Kreuzberger Leichen - Dieter Hombach - E-Book

Kreuzberger Leichen E-Book

Dieter Hombach

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Beschreibung

Eine Leiche im tief verschneiten Viktoriapark ruft den Berliner Kommissar Hartenfels auf den Plan. Der Mann, der den Toten gefunden hat, meldet gleichzeitig seine Frau als vermisst. Ein merkwürdiger Zufall? Hartenfels, erfahrener Kommissar und Liebhaber deutscher Hausmannskost, glaubt nicht an Zufälle. Bei seinen Ermittlungen stößt er auf ein altes Verbrechen, eine hohe Summe Bargeld und eine mysteriöse Buchhandlung. Aber wie hängt all das miteinander zusammen?

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Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dieter Hombach

Kreuzberger Leichen

Kriminalroman

Zum Buch

Kalter Tod Kommissar Hartenfels und sein Team sollen herausfinden, was es mit dem Toten vom Viktoriapark auf sich hat. Wie in jedem Team müssen unterschiedliche Menschen ihre Stärken und Schwächen zusammenbringen. Da gibt es den Gerichtsmediziner Petersen, der durch seinen Hang zu esoterischen Spekulationen immer wieder für Aufregung sorgt. Besonders bei Krämer, dem Dienstältesten, der auch so schon Bluthochdruck hat und außerdem eine Vorliebe für gutes Essen, weshalb er immer knapp bei Kasse ist. Neben ihm wirkt die Verhörspezialistin Unger, lange blonde Haare und zierliche Gestalt, wie ein magersüchtiger Engel, doch wer sie deshalb unterschätzt, hat schon verloren. Ihre Kollegin Reschke ist für Tatortfotografie zuständig, kann jede Leiche lebendig machen, treibt Kampfsport und bewundert Helmut Newtons Frauenbilder. Und dann ist da noch Neuzugang Baumann, der Hintergründe recherchiert, Berichte schreibt und alle mit seinen Ansichten zu Recht und Ordnung in Gefahr bringt.

Dieter Hombach, geboren 1953 in Köln, lebt seit 40 Jahren in Berlin. Der promovierte Philosoph arbeitete in der Geschäftsführung eines Medienbeobachtungsunternehmens und führte gemeinsam mit seiner Frau 17 Jahre eine eigene Buchhandlung. Er liebt Hard-Rock-Konzerte, Hunde und reist immer wieder nach Asien, Australien und Brandenburg. Neben wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte er bereits mehrere Kriminalromane.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © derProjektor / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6926-8

 

 

1. Kapitel

Hartenfels tritt aus der Haustür und wird fast überfahren. Der Mann am Lenkrad des Schneeräumfahrzeugs scheint an einer Rallye teilzunehmen, Hartenfels sieht ihm voller Bewunderung nach.

Der driftet doch, denkt er, anders ist eine solche Kurventechnik nicht zu erklären.

Das kleine Ding mit der großen Bürste schlingert um Laternen und Bäume, vollzieht 180-Grad-Wendungen, stößt vor und zurück, ganz wie ein Spielzeug, das bis zum Anschlag aufgezogen wurde.

In den letzten Wintern konnte man sich mit Schneebeseitigung eine goldene Nase verdienen, so wenig hat es geschneit. Ob die Glückssträhne dieses Jahr reißt, ist noch nicht abzusehen, immerhin ist es erst Januar, wenn auch der erste Schnee. Wie Fitnessstudios, denkt Hartenfels. Sobald alle trainieren würden, die ein Abo haben, bräche die Bude zusammen.

Der Wagen, der Hartenfels fast erwischt hätte, rumpelt vom Bürgersteig auf die Straße und beschleunigt, Hartenfels hätte nie gedacht, dass das möglich wäre. Wahrscheinlich ist das Teil frisiert.

Hartenfels läuft ein paar Schritte und stellt fest, dass sich der Schnee da, wo er geräumt wurde, in eine feste Masse verwandelt hat, die spiegelglatt ist, woran die halbe Tonne Split nichts ändert, die auf ihr liegt. Er schliddert dem U-Bahnhof entgegen.

Hartenfels fährt nur mit dem Auto, wenn es sich nicht vermeiden lässt, bei Schnee erst recht nicht. Fünf Flocken und auf den Straßen Berlins herrscht Krieg. Am Hohenzollerndamm gibt es ein Hupkonzert, weil an der Ampel, die Hartenfels benutzt, ein Mercedes nicht von der Stelle kommt, dabei ist es ein SUV.

Wahrscheinlich mit Sommerreifen, denkt Hartenfels und umgeht das Ungeheuer, immer darauf bedacht, sich von seinem Heck fernzuhalten, das bereits mehrfach ausgebrochen ist. Bei glatter Fahrbahn Vollgas zu geben, ist keine gute Idee.

Hartenfels läuft die Treppe nach unten, während ihm der Geruch von nasser Kleidung entgegenweht. Er ist nicht der Einzige, der heute auf das Auto verzichtet, was dazu führt, dass im öffentlichen Nahverkehr das blanke Chaos herrscht. So voll wie der Bahnsteig ist, ist schon mehr als ein Zug ausgefallen. Hartenfels wird von hinten geschoben und quetscht sich Meter um Meter voran. Weil er groß und massig ist, kann er einfach irgendwo stehen bleiben, Personen mit kleinerer Statur haben weniger Glück. Er kommt sich wie ein Fels in der Brandung vor. Er teilt den Menschenstrom, der sich auf den Bahnsteig ergießt.

Hartenfels sehnt sich nach einem Zug und hat gleichzeitig Angst vor ihm, noch mehr Gedränge ist kaum zu ertragen. Über Lautsprecher ertönt die Ansage, dass der einfahrende Zug überfüllt sei, aber gleich nach ihm eine weitere U-Bahn käme, die leer sei, was niemand glaubt. Hartenfels, der sich in Deeskalationstechniken auskennt, fällt auch nicht darauf herein.

Er wirft sich mit der schieren Kraft seines gewaltigen Leibes vorwärts, um eine der geöffneten Türen zu erreichen, und zieht sich in einen Waggon. Vor Hartenfels’ Augen blitzt kurz eine Verladerampe auf, von der aus Menschen in fadenscheiniger Kleidung in bereitstehende Züge geprügelt werden, und ihm bleibt die Luft weg. Er reißt die Augen auf, um sein Hirn davon zu überzeugen, dass er lediglich im morgendlichen Berufsverkehr steckt und nicht auf dem Weg in ein Vernichtungslager.

Die Tür geht zu, und die U-Bahn setzt sich in Bewegung, was dazu führt, dass die Passagiere wie Berliner Klöße in einer Suppenschüssel hin und her schwappen. Hartenfels hält sich an einer Stange fest und spürt, dass sich andere an ihn klammern, was er gewohnt ist.

Für die Fahrt, die sonst zehn Minuten dauert, braucht er über eine halbe Stunde, am Wittenbergplatz steigt er aus und rennt nach oben. Am liebsten würde Hartenfels den Rest des Tages im Freien verbringen, um sich zu erholen. Egal, wie viel Feinstaub in der Luft liegt, er genießt jeden Atemzug.

Es schneit weiter, der Schnee ist inzwischen pappig und feucht. Hartenfels fährt sich mit der Hand über die Glatze und spürt, wie nass sie ist. Sein Handy vibriert. Er mag Handys nicht und muss sich überwinden, den Anruf anzunehmen. Er weiß selbst, dass er Rufbereitschaft hat und längst im LKA sein sollte.

»Ja?« Hartenfels hat in einem Hauseingang Schutz gesucht und hält sich das Handy ans Ohr.

»Wir haben einen Notruf aus Kreuzberg«, sagt der Beamte am anderen Ende der Leitung, »ein Mann meldet seine Frau als vermisst.«

Hartenfels zögert. Für verschwundene Personen ist er nicht zuständig, darum kümmert sich das LKA 12, er ist beim LKA 11. Es ist ungewöhnlich, dass man wegen eines Falls anruft, der nicht in seinen Bereich fällt. Hartenfels’ Rufbereitschaft ist zwar sehr ruhig verlaufen, aber das ist kein Grund für ihn, bei den Kollegen zu wildern.

»Wieso rufst du mich an?«, will er wissen.

»Weil es nicht nur um eine Person geht, die abgängig ist.«

»Um was geht es denn sonst?«

»Der Hund des Mannes, dessen Frau nicht mehr da ist, hat eine Leiche aus dem Schnee gebuddelt.«

Hartenfels reibt sich die Augen. Erst geschieht nichts, dann alles auf einmal.

»Wo in Kreuzberg?«, hakt er nach.

»Im Viktoriapark«, antwortet der Beamte.

Hartenfels sieht den kleinen Berg vor sich, dessen Wiesen im Sommer voller Menschen sind. Wenn er sich richtig erinnert, gibt es sogar einen Wasserfall, den man an- und ausschalten kann.

Je nach Wetterlage, denkt er, im Augenblick ist das Ding bestimmt außer Betrieb.

Ein Blick in den Himmel reicht, um sich da sicher zu sein. Fette Flocken treiben auf ihn zu, er muss blinzeln, um überhaupt etwas zu sehen.

»Und wie passt das zusammen?«, fragt Hartenfels weiter.

»Was?«

»Die vermisste Person und die Leiche.«

»Ich verstehe nicht.«

»Hat der Mann, der angerufen hat, gesagt, in welcher Reihenfolge das passiert ist?«

»Das weiß ich nicht.« Sein Kollege scheint mit Papieren zu rascheln, Hartenfels hört ihn kaum mehr, vielleicht ist auch die Verbindung gestört.

»Hat er zuerst seine Frau vermisst und dann die Leiche gefunden?«

»Du kannst Fragen stellen.«

»Oder haben er und seine Frau die Leiche gemeinsam entdeckt und danach ist sie weg?«

»Also die Leiche ist noch da.«

»Ich meine die Frau.«

»Hm«, ist alles, was Hartenfels als Antwort erhält.

»Vielleicht hat der Typ die Leiche ja nur gefunden, weil er seine Frau gesucht hat«, unternimmt er einen letzten Versuch.

»Sein Hund ist auf die Leiche gestoßen«, lautet die Antwort.

O Gott, denkt Hartenfels, so kommt er nicht weiter.

Es hilft nichts, er muss selber zum Tatort. Es ist schließlich Hartenfels’ Job, Mordfälle aufzuklären. Natürlich steht bislang nicht fest, ob es sich bei der Leiche um ein Mordopfer handelt, aber das wird er herausfinden.

Hartenfels beendet das Gespräch und überlegt, wer aus seinem Team frei ist, um mit ihm zu fahren. Hoffentlich sind wenigstens die Hauptstraßen geräumt, Schneefall kommt jedes Mal völlig überraschend.

Wie Weihnachten, denkt er.

2. Kapitel

Hartenfels hat Reschke beauftragt, ihn zu begleiten, seine Spezialistin für Tatortfotografie. Reschke ist halb so groß wie er und schlank. Ihre Haare trägt sie etwa streichholzlang, was dazu führt, dass sie nicht wie bei einem Igel abstehen, sondern sanft in alle Richtungen kippen. Reschke findet es besser, wenn sich ihre Haare weich anfühlen. Sie streicht sich den Pony gefühlte hundert Mal am Tag aus dem Gesicht und genießt es, wenn er ihr zurück in die Stirn fällt. Reschke hat rote Haare, nicht feuerrot, sondern eher fahlrot, manche Sonnenaufgänge haben diese Farbe, Sonnenuntergänge nicht, die sind zu kräftig. Jeden Morgen tuscht sie sich ihre Wimpern, damit man sie überhaupt wahrnimmt. Sobald sie ihre Wimpern tuscht, werden sie zu einem echten Blickfang, weil sie sehr lang sind.

Reschke ist durchtrainiert, Hartenfels, neben ihr auf dem Beifahrersitz, flößt ihr allein aufgrund seiner Körpermasse Unbehagen ein. Sie kann kaum hinsehen, wenn er im Sommer nur Hose und Hemd trägt. Sie versteht einfach nicht, wie ein Gürtel derart tief ins Fleisch schneiden kann, ohne dass es wehtut. Sollte sie sich einen Gürtel auf diese Weise umschnallen, bliebe ihr sofort die Luft weg. Hartenfels’ Körper muss schon mehr als üppig gepolstert sein, damit sein Gürtel keine lebenswichtigen Organe abklemmt.

Andererseits, und das ist vielleicht noch erstaunlicher, ist Hartenfels schnell und gewandt, kein bisschen behäbig oder gar plump, was in absolutem Kontrast zu seiner Masse steht. Ihm in die Quere zu kommen, ist allein deswegen nicht ratsam. Im Gegensatz zu ihr braucht Hartenfels nicht zu trainieren, um gefährlich zu werden. Er wirft sich auf seine Gegner, das reicht. Unter Hartenfels begraben zu sein, ist das Ende.

Reschke linst zur Seite, ohne den Blick wirklich von der Straße zu nehmen. Heute ist der Verkehr so unberechenbar, dass sie sich keine Ablenkung leisten kann. Trotzdem erkennt sie, dass Hartenfels’ Kleidung völlig aufgeweicht aussieht. Es ist oft der Fall, dass er unpassend angezogen ist. Wie soll ihn eine Lederjacke vor Schneefall schützen? Und dann die Schuhe! Als wollte Hartenfels auf dem Kudamm flanieren. Reschke hofft, dass er damit im Viktoriapark, zu dem sie fahren, den Kreuzberg überhaupt hinaufkommt.

Hartenfels wollte wissen, ob sie sich dort auskenne.

»Und ob ich mich da auskenne«, hat sie geantwortet. Reschke hat nicht umsonst jahrelang auf dem kleinen Berg Silvester gefeiert. Die Aussicht ist wirklich spektakulär. Vor allem wenn man sich ganz oben an dem kleinen Türmchen aufhält, das von Weitem wirkt, als wäre es mindestens die Spitze einer Kathedrale. Seit sie zum ersten Mal auf ihm herumgeklettert ist, um möglichst viel vom Feuerwerk zu sehen, weiß Reschke, dass es sich um ein Denkmal handelt. Natürlich von Schinkel, wir sind ja in Berlin. All das hat sie Hartenfels ziemlich überschwänglich erzählt, was eigentlich nicht ihre Art ist. Irgendwie sind die Erinnerungen an die Nacht der Nächte, die sie noch nie allein verbracht hat, mit ihr durchgegangen. Falls Hartenfels sich gewundert hat, hat er sich nichts anmerken lassen. Er kann überhaupt sehr schweigsam sein, etwas, das Reschke an ihm mag. Normalerweise hält sie selbst lieber die Klappe.

Reschke hat die Großbeerenstraße, die direkt zum Denkmal und dem Wasserfall führt, fast erreicht, muss aber bremsen, weil ein LKW stur neben ihr fährt, weshalb sie keine Chance hat, rechts abzubiegen. Dabei blinkt sie schon eine halbe Ewigkeit.

»So ein Arsch«, zischt Reschke, die Augen im Außenspiegel und halb damit rechnend, dass ihr Hintermann sie rammt. Weil Reschke es nicht toleriert, dass jemand sie blockiert, statt am Reißverschlusssystem teilzunehmen, nutzt sie eine Lücke vor sich aus und beschleunigt, um noch vor dem LKW abzubiegen.

Und jetzt Powerslide, denkt sie, belässt es angesichts der Straßenverhältnisse jedoch lieber bei einem gewagten Schwenk.

Sie ist ja nicht lebensmüde.

Hinter ihr ertönt die Sirene eines Kreuzfahrtschiffs. Der LKW-Fahrer hupt so laut, dass es Reschke regelrecht nach vorn schiebt, Hartenfels stützt sich am Handschuhfach ab. So ist das eben, wenn man ein Zivilfahrzeug fährt. Reschke ist dankbar, dass Hartenfels weiterhin den Mund hält. Er legt die Hand, mit der er sich festgehalten hat, betont beiläufig in seinen Schoß. Das schätzt Reschke an ihrem Chef. Obwohl er selber defensiv und wie eine Schnecke fährt, lässt er sie machen, was sie will. Hartenfels hat ihren Fahrstil noch nie kritisiert, ihre Arbeit genauso wenig.

Reschke wirft einen Blick nach hinten und vergewissert sich, dass ihre Fotoausrüstung bei dem holprigen und regelwidrigen Überholmanöver nicht vom Sitz gefallen ist – alles in Ordnung. Reschke liebt ihre fette Nikon und steht nicht nur beruflich auf Fotografie. Tatortfotografie ist für sie auch Fotokunst. Es vergeht keine Veranstaltung von C/O Berlin, dem Ausstellungshaus für Fotografie direkt am Bahnhof Zoo, die sie nicht besucht. Zwar fand sie es besser, als C/O Berlin noch im Postfuhramt in der Oranienburger Straße beheimatet war, aber das ist Geschichte. Reschke hat die unterirdischen Katakomben und verwinkelten Gänge gemocht, in denen die Ausstellungen damals untergebracht waren. Überall blätterte der Putz ab, fanden sich Wasserflecken und undefinierbare Verfärbungen, was einen irren Gesamteindruck ergab. Farbreste und verwischte Schriftzeichen rankten sich um die Fotos, rohes Neonlicht verlieh ihnen eine martialische Präsenz. Man hätte aus jeder Ausstellung eine weitere Ausstellung machen können, indem man die Fotos samt dem Raum, in dem sie hingen, noch einmalfotografierte. Die Räumlichkeiten des neuen C/O Berlin hingegen sind glatt und geleckt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Reschke seit einiger Zeit immer öfter ins Newton Museum geht, das nicht weit entfernt liegt.

Reschke liebt die »Big Nudes«, die ein Treppenhaus oder ganze Wändeeinnehmen, kann sich an ihnen nicht sattsehen. Ein bisschen kommt es ihr so vor, als sähe sie sich selber nackt im Spiegel. In einer Kleinausgabe natürlich, was nicht allein am Format der Bilder liegt. Doch obwohl Reschke höchstens halb so groß wie die Modelle ist, in die Newton allem Anschein nach wie sie vernarrt war, hat sie eine vergleichbare Figur.

Athletisch passt am besten, findet sie, breite Schultern, flacher Bauch und Läuferinnenbeine.

Dazu besitzen die »Big Nudes« allerdings Brüste, für die Reschke morden würde. Bevor sie die Aufnahmen kannte, wusste Reschke gar nicht, dass eine solche Kombination auf natürlichem Weg überhaupt möglich war. Reschkes Brüste sind klein und fest. Manchmal denkt sie deshalb, dass es besser gewesen wäre, sie hätte die »Big Nudes« nie zu Gesicht bekommen. Reschke hat sich schon gefragt, ob sie sich weniger mag, seit sie auf Newtons Frauen gestoßen ist. Das vielleicht nicht, hofft sie, aber ihre Vorlieben haben sich verändert. Mit einer der »Big Nudes« ins Bett zu gehen, stellt sie sich überirdisch vor.

Reschke zuckelt die Großbeerenstraße entlang. Seit sie abgebogen sind, gibt es so gut wie keinen Verkehr mehr. Alles ist friedlich und still. Nicht einmal ihr Wagen macht noch irgendein Geräusch, weil er über eine geschlossene Schneedecke rollt.

3. Kapitel

Hartenfels steigt aus und versinkt im Schnee. Reschke hat direkt am Viktoriapark angehalten und der stillgelegte Wasserfall, vor dem sie stehen, gleicht einer Schneise, die jemand in die Bäume geschlagen hat. Ginge auch als Skipiste durch, denkt Hartenfels, während er Ausschau nach einer Art Trampelpfad hält, den er nehmen könnte. Mit seinen Halbschuhen will er sich nicht durch 50 Zentimeter Neuschnee quälen.

»Hier lang, Chef«, sagt Reschke und weist auf eine Reifenspur, die in das Parkgelände führt.

Einen Augenblick überlegt Hartenfels, ob sie nicht zurück zum Auto sollten, um ihr zu folgen, muss sich dann aber eingestehen, dass ihr Dienstwagen garantiert stecken bleiben würde. Mit einem Bulli der Bereitschaftspolizei kann er es nicht aufnehmen. Er geht Reschke nach, die bereits einen guten Vorsprung hat.

Weil es weiterschneit, ist für Hartenfels die Umgebung kaum zu erkennen. Als er an einer Art Gehege vorbeikommt, hält er vergeblich Ausschau nach den dort eingesperrten Tieren. Es gibt höchstens ein paar Spuren im Schnee, die von Hühnern oder anderem Geflügel stammen könnten. Hartenfels erinnert sich daran, schon einmal im Sommer dagewesen zu sein und einen Pfau gesehen zu haben, der ein wunderschönes Rad schlug. Dafür ist es heute viel zu nass und viel zu kalt. Hartenfels kennt sich mit dem Balzverhalten eines Pfaus nicht aus, könnte sich jedoch vorstellen, dass es witterungsabhängig ist.

»Früher gab es hier sogar Nutrias«, hört er Reschke, die wie er stehen geblieben ist.

»Nutrias?«, fragt Hartenfels.

»Irgendetwas zwischen Biber und Ratte. Bloß mit ekligen gelben Zähnen.«

Hartenfels weiß nicht, wovon seine Kollegin spricht.

»Haben wir Ossis früher gegessen«, fährt sie fort.

»Und wie schmeckt das?«, will er wissen.

Reschke zuckt nur die Achseln. Mit den Vorlieben ihrer Brüder und Schwestern kennt sie sich allem Anschein nach nicht gut aus.

Kein Wunder, denkt Hartenfels, soweit er weiß, hat sie mit ihren Eltern die DDR schon vor der Wende verlassen.

Sie setzen sich wieder in Bewegung, passieren noch ein Gehege, in dem sie Ziegen entdecken und einen Bär. Ein Bär? Hartenfels kneift die Augen zusammen und ihm wird klar, dass er nicht echt ist. Der Bär ist aus Holz. Er schüttelt den Kopf, betritt endlich freies Gelände, ohne dass es merkbar heller würde. Er erahnt ausgedehnte Wiesen, die steil ansteigen, kann sich aber täuschen, weil seine Sichtweite deutlich unter 20 Metern liegt. Er wischt sich zum x-ten Mal Schnee vom Schädel. Zum Glück sind die Reifenspuren nach wie vor gut sichtbar, die ihn zuvor bereits am Tiergehege vorbeigelotst haben. Noch ein paar Schritte und Hartenfels entdeckt einen Polizeibulli, der mit laufendem Motor mitten im Park abgestellt wurde. Reschke und er halten auf das Fahrzeug zu und bemerken Fußspuren, die von dem Wagen aus nach oben führen. Hartenfels gibt sich Mühe, in sie zu treten, Reschke ist jetzt hinter ihm.

Hartenfels sieht nach oben in eine Sonne, die bleich und kraftlos über ihm schimmert. Wolken jagen vorbei und verdecken sie, dann reißt der Himmel auf. Hartenfels schließt geblendet die Augen, läuft aber weiter, immer höher die Wiesen hinauf. Weil Entfernungen in dem gleißenden Licht nicht leicht abzuschätzen sind, weiß er inzwischen nicht mehr, wo er sich befindet. Er kann nur hoffen, dass die Personen, die vor ihm nach oben gestiegen sind, ein klares Ziel hatten. Am besten den Fundort der Leiche.

Davon angestrengt, bei jedem Schritt aufwärts den Fuß bis zu den Knien anzuheben, macht Hartenfels eine Verschnaufpause und dreht sich um. Er hat schon ein gutes Stück Höhe gewonnen und erkennt die Bäume, die den Park begrenzen. Sogar den Funkturm sieht er. Da keine neuen Wolken die Sonne verdunkeln, bleibt es hell, und auch der Schneefall hört auf. Hartenfels wischt sich ein letztes Mal über den Kopf und wendet sich erneut der steil ansteigenden Wiese zu. Kaum 20 Meter vor ihm kommen Menschen in sein Blickfeld, die bis jetzt nicht zu sehen waren. Hartenfels macht vier Uniformierte aus, wahrscheinlich die Besatzung des Polizeifahrzeugs, und einen Mann in Zivil.

Der Mann ist fast so groß wie er, aber schmal. Hoch aufgerichtet befindet er sich ein Stückchen oberhalb der Beamten und überragt sie mühelos. Die langen Haare hängen dem Mann bis auf die Schultern und er trägt einen schwarzen Hut, dazu einen ebenfalls schwarzen Mantel und Stiefel. Hartenfels geht weiter und lässt die Gestalt nicht aus den Augen. Der Mann spricht nicht, stiert bloß in die Ferne, ohne dass er etwas Besonderes wahrzunehmen scheint. Wässrige Augen von blassem Blau schauen so teilnahmslos, dass Hartenfels eine gewisse Tragik spürt. Den Mann umgibt eine Aura verhaltener Melancholie. Hartenfels erkennt das, weil es Fotos von ihm gibt, auf denen er genauso dreinblickt, und er weiß, wie der Fremde sich fühlt.

Hartenfels schätzt ihn auf gut 50 Jahre. Als er noch näher kommt, fällt ihm auf, dass die Haare, die unter dem Hut des Mannes hervorschauen, grau und recht dünn sind. Hartenfels versteht nicht, warum so viele Menschen die Zeichen der Zeit nicht erkennen. Er selbst hat eine Glatze, höchstens Stoppeln, wenn er keine Zeit zum Rasieren findet. Es ist eine Tugend, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das zeigt, dass man noch Kontakt zur Realität hat. Wer den Kontakt zur Realität verliert, verliert sich in seinen Vorstellungen.

Hartenfels macht die letzten Schritte, nickt seinen Kollegen zu und stellt sich direkt vor den Mann, doch bevor er ihn ansprechen kann, bellt ein Hund. Hartenfels schaut nach unten auf ein großes Tier, das hinter dem Mann im Schnee gelegen hat und gerade aufspringt.

»Sitz«, hört Hartenfels und der Hund befolgt das Kommando, lässt ihn jedoch nicht aus den Augen.

Hartenfels ist so einem Tier nie zuvor begegnet. Es ist schwarz und struppig, hat dunkle Augen, die hinter Fellfransen verschwinden, ist massig und schwer, Hartenfels schätzt gut und gerne 40 Kilo. Das Kreuz breit und die Beine lang, den Schwanz kann er nicht sehen.

»Ihr Hund?«, fragt er.

Der Mann, der trotz des Kommandos, das er gegeben hat, weiter in die Ferne schaut, fokussiert endlich seinen Blick, betrachtet Hartenfels und nickt.

»Zerberus«, sagt er, was dazu führt, dass der Hund die Ohren aufstellt.

Hartenfels weiß gar nicht, wonach er zuerst fragen soll. Der Name des Hundes erscheint ihm genauso grotesk wie seine Rasse.

»Zerberus?«, fragt er.

»Genau«, sagt der Mann, ohne sich von Hartenfels abzuwenden, »nach dem Wächter des Hades aus der griechischen Mythologie.«

»Also ein Höllenhund«, murmelt Hartenfels.

»Ein Mix aus Riesenschnauzer und Wolfshund. Meine Frau nennt ihn Fluffy.«

»Fluffy?«, wiederholt Hartenfels.

Das ist ja mal ein putziger Name für so ein Kalb.

»Hat sie aus Harry Potter, wenn Ihnen das etwas sagt.«

Hartenfels nickt. Wem sagt das nichts?

»Da gibt es diesen Riesen, Hagrid heißt er. Der nennt einen Hund Fluffy, der von Zerberus abstammt und eine genauso furchterregende Optik hat.«

»Apropos Frau«, kommt Hartenfels auf den Grund seines Erscheinens zu sprechen. »Sie haben sie als vermisst gemeldet. Seit wann ist sie denn verschwunden? Außerdem«, er hält dem Mann die Hand hin, »mein Name ist Hartenfels.«

»Meister«, sagt der und schlägt ein, dann legt er seine Stirn in Falten und atmet geräuschvoll aus. »Wir sind zusammen mit Zerberus«, es besteht kein Zweifel, welchen Namen Meister bevorzugt, »wie jeden Morgen Gassi gegangen, und als wir hier die Wiese erreicht haben, ist er plötzlich abgehauen. Wir haben gerufen und gerufen, aber er hat nicht reagiert.«

»Passiert das öfter?«, wirft Hartenfels ein.

»Wenn er eine Spur hat, schon.« Meister nickt und ein wenig Schnee fällt von der Krempe seines Huts. »Eigentlich bleibt einem nichts anderes übrig, als zu warten, bis er wiederkommt.«

»Ist er heute wiedergekommen?«

»Eben nicht. Nachdem ich realisiert hatte, dass Rufen nichts bringt, bin ich hinter ihm her. Weil es so heftig geschneit hat, war ich fast blind, und es war reiner Zufall, dass ich ihn gefunden habe.« Meister dreht sich um und sieht die Anhöhe hinauf, die sich noch gut 50 Meter bis zum Denkmal erstreckt.

Hartenfels folgt seinem Blick und entdeckt inmitten des jungfräulichen Weiß, das alles bedeckt, ein Stück zerwühlten Schnees. Um was genau es sich handelt, kann Hartenfels aus der Entfernung nicht erkennen, aber er denkt es sich. Da liegt die Leiche.

»Da oben?«, fragt er.

»Ja«, antwortet Meister und wendet sich wieder ihm zu. »Zerberus hatte ein Bein ausgegraben und buddelte weiter im Schnee. Ich musste ihn wegzerren, so verrückt hat er sich aufgeführt.«

»Haben Sie die Leiche angefasst?«

Meister blinzelt und Hartenfels denkt zuerst, dass ihm vielleicht eine Flocke ins Auge geraten ist, doch da Meister nicht mehr damit aufhört, ist es wohl ein Tick.

Was macht ihn so nervös, überlegt Hartenfels.

»Ich habe nachgesehen, ob ich noch etwas tun kann«, sagt Meister leise.

»Und«, fragt Hartenfels, »konnten Sie?«

Meister schüttelt den Kopf, nasses Weiß fällt von seinem Hut, rutscht von seinen Schultern.

»Was genau haben Sie unternommen?«, will Hartenfels wissen.

»Ich habe selber gegraben und den Kopf freigelegt. Da war nichts mehr zu machen, das war sofort klar.«

»Mann oder Frau?«

»Wie bitte?«

»Handelt es sich bei der Leiche um einen Mann oder eine Frau?«

»Einen Mann«, sagt Meister und schaut zu Boden.

Hartenfels dreht sich zu den Beamten um, die ein Stückchen unterhalb von ihm stehen und sicher zugehört haben.

»Stimmt«, sagt einer von ihnen.

»Warum habt ihr nichts abgesperrt?«, fragt Hartenfels.

»Weil alles voller Schnee ist, wollten wir erst auf die KTU warten«, erwidert der Beamte. »Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll.«

»Verstehe ich jetzt nicht«, sagt Hartenfels und schaut nach oben.

Die Sonne hat sich erneut hinter dicken Wolken verkrochen, und es fängt schon wieder an zu schneien.

»Deswegen«, sagt ein anderer Beamter und zeigt auf die Flocken, die feucht und schwer an ihnen vorbeitrudeln, »die Leiche ist längst neu zugeschneit, und man kann beim besten Willen nicht sagen, wo unter dem Schnee vielleicht noch Spuren sind. Im Grunde müssten wir den ganzen verdammten Park absperren.«

»Keine schlechte Idee«, meint Hartenfels, »ich würde gleich damit anfangen.«

Die vier Männer sehen sich an und machen sich auf den Weg nach unten.

»Wo bleibt überhaupt die KTU?«, ruft Hartenfels ihnen nach.

»Steckt irgendwo im Stau«, bekommt er zur Antwort.

»Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Frau verschwunden ist?«, wendet sich Hartenfels erneut an Meister.

»Nachdem Zerberus das da«, er zeigt auf die Stelle, wo die Leiche liegt, »gefunden hat, war sie weg.«

»Und vorher?«

»Vorher war sie direkt bei mir. Ich bin los, um Zerberus zu suchen, sagte ich ja bereits. Da habe ich nicht darauf geachtet, ob sie mir gefolgt ist.«

»Haben Sie sie gesucht?«

»Nicht gründlich, wenn Sie das meinen. Ich wollte mich nicht allzu weit von dem da«, er zeigt noch einmal auf die Stelle, wo der Schnee zerwühlt ist, »entfernen. Aber ich habe sie immer wieder gerufen. So weit konnte sie doch gar nicht weg sein, dass sie mich nicht gehört hat.«

»Hat sie ein Handy?«

»Das klingelt zwar, aber sie meldet sich nicht.«

»Hat sie es überhaupt dabei?«

Meister sieht Hartenfels an, seine Augen sind so wässrig, dass sie auch voller Tränen sein könnten. »Ich weiß es nicht«, sagt er.

»Geben Sie mir die Nummer, damit wir versuchen können, das Handy zu orten.«

»Die haben Ihre Kollegen schon weitergegeben.« Meister blinzelt und legt seine Stirn erneut in Falten. »Vielleicht ist sie ja längst zu Hause«, sagt er dann.

Hartenfels läuft ein paar Schritte in Richtung seiner Kollegen und fragt, ob sie Meisters Wohnung überprüft haben.

»Vor dem Haus steht ein Posten«, sagt einer der vier, »wäre da jemand, wüssten wir es.«

Hartenfels geht wieder zu Meister und an ihm vorbei zu der Stelle, die aufgewühlt ist. Es ist so, wie der Kollege gesagt hat. Auf der Gestalt liegt fingerdick Neuschnee, unter dem sich nur noch ihre Silhouette abzeichnet. Hartenfels bückt sich und versucht, etwas zu erkennen, doch er kann nicht einmal sagen, ob es sich tatsächlich um einen Mann handelt. Er wird auf die KTU warten, die hoffentlich ihr Zelt dabeihat. Ein Geruch steigt Hartenfels in die Nase, und er nimmt aus den Augenwinkeln wahr, dass der Hund, der immer noch neben Meister kauert, seinen Kopf dreht, um Witterung aufzunehmen, und leise winselt.

Kaum dass Hartenfels wieder steht, bemerkt er da, wo die Wiese unter ihm aufhört, ein weiteres Polizeifahrzeug, das sich durch den Schnee wühlt. Reschke, die sich die ganze Zeit zurückgehalten hat, fragt ihn, ob sie mit dem Fotografieren anfangen soll.

»Bei dem Schnee gibt es keine Spuren, die du kaputt machen könntest«, entscheidet Hartenfels, »leg los.«

Während Reschke ihre Nikon auspackt, geht er zurück zu Meister, legt ihm einen Arm um die Schultern und bittet darum, dass er ihn nach unten begleitet.

»Ich trommle eine Hundertschaft zusammen, die nach Ihrer Frau sucht«, sagt er, »und in der Zwischenzeit nehme ich Ihre Personalien auf, einverstanden?«

Meister sagt nichts, macht sich aber auf den Weg. Zerberus springt hoch und schüttelt sich wie wild. Hartenfels bleibt noch einen Augenblick stehen, um den nötigen Anruf wegen der Suchmannschaft zu tätigen, schließt dann zu Meister und seinem Hund auf.

»Gehen Sie immer hier spazieren?«, fragt Hartenfels, während er neben Meister Richtung Polizeibulli stapft.

Meister nickt, wobei erneut Schneematsch von der Krempe seines Huts herabrutscht. Er trägt einen grauen Dreitagebart, der auch ein Fünf- oder Sechstagebart sein könnte, und ist leichenblass. Es wirkt nicht so, als würde er sich viel an der frischen Luft aufhalten.

Aus dem zweiten Polizeifahrzeug sind inzwischen die Beamten von der Spurensicherung gestiegen, Hartenfels nickt den Männern und Frauen zu, fasst Meister am Arm und dirigiert ihn zu dem anderen Wagen. Hartenfels will endlich ins Warme, öffnet die Schiebetür und stickige Luft schlägt ihm entgegen. Meister und er klettern in das Fahrzeug, der Hund bleibt stehen. Meister wirft Hartenfels einen fragenden Blick zu, der nickt. Sofort springt Zerberus in den Bulli und schüttelt sich.

So viel dazu, denkt Hartenfels und zwängt sich hinter den herabgeklappten Tisch, Meister hat es leichter. Es ist nicht einfach, die Füße zu sortieren, weil Zerberus schon unter dem Tisch liegt. Meister nimmt den Hut ab und noch mehr Schnee fällt in das Innere des Fahrzeugs. Das spielt inzwischen keine Rolle mehr. Um Zerberus hat sich eine Pfütze gebildet und von den Schuhen der Männer tropft Wasser dazu.

Hartenfels findet, dass Meister den Hut besser aufbehalten hätte. Ohne Hut sieht man erst richtig, wie schütter seine Haare sind. Dass sie nass sind, macht es nur schlimmer. Hartenfels ist jetzt misstrauisch, einem Mann mit so einer Frisur traut er nicht. Hartenfels fährt den Laptop hoch, der auf dem Tisch steht.

»Vorname?«

»Johannes«, sagt der Mann und wiederholt dann seinen vollen Namen. Er sagt es so, als sei damit alles Weitere erledigt.

»Sollte ich Sie kennen?«, fragt Hartenfels.

Meister zuckt die Achseln.

»Ja oder nein?«

»Wenn Sie gerne lesen«, sagt Meister.

Nun zuckt Hartenfels die Achseln. Liest er gern? Schon. Den Namen Johannes Meister hat er trotzdem nie gehört.

»Fantasy«, sagt Meister.

Kein Wunder, dass Hartenfels ihn nicht kennt.

Er nickt. Das passt zusammen. Einem Mann, der Fantasy schreibt, würde er sowieso nicht trauen, egal, was für eine Frisur er trägt. Hartenfels nimmt sich vor, eins seiner Bücher zu lesen.

»Alter?«, fragt er.

»53.« Meister zwinkert mit dem rechten Auge.

»Leben Sie vom Schreiben?«

»Ja«, sagt Meister, »hab nie was anderes gemacht.«

Das imponiert Hartenfels. Um vom Schreiben leben zu können, braucht man bestimmt einen langen Atem. Eine Tugend, die das Fehlen anderer Tugenden kompensieren kann.

»Und Sie sind heute wie jeden Morgen zu einem Spaziergang mit Ihrem Hund aufgebrochen?«

»Da ist das Wetter egal.«

Danach hat Hartenfels zwar nicht gefragt, interessant ist es trotzdem.

»Wenn Zerberus seine Runde nicht dreht, ist er zu Hause unausstehlich«, präzisiert Meister.

»Gehen Sie immer mit Ihrer Frau?«

»So gut wie.«

»Wie alt ist Ihr Hund?«

»Vier.«

»Wohnen Sie hier in der Nähe?«

»Riehmers Hofgarten«, sagt Meister und Hartenfels nickt.

Er kennt den eleganten Häuserkomplex, der nur ein paar Straßen vom Viktoriapark entfernt liegt, Luftlinie weniger als ein Kilometer. Hartenfels hat in der Vergangenheit selbst versucht, dort eine Wohnung zu ergattern, ist aber an wechselnden Investoren und unklaren Sanierungsabsichten gescheitert. Wenn er richtig informiert ist, gibt es inzwischen sogar handfesten Streit zwischen der Stadt und irgendwelchen Eigentümern, die das komplette Ensemble aufgekauft haben.

»Und was macht Ihre Frau?«, fragt er weiter.

»Sie hilft mir beim Schreiben«, antwortet Meister.

»Wie habe ich mir das vorzustellen?«

»Sie liest Korrektur, tippt meine Texte in den Computer, erledigt die Korrespondenz. Solche Sachen. Ohne sie käme ich überhaupt nicht klar.«

»Ich brauche später ein Bild von ihr.«

»Natürlich«, Meister wühlt seine Brieftasche hervor, »hier ist eins«, sagt er und hält Hartenfels ein Passfoto hin.

Die Frau auf der Aufnahme wirkt hager. Augen, die tief in den Höhlen liegen, eine scharf gezeichnete Nase, schmale Lippen, nicht unattraktiv. Hartenfels glaubt sofort, dass Meister ohne sie nicht klarkommt. Seine Frau sieht energisch, regelrecht verbissen aus. Im Schnee verlaufen hat sie sich bestimmt nicht. Außerdem wirkt sie viel jünger als Meister oder das Bild ist alt.

»Kann ich das Foto vorläufig behalten?«, fragt Hartenfels, und als Meister nickt, legt er es auf den Tisch.

»Wie alt ist Ihre Frau, wenn ich fragen darf?«

»33.«

20 Jahre Unterschied, denkt Hartenfels, krass. »Dann noch die genaue Adresse bitte.«

»Hagelberger Straße 10c.«

Weil Hartenfels das herrschaftliche Bauensemble des Hofgartens bis heute nicht vergessen hat, interessiert es ihn, wo genau Meister dort wohnt, und er fragt ihn danach.

»Ich habe den Zuschlag für das erste Penthouse erhalten«, antwortet Meister, und an der betont beiläufigen Weise, in der er das sagt, erkennt Hartenfels, dass er stolz darauf ist.

Aber hallo, denkt Hartenfels. Ihm war nicht bekannt, dass es im Riehmers Hofgarten überhaupt Eigentumswohnungen, geschweige denn Penthouses gibt. Hat der Investor den Streit wohl gewonnen.

»Wohnen Sie schon lange dort?«

»Seit zwei Jahren.«

Die Geschäfte gehen offensichtlich gut.

»Wo sind Sie geboren?«

»Im Wedding.«

»Und Ihre Frau?«

»Sie ist auch Berlinerin.«

Das ist eher selten, findet Hartenfels. Berlin wimmelt von Zugereisten.

»Wie lange kennen Sie sich?«

»Ungefähr fünf Jahre.«

»Wann haben Sie geheiratet?«, fragt Hartenfels.

»Wir sind nicht verheiratet.«

»Also heißt Ihre Frau nicht Meister?«

»Sie heißt Köhler, Evelyn Köhler.«

»Haben Sie das meinen Kollegen bereits gesagt?«

Meister nickt und schweigt.

Hartenfels selbst ist nicht liiert oder verheiratet, wie viele seiner Kollegen. Die meisten geben ihrem Beruf die Schuld daran. Zerstörte Ehen, verlassene Kinder oder gleich ein Leben als Single. Hartenfels sieht das anders. Er ist ein Einzelgänger und war es immer schon. Er hat nicht einmal Freunde.

Etwas poltert gegen den VW-Bulli, dann fliegt die Schiebetür auf. Ein kleiner Mann schaut in den Wagen, bekleidet mit dem Ganzkörperkondom der Spurensicherung. Trotz des grauenhaften Wetters trägt er Krawatte, was angesichts des Plastiküberzugs, in dem er steckt, ein groteskes Bild abgibt. Dazu sorgfältig gescheiteltes Haar, dem selbst das Wetter nichts anhaben konnte, wahrscheinlich haben Schnee und Gel wie Superfestiger gewirkt. Petersen, Gerichtsmedizin.

Na gut, einen Freund hat Hartenfels. Einmal angenommen, dass man mit jemand wie Petersen befreundet sein kann.

»Komm rein«, sagt Hartenfels, und Petersen klettert in den Bulli.

Es entsteht ein bisschen Chaos, weil Zerberus den Neuangekommenen begrüßen will, wofür der Platz fehlt.

Trotz seines unheimlichen Aussehens ein freundliches Tier, findet Hartenfels. Zerberus hat wahrscheinlich längst vergessen, dass er eine Leiche ausgegraben hat.

»Ich war nicht der Erste«, sagt Petersen, sobald er sitzt.

Er hat sich neben Meister gequetscht, den er überhaupt nicht beachtet.

»Was meinst du damit?«

»Die Leiche wurde zweimal eingeschneit. Das heißt, dass jemand sie zwischendurch bewegt hat.«

»Das war ich.«

Petersen dreht sich zu Meister und betrachtet ihn. Das Schweigen zieht sich hin.

»Sie sind?«, will Petersen irgendwann wissen.

Bevor Meister antworten kann, stellt Hartenfels die beiden Männer einander vor. Er erzählt auch, warum Meister die Leiche bewegt hat.

»Hätte er sie nicht bewegt, würden wir uns jetzt fragen, ob er ein Soziopath ist«, schließt Hartenfels.

Petersen brummt etwas Unverständliches.

»Oder was würdest du von jemandem halten, der einen halb eingeschneiten Menschen findet und nicht einmal nachsieht, ob er vielleicht noch lebt?«

»Jetzt frage ich mich, was ich von jemandem halten soll, der seine DNA hübsch gleichmäßig auf einer Leiche verteilt hat.«

Meister rutscht auf der winzigen Bank herum, sagt aber nichts.

Der Mann kann schweigen, denkt Hartenfels und verzeichnet einen weiteren Pluspunkt.

Petersen und er sind ein eingespieltes Team, und ihr kleiner Wortwechsel hätte bei manch anderem zu Reflexen geführt. Hartenfels mag Reflexe, weil sie keiner Zensur unterliegen.

»Was gibt es sonst noch?«, fragt er Petersen.

»Einen Schlag auf den Hinterkopf, der tödlich war.«

»Hast du die Waffe gefunden?«

»Nein. Kann alles Mögliche gewesen sein. Ich werde die Wunde auf Splitter und Abrieb untersuchen.«

»Identität?«

»Männlich, um die 30, liegt wahrscheinlich schon die halbe Nacht hier.«

»Hatte er Papiere dabei?«

»Das hätte ich längst gesagt.«

Petersen stemmt sich hoch, klopft Schneereste von seinem Überzug, dazu stampft er auf den Boden.

»Kannst du das nicht draußen machen?«, fragt Hartenfels, dem wässriger Matsch auf den Laptop gespritzt ist.

»Draußen schneit es«, erwidert Petersen und öffnet die Tür.

»Hast du sonst noch Spuren gefunden?«, hakt Hartenfels nach.

»Draußen schneit es«, wiederholt Petersen und lächelt.

Es ist ein aufrichtiges Lächeln, das sein ganzes Gesicht erstrahlen lässt. Hartenfels kennt dieses Lächeln. Es ist typisch für Petersen, wenn er nicht weiterweiß. Es passt zu ihm, dass er Fragen interessanter findet als Antworten. Manchmal macht Petersen alle verrückt.

Hartenfels steht ebenfalls auf, wobei er das Foto von Meisters Freundin vom Tisch nimmt.

»Ich höre mal, ob es etwas Neues gibt, Sie warten bitte hier«, sagt er, was Zerberus missversteht.

Der Hund springt auf und stößt sich gewaltig den Kopf an der Tischplatte, scheint es jedoch nicht zu merken.

»Bleib«, zischt Meister und Hartenfels staunt über den eisigen Ton.

Zerberus rollt sich ganz klein zusammen.

Draußen steht Petersen und wartet.

»Keine Reaktion«, sagt er.

Hartenfels nickt. Meister hat sich gut gehalten. Er spricht sowieso nur das Nötigste. Kann Taktik sein oder es ist seine Art, sie werden sehen. Das ist erst der Anfang, mit Meister werden sie in den folgenden Tagen sicher viel Zeit verbringen.

»Meinst du wirklich, er hat Spuren verwischt?«, fragt Hartenfels.

»Falls ja, dann gründlich.«

»Wieso?«

»Das Gesicht des Toten wurde abgewischt und die Hände ebenfalls. Wahrscheinlich hat Meister sogar den Kopf angehoben und dabei die Wunde berührt. Um festzustellen, ob jemand noch lebt, ist das ein ganz schöner Aufwand.«

»Gib das mal weiter«, sagt Hartenfels und drückt Petersen das Foto von Evelyn Köhler in die Hand, »und dann bis später.« Er dreht sich um und läuft die Wiese hoch. Was Petersen gesagt hat, muss er erst einmal verdauen.

Während Hartenfels sich durch den Schnee kämpft und ab und zu eine kurze Pause macht, um zu verschnaufen, merkt er, dass die Lage sich ziemlich verändert hat. Neben den zwei Polizeifahrzeugen sind mehrere Mannschaftswagen abgestellt, und auf halber Höhe der Wiese stehen Dutzende Beamte in einer langen Reihe, die bereit sind, in alle Richtungen auszuschwärmen. Noch arbeitet die KTU und hat keine Freigabe erteilt. Hartenfels entdeckt Reschke, die mit ihrer Kamera hantiert, und ein Zelt, das den Fundort der Leiche gegen den stetig fallenden Schnee abschirmt. Stimmen dringen an sein Ohr, die Geräusche sind gedämpft, Reschke bemerkt ihn und macht sich an den Abstieg.

»Ich bin fertig, Chef«, sagt sie, als sie ihn erreicht hat, und verkündet, dass sie zwecks Bildbearbeitung zurück ins LKA will.

Hartenfels weiß, dass sie sich Mühe geben wird, den Toten so lebensnah wie möglich abzubilden. Reschke ist eine Künstlerin auf ihrem Gebiet und kommt selbst mit entstellenden Verletzungen zurecht.

Hartenfels informiert Reschke, dass Petersen ein Foto der vermissten Frau hat, und lässt sie ziehen, bloß den Wagen, der vor dem Viktoriapark steht, möchte er behalten. Er will unbedingt noch zu Meister nach Hause. Reschke ist das egal, es sind genug Kollegen vor Ort, irgendjemand wird sie sicher mitnehmen.

Nachdem das Gespräch beendet ist und Hartenfels sich wieder dem Fundort der Leiche zuwendet, sieht er, dass der Zinksarg schon bereitsteht und soeben angehoben wird. Überall ist der Schnee zertrampelt, Spuren, die sich rasch unter neuen Flocken verlieren.

Das sind denkbar schlechte Bedingungen, um eine verschwundene Person zu suchen, denkt Hartenfels, gibt aber trotzdem das Zeichen.

Die KTU ist fertig und die Beamten, die sich in einer Reihe aufgestellt haben, marschieren los. Hartenfels hört Kommandos, die von schlechtem Funkkontakt zerhackt sind, beobachtet, wie der Sarg zum Transport verstaut wird.

In den Obduktionssaal zu Petersen, geht ihm durch den Kopf, und er bekommt eine Gänsehaut.

Hartenfels bleibt noch ein paar Minuten stehen, Schnee fällt und fällt. Irgendwann ist die Suchmannschaft hinter dem Denkmal auf der Spitze des Bergs verschwunden, und es wird so still, als wäre nichts geschehen.

4. Kapitel

Meister sitzt mit seinem Hund im Polizeifahrzeug und sieht aus dem Fenster, ohne seine Umgebung wahrzunehmen, so versunken ist er in seine Gedanken. Er geht Optionen durch. Für Hartenfels. Wie lange wird er überleben? Wann bringt er ihn um? Meister macht das oft, wenn er jemand kennenlernt. Als Schriftsteller hat er Macht über seine Figuren. Es kann aber auch vorkommen, dass eine Figur ein Eigenleben entwickelt und Forderungen stellt. Meister überlegt, ob Hartenfels so eine Figur sein könnte. Hat Hartenfels das Zeug zum Helden?

Meister schüttelt den Kopf und blinzelt. Dazu ist er viel zu dick. Außerdem hat Hartenfels etwas Somnambules, schien gar nicht gemerkt zu haben, dass es schneit. Meister denkt an die aufgeweichten Halbschuhe und die durchnässte Lederjacke. Dann lächelt er, weil ihm Peter Falk einfällt. Bei Peter Falk war alles Tarnung. Er tat nur so, als wäre er zerstreut. In Wahrheit arbeitete Falks Verstand wie ein Uhrwerk. So gut kennt er Hartenfels nicht, kann sich jedoch vorstellen, ihm etwas ähnlich Doppelbödiges zu geben. In Meisters neuem Romanzyklus fehlt ein überzeugender Schurke.

Schurken sind schwieriger als Helden, findet er.