrunde:
"Heute habe ich gute Nachrichten für euch. Das verdammte und nervende Gezeter über die Zerstörung heimatlicher, nicht ersetzbarer Landschaft ist Vergangenheit. Wir haben den Rechtsstreit bezüglich der angeblich schützenswerten Gebiete am Mainbogen zwischen Volkach und Fahr gewonnen, oder genauer gesagt, zu vielleicht 99%."
Die anderen nicken erfreut, schauen ihn aber wegen der kleinen Einschränkung fragend an.
"Also, es gibt definitiv keine Erweiterung der Naturschutzgebiete 'Mainhang an der Vogelsburg' und 'Sandgrasheiden am Elgersheimer Hof'. Weiterhin wurde auch kein Landschaftsschutzgebiet im Bereich unseres Bauvorhabens westlich Astheims beschlossen. Unsere Planung fand in allen Punkten volle Zustimmung. Einzig diese 1000-jährige Eiche muss erhalten bleiben."
Einer der Gäste, Eberhard Schwarz, Vorsitzender der Winzergenossenschaft Volkach mit eigenem Gasthaus, Hotel, Weingut, dunkelgrauer Anzug, sicher nicht von C&A, und einer Krawatte mit Weinrebenmuster, die seine Erwerbstätigkeit deutlich hervorhebt, ergreift das Wort:
"Wir wollen die beiden stillgelegten und schon mit Wasser gefüllten Sandgruben zwischen Astheim und Fahr nutzen, um die größte Marina am Main zu bauen. Bis zu 400 Booten soll Platz geboten werden. Dazu kommt ein Luxushotel, mehrere Restaurants und Bars, ein Einkaufszentrum, sowie Handwerksbetriebe, zum Beispiel eine Autowerkstatt, Tankstelle, Werft und",
er lächelt seinem weiblichen Gegenüber verschmitzt zu,
"mindestens ein Haarstylist. Im Laufe der Zeit sollen Ärzte, Fastfood-Betriebe, Banken und vieles mehr hinzukommen. Außerdem wollen wir einen Sessellift zur Vogelsburg errichten. Die Stiftung Juliusspital wird das Kloster Vogelsburg bis 2015 von Grund auf sanieren und dort ein First-Class-Tagungs- und Veranstaltungszentrum errichten. Wir würden uns wunderbar ergänzen und gegenseitig voneinander profitieren. Bis jetzt rechnen wir mit einem Budget von etwa 60 Millionen Euro. Da werden doch ein paar Cent übrigbleiben, um diesen alten Baum auszugraben und an andere Stelle wieder liebevoll hinzustellen?"
Der Rechtsanwalt Dr. Herzog aus Dettelbach schüttelt bedauernd den Kopf:
"Tut mir leid, aber das Gericht hat den ausdrücklichen Schutz des historischen Baumes betont. Ein Umpflanzen haben wir natürlich sofort vorgeschlagen, aber die Richter lehnten dies ausdrücklich ab. Die Wurzeln könnten beschädigt werden. Unsere Gegner haben sogar versucht, ihn als Naturdenkmal aufwerten zu lassen."
"Wisst ihr eigentlich", ereifert sich der Winzer, "um was für einen Baum es sich hier handelt? Das ist ein Riesenmiststück. Der hat einen Umfang, da könnten wir uns alle die Hand geben, um ihn zu umfassen. Der ragt doch fast in die Wolken und die Zweige reichen mindestens 30 Meter über das Wasser. Welcher Trottel von Bootsbesitzer will unter einem solchen Ungetüm festmachen. Bricht einer von den Riesenzweigen ab, ist sein Boot versenkt und Licht zum Sonnenbaden bekommt er auch nicht. Der scheiß Baum ist eine Plage und ein großes Risiko für unsere Marina. Sehen so deine berühmten Beziehungen aus?"
"Reg' dich bitte wieder ab", fährt der Hausherr dazwischen. "Wir haben geschmiert, wen wir konnten und andere haben wir unter Druck gesetzt. Schließlich kennen wir so manche, noch unbekannte Sünde. Wir haben das benötigte Land zu einem ausgesprochen günstigen Preis in unseren Besitz gebracht und eigentlich können wir mit dem Ergebnis doch sehr zufrieden sein. Es hätte viel schlimmer kommen können. Ein Naturschutzgebiet, und alles wäre umsonst gewesen. Alle, ich betone noch einmal, alle Bauvorhaben und auch die möglichen Erweiterungen in kommenden Jahren, sind genehmigt. Morgen könnten die Bagger bereits anrollen."
Die einzige Frau am Tisch, Gisela Endras, Besitzerin einer Bauunternehmung in Würzburg und Steinfurt, geschätzt 60 Jahre alt, aber mit kerzengerader Haltung, einem straffen, fast dürren Körper und einem herausforderndem Blick, der Härte und Durchsetzungsvermögen signalisiert, lächelt den Hausherrn spöttisch an:
"Ich habe schon gehört, wie du einen Teil der Grundstücke erworben hast. Man könnte annehmen, du hast nicht nur Freunde in diesem Land. Aber zu deinem Einwurf, meine Mitarbeiter und die notwendigen Maschinen sind jederzeit einsetzbereit. Ich habe weitere Arbeiter eingestellt und zusätzliche Baumaschinen kann man heute glücklicherweise mieten. Wenn das Architektenbüro die konkreten Pläne bereit hält, legen wir los. Aber die Arbeiter wollen bezahlt werden, das erforderliche Material gibt es nicht umsonst und Maschinen kosten Geld. Stimmen unsere Finanzen?"
Ein weiterer Gast, Rudolf Göbel, klein, beleibt mit unruhigen Händen, die stets etwas bewegen müssen, Vorsitzender der Raiffeisenkasse Volkach, nickt eifrig:
"Alle Beteiligten haben ihre zugesagten Beiträge auf unser Konto überwiesen. Wir verfügen zurzeit über ein Barvermögen von 32 Millionen Euro. Wenn die ersten Bauerfolge sichtbar sind, wird die Bank sicher mit einsteigen."
"Würde mich auch wundern, da du doch der Vorsitzende des Bankvorstandes bist. Also mach' keinen Mist. Ich habe meine neue Edeka-Filiale für dieses Vorhaben als Sicherheit anbieten müssen. Aber zurück zu dem Scheißbaum. Wenn ich mich recht erinnere, steht er auf einer Landzunge im Wasser. Er würde sich später auf einer Insel mitten im Hafenbecken befinden. Das ist doch totaler Mist."
Der große, aber rustikal wirkende Besitzer einer Einzelhandelskette in der näheren Umgebung unter dem Edeka-Verbund, Stefan Riedel, fällt in dieser Runde bereits durch seine Kleidung auf. Er trägt eine leicht verwaschene Jeans und ein kariertes Hemd mit aufgerollten Ärmeln. Jetzt hat er vor Aufregung ein knallrotes Gesicht und schlägt mit der rechten Hand laut und spürbar auf den Tisch.
"Du hast natürlich recht. Der Baum würde den Hafenbetrieb erheblich stören."
An dieser Stelle rollt ein großgewachsener und athletischer Vierzigjähriger einen Plan auf dem Tisch aus.
"Karl hat den neuen Entwurf schon mitgebracht", erklärt Günter.
Der Angesprochene deutet mit seiner kräftigen, rechten Hand auf einige, rot hervorgehobene Details. Er hat sehr kurz geschnittenes, dunkles Haar mit einem leichten Grauschimmer an den Schläfen. Aber gleichzeitig entsteht durch den Haarverlust an den berüchtigten Geheimratsecken und den stark behaarten Augenbrauen ein fast diabolischer Anblick.
"Wir haben einen zur Promenade passend gefliesten Weg zum Baum geplant und den Baum mit einer runden Treppe zum Wasser umgeben. Der Verlust an Wasserfläche hält sich in vertretbaren Grenzen. Ich denke, das Ganze wird dann den Hafenbereich etwas auflockern."
"Die Kosten?", fragt jemand aus dem Kreis.
"Das fällt bei dem ganzen Projekt kaum ins Gewicht. Wir schätzen, dass etwa 20000 € zusätzlich nötig wären. Wenn die alte Eiche krank und eine Gefahr für Mensch und Tier würde, ja, dann könnten wir einschreiten."
Der Winzer zieht seine Stirn in Falten:
"Was soll das nun wieder bedeuten?"
"Also - wir haben hier keinen schützenswerten, vom Aussterben bedrohten Frosch, kein Schmetterling muss gehegt werden und auch keine seltene Vogelart hat Vorrang, nur dieser Baum aus grauer Vorzeit genießt die Fürsorge des Gerichts. Doch das gilt nur, solang der Baum gesund ist."
Die Bauunternehmerin klatscht erfreut in die Hände:
"Da wird dann durch Zufall ein Bagger mit der Schaufel im Eifer der Bautätigkeit das Bäumchen umlegen."
"Auf keinen Fall", wehrt der Rechtsanwalt ab. "Das Gericht hat uns empfindliche Geldstrafen und eine Einstellung der gesamten Bautätigkeit bis zur endgültigen Klärung der Beschädigung des Baumes angedroht, wenn wir ihn mit Absicht verletzen. Die sind doch nicht doof und hatten ähnliche Ideen. Niemand darf uns eine noch so kleine Beteiligung an einer möglichen Erkrankung der Eiche nachweisen können."
Der Junior, Maximilian Semmerteich, lehnt sich mit verschränkten Armen zurück und grinst seinen Vater und die Gäste verschwörerisch an:
"Damit ich euch auch richtig verstehe: Wir hoffen alle, den alten Baum möge ein besonders gefräßiger Holzwurm vernichten, oder ein zufälliger Blitzschlag in Feuerholz verwandeln, damit er aus der Mitte unseres neuen Hafens verschwindet? Aber keiner von uns darf damit in Verbindung gebracht werden?"
Alle Anwesenden nicken. Nur der Einzelhändler fragt vorsichtig:
"Siehst du vielleicht eine Möglichkeit, dieses Problem geschickt zu lösen?"
Der Angesprochene wendet sich selbstsicher dem Hausherrn zu:
"Papa, ich habe da eine Idee und kenne wahrscheinlich auch den richtigen Mann dafür."
Die Runde diskutiert noch eine Weile die notwendigen Schritte zum Bau ihrer Marina und freut sich auf die zu erwartenden Geldströme. Es wird noch das eine oder andere Glas Wein aus einheimischen Keltereien getrunken und mancher hofft, auf der Rückfahrt nicht in eine Polizeikontrolle zu geraten.
Sonntag, 27. April 2014, 20.00 Uhr
Zur selben Zeit treffen sich etwa zwei Dutzend Umweltschützer im Garten eines Einfamilienhauses im Städtchen Schwarzach, bekannt durch die Benediktinerabtei Münsterschwarzach mit angeschlossenem Egbert-Gymnasium. Hier verfasst Pater Anselm Grün seine Botschaften für Frieden, Glauben und Glück. Die Stimmung der Anwesenden aber entspricht keinem der angesprochenen Leitideen für ein gottgefälliges Leben. Vielmehr könnte man Klima als traurig, verbittert oder wütend bezeichnen. Es ist eine sehr gemischte Gruppe. Frauen, Männer, Ältere, Jüngere, Lehrer, Hausfrauen, Schüler, Obstbauern, kurz, fast schon ein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung Unterfrankens. Bedingt durch die angenehme Restwärme des sonnigen Tages haben sie sich die meisten der Naturfreunde Gartenstühle mitgebracht und versammeln sich um zwei Campingtische. Der Gastgeber, Herbert Scholz, Pädagoge des erwähnten Gymnasiums, grauhaarig, kleiner Kinnbart, hellbraune Cordhose und orange-weiß-kariertes Hemd, Brille und schon auf 100 Metern als Lehrer erkennbar, verteilt Gläser und Getränke, die sinnvollerweise einheimischen Ursprungs sind. Ein Gast, Edmund Jung, Weingutbesitzer in Untereisenheim winkt ab:
"Verdammt, ich will jetzt nichts trinken. Berichte von der Verhandlung!"
Der Hausherr setzt sich hin, dreht nachdenklich sein Glas in den Händen, schaut dann die Anwesenden der Reihe nach an und schüttelt enttäuscht seinen Kopf:
"Was soll ich noch sagen. Die Gegenseite hatte wohl die besseren Anwälte, oder die Richter hielten uns für überdrehte Spinner. Jedenfalls sind all unsere Versuche, den Bau der Marina in der geplanten Version zu verhindern, gescheitert. Das Gericht sah keinen Grund, das Gebiet in seiner jetzigen Form aus Naturschutzgründen zu erhalten. Naturschutz ist zwar eine verpflichtende Aufgabe für Staat und Gesellschaft, doch sei der Landschaftsschutz durch die bestehenden Schutzgebiete 'Mainhang an der Vogelsburg' und 'Sandgrasheiden am Elgersheimer Hof' ausreichend gesichert. Weder Tier- und Pflanzenwelt, noch der Freizeitwert einer gesunden Landschaft rechtfertigen die Erweiterung dieser Gebiete. Vielmehr würde gerade der angesprochene Freizeitwert durch Bau der Marina erheblich an Bedeutung gewinnen. Nach Inkrafttreten des ausgewiesenen Bebauungsplanes sei ein gesetzlich zu schützendes Biotop nicht ersichtlich."
Wütend unterbricht ihn eine ältere Frau:
"Und das Hochwasser von 2013, sollen wir jetzt immer mit dieser Gefahr leben?"
"Es gäbe genug Ausgleichsfläche für einen steigenden Wasserspiegel entlang des Mains und bei extremen Wetterlagen würde das kleine Gebiet westlich von Fahr auch nichts mehr ausrichten."
Ein junger Bursche, Kevin Hellmann, Friseurlehrling im dritten Lehrjahr, Besitzer eines alten Holzschuppens, der auf der Landzunge steht, die den östlichen Teil der geplanten Marina vom Main abgrenzt, und ständig pleite, schimpft laut vor sich hin:
"War also alles was für'n Arsch. Die reißen alles ein und meine liebe Freizeitlaube geht den Teich runter. Keine Feten mehr am Main. Das Leben wird scheiß langweilig."
Der Hausherr grinst ihn wissend an:
"Du solltest besser deinen Schnapsvorrat und was sonst noch alles da herumliegt wegschaffen, bevor irgendjemand dumme Fragen stellt."
"Wie lange kämpfen wir schon für eine Umgehungsstraße, um Volkach zu entlasten. Jetzt kommt noch mehr Verkehr und die Gefahr für Kinder und Alte wird sicher nicht kleiner", schimpft eine Mutter.
"Und unser Obst können wir wegen der Abgase bald als Sondermüll verkaufen", wirft ein Obstbauer ein und fragt den Hausherrn:
"Können wir denn gar nichts mehr machen, keine Petition an den Landtag, Klage vor dem Europäischen Gerichtshof oder Blockade des Verkehrs mit Traktoren?"
"Im Landtag sitzt doch der Erfinder der Marina und er gehört zur Mehrheitsfraktion. Die halten doch alle zusammen wie die Kletten. Jeder kann sich auch an den Europäischen Gerichtshof wenden, doch die Eingabe wird auf Erfolg und Bedeutung überprüft. Nach dem jetzigen Stand des Verfahrens mache ich mir diesbezüglich keine Hoffnungen. Und was deine Blockade betrifft, solltest du dir über die rechtlichen und möglicherweise finanziellen Folgen Gedanken machen."
"Also sind wir chancenlos!"
"Nein, es bleibt eine kleine, aber realistische Möglichkeit. Wir müssen die Bautätigkeit genau beobachten. Wenn sie nur einen Millimeter von der ursprünglichen Planung abweichen, werden wir sofort auf Einstellung klagen."
Wenig glücklich und überhaupt nicht zufrieden diskutiert die Gruppe noch eine Zeitlang weiter, bis die ersten aufbrechen und das Treffen aufgelöst wird.
Sonntag, 27. April 2014, 20:00 Uhr
Der alte Ortskern von Obereisenheim ist auf einem Hang oberhalb des Mains errichtet. Dies hat folgende Vorteile. Erstens sind diese Häuser sehr gut gegen das jährlich wiederkehrende Hochwasser des Flusses geschützt und zweitens haben die Anwohner einen herrlichen Blick auf den Fluss und die gegenüber liegenden Weinberge. Nur neuere Bauten, den Wünschen der Touristen folgend, wurden direkt an das Ufer gestellt. Hoffentlich besitzen die Eigentümer eine wasserdichte Haustür und genügend Eimer zum Schöpfen. Eine Fähre verbindet den Ort mit der Landstraße auf der anderen Mainseite. Dort sieht man leider eine noch in Betrieb befindliche Sand- und Kiesgrube, wodurch die Romantik doch ein wenig getrübt wird. In einem der Häuser in der Zehntgasse, unweit der katholischen Kirche, treffen sich heute Abend mehrere Männer und Frauen. Wenn der Pfarrer nur eine ungefähre Vorstellung hätte, was sich dort abspielt, würde er sofort alle Exorzisten des Vatikans anfordern und die Inquisition wieder einführen.
Im Kellerbereich, wegen der Hanglage besser als Souterrain bezeichnet, gibt es ein großes Zimmer, bei dem die Fenster zur Straße mit schweren Vorhängen abgedunkelt sind. Die Besitzer und Gäste wollen sichtlich bei ihrem Treiben nicht gestört oder beobachtet werden. Sie legen viel Wert auf Anonymität und sie soll ihnen auch gewährt werden, solange sie nicht die Rechte ihrer Mitbürger verletzen. In der Mitte steht ein runder Holztisch, der aber eindeutig die Funktion eines Altars erfüllt. In die Tischplatte ist ein großes Pentagramm geschnitzt und an den fünf Spitzen brennen Bienenwachskerzen. Dies sind auch die einzigen Lichtquellen und das Treffen findet somit in einer geheimnisvollen, düsteren Atmosphäre statt. Auf dem Tisch sieht der Betrachter einen Apfel, einen frischen Eichenzweig, einen silbernen Kelch, einen Dolch aus Kupfer, eine Feuerschale und einen großen Holzhammer, der mit aufgemalten Runen bedeckt ist. In der Feuerschale brennen trockene Holzspäne und dazu gelegte Harzklumpen sorgen für einen weißen Rauch, der nach frisch geschlagenem Holz riecht. Im Raum befinden sich heute vier Männer und zwei Frauen. Die Männer tragen knielange, weiße Tuniken mit einem grünen Brustteil und gleichfarbigen Bündchen an den Ärmeln. Die Tunika wird in der Leibesmitte von einem einfachen grünen Gürtel zusammengehalten, auf dem ein Kettenmuster eingestickt ist. Auf dem grünen Brustteil befinden sich gestickte Tiermotive, Hirsch, Schlange, Wolf und Bär. Auf der Rückseite ist ein Drachenmotiv eingearbeitet. Die beiden Frauen tragen knöchellange, ebenfalls weiße Tuniken mit langen, weiten Ärmeln, die über die Hände hinaus reichen. Nur am Ausschnitt ist ein schmaler Streifen mit einem verschlungenen Muster zu sehen. Dazu tragen sie einen reichverzierten, pfeilförmigen Gürtel auf dem in der Mitte eine prächtige Rune aufgestickt ist, die Thors Hammer Mjöllnir darstellen soll. Alle Personen sind barfuß und stehen im Kreis um den Tisch herum.
Ein älterer Mann, vermutlich der Anführer der Gruppe, hebt den Becher hoch. Jetzt ist deutlich zu erkennen, dass er mit rotem Wein gefüllt ist:
"Brüder und Schwester, wir haben uns zu Ehren unseres Gottes Donar hier versammelt. Der Ostaramond (April) nähert sich dem Ende und in drei Tagen beginnt der Wonnemond (Mai). Dann feiern wir unser Fest 'Hohe Maien', welches die Vereinigung des Gottes Odin mit der Göttin Frigg huldigt. Möge die daraus erwachsende Fruchtbarkeit uns auch dieses Jahr eine reichhaltige Ernte bescheren."
Er reicht den Becher weiter. Jeder hebt ihn kurz zum Gruße hoch, trinkt einen Schluck und übergibt ihn an den Nächsten.
"Einst werden die Walküren den im Kampf gefallenen Helden beim Betreten der Walhall Wein kredenzen. Deshalb trinken wir den Wein zum ewigen Gedenken unserer furchtlosen Vorfahren."
Dann nimmt der Anführer den Apfel in die linke und das Kupfermesser in die rechte Hand, teilt ihn in sechs annähernd gleich große Stücke und überreicht sie den Glaubensbrüdern und -schwestern.
"Heute ist der Tag des Gottes Tyr, der Gott des Kampfes und Sieges. So wollen wir uns stärken mit der Frucht unseres Heimatlandes, damit wir im Kampf bestehen können. Denken wir dabei auch an Idun, die Göttin der ewigen Jugend, welche die goldenen Äpfel hütet, die unseren Göttern die Unsterblichkeit verleihen."
Nachdem alle ihr Apfelstück gegessen haben, setzen sie sich auf Holzschemel und schauen den Anführer fragend an. Der schüttelt bedauernd den Kopf:
"Die Verhandlung ist für uns nicht günstig verlaufen. Die Marina darf in der vorgesehenen Weise gebaut werden."
Eine der Frauen fragt erregt:
"Konntest du ihnen denn nicht verdeutlichen, welche außerordentliche Bedeutung dieses Gebiet für uns hat?"
"Glaube mir, ich verstehe deinen Zorn, nein deine Angst, sehr gut. Aber wir waren uns alle einig, unser größtes Geheimnis nie Unwissenden zu offenbaren. Die möglichen Folgen durch das Unverständnis und die Willkür der Andersdenkenden könnten erneut vernichtend ausfallen. Ob wir unser Heiligtum dann noch einmal retten können, bezweifle ich stark. Daher waren mir in dieser Beziehung die Hände gebunden. Aber vielleicht tröstet es euch, dass die tausendjährige Eiche nicht gefällt werden darf. Sie muss auf richterliche Anordnung erhalten und geschützt werden. Der Bebauungsplan muss dahingehend geändert werden."
"Das verstehe ich nicht", rätselt ein junger Mann. "Der Baum steht auf einer Landzunge zwischen den beiden Wasserbecken, aus denen die Marina entstehen soll. Die dürfen also die Landzunge wegreißen, um eine einheitliche Wasserfläche zu erhalten, und mittendrin thront der Baum auf einer kleinen Insel?"
Der Gastgeber trinkt einen kleinen Schluck Mineralwasser. Diese kurze Pause hilft ihm, seine Erinnerungen an die Verhandlung aufzufrischen und die geeigneten Worte zu finden:
"Nein, die Landzunge muss zu einem gewissen Teil erhalten bleiben. Das Gericht hat festgelegt, dass durch die Baumaßnahmen der Wurzelbereich nicht beschädigt werden darf und der historisch wertvolle Baum jederzeit von Interessierten aufgesucht werden kann. Wie bereits erwähnt, muss ein diesbezüglich geänderter Bebauungsplan dem Gericht vor Beginn der Bauarbeiten vorgelegt werden."
"Dann ist doch noch nicht alles verloren", murmelt ein anderer Teilnehmer. Er stutzt aber, als er das nachdenkliche Gesicht des Hausherrn betrachtet:
"Du siehst aber auch nicht ein bisschen zufrieden aus. Welche Kröte müssen wir denn noch schlucken?"
"Es gibt einen sehr bedenklichen Satz in der Urteilsbegründung, der besagt, dass der Schutz des Baumes nur solange gilt, als er keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt."
"Himmelherrgott nochmal, was bedeutet das nun schon wieder?"
Der Hausherr beobachtet nachdenklich die Gasperlen in seinem Wasserglas. Dann schaut er die Anwesenden ernst an:
"Du fluchst im Namen des falschen Gottes. Sollte der Baum erkranken oder seine Standfestigkeit verlieren, also morsch wird, darf er gefällt werden."
Ein kräftiger Obstbauer mit rot-brauner Gesichtsfarbe, welche seinen überwiegenden Aufenthalt an der frischen Luft beweist, knurrt leise:
"Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, sprühte er förmlich vor Kraft und Gesundheit. Warum soll der plötzlich krank werden?"
Viele stimmen der Bemerkung mit deutlichem Kopfnicken zu, als ein junger Mann aufspringt und entsetzt ausruft:
"Jetzt begreife ich deine Sorgen. Du befürchtest, dass die heimlich den Baum vergiften wollen? Die müssen doch nur nachts hinschleichen und Gift an die Wurzeln gießen."
