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Berlin im Winter 1961. Die Mauer steht - Die Grenze ist geschlossen. Oberst Josef Bechthold vom Ministerium für Staatssicherheit vermutet bei der Bearbeitung von Ausreiseanträgen auf eine fürchterliche Intrige gestoßen zu sein. Er findet zwar Indizien - aber keine Beweise. Erst als er - selber Opfer der Nazi-Diktatur - zu Methoden greift, die einst die Faschisten anwandten, kommt Licht in das Dickicht aus Verrat, Betrug und geheimdienstlichen Machtspielen. Aber er hat mächtige Gegner - und ihm läuft die Zeit davon....
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Impressum
Torsten Cornelius, »Bechtholds Vermutung«
www.edition-winterwork.de
© 2013 edition winterwork
Alle Rechte vorbehalten.
Satz: Torsten Cornelius
Umschlag: edition winterwork
Bechtholds Vermutung
Für
Alexandra
Der Hammer des Auktionators hatte gerade den grünen Filz des Tischplattenschoners getroffen und das letzte Gebot für das Gemälde lag bei 3,35 Millionen US-$. Ein zufrieden grinsender Asiat im dunkelblauen Maßanzug erhob sich von seinem Platze und ging mit der stolz geschwellten Brust eines siegreichen Samuraikriegers auf den Schreibtisch am Ende des Saales zu. Er legte einen Scheck vor, der der aufgerufenen Summe zuzüglich diverser Versteigerungsgebühren entsprach und lächelte mit zusammengekniffenen Augen in die Menge. Die nächsten Jahre würde dieses Gemälde von Watteau im Büro eines japanischen Managers seine Besucher beeindrucken. Im Nebenzimmer stand ein hoch gewachsener hagerer Herr mit grauen, mittellangen nach hinten gekämmten Haaren und beobachtete, nicht ohne innere Zufriedenheit, den Verlauf der Auktion, als ihm ein gut gekleideter Herr von hinten auf die Schulter tippte.
“Wir können wirklich zufrieden sein, Mr. Bechthold” sagte der Mitarbeiter des Auktionshauses “ihre Gemälde haben einen wirklich guten Preis erzielt.” Herr Bechthold hielt ein wenig inne, sah ihm milde lächelnd in die Augen und nickte zustimmend:
“Da mögen Sie Recht haben. Ich bin sehr zufrieden mit ihrem Hause. Es war eine gute Entscheidung, sich an Sie gewandt zu haben. Der Mitarbeiter konnte einen gewissen Stolz, ob dieser Schmeichelei nicht verhehlen und wies Herrn Bechthold mit einer Handbewegung auf die Sitzgruppe im Raum hin. Es war eine englische Sofa-Garnitur aus mittelbraunem Leder. Herr Bechthold setzte sich, obwohl ihm das Rückgrat schmerzte und das Laufen ein wenig Probleme bereitete.
“Wir sind nun bei einer Gesamtsumme von 6,46 Millionen US-$. Wie wünschen Sie die Auszahlung?” - Herr Bechthold räusperte sich und sagte
“Ich hätte gerne 200.000 Dollar in bar und den Rest bitte auf dieses Konto” und übergab dem Herrn des Auktionshauses eine kleine Karte eines Schweizer Bankinstitutes. Der Mitarbeiter nickte
“Wenn Sie uns eine halbe Stunde Zeit geben möchten, so können Sie den Barbetrag direkt mitnehmen” -
“Es hat keine Eile. Wenn man so alt ist wie ich, hat man nur noch eines - Zeit. Ich habe gesehen, dass gegenüber von ihrem Haus ein Café ist - da möchte ich auf Sie warten”.
Herr Bechthold erhob sich mühsam und ging, leicht auf einen Stock gestützt zum Ausgang des Nebenraumes.
“Bringen Sie mir bitte das Geld dann hinüber.” -
“Selbstverständlich, Mr.Bechthold - darf ein Mitarbeiter sie hinüber begleiten?” -
“Nein, danke, aber das schaffe ich noch sehr gut alleine.”
Herr Bechthold verließ langsamen, aber zielstrebigen Schrittes das Auktionshaus im Londoner Westend und überquerte die Straße. Als er das Caféhaus betrat, schlug ihm die, von der Klimaanlage gekühlte Luft, mit dem Aroma italienischen Röstkaffees und warmen Apfelstrudels entgegen. Er bestellte einen Tee und bat um das Telefonbuch. In einer Ecke am Fenster nahm er Platz und sah aus dem Fenster. Warm war der Tag, aber die Klimaanlage des Café rückte die Temperatur in ein erträgliches Maß. Eine nette junge Serviererin brachte ihm das Gewünschte. Er goss etwas Sahne in den Tee und begann in dem Telefonbuch zu blättern. Sa, Sc, Se - da war die Seite, die er suchte. Seine Finger wanderte über die Zeilen des Telefonbuches und blieben nach einer Zeit an einem Eintrag hängen.
“Seligman - austrian bakery - 51 Lewes Road, SW 3”. die Telefonnummer interessierte ihn nicht. Seine Englischkenntnisse waren noch in der Schulzeit erworben worden und so wenig gepflegt worden, dass es für das Führen eines Telefongespräches nicht gereicht hätte. Aber er hatte die Adresse, die er suchte und es erschien ihm geboten, dort einen Besuch zu machen. Sein Löffel pingelte in der Tasse mit dem Tee, an dessen Qualität er wenig Freude hatte, und wartete geduldig mit der Nonchalance eines Gentleman auf den Mitarbeiter des Auktionshauses. Dieser ließ nicht sehr lange auf sich warten und übergab Herrn Bechthold einen schwarzen Aktenkoffer.
“Können wir noch etwas für Sie tun, Sir?” fragte er mit ausgesuchter Höflichkeit.
“Ja” antwortete Herr Bechthold “sie können meinen Tee bezahlen und mir ein Taxi besorgen.”
Als Herr Bechthold das Taxi bestieg, gab er dem Fahrer die Nummer 51 in der Lewes Road an. Er setzte sich gemütlich auf die Rückbank und ließ sich durch das frühabendliche London chauffieren. An einer Ecke, als der Wagen auf den Querverkehr warten musste, nahm er den Koffer auf die Knie und öffnete ihn. Im dem Koffer lagen sauber gebündelt 200000 amerikanische Dollar in 100 $-Noten. Zwanzig Päckchen zu je 10.000. Er fasste in die Seitentasche seiner Jacke und holte eine braune Papiertüte heraus, wie sie sonst von Schnellrestaurants zum Verpacken ihrer Erzeugnisse verwendet wurden. Bündel für Bündel packte er die Hälfte der Dollars in die Tüte und verschloss diese mit zwei Falzbewegungen. Dann schloss er den Koffer und stellte ihn wieder zwischen seine Beine. Die Tüte behielt er auf dem Schoß.
Mit einem leisen Quietschen, welches die Abnutzung der Bremsbelege kommentierte, hielt das schwarze Taxi an der angegebenen Adresse. Hier war eine winzige Bäckerei beheimatet, dessen Auslagefenster nicht breiter war, als die Länge des doch sehr kompakten englischen Taxis.
“8 Pfund vierzig” sagte der Fahrer und Herr Bechthold entnahm seiner Jackentasche zwei verknubbelte 5-Pfund-Noten.
“Stimmt so” meinte er und stieg mühevoll aus dem Wagen. Die Federung des Vehikels war doch nicht so bequem, wie es anfänglich den Anschein gehabt hatte.
Hier stand er nun und ging, mit Aktenkoffer und Papiertüte in die Bäckerei, in der er als einziger Kunde der Verkaufskraft gegenüber stand. Die Auslagen waren, es war ja früher Abend, nicht mehr gut gefüllt und er hatte, den Eindruck, als würde sich die junge dunkelhaarige Verkäuferin über seinen Besuch wundern.
“Do you speak german?” fragte er die Frau in haspeligen, ungeübtem Englisch
“A little - ein Wenig” gab Sie zu Antwort und richtete ihre Arbeitsschürze etwas durch Glattstreichen mit beiden Händen.
“Was kann ich denn für sie tun?” wollte sie wissen.
“Ich suche eine Sarah Seligmann, die vor dem Krieg in Berlin eine Bäckerei betrieben hat. Ihr Mann hieß, glaube ich, Aaron. - Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht.”
Die junge Dame lächelte den Herrn an, der vor ihrer Verkaufstheke stand und sagte:
“Das waren meine Großeltern. Kannten Sie sie?” -
“Ich war damals ihr Nachbar. Josef Bechthold ist mein Name. Wie geht es ihrer Großmutter?” -
“Meine Großmutter ist vor 3 Jahren gestorben. Ganz friedlich eingeschlafen. Ihren Namen hat sie mal erwähnt. - Sie waren der junge Mann, der ihr damals helfen wollte. - Stimmt, ich erinnere mich - Sie hat von ihnen gesprochen.”
“Ja - der war ich. Helfen wollte ich, aber gekonnt habe ich es nicht.” -
“Ich heiße auch Sarah. Sara Seligmann. Möchten Sie einen Tee?” fragte Sie “Ich habe gerade eine Kanne gekocht. Kommen Sie mit.”
Josef Bechthold nickte und folgte ihr in den Hinterraum der Bäckerei.
“Entschuldigung” sagte Sie “Hier ist es etwas chaotisch. Aber aufzuräumen lohnt sich nicht mehr.”
“Warum nicht” fragte Josef neugierig und nahm auf einem Sofa Platz, welches er sich allerdings mit diversen Stapeln von Geschäftspapieren teilen musste.
“Weil ich nächsten Monat schließen muss. So eine kleine Bäckerei lohnt sich nicht mehr und für Modernisierungen fehlt mir leider das Geld.”
“Ja, der Kapitalismus frisst alle.” sagte Josef mit einer melancholischen Note in seiner Stimme “wie sind denn ihre Großeltern aus Deutschland heraus- gekommen?”
“Das ist eine lange Geschichte” sagte Sie und schüttete zwei Tassen Tee ein.
“Nehmen Sie Zucker in den Tee?”
“Ich nehme niemals Zucker in den Tee, danke.”
Sie stellte ihm die Tasse auf den Beistelltisch und begann zu erzählen. Vor Josefs geistigem Auge liefen wieder die Männer mit den Schaftstiefeln über regennasses Kopfsteinpflaster. Er hörte die Nägel ihrer Stiefel auf den Gehsteig schlagen und er sah das zersplitterte Glas, das einem kristallinen Regenschauer gleich auf den Boden fiel. Und er hörte, dass die Familie Seligmann halbwegs unbeschadet über Holland nach England reisen konnte. Wenigsten hatten Sie überlebt. Er hörte ihr geduldig und aufmerksam zu, wenn auch gelegentlich das Alter und seine eigenen Erinnerungen ihm einen Strich durch die Rechnung machten. Er nahm den letzten Schluck Tee aus der Tasse und bat Sie
“Können Sie mir ein Taxi rufen, bitte.” Sie lächelte und wählte am Telefon die Nummer 666666.
“In ein paar Minuten ist der Wagen hier. Kann ich noch etwas für Sie tun?” -
“Nein, danke” antwortete Josef “aber ich hatte bei ihrer Frau Großmutter noch einige Aussenstände offen. Ich glaube, dass wird die Rechnung begleichen.” Er reichte ihr die braune Papptüte, als im gleichen Moment das Taxi vor der Tür hupte.
“Leben Sie wohl, Frau Seligmann.” sagte er und verließ das Geschäft. Vom Wagen aus konnte er sehen, das sie der Inhalt der Tüte die Fassungslosigkeit ins Gesicht getrieben hatte.
“Zum Savoy-Hotel, bitte” gab er dem Fahrer an und dieser beschleunigte seinen Wagen, als gelte es ein Rennen zu gewinnen.
Josef war gerade auf seinem Zimmer angekommen und wollte sich für das Abendessen umziehen, als das Telefon läutete.
“Hallo ? Herr Bechthold ? Hier ist Sarah Seligmann. Ich glaube wir sollten uns unterhalten.”
“Guten Abend, hier ist Bechthold. Frau Seligman - ist etwas nicht in Ordnung?” -
“Doch - schon - aber….”
“Aber, was ?”
“Ich habe ihre Tüte angesehen. Sie können mir doch nicht 100.000 US$ schenken.”
“Frau Seligmann, das war kein Geschenk. Das ist eine Wiedergutmachung für erlittenen Schaden.”
“Wieso wollen Sie etwas wieder gut machen, was Sie nicht zu verantworten haben. Die Nazis haben meinen Großeltern die Bäckerei weggenommen - Nicht Sie.”
“Sehen Sie, Frau Seligmann, und diese späte Wiedergutmachung kommt von demjenigen, der den Schaden zu verantworten hatte - von Adolf Hitler.” -
“Ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Bechthold. Von Adolf Hitler ?”
“Ich werde versuchen ihnen die Sache zu erklären. Haben Sie etwas Zeit? Es begann alles im November des Jahres 1961.….”
Meine Hand ruhte auf der Fensterscheibe, die mein Dienstzimmer optisch mit dem Rest der Welt verband. Kleine Tropfen herab laufenden Kondenswassers benetzten meine Fingerkuppen. Ich begann kleine Zeichnungen in die Tröpfchen zu malen. Eine Sonne, einen Stern, ein Strichmännchen. Ich weigerte mich zuzuhören, was ich eigentlich hätte hören müssen, wäre ich der verdiente Genosse gewesen, für den mich die meisten Menschen hielten. Gelegentliche Gesprächsfetzen aus den Nebenzimmern drangen an mein Ohr. Nichts war dabei, was mich an der kleinen geistigen Flucht aus dieser tristen Umgebung hätte hindern können. Auch nicht das Stakkato der Vorwürfe, die der junge Vernehmungsoffizier seinem weiblichen Gegenüber im Minutentakt entgegen brüllte. Ich wischte die Zeichnungen mit der Hand weg und wand mich in Richtung des Sichtfensters um. Niemand sollte Anzeichen dafür haben, das mich die Überprüfung von Vernehmungsmethoden der Abteilung “Inneres” nicht interessierte und so beschloss ich, auch und gerade weil ich etwas für meinen Bericht brauchte, den zu schreiben eine meiner Dienstpflichten war, mich für wenigsten drei Minuten wirklich aufmerksam um das Geschehen im Nebenzimmer zu kümmern. Die Beurteilung von Offizieren meines Dienstbereiches gehörte zu meinen unangenehmsten Pflichten. Ich wusste ja nie, ob mir dieser Mensch nicht Theater vorspielt, um Vorteile zu erlangen oder ob die ganze Sache nicht eine abgekartete Sache war, um mich selber zu überprüfen. Letzteres wäre eine der typischen Herrschaftsprinzipien unseres verehrten Generaloberst Mielke gewesen. Sie hätte sich aber für die Disziplinierung meiner Person mehr als untauglich erwiesen, da ich meine Positionierung in diesem Ministerium für Staatssicherheit nicht der Gnade eines Genossen Ministers verdankte, sondern 1948 durch den Leiter der Abteilung Sicherheit der Westgruppe der roten Armee mit der Wahrnehmung von “Sicherheitsaufgaben” betraut worden war. Einem Mann, der das Vertrauen des NKDW besaß und des KGB besitzt, würde der Genosse Minister niemals auf die Füße zu treten wagen. So ließ man mich eigentlich in Ruhe, von gelegentlichen kleinen Schikanen abgesehen. Ich revanchierte mich auf meine Weise. Ich machte “Dienst nach Vorschrift” und streute von Mal zu Mal die eine oder andere sarkastische Bemerkung in den Raum, nicht ohne jedoch jedes Mal demonstrativ auf die schier übermenschlichen Leistungen des Genossen Ministers hinzuweisen. Mir etwas näher stehende Kollegen und Genossen wussten meine Worte wohl zu deuten, zogen es aber vor sich nicht in eine potentielle Schusslinie zwischen uns zu stellen.
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