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Der Gemeinde ein neues Profil geben
Eine christliche Gemeinde sollte sein wie eine Stadt auf einem Berg - sie kann nicht verborgen bleiben, leuchtet und ist attraktiv. Damit sie es wird, braucht es eine geeignete Kultur der Wertschätzung in der Begegnung und im Umgang miteinander. Eine solche Kultur ändert die Weise, wie wir miteinander kommunizieren, fördert Dankbarkeit und prägt das Gemeindeleben von innen nach außen - vom Umgang mit Menschen bis hin zum bewussten Einsatz von Räumen und Gebäuden. Auf dieser Grundlage lässt sich auch das spezielle Profil einer Gemeinde entwickeln - einer Gemeinde von Menschen, die füreinander da sind und andere einladen, hinzuzukommen. Mit zahlreichen Beispielen aus der Gemeindepraxis regt der Autor dazu an, die Strahlkraft der eigenen Gemeinde Schritt für Schritt zu erhöhen.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2023
Neue Ideen für eine wertschätzende Gemeindearbeit
Gemeinde ist die Begegnung von Menschen, die im Glauben verbunden sind. Soll diese funktionieren, ist es unverzichtbar, dass Menschen wertschätzend miteinander umgehen. Wertschätzung äußert sich in Zuwendung, Interesse, Empathie und Rücksichtnahme. Sie kann geübt und erlernt werden.
Eine von Wertschätzung geprägte Gemeindekultur hat Strahlkraft nach außen und ist letztlich sogar attraktiver, anziehender als ausgeklügelte Missionsstrategien. Dieses Wissen sollten sich Gemeinden heute zu Nutze machen.
Harry Albrecht hat sich in verschiedenen Gemeinden in der Pfalz mit Gemeindeentwicklung intensiv auseinandergesetzt.
Er schildert in seinen Bausteinen zahlreiche Beispiele für eine solche neue Gemeindepraxis und zeigt Schritt für Schritt, wie die Attraktivität christlicher Gemeinden erhöht werden kann.
Harry Albrecht, geboren 1968, ist evangelischer Theologe und Pfarrer. Nach dem Studium der Theologie in Bonn und Münster/Westfalen promovierte er zunächst an der Universität Bonn. Nach dem Vikariat in Odernheim wurde er zum Pfarrer ordiniert und arbeitete in verschiedenen Gemeinden in der Pfalz. Seit 2015 ist er Gemeindepfarrer in Otterberg im Kreis Kaiserslautern.
Harry Albrecht
Bausteine
einer neuen
Gemeindekultur
Wie Kirche vor Ort mehr Ausstrahlung gewinnt
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Copyright © 2023 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlagmotiv: © newannyart – iStockphoto.com
ISBN 978-3-641-30210-8V001
www.gtvh.de
Inhalt
Ein Wort vorweg: Welche Rolle spielt Gemeindekultur?
1 Miteinander umgehen – Hier schlägt das Herz!
1.1 Von Mensch zu Mensch: Wertschätzung
1.1.1 Wie »geht« Wertschätzung?
1.1.2 Wertschätzung und Kritik
1.2 Sprach- und Gesprächskultur
1.2.1 Die passenden Worte zur richtigen Zeit
1.2.2 Herzlichkeit der Sprache
1.2.3 Sprache und Feindbilder
1.2.4 Vorfahrt für mein Gegenüber
1.2.5 Beachte Zuständigkeiten!
1.2.6 Gesprächsleitung und Moderation
1.2.7 Körpersprache und nonverbale Kommunikation
1.3 Kommunikation und Konversation
1.3.1 Funktionale Kommunikation
1.3.2 Absichtsfreie Konversation
1.4 Gremienkultur – Begegnung schlägt Sitzung
1.5 Motivation und Beziehungsarbeit
1.6 Gastfreundschaft und Tischkultur
1.7 Besuchsdienst versus Heimsuchung
1.8 Begrüßung Zugezogener – Menschen wahrnehmen
1.9 Sich kümmern – Aber nicht »erdrücken«!
1.10 Sonntagskultur und Feiertagspflege
1.11 Herz und Form im Gottesdienst
1.11.1 Der erste Eindruck zählt: Die Begrüßung
1.11.2 Qualität bis zum Schluss
1.12 Dankbarkeit und Transparenz
1.13 Auf Schultern stehen – Erinnerungskultur
1.14 Nach vorne schauen – Jugend gestaltet Zukunft
2 Ansprechende Lebensräume – Hier leben wir!
2.1 Alles in guter und schöner Ordnung
2.2 In die Augen, in den Sinn
2.3 Gebäude tragen Botschaften
2.3.1 Die Kirche
2.3.2 Das Gemeindehaus
2.3.3 Das Pfarrhaus
2.3.4 Das Pfarr- oder Gemeindebüro
2.3.5 Die Kindertagesstätte
2.4 Kleider spiegeln Leute
3 »Gestatten?« – So präsentieren wir uns
3.1 Öffentlichkeitsarbeit – Unsere »Visitenkarten«
3.1.1 Der Schaukasten
3.1.2 Der Gemeinde- oder Pfarrbrief
3.1.3 Digitale Präsenz
3.1.4 Lokale Zeitungen
3.2 Kulturelle Vernetzung – Gemeinsam etwas bewegen
3.3 Mission »erfüllt«: Gut reden von sich und seiner Gemeinde
4 Von der Gemeindekultur zum Gemeindeprofil
4.1 Die Voraussetzungen eines eigenen Gemeindeprofils
4.1.1 Welche personellen Möglichkeiten haben wir?
4.1.2 Über welche materiellen Ressourcen verfügen wir?
4.1.3 Welche geistigen und geistlichen Voraussetzungen bringen wir mit?
4.1.4 Sind wir eine Stadt- oder eine Landgemeinde?
4.1.5 Welche Milieus sind in unserer Gemeinde vertreten?
4.1.6 Welche Erwartungen werden an uns gerichtet?
4.1.7 Welche Verantwortung tragen wir?
4.1.8 Welches Profil haben unsere Nachbargemeinden?
4.2 Unser eigenes Profil und die vielen möglichen Profile
4.2.1 Ökumenisches Profil: Die Welt im Blick haben
4.2.2 Diakonisches Profil: Den Menschen dienen
4.2.3 Missionarisches Profil: Dialogisch leben
4.2.4 Pazifistisches Profil: Für gerechten Frieden arbeiten
4.2.5 Ökologisches Profil: Die Schöpfung bewahren
Ein Wort zum Schluss: Ist das überhaupt machbar?
Literatur
Anmerkungen
Ein Wort vorweg: Welche Rolle spielt Gemeindekultur?
Gemeinde ist Begegnung von Menschen, die im Glauben verbunden sind. Damit Begegnung gelingt, muss es in der Gemeinde eine geeignete Kultur geben. Mit »Kultur« meine ich die Art und Weise, wie die Gemeinde lebt, im weiteren Sinn: das Leben der Gemeinde aus dem Glauben heraus.1 Sie ist kein Teilbereich, sondern durchdringt alle Bereiche des Gemeindelebens, vom menschlichen Miteinander bis hin zur Gestaltung der Gebäude.
In der Kultur, die in einer Gemeinde gelebt wird, spiegeln sich die Werte, die in der Gemeinde von Bedeutung sind. Die in einer Gemeinde gelebte Kultur ist auch ausschlaggebend dafür, ob die christliche Gemeinde nach außen hin glaubwürdig und anziehend erscheint. Nicht zuletzt wird die praktizierte Kultur eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob die Gemeinde auf Dauer Bestand haben wird.
Gemeindekultur ist kein abgeschlossener Status, sondern ein gelebter Prozess. Ihr Gestaltungsprinzip ist der Glaube, der im konstruktiven Dialog mit der modernen Welt steht. Sie ist eine stete Aufgabe, wird eingeübt und weiterentwickelt, und zwar in allen Lebensäußerungen der Gemeinde, in allen Formen der Begegnung, angefangen von den Kleinsten bis hin zu den Ältesten ihrer Mitglieder. Denn sie sind die Träger der Gemeindekultur.
Bei der christlichen Gemeindekultur geht es um Qualität, nicht Quantität. Nicht die Anzahl von Gemeindeveranstaltungen ist entscheidend, sondern deren menschliche »Güte«, z. B. ihre diakonisch-caritative Zielsetzung. Nicht die Menge der Besuche, die die Gemeinde bei ihren Mitgliedern ausrichtet, sondern die sich darin ausdrückende Wertschätzung, also der qualitative Aspekt der Begegnung zählt. Nicht die Zahl der Gespräche, die man führt, ist ausschlaggebend, sondern ihre kommunikative, z. B. empathische Qualität.
Qualität in der Gemeindekultur zeichnet sich durch Verwurzelung, Entwicklungsoffenheit und Glaubwürdigkeit aus, spiegelt sich aber auch im Sinn für das ästhetisch Angemessene. In jedem einzelnen Teilbereich des Gemeindelebens lässt sich die Qualität der Kultur messen. Sie schlägt sich in Kommunikation und Gemeinschaftsformen nieder, in der Einstellung zum Leben und nicht zuletzt im Zustand von Räumen und Häusern der Begegnung.
Ich bin davon überzeugt, dass eine wertschätzende Gemeindekultur die Gemeinde attraktiver macht, für die Gemeindemitglieder selbst und für (noch) Außenstehende. Die viel diskutierten Strukturreformen werden die Kirche nicht retten, wenn die Gemeindekultur nicht stimmt. Zeichnet sich Gemeinde durch eine gute Gemeindekultur aus, wird sie damit wie »die Stadt, die auf einem Berg liegt«, leuchten (vgl. Matthäus 5,14), das heißt, sie gewinnt damit ihre Ausstrahlung. Dazu muss die Gemeinde freiheitsliebend sein. Sie beansprucht für sich Freiheit von Fremdbestimmung und fördert im Innern die Mündigkeit ihrer Mitglieder und respektiert deren Gewissensfreiheit. Dieser Gemeindekultur liegt das Bild von einem menschenfreundlichen Gott zugrunde, der Menschen dazu befähigt, in Verantwortung füreinander da zu sein. Auf der Grundlage einer guten Gemeindekultur lässt sich wiederum ein attraktives Gemeindeprofil entwickeln. Dabei gehe ich von der räumlich umgrenzten Gemeinde vor Ort aus, die regional durchlässig ist und mit übergemeindlichen Diensten zusammenarbeitet.2
Die »Biblischen Reminiszenzen« sind als Denkanstöße und Prüfsteine zu verstehen: Was ist unser Auftrag und wie können wir ihn richtig erfüllen? Harry Albrecht
1 Miteinander umgehen – Hier schlägt das Herz!
1.1 Von Mensch zu Mensch: Wertschätzung
Biblische Reminiszenz:
»Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.«
Brief des Paulus an die Christen in Rom 12,17–183
Soll Gemeinde als gelingende Begegnung von Menschen funktionieren, ist es unverzichtbar, dass Menschen wertschätzend miteinander umgehen. Wertschätzung ist die grundlegende Sozialkompetenz, auf der viele andere Regeln des Miteinanders aufbauen. Sie kann sich nur in Freiheit entfalten, wenn sie authentisch sein will. Es gehört zur Kultur glaubwürdiger christlicher Gemeinschaft, nicht nur den Mitgliedern und Mitarbeitenden der eigenen Gemeinde, sondern auch Partnern, Gästen, Neuankömmlingen, Durchreisenden und Fremden, selbstverständlich auch Kritikern mit menschlicher Achtung zu begegnen. Denn das ist mit Wertschätzung gemeint: Ich gestehe meinem Gegenüber den gleichen Wert wie mir zu.
Wertschätzung ist die sich in allen Lebensbereichen der Gemeinde äußernde Grundhaltung der Christen.
Wertschätzung äußert sich bereits darin, dass ich Menschen überhaupt wahrnehme. Gleichgültigkeit und Ignoranz passen daher nicht zur Kultur der Gemeinde. Wertschätzung äußert sich in Zuwendung, Interesse, Empathie und Rücksichtnahme. Sie kann geübt und erlernt werden. Man kann sie eine Herzensangelegenheit nennen, aber sie ist mehr als nur eine Emotion. Sie ist eine Verhaltensweise, die sogar gegenüber Menschen zur Geltung kommt, die mir wenig liegen. Die Wertschätzung, die ich Menschen gegenüber zum Ausdruck bringe, spiegelt sich auch in meinem äußeren Erscheinungsbild, in Sprache und Stil.
Daraus folgt im Umkehrschluss, dass die Methoden des Zynismus und der Häme, der Entwürdigung und der persönlichen Anprangerung, die in der Gesellschaft verbreitete Mittel sind, um Aufmerksamkeit zu erregen und Ausgrenzung zu erzeugen, nicht zur Kultur der Gemeinde gehören.
Wertschätzung führt dazu, dass Menschen sich angenommen fühlen. Eine solche Gemeinde macht auf sich aufmerksam, ohne einem Effektivitätsdenken verfallen oder auf missionarische Erfolgsmodelle schielen zu müssen. Die von Wertschätzung geprägte Gemeindekultur hat bereits Strahlkraft nach außen und ist letztlich sogar attraktiver, anziehender als ausgeklügelte Missionsstrategien, die Wertschätzung letztlich vermissen lassen, wenn sie Erfolg in Zahlen messen. Das bedeutet nicht, dass eine Gemeinde sich nicht strategisch klug überlegen sollte, wie sie auf andere zugeht und sie einlädt. Die Gemeinde ruht nicht in sich, ist nicht selbstzufrieden. Sie trägt durch ihre vielfältige Vernetzung ihre Kultur und ihre Botschaft nach draußen und macht auch so auf sich aufmerksam. Aber sie wird zwangsläufig scheitern, wenn die Zielgruppe ihrer Einladung sich nicht für voll genommen, nicht wertgeschätzt fühlt.
1.1.1 Wie »geht« Wertschätzung?
»Heute kennt man von allem den Preis, aber von nichts den Wert.« Dieses Bonmot, das sich so ähnlich schon bei Oscar Wilde findet,4 sollte in der christlichen Gemeinde nicht gelten. Schauen wir uns daher an, wie Wertschätzung konkret »geht«. Man kann sie anhand von Adjektiven und Verben, die unsere Eigenschaften und unser Handeln beschreiben, näher bestimmen. Wer Wertschätzung übt, ist: aufmerksam, zuvorkommend, entgegenkommend, wohlwollend, freundlich, höflich, das Gute wollend. Sein Handeln wird bestimmt von folgenden Verhaltensweisen: zuhören, sich Zeit nehmen, gelten lassen, ernst nehmen, helfen, auch würdigen, anerkennen, loben, entlohnen.
Wertschätzung als Haltung fliegt einem nicht zu. Sie setzt einiges voraus, dem man sich bewusst annähern kann: Erfahrung, Bildung, ein weiter Horizont, Weitsicht, Aufgeklärtheit, Selbsthinterfragung, also: keine Engstirnigkeit, kein unreflektierter Missionseifer, kein (Gemeinde-)Egoismus, keine Überheblichkeit.
Folgende weitergehende Fähigkeiten spiegeln sich in Wertschätzung:
Selbst im Geringen dessen Wert erkennen, d. h. in einfachen und schlichten Leistungen, in kleinen Beiträgen den Wert sehen. Darin spiegelt sich die christliche Einsicht, dass auch das geringste Werk, das in guter Absicht oder aus »gläubigem Herzen« erfolgt, Gott gefällt, »wenn es auch so gering wäre als einen Strohhalm aufheben«. (Martin Luther)5Den Wert auch des Geringen hörbar und sichtbar würdigen.Empathisch die Befindlichkeit und das Anliegen des anderen zu erspüren suchen und angemessen darauf reagieren.Das Gute fördern und das Gutgemeinte entwickeln.Sich an jemanden erinnern und ihn als Person nicht vergessen. »Ich erinnere mich an Sie!« Das ist eine nicht zu unterschätzende Würdigung. Wenn Wertschätzung nicht nur ein Wort ist, dann vergesse ich den Namen meines Gegenübers nicht schon innerhalb kurzer Zeit. Menschen haben ein Gespür dafür, wenn das Interesse nur vorgegaukelt ist. In der Erinnerung des Namens spiegelt sich die Tatsache, dass mir der andere etwas bedeutet, denn der Name ist etwas sehr Persönliches.Wertschätzung bedeutet auch: Allen Mitgliedern und Mitarbeitenden der Gemeinde, den Vorgesetzten, den wohlwollend Begleitenden und Förderern, den Vertrauten und Fremden, ja, ihnen einfach als Menschen auf Augenhöhe einen Vertrauensvorschuss schenken. Nimmt man Menschen wahr, schätzt man sie und überrascht man sie mit einer Aufmerksamkeit, mit der sie nicht gerechnet hatten, wird dies tiefreichende Folgen haben. Sie fühlen sich wie in einem guten Zuhause, schätzen die Nähe und sind froh, dazuzugehören.
Wertschätzung gilt nicht nur nach »innen«, also innerhalb der Gemeinde. Auch Kooperationspartner und Fremde, die Leistungen für die Gemeinde erbringen, möchten Wertschätzung erfahren. Es macht einen schlechten Eindruck, wenn die Feuerwehr, die bei der Überschwemmung den Keller des Gemeindehauses leergepumpt hat, kein Dankeswort erhält; oder wenn der Handwerksbetrieb, der für die Gemeinde gearbeitet, oder der Caterer, der den Kindergarten mit Essen beliefert hat, sein Geld nicht rechtzeitig bekommt. Wertschätzung zeigt sich auch in Zuverlässigkeit. Außenstehende sollten die Erfahrung machen können, dass sie in der Gemeinde ein zuverlässiges Gegenüber haben, das sich durch Fairness, Offenheit und selbst so scheinbar banale Dinge wie gute Zahlungsmoral auszeichnet.
1.1.2 Wertschätzung und Kritik
Wertschätzen heißt nicht: am anderen alles gut finden! Die in christlichen Kreisen beliebte Formel »Gott nimmt mich so an, wie ich bin« darf nicht heißen, dass ich es nicht nötig habe, an mir zu arbeiten und mich zu entwickeln. Denn aus der Erfahrung, dass Gott mich wertschätzt, noch bevor ich etwas getan habe, folgt ja gerade das dankbare Leben, das darauf abzielt, ein Gott wohlgefälliger Mensch zu sein. Sich individuell als Mensch und gemeinschaftlich als Gemeinde (weiter) zu entwickeln, ist also Teil christlichen Selbstverständnisses. Es darf daher konstruktive Kritik geäußert werden! Und zwar in alle Richtungen. Denn: Niemand braucht vor Kritik Angst zu haben, wenn der Grundtenor die Wertschätzung des anderen bleibt. Wertschätzung ermöglicht Konfliktfähigkeit!
Setzt man an die Stelle von »Kritik« das Wort »Feedback«, dann zeigt sich, dass es sich keineswegs um etwas Schlechtes, Destruktives handelt. Im Gegenteil: Ein konstruktives Feedback bringt jeden weiter. Feedback geht in drei Richtungen: a) Ich gebe anderen ein Feedback, b) andere geben mir ein Feedback, c) ich gebe mir selbst oder wir geben uns ein Feedback (Selbstkritik).
Feedbacktechniken kann man lernen.6 Sie erleichtern eine wertschätzende Rückmeldung. Dabei ist es hilfreich zu beachten, dass jeder Mensch anders ist. Der eine reagiert schnell beleidigt, der andere ist gelassener, der Dritte ist offen und lernbegierig, der Nächste stets von sich selbst überzeugt. Allen angemessen zu begegnen, erfordert neben praktischen Fertigkeiten auch Erfahrung. Wenn aber der andere merkt, dass gute, qualifizierte Rückmeldungen nicht nur ihn selbst, sondern auch die Gemeinde weiterbringen, dann wird die wertschätzende Feedbackkultur ein wertvoller Baustein in der Gemeindearbeit sein.
Zu einer guten Feedbackkultur gehört es, mögliche Konfliktthemen frühzeitig offen anzusprechen, damit der unterschwellige Groll die Zusammenarbeit nicht stört und irgendwann umso heftiger zum Ausbruch kommt. Eine unserer Kirchenmusikerinnen, die Orgel spielte, hegte lange Zeit stillschweigend Groll, weil wir sie vor allem für Gottesdienste am Samstagabend einteilten. Wir dachten, wir täten ihr mit dieser festen, planbaren Struktur etwas Gutes. Tatsächlich aber kam es bei ihr so an, dass sich ihre Kollegin, die vor allem sonntags spielte, »die Rosinen herauspickte«. Nachdem wir dazu übergegangen waren, den Dienstplan gemeinsam mit allen Beteiligten im direkten Gespräch zu erstellen, konnten wir den Konflikt entschärfen.
Damit Feedbackkultur funktioniert, müssen alle lernbereit und auch fähig zur Selbstkritik sein. Kritik darf nie ätzend, vorwurfsvoll oder auflistend (»Sündenkatalog«) sein. Es ist ratsam, sie begründend und lösungsorientiert vorzutragen und stets die Betroffenen auf den Weg zu einer besseren Lösung mitzunehmen. In der Regel ist sie mit dem Hervorheben des Positiven gekoppelt, damit klar ist: Hier geht es nicht um Herumstänkern. Und: Trifft man im Blick auf ein einmal erkanntes Problem eine Vereinbarung für die Zukunft, dann ist es schon fast aus der Welt.
Im Blick auf manche Personengruppen bedarf es eines gewissen Einfühlungsvermögens, denn durch zu harsche Kritik kann ich sie leicht verletzen. Werden wir konkret: Es ist keine Geringschätzung des Alters, wenn ich auch ältere und altgediente Mitarbeitende und ihre Vorstellungen hinterfrage. In vielen Gremien dominiert die ältere Generation. Das kann z. B. bereits schwierig sein, wenn ich so etwas Gewöhnliches wie ein Renovierungsprojekt plane. Hier vornehmlich auf das Urteil der Älteren zu bauen, könnte zu einem unzeitgemäßen Ergebnis führen. Raumgestaltung und Wohnkultur sind dem Wandel unterworfen, das gilt für Arbeits- wie für Wohnräume, Andachtsräume, Tagungsräume und Kindergärten, z. B. auch für ein Pfarrhaus, in dem eine Familie von heute leben soll. Bestimmte Tapeten, Deckenverkleidungen und Fliesen sind nun einmal von gestern, und die dunklen Schatten auf der alten Raufaser einfach zu übertünchen, ist vielleicht ein Zeichen von Sparsamkeit in schlechten Zeiten – was auch eine Tugend sein kann –, aber nicht von Feinfühligkeit. Hier darf man ruhig deutlich werden. Meiner Erfahrung nach hilft es, eine externe Fachkraft auf das Projekt schauen zu lassen oder einen übergemeindlichen Arbeitsstab zu bilden. Denn Anregungen von außen helfen, die Diskussion anzuregen, ausgetretene Pfade zu erneuern und die Gemeinde in frischer Lebendigkeit erstrahlen zu lassen. Damit tritt man das Überlieferte nicht mit Füßen, das zu seiner Zeit gute Dienste geleistet hat. Sondern man bahnt der Gemeinde attraktive Wege. Ältere Menschen sollten, genau wie die Jungen, Kritik aushalten können und in der Lage sein, ihre Vorstellungen zu hinterfragen. Wer das verstanden hat, der wird umso lieber mitarbeiten und gerade dadurch im Geiste jung bleiben, dass er immer wieder Neues entdeckt.
Dann das Thema neue Techniken: Neue digitale Techniken führen oft zu Verunsicherung, denn sie sind vielen noch unbekannt. Als ich – pandemiebedingt – zur ersten Videokonferenz des Presbyteriums einlud, hatte ich den Widerstand einiger Mitglieder, die mit dieser Technik noch nicht vertraut waren, unterschätzt. Neue Techniken sind aber im digitalen Zeitalter kaum verzichtbar. Als die mechanische Schreibmaschine erfunden wurde, gab es auch Gegner, die befürchteten, dass die Menschheit das Schreiben mit der Hand verlerne. Auch wenig technikaffine Mitarbeitende können lernen, dass ihre Sicht der Dinge nur eine von mehreren und möglicherweise überholt ist. Es empfiehlt sich, sie mit Geduld mit auf den Weg nehmen. Dabei ist es wichtig, sie von den Vorteilen der neuen Technik zu überzeugen, ohne dass die berechtigten Bedenken ausgeblendet werden. Nach ausführlicher Diskussion war die Videokonferenz irgendwann dann eine weitgehend akzeptierte Option, wenn die Umstände für sie sprechen.
Kritik- oder Feedbackgespräche sind also Chancen und können Gestaltungskraft entfalten. Sie dienen demnach nicht einfach der Aufarbeitung von Fehlern, schon gar nicht der Beschuldigung, sondern eröffnen die Perspektive, Ideen kraftvoll weiterzuentwickeln, und sind gerade dann hilfreich, wenn Neues ausprobiert wird, was vielleicht Verunsicherungen auslöst.
1.2 Sprach- und Gesprächskultur
Biblische Reminiszenz:
»Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.«
Brief an die Christen in Ephesus 4,29
Keine Gemeinde kann ohne Gespräche und Dialoge auskommen. Man redet miteinander. Mit Sprache richtig umzugehen, erleichtert das Leben in der Gemeinde. Denn darin spiegelt sich meine Dialogfähigkeit. Wörter und Worte haben Folgen, erwünschte und unerwünschte. Welche Folgen das sind, hängt ganz davon ab, welche Worte und Wörter ich wähle und auf welche Weise, auch mit nonverbalen Begleitgesten, ich sie an mein Gegenüber sende.
1.2.1 Die passenden Worte zur richtigen Zeit
Der Glaube darf durchaus eine eigene Sprache haben.7 Da er es mit einer Wirklichkeit zu tun hat, die in ihrem Kern nicht auf einer wissenschaftlichen Ebene liegt, greift die Sprache des Glaubens schon immer auf Bilder, Symbole und Gleichnisse im weiteren Sinne (Metaphern, Parabeln, Beispielerzählungen) oder auch auf Mythen (Mythos verstanden als religiöse Urerzählung, nicht als »Märchen«) zurück.
Gute Sprache braucht Zeit. Man sollte sie sich nehmen, wenn man Sachverhalte erklären möchte. Ein Gespräch über christliche Inhalte, für heutige Menschen verständlich vermittelt, darf nicht zu plump sein. Die Kunst besteht darin, Inhalte des Glaubens für Menschen von heute so mitzuteilen, dass sie in ihrem Leben »ankommen«. Diese Kunst kann man, wie jede Kunst, üben. Man erzähle zur Übung einmal christliche Glaubensinhalte in der Sprache von heute nach und erkläre einem realen oder fiktiven Gesprächspartner ihren Sinn oder beantworte mögliche Verständnisfragen, am besten in einem Frage-Antwort-Spiel, ohne dabei »Fremdwörter« wie »Gnade«, »Himmel« oder »Auferstehung« zu benutzen.
Sprache unterliegt einem Wandel und ebenso die sprachlichen Umgangsformen. Wörter, die früher tabu waren, sind heute in die Alltagssprache eingeflossen und akzeptiert. Andere Wörter sind angestaubt und dürfen ersetzt werden. Man darf sich gut überlegen, in welchem Kontext man traditionelle kirchliche Begriffe wie »Sünde«, »Nachfolge Jesu« oder »Erlösung« verwendet bzw. sinnvoll verwenden kann. Geprägte Sprache des Glaubens hat durchaus ihren Wert, ist oftmals poetisch und für Menschen, die in dieser Sprache zu Hause sind, reichhaltig. Man denke z. B. an Psalm 23 (»Der Herr ist mein Hirte«) oder an die zahlreichen aus der Bibel stammenden Redewendungen. Andererseits sollte Sprache erschließend sein. Begriffe, die für heutige Menschen unverständlich oder mehrdeutig sind, verschließen eher den Zugang zur Botschaft der Gemeinde. Nicht viel weiter führt es, wenn man auf Trendbegriffe wie »spirituell«, »seelsorglich« oder »Ganzheitlichkeit« ausweicht, denn sie sind für Außenstehende genauso »spanische Dörfer«. Wenig leisten auch journalistische Kurzbegriffe wie »EKD-Chef«, »Fusionitis« oder »Abendmahl to go«, denn sie erfassen nicht wirklich die Tiefe dessen, was im Hintergrund steht, können und möchten den komplexen Zusammenhang oft gar nicht erhellen und haben mitunter eine abschätzige Stoßrichtung. Sich Zeit nehmen, sich die Mühe machen, sachlich zu umschreiben und zu erklären, was man meint, entspricht wertschätzender Sprachkultur. Es kann Freude bereiten, an Sprache zu feilen und zu erleben, dass mein Gegenüber versteht, was gemeint ist.
Bestimmte Gruppierungen bedienen sich bei ihren Missionsversuchen oft eher plumper Gesprächsansätze: »Wer ist für Sie Jesus?« – »Wenn du über Gott reden möchtest, bin ich immer für dich da.« – »Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was nach dem Tod mit Ihnen passiert?« Sie versuchen damit, Menschen in ein »geistliches Gespräch« zu verwickeln.8 Aber solche überfallartigen Annäherungsversuche dürften in der Regel dazu führen, dass der Angesprochene in Zukunft einen großen Bogen um mich macht. Wenn ich mich hingegen nicht als allwissend präsentiere und den anderen nicht als defizitär voraussetze, vielmehr bereit bin, mich selbst zu hinterfragen, habe ich mehr Chancen, in Fragen des Glaubens ernst genommen zu werden. Zur Wertschätzung gehört, dass mein Gegenüber die Fragen und die Themen bestimmen darf, weniger ich. Denn ich brauche ihm keine Fragen zu beantworten, die er gar nicht gestellt hat, oder Probleme einzureden, die er nicht hat. Besser ist es, von sich selbst zu erzählen, was einem wichtig ist, wo man am Sonntag hingeht, welche Überzeugungen man vertritt, ohne den anderen zu bedrängen. Dafür den richtigen Zeitpunkt zu erspüren, ist genauso wichtig wie der Inhalt meiner Worte.
Natürlich ist nicht jedes Gespräch in der Gemeinde ein Glaubensgespräch. Die Mehrzahl der Gespräche geht um ganz alltägliche Dinge. Rollenspiele unter Anleitung und mit Feedback-Auswertung können helfen, die Fähigkeit, die geeigneten Worte zu finden, zu entwickeln. Es können Dienstgespräche, Konfliktgespräche, sogar Trostgespräche nachgestellt werden; ebenso Gespräche mit Eltern, Kindern oder Bewerber*innen. Das Finden der richtigen Worte hängt von meinem Gegenüber und der Situation ab. Sich auf die Sprachwelt des anderen einzulassen, damit er versteht, was gemeint ist, und seine Aufnahmebereitschaft zu erspüren, ist Voraussetzung für ein erfolgreiches Gespräch. Es kann auch mal sinnvoll sein zu schweigen, z. B. um Betroffenheit zu signalisieren. Schweigen hingegen als Bestrafung oder als Retourkutsche einzusetzen, kann Kommunikation dauerhaft belasten.
Einige Grundregeln gelten im sprachlichen Austausch immer: Höflichkeit ist nie veraltet! Sie spiegelt sich besonders in der Sprache. Auf eine Äußerung des Gesprächspartners mit Ausdrücken wie »Quatsch« oder »Blödsinn« zu reagieren, wird heute zwar oft toleriert, ist aber nicht gerade ein Zeichen von Dialogfähigkeit, geschweige denn von Wertschätzung meines Gegenübers. Kraftausdrücke und Flüche sind ein Zeichen dafür, dass man sich nicht im Griff hat.
Heißt das nun, dass Emotionen nicht gezeigt werden dürfen? Dass man mit seinen wahren Gefühlen hinter dem Berg halten muss? Oder gar, dass ich nicht authentisch bin? Nein, nichts von alledem, sondern es heißt, mit seinen Gefühlen gut und verantwortungsvoll umgehen zu können. Ein Beispiel aus einem anderen Bereich hilft vielleicht zum Verständnis: Wenn mich beim Autofahren ein anderer Verkehrsteilnehmer zum Zorn reizt, weil er sich verkehrswidrig und provokant verhält, dann wäre es völlig verkehrt, meine wahren Gefühle zu zeigen oder sie sogar in meinen Fahrstil umzusetzen. Das wäre ein kontraproduktives, schädliches und unprofessionelles Verhalten. Es könnte zur Katastrophe führen! Es hat also nichts damit zu tun, dass ich keine Gefühle zeigen wollte, wenn ich darauf bedacht bin, an der richtigen Stelle mit meinen Gefühlen kontrolliert umzugehen. In der Folge aber werde ich mit klugem Verstand die richtigen Konsequenzen aus dem Erlebten ziehen.
Man darf sich in der Organisation der Gemeindearbeit durchaus der Begrifflichkeit aus der Wissenschaft, z. B. der Soziologie, Technik und Wirtschaft bedienen, wenn es um kirchliche Fragen geht. So ist es durchaus legitim, von »Qualität« hinsichtlich der Gemeindearbeit zu sprechen. Auch die Begriffe von »Angebot« und »Nachfrage«, von »Leitbild« und »Management« können helfen, Gemeindearbeit zu optimieren. Das muss keine unsachgemäße Überstülpung sein, vielmehr kann es sogar helfen, das Spezifische der christlichen Gemeinde zu profilieren. Es sollte nur darauf geachtet werden, dass wir damit nicht gleichzeitig eine Denkweise und Ethik übernehmen, die sich dem christlichen Glauben sperrt. Wenn z. B. in Modellen der Wirtschaft von »Kunden« oder von »Produkten« die Rede ist, dann dürfen wir beim Transfer in die Gemeindesprache den Unterschied zwischen den Zielen der Wirtschaft und dem Auftrag der Gemeinde nicht vergessen. Quantifizierendes Denken stößt in seiner Aussagekraft da an Grenzen, wo es um zwischenmenschliche Qualität und ein Anrühren der Herzen gehen soll.9
Eine gute Sprach- und Gesprächskultur in der Gemeinde ist davon bestimmt, dass die wertschätzende Aufmerksamkeit ganz dem Gesprächspartner gilt. Ihn respektieren und gelten lassen sind Grundregeln. Ihn mit rhetorischen Tricks, die man in einschlägigen Handbüchern lernen kann, an die Wand zu stellen oder zu überrumpeln, ist tabu.
Da Medienkritik, Medienkompetenz und Medienerziehung in unserer medial geprägten Gesellschaft leider immer noch viel zu klein geschrieben bzw. auf den technischen Aspekt verkürzt werden, ist es für eine Gemeinde wichtig, kritisch mit der uns alle dominierenden Sprachkultur umzugehen, zumal Sprache auch das Denken prägt!
1.2.2 Herzlichkeit der Sprache
Herzlichkeit umfasst Authentizität, Verständnis, Einfühlsamkeit, Behutsamkeit, Anerkennung und Hilfsbereitschaft.
Es gibt in der kunden- und gewinnorientierten Marktwirtschaft eine routinierte und standardisierte Freundlichkeit, die in Seminaren eingeübt wird. Sie mag an ihrer Stelle ihre Berechtigung haben. Sie ist meist leicht durchschaubar und hebt sich allerdings von echter Herzlichkeit ab, mit der sie nichts zu tun hat.
Gemeindemitglieder und Gäste sollten hingegen nicht wie Kunden, denen ein Produkt verkauft wird, behandelt werden. Gemeinde ist tatsächlich eine Herzensangelegenheit.
