Beschämende Gewissheit - Patricia Vandenberg - E-Book

Beschämende Gewissheit E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Interessante Ausarbeitung, Frau Kollegin«, lobte der Abteilungsleiter Jonas Böhse und warf der Versicherungsmaklerin Gisela Stuck einen wohlwollenden Blick zu. »Ich bin gespannt, wie dieser Vorschlag in der nächsten Sitzung aufgenommen wird.« »Lassen wir es auf einen Versuch ankommen«, lächelte Gisela selbstbewußt. Jonas überflog noch einmal die Unterlagen, die sie ihm zu Beginn des Meetings überreicht hatte. »Bevor ich damit zum Vorstand gehe, sollten wir allerdings noch einmal über die Personalkosten sprechen«, riet er in väterlichem Ton. »Meinen Sie nicht, die sind etwas zu hoch angesetzt?« »Meiner Ansicht nach kann man nur von motivierten Mitarbeitern Höchstleistungen fordern. Und welches Mittel ist da probater als ein gutes Gehalt?« »Sie sind eine mutige Frau, Gisela. Ich hoffe, Ihre Risikobereitschaft zahlt sich aus.« »Da bin ich mir ganz sicher. Zerbrechen Sie sich mal nicht meinen Kopf.« Zufrieden sammelte Gigi ihre Unterlagen zusammen und erhob sich, während Jonas Böhse ihr einen bewundernden Blick zuwarf. »Ihr Mann ist ein wahrer Glückspilz. Ich wünschte, ich hätte eine ebenso geschäftstüchtige Frau an meiner Seite. Dann müßte ich mich nicht ständig verteidigen, warum es abends immer so spät wird.« »Leider interessiert sich Mathias nicht für meinen Beruf.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 142 –Beschämende Gewissheit

… denn die Wirklichkeit kennt keine Gnade

Patricia Vandenberg

»Interessante Ausarbeitung, Frau Kollegin«, lobte der Abteilungsleiter Jonas Böhse und warf der Versicherungsmaklerin Gisela Stuck einen wohlwollenden Blick zu. »Ich bin gespannt, wie dieser Vorschlag in der nächsten Sitzung aufgenommen wird.«

»Lassen wir es auf einen Versuch ankommen«, lächelte Gisela selbstbewußt.

Jonas überflog noch einmal die Unterlagen, die sie ihm zu Beginn des Meetings überreicht hatte. »Bevor ich damit zum Vorstand gehe, sollten wir allerdings noch einmal über die Personalkosten sprechen«, riet er in väterlichem Ton. »Meinen Sie nicht, die sind etwas zu hoch angesetzt?«

»Meiner Ansicht nach kann man nur von motivierten Mitarbeitern Höchstleistungen fordern. Und welches Mittel ist da probater als ein gutes Gehalt?«

»Sie sind eine mutige Frau, Gisela. Ich hoffe, Ihre Risikobereitschaft zahlt sich aus.«

»Da bin ich mir ganz sicher. Zerbrechen Sie sich mal nicht meinen Kopf.« Zufrieden sammelte Gigi ihre Unterlagen zusammen und erhob sich, während Jonas Böhse ihr einen bewundernden Blick zuwarf.

»Ihr Mann ist ein wahrer Glückspilz. Ich wünschte, ich hätte eine ebenso geschäftstüchtige Frau an meiner Seite. Dann müßte ich mich nicht ständig verteidigen, warum es abends immer so spät wird.«

»Leider interessiert sich Mathias nicht für meinen Beruf. Dafür beschwert er sich auch nicht. Wir haben eine klare Vereinbarung. Er kontrolliert mich nicht, ich kontrolliere ihn nicht. Ich kann mich also nicht beklagen.«

»Tja, ich weiß nicht…« Jonas senkte den Blick. Das klang nicht gerade nach dem, was er gemeinhin unter einer harmonischen Partnerschaft verstand. Aber zumindest machte Gisela einen rundum zufriedenen Eindruck, und das war die Hauptsache in diesem harten Geschäft. »Wenn Sie nicht kontrolliert«, dieses Wort betonte er besonders, »werden, dann könnten wir ja noch auf ein Glas Rotwein bei Enzo gehen. Was halten Sie davon?«

»Sehr viel. Mit einem so charmanten Mann wie Ihnen läßt man sich doch gerne erwischen«, lächelte Gisela zufrieden. Ohne sich seine Verwunderung über das unverhoffte Kompliment aus diesem schönen Mund anmerken zu lassen, erhob sich Jonas lächelnd aus seinem schwarzledernden Chefsessel. Der angebrochene Abend versprach, eine ungeahnte Wende zu nehmen.

Diese Erfahrung machte auch Mathias Stuck, der unruhig auf seinem Hocker saß und seinen Freund, den Produzenten Achim Jäger, nicht aus den Augen ließ. Abrupt machte der schließlich auf seinem Marsch durch das Studio vor Mathias Halt und musterte ihn scharf durch seine Brille.

»Wie soll es nur mit dir weitergehen, Math?« Unter diesem schneidenden Ton sank Mathias noch ein wenig mehr in sich zusammen.

»Ich krieg’ das schon hin, Achim. Das ist doch Ehrensache!«

»Ehrensache, Ehrensache, dieses Wort kann ich bald nicht mehr hören«, höhnte Jäger mit spöttischer Miene. »Du bist bis über beide Ohren verschuldet. Und ich sehe nicht ein, daß ich dir noch mal aus der Patsche helfen soll.«

»Nur noch ein einziges Mal, bitte.«

Er schaut aus wie ein Hund, der um Futter bettelt, schoß es Achim durch den Kopf, doch sofort schämte er sich dieses abwertenden Gedankens. Sein Freund Mathias hatte viel Pech gehabt in den vergangenen Jahren. Falsche Freunde waren auf der Welle des anfänglichen Erfolgs mitgeschwommen, schlechte Partner hatten ihn beeinflußt und ihn um gutes Geld gebracht, bis schließlich nichts als ein ruinierter Ruf, eine brachliegende Karriere übrig war.

»Was sagt denn eigentlich Gisela zu deiner Situation?« fiel es Achim plötzlich ein.

»Gisela? Die hat keine Ahnung«, gestand Mathias leise und fuhr sich sorgenvoll über die Augen. »Und ehrlich gesagt, darf sie das auch niemals erfahren. Dann bin ich endgültig am Ende. Schließlich hat sie das ganze Vermögen mit in die Ehe gebracht. Ihre Eltern akzeptieren mich nur, weil sie meinen, ich sei ein Star.«

»Wo haben die denn ihre Augen und Ohren?« konnte sich Achim ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen. »Seit Jahren hört man deine Platten nur noch sporadisch im Radio, von Konzerten oder Fernsehauftritten ganz zu schweigen.«

»Am Anfang hatte ich auch die Befürchtung, meine Lüge könnte auffliegen. Aber meine Musik scheint nicht ganz auf ihrer Wellenlänge zu liegen. Und Gisela hat ohnehin keine Zeit, Radio zu hören. Sie ist mit ihrer eigenen Karriere beschäftigt. Was anderes interessiert sie gar nicht.«

»Du scheinst ja nicht gerade das große Los gezogen zu haben. Wenn wenigstens deine Ehe in Ordnung wäre, könnte man die berufliche Schlappe ja noch verkraften. Aber so…« Achim verstummte und warf Math einen mitfühlenden Blick zu. »Unter diesen Umständen muß ich dir ja doch aus der Patsche helfen. Aber das ist das letzte Mal. Wenn du diese Chance nicht nutzt, kann ich nichts mehr für dich tun.«

»Du bist ein wahrer Freund.« Mathias war unvermittelt aufgesprungen und fiel Jäger strahlend um den Hals. »Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich anfangen würde.«

Dann müßtest du endlich dein Leben selbst in den Griff bekommen, dachte Achim nüchtern, während er Mathias freundschaftlich den Rücken klopfte.

»Schon gut, alter Junge. Und jetzt raus mit dir, damit ich mir Gedanken über deine Zukunft machen kann.«

Freundlich aber bestimmt schob er ihn von sich und in Richtung Tür des Tonstudios. Kurz beobachtete er durch den Glasrahmen, wie Mathias mit elastischen Schritten verschwand. Dann seufzte er tief. Warum um alles in der Welt hatte er sich wieder einmal breitschlagen lassen? Er hätte seinem Freund raten sollen, sich einen Job als Verkäufer zu suchen. Das schien aussichtsreicher, als die brachliegende Karriere als Sänger wiederzubeleben.

Karriere war kein Thema, das die beiden Freundinnen Regine und Carina ernsthaft interessierte. Beide hatten das Glück, einen Beruf auszuüben, den man problemlos als Berufung bezeichnen durfte. Gemeinsam betrieben die beiden eine kleine Praxis für Ergotherapie, wo sie mit lernbehinderten Kindern arbeiteten. Auch Erwachsene zählten zu ihren Kunden, Kranke, die nach einem Unfall oder einer schweren Krankheit eine feinmotorische Schulung benötigten, um den Erfordernissen des Alltags wieder gewachsen zu sein. Dank ihrer guten Kontakte zu dem Allgemeinarzt Dr. Daniel Norden und den Privatkliniken, mit denen er zusammenarbeitete, hatte sich das kleine Studio inzwischen zu einem florierenden Unternehmen gemausert, auf das die beiden rechtschaffen stolz waren.

»Na, wie sieht’s aus? Gehen wir noch einen Happen essen bei ›Enzo‹?« fragte Regine zufrieden, als der letzte Patient die Praxis verlassen hatte.

»Tut mir leid, heute abend muß ich nach Hause«, schüttelte Carina bedauernd den Kopf. »Sascha kommt extra früher nach Hause. Er will mir was Wichtiges sagen.«

»Oje, das klingt ja ganz nach Verlobung.« Regine verdrehte spöttisch lächelnd die Augen. Sie machte sich nicht viel aus der Verbindung, die mit den Worten ›Bis das der Tod euch scheidet‹ gekrönt wurde.

»Das glaube ich nicht.« Cara dachte einen Augenblick darüber nach, dann schüttelte sie entschieden den Kopf. »Sascha ist nicht der Typ, der sich für ein ganzes Leben festlegt. Er liebt seine Freiheit über alles. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich im Moment auch gar nichts dagegen.«

»Das klingt nach Ärger?«

»Nicht wirklich. Aber im Moment ist bei uns beiden ein bißchen die Luft raus. Er arbeitet beinahe Tag und Nacht, ich verbringe die meiste Zeit hier in der Praxis. Da bleibt nicht viel übrig für gemeinsame Unternehmungen.«

»Kopf hoch, das wird schon wieder«, tröstete Regine ihre Freundin unbeeindruckt. »Vielleicht will er mit dir über deinen Geburtstag reden.«

»Kann schon sein.« Carina zuckte mit den Schultern. »Wie auch immer, gleich werde ich es erfahren.« Sie erhob sich seufzend und suchte ihre Siebensachen zusammen, warf sich den Mantel über die Schultern und warf einen Handkuß in Richtung Regine. »Tschüß, Mädel. Schönen Abend noch. Und morgen erzähle ich dir mehr.«

Regine winkte mit einem verschmitzten Lächeln. Du brauchst mir gar nichts zu erzählen, grinste sie in sich hinein. Carina konnte ja nicht ahnen, daß sich ihre beste Freundin anläßlich ihres Geburtstages etwas ganz Besonderes ausgedacht und auch Sascha in ihre Pläne eingeweiht hatte. Hoffentlich verriet er nicht zuviel, sonst wäre die ganze schöne Überraschung dahin.

Sascha wartete bereits ganz ungeduldig an der Tür der gemeinsamen Wohnung, als sich der Aufzug Richtung Erdgeschoß in Bewegung setzte.

»Da bist du ja, Mausi«, rief er aufgeregt, als Carina kurz darauf im ersten Stock ausstieg. »Ich hatte schon Angst, du hättest unsere Verabredung vergessen.«

Hilfsbereit kam er ihr entgegen, um ihr die schwere Tasche abzunehmen.

Cara musterte ihn mißtrauisch. »Was ist denn mit dir los? So zuvorkommend bist du doch sonst nicht.«

»Seit wann ist es verboten, sich zu ändern?« Beleidigt wandte er sich ab und ging voraus in die moderne Wohnung, die sie seit geraumer Zeit gemeinsam bewohnten.

»Jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt. Ich hab’s nicht so gemeint.«

»Macht ja auch nichts. Du hattest sicher einen anstrengenden Tag«, bemühte er sich um Verständnis. In diesem Moment schwante Carina Böses. Kopfschüttelnd und mit klopfendem Herzen folgte sie ihm in die Wohnung. Um Zeit zu gewinnen, hängte sie den Mantel in den weiß gelackten Garderobenschrank und ging ins Bad, um sich frisch zu machen. Unter der Dusche ließ es sich herrlich entspannen, und als sie schließlich duftend und in einen weichen Bademantel gehüllt wieder zum Vorschein kam, hatte sich ihr mißtrauisches Gemüt wieder beruhigt. Warmer Kerzenschein empfing sie, der Duft von in Knoblauch gebratenen Garnelen schwebte durch den Raum, und Champagner prickelte vielversprechend in den Gläsern. Entspannt saß Sascha in einer Ecke des knallroten Sofas und warf ihr einen verliebten Blick zu.

»Madame, darf ich Sie in Saschas Gourmet-Tempel herzlich willkommen heißen?«

»Hoppla, ich fürchte, du hast dich im Datum geirrt. Ich habe doch erst in einer Woche Geburtstag.« Wie angewurzelt blieb Cara mitten im Zimmer stehen und ließ die unwirkliche Szenerie auf sich wirken.

»Das weiß ich doch, Mausi«, erklärte Sascha unendlich sanft und zog sie zu sich aufs Sofa. »Warum so spröde, du schöne Frau?«

»Ich bin nicht spröde«, verteidigte sich Cara lächelnd. »Nur verwirrt. So verwöhnt hast du mich schließlich noch nie.«

»Ein unverzeihlicher Fehler. Aber wenn du erst meine Frau bist, werde ich alles wieder gutmachen. Auf dein Wohl!«

Carina, die gerade am Champagner nippte, verschluckte sich vor Überraschung so sehr, daß sie heftig husten mußte.

Ungläubig starrte sie Sascha an.

»Was hast du da gerade gesagt?« krächzte sie mühsam.

»Du hast mich schon richtig verstanden.« Ein unendlich zärtlicher Ausdruck lag in seinen Augen, die so treuherzig dreinschauen konnten. Sein ganzes Wesen strahlte Liebe und Glück aus. »Das kommt vielleicht etwas überraschend für dich, zumal ich dich in letzter Zeit wirklich arg vernachlässigt habe. Aber du verstehst das doch, nicht wahr? In diesen harten Zeiten muß man sich beruflich eben beweisen, wenn man seinen Job nicht verlieren will.«

»Natürlich verstehe ich dich…«, setzte Carina zu einer Erklärung an, doch Sascha ließ sie nicht ausreden.

»Wußte ich es doch! Du bist eine Frau, auf die man sich einfach verlassen kann. Mit dir könnte man Pferde stehlen. Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen. Deshalb möchte ich dich auch heute bitten, meine Frau zu werden.« Jetzt war es heraus.

Carina schluckte vor Schreck und wagte es nicht, Sascha anzusehen. »Was sagst du dazu?« Erst seine verunsicherte Stimme brachte sie zur Besinnung. Vorsichtig hob sie den Blick und sah in seine warmen braunen Augen. Entdeckte die kleine Narbe am Kinn, die sie so oft zärtlich geküßt hatte, den weichen, vollen Mund, der so sinnlich sein konnte. Nein, sie brachte es nicht über sich, ihm die Wahrheit zu sagen. Daß sie ihn eigentlich im Moment gar nicht heiraten wollte. Daß ihre Überzeugung schwankte, ob er es war, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Schließlich würde er sie nicht gleich morgen heiraten. Wenn sich die Gemüter erst einmal beruhigt hatten, würde sie alles richtigstellen, aber nicht jetzt. Sie brachte es nicht übers Herz, ihn zu enttäuschen, seine Bemühungen mit Füßen zu treten.

»Oh, Sascha, ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll«, stammelte sie endlich verwirrt, und seine Zweifel lösten sich in einem liebevollen Lachen auf.

»Sag einfach ja! Das ist doch nicht so schwer.«

Hast du eine Ahnung, dachte Cara verzweifelt und rettete sich, indem sie einen tiefen Schluck Champagner nahm.

Schon lange hatte Mathias Stuck nicht mehr genügend Geld, um Champagner zu kaufen. Auf Wunsch von Gisela war jeder für seine Finanzen selbst verantwortlich. Vom gemeinsamen Haushaltsgeld wurden die alltäglichen Dinge des Lebens bestritten, Luxusartikel wie Kaviar und Champagner waren von dieser rigiden Regelung ausgenommen, obwohl Gisela ohne Zweifel über die finanziellen Mittel verfügte. Als sie an diesem Abend gutgelaunt von Enzo nach Hause kam, saß Mathias bei einem Glas Wasser im Wohnzimmer des Hauses, das ihnen die Schwiegereltern gegen Miete zur Verfügung gestellt hatten und starrte blicklos in den Fernseher.

»Hallo Math, du bist schon zu Hause?« begrüßte Gisela ihren Mann mit einem nachlässigen Kuß auf die Wange, während sie einen beiläufigen Blick auf den flimmernden Apparat warf. »Was schaust du dir denn da an?« Der etwas mißbilligende Unterton war nicht zu überhören.

»Ich habe gerade erst eingeschaltet«, wich Mathias aus und setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Wie geht es dir, mein Schatz? Hattest du einen erfolgreichen Tag?«

»Wunderbar. Jonas ist ganz begeistert von meinen Ausarbeitungen. Morgen stellt er sie dem Vorstand vor, und ich denke, sie werden mich mit Lob überschütten.« Während sie mit ihm sprach, striff sie die hochhackigen Schuhe von den Füßen, warf die Pelzjacke nachlässig auf die Sofalehne und ging in die angrenzende Küche. Sie ahnte nicht, daß jedes ihrer Worte Maths Selbstbewußtsein wie ein Peitschenhieb traf. Während er über eine passende Antwort nachdachte, hörte er, wie sie den Kühlschrank öffnete. »Schon wieder kein Champagner. Du könntest deiner fleißigen Frau wirklich mal wieder eine kleine Freude machen«, murrte sie enttäuscht.

»Tut mir leid, Liebling. Ich hatte keine Zeit zum Einkaufen. Die Produktion läuft auf Hochtouren. Das mußt du schon verstehen.« Lächelnd erschien ihr Kopf in der Küchentür.

»So gut solltest du mich inzwischen kennen. Die Karriere steht über allem. Selbst wenn ich darunter leiden muß.«

»So schlimm ist es doch nicht, oder? Immerhin hast du dafür einen reichen und berühmten Mann an deiner Seite. Das ist doch auch etwas.«

»Wann kommt denn deine neue Platte überhaupt heraus? Jonas meinte, seine Frau verfolge das Radioprogramm täglich und hat schon lange nichts mehr von dir gehört.« Vor Schreck wurde Math bleich bis unter die Haarspitzen.

»Wer weiß, was für einen Hausfrauensender Frau Böhse hört«, rettete er sich in beißenden Zynismus. »Ich bin stolz darauf, daß meine Musik nur in den gehobenen Sendern gespielt und nicht so verkommerzialisiert wird.«

»Mag schon sein. Aber bringt diese Einstellung auch den gewünschten finanziellen Erfolg?«

»Das laß nur meine Sorge sein. Immerhin liege ich dir nicht auf der Tasche«, gab Mathias gereizt zurück.

Diskussionen um das liebe Geld endeten immer öfter in einem handfesten Streit.

»Das könntest du auch gar nicht«, gab Gigi kühl zurück. »Schließlich haben wir eine Abmachung getroffen. Das Vermögen, das meine Eltern erwirtschaftet haben, bleibt in meiner Familie. Ich will nicht riskieren, daß auch nur ein Cent davon verlorengeht. Das ist dir doch hoffentlich klar.«

»Du hast es mir oft genug gesagt«, fuhr Mathias sie an, um Beherrschung ringend.

»Jeder ist seines Glückes Schmied.« Gisela ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Übrigens habe ich vorhin die Kontoauszüge geholt. Du hast die Rate für unsere gemeinsame Wohnung noch nicht überwiesen.«

»Entschuldige, das muß meine Sekretärin übersehen haben. Ich werde es ihr morgen gleich sagen«, wich Mathias verlegen aus.

»Ich bitte darum. Das ist jetzt schon das vierte Mal. Du solltest dir Gedanken machen, ob du dir nicht einen zuverlässigen Ersatz besorgst. Nicht, daß sie eines Tages noch einen Produktionstermin verbummelt.«

»Das laß nur meine Sorge sein. Schließlich muß ich mit ihr zusammenarbeiten und nicht du.«

»Ich will nur dein Bestes«, gab Gisela verstimmt zurück. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr. »Schon so spät? Es tut mir leid, Math, aber ich muß jetzt ins Bett. Morgen früh wartet eine anstrengende Konferenz auf mich.«