Berg - Ann Quin - E-Book

Berg E-Book

Ann Quin

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Beschreibung

"Ein Mann namens Berg, der sich in Greb umbenannte, kam in eine Küstenstadt, mit der Absicht seinen Vater zu töten …" So beginnt Ann Quins verrückt-lustiger Debutroman mit düsteren Untertönen. Ein Erstlingswerk so "überragend und außergewöhnlich, dass man es nie wieder vergessen wird" (The Guardian). Haarwuchsmittel- und Perückenverkäufer Alistair Berg erfährt den Aufenthaltsort seines Vaters, der ihn und seine Mutter früh verlassen hat. Ohne seine Identität preiszugeben, mietet sich Berg in das kleine Hotelzimmer neben dem seines Vaters und dessen Geliebten ein. Dort beginnt er, den Mord an seinem Vater zu planen. Verführung und Gewalt folgen, doch nicht ganz so, wie Berg es beabsichtigt hat … Ann Quin lässt den Leser in die Psyche Bergs eintauchen und verwischt dabei Realität und Illusion.

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Ann Quin

BERG

Roman

Aus dem Englischen von Conny Lösch

Ein Mann namens Berg, der sich Greb nannte, kam in eine Küstenstadt, um seinen Vater zu ermorden …

Das Fenster war getrübt von für die Jahreszeit untypischem Sprühregen. Über dem Meer, mit Blick auf die Stadt, wälzt sich ein Körper auf einem quietschenden Bett: ein Fisch ohne Flossen, platter Kopf, weiße Schuppen, eingepfercht in ein Zimmer am Gang – nur selten von der Sonne in seinen Abmessungen berührt – Alistair Berg, Haarpfleger, krumme zusammengewachsene Zehen, angespannt zwischen Herz und Uhr, Knabbereien im Halbdunkel, dazu Gelächter aus dem Tanzlokal gegenüber. Soll ich noch mal hin, mir eine andere suchen? Selbst ein Dutzend wäre kaum befriedigend; Trost in der Selbstbefriedigung, pornografische Bilder hängen an Zweigen des Gehirns. GESUCHT wird ein daunenweiches, fröhliches Singvögelchen zum Flachlegen, und den Rest vergessen. Eine Woche in einer fremden Stadt verbracht, trotzdem keine weiteren Fortschritte – den Alten noch nicht mal angesprochen, und nach all den Jahren, den Versprechungen, Plänen, bleibt das fantasiereich Angestrebte so statisch wie ein Traum von gestern. Eine saubere Messerklinge schneidet in die Wand, die mich von ihnen trennt. Oh ja, ich habe dich mit ihr gesehen – mit der, die jetzt dein Leben mit dir teilt, dich befummelt, wegen dir weint oder lacht. Begegnung auf der Treppe, zunächst feindselige Blicke, dritter Tag: Wiedererkennen. Ein neuer Pensionsgast, wir wollen ihm uns von unserer besten Seite zeigen. Guten Morgen, schönen Tag auch. Guten Tag, kalt heute. Sein Arm bei ihr eingehakt. Berg nickte, als sie vorübergingen, deutete ein Lächeln an, kultivierte die geheimnisvolle Ausstrahlung von einem, der so tut, als wollte er unbeteiligt bleiben, anonym. Hinterher hallte ihr Gelächter zu ihm herüber, zog Risse in Wände, spaltete seine Tür; noch später vibrierte die Trennwand, während er auf dem dünnen Streifen Teppich zwischen Kleiderschrank und Bett auf und ab ging, und hin und wieder den schmalen Bogen gespiegelt sah, der sich entschieden hatte, seinen Mund darzustellen. Berg kramte unter der Matratze und zog einen mit Bier verfleckten Zeitungsartikel hervor, betrachtete das kleine Foto.

Oh, das ist er, Aly, unverkennbar dein armer Vater. Wie es mir das Herz zerreißt, stell dir vor, nach all der Zeit, und kein einziges Wort, und jetzt schau ihn dir an, wie von den Toten auferstanden. Die Frau neben ihm, Aly, was glaubst du, wer sie ist?

Ihm war der Arm aufgefallen, der die zerbrechlichen Schultern umklammerte; die Geliebte seines Vaters, oder nur eine Freundin? Wohl kaum, wo doch – naja, wo doch das Foto zeigte, dass ihre Beziehung recht anschmiegsamer Natur war. Jetzt wusste er’s. Es hatte nicht lange gedauert, sich in dasselbe Haus einzuschleichen, ein Zimmer direkt neben ihrem zu nehmen. Ja, er hatte Glück gehabt, alles hatte sich gefügt. Sicher war es keine Zumutung, hinzunehmen, dass sich die nun folgenden Ereignisse in ihrem ständigen Hin und Her zwischen Zufall und Ordnung langsamer entfalteten?

In der Zwischenzeit würde er herausfinden, wie sie lebten, wieviel Zeit sie tatsächlich miteinander verbrachten. Heute ein weiterer Hinweis: ein Brief auf dem Tisch in der Diele, adressiert an Mrs. Judith Goldstein, Zimmer 19; wo war Mr. Goldstein – hundert Fuß tief, oder nur zwanzig entfernt, so oder so noch ein weiterer Betrogener, der Pläne schmiedete, hinter einer anderen Wand scharrte? Berg schob den Zeitungsausschnitt wieder unter die Matratze und setzte sich auf die Bettkante, den Kopf zurückgelehnt in der Finsternis, die sich über das Zimmer legte, das zerwühlte Bett, die Kommode, deren Schubladen nicht mehr zugehen wollten; der halb geöffnete Kleiderschrank, der angeschlagene Emaille-Topf mit den verblichenen blauen Blümchen; die Tapete ließ alles andere kollidieren; das schmutzige Geschirr von heute Morgen, ein halber Laib dunkles Brot – eine Mönchskutte – auf der hellgelben Plastiktischdecke; Nadelstreifenhose über dem altrosa gepolsterten Stuhl; Hosen, Netzhemden; eine Kiste voller Flaschen, Perücken, Flugschriften: KAUFEN SIE BERGS BESTES HAARWASSER, BEKÄMPFEN SIE DELILAHS TÜCKE: IN ZWEI MONATEN SIND SIE EIN NEUER MENSCH. Neben dem Bett, ordentlich aufgestapelt, Briefe von Edith Berg, ihrem einzigen Sohn bedingungslos zugetan.

Oh Aly, mir gefällt’s nicht, wenn du ihn einfach so aufsuchst. Ich bin sicher, das ist nicht richtig, ich meine, er wird nicht wissen, wer du bist, geschweige denn, dich nach so vielen Jahren anerkennen.

Durch einen Spalt im Vorhang, von einem fleckigen Finger so breit auseinandergezogen, dass eine Spinne hindurchschlüpfen könnte, sah Berg den hell strahlenden Palast gegenüber, der die massiven viktorianischen Bauten beleuchtete, umringt von parkenden Fahrzeugen. Rechts ein dreieckiger Kirchhof; vielleicht erklärte dies den Gestank nach Verbranntem, der jede Nacht in sein Zimmer drang, sodass er Papier in die Ritzen stopfte und überlegte, ob der Geruch draußen bleiben würde, wenn er das Fenster schloss. Berg zog es ganz runter und beäugte weiter hämisch die Paare, die das Tanzlokal betraten. Einmal hatte er sich nach drüben gewagt, eine kichernde Fluse mit hergebracht, die flatterte und flirrte, bis er nicht mehr imstande war, sich entschuldigte, eine trockene Feige in seinen klebrigen Händen. Also ich muss schon sagen, du bist vielleicht einer, bringst mich hier rauf, was willst du denn, sitzt hier rum und heulst, ach, lauf doch zu Mami. Ha, warte bis ich denen allen erzähle, was ich heute Abend für einen erwischt habe, die lachen sich tot. Kastration herbeisehnen; Schamhaar abrasieren. Als würde man mit einer Puppe spielen, aus der Badewanne aufstehen, rosa Brustbeeren, ein Leuchtturm, draußen erhoben sich massiv aufragende Körper, verwandelten sich später in Maden, drangen in die langen Nächte ein, krochen aus versiegelten Wänden und fielen in die Knitterfalten des Bettzeugs. Darüber hinaus eine entfernte Erinnerung an ein angegrautes Gesicht, das hinüberspähte, an einer Schnur heruntergelassen wurde, um zu küssen – aber doch sicher nicht, um dich zu ersticken? Edith ruft, unterdrücktes Gekicher mit Doreen; unbedingt wohin wollen, wie ist das gekommen, ein goldener Regenschauer auf ihrem neuen scharlachroten Kleid. Später Onkel Billy, auf Heimaturlaub, betrunken, getränkt in Schweiß und Tabakgestank, zieht dich auf seine Knie; Küssen tabu, du hast es nur bestätigt, ist schmutzig, das macht man nicht, führt gar zu anderem mehr. Wie Fotos von Nackten, die Nicky und Bert in ihre Schreibhefte geklebt hatten, Miss Hills Scheidenriss geheilt; personifiziertes altes Jungferntum, mit ihrer sadistischen Faszination für die Hinterteile von Jungen. Alistair Berg, komm her, bitte bück dich.

Dunkelheit, das Radio lief. Drinnen rührte sich etwas – ein Kind murmelte im Schlaf. Eine Motte stieß an die Wand, die Tür, das Licht. Bergs Finger gerieten auf Abwege, verweilten am Schalter. Die Motte knisterte an der Birne, fiel jetzt flügellos herab. Die Stufen knarzten, könnte der Alte sein, allein? Berg schaltete das Licht aus und öffnete die Tür ein kleines Stück. Er zündete ein Streichholz an, wartete und merkte nicht, dass die Flamme über seine Hand züngelte. Eine Bewegung in der Nähe, gefolgt von einer Frauenstimme. Schon erschien Judith, tastete sich an der Wand entlang. Berg hörte das Klimpern von Schlüsseln, wie ihre Tür geöffnet und geschlossen wurde.

Sie war ohne Zweifel ein gutes Stück jünger als sein Vater, attraktiv, vermutete er, auf eine künstliche Art, und wer will bei einer Frau überhaupt unter die Oberfläche schauen? Doch was fand sie nur an dem Alten, sicher war es nicht der Lockruf des Geldes, im Grunde genommen lebte und schmarotzte er von ihr. Eine Form von einvernehmlicher Perversion? Aber ihr Sexleben ging ihn wohl kaum etwas an, zumindest nicht im Augenblick; möge die Deutung ihres Verhältnisses im Abstrakten verbleiben.

Eines Abends wird er sich vorstellen müssen und vorschlagen, etwas trinken zu gehen, worauf sich sein Vater sicher einlassen würde; jeden Abend torkelte der Alte die Treppe hinauf, danach ungefähr eine halbe Stunde lang laute Stimmen, dann quietschte auf der anderen Seite stundenlang das Bett, buchstäblich Stunden, in denen Berg sich unter den Decken vergrub.

Er gähnte, streckte sich; die Musik lenkte ab, er ging ans Fenster. Ein mikroskopischer Blick auf eine unveränderliche Szene, abgesehen vielleicht vom Wetter. Jugendliche lehnten sich lässig aus den Fenstern, hinter ihnen konnte man die rotierenden Umrisse der Paare sehen, und wie an einer Nabelschnur fädelte Berg sich durch ihre wogenden Arme und Beine. Ein Auge, dann zwei, starrten herüber. Er zog den Vorhang zu und lehnte sich an die Wand, erstickte an einer Zigarette. Langsam beruhigte er sich und drückte sein Gesicht ans Fenster. Ein anderes Auge blickte wie durch ein Fernrohr, er hielt ihm stand, senkte dann den Blick. Er wandte sich dem Raum zu. Warum sich so aufregen, nur weil ihn jemand gesehen hatte, es gab doch sicher nichts zu befürchten, nichts, wofür man sich schämen müsste? Er zog den Vorhang wieder zurück, die Lichter wirbelten herein und um alle verfügbaren Gegenstände herum, suchten hektisch etwas, von dem man vielleicht schon gehört hatte, das man aber nie sehen durfte. Berg blieb in einem Lichtstrahl stehen, strengte sich an, sich sein inneres Säuseln nicht anmerken zu lassen, oder den letzten Entwurf preiszugeben: den Regeln und Vorschriften der gewählten Rolle entsprechen; übergeben, versiegelt. Unterschrift, Vor- und Nachname, bitte hier ALISTAIR CHARLES HUMPHREY BERG, geboren am Dritten Dritten Neunzehnhunderteinunddreißig. Beruf des Vaters: ein Herr unbekannter Herkunft, Halunke erster Güte. Mutter: Dame unerreichten Formats, Mutter eines Genies …

Jetzt, wo du nicht mehr bei der Armee bist, Aly, wirst du dir eine Arbeit suchen müssen.

Mit Siebzehn Feststellung der Unfruchtbarkeit, gefolgt von heimlichen Injektionen: unheilbar. Aber denk an die anderen, die unweigerlich ihren Verpflichtungen nachkommen, er hatte noch Glück gehabt, sei dankbar für die kleinen Vergünstigungen, wenigstens war er nicht impotent.

Also, mein Junge, welche Richtung willst du einschlagen, ich nehme an, du möchtest in die Fußstapfen deines Vaters treten, oder in den öffentlichen Dienst – da bist du gut versorgt, weißt du?

Es lässt sich nicht leugnen, ist man erstmal abgeheftet, nummeriert und dokumentiert, wird man nie mehr vergessen. Wohlanständigkeit war es, was Edith schätzte, sie erwartete von ihm, ein guter tüchtiger Staatsbürger zu werden.

Weißt du, ich habe die guten Dinge im Leben nie gehabt, Aly. Natürlich erwarte ich nicht von dir, dass du das verstehst, aber ich möchte, dass du bekommst, was ich nicht hatte.

Das Märtyrer-Gehabe, die Husterei, manchmal die ganze Nacht lang, an den Wochenenden; eine besondere Rasur, stumpfe Klingen, ihre Freude daran, ihn mit Wattebäuschen abzutupfen.

Wann kommst du wieder her, Aly? Du weißt, dass das nicht wahr ist, ich habe mich nur gefragt, mehr nicht, weil ich’s gerne wissen würde, aber du hast natürlich dein eigenes Leben und ich will dir nicht im Weg stehen.

Ihrem Gesicht gegenüber, vom Hals aufwärts hochrot, ihre Hände flattern; der verblichene Glanz einer ersparten Geburtstagsbrosche am Aufschlag ihres Kunstpelzmantels, die verrostete Nadel hinten dran, die dir immer in der Kehle stecken blieb; die tränentrüben Augen, geholter Atem darf nicht entweichen, bis der Dampf der Lok mit den westwärts ziehenden Wolken verschmolz. Berg kniff die Augen zusammen, lehnte sich zurück; Jazz oder ein langsamer Walzer drang in Wellen zum Friedhof der Zellen, wie polierte Perlen, wenn man einmal dran zog, wie weit würden sie kullern? Verstehen Sie, wenn ich es zu erklären versuchte – nein, es hat keinen Zweck, wozu das beständige Beharren darauf, das Gewissen zu schmieren?

Die Zeit bedeutungslos für dich bei der Erkundung rätselhafter Bergregionen, Seen, Dschungel innerhalb eines Deckengebiets. Ich ziehe mein Auge durch ein Schlüsselloch, die Tage sind an einer Schnur markiert; Gedanken unkontrollierte Serpentinen.

Erfahrung in imaginären Stoff einweben, fiktive Rollen spielen oder ein Patt als Kompromiss wählen. Unter diesem Fantasiegespinst versammelt sich eine geheime Armee, schlägt jene nieder, die das Gerüst der Vergleiche belagern. Und dennoch geistern sie umher in ihrer bleichen Bestürzung und ihrem verbitterten Gebaren. Damals hattest du nichts zu geben außer einem einmal gesehenen Kreisel oder einer bewunderten blauen Windmühle. Idee und Abbild einander gegenübergestellt, sie drehten sich zwischen Mythos und Rationalität, die sonderbaren, im rechten Winkel verbrachten Jahre; wenn ich mich übernehme, kann ich sicher sein, eine Formel jenseits gewohnheitsmäßiger Bewegung wiederzugewinnen? Wie leicht wäre es, endlich hinüberzugleiten, es dem Rest zu überlassen, sich zu entlasten. Aber vergiss nicht, die Gesellschaft schuldet dir nichts, sich umzubringen ist daher keine Antwort, keine Belohnung für Missgunst, und wie sollte ich erfahren, ob es Freiheit bewiesen hätte. Denk an die Schaukeln, die Schießstände und Karussellpferde; schwindlig und benommen, klebrige Finger auf einer streunenden Katze, eine tote Drossel, ein betäubtes Karnickel; Kornblumen drängen ans Buntglas; Mohnblumen auf Weizenfeldern, der erste, zweite oder war es der dritte Kuss, den du gegeben hast, nicht auf die Lippen, im Heu; Rattengetrappel und Küsse später auf Parkbänken mit Kreide markiert: Ich hab’ die meisten. Sonnentage und der Duft nach selbstgebackenem Kuchen, Sahnebonbons, Falläpfeln; Ediths Gesicht wie unter einem Heiligenschein im Fenster der zerbombten Außentoilette. Ihr grabt, klettert, verkleidet euch, streckt euch die Zungen heraus, berührt euch da, was würden sie sagen, wenn sie’s wüssten? Hügel treffen auf Himmel, und jene, die Pfade mit Schnecken verzauberten oder Feuerräder in Hecken setzten; Raketen von anderen Planeten aus fehlgezündet; die ganze Galaxie: der Stuhl eines Riesen, man selbst ein Splitter im Bein. Mit Gänseblümchen an das Mädchen nebenan gekettet und neidisch auf jene, die größere Narzissen zwischen ihren Beinen hielten als du.

Als er merkte, dass die Uhr stehengeblieben war, schaltete Berg das Licht ein. Ohne Kenntnis der Uhrzeit fühlte er sich aus der Bahn geworfen. Er presste sich an die Trennwand zum Nachbarzimmer. Waren sie schon im Bett, hatte jemand gehustet? Er ging ans Fenster, das Tanzlokal war geschlossen, was darauf hinwies, dass es lange nach elf war. Er lehnte sich hinaus, konnte aber die Uhr am Pub nicht erkennen. Na schön, dann würde er warten müssen, bis eine Uhr schlug. Er schaute die Abrechnungen durch, was sich aber als zu deprimierend erwies. Er blätterte in einer Zeitschrift, starrte eine Weile das Mädchen an, das sich in einem türkisfarbenen Bad einseifte. Ja, in der Seifenbranche hätte er’s weit bringen können, vernachlässigten Hausfrauen große zitronenförmige entgegenhalten, was ihnen und ihm eine gewisse Zeit lang Spaß bereitet hätte. Für Haarwuchs interessierten sich schließlich nur Männer. Zweimal nachts auftragen, spüren Sie, wie satin-weich und gut das ist. Warum habe ich dann keine Löwenmähne und brülle in der Stadt herum? Die Trennwand, hat sie sich nicht gerade bewegt? Er presste sich fester dagegen. Waren sie beide direkt auf der anderen Seite, der Alte, kroch er wie ein Maulwurf über ihre Fleischberge? Benutz es als Vorwand, erkundige dich nach der Zeit, nimm die Uhr mit zum Beweis.

Er klopfte an ihre Tür, strich mit der Pfote eines Panthers darüber, bis ein Hämmern daraus wurde, auf das niemand reagierte. Er versuchte den Türgriff. Sie waren da, sich so zu verstellen, er hatte sie ja wohl kaum im Schlaf gestört. Er hustete und schnaubte, ging dabei zügig im Flur auf und ab. Sollte er in sein Zimmer zurückkehren, von dort aus rufen, schreien vielmehr, als hätte er einen Alptraum? Er blieb oben im Flur stehen, abgeschnitten vom Rest des Hauses, vom Viertel. Waren sie ausgegangen, oder tot – zu schnell kopuliert, zu viel? Gebeugten Hauptes stieg er eine Stufe hinab, überlegte sich den nächsten Schritt. Die anderen Türen waren während seines Aufenthalts Teil der Wände geblieben, gelegentlich drang das leise Murmeln oder Summen eines Radios durch einen Spalt. Aber wenn er klopfte, sich nach der Zeit erkundigte, würde dann der Spalt nicht sofort geschlossen werden, keinen Raum mehr für einen Blick, geschweige denn einen Finger bieten? Er verharrte auf der Türschwelle, knapp zweihundert Meter vom Palais de Dance entfernt. Bunte Karten, geplatzte Ballons, Verhüterli trennten den Bürgersteig von der Straße. Berg beugte sich leicht vor, um die Uhr am Pub zu erkennen. Auf dem Rücken starrte er die Gebäude an, Riesen auf dem Vormarsch. Schnapp dir die Sterne, zieh den Mond heraus als meinen Nabel, ein Knopfloch zur persönlichen Identifizierung.

Ein Schatten schob sich über sein Gesicht. Er breitete die Arme aus. Ich flehe darum, zurückgelassen zu werden, wo ich bin, ich wurde beschenkt, ich bin zufrieden, im Einklang mit meiner Welt. Er schloss die Augen und rollte in Embryohaltung vom Bürgersteig.

Seine Lippen, trockenes Laub, öffneten sich langsam. War ich je drinnen?

Ediths Tränen, sie kommt nicht zurecht, schüchtern unter robusten Müttern. Du hattest entdeckt: Schlafsaalfreuden, wer im Alter von neun Jahren als hübscher Junge gilt, kann ausgenutzt werden.

Oh Aly, mir wäre lieber, du wärst gestorben, als mir so eine entsetzliche Schande zu machen, so einen schrecklichen Kummer. Ich verstehe nicht die böse Lust in dir, du hast mir alle Freude am Leben genommen.

Aufgeschürfte Knubbelknie, lockiges Haar; er ist ein Weich- ei, ein ganz gewöhnliches Weichei; hat keinen Vater, seine Mutter verkauft sich, um das Schulgeld zu bezahlen; dummer verweichlichter Berg, er ist so kalt, er kann nicht mal kacken. War das damals ein Spiel, dass man etwas bekam und es einem früher oder später wieder genommen wurde? Er legte seine Faust in die Handfläche, betrachtete sie, wie ein Pfefferkorn, das sich plötzlich öffnen könnte, um andere, köstlichere Dinge preiszugeben. Würde ihn die Außenwelt verurteilen, wenn er so sehr bereit war, klein beizugeben – aber bist du so sehr bereit? Widersprüche scheinen die Symbiose eines Alters zu sein, das sich weigert, einen Einzelfahrschein ins Niemandsland anzunehmen. Ich habe meinen längst zerrissen, in Gärten, auf glatten abgestuften Rasenflächen, zwischen Schmetterlingen und seltenen Exemplaren von Blumen, dort liegend, durch Lichtkanäle spionierend, die auf den Jungen flackerten, der auf der anderen Seite der Hecke alleine gelassen wurde. Ein schwieriges, kränkliches Kind, das sich danach sehnte, von den anderen akzeptiert zu werden, den Gesunden, Robusten, die in gut geschnittenen Anzügen und mit pomadisierten Haaren herumstolzierten. Deine fleckigen, rattenzerfressenen Manschetten, und der Kragen, hinten geflickt, der Matsch quatscht in deine Schuhe. Aber einst, als du über Tier und Blüte geherrscht hast, über die Hügel marschiert bist, von einer natürlichen Ordnung begrüßt wurdest, wehte der Wind eine träge Sinnlichkeit durch die Graswälder, die die Sonne umkreiste, und dann war nichts mehr wichtig, weil alles deine Bedeutung begriff. Er schwankte mitten auf der Straße, schaute seinem Vater in die Augen; Augen, die sich nach innen drehten, verbunden durch einen Faden über die Brücke der Nase, angefangen bei dem Muttermal auf der rechten Wange mit dem einen dunklen Haar. Berg trat zurück, fort vom Gestank nach Alkohol und kaltem Tabak. Der Alte torkelte ein Stück auf ihn zu, versuchte eine Zigarette zu drehen. Hey, warte mal, bist du nicht der Kerl im Zimmer nebenan, in der Nummer 18? Hab ich’s mir doch gedacht, wohl auch ein bisschen zu viel getankt, warum auch nicht, sage ich, man muss auch mal seinen Spaß haben dürfen. Zunge am Papier, eine zögernde Eidechse, ein Schlenker mit dem Schwanz, hin und her, dann weg. Dass ich von so was abstamme? Nein, nein, hätte beim Bild eines abgeklärten anständigen Vaters bleiben sollen, der nur in Gedanken gestorben war. Der Plan hatte zu gut funktioniert, beinahe zufällig, gewiss nur unter Vorbehalt: das ungezügelte Ungeheuer? Aber ich muss weitermachen, wie zuvor, wie geplant. Offenlegung der Identität wäre zum jetzigen Zeitpunkt fatal. Berg packte den Alten am Arm, wurde aber fest zurückgestoßen. Schon gut, schon gut, ich komme zurecht, danke. Er sah seinen Vater aufs Haus zu stolpern.

Solch eine Gelegenheit verschenkt. Selbst jetzt könnte er noch Streit anfangen, den Alten gegen sich aufbringen, innerhalb von Sekunden würde er zu Boden gehen. Und die Überreste? Naja, er würde überbleiben, wäre das nicht genug? Aber wie bei einer Liebesaffäre, schien das zu einfach, daher musste die Vorrunde verlängert werden; ein bisschen mit Möglichkeiten flirten. Da schwankte er im Eingang, geh jetzt, nimm ihn am Arm, zieh ihn runter, schneide das Muttermal heraus, spalte das Haar, zertrümmere das Gehirn, ersticke ihn. Ich bin’s, dein Sohn, hörst du, ja erinnere dich an eine Frau, die du einst gesehen und begehrt hast, in andere Umstände gebracht hast, wie man so schön sagt, einer Ehe zugestimmt und später …

Er hat einen Anlass gesucht, dein Vater, Aly, irgendeinen Anlass, den Spanienkrieg? Ja, der kann es gut gewesen sein. Jedenfalls ist er eines Abends weg, meinte nur, er geht kurz in die Kneipe, und kam nie wieder. Erst einige Wochen später habe ich festgestellt, dass Schmuck fehlte, mein Pelzmantel und das Sparschwein, das ich eigens für dich gefüttert hatte.

Berg näherte sich dem Haus. Sein Vater hing über dem Geländer, starrte in seine Kotzepfütze. Ganz sicher keine Verbindung, es kann niemals irgendeine Art von Verständigung zwischen uns geben. Doch das Ideal wurde bereits zu lange gehegt, jenes paradoxe Dilemma, das man zu einem gigantischen Wolkenbruch umformen will, an der Sonne vorbeireiten, angetrieben von der eigenen Macht, uneingeschränkter Macht.

Bleib distanziert, der bedachte Nachbar, und tu, was von dir erwartet wird. Er zog den alten Mann die Treppe hinauf, oben ließ er ihn los. Sein stöhnender Vater sackte zurück ans Geländer. Jetzt nur ein kleiner Stoß, und du fliegst, mein Lieber. Wer würde was merken, so betrunken wie er war? Der arme Nathaniel Berg, wir haben ihn gut gekannt, haben ja immer schon gesagt, das Saufen wird ihm zum Verhängnis. Judith rief ihn, ihre Stimme ließ ihn zurücktreten. Der Alte winselte, ein Hund, dessen Frauchen ungehalten ist. Geh jetzt, wirf dich ihr zu Füßen, schleck sie ab, schleck sie hier, schleck sie da, dazwischen, über dem Haar, süß duftende Schnauze, Rauschen der Springflut. Die Tür schloss sich. Sein Vater zitterte. Berg hob ihn auf, hielt ihn unter den Armen, zog ihn in sein eigenes Zimmer, wo er ihn aufs Bett stieß. Wie steinalt er aussieht – wie alt, Ende Fünfzig, vielleicht über Sechzig, und Judith? Unter den gefärbten Haaren, dem dick gepuderten Gesicht, schwer zu sagen, so nah war er ihr nicht gekommen, zumindest noch nicht. Die Haut des Alten, wie Pflanzenfasern, die Augen rostige Stecknadelköpfe. Berg zog ihn aus, gelangte an die schmutzige Unterwäsche, hinten zerrissen – drei Einschusslöcher – und auf der gelben faltigen Haut die großen Tätowierungen.

Die hat er sich mal stechen lassen, weißt du, nur zum Spaß, jedenfalls hat er das gesagt. Aber wenn’s ein unverwechselbares Erkennungszeichen gibt, dann geht’s wohl kaum besser.

Berg zog langsam die Buchstaben mit seinem Zeigefinger nach EDITH MEINE LIEBE UND FREUDE, weiter unten: IM ANDENKEN AN MEINE GELIEBTE MUTTER. Seine Augen wanderten zu der über ihnen schaukelnden Glühbirne, nah, näher. Rupf sie aus, füll sie mit Blumen, zupf die Blütenblätter, eins nach dem anderen, leg dich unter das duftende Weich. Wieder wurde er des verbrannten Gestanks gewahr, der ins Zimmer drang, es roch nach Fleisch. Er deckte den Alten mit einer Decke zu, schloss das Fenster, obwohl ihm bewusst war, dass der Gestank jetzt den Rest der Nacht über bleiben würde, mit etwas Glück wäre er am Morgen verschwunden. Vielleicht befindet sich in dem Gebäude gegenüber ein Krematorium?

Er hockte sich an den Gasring und schaute der Milch beim Köcheln zu – eine Fliege, kurz davor, reinzufallen. Es war ein schrecklicher Fehler gewesen, den Alten in sein Zimmer zu bringen, es hätte auch noch einen weiteren Tag warten können. Über die Milch gebeugt fiel ihm auf, dass etwas Braunes darin schwamm. Er fischte die Motte heraus, schmierte sie an den Rand der Untertasse. Er lehnte sich wieder an das klumpige Kissen, die kaputten Federn, die abgeplatzten Lederlehnen. Ein oder zweimal schaute er seinen Vater an, von dem er kurz dachte, dass er wach sei, ihn sogar beobachtete, aber bei näherem Hinschauen war es nur ein ausgestreckter Körper auf dem Bett, ein Fuß lugte unter der Decke hervor, zuckte hin und wieder, nickte in geheimer Absprache mit der Trennwand. Er hörte Judith werkeln, mit Tellern klappern und eigenartige Sauggeräusche von sich geben – vielleicht leckt sie sich selbst? Sie war eigentlich keine schlecht aussehende Frau, wenn auch nicht sein Typ. Er rührte in der Milch und zog die Haut ab, gab sie auf die Motte in der Untertasse. Sie war eigentlich gar nicht so übel; große Brüste machten wett, woran es ansonsten vielleicht mangelte. Er griff nach dem Spiegel. Wenn sie einen Mann nahm, der auf die Sechzig zuging, wen würde sie dann zurückweisen? Er rieb sich über das unrasierte Kinn, strich sich die Haare glatt, und suchte nach der Ansteckfliege. Fast weltmännisch, sie verlieh ihm auf jeden Fall das gewisse Extra, ein beinahe elegantes Aussehen.

Du hast definitiv etwas, Aly, bist der geborene Aristokrat, dein Vater war genauso, jedenfalls hat er sich das eingebildet.

Ihm fiel der abgetragene fleckige Mantel seines Vaters auf, die löchrigen Socken, und lächelnd ging er hinaus, schloss die Tür ab, legte den Schlüssel auf die Leiste darüber. Vorsicht zahlte sich aus, würde nichts bringen, wenn sein Vater plötzlich aufwachte und ausflog. Vielleicht erwarte ich zu viel? Leise klopfte er an ihre Tür, die Judith schließlich atemlos, errötend und mit gerunzelter Stirn öffnete. Berg versuchte das Lächeln fest zu installieren, mit dem er bereits beim Anstecken der Fliege gespielt hatte, doch es sackte in seine Mundwinkel herunter, als Judith die Tür halb schloss. Ob sie ihm womöglich die Uhrzeit sagen könnte? Sie schniefte, musterte ihn von oben bis unten, dann verschwand sie, kam aber gleich wieder angerauscht. Was trug sie, um ein solches Rascheln zu verursachen – wie Blätter im Wind? Tut mir leid, ich weiß es nicht, aber es ist längst über die Sperrstunde. Erneut nahm er ihren abwärts gerichteten Blick auf seine bügelfaltenfreie Hose zur Kenntnis, die speckigen Knie, die Flecken zwischen den Knöpfen. Sie haben nicht zufällig Mr. Berg gesehen, vielleicht unten auf der Straße? Also, jetzt, wo sie’s sagte, glaubte er doch, ja, das musste Mr. Berg gewesen sein, den er gesehen hatte, wie er sich mit jemandem in der Kneipe unterhielt. Ihre Finger, die mit einem Knopf zwischen ihren Brüsten gespielt hatten, flatterten auf, tauchten in ein dünnes goldenes Netz, das ihren gelben Haarschopf umhüllte. Die Kluft zwischen ihrem Zimmer und dem Treppenabsatz verbreiterte sich. Er schaute auf seine Füße, die Schnürsenkel eines Schuhs hatten sich gelöst. Er beugte sich hinunter und spielte mit den Enden. Vielleicht wird sie weinen, mir in die Arme fallen, ich werde sie trösten, beruhigen – und dann? Er schaute zur geschlossenen Tür und lauschte, hörte aber nichts. Er ging zu seinem Zimmer, griff nach dem Schlüssel, befingerte ihn, kehrte um und klopfte erneut an ihre Tür. Er hörte Judith rufen, wie ein Kind. Die Tür blieb verschlossen. Ihre Stimme erhob sich – wie sich Frauenstimmen passend zum Anlass veränderten, je nach dem, welchem Ziel sie dienten. Der Spalt verbreiterte sich. Na, was gibt es denn dieses Mal? Berg trat zurück, beinahe verneigte er sich. Einen Schilling, na dann kommen Sie lieber rein, ich schau mal.

Auf der Schwelle zu ihrem Zimmer, ein scheinbar vollkommen mit lila Samt behangenes Zimmer, das an ein ägyptisches Grab erinnerte, rechteckig und schwach beleuchtet. Judiths Mund öffnete und schloss sich, eine überreife Melone hing in der Luft. Er trat tiefer in den Raum.