Bestseller - Marion Selbmann - E-Book

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Marion Selbmann

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Beschreibung

Marina steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Nachdem sie unverschuldet ihre Physiotherapiepraxis verloren hat, gerät sie in eine depressive Phase, aus welcher sie lange nicht herausfindet. Erst als ihre Familie zu zerbrechen droht, registriert sie, dass es so nicht weitergehen kann. Sie beschließt, nachdem sie vor Jahren, wenig erfolgreich, zwei Bücher geschrieben und diese bei einem kleinen Verlag veröffentlicht hatte, nun einen Bestseller zu schreiben. Aber dafür braucht sie absolute Ruhe. In völliger Einsamkeit in einem kleinen Haus in den Wäldern bei Tschechien beschließt sie, ihren Roman zu schreiben. Marina ahnt nicht, in welchen Alptraum sie gerät, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Titel

KAPITEL EINS: Der Anfang

KAPITEL ZWEI: Die Entscheidung

KAPITEL DREI: Die Ankunft

KAPITEL VIER: Das Haus im Wald

KAPITEL FÜNF: Der Anfang vom Ende

KAPITEL SECHS: Seltsame Ereignisse

KAPITEL SIEBEN: Sorgen

KAPITEL ACHT: Die besorgte Familie

KAPITEL ZEHN: Die Schwester

KAPITEL ELF: Wahnsinn

KAPITEL ZWÖLF: Es schneit

KAPITEL DREIZEHN: Träume

KAPITEL VIERZEHN: Verzweiflung

FÜNFZEHNTES KAPITEL: Die Suche

SECHZEHNTES KAPITEL: Hoffnung

SIEBZEHNTES KAPITEL: Gefahr

ACHTZEHNTES KAPITEL: Das Grauen

NEUNZEHNTES KAPITEL: Aussichtslos

ZWANZIGSTES KAPITEL: Das Ende

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Endgültig

Impressum neobooks

KAPITEL EINS: Der Anfang

„Unsere Welt ist so laut geworden. So schnell. Alle rennen, als würden sie vor dem Leben weglaufen. Alle reden andauernd, nur nicht miteinander, sondern mit Maschinen, Handys und sonst was.“

Marina schüttelte den Kopf. Das kleine Kaffee am Rosenhof auf dem Marktplatz in Chemnitz, war an diesem Dienstagnachmittag gut besucht. Die Frauen, welche am Tisch gleich neben dem Tresen saßen, waren im gleichen Alter. Beide jung Großmutter geworden und befreundet seit ihre Kinder klein gewesen waren. Marina hatte ihre Freundin Britta gebeten, den Nachmittag gemeinsam zu verbringen. Britta wusste, dass Marina eine schwere Zeit durchmachte. Sie hatte vor einem halben Jahr unverschuldet ihre Praxis aufgeben müssen. Finanzielle Sorgen lasteten auf der Familie. Den Seelenstriptease, den ihre Freundin in der letzten halben Stunde ablieferte, hatte sie allerdings nicht erwartet. Nicht nur äußerlich waren die Frauen grundverschieden. Marina war ein Meter sechzig groß, mit weiblichen Formen, halblangem, blondem Haar und blauen Augen. Britta war fast eins achtzig groß und sehr schlank. Sie hatte schwarzes, kurzes Haar und grüne Augen. Während Marina schon immer kreativ und eher phantasieorientiert war, war Britta eingefleischte Realistin.

„Ich habe dir meine Hilfe angeboten“, sagte Britta leise. „Auch in finanzieller Hinsicht. Etwas Geld habe ich selbst. Mein Mann würde davon nichts mitkriegen.“

Marina legte ihre Hand auf die der Freundin.

„Weiß ich doch. Aber ich will das nicht. Ich will es allein schaffen.“

Sie wurde wieder nachdenklich.

„Mein Buch verkauft sich schleppend. Der Verlag gibt sich Mühe, ist aber zu klein, um wirklich etwas zu bewirken. Und die großen Verlage….?“

Sie atmete tief ein und aus.

„Unbekannte Schriftsteller stellen immer ein Risiko dar. Da muss man sich gar nicht erst Mühe machen. Dazu kommen zu viele missgünstige Menschen.“

„Wie meinst du das“? fragte Britta.

Marina lachte.

„Bei uns auf dem Berg ist das wie in einem kleinen Dorf. Die meisten Leute, die dich kennen, wollen gar nicht, dass du Erfolg hast. Sie gönnen es einem schlichtweg nicht. Sie kaufen die Bücher extra nicht.“

„Das kann ich nicht glauben.“

Britta schüttelte energisch den Kopf.

„Ist aber so“, erwiderte Marina. „Es bleibt nur eine Handvoll neidfreier Leute übrig. Nur von denen kann man nicht leben. Ich habe das Gedächtnis eines Elefanten. Ich merke mir die Menschen, die mir weitergeholfen haben, und ich merke mir die, welche versucht haben, mir Steine in den Weg zu legen. Diejenigen, die mich in schwerer Zeit unterstützt haben, denen werde ich ebenfalls beistehen, falls sie irgendwann meine Hilfe brauchen.“

Marina nickte und zog dabei die Augenbrauen hoch.

„Allerdings kann ich nicht alles auf den Verlag und diese Leute schieben. Ich muss mich selbst mehr kümmern. Vor allem muss ich mehr schreiben, jetzt wo ich Zeit habe.“

Marina lächelte gequält.

„Dazu bräuchte ich allerdings Ruhe. Ich kann zu Hause einfach nicht schreiben. Seit ich nicht mehr arbeite, setzt meine liebe Familie voraus, dass ich mich um alles Mögliche kümmere. Andauernd will jemand was von mir. Dann jeden Tag kochen. Einkochen, backen, aufräumen.“

Marina machte ein Gesicht, als hätte sie in eine saure Gurke gebissen.

„Grässlich, diese Hausarbeit. Aber was erzähle ich dir, du weißt das alles selbst.“

Sie machte eine Pause und rührte geistesabwesend in dem soeben gebrachten Kaffee.

„Ich muss raus. Mal drei Wochen weg. Am besten an den Arsch der Welt, wo mich niemand finden kann.“

Marina blickte auf.

„Einsamkeit und Ruhe. Nur so kann man einen Bestseller schreiben.“

Britta hob die Schultern.

„Wo willst du solch einen Ort finden?“

Marina strich eine vorwitzige Strähne aus ihrem Gesicht. Sie lächelte.

„Ich hatte einen Patienten. Ein seltsamer alter Kautz. Der hatte mir erzählt, er hätte an der tschechischen Grenze direkt im Wald ein Haus geerbt. Er wollte es verkaufen, aber niemand mochte es haben.“

Marina beugte sich etwas über den Tisch und flüsterte.

„Eine Frau wurde unmittelbar am Grundstück ermordet. Es wurde nur ihre Hand gefunden. Bis heute keine Spur vom Mörder.“

Britta erschauderte.

„Kein Wunder, dass dort keiner leben will. Und du willst freiwillig für drei Wochen dort wohnen? Alleine? Du bist verrückt, weißt du das?“

Marina kniff die Augen zu.

„Aber gerade das ist doch, was mich so reizt. Die Atmosphäre. Gänsehaut pur. Nachts werde ich schreiben und bei Tag schlafen. Diese gruselige Einsamkeit werde ich einfangen. Wenn ich das nicht schaffe, bin ich es nicht wert, mich überhaupt Autorin zu nennen.“

„Dein Mann wird nicht einverstanden sein“, wagte die Freundin einzuwenden.

„Ach“. Marina winkte ab. „Ich glaube, Michael ist ganz froh, mich mal ein paar Wochen los zu sein. Ich habe es meiner Familie nach dem Desaster mit unserem Energieversorger und meiner daraus resultierenden Praxisschließung wirklich nicht leicht gemacht. Alles, wofür ich vierzehn Jahre lang hart gearbeitet habe, ist verloren.“

Marina wurde auf einmal ganz nachdenklich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Dann kommt noch dieser Morbus Wegener ins Spiel, der es mir unmöglich macht, weiter eine körperlich schwere Arbeit auszuüben. Mein Mann arbeitet sich zu Tode. Aber er kann es allein nicht schaffen. Das Leben ist viel zu teuer geworden.“

Eine dicke Träne tropfte auf die Tischdecke.

„Ich möchte meinen Kindern etwas hinterlassen, Britta.“

Die Stimme versagte Marina den Dienst. Britta nickte.

„Komm, wir trinken noch einen Eiskaffee. Ich zahle.“

KAPITEL ZWEI: Die Entscheidung

In der Küche der sechzig Quadratmeter großen Wohnung saßen sich Marina und ihr Mann Michael gegenüber. Die Stimmung war aufgeladen.

„Ich kann nicht glauben, dass du das durchziehen willst. Es ist gefährlich. Weit ab vom nächsten Dorf. In diesen Wäldern hat man wahrscheinlich nicht mal einen Empfang.“

Marina atmete hörbar ein und aus.

„Na Gott sei Dank. Das würde mir gerade noch fehlen, wenn ihr mich ständig nerven würdet.“

Der Dialog des Ehepaares wurde unterbrochen.

„Hallo ihr Zwei. Streitet ihr etwa schon wieder?“

Eine hübsche, junge Frau betrat den Raum. Marina lächelte.

„Bienchen, willst du einen Kaffee?“

Die junge Frau setzte sich zu ihren Eltern an den Küchentisch. Sie blickte ernst von einem zum andern.

„Was ist jetzt wieder los“? fragte sie direkt. Ihr Vater schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Deine Mutter will für drei Wochen als Einsiedlerin in die Wälder bei Tschechien ziehen, um einen Roman zu schreiben.“

Er seufzte.

„Wir stören sie beim Schreiben.“

Sabrina schaute stirnrunzelnd zu ihrer Mutter, welche sich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte.

„Was für eine Schnapsidee ist das schon wieder, Mama?“

Die junge Frau schaute besorgt zu ihrer Mutter hinüber.

„Wir haben Anfang Oktober. Wenn es zu schneien beginnt, bist du vielleicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten.“

„Es schneit aber nicht!“

Marina setzte die Tasse, auf der ein blöder Spruch stand, hart auf der Arbeitsfläche ab.

„Ich werde es tun. Es ist meine Entscheidung. Ich habe Herrn Groß bereits angerufen. Er ruft mich morgen an, um mir zu sagen, wo der Schlüssel deponiert ist. Das Navi ist programmiert. Ich muss es nur noch anbringen.“

Michael und Sabrina schauten sich an. Sie wussten, weitere Einwände würden nichts bringen.

„Wann willst du fahren“? fragte Sabrina.

„Übermorgen. Ich besorge mir nur noch Lebensmittel und Getränke.“

Sie setzte sich zu den beiden an den Küchentisch.

„Ihr werdet wohl mal ein paar Wochen ohne mich zurechtkommen.“

„Aber darum geht es doch nicht.“, versuchte Sabrina einzuwenden.

Marina hob die Hände.

„Keine weitere Diskussion. Ich fahre!“

10. Oktober 2012

Der Tag versprach schön zu werden. Als Marina den VW vom Hof steuerte, schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Ihr Mann war zur Arbeit gegangen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Ihr Sohn Martin hatte am Abend vorher noch ein Telefonat mit seiner Mutter geführt. Er war ebenfalls besorgt. Andererseits machte er deutlich, dass er ihre Entscheidung respektierte und diese sogar als sehr mutig bezeichnete. Sie lächelte bei dem Gedanken an ihren Sohn. Er hatte sich nach pubertären Schwierigkeiten wunderbar entwickelt, eine Familie gegründet, ein Haus gekauft und sich selbstständig gemacht. Sie seufzte. Hoffentlich würden ihre Kinder niemals solch ein finanzielles Desaster erleben müssen. Alles hängt am Geld. Es ist eine unsichere Zeit. Marina folgte genau den Anweisungen der Frauenstimme, welche ab und zu aus dem Navi tönte. An der Grenze zu Tschechien legte sie eine Pause ein. Die Sonne hatte noch Kraft und nichts deutete darauf hin, dass der Oktober kein goldener werden sollte. Sie trank in einer Raststätte einen Kaffee und gönnte sich ein Stück Streuselkuchen. Leider hatte sie einige Kilo zugenommen. Was nicht zuletzt am Prednisolon lag, welches sie seit fast zwei Jahren wegen ihrer Krankheit nehmen musste. Sie hatte sich etwas abseits gesetzt und hing ihren Gedanken nach, welche sich, wie fast immer in letzter Zeit, ums Geld drehten. Die ständigen Sorgen hatten aus der einst so lebensfrohen Frau einen verbitterten Menschen gemacht. Trotz vieler Arbeit nie genügend Geld zu haben, war ein Phänomen der heutigen Zeit. Marina hatte es satt. Sie wollte mehr und sie wusste, dass sie das Zeug dazu hatte. Allerdings war ihr auch bewusst, dass es ohne entsprechende Lobby und ohne berühmte Eltern beinahe unmöglich war, Erfolg zu haben. Aber sie wollte es unbedingt schaffen. Ungewöhnliche Umstände erfordern eben drastische Maßnahmen. Sie hatte keine Angst. Nicht vor der Einsamkeit. Nicht vor dem Mörder und schon gar nicht vor wilden Tieren. Angst hatte sie nur, dass es so weitergehen würde. Sie hatte Angst vor der Armut.

Sie räumte das Geschirr ab und fragte die Dame am Nachbartisch, ob nahe des Waldstücks die Möglichkeit bestünde, noch einmal Rast zu machen. Die Frau nannte ein Dorf, welches etwa eine Stunde entfernt lag. Man könne dort sogar übernachten.

Michael seufzte. Gerade hatte er wieder einen Umschlag geöffnet. Eine Forderung des Verlages seiner Frau. Die Herstellung des letzten Buches hatte die Familie mehr Geld gekostet, als wieder hereingekommen war. Marina hatte die Rechnung in drei Raten abzahlen wollen. Diese war zum Glück die letzte. Das musste aufhören. Michael war wild entschlossen, seiner Frau die Pistole auf die Brust zu setzen. Wenn es diesmal nicht klappte, würde er sie vor die Wahl stellen. Er konnte nicht zulassen, dass dieser Traum seiner Frau die Familie ruinierte. Ihre Ehe würde zerbrechen, fürchtete er. Er schaute auf Marinas altes Handy, das wie ein Relikt auf dem Küchentisch lag.

„Komm bitte heil zurück, du verrücktes Huhn, “ flüsterte er.

KAPITEL DREI: Die Ankunft

Der kleine Ort Ceska Kubice lag verschlafen am Fuß des Berges. Es war mittlerweile fast sechzehn Uhr. Graue Wolken türmten sich am Himmel. Es roch nach Regen. Marina beschloss, im Dorf zu übernachten. Eine kleine Pension am Marktplatz war genau richtig.

„Ein Zimmer bitte. Nur für eine Nacht.“

Sie hatte Glück. Die kräftig gebaute Frau mit dem freundlichen Gesicht sprach deutsch. Sie nahm einen Schlüssel vom Holzbrett hinter dem Tresen.

„Zimmer 13. Ich hoffe, Sie sind net abergläubisch?“ sagte sie schmunzelnd.

Marina lachte.

„Passt zu meinem Vorhaben. Hoffentlich ist es kein schlechtes Omen.“

Die Frau fragte Marina, wo sie denn hin wolle.

„Nach Grafenried. In das alte Försterhaus mitten im Wald. Gleich nach dem Frühstück fahre ich los. Ich denke, ich finde mich zurecht.“

Marina lachte erneut.

Die Frau machte ein ernstes, ja beinahe entsetztes Gesicht.

„Tun Sie das nicht!“

Sie schaute sich um und fuhr flüsternd fort zu sprechen.

„Sie wären dort mutterseelenallein. Kein Mensch würde Sie schreien hören.“

Sie beugte sich über den Tresen.

„Schreckliche Dinge sind da passiert. En Mord. Ganz en fürchterlicher, der nie aufgeklärt wurde.“

Sie nickte vielsagend. Marina ließ sich nicht einschüchtern.

„Genau. Deswegen fahre ich dorthin. Wissen Sie, ich bin Autorin.“ Sie winkte ab. „Noch eine ganz unbekannte. Aber das wird sich ändern. Ich werde einen Bestseller schreiben. Ich muss einen Bestseller schreiben. Und dazu brauche ich Ruhe und die geeignete Atmosphäre.“

„Ne, ne. Aber doch net dort.“ Die Stimme der Frau wurde beinahe weinerlich.

„Wenns anfangt zu schneien, kommen sie dort net weg. Und och kener kann Ihnen helfen. Ken Handy funktioniert. Ich tät mir das noch mal überlegen.“

Marina legte ihre Hand auf die der Frau.

„Sie sind sehr nett. Aber es gibt nichts zu überlegen. Es ist meine letzte Chance.“

Die Frau seufzte.

„Ich mach Ihnen morgen früh ein gutes Frühstück.“ Sie fügte hinzu. „Überschlafen Sie das Ganze noch emal.“

Die Nacht verbrachte Marina teils mit Lesen, teils mit Grübeln. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet. Es gab weder Fernsehen noch Dusche. Aber es war sauber. Sie lag gerade auf dem Rücken in dem Bett mit weiß gestrichenem Metallrahmen und starrte an die Decke. Sie erinnerte sich an die Zeit vor fast drei Jahren. Damals starb ihr geliebter Vater an Krebs. Sie glaubte, der Himmel würde einstürzen. Zwei Tage später verunglückte ihr Mann schwer. All das geschah, als sie aus der Praxis umziehen mussten wegen des gesundheitsgefährdenden Schimmels, welcher aus dem Kellergewölbe darunter nach oben in die Praxisräume gekrochen war. Der Umzug war teuer. Der Vater, der ihr immer geholfen hatte, tot. Ihr Michael, Gott sei Dank am Leben. Er würde sie jetzt brauchen, genau wie ihre schwangere Tochter, welche gerade ihren Abschluss als Physiotherapeutin gemacht hatte und in das Geschäft eingestiegen war.

Marina lächelte. Das Mädel hatte frischen Wind in die Praxis gebracht. Die Patienten waren begeistert. Alles schien nach dem Umzug in die neuen Räumlichkeiten gut zu werden. Dann, anderthalb Jahre später die Nachricht, der Vermieter sei seit Monaten nicht auffindbar. Das Desaster nahm seinen Lauf. Damals dachte sie das erste Mal an Selbstmord. Die Lebensversicherung würde alle Schulden decken und es würde sogar noch was übrig bleiben. Sie musste es nur geschickt anstellen. Eine Träne bahnte sich den Weg aus dem linken Augenwinkel über die Wange zum Kinn. Dort blieb sie hängen, bis Marina sie fort wischte. Sie setzte sich auf. All die Mühe und harte Arbeit umsonst. Wäre ihre Familie nicht gewesen, vor allem der kleine Zuwachs, ihr Enkel, wer weiß? Das Bettgestell quietschte, als sie aufstand.

„Schluss mit Grübeln.“

11. Oktober 2012

Sie schaute auf ihre Armbanduhr auf dem Nachttisch. Drei Minuten vor fünf Uhr. Sie beschloss, aufzustehen und wusch sich besonders gründlich, da es keine Dusche gab.

Marina saß allein im Frühstücksraum der Pension. Es war sechs Uhr zwanzig. Ausnahmsweise hatte die nette Dame, welche sie gestern schon kennengelernt hatte, den Raum eigens für sie aufgeschlossen. Das Frühstück war reichlich, der Kaffee gut. Die freundliche Frau goss unaufgefordert Kaffee nach. Dann setzte sie sich vis-a-vis zu Marina an den Tisch.

„Haben Sie es sich noch amal überlegt“? fragte sie in ihrem unverwechselbaren Jargon.

Marina nahm einen Schluck Kaffee. Dann sah sie die Frau lange eindringlich an.