Bernsteinsommer - Anne Barns - E-Book

Bernsteinsommer E-Book

Anne Barns

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Beschreibung

Verlorene Erinnerungen und eine neue Liebe Nach ihrer Ausbildung zur Konditorin hat Christina ihr eigenes Café eröffnet. Wunderschöne Aquarelle schmücken dort die Wände. Ihr Vater hat sie ihr geschenkt, doch seit er die Diagnose Alzheimer erhalten hat, malt er nicht mehr. Er verändert sich und verschwindet immer mehr in seiner eigenen Welt. Dass er trotzdem eines Tages nach seinen Malkreiden fragt, ist für Christina ein Lichtblick. Ohne Zögern macht sie sich in seinem Arbeitszimmer auf die Suche und findet dabei ein Ölgemälde, das nicht von ihrem Vater stammen kann. Trotzdem fühlt sie sich wie magisch angezogen von der lichtdurchfluteten Meerlandschaft und begibt sich bei der Suche nach dem Künstler auf eine Reise, die sie von Hanau nach Rügen und in die Vergangenheit ihrer Familie führt.

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Seitenzahl: 415

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Zum Buch

Christina mag ihr gemütliches Café in der Frankfurter Innenstadt. Die Kunden lieben ihr köstliches Essen – vom hausgemachten Frühstück über herzhafte Kleinigkeiten bis hin zu Kaffee und Kuchen bietet sie alles an. Doch so schön der Erfolg ihres Cafés ist, ihr bleibt immer weniger Zeit für ihre eigene Kreativität, sie vermisst die Arbeit in der Backstube. Manchmal fragt sie sich, ob es wirklich das ist, wovon sie immer geträumt hat. Als ein Wasserrohrbruch in ihrer Küche den Betrieb lahmlegt, steht plötzlich Lukas vor der Tür. Und obwohl Christina ihn schon so lange kennt, weckt er auf einmal ganz neue Gefühle in ihr.

Zum Autor

Anne Barns ist ein Pseudonym der Autorin Andrea Russo. Sie hat vor einigen Jahren ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben, um sich ganz auf ihre Bücher konzentrieren zu können. Sie liebt Lesen, Kuchen und das Meer. Zum Schreiben zieht sie sich am liebsten auf eine Insel zurück, wenn möglich in die Nähe einer guten Bäckerei.

Lieferbare Titel

Apfelkuchen am Meer Drei Schwestern am Meer Honigduft und Meeresbrise Bratapfel am Meer

Auch wenn einige Schauplätze und Personen real existieren, sind alle Handlungen in diesem Roman frei erfunden.

© 2021 by HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Covergestaltung von bürosüd, München Coverabbildung: www.buerosued.de unter Verwendung von Shutterstock, wikipedia.org/wiki/Clara_Arnheim, rechtefrei, Elisabeth Büchsel / Galerie »Der Panther« – Fine Art, der Verlag hat sich bemüht, den Rechteinhaber ausfindig zu machen.} E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783749950287

www.harpercollins.de

Widmung

Für meinen Mann Tato und meine Freundin Bozena

Ich liebe euch – kocham cię

Prolog

Hiddensee, im Sommer 1917

Grete band sich das blonde Haar zu einem Zopf, griff nach ihrem Eimer und schritt, den Blick auf den Sand zu ihren Füßen gerichtet, am Spülsaum entlang. Sie war jeden Tag unterwegs gewesen, seitdem ihre Mutter ihr die Kette mit dem hübschen glatten Anhänger in der Farbe von flüssigem Honig geschenkt hatte. Das sei ein Bernstein, hatte sie ihr erklärt. Ein ganz besonderer Stein des Meeres, den man am Ufer finden könne. Aber bisher hatte Grete kein Glück gehabt. Am Ende des Tages brachte sie stets nur Kieselsteine und manchmal ein paar durch den Sand und das Meer rund geschliffene bunte Glasstücke in das Zuhause, das die Mutter stolz »unser Sommerhaus« nannte.

»Heute werde ich etwas finden«, murmelte Grete vor sich hin, ging in die Hocke und stocherte mit einem Stock zwischen Algen und Seetang herum. Als sie wieder aufsah, bemerkte sie eine sonderbar gekleidete Gestalt, die unter einem weißen Schirm in einer Ausbuchtung des Steilhangs stand. Grete blinzelte, legte eine Hand über die Augen und sah etwas genauer hin. Es war eine Frau mit einem geflochtenen Zopf. Auf ihrem Kopf saß ein weiter Schlapphut. Und sie trug Hosen! Mit kerzengeradem Rücken stand sie vor einem Gestell aus Holz, den Blick fest auf das Meer gerichtet. Neugierig ging Grete etwas näher heran und tat dabei so, als würde sie weiter den Boden absuchen. Die Frau aber schien keine Notiz von ihr zu nehmen. Auch als Grete direkt an ihr vorbeilief, beachtete die Fremde sie nicht.

Ihre Mutter hatte ihr eingebläut, jeden Menschen auf der Insel immer freundlich zu grüßen, egal ob Sommergast, Fischer, Hafenarbeiter oder Landwirt.

»Guten Tag«, murmelte Grete leise wie zu sich selbst. »Was für ein herrliches Wetter, finden Sie nicht auch?«

Sie bückte sich, um einen schwarz-weiß gesprenkelten Feuerstein aufzuheben, in dem sie ein kreisrundes Loch entdeckt hatte. Dann drehte sie um und watete am Saum der Brandung zurück. Genau auf Höhe der Frau, aber weit genug entfernt, um notfalls schnell weglaufen zu können, blieb sie stehen. Sie stellte den Eimer in den Sand, hielt den Stein gegen die Sonne und spähte mit einem Auge durch das Loch. Dann stieß sie laut in bewunderndem Ton aus: »Oh, der ist aber schön!«

Endlich nahm die Frau Notiz von ihr. »Na, komm schon her!«, rief sie. Ihre Stimme klang ungeduldig, aber nicht unfreundlich.

Grete blickte sich kurz um. Ihr Bruder Günther, der auf sie aufpassen sollte, saß mit lang ausgestreckten Beinen auf seinem Strandtuch und hielt sein Gesicht in die Sonne. Nachher ist er bestimmt rot wie ein Krebs, dachte sie. Geschah ihm recht. Sie konnte es gar nicht leiden, dass er sie immer noch wie ein Kleinkind behandelte, dabei war sie schon sechs. Aber solange er die Nase in die Sonne reckte, achtete er sowieso nicht auf sie. Entschlossen griff Grete nach ihrem Eimer und ging zu der fremden Frau hinüber.

»Wie heißt du, Kind?«

»Grete.«

»Na schön, Grete, dann tu nun bitte genau das, was du eben getan hast, als du den Stein gefunden hast.«

»Den Lochstein?«

»Genau, heb ihn hoch und schau hindurch, ich will dich dabei zeichnen.«

»Sie sind ein Maler?«, fragte Grete. Aber warum trug dieser Mann dann einen Zopf?

»Eine Malerin«, verbesserte die Frau und lachte. »Und jetzt steh still, du hast ein hübsches Profil, das möchte ich einfangen.«

Grete verstand zwar nicht, was die Dame genau damit meinte, aber stillstehen konnte sie. Das hatte sie schon oft gemusst, wenn sie Unfug angestellt hatte und Günther sie bestrafen wollte. Seit der Vater in den Krieg gezogen war, spielte er sich auf, als wäre er der Herr im Haus, obwohl er erst fünfzehn war.

»Sehr schön«, lobte die Malerin. »Gut machst du das.«

Die Sonne blendete Grete, und ihre Augen fingen an zu tränen, aber sie blieb reglos stehen und lauschte dem Kratzen des eigenartigen Stifts, mit dem die Malerin über ein Stück Papier fuhr. Erst als das Kratzen aufhörte und sie nur noch das Rauschen des Meeres hörte, wagte Grete, den Kopf etwas zur Seite zu drehen und zu der Frau zu linsen.

»Komm und sieh es dir an.«

Das ließ Grete sich nicht zweimal sagen. So schnell sie konnte lief sie zu der Malerin und stellte sich neben sie.

Was sie sah, verschlug ihr für einen Moment die Sprache. Als sie die Worte wiederfand, rief sie entzückt: »Das bin ja ich!«

»Ja, mein Kind, das bist du. Und weißt du, dass du sehr hübsch aussiehst? Du hast nicht nur ein bezauberndes Profil mit deiner kleinen Stubsnase und den vollen Lippen, sondern auch eine wundervolle Ausstrahlung. Ich glaube, du bist ein sehr nettes Mädchen. Kann das sein?«

Grete schielte nach rechts, wo Günther noch immer auf dem Strandtuch saß. »Da irren Sie sich. Mein Bruder sagt, ich bin das frechste Mädchen, das er kennt.«

Die Malerin lachte laut. »Frech ist viel besser als nett.«

»Das sieht mein Bruder anders. Der weiß immer alles besser.« Grete grinste. »Nur dass er von der Sonne eine rote Nase bekommt und heute Abend ein ganz heißes Gesicht haben wird, hat er anscheinend vergessen.«

Die Malerin lächelte sie freundlich an. »Du bist genau richtig, Kind!«

»Was ist das für ein Stift, mit dem Sie mich gemalt haben?«

»Das ist Kohle. Schau …« Die Frau brach ein kleines Stück ab und reichte es ihr. »Probier es aus, schreib deinen Namen unter dein Porträt. Du kannst doch schreiben, oder? Gehst du schon zur Schule?«

Jetzt war sie doch froh, dass die Mutter sie gelehrt hatte, welche Buchstaben sie aneinanderreihen musste, um ihren Namen zu schreiben. »Zur Schule gehe ich noch nicht, aber ich kann es trotzdem.« Stolz schrieb sie mit dem Stück Kohle Grete auf das Papier.

»Das hast du gut gemacht«, sagte die Malerin. »Und? Wie gefällt dir unser Werk?«

»Es ist sehr schön!«, befand Grete ernst, fast feierlich. Dann fiel ihr Blick auf das Bild, das auf einem kleinen Hocker neben dem Holzgestell lag. Es sah ganz anders aus als die Zeichnung, die die Malerin von ihr angefertigt hatte. Lauter bunte Farben leuchteten darauf. Und es erinnerte sie ein wenig an die gerahmten Gemälde, die in ihrem richtigen Zuhause in Hanau an den Wänden hingen. Aber dieses hier war viel schöner! Es zeigte den gelb blühenden Ginsterbusch vor der weißen Kreidewand, der nur ein paar Meter entfernt wuchs, und daneben das Wasser des Meeres. Alles auf dem Bild sah sehr lebendig aus, fast hatte Grete das Gefühl, sie könnte nach dem Ginsterbusch greifen und ihn tatsächlich berühren. Wie magisch angezogen trat sie näher heran. »Das ist wunderschön.« Sie wandte den Kopf zu der Frau neben ihr. »Sie haben das Licht eingefangen.«

»Das hast du sehr gut erkannt«, erklärte die Malerin. »Ich habe das Bild mit Aquarellfarben gemalt. Sie sind besonders farbintensiv, aber auch durchlässig für Licht. Deshalb leuchten sie so.« Sie deutete auf Gretes Eimer, in dem ein brauner Glasstein in der Sonne funkelte. »So wie bei deinem Meerglas.«

Grete griff nach dem Anhänger an ihrer Kette und hielt ihn der Malerin hin. »Oder wie Bernstein, der leuchtet noch schöner.«

»Da hast du recht.« Die Frau beugte sich zu ihr herunter. »Der ist aber besonders hübsch!«

»Meine Mutter hat ihn mir geschenkt.« Sie blickte über den Strand. »Die Steine kann man hier finden, aber ich habe einfach kein Glück.«

»Mit Glück hat das nichts zu tun, Liebes, du bist einfach zur falschen Jahreszeit hier. Die Wellen spülen die Steine an Land, aber dafür muss das Wasser kalt sein, und im besten Fall sollte es vorher gestürmt haben. Wenn du dann am Strand spazieren gehst und gut aufpasst, kannst du sie finden.«

»Ach so.« Enttäuscht sah Grete in ihren Eimer.

»Aber weißt du, was das Schöne an der Malerei ist? Du kannst nicht nur Dinge auf Papier festhalten, die du vor dir siehst, sondern auch jene, die du dir wünschst und die nur in deiner Vorstellung existieren. Komm einmal her zur Staffelei, ich zeige dir, was ich meine.«

»Das Holzgestell nennt man Staffelei?«

»Ja, daran befestige ich das Papier oder die Leinwand, auf der ich male. Und jetzt pass auf.«

Sie klemmte ein weißes Blatt Papier an die Staffelei, tauchte einen Pinsel zuerst in Wasser und danach in einen Kasten mit vielen kleinen Farbblöcken.

Fasziniert verfolgte Grete, wie die Malerin einen kleinen Klecks goldbraune Farbe auf das Papier tupfte, dann den Pinsel mit klarem Wasser auswusch und an den Farbklecks auf dem Papier hielt. Dort, wo das Wasser auf die Farbe traf, verlief sie, wurde heller und durchscheinend.

»Du malst einen Bernstein!«, rief Grete aufgeregt, als sie begriff, was da vor ihren Augen entstand.

Die Malerin lachte, setzte einen Klecks neben den ersten, dann noch einen und noch einen. »So kannst du deinen Bernstein auch im Sommer bewundern.« Am Ende malte sie zwei Buchstaben rechts an den Rand des Bildes.

»EB, was bedeutet das?«

»Das sind die beiden Anfangsbuchstaben meines Namens, damit jeder weiß, dass ich das Bild gemalt habe, Elisabeth Büchsel.«

Kaum hatte die Frau dies gesagt, hörte Grete Kinderlachen, und kurz darauf rief ein Junge: »Da vorne ist sie, da ist Tante Büchsel!«

»Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe.« Die Malerin seufzte auf, lächelte dann aber. »Hat die Bande mich also gefunden.«

Drei Inselkinder rannten über den Strand auf sie zu und an Günther vorbei, der ihnen nachsah. Auweia, dachte Grete, jetzt hat er mich entdeckt. Und richtig, im nächsten Moment stand er auch schon auf.

»Ich muss gehen«, sagte sie. »Sind Sie morgen wieder hier?«

»Das weiß ich noch nicht, aber irgendwo auf der Insel findest du mich bestimmt.« Elisabeth Büchsel lächelte. »Ihr Kinder findet mich doch immer.« Sie nahm das Blatt von der Staffelei, rollte es behutsam zusammen, knotete ein Band darum und hielt es Grete hin. »Hier, für dich!«

Sie konnte ihr Glück kaum fassen. »Ich darf es mitnehmen?«

»Ja, ich schenke es dir. Damit du dich später daran erinnerst, dass man sich mit Farben jeden Wunsch erfüllen und außerdem das Licht einfangen kann.«

»Das werde ich nie vergessen, versprochen!« Sie steckte das Bild in den Eimer, lächelte der Malerin zum Abschied zu und lief zu Günther, der sie schon fast erreicht hatte.

»Du darfst nicht mit Fremden sprechen!«, schimpfte er los.

»Aber Mutter hat gesagt, dass ich immer freundlich sein und jeden auf der Insel grüßen soll«, sagte Grete und verbarg den Eimer schnell hinter ihrem Rücken.

»Das ist was anderes.« Günther runzelte die Stirn. »Was versteckst du da vor mir?«

»Nichts, das ist nur mein Eimer«, erklärte Grete. Wenn sie jetzt log, machte sie alles nur noch schlimmer. »Mit ein paar Steinen und einem Bild, das mir die Malerin geschenkt hat.«

»Das Malweib, zeig her!«

Günther streckte auffordernd die Hand aus und schaute sie streng an. Grete blieb nichts anderes übrig, als ihm ihren Schatz auszuhändigen. Ängstlich beobachtete sie, wie ihr Bruder das kleine Bild aufrollte.

»Braune Flecken?« Er lachte laut auf und posaunte mit vor Hohn triefender Stimme: »Da hat dir das Malweib ja ein schönes Geschenk gemacht.«

Grete wusste instinktiv, dass ihr Bruder niemals verstehen würde, welcher Zauber diesen braunen Flecken innewohnte.

»Ich will es als Unterlage für meine Steine nutzen«, flunkerte sie. »So fliegt nicht überall der Sand im Haus herum, wenn ich sie darauf säubere.«

»Dazu taugt es sicherlich.« Günther schüttelte noch einmal abfällig den Kopf, gab ihr aber das Bild zurück. Dann sah er in ihren Eimer. »Was hast du noch?«

Er machte sich zwar gern lustig über sie, war aber immer daran interessiert, ob sie nicht doch einen Bernstein gefunden hatte.

»Nur ganz normale Steine.«

»Dann komm jetzt, Mutter wartet bestimmt schon.«

Sie lief neben dem Bruder her, spürte den warmen Sand unter den nackten Füßen und war glücklich. Da erst bemerkte sie, dass sie noch immer das Stück Kohle, mit dem sie ihren Namen auf das Bild geschrieben hatte, fest umschlossen in der Hand hielt.

1. Kapitel

Wenig Teig und ganz viel Obst, so mochte mein Vater seinen Kuchen am liebsten. Für einen schlichten Biskuitboden, belegt mit frischen Erdbeeren, Himbeeren oder Blaubeeren, ließ er jede andere Art von Gebäck stehen. Vor ein paar Wochen hat sich sein Geschmack allerdings geändert. Obstkuchen mag er nicht mehr. Er bevorzugt nun einen schlichten Napfkuchen, der etwas zu lang gebacken werden muss. Sodass er außen schön braun wird – und innen folglich zu trocken. Deswegen trinkt mein Vater gern ein Glas Milch dazu, in das er den Kuchen stippt.

Ich gehe in die Hocke und schaue in den Ofen. Der Kuchen ist schön aufgegangen und hat eine ansprechende Farbe angenommen.

»Riecht, als wäre er fertig. Brauchst du die Topflappen, Christina?«, fragt meine Mutter.

»Noch ein paar Minuten«, antworte ich und schaue zu ihr hoch. »Schade, dass wir wahrscheinlich nie rausfinden werden, woher Papas plötzlicher Appetit auf Sandkuchen kommt. Ich tippe aber immer noch auf eine Kindheitserinnerung.«

»Wer weiß …« Ein kleines Lächeln umspielt die Lippen meiner Mutter. »Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass deine Großmutter früher welchen gebacken hat.«

»Stimmt.« Wenn Oma Renate sie zum Kaffee einlud, hat sie Opa zum Einkaufen ins Café Schien geschickt. Er brachte von dort immer Schwarzwälder Kirsch-, Buttercreme- oder andere üppige Torten mit. Für mich gab es meist Nusstörtchen. Wie habe ich die kleinen gehaltvollen Leckerbissen geliebt! Allein schon deswegen hat sich ein Besuch bei meinen Großeltern immer gelohnt.

Wenn Oma noch gelebt hätte, was hätte sie wohl dazu gesagt, dass genau diese Nusstörtchen mich dazu bewegt haben, eine Lehre als Konditorin in ihrem Lieblingscafé zu beginnen? Ich wollte unbedingt lernen, wie man den hellen glänzenden Zuckerguss herstellt, der die sündhafte Leckerei umhüllt. Und wie man es schafft, dass das nussige Innenleben so feucht und gleichzeitig locker bleibt. Heute kenne ich das Geheimnis und führe ein eigenes Café in Frankfurt, in dem ich meine süßen Köstlichkeiten anbiete.

»Papa kommt mit dem Besteck nicht mehr so gut zurecht«, erklärt meine Mutter. »Es ist einfacher für ihn, mit den Fingern zu essen. Deswegen bevorzugt er jetzt Kuchen ohne Obstbelag.«

»Mir gefällt meine Theorie besser.«

Liebevoll streicht sie mir über das Haar. »Mir auch, Schatz. Aber ich habe mir felsenfest vorgenommen, die Augen nicht vor der Wahrheit zu verschließen. Ich bin mir nicht sicher, ob Papa überhaupt noch Momente hat, in denen ihm bewusst ist, dass er krank ist. Er lebt immer mehr in seiner eigenen Welt.«

»Das Leben ist ungerecht«, sage ich, und sofort schießt mir durch den Kopf, was mein Vater darauf erwidert hätte.

Meiner Mutter geht es anscheinend ähnlich. »Aber nicht immer zu deinen Ungunsten«, zitiert sie seinen Lieblingsspruch prompt.

Wir sehen einander an und lächeln beide. Vor meinem inneren Auge erscheint mein Vater, den ich stets für seine positive Lebenseinstellung bewundert habe.

Seine hellen grauen Augen blitzen mich belustigt an. Er legt seinen Kopf leicht schief und schaut zu mir herunter. Warum mein eins neunzig großer Vater und meine eins fünfundsiebzig große Mutter eine so kleine Tochter wie mich zeugen konnten, habe ich nie wirklich verstanden. Mein Bruder Philipp überragt Papa sogar noch um zwei Zentimeter, ich bin nur knappe eins siebenundsechzig groß. Mein ganzes Leben lang musste ich im wahrsten Sinne des Wortes zum Rest der Familie aufschauen.

Na ja, immerhin habe ich Mamas volles Haar geerbt, denke ich und schiebe mir eine Strähne, die sich aus meinem Zopf gelöst hat, hinters Ohr. Vor ein paar Monaten habe ich mich dazu entschieden, meine blonden Strähnchen rauswachsen zu lassen. Stattdessen hat meine Friseurin mich von einem dezenten Cognac-Ton überzeugt, mit dem ich sehr glücklich bin. Mein Vater hat, seitdem er fünfzig ist, kaum noch Haare auf dem Kopf. Philipp kommt ganz nach ihm. Er ist neununddreißig und leidet sehr unter seinem schütteren Haar und der ständig wachsenden kreisrunden Glatze.

»Vielleicht kaufe ich mir wieder einen Gasherd«, sagt meine Mutter und reißt mich damit aus meinen Gedanken.

»Finde ich gut, mach doch!« Ich nicke zustimmend.

»Wir hätten den alten aufheben sollen«, erklärt Mama. »Im Keller wäre genug Platz gewesen.«

»Das stimmt«, entgegne ich und stehe auf. »Aber dafür darfst du dir jetzt einen richtig schönen zulegen, den du dir ganz in Ruhe aussuchen kannst. Wobei ich Induktion eigentlich nicht schlecht finde.«

»Der Ofen funktioniert gut, darum geht es nicht. Es ist nur so, dass er mich ständig daran erinnert, warum wir den alten abgeschafft haben.«

Ich lächle wehmütig. Papa hat den Gasofen geliebt. Und anders als Oma hat er gerne und oft gebacken. Aber eines Tages hat er den Knopf zum Ein- und Ausschalten falsch bedient. Das Gas strömte ohne Flamme heraus, doch ihn hat das nicht interessiert oder er hat es gar nicht bemerkt. Wahrscheinlich hat er schlicht vergessen, wie gefährlich das ist – so wie er nach und nach immer mehr vergisst.

Zum Glück war meine Mutter in der Nähe und konnte Schlimmeres verhindern. Uns hat sie davon erst erzählt, als es zum dritten Mal passierte. Mein Bruder hat nicht lange diskutiert und verkündet, wenn sie keinen neuen Herd bestellen würde, würde er einen für sie aussuchen. So hat sie schließlich mich gebeten, die Auswahl für sie zu treffen. Der neue Herd ist hervorragend. Aber er kommt nicht gegen den alten an, an dem so viele schöne Erinnerungen hingen.

In dem Gasofen hat Papa die besten Maronen der Welt zubereitet. Er hat sie unten auf das heiße Rohr gelegt, bis sie aufgeplatzt sind und ihr süßer Duft durchs ganze Haus zog. Jeden zweiten Sonntag im November schmorte die traditionelle Martinsgans perfekt gebräunt in ihrem Bräter auf dem alten Rost. Und im Sommer hat er das Obst aus dem Garten in großen Weckgläsern im Ofen eingekocht und aus den restlichen Früchten den besten Obststreuselkuchen gezaubert, den ich je gegessen habe. Diese Zeiten sind vorbei, Papa wird nie wieder für uns kochen oder backen.

Aber das Leben geht weiter, und es ist gut, dass meine Mutter nach vorne schaut, auch wenn es dabei nur um einen neuen Herd geht.

»Es gibt Gasöfen mit verschieden großen Kochzonen. Wenn, würde ich so einen nehmen«, schlage ich vor.

»Wie läuft es im Café? Gibt es endlich etwas Neues bezüglich der geplanten Sanierung?«

Meine Mutter leidet mehr unter Papas Krankheit, als sie uns Kindern gegenüber zeigt. Meistens gibt sie sich gefasst und stark. Mit plötzlichen Themenwechseln, so wie diesem, versucht sie davon abzulenken, wie traurig sie ist.

Ihr zuliebe gehe ich darauf ein. »Nicht wirklich, der Eigentümer weigert sich immer noch. Langsam sollte da mal was passieren, sonst müssen wir den Laden spätestens im Winter dichtmachen.«

Selbstständig sein hat auch Nachteile. Seit einiger Zeit schlage ich mich mit der immer maroder werdenden Ausstattung herum. Durch die große Schaufensterfront des Cafés zieht Luft, und die Eingangstür schließt nicht mehr richtig. Damit konnten wir uns die letzten beiden Jahre einigermaßen arrangieren. Seit Anfang Februar funktioniert die Heizung jedoch nicht mehr, sodass wir uns mit stromfressenden Heizstrahlern behelfen mussten, die kaum gegen die Kälte ankamen. Jetzt im Mai stört das nicht. Aber langsam bezweifle ich, dass der Vermieter das Problem bis zu den nasskalten Monaten behoben haben wird. Die Anlage kann nicht mehr repariert, sondern muss ausgetauscht werden, und eigentlich benötigt das komplette Haus eine Sanierung.

»Eine Nachbarin hat mir letztens erzählt, sie habe gehört, dass das Haus verkauft werden soll. Aber das sind bisher nur Gerüchte. Vielleicht sollte ich doch mal zum Anwalt gehen und mich unverbindlich beraten lassen, welche Rechte ich als Mieterin bezüglich der Instandhaltung des Gebäudes habe.«

»Mach das, es ist immer besser, wenn man vorbereitet ist. Es wäre schade, wenn ihr ausgerechnet jetzt schließen müsstet, wo es so gut läuft.«

»Das stimmt allerdings.« Ich schaue auf die große Uhr, die an der Wand über der Eckbank hängt. Heute ist Sonntag, und die Zeiger stehen auf Viertel nach zwei. Wahrscheinlich ist es im Café gerade proppenvoll. Die letzten Mittagstischgäste werden nach und nach durch die Nachmittagskaffeegäste abgelöst, und auch an der Kuchentheke herrscht mit Sicherheit reger Betrieb.

Zwar habe ich mir vorgenommen, mir öfter mal einen Tag freizunehmen und mehr zu delegieren, aber es fällt mir schwer, die Verantwortung in andere Hände zu geben. Auf Dauer geht das nicht gut. Den letzten Urlaub habe ich vor vier Jahren gemacht. Ich müsste endlich mal wieder länger wegfahren, um Energie zu tanken und abzuschalten. Aber es fällt mir schon schwer, dem Café ein einziges Wochenende fernzubleiben, so wie an diesem, das ich mit meiner Mutter verbringe.

Seit gestern schmeißt Liljana den Laden. Anfangs hat sie nur für einige Stunden ausgeholfen, doch mittlerweile steht das Café finanziell so gut da, dass ich sie letzten Monat fest eingestellt habe. Obwohl ich mir sicher bin, dass sie alles im Griff hat, halte ich es plötzlich nicht mehr aus, tatenlos herumzusitzen, ohne zu wissen, wie es läuft.

Mein Smartphone steckt in meiner Tasche auf der Eckbank. Es blinkt, als ich es raushole. Jemand hat mir eine SMS geschickt. Mein Ex, denke ich, denn er ist der einzige meiner Kontakte, der WhatsApp und Co nicht nutzt. Arne simst. Er hat mir heute Vormittag schon geschrieben, und bisher habe ich noch nicht geantwortet. Bestimmt hakt er jetzt nach.

Doch ich täusche mich. Die Nachricht stammt vom GPS-Tracker.

Exit.

14:05:23… Last seen at Lortzingstr.8,63452Hanau

»Papa hat die Geofence-Zone verlassen, vor fünfundzwanzig Minuten«, stelle ich fest. »War heute irgendein Termin?«

»Am Sonntag, das glaub ich kaum.« Meine Mutter sieht sich in der Küche um. »Wo hab ich denn mein Handy wieder hingelegt? Bei mir hätte doch auch eine Nachricht ankommen müssen.«

Ich logge mich im Tracking-Portal ein und lasse mir die aktuelle Position meines Vaters anzeigen. Meine Mutter stellt sich neben mich und sieht mit mir auf den Straßenplan, der sich nun auf dem Display öffnet. »Händelstraße«, sagt sie, »das ist nicht weit weg vom Heim. Vielleicht ist jemand mit ihm spazieren gegangen. Ich ruf mal an und frag nach.«

Während meine Mutter das Festnetztelefon holt und im Pflegezentrum anruft, beobachte ich das GPS-Signal, das alle zwei Minuten gesendet wird. »Papa ist jetzt auf der Frankfurter Landstraße.«

Mama runzelt die Stirn. »Auf der Station nimmt natürlich keiner ab. Frankfurter Landstraße, sagst du? Dann geht er nicht spazieren. Vielleicht ist er auf dem Weg hierher.«

»Allerdings wäre er dann ziemlich schnell zu Fuß unterwegs«, gebe ich zu bedenken.

Meine Mutter stellt sich wieder neben mich, gemeinsam warten wir, bis die Position sich erneut ändert.

»Immer noch Frankfurter Landstraße, aber viel weiter vorne.« Sie haut mit der flachen Hand auf den Tisch. »Dein Vater sitzt im Bus, entweder in der Linie 1 oder in der 9, die fahren beide dort lang! Bestimmt will er in die Stadt. Fragt sich nur, ob er allein oder mit Aufsicht unterwegs ist.« Sie drückt die Wahlwiederholungstaste und versucht noch einmal ihr Glück im Pflegeheim.

Diesmal wird das Gespräch angenommen.

»Marion Sander hier, guten Tag, der GPS-Tracker hat uns eben darüber informiert, dass mein Mann, Gregor Sander …«

Ich lausche dem Gespräch und greife nach meiner Tasche, sobald meine Mutter aufgelegt hat. »Dann gehen wir Papa mal einsammeln.«

Wir sitzen schon im Auto, da fällt mir siedend heiß ein, dass wir etwas Wichtiges vergessen haben.

»Der Kuchen!«, rufe ich. »Der Ofen ist noch an.«

»Ach herrje!« Meine Mutter steigt aus und sprintet zurück zum Haus.

»Da hat Induktion jetzt auch nix genutzt«, murmele ich vor mich hin. »Das wär uns mit Gas auch passiert.«

Als meine Mutter sich wieder neben mich ins Auto setzt, grinst sie. »Das wär’s ja gewesen! Wir beide fackeln das Haus ab, obwohl unsere Gehirne noch einwandfrei funktionieren. Ich wette, dein Bruder hätte uns lebenslanges Backverbot erteilt oder direkt in eine Anstalt eingewiesen.«

Das ist nicht fair, aber ich muss trotzdem lachen. Es war nicht Philipp, sondern mein Vater, der entschieden hat, in ein Pflegeheim zu gehen, wenn seine Krankheit ein bestimmtes Stadium erreicht. Ein paar Wochen nach der Diagnose Alzheimer-Demenz hat Papa sich mit uns zusammengesetzt und uns genaue Anweisungen gegeben. Er hat alles durchgeplant, sogar seine Beerdigung. Philipp fand das gut, Mama und ich waren dagegen. Wir Frauen wollten, dass Papa zu Hause wohnen bleibt. Ich habe angeboten, zurück in die Nachbarschaft zu ziehen, damit ich schneller vor Ort bin, wenn Hilfe gebraucht wird. Mama wollte ihren Job als Grundschullehrerin aufgeben. Aber das hat Papa nicht zugelassen. Er würde den Gedanken nicht ertragen, dass seine Frau sich um ihn kümmern müsse wie um eins ihrer Schulkinder, sagte er. Und er bat uns darum, ihn gehen zu lassen, sobald er andere gefährdet und nicht mehr in der Lage ist, ohne dauerhafte Aufsicht allein zu bleiben. Nach drei Jahren ist er in ein Pflegeheim gezogen. Von dort ist er in den letzten Wochen allerdings schon ein paarmal verschwunden. Wir haben ihn immer am gleichen Ort gefunden – in der Wilhelmsbader Parkanlage, wo Papa früher gern mit uns Kindern spazieren gegangen ist. In Richtung Stadt war er bisher noch nie unterwegs. Aber nach seinem letzten Ausflug haben wir ihm zu seiner eigenen Sicherheit eine Trackinguhr mit einem Spezialverschluss verpasst. Er kann sie nicht ausziehen, sodass wir immer wissen, wo er sich gerade befindet.

Ich starte den Wagen. »Dann mal los.«

Meine Mutter kontrolliert die Standortanzeige auf meinem Handy. »Hospitalstraße. Er sitzt definitiv im Bus. Vielleicht will er ja zur Arbeit fahren. Dann müsste er am Freiheitsplatz aussteigen.«

Das Polizeirevier befindet sich ganz in der Nähe des Busbahnhofs. Mein Vater war dort bis zu seiner Pensionierung als Hauptkommissar im Bereich der Prävention tätig. Zum Glück ist es vom Haus meiner Eltern nicht weit bis zum Revier. Nur sechs Minuten später parke ich meinen Wagen auf dem Parkplatz des Präsidiums.

Meine Mutter hält mir das Handy vor die Nase. Papa ist tatsächlich am Freiheitsplatz ausgestiegen. Und sein Standort hat sich seitdem nicht mehr verändert.

»Das Ding zeigt seine Position auf zehn Meter genau an«, erkläre ich. »Er muss also noch am Busbahnhof sein, von uns aus gesehen irgendwo auf der linken Seite.«

Wir steigen gleichzeitig aus dem Wagen und eilen bereits los, während ich auf die Fernbedienung der Zentralverriegelung drücke.

Meine Mutter sieht ihn zuerst. Sie packt mich am Arm und zieht mich mit. »Am Kiosk!«

Dort lehnt mein Vater an einer Laterne, vertieft in eine Tageszeitung. Dass er die Worte darin nicht mehr zusammensetzen kann, scheint ihn nicht zu stören. Er steht da, gekleidet in Anzughose und Hemd, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

»Hallo, Papa, was machst du denn hier?«, begrüße ich ihn und bereue schon im nächsten Moment meine Frage.

Mein Vater sieht auf, runzelt die Stirn und antwortet: »Ei, den Hanauer Anzeiger lese, des sieht mer doch.«

Hessischen Dialekt habe ich meinen Vater noch nie sprechen hören. Aber früher hätte er auch niemals freiwillig Sandkuchen gegessen.

Meine Mutter lässt sich ihre Überraschung nicht anmerken. Im Kopf ist Papa in seiner eigenen Welt, aber seine Gefühle und sein Herz sind uns noch sehr nah, hat sie mal zu mir gesagt. Zärtlich streicht sie ihm über den Arm. »Schön, dich hier zu treffen, Gregor.«

Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht. »Gehen wir«, sagt er und marschiert los in Richtung Fußgängerzone.

Er hat noch immer einen sehr aufrechten und flinken Gang. Wir folgen ihm.

»Nicht so schnell bitte, Papa, du weißt doch, meine Beine sind viel kürzer als deine«, sage ich.

Er bleibt stehen und hält mir kommentarlos die Hand hin. Ich umfasse seine Finger, und als er mit dem Daumen über meinen Handrücken streicht, durchströmt mich ein warmes, wohliges Gefühl. Verstohlen blinzele ich eine Träne fort und halte die Hand meines Vaters ganz fest.

Der schaut nun zu meiner Mutter. An seinen hochgezogenen Augenbrauen sieht man, dass er überlegt, etwas sagen will, aber anscheinend vergessen hat, was es ist.

Wenn ich eins in den letzten vier Jahren gelernt habe, ist es, geduldig zu sein. Auch Mama lächelt ihn an und wartet.

»Wo sind meine Kohlestifte?«, fragt Papa schließlich.

Mama reagiert genau richtig. Ich vermute, dass er nie nach ihnen gefragt hat, aber trotzdem antwortet sie: »Tut mir leid. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Ich bringe sie dir morgen mit.«

»Den Block auch.« Er wendet den Kopf und sieht zu mir. »Und der Kuchen?«

Ich muss lachen. »Den habe ich aus Versehen zu lange gebacken«, gestehe ich, und im selben Moment kommt mir eine Idee. »Aber wir könnten welchen im Café Schien kaufen.«

Mama geht sofort darauf ein. »Das ist ein sehr schöner Vorschlag. So wie dein Vater früher, Gregor. Der Kuchen schmeckt dort immer noch hervorragend.«

»Ja … ich will … wie hieß das noch gleich? Ihr wisst schon, was wir immer gegessen haben.«

»Schwarzwälder Kirschtorte«, sage ich.

Doch Papa schüttelt den Kopf und sieht zu Mama. »Das weißt du doch, die berühmte Torte …« Er winkt ab. »Egal.«

»Brüder-Grimm-Torte«, sagt Mama.

Mein Vater nickt. »Mit dem Taxi.«

Wie Opa Christoph damals. Nachdem er seinen Führerschein abgeben musste, hat er es sich trotzdem nicht nehmen lassen, Kuchen für uns bei Schien zu kaufen. Mitbringen durften wir nur welchen, wenn wir ihn selbst gebacken hatten. Sonst hat Opa lieber telefonisch den Kuchen in der Konditorei vorbestellt und sich mit dem Taxi dort hinkutschieren lassen, um ihn höchstpersönlich abzuholen. Zu Hause haben wir seine Einkäufe immer spaßeshalber »den teuersten Kuchen der Welt« genannt. Aber niemand hat Opa reingeredet. Es war schon schlimm genug für ihn, dass er nicht mehr selbst fahren durfte.

Mittlerweile betreibt das Café Schien auch eine kleine Filiale in der Innenstadt. Aber dorthin müssten wir von hier aus zu Fuß gehen, und die Auswahl im Hauptcafé ist wesentlich größer.

»Wir können Christinas Wagen nehmen, Gregor«, schlägt Mama vor. »Er steht auf dem Parkplatz. Wenn ihr kurz hier wartet, hole ich ihn.«

Natürlich wäre es praktischer, gemeinsam rüberzugehen. Aber bestimmt hat Mama Angst davor, wie Papa reagiert, wenn er das Präsidium erkennt.

Er runzelt die Stirn und sieht Mama eine Weile streng an. Schließlich schüttelt er den Kopf. »Du darfst nicht fahren, du hast noch keine Fahrerlaubnis.«

Ich ziehe meinen Autoschlüssel aus der Tasche und halte ihn hoch. »Aber ich darf! Ich hole den Wagen. Ihr wartet kurz hier.«

Mein Vater lässt meine Hand los. Ich sehe das als Zeichen seines Einverständnisses und gehe, so schnell ich kann, zum Parkplatz.

Gerade als ich die Autotür öffne, ruft jemand laut meinen Namen. Es ist Lukas, der winkend auf mich zukommt.

Ich warte lächelnd, bis er bei mir ist. »Hi!«

Er strahlt mich an. »Christina! Wie schön, dich zu sehen. Was machst du denn hier? Ist irgendwas passiert?«

»Nein, ich hab nur hier geparkt«, erkläre ich. »Tut mir echt leid, aber ich muss auch ganz schnell wieder los.« Ich steige ein, lasse das Autofenster runter, scanne Lukas kurz von oben bis unten ab und schenke ihm ein kleines Lächeln. »Du siehst gut aus.«

»Danke.« Er fährt sich durch das dunkle Haar und grinst. »Heißt das, du nimmst meine Einladung endlich an?«

»Du gibst wohl nie auf.« Lachend starte ich den Wagen, hupe und fahre los. Dabei betrachte ich Lukas noch einmal im Rückspiegel. Er hat sich in den letzten Jahren verändert. Aus dem schlaksigen Auszubildenden meines Vaters ist ein Mann geworden. Die definierten Muskeln unter seinem engen grauen T-Shirt waren eben nicht zu übersehen. Sein Kinn ist kantiger, seine Schultern breiter. Und der Dreitagebart steht ihm.

Doch jetzt geht es um Papa. Ich drücke aufs Gaspedal und konzentriere mich auf den Stadtverkehr. Nur kurz darauf schalte ich den Warnblinker ein und halte auf der Straße, direkt am Gehweg neben meinen Eltern.

Mama öffnet die hintere Tür. »Du zuerst, Gregor«, sagt sie. Aber Papa denkt nicht daran. Er setzt sich lieber vorne auf den Beifahrersitz. Immerhin lässt er sich, ohne zu protestieren, von meiner Mutter anschnallen. Sie hebt kurz die Hand, um sich bei der hinter uns haltenden Autofahrerin zu bedanken, und nimmt auf der Rückbank Platz.

Das Café liegt etwas außerhalb der Innenstadt in der Nähe des Westbahnhofs. Mit dem Wagen brauchen wir etwa fünf Minuten, je nachdem, wie die Ampeln geschaltet sind. Mein Vater sieht aus dem Fenster. Als wir am Krankenhaus vorbeifahren, sagt er: »Opa ist tot.«

Meine Mutter beugt sich nach vorn und legt ihre Hand auf seine Schulter. »Ja, das stimmt. Und wir sind alle immer noch sehr traurig deswegen.«

Opa Christoph ist vor vierzehn Jahren an einer Sepsis verstorben, die er sich im Krankenhaus zugezogen hat, knapp zwei Jahre nach Oma Renates Tod. Mein Vater saß an seinem Bett, als er von uns ging.

Eine Weile schweigen wir alle. Mama lässt ihre Hand auf Papas Schulter liegen, bis er sie wegschiebt und sagt: »Er war ein böser Mann.«

Ich schiele rüber zu meinem Vater und weiß nicht so genau, was ich von der Sache halten soll. Meinen Opa habe ich als herzlichen Menschen in Erinnerung. Streit zwischen ihm und meinem Vater habe ich nie mitbekommen. Auch hat mein Vater nie schlecht über ihn gesprochen. Aber in letzter Zeit kommt es häufiger vor, dass er Personen verwechselt und auch in der Zeit durcheinanderkommt.

»Meinst du Opa Christoph?«, frage ich also nach.

Mein Vater sieht mich mit großen Augen an. »Was ist mit ihm?«

Meine Mutter legt wieder die Hand auf die Schulter meines Vaters und wirft mir im Rückspiegel einen strengen Blick zu. Das Nachfragen hätte ich mir wohl besser verkneifen sollen. »Er ist gestorben, Gregor, vor vierzehn Jahren«, erklärt sie.

Mein Vater tätschelt Mamas Hand. »Jetzt wird alles gut, Oma.«

Vor Schreck trete ich fast auf die Bremse. Meine Mutter sieht die Verwechslung zum Glück gelassener, zumindest lässt sie sich nichts anmerken. »Ja, das denke ich auch, Gregor«, sagt sie. »Jetzt wird alles gut.«

2. Kapitel

Mein Vater geht an der Kuchentheke vorbei, direkt in den großen Caféraum, der sich nebenan befindet.

»Dann essen wir also hier«, sagt Mama leise zu mir und folgt ihm.

»Ich komme gleich nach!«, rufe ich ihnen hinterher und sehe mich in dem mir vertrauten Verkaufsbereich um. An der Wand hinter der Theke hängt immer noch die schwarze Schiefertafel, auf der in weißer Schrift steht: Zählen Sie keine Kalorien, genießen Sie sie lieber. Genau daran habe ich mich die letzten Jahre gehalten. Jetzt kneifen meine Hosen und ich muss entweder tatsächlich mal abnehmen – oder meine Kleidung einfach eine Nummer größer kaufen. So wie beim letzten Mal, als ich festgestellt habe, dass mein Hintern nicht mehr in meine Jeans passen will.

»Und auf jeden Fall nehme ich auch noch ein Stück Nugattorte mit«, sagt eine Kundin neben mir und lenkt meine Aufmerksamkeit auf die Kuchenauslage. Die Schwarzwälder Kirschtorte und der Käsekuchen sehen aus wie eh und je. Und so auch die Charlotte russe, an der ich während meiner Prüfung fast verzweifelt bin, weil ich die Biskuitböden zu lange gebacken hatte.

Der Saison entsprechend entdecke ich auch ein großes Blech Erdbeerkuchen und eine Etage höher die Granatsplitter neben meinen heißgeliebten Nusstörtchen, die es das ganze Jahr über gibt.

Die Bedienung hinter der Theke kenne ich nicht. Die Frau ist jung, ich schätze sie auf knapp über zwanzig. Lange arbeitet sie hier sicher noch nicht. Ihre Hände zittern, als sie vorsichtig das schwere Sahnetortenstück neben ein anderes auf das Papptablett der Kundin setzt. Gleich große Stücke nach Augenmaß zu schneiden und sie zum Mitnehmen zu verpacken, ist gar nicht so einfach.

Lächelnd gehe ich rüber zu meinen Eltern. Sie sitzen am Ende des Raumes nebeneinander auf der Bank vor dem großen Spiegel. Das Café hat Tradition. Die rot gepolsterten Stühle mit den cremefarbenen floralen Ornamenten heben sich kontrastreich von den in dunklem Holz getäfelten Wänden ab. Lampen mit zartgelben Schirmen auf Goldfüßen lassen das Ambiente gediegen und das Café wie aus einer anderen Zeit wirken. Die liebevoll-nostalgische Atmosphäre habe ich immer schon gemocht. Als ich vor fünf Jahren meinen eigenen Laden in Frankfurt übernommen habe, habe ich sogar kurz darüber nachgedacht, ihn ähnlich einzurichten. Aber letztendlich habe ich mich dann doch für eine moderne Ausstattung entschieden, hell und freundlich.

»Hier sieht alles aus wie immer«, sage ich und setze mich meinen Eltern gegenüber auf einen Stuhl. »Wisst ihr schon, was ihr esst? Ich kann mich nicht zwischen der Charlotte und einem Nusstörtchen entscheiden.«

Da tönt eine helle, laute Stimme durch den Raum: »Des Tiinche, des is abber e Überraschung! Sieht mer dich ach ema wieder!«

Meine Eltern kommen nicht aus Hessen. Sie sind beide in Schleswig-Holstein aufgewachsen und erst Mitte der Achtziger nach Hanau gezogen. Mit uns Kindern haben sie immer Hochdeutsch gesprochen. Philipp und ich haben das so übernommen. Aber ich höre immer gern zu, wenn jemand »frei nach Schnauze babbelt«, so wie Angelika, die nun zu uns an den Tisch kommt. Sie ist bestimmt über sechzig und hat schon hier gearbeitet, als ich meine Ausbildung begonnen habe. Damals war ich achtzehn, das ist jetzt also fünfzehn Jahre her.

»Gud siehste aus!« Angelika tätschelt mir über die Wange. »Gans de Babba.« Sie wendet sich an meine Eltern. »Was derf ichen euch bringe?«

Da mein Vater nicht antwortet und die Bedienung etwas verwirrt ansieht, übernimmt Mama. »Ein Stück Brüder-Grimm-Torte, bitte. Und ein Stück Sandkuchen.«

»Okee! Un du, Zuggerschnecksche?« Angelika strahlt mich an. »Ich maan ja als noch, daasde dei Café so nenne häst müsse. Zum Zuggerschnecksche, des hät mer gefalle.«

»Ich habe auch lang mit mir gekämpft«, flunkere ich. »Und hab mich dann doch für die seriösere Variante Café Sander entschieden.« Das Zuggerschnecksche klang für mich zu sehr nach einer Wirtin, die irgendwo in Frankfurt eine Eckkneipe betreibt.

»Haste trotzdem gud gemacht. Bin richtisch stolz uff dich!« Sie lächelt schelmisch. »Un sonst? Glücklich verheirad, wie ich gehörd hab.«

»Unglücklich getrennt«, erwidere ich.

»Der nexde Mann werd besser! Des war bei mir aach so.« Sie zwinkert mir zu und flüstert verschwörerisch: »Nusstördcher, die solle subber helfe bei Liebeskummer.«

»Die Charlotte«, entscheide ich spontan. »Und zwei Nusstörtchen zum Mitnehmen.«

»Da dezu en Kaffee? Odder en Tee?«

»Zwei Cappuccino bitte«, ordert meine Mutter und sieht zu mir. »Für dich auch?«

Ich nicke. »Drei.«

»Und ein Glas Milch, kalt bitte«, fügt Mama hinzu.

»Klar, abber gern doch.«

Angelika strahlt und macht sich eilig auf den Weg zum nächsten Tisch. Nachdenklich schaue ich ihrem kurzen, rot gefärbtem Haarschopf nach. Sie flitzt gut gelaunt durch den Raum, lächelt alle Gäste an und nimmt an einem anderen Tisch noch eine weitere Bestellung auf. Sie versprüht ihren herben, aber herzlichen Charme, genau wie früher. Angelika hat sich nicht verändert. Im Gegensatz zu meinem Vater. Seine uns bekannte Persönlichkeit löst sich immer weiter auf. Von seiner Wortgewandtheit ist nicht viel übrig geblieben. Er hat keinen Ton gesagt, seit wir am Tisch sitzen. Gerade betrachtet er die großen Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden. Auf allen wurde das Café Schien zu unterschiedlichen Zeiten abgelichtet. Mit alten Fotos kann Papa sich stundenlang beschäftigen. Dabei ist es egal, ob bekannte Gesichter darauf zu sehen sind oder völlig fremde Personen. Wichtig ist, dass es sich um Schwarz-Weiß-Bilder handelt. Auf farbige wirft er nur einen kurzen Blick und legt sie zur Seite.

Es dauert nicht lang, da kommt Angelika mit einem voll beladenen Tablett zurück. Sie stellt die drei Cappuccino an unsere Plätze, die Charlotte russe vor mich und fragt: »Wer krieht denn de Sandkuche?«

»Stellen Sie den Rest bitte einfach mitten auf den Tisch«, sagt Mama.

Ihr Plan geht schief. Papa greift nicht nach dem Sandkuchen, er schnappt sich die Brüder-Grimm-Torte. Die wollte er von Anfang an haben, daran hat er sich erinnert. Auch das Glas Milch ignoriert er. Stattdessen reißt er gleich drei Tütchen Zucker auf, schüttet sie nacheinander in seine Tasse mit dem Cappuccino und rührt geräuschvoll um.

»Kalte Milch habe ich schon lange nicht mehr getrunken«, sagt Mama, lächelt und nimmt einen Schluck.

»Gut?«, fragt mein Vater.

Sie nickt. »Sehr gut! Möchtest du auch?«

Er will nicht. Stattdessen trinkt er seinen viel zu süßen Cappuccino, ignoriert die Gabel, die neben seinem Teller liegt, und bedient sich mit den Fingern an dem Tortenstück.

»Der Mann isst mit seinen Fingern«, stellt ein kleines Mädchen am Nachbartisch fest.

»Konzentrier dich auf dein Essen«, sagt die ältere Frau, die bei ihr sitzt, streng. Ich vermute, sie ist die Oma der Kleinen.

Das Mädchen schweigt, schaut aber weiter verstohlen zu uns rüber. Ich zwinkere ihr zu, lasse die Gabel ebenfalls links liegen und fahre mit dem Zeigefinger durch die Cremefüllung der Charlotte. »Mmh!«

Mama schüttelt lächelnd den Kopf und stippt den trockenen Kuchen in die Milch. »Schmeckt gut!«

Mein Vater kleckert sein weißes Hemd mit der dunklen Schokomasse der Torte voll, und seine Hände sehen auch nicht besser aus. Mittlerweile haben wir nicht nur die Aufmerksamkeit des kleinen Mädchens auf uns gezogen. Auch andere Gäste schauen immer wieder zu uns rüber. Doch meine Mutter lässt sich davon nicht beirren. Sie sieht völlig entspannt aus.

»Ich sollte mir angewöhnen, feuchte Tücher einzupacken«, stellt sie nüchtern fest.

»Soll ich noch ein paar Servietten besorgen?«, frage ich, komme aber nicht mehr dazu, mich auf den Weg zu machen.

Papas Teller ist gerade leer, da stellt Angelika ein Tablett auf den Tisch, auf dem drei feuchte Frotteelappen liegen. »Ich hab mer gedacht, die könnder brauche.«

»Danke!« Meine Mutter lächelt sie an und macht sich sofort ans Werk.

Auch ich greife nach einem Lappen. »Du warst schon früher und bist auch heute noch die Beste, Angelika!«

»Woför hab ichen Aache im Kopp?«, entgegnet sie. »Und dir soll ich schöne Grüss vom Schheff ausrichde. Er däd sich freue, wenn de emal korz in die Backstubben neigugge däds.«

»Geh nur!«, sagt Mama, bevor ich etwas darauf erwidern kann. »Wir sind hier eine Weile beschäftigt. Außerdem wollte ich auch noch etwas Kuchen an der Theke zum Mitnehmen aussuchen.«

Mein ehemaliger Chef Herr Arndt steht hinter dem eisernen Backtisch, auf dessen schwerer Marmorplatte man ganz deutlich einen großen dunklen Brandfleck erkennen kann. 1945 wurde das Café kurz vor Ende des Krieges durch britische Bomben während eines Luftangriffs komplett zerstört. Die Familie konnte sich glücklicherweise in den Keller retten. Nach dem Angriff fanden sie den fast unversehrten Backtisch in den Trümmern – die nötige Motivation für den Wiederaufbau des Unternehmens.

»Tina!« Herr Arndt hebt seine mehlbestäubte Hand und winkt mir zu.

Ich atme den verführerischen Duft frisch aus dem Ofen gekommenen Gebäcks ein, bevor ich durch die Backstube zu ihm gehe. »Hallo, Herr Arndt.« Ich zeige auf den Hefeteig, den er schon zu meiner Zeit gern auf die alte Art zubereitet hat – ohne Maschine. »Was wird das?«

Er zuckt mit den Schultern. »Weiß ich noch nicht. Irgendein Zopf für die Wintersaison. Ich tendiere zu einer Füllung aus Marzipan mit Fenchelsamen, vielleicht auch Anis.«

»Klingt lecker. Ich könnte mir getrocknete Aprikosen in der Masse gut vorstellen.«

»Du hattest schon immer brillante Ideen. Deswegen war ich so traurig, als du uns verlassen hast.« Er sieht mir direkt in die Augen. »Wobei ich auch gleich beim Thema wäre. Die Filiale in der Rosenstraße ist ab September wieder neu zu besetzen. Interesse?«

Mir fehlen die Worte.

»Du musst nicht sofort antworten. Schlaf ein paar Tage drüber.«

»Eigentlich gefällt mir mein eigenes Café ganz gut«, sage ich. Endlich habe ich mich wieder etwas gefasst. Vor sechs Jahren hätte ich alles dafür gegeben, den kleinen Laden in der Hanauer Fußgängerzone zu übernehmen. Damals wollte Herr Arndt mich nicht. Ich war ihm zu jung, zu unerfahren …

»Eigentlich?«, hakt er nach. »Wie gesagt, schlaf drüber.«

Jetzt Nein zu sagen, würde keinen Sinn machen. Das würde er sowieso nicht akzeptieren. »In Ordnung.«

»Du sagst zu, prima!«

Seine unerschütterliche Hartnäckigkeit bringt mich zum Lachen. »Ich denke drüber nach.«

»Na gut. Und sonst? Deinem Vater geht es schlechter, habe ich gehört. Scheiße! Wie schlimm ist es?«

Die direkte Art meines ehemaligen Chefs habe ich schon immer gemocht.

»Er vergisst mit jedem Tag mehr und verändert sich stark«, antworte ich und überlege dann einen Moment. »Ich denke aber, dass es ihm gut geht. Gerade hat er Brüder-Grimm-Torte mit den Fingern gegessen.«

»Manche Dinge muss man eben spüren. Schön, dass ihr alle zusammen hier seid. Freut mich!« Herr Arndt klatscht auf den Teig und lächelt mich an. In dem Moment öffnet eine Mitarbeiterin die Tür, um ein Blech Plunderteilchen in den Verkaufsraum zu bringen.

»Sina, pack bitte zehn kleine Brüder in eine Tüte, als Geschenk für unsere Tina hier!«, ruft Herr Arndt. »Als kleine Entscheidungshilfe«, fügt er leise hinzu. »Damit du weißt, was du verpasst, wenn du ablehnst. Wer braucht schon einen Frankfurter Kranz, wenn man auch eine Brüder-Grimm-Torte haben kann?«

Mandeln, Pistazien, Schokolade, Walnüsse und Amaretto – die Rezeptur der Torte ist erstklassig. Und die Idee, sie in Miniaturform sozusagen als riesige Praline in Tüten zu verpacken, auch. Die kleinen Leckereien eignen sich hervorragend als Mitbringsel, und natürlich sind sie eine himmlische Nascherei für zwischendurch. So wie meine Frankfurter-Kranz-Minis, denke ich, aber das behalte ich lieber für mich.

»Die Torte ist wirklich einmalig«, sage ich. »Jetzt muss ich aber weiter, meine Eltern warten bestimmt schon.«

Als ich wieder durch die Tür aus der Backstube hinaustrete, stehen die beiden einträchtig nebeneinander im Verkaufsraum und schauen zu, wie ihre sechs Kuchenstücke transportfähig verpackt werden.

»Für die Pflegekräfte«, erklärt Mama.

»Mist!«, rutscht es mir heraus. »Wir haben ganz vergessen, dort Bescheid zu sagen. Die machen sich doch bestimmt Sorgen.«

Mama schüttelt den Kopf. »Ich habe angerufen, als du das Auto vom Parkplatz geholt hast.«

»Gut!« Ich atme erleichtert auf.

Die junge Frau hinter der Theke stellt einen Kuchenkarton und eine große Papiertüte auf den Tresen. »Die zehn kleinen Brüder Grimm für Christina.«

Meine Mutter zahlt, Papa nimmt die Tüte, ich den Karton. Kurz darauf sitzen wir wieder im Auto.

»Das war schön, das sollten wir demnächst mal wiederholen«, schlage ich vor.

»Das finde ich auch«, sagt Mama.

Papa schweigt. Er hält mit beiden Händen die Papiertüte fest, so als würde er befürchten, dass jemand sie ihm wegnehmen könnte. Sein Blick ist wie bei der Hinfahrt nach draußen gerichtet. Ich würde zu gern wissen, was in ihm vorgeht, was er denkt und fühlt. Eine der Pflegerinnen hat mal zu uns gesagt, dass es den meisten demenziell Erkrankten gut gehe in ihrer eigenen Welt. Und dass die Angehörigen diejenigen seien, die mit der Krankheit nicht klarkämen. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber ich hoffe von ganzem Herzen, dass Papa nicht leidet.

Im Pflegeheim werden wir schon von Karina erwartet. Ich mag die kleine Frau mit dem gepflegten braunen Longbob. Sie scheint immer gute Laune zu haben, und ich habe sie noch nie unfreundlich erlebt.

»Ah, der Herr Sander war Kuchen kaufen!«, sagt sie. »Und Ihre Frau und Ihre Tochter haben Sie auch mitgebracht. Wie schön.«

Papa ignoriert seine Pflegerin und stiefelt den Gang entlang in Richtung seines Zimmers. Ich begleite ihn, während Mama sich kurz mit Karina unterhält.

Zwei Zimmer vor seinem bleibt Papa plötzlich vor der geöffneten Tür einer Mitbewohnerin stehen. Die Frau ist letzte Woche hier eingezogen, und soweit ich es mitbekommen habe, fühlt sie sich im Heim gar nicht wohl.

»Guten Tag«, grüße ich die grauhaarige Dame, die in schwarzer Hose und einer geblümten Bluse in ihrem Sessel sitzt und auf eine gerahmte Pferdezeichnung an der Wand sieht. Dabei nehme ich den unverkennbaren Geruch von Mist wahr, der aus dem Zimmer bis zu uns herüberströmt.

»Hier stinkt es!«, ruft Papa prompt.

Die Frau schaut kurz zu uns, zischt »Hau ab!« und widmet sich wieder dem Bild.

Papa bleibt unschlüssig stehen.

»Lass uns in dein Zimmer gehen«, sage ich.

Doch er hat der Mitbewohnerin noch etwas mitzuteilen. »Das Pferd muss weg. Es macht ins Bett.«

»Hau ab!«, ertönt es wieder. »Knallkopp, Labbedambel, Butzlumbe!«

Diesmal reagiert mein Vater und geht weiter.

Ob daher sein kurzer Sprachausflug ins Hessische kam, als wir ihn beim Zeitunglesen gefunden haben?, überlege ich und folge ihm.

In seinem Zimmer setzt er sich aufs Bett und gähnt herzhaft.

»Bist du müde?«, frage ich.

Papa antwortet nicht. Er stellt die Papiertüte auf den Tisch, zieht seine Schuhe aus und legt sich lang ausgestreckt auf das Bett.

Ich zeige zum Stuhl, über dem sein Hausanzug hängt. »Willst du dich nicht lieber umziehen?«

»Nein.«

Das war die falsche Vorgehensweise, denke ich und versuche es noch einmal: »Dein Hausanzug ist viel gemütlicher für ein kleines Mittagsschläfchen.« Ich nehme ihn vom Stuhl und greife nach Papas Hand. »Komm, zieh dich um. Danach machst du ein kleines Nickerchen.«

Mein Vater rollt genervt mit den Augen, steht aber auf und zieht sich um. Als er auf seinem Bett sitzt, zeigt er auf eines der Fotos, das auf seinem Nachttischschränkchen steht, und sagt: »Das ist Christina, meine Tochter.«

»Ja, Papa, das bin ich.« Ich umarme ihn. »Und ich hab dich sehr, sehr lieb.«

Gerade als ich gehen will, kommt Mama ins Zimmer. »Ach, du hast dir was Gemütliches angezogen, Gregor. Das ist gut.«

»Papa ist müde«, erkläre ich und bleibe an der Tür stehen.