Berliner Schuld - Jürgen Tietz - E-Book

Berliner Schuld E-Book

Jürgen Tietz

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Beschreibung

1947 sitzt der Krieg den Berlinern noch tief in den Knochen. Als eine junge Frau auf der Suche nach essbarem Giersch in der Ruine der Orangerie im Schlosspark Schönhausen eine Leiche findet, ist Hans Adler erschüttert: Muss das Sterben für diese jungen Menschen, die nichts als Tod kennen­ gelernt haben, immer noch weitergehen? Die mit großer Brutalität begangene Tat gibt dem Kom­missar Rätsel auf: Wer war die Tote? Kannte sie ihren Mörder, oder hat er sie zufällig gewählt? Weil der Tatort in der sowjetischen Zone liegt, wird Adler ein Leutnant von der Roten Armee zur Seite gestellt. Oder wurde dieser Raskow eingesetzt, um Adlers Ermittlungen zu torpedieren? Der Mann sei hochgefährlich, warnt der amerikanische Major Wilkinson, als er Adler in seiner Laube in Wilmersdorf aufsucht, wo der Kommissar behelfsmäßig wohnt, seit er ohne seinen linken Arm von der Front zurückgekehrt ist. Im Konfliktfeld der Besatzungsmächte muss Adler versuchen, seine Integrität als Polizist zu bewahren und die Wahrheit herauszufinden.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Jürgen Tietz

Berliner Schuld

1947: Kommissar Adlers zweiter Fall

Kriminalroman

Kampa

1

Binnen weniger Augenblicke war alles vorbei. Mit hoher Geschwindigkeit näherte sich der streng bewachte Konvoi, der am Flughafen der britischen Besatzer in Berlin-Gatow gestartet war. Rasant bogen die Wagen um die Ecke zur roten Backsteinburg. In der Mitte fuhr ein Bus, die Fenster schwarz gestrichen. Niemand konnte hinein- oder heraussehen. Kaum war der Konvoi durch das eben erst geöffnete Tor des Gefängnisses gerollt, wurde es bereits wieder geschlossen. Schon war alles vorbei.

»So schnell geht das«, sagte Raade.

Seiner Stimme war die Enttäuschung anzuhören. Erwartungsvoll blickte er zu seinem Vorgesetzten. Doch Hans Adler blieb stumm. Die Überführung der Gefangenen war spornstreichs vonstattengegangen, doch jetzt lagen endlos lange Jahre vor den sieben Männern, je nachdem, welche Strafe ihnen auferlegt worden war. Sicher war allerdings, dass keines dieser Jahre schnell für sie verstreichen würde. Jede Minute würde sich ausdehnen. Vor allem nachts, wenn in der Dunkelheit die Geister der Erinnerung ihren Tribut forderten. Diesen Geistern konnte man nicht entgehen. Man konnte sie nicht belügen. Sie wussten, welche Schuld auf den Schultern dieser Männer lastete.

Hitlers Nachfolger Dönitz war bei dem Prozess in Nürnberg im vergangenen Herbst mit zehn Jahren Gefängnis noch am billigsten weggekommen. Von Neurath, Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, hatte fünfzehn Jahre erhalten. Hitlers Architekt und Rüstungsminister Speer und der Reichsjugendführer von Schirach würden das Gefängnis nach zwanzig Jahren als alte Männer verlassen, sofern sie nicht vorher starben. Vereinsamt, isoliert, gebrochen. Die anderen drei Kriegsverbrecher hatten durch ihre Taten ihre Freiheit für den Rest des Lebens eingebüßt. Sie würden das düstere Backsteingebäude erst im Sarg verlassen. Immerhin war ihnen der Tod durch den Strang erspart geblieben. Anders als zwölf weiteren Nazischergen. Nur Hermann Göring hatte sich in letzter Minute seiner Strafe durch Selbstmord feige entzogen.

»Lassen Sie uns zurück ins Polizeipräsidium fahren, Raade«, verkündete Adler. »Hier gibt es für uns nichts mehr zu sehen.«

Doch Adler blieb auch jetzt noch aufmerksam. Er musterte die kleine Schar von Fotoreportern vor dem Tor des Gefängnisses. Auf ungeklärten Wegen hatten sie von Ort und Zeitpunkt der »Lieferung« aus Nürnberg erfahren. Wer da wohl nicht dichtgehalten hatte? Unter den kritischen Blicken von Militärpolizisten und alliierten Soldaten packten sie schwatzend ihre Kameras ein, um sich auf den Rückweg in die Stadt zu begeben. Etwas Spektakuläres hatten sie nicht einfangen können, im Gegenteil: Ein Bus fährt in ein Gefängnis. Das war alles. Hatte das bereits das Zeug für einen historischen Moment? Nur wenn man wusste, wer im Bus gesessen hatte. Ein Teil der braunen Elite des »Dritten Reichs«.

Adler verwarf seinen Gedanken. Die letzten Jahre waren übervoll gewesen von solch geschichtsträchtigen Momenten. Von wirklichen und von vermeintlichen. Zu welcher Gruppe dieser Vormittag zählte, würde sich erst in der Zukunft erweisen. Adler war jedenfalls froh um jeden Tag, der sich alltäglich gebärdete. Doch was war schon alltäglich in einer Stadt, die seit über zwei Jahren um das nackte Überleben rang? In der noch immer Zerstörung und Ruinen das Bild bestimmten? In der Hunger herrschte und die erst ganz langsam wieder begann, so etwas wie Normalität zu atmen?

Vergebens hatte Adler vor dem Gefängnis nach Erich Wellhausen Ausschau gehalten. Der Redakteur des Tagesspiegels hatte drauf verzichtet, nach Spandau zu kommen. Richtig so. Was hatte Adler hier überhaupt erwartet? Einen opulenten Empfang für jene einstigen Nazigrößen, die für den Rest ihres Lebens nun nur noch verurteilte Kriegsverbrecher waren? Dennoch war es Adler wichtig gewesen, den Moment mitzuerleben. Polizeivizepräsident Stumm hatte das verstanden. Er erhob keinen Einwand, als Adler ihn bat, nach Spandau fahren zu dürfen.

»Kleine Spritztour?«, hatte Stumm gescherzt. »Meinetwegen.«

Nachdenklich begab sich Adler zusammen mit Inspektorenanwärter Harry Raade zu dem Wagen, der sie zurück in die Innenstadt bringen würde. Eigentlich hätten sie jetzt nur zügig über die Heerstraße fahren müssen, um zum Präsidium in Mitte zu gelangen. Vor dem Krieg verband sie in gerader Linie das Berliner Schloss mit den Kasernen der Wehrmacht in der Döberitzer Heide, wo auch das Athletendorf für die Olympischen Spiele 1936 entstanden war. Nach den Wettkämpfen hatte Hitler das Dorf umgehend als Kaserne für die Wehrmacht genutzt. Inzwischen saßen dort die Rotarmisten. Die Brücken über die Havel waren beim Kampf um Berlin gesprengt worden. Ihr Wiederaufbau würde dauern. Daher mussten sie in weitem Bogen über Spandau zurück nach Mitte fahren.

 

Die Hitze der letzten Tage hatte sich in den Räumen des Polizeipräsidiums eingenistet. Adler schwitzte. Die Luft war stickig, dem eisigen Hungerwinter war ein Hitzesommer gefolgt.

Adler ließ die Tür zu seinem Büro weit offen stehen und platzierte einen Stuhl davor, damit sie nicht zuschlug. Dann warf er sein Sakko über den Schreibtisch und riss das Fenster auf. Vielleicht brachte der Durchzug etwas Erfrischung.

»Querlüften«, hatte Charlotte immer gesagt, sobald die Hundstage kamen. »Das ist das Einzige, was hilft.«

Adler hatte gelacht und seine Arme zärtlich um ihre schlanke Taille geschlungen.

»Und mit dem Wind segeln wir dann übern Wannsee.«

Ein Stich fuhr ihm durchs Herz. Es würde nie mehr eine Segelpartie mit Charlotte auf dem Wannsee geben. Bei einem der Bombardements von Berlin hatten die Trümmer ihres Wohnhauses sie unter sich begraben.

Rita, die seinen wilden Auftritt vom Vorzimmer aus beobachtet hatte, klopfte am Türrahmen.

»Was gibt es?«, fragte Adler.

»Der Polizeivizepräsident hat nach Ihnen gefragt. Sie möchten bitte gleich in sein Büro kommen.«

Adler nickte. Er hätte gerne noch einen Moment seinen Gedanken nachgehangen. Hätte im Geist seinen Kopf auf Charlottes Schulter gelegt. Aber vielleicht war es auch besser so. Lieber nicht zu tief in die Vergangenheit eintauchen, das war einfach zu schmerzvoll.

»Etwas Wichtiges?«, fragte er seine Sekretärin.

»Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich fürchte ja.« Rita stockte. »Eine Frauenleiche wurde gefunden. In Pankow. Vermutlich möchte er deshalb mit Ihnen sprechen.«

Schwungvoll griff sich Adler sein Sakko, schlüpfte mit seinem rechten Arm hinein und legte es sich über die andere Schulter. Nutzlos baumelte der linke Ärmel umher.

Er lächelte seiner Sekretärin zu. »Na dann, Rita. Hoffentlich wird es nicht zu schlimm.«

Doch Rita blickte ihn ernst an. »Was ich gehört habe … Doch, ich fürchte, es ist ziemlich schlimm.«

 

Stumm erwartete Adler bereits im Büro.

»Zurück aus Spandau? Gab es etwas zu sehen? Kommen Sie, Adler, kommen Sie«, rief er »Sie müssen gleich weiter.«

»Pankow?«

»Richtig. Hat Ihnen Fräulein Rita schon etwas erzählt?«

»Sie hat lediglich erwähnt, dass es eine Frauenleiche gibt«, antwortete Adler zurückhaltend. Ihm war es wichtig, dass er möglichst präzise direkt von Stumm auf den Stand der Dinge gebracht wurde, sonst bestand die Gefahr, dass sich falsche Untertöne oder Fehlinformationen einschlichen.

»Ja, eine Tote. Ganz fürchterlich.« Stumm wirkte erschüttert. »Es handelt sich um die Leiche einer jungen Frau. Sie wurde zufällig gefunden. Die Tote war wohl nur notdürftig in einer Ruine versteckt worden.«

»Weiß man schon etwas zur Todesursache?«

Stumm stockte kurz, ehe er antwortete. »Nicht schön. Ihr Bauch sei aufgeschlitzt worden, hat Hoffmann gesagt. Ihm sei ganz anders geworden, als man ihm davon berichtete.«

Adler kannte den Wachtmeister gut. Er neigte nicht zur Übertreibung.

»Wo ist es denn in Pankow?«

»Das ist das nächste Problem. Der Tatort liegt unmittelbar hinter dem Schloss Schönhausen im Schlosspark.«

»Und Sie vermuten deshalb …«, begann Adler, ohne den Satz zu vollenden.

»Ich vermute überhaupt nichts, Adler. Und das sollten Sie auch nicht. Nur weil das Schloss gleich neben dem Städtchen der Russen liegt, muss das noch kein Hinweis auf einen Täter sein. Im Gegenteil. Ich wäre sehr froh, wenn Sie dieses Mal beweisen könnten, dass kein Russe beteiligt war.«

Adler schaute Stumm ernst an. »Ich suche den Täter. Wer er ist und woher er kommt, ist mir egal.«

»Das ist ja auch sehr richtig, Adler.« Stumm erhob sich und ging zum Fenster, vor dem sich die Trümmerwüste der Berliner Innenstadt ausbreitete. »Trotzdem. Markgraf ist angesichts des Tatortes aufs Äußerste angespannt. Ich verstehe ihn sogar. Es ist entscheidend für den Polizeipräsidenten, dass die Sowjets nichts damit zu tun haben. Denn sonst würde die Stimmung der Berliner gegen die Russen noch mehr kippen. Vor allem in der sowjetischen Besatzungszone.« Stumm machte eine Pause und musterte Adler eindringlich. »Es muss daher gelten, den Täter so schnell wie möglich zu überführen. Noch ehe irgendwelche Gerüchte ins Kraut schießen.«

Adler verzog den Mund. »Leichter gesagt …«, setzte er erneut an.

»… als getan. Herr Gott, das weiß ich selbst, Adler«, brauste Stumm ungeduldig auf. »Aber vielleicht haben wir ja dieses Mal Glück. Es gibt wohl Zeugen, die etwas gesehen haben wollen. Hat zumindest Wachtmeister Hoffmann erzählt.«

»Obwohl die Leiche nur per Zufall gefunden wurde?«

»Was weiß denn ich«, antwortete Stumm unwirsch, »also los jetzt. Man wartet bereits auf Sie.«

»Soll ich Ihnen eine Packung Garbáty mitbringen?«, fragte Adler.

Stumm sah ihn fragend an.

»Die Fabrik ist doch gleich um die Ecke in Pankow«, erklärte Adler.

Der Polizeivizepräsident wischte Adlers Erklärung mit der Hand fort. Ihm war nicht nach Scherzen zumute. »Sobald Sie wieder im Präsidium sind, möchte ich umgehend über die Vorfälle informiert werden«, erklärte sein Vorgesetzter und schaute Adler streng an. »Dann können Sie mir auch von Spandau vorhin erzählen«, fügte er freundlicher hinzu.

Adler hatte sich bereits zur Tür gedreht, als Stumm sich noch einmal an ihn wandte.

»Und dieses Mal mit Fingerspitzengefühl ermitteln, wenn ich bitten darf, Adler. Verwicklungen mit den Alliierten sind unbedingt zu vermeiden.«

Als ob das in seiner Macht läge. Dennoch nickte er.

Auf dem Flur summte er unwillkürlich die Melodie von Bolle reiste jüngst zu Pfingsten. Erschrocken rief er sich selbst zur Raison und hielt inne. Es mangelte ihm wohl an dem gerade erst beschworenen Fingerspitzengefühl. In Pankow hatte sich gerade niemand »janz köstlich amüsiert«. Verlegen schaute sich Adler um. Erleichtert stellte er fest, dass ihn niemand gehört hatte. Bloß jetzt nicht vom Polizeipräsidenten abgefangen werden, hoffte Adler. Wenn schon Stumm besorgt war wegen des Tatortes so nahe beim neuen russischen Städtchen, dann konnte sich Adler vorstellen, wie impulsiv Markgraf reagieren würde. Doch Adler hatte Glück. Ungestört kam er bis zur Straße, wo Wachtmeister Hoffmann und ein Fahrer bereits auf ihn warteten.

2

Im Volkswagen fuhren sie die Schönhauser Allee hochin Richtung Norden. Links und rechts der Straße breiteten sich die vertrauten Berliner Trümmerlandschaften aus. Auch jetzt, gut zwei Jahre nach Kriegsende, war das Ausmaß der Zerstörung erschütternd. Manchmal fehlte nur ein Vorderhaus. Manchmal war ein ganzes Grundstück leer geräumt. Aber kaum ein Haus wies keine Schäden auf. Immerhin waren die Fahrbahnen und Fußwege frei geräumt, auch einige Grundstücke waren enttrümmert worden. Bei manchen Häusern wurden die Schäden instand gesetzt, während sich andere trostlos in den blauen Himmel erhoben. Und dazu diese Hitze, die wie eine Glocke über der Stadt stand. Alles war staubig, ausgedörrt. Die wenigen Straßenbäume, die es noch gab, ließen ihre Blätter vor der Zeit hängen. Gelegentliche Regenfälle der letzten Tage hatten kaum Erleichterung gebracht. Das Wasser schien auf dem aufgeheizten Boden einfach zu verdampfen. Die Berliner, die im Hinterhof etwas angebaut hatten, mussten um jeden Tropfen Wasser ringen, damit ihnen das Gemüse nicht in der knochentrockenen Erde verdorrte.

Auch in Pankow galt: Je weiter man sich vom Zentrum Berlins entfernte, umso geringer waren die Zerstörungen. Sie fuhren an der Zigarettenfabrik von Garbáty neben der Bahnlinie vorbei. Linker Hand würden sie zum Rathaus Pankow gelangen, dessen festungsartige rote Ziegelmauern Adler an das Kriegsverbrechergefängnis in Spandau erinnerten. Preußisches Erbe. Darüber konnten selbst die roten Sterne an der Fassade nicht hinwegtäuschen, die bezeugten, dass dort inzwischen die russische Kommandantur ihren Sitz hatte.

Er schüttelte sich unangenehm berührt.

Doch statt dorthin abzubiegen, passierten sie den langgestreckten Pankower Dorfanger mit der Kirche, der die Türme weggeschossen worden waren. Kurz darauf erreichten sie das Schloss Schönhausen.

Vor dem Park stand ein Trupp der Berliner Polizei.

»Was ist denn hier los?«, fragte Adler, kaum, dass er aus dem engen Auto gestiegen war.

»Wachtmeesta Ulitz«, stellte sich ein Polizist vor, ein älterer Berliner, der mit seinem Schnurrbart und der gedrungenen Figur auch gut ins Kaiserreich gepasst hätte. »Die Russen ham die Zujänge von den Park abjesperrt. Die Kollegen dürfen nicht mehr zu den Tatort.«

Ulitz wies mit dem Kopf auf die Rotarmisten, die aufmerksam vor den Polizisten standen. Adler war zwar auf sowjetische Militärs vorbereitet gewesen, doch diese Situation überraschte ihn. Warum wollte man sie vom Tatort fernhalten?

»Die Russen wollen wohl nix anbrennen lassen«, erklärte Ulitz. »Keen Vertun nich, Herr Kommissar«, verkündete er. »Hinter dem Schloss fängt ja och gleech det ›Städtchen‹ an. Da wolln die Russen unter sich und ihresgleechen bleiben.«

Ulitz klang genervt, weil die russischen Soldaten die Polizisten daran hinderten, ihre Arbeit zu machen. Dabei war es wichtig, so schnell wie möglich den Tatort zu sichern und zu untersuchen. Zwar gehörten Schloss und Park selbst nicht zum Städtchen, doch sie lagen in unmittelbarer Nachbarschaft dazu. Gleich nach Kriegsende hatten die Russen sich in dem gehobenen Berliner Villenquartier niedergelassen und die alten Bewohner über Nacht aus ihren Häusern vertrieben. Sollten sie sehen, wo sie blieben. Da halfen weder formelle Beschwerden beim Stadtkommandanten noch Bitten und Betteln. Inzwischen wohnten hier einige Führungsspitzen der Berliner SED, die im Vorjahr aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD hervorgegangen war. Auch einige Künstler waren dort untergekommen. Hans Fallada hatte die letzten Monate seines Lebens dort zugebracht, ehe er zu Beginn des Jahres gestorben war. Die Russen hatten eine Mauer um das Städtchen gezogen und bewachten es scharf. Eine geschlossene Gesellschaft. Wer hier nicht wohnte oder eine Einladung vorweisen konnte, erhielt keinen Zugang.

Obwohl Adler ganz offensichtlich der ranghöchste Vertreter der Berliner Polizei am Tatort war, ließ man ihn ebenfalls nicht vor.

»Njet«, riefen die Soldaten immer wieder und winkten mit der Hand, damit er endlich verschwinden möge. Es entwickelte sich ein absurder Dialog. Geduldig sprach Adler auf die Soldaten ein. Dabei war völlig ungewiss, ob sie ihn überhaupt verstanden. Doch sie winkten ihn nur immerzu fort und wurden zunehmend ärgerlich. Die Stimmung war gereizt, ihr Nein klang immer energischer. Schweiß trat auf Adlers Stirn, nicht nur wegen der Hitze.

Er wusste, dass er von Rechts wegen zuständig war. Doch wenn es den Russen nicht gefiel, ihn zu der Toten vorzulassen, dann half ihm das auch nicht weiter. Die Rotarmisten saßen am längeren Hebel. Schließlich zahlte sich Adlers Hartnäckigkeit doch aus. Durch den Lärm, den der Disput verursacht hatte, war ein Offizier der Sowjets auf ihn aufmerksam geworden.

»Was wollen Sie?«, herrschte er Adler auf Deutsch an.

War das nicht offensichtlich? Dennoch blieb Adler beherrscht. Ruhig erklärte er, dass er sich den Leichnam der Toten anschauen wolle. Ausführlich betrachtete der Militär die Papiere von Adler und Wachtmeister Hoffmann, ehe er sie zurückgab. Eine knappe Handbewegung reichte aus, und die Soldaten, die Adler so lange abgewehrt hatten, traten zu Seite.

Endlich war der Weg frei.

»Kommen Sie, Kommissar Adler«, sagte der russische Offizier, ohne sich selbst vorzustellen.

Auch Hoffmann und Ulitz folgten wortlos.

»Wissen Sie schon etwas über den Hergang der Tat?«, bemühte sich Adler, ein Gespräch in Gang zu bringen. Doch sein Nebenmann schwieg. Mit zügigen Schritten liefen sie in den nördlichen Teil des Parks.

»Hier«, sagte der Russe.

Er wies auf die Ruine der alten Orangerie des Schlosses. Dichte Brombeerhecken umrankten das teilweise zusammengesunkene Gebäude, das abseits des Hauptweges lag. Ein unangenehmer Geruch nach Exkrementen hing über dem Ort, Scharen von Schmeißfliegen schwirrten umher. Mit bleichem Gesicht blieb Hoffmann neben Adler stehen, auch Ulitz’ Züge verhärteten sich. Kein schöner Anblick.

»Herr Kommissar …«, setzte Hoffmann an.

Doch er musste nicht weitersprechen. Adler nickte ihm zu. »Bleiben Sie mal lieber hier, Hoffmann.«

Adler kannte den Geruch nur zu gut. In Schwaden war er im Sommer über die Schlachtfelder des Krieges geweht. Völlig egal, ob Russen oder Deutsche, ob Franzosen oder Engländer. Im Tod verströmten alle Toten diesen entsetzlichen Gestank, wenn niemand da war, um sie zügig zu bestatten. Der Gestank von Ausscheidungen und Blut, von Verwesung und Tod. Je heißer es war, desto schneller setzte er ein.

Etwas abseits saß eine junge Frau auf dem staubigen Boden. Das Gesicht in den Händen, lehnte sie an dem Stamm einer mächtigen Linde. Regungslos standen zwei zur Bewachung abgestellte Rotarmisten neben ihr.

»Wer ist das?«, fragte Adler seinen russischen Begleiter streng.

»Sie hat die Leiche entdeckt. Vielleicht ist sie auch der Täter.«

Adler entschied, sich zunächst um die junge Frau zu kümmern, der Tatort konnte warten. Die junge Frau trug ein blau-weiß gestreiftes Sommerkleid. Am Saum war es mit einer dunkelblauen Bordüre verlängert worden. Ihre Arme waren von der Sonne gebräunt.

»Aufstehen«, befahl Adler.

Seinen scharfen Ton hatte er weniger wegen der jungen Frau gewählt, sondern wegen der Soldaten. Und tatsächlich, die beiden traten einen Schritt zurück. Die junge Frau rappelte sich hoch. Ihr Gesicht war schmutzig, verheult. Bei genauerem Hinschauen entpuppte sie sich noch als halbes Kind.

»Wie heißen Sie?«, fragte Adler.

»Lene«, kam eine gehauchte Antwort.

»Und weiter?«

Adler hatte seine Stimme gesenkt. Er legte der jungen Frau die Hand auf den bebenden Rücken und führte sie unter dem aufmerksamen Blick des russischen Offiziers ein Stück vom Tatort weg.

»Wolters.«

»Und was hast du hier gemacht?«

»Jiersch«, hauchte sie.

»Giersch?«

»Trotz die Dürre wächst unter die Bäume manchmal noch en bisschen Jiersch«, erklärte sie stockend. »Den wollt ick sammeln. Vielleicht hat man ja nich nur Hunga, sondern och ma ’n bisschen Jlück, sacht Mama.«

Adler lächelte. »Und, hast du welchen gefunden?«

»Nee, aber dafür die Tote und …«

Lene brach zuckend in Tränen aus. Erneut vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. Adler wartete geduldig, bis sich das Mädchen etwas beruhigt hatte.

»Wohnst du hier in der Umgebung?«

»Amalienpark«, erklärte sie einsilbig.

Das sagte Adler nichts, aber Wachtmeister Ulitz, der alles mitangehört hatte, nickte. »Is’ ne vornehme Jejend, Herr Kommissar.«

»Kümmern Sie sich bitte um die junge Frau?«

Behutsam führte Ulitz sie vom Tatort weg, die sowjetischen Soldaten ließen es geschehen. Dann wandte sich Adler wieder dem russischen Offizier zu, der die Szene schweigend beobachtet hatte. Gemeinsam betraten sie die Ruine. Je näher sie der Toten kamen, desto erdrückender wurde der Geruch. Adler hätte sich gerne ein Taschentuch vor den Mund gehalten, doch er war zu sehr damit beschäftigt, sich mit seiner verbliebenen rechten Hand die Brombeerhecken und Fliegen vom Leib zu halten. Unter ihren Schritten knirschten Glassplitter. Sie stiegen über verbrannte Balken und verbogene Eisenträger. Adlers Augen mussten sich erst an das Zwielicht in der Ruine gewöhnen. Und da lag sie. Wie abgeworfen, schräg hinter dem Eingang.

Fliegen umschwirrten den toten Körper, den niemand wenigstens notdürftig zugedeckt hatte. Ein Bein war leicht verdreht, die offenen Augen starrten ins Nichts über ihr. Die dunklen Locken der Toten waren strähnig verstrubbelt. Unter dem leblosen Leib breitete sich ein bräunlicher Fleck aus, das konnte nur getrocknetes Blut sein. Aus dem aufgeschlitzten Unterleib waren Eingeweide herausgequollen. Der Geruch hier war nur schwer zu ertragen. Mühsam kämpfte Adler den aufsteigenden Brechreiz nieder und zwang sich zu einer sachlichen Bestandsaufnahme. Der Zustand und die Lage der Leiche sprachen dafür, dass der Fundort auch der Tatort war. Adler erkannte weder Schleif- noch Blutspuren in der Umgebung, die es sonst gegeben hätte. Ebenso fehlte jede Spur von dem Messer, mit dem die Tat vermutlich ausgeführt worden war.

»Wie furchtbar«, murmelte er und schüttelte sich, als könne er das Gesehene so vertreiben.

Der Rotarmist neben ihm schwieg beharrlich. Doch Adler sah, wie er die Augen zusammenkniff, als könne er dadurch verhindern, dass sich der schreckliche Anblick in seinem Kopf festsetzte.

»Wissen Sie schon, wer das Opfer ist?«

»K sozhaleniyu, njet«, lautete die knappe Antwort.

»Die Tatwaffe?«

Diesmal gab es nur ein Schulterzucken. Adler überwand sich und kniete vorsichtig neben der jungen Frau nieder. Sie war kaum älter gewesen als das Mädchen, von dem sie aufgefunden worden war. Nirgends ein Hinweis auf ihre Identität. Behutsam schloss er ihre Augen. Mehr konnte er nicht tun.

»Wer macht so etwas? Und warum?«, fragte er, ohne eine Antwort zu erwarten, und stand auf. Vielleicht ein Lustmord?, schoss es ihm durch den Kopf.

Was für ein abscheulicher, perverser Begriff. Lust und Mord passten nie zusammen. Aber was wusste er schon von den menschlichen Abgründen? Und das in den schweren Jahren so kurz nach dem Krieg. Erst jetzt fiel ihm auf, dass ihn der russische Offizier offenbar seit einiger Zeit aufmerksam musterte. Adler nickte ihm zu. Sie mussten hier raus. Mussten wieder durchatmen.

»Haben Sie eine Decke, die wir über die Tote ausbreiten können?«, fragte Adler, nachdem sie die Ruine verlassen hatten.

Mit kurzem Befehl schickte der Rotarmist einen der Wachsoldaten los. Adler blickte zu der jungen Frau, die ein Stück entfernt neben Ulitz wartete.

»Denken Sie wirklich, dass sie die Täterin ist?«

Sein Gegenüber schaute ihn mit leerem Ausdruck an. Dann nahm er unvermittelt Haltung an. Adler hatte das Gefühl, dass in den Minuten, in denen sie gemeinsam bei der Toten gestanden hatte, etwas passiert war. Eine Verbindung war entstanden, vielleicht auch nur aus Respekt gegenüber dem verloschenen Leben.

»Leutnant Raskow, Kommissar Adler«, stellte sich der Rotarmist vor. »Und nein. Das ich glaube nicht, dass die junge Frau die Täterin war.«

»Dann sollten wir sie nach Hause begleiten. Was meinen Sie, Leutnant Raskow?«

»Aber wer war dann der Täter?«, fragte Raskow.

Adler meinte, in der Frage den Druck zu spüren, unter dem Raskow stand, zügig einen Täter zu überführen.

»Das müssen wir ermitteln«, antwortete er mit ruhiger Stimme. »Gemeinsam«, ergänzte er.

Adler wusste, es würde ihm nicht helfen, hier im sowjetischen Sektor ohne das Placet der Russen zu arbeiten. Er brauchte Verbündete, die das gleiche Ziel verfolgten wie er. Den Täter zu finden. So bald wie möglich.

 

Erst durch den äußeren Schlosspark, dann die Crusenmarkstraße entlang, begleiteten sie die junge Frau zu der malerischen Wohnsiedlung am Amalienpark, der eher einem großzügigen Platz glich. Hier hatten die alliierten Bomber Milde walten lassen, nur eines der schönen Häuser war zerstört worden. Die übrigen verströmten einen großbürgerlichen Glanz, der in jede Erzählung Theodor Fontanes gepasst hätte.

Lene klingelte an der Haustür. Eine Treppe hoch erwartete sie eine Frau Mitte vierzig, der Lene wie aus dem Gesicht geschnitten war. Ein Tuch um den Kopf, kurzärmeliges Kleid, darüber eine Schürze.

»Lene!«, rief sie erschrocken, als sie ihre Tochter mit deren Begleitern sah. »Wo warst du nur so lange. Was ist los?«

Statt eine Antwort zu geben, warf sich Lene schluchzend in ihre Arme.

»Im Schlosspark ist eine junge Frau ermordet worden. Ihre Tochter hat die Leiche gefunden«, erklärte Adler.

Erschrocken drückte die Mutter Lene noch fester an sich. »Mein Gott«, murmelte sie, »hört das alles denn nie auf?« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Weiß man schon …«

»Nein, wer das Opfer ist, wissen wir noch nicht.«

»Kommen Sie doch herein«, bat Frau Wolters und schob Lene sanft zur Seite. Vorbei an der Küche führte sie die Männer ins Wohnzimmer. Zwei Sessel, eine hölzerne Sitzbank, daneben ein Philodendron mit gefiederten Blättern. Links davon ein kleines Bücherregal. Auf einer Kommode befanden sich gerahmte Fotografien, auf einer erkannte Adler Lene als kleines Kind. Ein junger Mann mit strahlendem Lächeln hielt das Mädchen im Arm.

»Lenes Vater«, erklärte Frau Wolters, die Adlers Blick gefolgt war. Vorwurfsvoll schaute sie zu Raskow. »Russland. Wir wissen nicht, wo er ist. Oder ob er überhaupt noch lebt.«

Adler ging nicht auf den mitschwingenden Unterton ein. »Hast du Geschwister?«, wandte er sich stattdessen an Lene.

»Nein«, antwortete ihre Mutter an ihrer Stelle barsch, »nicht mehr«, fuhr sie mit brechender Stimme fort, während sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten.

Eine weitere Familientragödie, dachte Adler, wie so viele.

»Paulchen ist …«, setzte Lene an, konnte aber nicht weitersprechen.

»Paulchen ist tot«, erklärte ihre Mutter um Fassung ringend und atmete tief durch. »Querschläger«, schob sie nach.

Schweigen breitete sich aus. Adler hörte eine Uhr ticken.

»Das Mädchen in der Ruine …«, setzte er erneut an.

»Ick hab doch schon allet jesacht, wat ick weeß«, berlinerte es aus Lene hervor.

»… kennst du nicht?«, fuhr Adler fort.

»Neee …«

»Und warum bist du in das Haus hineingegangen?«, fragte Adler behutsam. »Giersch wächst da doch gar keiner.«

Raskow lehnte am Türrahmen. Still beobachtete er, was geschah. Dass er hier nicht gern gesehen war, hatte er deutlich zu spüren bekommen. Also überließ er Adler die Gesprächsführung.

»Neee, keeen Jiersch.« Lene brüllte fast.

»Und weshalb dann?«, fragte Adler leise nach.

Lene senkte den Kopf und schwieg. Für den Moment würden sie hier nichts weiter erfahren. Adler zog sich mit Raskow zurück, jedoch nicht, ohne Lene Wolters und ihre Mutter für den kommenden Morgen auf das Berliner Polizeipräsidium einzubestellen. Hoffentlich wussten sie bis dahin schon mehr. Zumindest wer die Tote war.

 

»Sie sehn ja ma wieda janz käsich aus, Herr Kommissar«, rief Loose.

Adlers Nachbar lehnte im Unterhemd am Gartenzaun. Schon von Weitem hatte er zugeschaut, wie Adler sein Rad müde durch die Laubenkolonie schob.

»Hamsen janzen Tach nischt Richtjet jejessen nich?«

Kurz hatte Adler überlegt, vom Präsidium aus noch bei Erich Wellhausen vorbeizufahren. Der Journalist wohnte seit dem Verschwinden seiner Verlobten Ruth von Dedowsky allein in dem Haus nahe dem Nollendorfplatz. Aber er hatte den Gedanken wieder verworfen, so erschöpft fühlte er sich. Das Bild der toten jungen Frau ging ihm nach. So warm es auch in Berlin war, innerlich fröstelte es Adler.

»So isset, Loose«, verkündete Adler und merkte im selben Moment, wie hungrig er war.

»Wie jut, dat meene Erna Ihnen jleich wat mitjekocht hat.«

Stolz wies Loose auf die Holzkiste, die Looses als Gartentisch diente.

»Also Loose, wissen Sie, das ist ganz reizend, aber ich kann doch nicht andauernd bei Ihnen …«

»Nu sein Se man nich so jenierlich, Herr Kommissar. Dat Se Hunger haben, sieht ’n Blinder mit ’m Krückstock.«

Loose öffnete das Gartentor zu seiner Laube mit einer Geste, als würde er King George zum Dinner im Buckingham Palace bitten. Im gleichen Augenblick kam Erna Loose in den Garten. In den Händen trug sie einen Teller mit Möhrensuppe.

»Und außerdem, ne jute Suppe von meene Erna, det jeht imma.«

Auch wenn er sich stets wieder selbst sagte, dass er den Looses nicht das mühsam gestoppelte Essen wegfuttern dürfe, trieb Adler der Hunger in den Garten.

»War Ihr Tach so jrässlich, wie Se aussehen, Herr Kommissar?«

Adler musste lachen. »Niemals ein Blatt vorm Mund, wat, Loose? Aber recht so.« Ernster fuhr er fort. »So grässlich, wie mein Tag war, kann ich gar nicht aussehen.«

Loose schaute ihn betroffen an.

»Nu lass den Herrn Kommissar doch man erst in Ruhe wat essen«, meckerte Erna Loose mit ihrem Mann, und tatsächlich herrschte für die nächsten fünf Minuten Ruhe. Genüsslich schlürfte Adler die Suppe, in der kleine, glänzende Fettaugen schwammen. Loose hatte also eine Schwarte Speck ergattert und ausgekocht.

In den friedlichen Sommerabend hinein zwitscherten die Amseln. Die Luft war seidig. Adler atmete langsam auf. Doch schon wanderten seine Gedanken wieder zu der Toten, die diesen Berliner Sommerabend nicht mehr erleben durfte. Weil ihm das Schweigen schwerfiel, war Loose kurz in der Laube verschwunden und kehrte jetzt mit einer Flasche Wein zurück in den Schrebergarten.

»Wo haben Sie denn den ergattert?«, setzte Adler an und wusste nur zu gut, dass er die Antwort gar nicht wissen wollte.

»Is ’n janz feiner Tropfen, een Riesling von vorm Krieg«, erklärte Loose.

»Wollen Sie sich den nicht lieber für einen besonderen Anlass aufbewahren?«, fragte Adler.

Loose winkte ab. »Wat könnt denn noch besonderer sein als wie so ’n feiner Sommerabend? Feiner jeht’s doch jar nich.« Mit einem Plopp zog er den Korken aus der Flasche und goss in die mitgebrachten Gläser ein. »Uf Ihr Speziellet, Herr Kommissar.«

Der Wein war zwar bei Weitem nicht kalt genug, doch nach diesem Tag bot er eine köstliche Ablenkung. Adler schaute auf das Etikett. Pfälzer Riesling. Aus welchem Weinkeller Looses Kinder den wohl hatten mitgehen lassen? Oder hatten sie ihn auf dem Schwarzmarkt eingetauscht? Bei Looses Jungs funktionierte die Geschichte von Hans im Glück genau andersherum. Sie schienen sich jeden Tag aufs Neue auf dem Schwarzmarkt vom Mühlstein empor zu tauschen.

Adler nippte an seinem Glas.

»Wat hat Sie denn so uffs Jemüt jeschlaren, Herr Kommissar, wenn man mal fraren dürfte? Is ja heute jarnich mit anzusehen.«

Ja, was hatte Adler heute so aus der Bahn geworfen? Dass der Krieg längst vorbei war und dass das Morden und Sterben trotzdem immer weiterging?

Vor seinem inneren Auge sah er die Tote dort liegen. Tote hatte er in den letzten Jahren viele gesehen. Als er an die Front musste, hatte er gedacht, er würde sich an den Anblick Sterbender gewöhnen. An entstellte tote Leiber. Er hatte gedacht, dass er mit der Zeit abstumpfen würde. Doch das Gegenteil war eingetreten. Jeder Tote, den er sah, berührte ihn im Innersten, denn das, was er dort leblos vor sich erblickte, war ein Mensch gewesen. So wie er selbst. Mit Wünschen. Mit Sorgen. Mit Ängsten. Und nun? War alles vorbei.

Da die Zeitungen am kommenden Morgen ohnehin über den Mordfall berichten würden, sah Adler keinen Grund, nicht mit den Looses darüber zu reden. »Es war eine junge Frau in Pankow. Kein schöner Anblick«, sagte er.

Erna Loose fuhr sich erschrocken mit der Hand vor den Mund. »Tot?«, fragte sie mitfühlend.

»Leider«, bestätigte Adler.

»Det is nich jut, det en junga Mann wie Ihnen det dauernd erlebt, mit Mord und Totschlach. Da werden Se am Ende noch janz rammdösich, Herr Kommissar. Ick sar et Ihnen.«

Die Fähigkeit seines Nachbarn, die Dinge in seinem berlinerischen Dialekt auf den Punkt zu bringen, beeindruckte Adler einmal mehr.

»Ich hoffe mal nicht, Loose.«

Aber natürlich war etwas dran an dem, was Loose sagte. Es waren zu viele Tote. Zu viel Leid. Zu viel von allem. Langsam versickerte das Abendlicht hinter dem Grunewald. Selbst die scheinbar endlosen Sommertage gingen irgendwann zu Ende, und die Sterne brachen hervor. Adler bedankte sich und ging zu seiner Laube hinüber. Er goss etwas Wasser in eine Schüssel, schaufelte es mit der rechten Hand auf und wusch sich sein Gesicht. Doch die Erinnerung an das tote Mädchen ließ sich nicht so leicht wegwaschen.

3

Am nächsten Morgen erwarteten ihn die Wolters schonvor seinem Büro. Aus den Gesichtern der beiden Frauen sprach die Müdigkeit, viel hatten sie in der letzten Nacht wohl nicht geschlafen, vermutete Adler.

»Na, dann kommen Sie mal«, forderte er sie freundlich auf. Sie folgten ihm in den kargen Verhörraum. Kurz darauf kam Raade hinzu und schloss die Tür hinter sich.

Nervös ruckelte Lene Wolters vorne auf der Stuhlkante umher. Ihre Mutter hatte die Hände in den Schoß gelegt. Schicksalsergeben betrachtete sie ihre Tochter.

»Erzählen Sie uns doch bitte noch einmal genau, was gestern passiert ist.«

Anstatt des vertraulichen Du von gestern hatte sich Adler für das formellere Sie entschieden, doch Lene Wolters schien den Wechsel gar nicht wahrzunehmen. Sie holte tief Luft.

»Ich bin gestern los«, stieß sie hervor, »um Giersch zu sammeln. Und Löwenzahn. Vielleicht sogar etwas Rauke. Kräuter und Salat eben. Ist halt alles knapp. Und an die frische Luft sollte ich auch«, antwortete sie ohne einen Anflug von Akzent.

Sie schaute zu ihrer Mutter, die ihr bestätigend zunickte. Offensichtlich hatten die beiden Frauen Lenes Aussage stundenlang eingeübt.

»Aber so viel Salat gab es nicht im Schlosspark«, merkte Adler an.

»Nee, war mau«, bestätigte Lene.

Adler lächelte ihr aufmunternd zu und schwieg. Ihre Nervosität und die Zeit würden dafür sorgen, dass Lene Wolters nach und nach den Pfad ihrer eingeübten Aussage verlassen würde.

»Ja und dann«, fuhr sie fort, »dann lag da die Tote.«

»Wo lag die Tote?«

»Na, in der Ruine.«

»Und wie kam es, dass Sie in die alte Orangerie gegangen sind? Da wächst doch überhaupt kein Giersch. Und gefährlich ist es auch.«

»Wegen die Brombeeren«, berlinerte Lene die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

Kompliment, dachte Adler. Frau Wolters hatte ihre Tochter bestens vorbereitet. Von den Brombeeren war gestern noch keine Rede gewesen.

»Sind die nicht noch ganz schön sauer so früh im Jahr?«

Lene stockte. »Schon.«

»Und gab es viele Brombeeren?«

»Ein paar.«

»Wie viel waren es denn etwa?«

»Weiß nicht genau.« Lene schaute Adler mit großen Augen an.

»Und die Tote?«

»Lag so da«, kam die dürre Antwort.

»Kannten Sie die Tote?«

Statt zu antworten, schaute Lene Wolters zu Boden. Sie schüttelte den Kopf. Ihre Mutter legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Herr Kommissar …«, setzte sie an.

Doch Adler unterbrach sie. »In dem ollen Haus gibt es gar keine Brombeeren zu ernten, richtig? Die wachsen nur drum herum.«

Lene Wolters stimmte kopfnickend zu.

»Und warum sind Sie trotzdem hineingegangen? Kann doch einstürzen, so eine Ruine.«

»Wegen dem Geruch.«

Adler schluckte die grammatikalische Korrektur hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Dafür war jetzt nicht die richtige Zeit. »Deshalb sind Sie hineingegangen?«

Stumm nickte Lene, den Kopf noch immer gesenkt.

»Also, ich hätte an Ihrer Stelle wegen des Gestanks eher das Weite gesucht, Fräulein Wolters.«

Schweigen.

»Aber Sie haben die Ruine betreten. Fanden Sie das nicht gefährlich?«

»Schon.«

»Aber Sie sind trotzdem rein.«

»Hm.«

»Und warum?«

Immer noch musterte Lene Wolters ihre Finger, als würden sie ihr die Antwort weisen. »Weil ich Angst hatte«, flüsterte sie schließlich.

»Angst? Wovor denn?«

Schweigen.

»Wovor hatten Sie Angst?«, wiederholte Adler und musterte die junge Frau eindringlich.

Sie hob den Kopf und blickte zu ihrer Mutter. Wenn er erfahren wollte, was wirklich passiert war, musste er jetzt mit Lene Wolters alleine weitersprechen.

»Frau Wolters, Inspektorenanwärter Raade geleitet Sie jetzt mal in mein Büro rüber. Vielleicht findet sich dort ein Glas Wasser für Sie.«

Entgeistert schaute die Frau Adler an. »Ich lasse Lene auf keinen Fall alleine.«

Adler schaute sie streng an, während Raade neben sie trat. »Wenn Sie mir bitte folgen würden.«

»Nein.«

»Mama.«

»Ich lass dich hier nicht allein mit dem Kommissar. Nicht nach dem, was gestern passiert ist.«

»Mama.«

»Auf keinen Fall.«

»Frau Wolters …«, setzte Raade an.

»Ich verbitte mir …«

»Mama«, wiederholte Lene Wolters flehentlich.

»Lene …«

»Wegen Rudolf …«, wisperte die junge Frau.

Augenblicklich herrschte Stille in dem schmucklosen Raum.

Das einzige Geräusch war das Surren einer Fliege, die vergeblich versuchte, durch die Glasscheibe nach außen zu gelangen. Adler friemelte aus der Innentasche seines Sakkos ein frisches weißes Taschentuch und reichte es der jungen Frau, die sich damit die Augen abtupfte.

»Wer ist Rudolf?«, fragte Adler nach einer Weile.

»Mein … Freund.«

In einer Mischung aus Mitgefühl und Empörung blickte ihre Mutter zu ihr.

»Ach Lene. Warum hast du mir das denn nicht gesagt?«

Geräuschvoll zog die junge Frau die Nase hoch.

»Wer ist denn dieser Rudolf?«, fragte Adler erneut.

Mutter und Tochter schauten einander an. Stockend begann Lene Wolters zu erzählen.

»Rudolf ist … Rudolf war ein Kumpel von Paulchen.« Sie atmete einmal tief durch. »Er hat mich … als Paul … er ist …«

Der Rest erstickte in Tränen. Adler wollte diese Geschichte eigentlich gar nicht hören. Er spürte die Trauer und Scham Lenes. Er wollte dieses Gespräch nicht weiterführen. Was immer zwischen Rudolf und Lene war, es ging ihn nichts an. Niemanden. So wenig es irgendeinen anderen Menschen etwas anging, was einmal zwischen ihm und Charlotte gewesen war. Sie waren damals kaum älter als heute Lene gewesen, als sie das erste Mal verliebt spazieren gingen. Sich an den Händen hielten, sich verlegen küssten. Doch es half alles nichts, Adler musste dieses Gespräch mit Lene zu Ende führen. Und er würde mit Rudolf sprechen müssen.

Langsam beruhigte sich Lene Wolters. Ihre Mutter hatte ihre Empörung hintangestellt und tröstend den Arm um ihre Tochter gelegt.

»Nachdem Paulchen tot war, kam Rudolf immer mal wieder bei uns vorbei. Er war … genauso traurig wie ich. Als die Jungs im April fünfundvierzig alle zum Volkssturm sollten, haben wir ihn dann in unserer Kammer versteckt. Niemand wusste etwas, nicht einmal seine Mutter. Nur damit er nicht so endet …« Sie stockte erneut. »Wie Paulchen … Später sind wir dann immer mal wieder spazieren gegangen.«

Sie schaute zu ihrer Mutter, als würde sie um Entschuldigung bitten müssen.

»Es tat so gut, mit ihm zu reden. Über Paul. Über den Krieg. Über das, was wird. Was wir werden wollen.«

Erneut hielt sie inne. Beim Gedanken an Rudolf schien ein Lächeln über ihre Seele zu gleiten.

»Wir sind oft die Panke hochgelaufen. Bis zu den Karpfenteichen. Manchmal haben wir auch einfach nur am Ufer gesessen und zugeschaut, wie das Wasser so dahinfloss. Einfach so. Haben die Rotfedern beobachtet.«

»Und manchmal habt ihr euch in der zerstörten Orangerie verabredet?« Adler duzte Lene nun wieder.

Kaum merklich nickte sie. Sie atmete schwer.

»Gestern wolltet ihr euch auch wieder an der Ruine treffen?«

»Ich hatte solche Angst, dass Rudolf etwas passiert ist. Der Gestank war so abscheulich, da musste ich nachgucken. Aber es war nicht Rudolf. Gott sei Dank. Ich weiß, ich hätte nicht erleichtert sein sollen. Ich schäme mich so, aber ich war so furchtbar erleichtert.«

»Und dort haben dich die Russen entdeckt?«

»Ja.«

»Hast du die Leiche berührt, irgendetwas verändert?«

Lene schüttelte sich vor Ekel. »Nein.«

»Und hast du seitdem mit Rudolf gesprochen?«

»Nein, auch nicht.«

»Wirklich nicht?«, fragte Adler streng nach.

»Nein.«

»Du weißt also nicht, warum Rudolf nicht zur vereinbarten Zeit in der Orangerie war?«

Lene zuckte mit den Schultern. Ja, warum war er nicht gekommen? Plötzlich weiteten sich ihre Augen vor Schreck. Sie begriff.

»Niemals. Das hat Rudolf niemals getan«, schrie sie empört auf, als sie bemerkte, dass sie ihren Freund gerade ungewollt zu einem Verdächtigen gemacht hatte.

»Es wird sich alles aufklären«, versuchte Adler die nun völlig aufgelöste junge Frau zu beruhigen. Hoffentlich zum Guten, dachte er.

 

An der Haustür verkündete ein kleines Emailleschild mit schwarzer Schrift auf weißem Grund, dass hier Betteln und Hausieren verboten sei. Die violett-grün changierenden Fliesen und Schablonenmalereien an den Flurwänden darüber im Durchgang zum Hof kündeten vom bürgerlichen Wohlstand, der im Haus geherrscht hatte, ehe die Kriegswirren darüber hinweggeweht waren. Die Pracht bröckelte, der stumme Portier schwieg. Der linke Seitenflügel des Pankower Mietshauses war in sich zusammengesunken, während das Vorderhaus kaum beschädigt erschien. Auch die oberen Stockwerke des rechten Seitenflügels waren gen Himmel offen. Angekohlte Holzbalken ragten ins Blaue, vermutlich das Ergebnis einer Brandbombe. Immerhin schien das Erdgeschoss noch bewohnt zu sein, denn dort waren die Fenster notdürftig mit Latten und Pappe gesichert.

»Hier?«, fragte Raade zweifelnd.

Adler nickte.

Erster Hof, hatte Lene Wolters gesagt. Den zweiten Hof gab es nicht mehr. Dort, wo er sich einst anschloss, lag nun ein staubiger Trümmerhaufen. Ein Stumpf im Boden kündete davon, dass einmal ein Baum im Hof gestanden hatte. Vermutlich eine Birne wie in so vielen Berliner Hinterhöfen. Im letzten Winter hatten die Bewohner dann vor der Entscheidung gestanden, entweder im nächsten Herbst Birnen essen zu können oder in diesem Winter für ein paar Stunden nicht zu frieren.

Vorbei an einem muffig riechenden Kellerabgang gingen sie zur Ruine des Seitenflügels.

»Wird schon stimmen«, antwortete Adler und klopfte an die Türe.

Unter dem abgepellten braunen Lack kam das helle Holz zum Vorschein. Brandspuren hatten ein Muster darauf gezeichnet. Von innen war Rumpeln zu vernehmen. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt, gesichert durch eine Metallkette. Eine Frau Mitte vierzig, schmale Wangen, ausgezehrtes Gesicht, schaute unsicher auf die beiden Besucher. Eine blonde Haarsträhne fiel ihr über die Stirn. Behutsam schob sie sie hinters Ohr. Adler schaute auf die schmalen, unberingten Finger.

»Ja bitte?«

»Frau Meister?«

»Ja?«

»Kriminalpolizei. Wir würden gerne mit Rudolf sprechen, Frau Meister«, sagte Adler.

»Warum?«, fragte sie, ohne Anstalten zu unternehmen, die Männer hereinzubitten.

»Wir würden uns gerne mit ihm unterhalten«, wiederholte Adler ohne weitere Erläuterung.

»Er ist nicht da«, antwortete sie unwirsch.

»Wissen Sie, wo er im Moment ist?«

Einen Moment musterte sie die beiden Männer stumm. »Nein«, antwortete sie einsilbig.

Das konnte anstrengend werden.

»Frau …«, setzte Adler gerade an, als sich ein Fenster im Vorderflügel öffnete.

»Allet in Ordnung bei Ihnen, Frau Meister?«

Erschrocken schaute sie nach oben. »Alles gut, Herr Müller.«

Adler sah die Angst in ihrem Blick.

»Soll ick man lieba die Polizei rufen?«