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In der Nähe von Schloss Meseberg wird eine Leiche gefunden. Im Schloss empfängt die Bundesregierung ihre Staatsgäste und im Dorf gibt es Ärger, weil man einen Viehzuchtbetrieb schließen will. Eine Unterkunft für höchsten Besuch und eine Schweinezucht in unmittelbarer Nähe? Das stinkt. Doch gibt es wirklich einen Zusammenhang mit dem Mordfall? Die bizarre Aufmachung des Toten gibt Kommissar Hartenfels Rätsel auf, denn die Leiche ist mit goldener Farbe bemalt. Schnell stellt Hartenfels fest, dass das bloß ein kleiner Vorgeschmack auf das ist, was unter der Oberfläche brodelt.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dieter Hombach
Berlin – Meseberg Connection
Kriminalroman
Zeit der Rache Auf den Stufen des Mausoleums von Schloss Meseberg wird eine männlich Leiche gefunden. Die bizarre Aufmachung des Toten gibt den Kommissaren Hartenfels und Balint Rätsel auf, denn er ist mit goldener Farbe bemalt. Als Hartenfels herausfindet, dass es im Dorf Ärger gibt, weil man einen Viehzuchtbetrieb schließen will, hofft er, auf eine heiße Spur gestoßen zu sein. Schloss Meseberg als Unterkunft für höchsten Besuch der Bundesregierung und eine Schweinezucht in unmittelbarer Nähe? Das stinkt. Doch gibt es wirklich einen Zusammenhang mit dem Mordfall? Hartenfels’ Ermittlungen führen ihn tief in die Vergangenheit. Dabei deckt er Verbrechen der Nazis auf, die bisher ungesühnt geblieben sind. Hat der Täter bis jetzt mit seiner Rache gewartet? Als wenig später eine zweite Leiche gefunden wird, glaubt der Kommissar, eine Verbindung zu erkennen. Kann er den Mörder stoppen?
Dieter Hombach, geboren 1953 in Köln, lebt seit 40 Jahren in Berlin. Der promovierte Philosoph arbeitete in der Geschäftsführung eines Medienbeobachtungsunternehmens und führte gemeinsam mit seiner Frau 17 Jahre lang eine eigene Buchhandlung. Er liebt Hard-Rock-Konzerte, Hunde und reist immer wieder nach Asien, Australien und Brandenburg. Neben wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte er mehrere Kriminalromane, zuletzt »Kreuzberger Leichen« im Gmeiner-Verlag.
Personen und Handlungen sind frei erfunden,
soweit sie nicht historisch verbürgt sind.
Ähnlichkeiten mit sonstigen toten oder lebenden
Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Diese Geschichte ist, wenn sie auch reale Elemente
und Gegebenheiten aufgreift, rein fiktiv und der
Fantasie des Autors entsprungen.
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Alle Rechte vorbehalten
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Tim T. / Photocase.de
ISBN 978-3-8392-7422-4
Paul Schrader öffnet die Tür, schnuppert und lächelt. Gülle liegt in der Luft, denkt er, zum Glück läuft sie wieder, die gute alte Tierproduktion. 1.500 Schweine werden dort gehalten, kein Wunder, dass man das riecht. Die Klinke in der Hand, die sich vom morgendlichen Tau feucht anfühlt, blickt er nach rechts, vorbei an der Dorfkirche zum Schloss. Selbst durch den aufsteigenden Nebel präsentiert sich der Bau herrschaftlich, nichts kann die Leuchtkraft der frischen Farbe auf frisch verputzten Wänden trüben. Schloss Meseberg strahlt etwas zutiefst Korrektes, fast schon Überkorrektes auf ihn aus.
Irgendwie überrenoviert, findet Schrader, so als würde das Ding zwei Krawatten statt einer tragen.
Der Wirt des Dorfkrugs macht leise die Tür hinter sich zu. Vor ihm liegt die Dorfstraße, die sich weiter hinten sanft ums Schloss schwingt, eingefasst von breiten Pflasterstreifen. Natürlich ist das kein altes, sondern frisch verlegtes Pflaster. Die Staatskarossen, die zum Schloss fahren, sollen ja nicht wie alte Kutschen rumpeln. Schrader muss an Prinz Heinrichs Geliebten denken, für den dieses Schloss gedacht war. Der ist mit der Kutsche gekommen, drüben im Wald gibt es die alten Wege noch. Kaphengst hieß er, doch zurück zu den Schweinen, denn es geht nichts über Landluft.
Schrader atmet in vollen Zügen ein und aus, seine Brust wölbt sich. Er spannt die Hosenträger, lässt sie wieder los und setzt sich langsam in Bewegung, natürlich mitten auf der Straße, weil sowieso kein Verkehr ist. Meseberg liegt am Arsch der Welt, kein Fürst mehr in Rheinsberg, der sich in Liebe verzehrt. Bloß früher die Merkel und jetzt Olaf Scholz, die hier ihre Gäste empfangen. Macron war da, außerdem George W. Bush.
Der Dorfwirt schlendert an der Kirche und seitlich am Schloss vorbei Richtung See. Zum Schloss selbst kommt man nicht, da erstreckt sich der Hochsicherheitstrakt. Überall sind Kameras und es soll auch ein Abwehrsystem installiert worden sein, was allein angeblich 13 Millionen gekostet hat. Das Gästehaus der BRD, schnauft Schrader, elfeinhalb Monate im Jahr steht es leer. Mittlerweile in echt brandenburgischer Landluft, denkt er und muss schon wieder lächeln.
Was war das für ein Theater, als gleich neben dem Superschloss die Tierproduktion wieder anlief! Seitdem sitzen die Staatsgäste mit den Füßen im Dung, bildlich gesprochen. Der Vorstand der Stiftung hat gesagt, dass er niemals neben einer Schweinemastanlage investiert hätte. Andere gingen noch viel weiter, zum Beispiel Gerhard Baumkötter. Der war richtig sauer. So sauer, dass er mit ihm, dem Dorfwirt, bis heute kein Wort mehr spricht. Es geht um die Plasteschweine, die Schrader aus Protest vor dem Dorfkrug aufgestellt hat. Schweine gehören nun mal zur Landwirtschaft und haben früher niemanden gestört. Baumkötter hat seinen Arbeitern sogar verboten, weiter bei ihm zu verkehren, und die Dorfbewohner undankbar genannt.
Schrader folgt der langgezogenen Mauer, die auf der Seite, von der er kommt, das Schloss umgibt, und die sich bis zum See hinunter zieht. Während er vor sich hin stapft, überlegt er, wie das wohl für die Beamten aussieht, die ihn auf den Monitoren beobachten. 24 Mann sind ständig vor Ort, dazu Gärtner und Hauspersonal. Ein Dorf im Dorf, wobei es egal ist, ob Gäste da sind oder nicht.
Hinter dem Schloss liegt der rekonstruierte Barockgarten, den er von hier aus nur erahnen und von der anderen Seeseite aus mit dem Fernglas bestaunen kann. Er ist tipptopp in Ordnung, aber menschenleer. Nur einmal im Jahr, am »Tag der offenen Tür«, sind die Wälder voll mit Grenzschutz und Polizei. Weil das schon immer so war, sobald es um den Staat ging, hat Schrader nichts dagegen. Bloß das viele Geld, das dafür ausgegeben wird, stört ihn genau wie den Bund der Steuerzahler, der Jahr für Jahr die Höhe der Ausgaben kritisiert. So schlecht war es früher doch auch nicht, denkt er. Und ob es nun einen Barockgarten gibt, den kaum einer sieht, weil er abgeriegelt ist oder wie in der DDR zugewachsen – wo liegt der Unterschied? In der Mauer, an der er nach wie vor entlangläuft, befindet sich ein Guckloch, das allerdings vergittert ist.
Links von ihm taucht das Mausoleum auf, das Frau Lessing für ihren Mann errichten ließ. Endlich etwas, das nicht abgesperrt ist. Schrader marschiert den Weg abwärts zum See, Wasser blitzt durch die Bäume. Die vielen Schwäne, die man anzusiedeln versucht hat, damit es wieder wie zu Zeiten Kaphengsts aussieht, sind weg.
Auch das Mausoleum wirkt auf Schrader überpflegt, wäre es nicht paradox, könnte man sagen, dass es totsaniert ist. Es steht auf sorgfältig gemähtem Rasen und ist von rundherum angepflanztem Spalierobst umgeben, das einen perfekten Kreis bildet. Vom Ufer führt eine Treppe zu ihm hoch, deren Stufen Schrader emporsteigt. Er lässt sich gern vor dem Totenhäuschen nieder und blickt hinaus auf den See.
Heute sitzt da schon jemand.
Schrader bleibt stehen. Den kennt er doch? Dann schüttelt er den Kopf. Das kann niemand aus dem Dorf sein, so läuft doch keiner von ihnen herum. Was zum Teufel ist denn das für eine Farbe? Die kann nur aufgemalt sein, ist er überzeugt. Bronze, würde er sagen, Gold wäre auch möglich.
Es ist drückend heiß. Groß und schwer, wie er ist, leidet Hartenfels besonders unter der Hitze. Der Schweiß läuft ihm in Strömen über das Gesicht, steht ihm in Tropfen auf der Glatze. Dabei bewegt er sich nicht. Würde er sich bewegen, müsste er die Kleidung wechseln. Während Hartenfels mit einem großen Taschentuch über Stirn, Kopf und Nacken fährt, mustert er den Himmel. Kein Wölkchen in Sicht, denkt er.
Am Wochenende hat er einen Ausflug zum Schmalen Luzin gemacht – dem See in Mecklenburg, den er wegen seines türkisfarbenen Wassers so liebt. Er war schockiert. Die Wälder, die den See umgaben, sahen aus wie gerupft. Irgendein geheimnisvoller Schädling schien sich in ihnen ausgebreitet zu haben, dabei waren die Bäume bloß vertrocknet. Laub lag auf den Wegen, als sei es bereits Herbst, aber es ist erst August.
Hartenfels nimmt einen Schluck aus dem Glas, das neben ihm steht. Das Selters ist schon wieder warm. Er fragt sich, wo die Eiswürfel geblieben sind, die er eben erst hineingeworfen hat.
Hartenfels hat Rufbereitschaft, doch er will nicht ins Büro, weil er den Durchzug, für den die Kollegen ständig sorgen, nicht verträgt. So wie er schwitzt, erkältet er sich im Handumdrehen. Schlimmer als Durchzug sind nur noch Klimaanlagen. Da sitzt er lieber in seiner kleinen Wohnung am Hohenzollerndamm und tropft vor sich hin. Außerdem sieht hier keiner, dass er nichts als Unterwäsche trägt.
Sein Telefon klingelt und Hartenfels nimmt ab.
Bitte kein Fall, denkt er, er kann bei dem Wetter nicht draußen herumlaufen. Jedenfalls nicht in der Stadt, wo alles so aufgeheizt ist, dass die Temperatur noch steigt, sobald die Sonne untergeht. Wie spät ist es eigentlich?
»Ja?«, meldet er sich, seine Stimme klingt belegt, wogegen er einen Schluck lauwarmes Selters nimmt. Schmeckt furchtbar.
»Leichenfund im Umland«, informiert ihn ein ihm unbekannter Beamter. Wer weiß, wer heute in der Zentrale sitzt, jeder drückt sich doch, so gut er kann.
»Im Umland?«, fragt Hartenfels und will hinzufügen, dass ihn das bestimmt nichts angeht, aber er fühlt sich zu matt. Diskussionen um Zuständigkeiten sind das Letzte, was er jetzt möchte.
»Sie fragen sich bestimmt, warum ich Sie anrufe?«, hört er den Mann. Er klingt enttäuscht.
Hartenfels zuckt nur die Achseln.
»Sind Sie noch dran?«
»Ja.«
»Ich kann es Ihnen erklären.«
»Das wäre schön«, sagt Hartenfels, weil er merkt, dass er eigentlich gar nichts gegen einen Ausflug ins Umland hat. Überall ist es erträglicher als in Berlin.
Zwei Minuten später, die er verbracht hat, ohne ein einziges Wort zu sagen, während die Stimme am anderen Ende der Leitung zunehmend hysterisch, fast panisch wurde, weiß Hartenfels, dass ein Mann namens Baumkötter in der Nähe eines Schlosses, das Meseberg heißt, ermordet aufgefunden worden ist. Dass es sich bei dem Schloss um das Gästehaus der Bundesregierung handelt, ist ein pikantes Detail, worauf ihn sein Kollege beinahe atemlos hingewiesen hat.
»Was regen Sie sich denn so auf?«, fragt Hartenfels.
»Es wäre leichter, wenn Sie mir nicht das Gefühl geben würden, ich sei ein Idiot.«
O Gott, denkt Hartenfels, richtet sich im Sessel auf und spürt, dass das Unterhemd an seiner Haut klebt.
»Ist es bei dir auch so heiß?«, macht er ein Friedensangebot.
»Und außerdem ist der Mann, der ermordet worden ist, ganz in der Nähe von dort, wo Sie wohnen, schon vor Tagen als vermisst gemeldet worden.«
Das hättest du mir auch gleich sagen können, findet Hartenfels, entscheidet sich aber, nicht darauf herumzureiten, bedankt sich stattdessen artig und beschließt, Krämer anzurufen, damit er ihn nach Meseberg fährt. Die Wohnung, aus der das Opfer verschwunden ist, haben die Kollegen vom LKA 12, die für vermisste Personen zuständig sind, bestimmt längst auseinandergenommen. Und da sie sich bei ihm in der Nähe befindet, ahnt Hartenfels auch, wie heiß es dort war und todsicher noch ist.
Krämer bekommt die Hitze noch weniger als Hartenfels. Hartenfels schwitzt zwar wie er, aber ihm selbst ist außerdem noch schwindlig. Im Spiegel mag er sich gar nicht mehr ansehen, so rot ist sein Gesicht. Dabei hat er ganz schön abgenommen. Corona hat viele seiner Lieblingslokale dahingerafft, weshalb ihm gar nichts anderes übrig geblieben ist, als seine Ansprüche radikal herunterzuschrauben. Was von der Gastroszene, die überlebt hat, angeboten wird, schmeckt ihm in der Regel nicht. Es hat sich sowieso viel verändert bei ihm.
Krämer ist neuerdings mit Mandy zusammen. Mandy ist aus Kambodscha und hat sich als Trojanisches Pferd entpuppt. Dazu gehört, dass sie gar nicht Mandy heißt und ihren wahren Namen bis heute verschweigt.
»Viel zu kompliziert«, hat sie gleich am ersten Tag gesagt, damals in Reinickendorf, wohin ihn ein Fall verschlagen hatte.
Wenn Krämer heute gefragt wird, woher er Mandy kennt, sagt er deshalb immer: »Direkt aus der Einflugschneise.«
Der Flughafen Tegel ist zwar inzwischen stillgelegt, aber sie haben sich tatsächlich noch im ohrenbetäubenden Lärm landender Flugzeuge getroffen.
Von ihrem Namen abgesehen hat Mandy viele weitere Geheimnisse. Krämer hofft, dass er die meisten mittlerweile kennt, sicher ist er sich nicht. Da wäre zum Beispiel Kevin, ihr Sohn. Krämer und Mandy waren gerade in ein kleines Haus eingezogen, das sie für ihn und sich mitten in Wilmersdorf aufgetan hat, als sie damit herausrückte, dass sie ein Kind hat, quasi als Einzugsgeschenk. Kevin ist der Sohn des Mannes, der Mandy von Kambodscha nach Berlin geholt hat. Krämer hat in Phnom Penh aufgenommene Fotos gesehen, die die kleine, zierliche Mandy an einen dickbäuchigen Kerl geschmiegt zeigen, der mindestens 20 Jahre älter war als sie.
Genau wie ich selbst, hat Krämer gleich gedacht, unangenehm berührt von der Ähnlichkeit zwischen ihm und Mandys Exlover. Krämer hat sich damit beruhigt, dass sie beide ihrem Beuteschema entsprechen, weiß aber eigentlich gar nicht, was er damit meint. Dass Mandy auf fette, alte Typen steht? Wahrscheinlicher ist, dass fette, alte Typen Geld und eine Aufenthaltsgenehmigung versprechen. Doch daran will Krämer nicht denken. Er forscht nicht nach, obwohl er das natürlich könnte, weil er sich den Traum, den er träumt, seit er sie kennt, nicht kaputtmachen will. Krämer hat auch keinem einzigen Kollegen etwas davon erzählt.
Er hat Mandy nicht nur aus der Einflugschneise geholt, sondern buchstäblich von der Straße. Eigentlich ist sie sein Corona-Geschenk, wenn man das so sagen kann. Wenigstens etwas Gutes. Ohne Corona wäre Krämer nie im Leben auf die Idee gekommen, Mandy an seinen Tisch zu bitten, nachdem sie versucht hat, ihm irgendwelchen Plunder zu verkaufen, einschließlich einer Straßenzeitung namens Motz. Aber was blieb ihm anderes übrig? Außer Fine Dining hat das Virus auch Escortservices befallen, weshalb er allein in einer Pommesbude gehockt hat, ebenerdig und zur Straße offen, also wie auf dem Präsentierteller. Alles, was ein kleines bisschen Niveau hatte, war dicht.
Mandy war aus ihrem Zuhause rausgeflogen. So ganz verstanden hat Krämer bis heute nicht, warum. Bill, wie sie ihren Ex nennt, der bestimmt ebenfalls anders heißt, war sie angeblich leid geworden und betrog sie. Mandy erzählte gleich beim ersten Treffen, dass sie ihn deshalb zur Rede gestellt hatte und abserviert worden war. Krämer hatte sie gemustert und sich gefragt, wie ein Kerl, der 20 Jahre älter und viel zu fett war, ein Geschöpf wie Mandy leid werden konnte.
Als er sie kennenlernte, war Mandy so zierlich und zerbrechlich, dass er sich kaum traute, sie anzufassen. Das war auch der Grund, warum sie schließlich ihre Hand auf seinen Oberarm legte, das Universalzeichen dafür, dass man etwas will. Inzwischen hat sie ein bisschen zugelegt, sieht aber immer noch sehr zart aus, besonders neben Krämer.
Das Häuschen, das sie für sich und ihn gefunden hat, liegt inmitten eines geräumigen Innenhofs und ist genau wie sie ein kleines Wunder. Es hat drei Etagen, das Erdgeschoss eingeschlossen, die sich auf höchstens 80 Quadratmeter summieren, unten die Küche, in der Mitte das Bad und oben ein Schlafzimmer mit Balkon. Außerdem gibt es noch eine Terrasse mit kleinem Garten, was bei der Aussicht auf die Altbaufassaden, die ihn von allen Seiten einschließen und überragen, vollkommen skurril wirkt. Dazu kommt, dass man zwei Hinterhöfe durchqueren muss, bevor man Mandys Häuschen erreicht. Ein kleines Spukschloss, denkt Krämer manchmal. Mandy hat Angst, wenn sie die Nacht dort allein verbringt.
All das, sie selbst und ihr Schlösschen, hat auf Krämer lange Zeit so unwiderstehlich gewirkt, dass er geglaubt hat, im Lotto gewonnen zu haben. Bis das Trojanische Pferd seinen Bauch aufgemacht hat und Kevin zum Vorschein kam.
Kevin ist 14 und die Pest, Krämer weiß nicht, wie er mit ihm umgehen soll. Zumal er das Gefühl hat, dass Kevin ihn heimlich beobachtet und ihm Noten gibt. Wer weiß, wie viele fette, alte Kerle er in seinem Leben schon gesehen hat. Trotzdem hält Krämer den Mund. Obwohl er natürlich daran knabbert, dass Mandy kaum noch will, seit ihr Sohn das Schlafzimmer im dritten Stock bezogen hat und Krämer und sie auf einem Ausklappsofa in der Küche kampieren. Mandy sagt, es sei wegen der Aussicht.
»Welche Aussicht?«, hat Krämer gefragt.
»Jeder kann uns zuschauen«, hat sie geantwortet, und da ist was dran.
Wenn man davon absieht, dass Mandy und Krämer, wenn sie auf ihrem Sofa herummachen, das einem übergroßen Mund nachgebildet ist, dabei nicht wie Angelina Jolie und Brad Pitt aussehen.
»Wenn man auf fette, alte Kerle steht, die es mit kleinen Frauen treiben«, hat er gesagt, um Mandy in die Wirklichkeit zurückzuholen.
Und da hat Mandy zum ersten Mal in seiner Gegenwart geweint.
Krämer wusste nicht, wie ihm geschah. Ihr Schluchzen, das gar nicht mehr aufhören wollte und ihren winzigen Körper wie ein Erdbeben geschüttelt hat, hat ihn getroffen. Seitdem weiß er nicht mehr, ob er ihr vielleicht unrecht tut und sie tatsächlich etwas für ihn empfindet. Was er leider nach wie vor völlig unvorstellbar findet. Er ist ja nicht blöd. Aber wer weiß?
Krämer wirft einen Blick zur Seite und merkt erst jetzt, dass Hartenfels die Klimaanlage ausgemacht hat. Stattdessen fahren sie mit heruntergelassenen Fenstern, und die Luft, die zu ihnen ins Fahrzeug strömt, fühlt sich an, als käme sie direkt aus einem Föhn. Zu allem Überfluss hat Hartenfels das Schiebedach geöffnet, und die Sonne heizt den Innenraum des Autos zusätzlich auf. Immerhin tragen sowohl er als auch sein Chef Basecaps. Krämer hat seinen Zopf am Hinterkopf clever hindurch gefädelt, und Hartenfels hat sowieso keine Haare.
»Geht es um Amtshilfe?«, fragt Krämer, um irgendetwas zu sagen.
Er wird nicht einmal mit Hartenfels über Mandy reden, und das Radio laufen zu lassen, ergibt keinen Sinn, weil die Fahrgeräusche bei offenen Fenstern viel zu laut sind. Er muss schreien, damit sein Chef ihn überhaupt hört.
»Der Ermordete hat in Berlin gewohnt«, sagt Hartenfels, und Krämer muss zweimal nachfragen, bis er ihn versteht.
Er runzelt die Stirn. Das rechtfertigt noch lange keinen Ausflug ins Umland, überlegt Krämer. Sinnvoller und angemessener wäre es gewesen, sich in der Stadt umzusehen. Zum Beispiel in der Wohnung des Toten. Bei seiner Familie. Bei seinen Freunden. Das ist Amtshilfe, soweit er weiß.
»Sind wir angekündigt?«, startet er einen neuen Versuch, seinen Chef in ein Gespräch zu verwickeln, aber der antwortet nicht, lässt sich stattdessen warme Luft um die Ohren wehen.
Krämer gibt auf, reden sie eben nicht. Und überhaupt kann es ihm auch egal sein, wie Hartenfels Amtshilfe definiert. Vielleicht wollte er bloß mal raus aus Berlin, was er ihm nicht verdenken kann.
Krämer fährt inzwischen auf der Stadtautobahn und nähert sich der Stadtgrenze. Gleich werden sie ein Stück Straße ohne jede Geschwindigkeitsbegrenzung erreichen, dann will er doch mal sehen, ob sein Chef weiter die Nase in den Wind hält. Für die Basecaps wird es jetzt auf jeden Fall gefährlich.
»Ras nicht so«, knurrt Hartenfels, noch bevor Krämer richtig Gas geben kann, und er flucht innerlich.
Andererseits ist es auch ganz gut, nicht zu schnell zu fahren, denkt Krämer. So schwindlig, wie ihm ist, könnte ihm jederzeit schwarz vor Augen werden.
Also bremst er ab, was zu einem Hupkonzert hinter ihm führt und sogar die LKWs zwingt, ihn zu überholen. Hartenfels scheint es recht zu sein. Irgendwann hat sich der Fahrtwind so weit reduziert, dass sie sich unterhalten können, ohne zu schreien.
»Kennst du Meseberg?«, will Hartenfels wissen, während sie Oranienburg weiträumig umfahren, was Krämer für einen Segen hält.
»Da steht ein Schloss«, antwortet er, »und zwar ein echtes.«
»Gibt es auch unechte Schlösser?«
»Na gleich hier«, sagt Krämer und zeigt an Hartenfels vorbei aus dessen Fenster.
Das Oranienburger Schloss sieht zwar von außen aus wie ein Schloss, ist in seinen Augen allerdings bloß eine Attrappe. Er hat es einmal besichtigt und wurde von einer jungen Frau durch ausgewählte Räume geleitet. Im Rest sind Büros und Verwaltung untergebracht, glaubt er sich zu erinnern, gesehen hat er es nicht. Ganz nett ist der Park hinter dem Schloss.
»Meseberg ist zwar echt, aber das bringt einem auch nichts«, stellt Hartenfels fest.
»Stimmt«, meint Krämer, der ahnt, worauf sein Chef hinauswill.
Schloss Meseberg ist zwar nach allen Regeln der Kunst wiederhergestellt, jedoch für die meisten Menschen nicht zugänglich – abgesehen von ein, zwei Tagen pro Jahr. Der Betrieb als Gästehaus der Bundesregierung erfordert den Ausschluss der Öffentlichkeit.
»Also so wie ganz früher«, meint sein Chef, den er jetzt noch viel besser versteht, weil die Autobahn zu Ende ist und sie über Landstraßen zuckeln.
»Wie ganz früher?«, fragt er trotzdem.
»Ganz früher durfte doch auch niemand in ein Schloss. Außer ein paar Adlige natürlich.«
So gesehen hat Hartenfels recht. Die DDR war nicht nur in dieser Hinsicht bloß ein Intermezzo.
»Ich glaube, es gab vor der Wende ein Konsum im Schloss. Oder war es an das Schloss angebaut?«, hört er Hartenfels.
Es klingt, als würde sein Chef mit sich selber reden, das kennt Krämer von ihm. Als Hartenfels dann jedoch darüber sinniert, dass gegen diese bürgernahe Nutzung von früherem Großgrundbesitz nichts einzuwenden gewesen wäre, hätte man alles nur ein bisschen besser in Schuss gehalten, geht er Krämer langsam auf die Nerven. Will er etwa die DDR zurück? Das Volk hatte im Sozialismus doch allein deshalb Zugang zum Schloss, weil es eine Ruine war.
»Ich glaube, Schloss Meseberg ist komplett eingezäunt«, sagt Krämer.
»Wir werden ja sehen«, brummt Hartenfels, kramt sein Handy aus der Hosentasche und prüft den Empfang.
Anscheinend hat er nie davon gehört, dass Brandenburg ein Funkloch ist.
Hartenfels zweifelt längst daran, dass es eine gute Idee war, Krämer mitzunehmen. Sein Kollege macht einen furchtbaren Eindruck, die Hitze scheint ihn noch mehr mitzunehmen als ihn selbst. Dabei ist es weniger seine Gesichtsfarbe, die Hartenfels beunruhigt – rot ist Krämer immer, was er mit seinen Tabletten gegen Bluthochdruck erklärt –, es ist eher dieses seltsame Augenblinzeln, das neu ist und gar nicht aufhören will. Außerdem schüttelt Krämer alle paar Minuten den Kopf, unabhängig davon, worüber sie sprechen. Irgendetwas scheint ihn grenzenlos zu überfordern.
Hoffentlich sieht er überhaupt richtig, denkt Hartenfels, schließlich fährt Krämer ja den Wagen.
Mehr, um sich vom Zustand seines Partners abzulenken, surft Hartenfels im Internet – beziehungsweise er würde im Internet surfen, wenn der Empfang es hergäbe. So bleibt es bei sporadischen Treffern. Eine breit in den Wald geschlagene Schneise, die sie passieren, schenkt ihm ein Ergebnis zu Schloss Meseberg.
»Eine Stiftung hat dort alles renoviert«, informiert er Krämer, der sich jetzt mit der Hand die Augen knetet. Hartenfels kann gar nicht hinsehen, so weh tut ihm der Anblick.
Was immer Krämer hat, davon wird es bestimmt nicht besser.
»Messerschmitt-Stiftung«, sagt er mehr zu sich selbst, aber Krämer springt darauf an.
Vielleicht ist es gut, wenn er ihn ein bisschen ablenkt. Wovon auch immer.
»Das waren doch Flugzeuge, oder?«, fragt er.
»Genau«, stimmt Hartenfels zu, der im Technikmuseum mal eins dieser sogenannten Strahlflugzeuge gesehen hat, die damals den Endsieg bringen sollten. Auch so eine vermeintliche Geheimwaffe der Nazis, die nichts an ihrer Niederlage geändert hat.
»Und so merkwürdige Autos«, hört er Krämer.
»Menschen in Aspik.« Hartenfels muss lachen, als er an den Messerschmitt-Kabinenroller denkt.
Davon steht ebenfalls ein Exemplar im Technikmuseum, und es ist in der Tat wie das Goggomobil und die Isetta durch Nachkriegsdeutschland gerollt. In keins dieser Fahrzeuge hätte Hartenfels hineingepasst. Und wenn doch, wäre er im Leben nicht mehr herausgekommen.
»Stimmt«, meint Krämer, als sein Chef den Gedanken mit ihm teilt, und fügt hinzu, dass ihn das genauso betrifft.
Dabei hat er abgenommen, denkt Hartenfels, wahrscheinlich wegen dieser Diät, von der er immer erzählt.
Ihren Namen hat Hartenfels vergessen, was egal ist, weil sie ihm nicht bekommt. Er hat sie einmal ausprobiert und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, was bei seinem Beruf fatal ist. Man könnte es auch letal nennen.
»Das ist ja verrückt«, sagt er zu Krämer, nachdem ihm eine weitere Schneise kurzzeitig Empfang und damit neue Informationen auf seinem Handy beschert hat. »Dieser Messerschmitt muss ein 150-prozentiger gewesen sein.«
»Wieso?«, will Krämer wissen und lässt endlich von seinen Augen ab, kneift sie aber bedenklich stark zusammen.
»Der ist nach dem Krieg nach Spanien zu Franco gegangen, um dort weiter Flugzeuge zu bauen. Und dann nach Ägypten«, staunt Hartenfels.
Besonders entrüstet wirkt Krämer nicht, Hartenfels tut er fast ein bisschen leid. Sein Kollege hat in seinen vielen Dienstjahren alles Denkbare gesehen und ist entsprechend abgebrüht. Das Problem ist nur, dass man schlechte Gefühle nicht wegsperren kann, ohne auch die guten zu verlieren.
Hartenfels findet Messerschmitts Lebenslauf schockierend.
Er versucht herauszufinden, was es mit dieser Stiftung, die seinen Namen trägt, auf sich hat. Er liest, dass sie sich um den Erhalt deutscher Kulturgüter kümmert, wovon viele nicht in Deutschland, sondern auch in angrenzenden Ländern liegen. Hartenfels überfliegt eine Liste und stößt unter anderem auf ein Hotel in Siebenbürgen, ein Herrenhaus in Tirol, noch ein Hotel in Budapest, eine Kirche in Prag und einen Palast in St. Petersburg.
Als er dann liest, dass die Messerschmitt-Stiftung Schloss Meseberg für 25 Millionen saniert und der BRD für jeweils einen Euro im Jahr für 20 Jahre vermietet hat, bleibt ihm die Spucke weg.
»Für einen Euro?«, hakt Krämer nach. Ohne zu fragen, schnappt er sich Hartenfels’ Handy, nimmt es ihm einfach aus der Hand. »Interessant«, sagt er, hält seinem Chef das Smartphone entgegen, als ob der auf die Entfernung auch nur ein Wort lesen könnte, »irgend so ein Heinrich hat den Bunker da«, er meint wohl das Schloss, denkt Hartenstein, »früher mal seinem Kerl geschenkt, Kaphengst hieß der.«
»Seinem Kerl?«
»Die waren ein Paar, Hartenfels.« Krämer scrollt weiter auf dem Handy, verwünscht laut den schlechten Empfang, weshalb alles furchtbar lange dauert, und findet schließlich, was er sucht. »In Rheinsberg, da ist auch so ein Schloss«, erklärt er.
»Ich weiß, was in Rheinsberg ist«, unterbricht ihn Hartenfels, der Krämer heute reichlich übergriffig findet.
»Jedenfalls konnten Prinz Heinrich und Kaphengst sich da nicht mehr ausleben und haben sich deshalb hierher zurückgezogen. Glaub mir, mit so etwas kenne ich mich aus.«
»Wieso«, will Hartenfels wissen, »bist du homosexuell?«
»Quatsch«, schnappt Krämer, »ich weiß bloß, was es bedeutet, wenn jemand irgendwo umsonst wohnt.«
Mein Gott, denkt Krämer, während sie den Parkplatz verlassen, auf dem er den Wagen abgestellt hat, Hartenfels ist manchmal wirklich naiv.
Bevor er Mandy kennengelernt hat, hat er mehr als einmal darüber nachgedacht, ob es nicht nett wäre, einer von den Escortdamen ein kleines Appartement zu spendieren, um die Sache zu vereinfachen.
Das herausgeputzte Schloss taucht vor ihnen auf. Sieht ja aus wie Schöner Wohnen, denkt er. Schöner Wohnen für Prinzen und Prinzessinnen, versteht sich.
Und dann die Straße! Weil Hartenfels nicht mit ihm redet – ob er beleidigt ist, weil ich ihm sein Handy einfach aus der Hand genommen habe, überlegt Krämer –, betrachtet er den sanft geschwungenen Teerstreifen, der von schicken Pflastersteinen eingefasst wird und in das kleine Dorf, durch das er führt, so wenig passt wie eine Allee mitten in den Wald. Jede Wette, dass kaum einer der Anwohner in der Lage war, die Erschließungskosten zu stemmen.
Auf einer Hinweistafel stehen einige Informationen über die früheren Besitzer des Schlosses und die Stiftung, die es nach der Wende saniert hat. Sogar dieser Messerschmitt ist erwähnt, aber kein Wort über das, was Hartenfels ihm eben erzählt hat. Bloß dass der Mann ein genialer Flugzeugkonstrukteur gewesen ist, liest Krämer. Er weist seinen Chef darauf hin, der kurz stehen bleibt und ein paar Worte knurrt.
Der Zaun fällt Krämer ins Auge, beziehungsweise die zwei Zäune, wie er bei genauem Hinsehen feststellt. Ein alter Zaun ziemlich nah am Schloss und ein neuer weiter vorn, der groß und martialisch ausgefallen ist, fast so, als würde er ein Gefängnis sichern. Was diesem neuen im Vergleich zu dem alten Zaun an Charme fehlt, ob Biedermeier oder Jugendstil, so bewandert ist Krämer da nicht, kann auch Barock sein, gleicht er mit Überwachungstechnik aus. Krämer sieht Kameras und Mikrofone, wohin er schaut. Hier wurde nicht gekleckert, hier wurde geklotzt. Weil ja auch das ganze Personal dazukommt, das solch ein Equipment nach sich zieht, mag sich Krämer gar nicht vorstellen, was das gekostet hat und noch kostet.
Aber immerhin haben sie das Schloss ja für einen Euro bekommen, denkt er und grinst.
»Dort lang«, gibt Hartenfels endlich etwas von sich. Sein Handy hat er vehement zurückverlangt, um mit Berlin zu telefonieren, und trägt es nun wie einen Kompass vor sich her.
»Wo geht’s da hin?«, fragt Krämer.
»Zum Mausoleum.«
»Und was ist da?«
»Die Leiche.«
Das passt ja, findet Krämer.
Sie folgen einer neu errichteten Mauer, die ebenfalls mit Kameras und Mikrofonen gespickt ist, um nach wenigen Metern Wasser zwischen Bäumen hindurchglitzern zu sehen. Bevor sie den See erreichen, macht Krämer an einer kleinen Öffnung halt, die in die Mauer eingelassen ist und einen Blick in den Park erlaubt, der zwischen ihm und dem Schloss liegt. Er sieht ein paar Gärtner, die Wege rechen oder Rasen mähen, ansonsten ist die Anlage menschenleer. Dabei ist sie riesig, was ohne Besucher steril auf Krämer wirkt.
Ein Garten, der ihn an einen Hochsicherheitstrakt erinnert, so etwas ist ihm auch noch nicht begegnet.
Er wendet sich ab, um Hartenfels hinterherzuhasten, der unbeirrt seinem Handy folgt.
Hoffentlich haben die Kollegen in Berlin ihm die richtigen Koordinaten gegeben.
Weil Krämer einmal mehr ein Schwindel packt und er kurz verschnaufen muss, erreicht er erst eine Weile nach Hartenfels ein kleines Rondell, in dessen Mitte eine Art Grabmal steht, bei dem es sich bestimmt um besagtes Mausoleum handelt. Rotes Flatterband ist rings um die Wiese gespannt, zwei Beamte in Uniform und eine Frau stehen neben Hartenfels. Krämer beeilt sich, aufzuschließen, stolpert fast, weil er den Blick nicht von ihr lassen kann: Groß gewachsen ist sie und trägt ihre schwarzen Haare lang und glatt. Gerade gibt sie Hartenfels die Hand, wendet sich dann Krämer zu, der immer noch um sein Gleichgewicht kämpft.
Sieht ein wenig asiatisch aus, findet er und denkt kurz an Mandy. Auf jeden Fall hat die Frau sehr hohe Wangenknochen und verdammt schmale Augen. Sie trägt ein rotes Jackett mit schwarz abgesetztem Revers und eine dunkle Hose.
Als ginge sie zur Jagd, denkt er, was wahrscheinlich stimmt.
»Balint«, stellt sich die Frau vor, »LKA 12.«
Die beiden Uniformierten sehen neben ihr wie Statisten aus.
Bevor irgendjemand fragen kann, was sie hier macht, erklärt Balint, dass sie den Vermisstenfall des Mannes untersucht, der genau dort, sie zeigt auf die Stufen des Mausoleums, auf denen die Umrisse einer Person nachgezeichnet wurden, ermordet aufgefunden worden ist.
»Und wo befindet er sich jetzt?«, will Hartenfels wissen.
»Im Rahmen der Amtshilfe«, sie nickt Hartenfels zu, was auf Krämer ein bisschen gönnerhaft wirkt, »habe ich seine Leiche statt nach Potsdam nach Berlin in die Gerichtsmedizin schaffen lassen.«
Also zu Petersen, denkt Krämer, na prima.
»Ist denn der Tatort gesichert?«, fragt Hartenfels.
»Natürlich«, antwortet die Frau und lächelt, wodurch ihre Augen noch schmaler werden, »sonst hätte ich Sie nie im Leben einfach so hierher gelassen.«
Krass, findet Krämer, da versteht jemand etwas von Dominanz.
»Und wer hat die Leiche gefunden?« Hartenfels gibt sich unbeeindruckt.
»Der Dorfwirt.«
»Haben Sie ihn schon vernommen?«
»Er hat den Toten identifiziert, weshalb Sie und ich«, sie zeigt auf sich und Hartenfels, »überhaupt hier sind.«
»Und?«
»Ich denke, dass wir so schnell wie möglich nach Berlin zurückfahren sollten«, sagt Balint und entfernt sich bereits, »soweit ich gesehen habe, wirft die Leiche jede Menge Fragen auf.«
»Was ist mit der Überwachung überall auf dem Areal?«, ruft Hartenfels ihr nach, der offensichtlich keine Lust hat, gleich wieder abzureisen.
»Sie ist irgendwann in der Nacht ausgefallen.« Balint marschiert einfach weiter.
Hartenfels blickt erst die zwei Brandenburger Kollegen, danach Krämer an, zuckt die Achseln und folgt ihr schließlich.
Diesen Schlagabtausch hat er verloren.
So schnell gibt Hartenfels nicht auf. Er beeilt sich, zu Balint aufzuschließen. Da er schwer und massig ist, dauert es allerdings fast bis zum Parkplatz, bevor er das Gespräch mit ihr fortsetzen kann. Und auch da läuft er erst eine Weile neben ihr her, um wieder zu Atem zu kommen.
»Was wissen Sie über den Toten?«, fragt er.
Wenn Balint die Vermisstensache bearbeitet hat, wird sie das eine oder andere herausgefunden haben.
Balint dreht sich zu Hartenfels um und sieht ihn an. Ihre Augen sind sehr dunkel, fast schwarz, lesen kann er nichts in ihnen. Und da ist noch etwas, das Hartenfels irritiert. Balints Gesicht wirkt vollkommen unbeweglich, fast maskenhaft, was nicht nur für den Moment zu gelten scheint. Wie sonst lässt sich erklären, dass sie absolut keine Falten hat? In Falten liest Hartenfels normalerweise die Geschichte eines Menschen, seinen Frust, seine Angst und natürlich seinen Sinn für Humor. Das alles geht bei Balint nicht.
»Der Mann heißt Gerhard Baumkötter, er war Single und wohnhaft in Berlin, hat sich aber regelmäßig in Meseberg aufgehalten«, sagt sie und legt ihre Hand auf den Türgriff ihres Wagens, der gar nicht weit von Hartenfels’ Fahrzeug entfernt steht.
»Was wollte er denn hier?«, fragt Hartenfels, der sich vor sie gestellt hat und endlich wieder normal atmen kann. Das Schnaufen, das er hört, stammt folglich nicht von ihm. Auch ohne sich umzudrehen, weiß Hartenfels, dass Krämer zu ihnen aufgeschlossen hat.
Sehr gut, denkt er, dann brauche ich später nicht alles für ihn zu wiederholen.
»Baumkötter hat für die Messerschmitt-Stiftung gearbeitet und war für die Restaurierung des Schlosses zuständig«, erklärt Balint gerade.
»Die ist doch längst beendet, oder?«, hakt Hartenfels nach.
»Ja und nein. Schloss Meseberg scheint so etwas wie das Referenzobjekt der Stiftung zu sein. Sie zeigen es gern, würde ich sagen. Baumkötter hatte manchmal zwei- oder dreimal in der Woche Termine vor Ort. Deshalb ist es überhaupt so schnell aufgefallen, dass er vermisst wird.«
»Wieso?«
»Er ist zu einem dieser Termine nicht erschienen, was ungewöhnlich für ihn war. Soweit ich weiß, galt er als sehr zuverlässig.«
»Und sonst? Was haben Sie sonst noch herausgefunden?«
»Es gab Stress.«
»Stress mit wem?«
»Mit den Dorfbewohnern.« Balint macht eine unbestimmte ausladende Bewegung, und Hartenfels sieht auf die kleinen Häuschen, die längs der pflastergesäumten Prachtstraße liegen und sich von dem ganzen Prunk nicht beeindrucken lassen.
Hartenfels zieht die Augenbrauen hoch.
»Wegen einer Schweinezucht.«
»Einer Schweinezucht?«
»Die hat es hier immer schon gegeben, jedoch war sie wohl vorübergehend stillgelegt worden. Irgendein Problem mit den Eigentumsverhältnissen nach der Wende, glaube ich.«
»Ja und?«
»Noch während der Restaurierung des Schlosses wurde die Schweinezucht wieder hochgefahren. Je nachdem, wie der Wind steht, riecht es deshalb in der Gegend wie direkt hinter einem Güllewagen.«
»Und was hat das mit unserem Toten zu tun?«
»Baumkötter hat die Dorfbewohner daraufhin undankbar genannt. Es ging so weit, dass er seinen Arbeitern den Besuch der ortsansässigen Gaststube verboten hat.«
Heile Welt sieht anders aus, denkt Hartenfels.
»Woraufhin der Betreiber dieser Kneipe im Dorf Plasteschweine aufgestellt hat.«
Hat Balint »Plasteschweine« gesagt? Wenn das kein Zitat war, stammt sie wohl aus den neuen Bundesländern, vermutet Hartenfels.
»Warum das denn?«, fragt er.
»Um zu zeigen, was wirklich zu Brandenburg gehört.«
»Und das wäre?«
»Ackerbau und Viehzucht statt Feudalismus.«
»Sagen Sie mal …« Hartenstein wundert sich selbst, wie lange er braucht, um eins und eins zusammenzuzählen, das ist einfach nicht sein Tag heute. »War das etwa dieser Gastwirt, der den toten Baumkötter gefunden hat?«
»Paul Schrader, genau.« Balint verzieht weiterhin keine Miene, nickt bloß vehement.
»Und wie oft ist Ihrer Erfahrung nach derjenige, der eine Leiche findet, selbst der Täter?«
»Oft.« Balint scheint genug von diesem Gespräch zu haben, jedenfalls öffnet sie die Tür zu ihrem Wagen.
»Dann sollten wir so schnell wie möglich mit ihm reden, oder?«
»Sehen Sie sich erst die Leiche an.« Balint sitzt schon.
Irgendwie dreht sich die Unterhaltung im Kreis, findet Hartenfels.
»Sagen Sie mir doch, was mit ihr los ist«, fordert er Balint auf, »das spart uns viel Zeit.«
»Das kann ich Ihnen nicht beschreiben, das müssen Sie sehen.« Die Tür knallt zu, der Motor springt an, und Balint fährt los.
Hartenfels überlegt, ob er gleich zu diesem Dorfwirt gehen soll, entscheidet sich jedoch dagegen. Er will den neuen Fall, der gerade anfängt, vor seinen Augen Gestalt anzunehmen, nicht gleich mit einem Affront beginnen. Balint wird ihre Gründe haben, ihm unbedingt als Erstes die Leiche zeigen zu wollen.
Hartenfels fragt sich natürlich, was ihn da erwartet. Obwohl er die Toten längst nicht mehr zählen kann, die ihm während seiner Arbeit untergekommen sind, ist er angespannt. Balints Andeutungen setzen ihn mächtig unter Druck. Er ist zwar mit Petersen, dem Rechtsmediziner, befreundet, doch die Aussicht auf das angekündigte Spektakel in dessen Obduktionssaal, droht ihm auf den Magen zu schlagen. Balint hingegen scheint es überhaupt nicht zu stören, ganz im Gegenteil. Hartenfels weiß nicht, wie er das einordnen soll. Ist sie so abgebrüht oder gibt sie sich nur so?
Eigentlich nichts, zwischen dem ich wählen möchte, überlegt er, ruft sich dann zur Ordnung. Kein Schubladendenken. Schubladendenken ist nicht nur bei den Ermittlungen schlecht.
Er dreht sich um und sieht Krämer an, der die ganze Zeit hinter ihm gestanden hat, das Gesicht dunkelrot und schweißüberströmt.
»Wollen wir, Chef?«, fragt sein Kollege, und bevor Hartenfels es verhindern kann, nimmt Krämer wieder hinter dem Steuer Platz, offenbar entschlossen, keine weitere Schwäche zu zeigen. Ihn jetzt auf den Beifahrersitz zu schicken, käme einer Demütigung gleich.
Hartenfels seufzt und steigt ebenfalls ein.
Es ist inzwischen Mittag geworden und Hartenfels betrachtet durch das offene Fenster die gewaltige Ambosswolke, die über Meseberg hängt. Kein Blättchen rührt sich, die Natur scheint den Atem anzuhalten.
Die Ruhe vor dem Sturm, denkt Hartenfels. Er fühlt sich genauso.
Wo um Himmels willen ist Krämer bloß hingefahren?
Ganz in Gedanken ist Hartenfels gar nicht aufgefallen, dass sein Kollege offenbar einen anderen Weg als auf der Hinfahrt eingeschlagen hat und mitten durch den Wald kurvt. Auf einer Straße, die nur zur Hälfte befestigt ist. Hartenfels sieht ein schmales Band Katzenkopfpflaster und daneben märkischen Sand.
Ein alter Kutschweg, denkt er, hier derart schnell zu fahren, ist mehr als sportlich.
Entsprechend schlingert der Wagen, und Krämer kommt aus dem Gegenlenken gar nicht mehr heraus.
»Wo fährst du denn lang?«, fragt Hartenfels und merkt selbst, dass er ein bisschen schrill klingt. Er will nicht an einem Baum landen.
»Prima Schleichweg oder?«, antwortet Krämer, der schon wieder angefangen hat, seine Augen zu kneten, was zu einhändigem Gegenlenken führt.
»Pass doch auf«, kommentiert Hartenfels einen besonders heftigen Schlenker.
»Reg dich ab«, sagt Krämer, »Kaphengst ist hier nachts gefahren.«
»Wer?«
»Na der Typ von diesem Heinrich.«
»Woher willst du das denn wissen?«
»Weil es die direkte Verbindung von Meseberg nach Rheinsberg ist.«
»Ist es auch die direkte Verbindung nach Berlin?«
»Sowieso«, Krämer grinst Hartenfels an, »jede Wette, dass wir als Erste bei unserer Leiche sind.«
Zweiter Weltkrieg, Werk Tanne
Es ist schon dunkel, aber die Produktion läuft weiter, läuft die ganze Nacht. Weil es tagsüber geregnet hat, ist es feucht und er muss sich vorsehen. Das Wasser, das von den Bäumen tropft, brennt. Er zieht sich den Hut tiefer ins Gesicht, die Brille wird seine Augen zusätzlich schützen.
Gestern sind wieder Flugzeuge abgestürzt, er kann es nicht verstehen. Der Generalinspekteur der Luftwaffe Milch, der ihn noch nie leiden konnte und ihm schon immer Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, hat sich wieder einmal aufgespielt. Auch der Generalluftzeugmeister der Wehrmacht Udet hat ihn angegangen.
Ein Zweig peitscht nach vorn und trifft seine Hand, was wirklich unangenehm ist.
Sie sagen, die Abstürze hätten mit den Veränderungen zu tun, die er angeordnet hat. Der Rumpf sei zu kurz, das Fahrgestell zu klein. Aber er hat alles durchgerechnet. Immer wieder. Tausendmal und mehr. Es kann nicht sein.
Wahrscheinlich sind die Piloten zu unerfahren, genau wie vor zehn Jahren. Wie sonst war der Absturz der M20 zu erklären? Da gab es keine technischen Fehler. Niemals. Trotzdem hat die Luft Hansa seinerzeit alle Bestellungen storniert, was er natürlich vor Gericht verhindert hat. Seitdem gibt es ja den Ärger mit Milch, der damals noch Chef der Luft Hansa war.
Selbstverständlich bedauert er die toten Piloten und Passagiere, aber wichtiger ist die Frage, was zu den Abstürzen geführt hat. Es ergibt keinen Sinn, über das, was passiert ist, das zu vergessen, was kommt. Unter egal welchen Umständen wird er stets das Bestmögliche wollen. Was auch neue Arbeitskräfte einschließt, jetzt, wo er wieder auf dem Weg nach oben ist. Trotz der vielen Abstürze.
Die Wunderwaffe und sein Strahlflugzeug, das sie trägt.
Was soll man machen, wenn es keine regulären Arbeitskräfte mehr gibt? Aufhören? Er lacht rau, hat endlich die ersten Gebäude erreicht, deren Dächer mit Grünzeug bewachsen sind, Moos, Gras, hier und da kleine Bäumchen. Überhaupt befindet sich die ganze Anlage zur Tarnung mitten im Wald.
Er bleibt stehen, um sich zu orientieren, denn alles sieht gleich aus. Selbst die gezackten Ränder der Dächer wiederholen sich, damit man sie von oben nicht erkennen kann. Alles ist erlaubt, nur keine geraden Linien.
Er ist tatsächlich von der Firmenleitung entbunden worden. Na und? Jetzt kann er sich voll seiner Planung widmen und Druck machen. Druck machen, dass man ihm Leute heranschafft, die bauen, was er entwirft. Doch es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
Er muss nachrechnen. Das hat er natürlich schon, aber trotzdem. Ohne nachgerechnet zu haben, ist an Schlaf nicht zu denken. Es wird sowieso immer schwieriger, zur Ruhe zu kommen. Er braucht jetzt Ruhe, braucht sie mehr denn je.
Dort irgendwo muss es sein. Von allen Seiten hört er inzwischen Maschinenlärm, der kaum noch gedämpft wird, weil er sich innerhalb der Schutzwälle bewegt. Zwei Produktionslinien gibt es, und beide sind voll hochgefahren. Eigentlich ist alles doppelt, damit eine Linie für die andere einspringen kann, falls etwas passiert. Tatsächlich reicht eine Linie längst nicht mehr, reicht genauso wenig wie die alte Flugzeugtechnik. Die neue ist von ihm.
Wenn bloß genug Arbeiter da wären. Hier im Werk Tanne scheint es besser zu laufen als in seinen Fabriken. Wenn alle Arbeiter an der Front sind, müssen eben andere herbeigeschafft werden. So ist das. Er hat sich das nicht ausgedacht, versucht lediglich, bestmöglich mit den Gegebenheiten klarzukommen. Was ihn auszeichnet.
