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Hektor Stark ist ein Kommissar mit Ecken und Kanten. Seine Fälle sind speziell und erfordern immer vollen Einsatz seines gesamten Teams. Der junge Kommissar löst nicht nur die schwierigsten Fälle, er trägt auch ein schreckliches Geheimnis aus seiner Kindheit mit sich herum.
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Die von Bäumen gesäumte Straße strahlte eine gewisse Eleganz aus.
Ein Eigenheim reihte sich an das Andere. Die Vorgärten waren gepflegt und man spürte einen Hauch von Luxus.
Kommissar Hektor Stark parkte sein in die Jahre gekommenes Auto, gegenüber des Hauses mit der Nummer Vierundachtzig.
Er drückte seinen Zeigefinger kurz auf den Knopf am schmiedeeisernen Tor.
Nach einigen Sekunden öffnete eine schlanke, sehr blasse Frau die Haustür und eilte den schmalen Weg entlang, welcher zwischen korrekt geschnittenen Büschen bis zum Eingangstor führte.
„Hallo, schön dass Sie so schnell kommen konnten. Ich bin Doris Mehner.“
Sie reichte Hektor die Hand und bat ihn ins Haus.
„Sie wohnen hier aber wirklich idyllisch“, sagte Hektor und meinte es auch so. Die Hausherrin nickte. Sie führte ihn durch einen langen Flur in das geräumige Wohnzimmer. Bot ihm Platz in einem der beigefarbenen Ledersessel an, welche um einen wuchtigen Holztisch standen.
Die Frau strich sich nachdenklich eine Strähne ihres halblangen, rotblonden Haares hinter das Ohr.
„Ich kann im Moment leider nichts von Idylle spüren.“
Ihre Stimme klang traurig. Hektor bemerkte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Sekundenlang legte sich bleierne Stille über den Raum. Hektor schaute sich in dem Wohnzimmer um. Möbel und Dekoration passten perfekt zusammen. Die Farbe der Wände, wie auch die des Fußbodens waren aufeinander abgestimmt. Auf einem breiten Fenstersims standen fünf Orchideen in voller Pracht. Hektor räusperte sich.
„Was genau ist geschehen, Frau Mehner?“
Sie blickte auf. Hektor schaute verwundert in Augen so grau wie der Ozean, wenn der Himmel bewölkt ist. Er räusperte sich erneut.
„Bitte schildern sie mir genau, was passiert ist.“
Zögerlich begann Frau Mehner zu erzählen:
„Mein Sohn Martin ist heute Morgen zur Schule gegangen. Danach sollte er wie immer, zum Geigenunterricht.“
Sie machte eine kleine Pause.
„Nur ist er da nie angekommen. Frau Lasch, die Geigenlehrerin rief mich vor zwei Stunden an. Da wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmt.“
Hektor beugte sich etwas nach vorn. Dieses Gesicht faszinierte ihn.
„Hat ihr Sohn das schon mal gemacht? Ich meine, den Geigenunterricht geschwänzt.“
Frau Mehner schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Martin ist mit seinen 10 Jahren bereits sehr pflichtbewusst, vielseitig begabt und ungewöhnlich intelligent.“
Sie lächelte.
„Er ist perfekt würde ich sagen, aber das denkt sicher jede Mutter über ihr Kind.“
Sie strich mit zitternden Fingern die Tränen von ihren Wangen.
„Wissen sie, wir hatten schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass ich noch einmal schwanger werden würde. Schließlich bin ich ja nicht mehr jung.“
Sie lächelte erneut.
„Also, Max mein Großer, ist fast sechs Jahre älter als sein Bruder. Ich war fast vierzig als Martin geboren wurde.“
Hektor rechnete kurz nach. Demzufolge musste diese Frau fast fünfzig Jahre alt sein.
„Ich habe bereits sämtliche Freunde von Martin und alle unsere Verwanden und Bekannten angerufen. Niemand weiß wo mein Sohn sein könnte.“
Sie schlug die flache Hand vor ihren Mund und schluchzte heftig.
Der Kommissar spürte die Verzweiflung der Frau und auch ihn beschlich ein ungutes Gefühl.
„Es kann natürlich einen ganz harmlosen Grund für das Fernbleiben Ihres Sohnes geben, trotzdem werden wir sofort mit den Ermittlungen beginnen und eine Suchmeldung herausgeben.Schließlich ist ihr Sohn ja nach Ihren Angaben ein sehr zuverlässiges Kind, das sicher nicht aus Blödsinn seine Eltern ängstigen würde, indem es einfach mal so abhaut.“
Er versprach Frau Mehner sofort anzurufen wenn er etwas erfahren würde.
Als Hektor Stark das Haus verließ, war sein Herz schwer.
Er konnte es auch nach so vielen Jahren bei der Polizei immer noch nicht ertragen, Menschen leiden zu sehen. Besonders nahmen ihn jedoch Fälle mit vermissten Kindern mit.
Hektor Stark war ein großer, immer ein wenig verwildert aussehender Mann. Er trug einen drei Tage Bart und Jeans. Sein immer schwer zu bändigendes, braunes Haar war halblang. Hektor wusste, dass er gut aussah. Die breiten Schultern, das kräftige Kinn und vor allem die strahlend blauen Augen verfehlten die Wirkung bei Frauen fast nie.
Dass er mit fast achtunddreißig Jahren noch Junggeselle war, konnte demzufolge nur an seinem Beruf liegen, glaubte er. Hektor blickte sich um. Der Mai lockte mit Blüten in allen Farben.
Seine Gedanken schweiften wieder zu Doris Mehner. Eine wirklich gutaussehende, beeindruckende Frau. Er stieg in sein Auto und verdrängte die für ihn ungewohnten Gefühle.
Am nächsten Tag im Präsidium angekommen, ging Hektor ohne Umwege zu seinem Schreibtisch. Wie so oft vergaß er seinen Kollegen einen Guten Morgen zu wünschen.
„Man siehst du Scheiße aus.“
Sein jüngerer Partner zog die Augenbrauen hoch und rümpfte die Nase.
„Wann hast du den zum letzten Mal geduscht?“
„Kai, halt die Schnauze!“
Hektor hatte so gut wie nicht geschlafen. Er hatte stundenlang gegrübelt, ob das Verschwinden des Mehner Jungen eine Parallele zu dem vor sechs Wochen verschwundenem Mädchen ergab.
„Sag mir lieber ob ihr irgendwas Neues erfahren habt. Sei es von der Kleinen aus Adorf, oder von dem aktuell vermissten Jungen.“
„Weder, noch.“
Kai trank einen Schluck Kaffee aus einer übergroßen Tasse mit der Aufschrift “ Arme Sau “.
Er war gerade sechsundzwanzig Jahre alt. Er hatte dunkles, kurz geschnittenes Haar und sah im Gegensatz zu Hektor sehr gepflegt aus.
Er bewunderte seinen Partner, obwohl er seine Vorgehensweise nicht immer gut fand.
„Ich sage dir.....“, der Satz blieb ihm im Hals stecken, weil das Telefon klingelte. Hektor nahm den Hörer ab. Kai bemerkte wie sein Kollege blass wurde.
„Wirkommen sofort. Bitte beruhigen sie sich, Frau Mehner.“
Er legte den Hörer hart zurück.
„Komm, wir müssen los!“
Die Morgensonne schien durch das offene Fenster ins Wohnzimmer der Familie Mehner.
Doris Mehner saß kreidebleich in einem der Sessel. Hinter ihr stand ihr Mann Walter. Er hatte haargenau dieselbe Blässe wie seine Frau. Während er wie eine Statue steif, mit leerem Blick aus dem Fenster starrte, hatte seine Frau ein verweintes Gesicht und schluchzte heftig. Hektor konnte sie kaum verstehen, als sie vom Anruf sprach, welcher vor einer Stunde bei ihnen eingegangen war.
„Eine halbe Million, er will eine halbe Mil...“
Ihr Satz wurde von einem Weinkrampf unterbrochen.
„Sonst wird er unseren Sohn umbringen.“
Herr Mehner vollendete mit rauer Stimme den Satz seiner Frau.
Hektor blickte von einem zum anderen.
„ Hat er bereits irgendwelche Angaben gemacht wann, wo und wie die Übergabe stattfinden soll?“
„ Nein, er will sich noch einmal melden.“. Walter Mehner blickte zu seiner Frau.
„ Ich werde das Geld schon auftreiben, Dora.“
Hektor musterte ihn.
Doras Gatte war ein stattlicher Mann mit dunklem Haar und grauen Schläfen. Er trug einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd. Keinen Schlips wie Hektor feststellte. Herr Mehner bemerkte, dass der Kommissar ihn musterte. Er lächelte ein wenig.
„Ich muss leider gleich wieder weg. Meine Firma expandiert in China und wenn ich nicht fliege platzt das Geschäft.“
Er senkte den Blick und nahm entschuldigend die Hand seiner Frau.
Der Kommissar wandte sich wieder Frau Mehner zu.
„ Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen. Kam Ihnen die Stimme bekannt vor? Waren da irgendwelche Geräusche im Hintergrund?“
Frau Mehner hob den Blick.
„Er hat geflüstert. Ich konnte kaum etwas verstehen. Aber...“ sie machte eine kleine Pause,
„Im Hintergrund hat ein Pfau geschrien.“
„Sind sie sicher dass es ein Pfau war?“ fragte Hektor.
Sie nickte. „Unverwechselbar. Es war ein Pfau.“
Hektor stand auf.
„Es sind fast immer drei Etappen welche die Täter anwenden. Entführung, Verhandlung, Austausch.
Wir werden folgendes tun. Wir installieren eine Fangschaltung und ich werde mich eine Zeitlang bei ihnen einquartieren müssen. Hoffen wir, das der Entführer sich bald wieder meldet.
„Seien sie zuversichtlich. Wir werden ihren Sohn finden.“
Nachdem alles im Präsidium geregelt war und die Techniker eine Fangschaltung installiert hatten, fuhr Hektor zurück zu den Mehners.
Gedanklich war er schon bei Dora und deren Beziehung zu ihrem Mann.
Es begann bereits zu dämmern als er vor dem weißen Haus mit dem schmiedeeisernen Tor parkte. Seltsam still war es im Haus. Doras Mann war nicht da und sie selbst sprach minutenlang kein Wort.
Hektor freute sich trotz des schrecklichen Anlasses in ihrer Nähe sein zu können.
„Übrigens, mein Mann hat das Geld bereits aufgetrieben.“
„Alles?“ Hektor war erstaunt.
Sie nickte und fragte unvermittelt ob er Hunger habe.
„Nun, ein wenig, ehrlich gesagt. Ich will mir nur schnell noch die Hände waschen. Wo befindet sich das Badezimmer? “
Dora stand auf. „Die Treppe hoch und dann links.“
Hektor schaute sich im hellblau, gefliestem Badezimmer um. Alles war peinlich sauber, beinahe steril. Er wusch sich die Hände. Aus dem ovalen Spiegel über dem Waschbecken blickte ihn ein struppiger Kerl an.
„Man, siehst du Scheiße aus.“
Er warf seinem Spiegelbild einen bösen Blick zu. Etwas fiel im Erdgeschoss polternd zu Boden. Hektor lief schnell, immer zwei Stufen nehmend, nach unten.
„Ist was passiert?“
„Nur ein Teller ist kaputt. Nicht der Rede wert.“
Mit spitzen Fingern sammelte sie die Scherben auf. Er sah ihr zu und hatte plötzlich das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
„Haben sie einen Anruf bekommen?“
„Nein! Ich habe uns eine Kleinigkeit zu essen gemacht und dabei ist mir ein Teller herunter gefallen.“
Den Brief, welchen sie gerade in der Post gefunden hatte, erwähnte sie nicht.
Als Kommissar Stark auf dem mit hübschem Bettzeug ausgestattetem Sofa lag und angestrengt zur Decke starrte, malte er sich aus wie es gewesen wäre Dora Mehner unter anderen Umständen kennengelernt zu haben. Diese rätselhafte Anziehung hatte Hektor bisher noch nie bei einer Frau gespürt. Während er noch versuchte dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, schlief er ein.
Ein tiefer Schlaf, unruhige Träume. Verwirrend und rätselhaft.
Hektor bekam nichts von den dramatischen Ereignissen der nächsten Stunden mit.
Die Nacht war kalt. Ein kräftiger Wind strich durch das Geäst der Bäume, die den Weg säumten, der nahe am Tierpark zum parkähnlichen Gelände führte. Dora war aus ihrem Wagen ausgestiegen. Sie nahm die Tasche mit den Geldscheinen aus dem Kofferraum. Die Frau spürte weder Kälte noch Wind, als sie den schmalen Weg der ins Innere des Parks führte, betrat.
“Kommen sie allein! Keine Polizei!“ hatte im Brief gestanden.
Ihre rechte Hand umklammerte den Henkel der braunen Ledertasche. Sie konnte einigermaßen gut sehen. Der Vollmond tauchte das gesamte Gelände in ein hell silbernes Licht. Der Weg wurde schmaler. Dora konnte erkennen, dass in geringer Entfernung etwas lag. Mitten auf dem Weg türmte sich vom Wind geschüttelt, eine Plane auf. Beinahe konnte man denken, ein Zelt stünde dort. Dora beschlich ein mulmiges Gefühl. Kurz blieb sie stehen, blickte sich um. Wo war der Entführer? Warum kam er nicht, nahm das Geld und brachte ihr den Sohn zurück. Dora spürte ihr Herz bis zum Hals hinauf schlagen. Heftig ging ihr Atem. Etwas Schreckliches, unfassbar Grausames, würde sie erwarten, wenn sie weiterginge. Dann straffte sich ihre schlanke Gestalt.
„Zwischen den Büschen wird er hocken, der Feigling. Er hat meinem Kind den Mund zugeklebt und wartet auf das Geld. Dann wird er Martin frei lassen.“ redete sie sich selbst Mut zu.
Diese Hoffnung ließ sie schneller laufen. Als sie beinahe da war, verlangsamte sie ihren Schritt. Dora erkannte, dass dieses dunkle Etwas mitten auf dem Weg, nicht vom Wind davon gefegt werden konnte. Etwas Großes, Schweres lag darauf. Sie stellte die Tasche mit dem Geld auf den Boden. Die Beine schienen ihr den Dienst zu versagen. Jetzt stand sie ganz nahe vor dem Bündel, welches die Plane daran hinderte davon zu fliegen. Sie hob mit beiden Händen das starre, schwarze Etwas aus Plastik an. Es war störrisch, wollte sich nicht öffnen lassen. Endlich gelang es ihr. Ein Schrei voller Verzweiflung und ohnmächtiger Wut rollte wie ein Donner durch das Gehölz und lies die Geschöpfe der Nacht verstummen.
Wie eine Tote lag Dora in ihrem großen, mit hellgrüner Bettwäsche bezogenen Bett. Hektor betrachtete sie ganz genau. Auf ihrer auffallend blassen Haut zeichneten sich winzige Sommersprossen ab. Hektor sah diese kleinen Flecken das erste Mal an ihr. Er machte sich Vorwürfe weil er nicht bemerkt hatte, dass sie sich des Nachts aus dem Haus geschlichen hatte. Ein Spaziergänger hatte sie im Morgengrauen ohnmächtig neben ihrem toten Kind gefunden. Als man sie in ein Krankenhaus bringen wollte, hatte die Frau getobt wie eine Wahnsinnige.
Nun war sie zu Hause. Blass lag sie in dem breiten Bett. Ihr rotes Haar bildete einen hinreißenden Kontrast zum Grün der Bettwäsche. Hektor konnte sich nicht satt sehen. Er betrachtete die kleinen Sonneninseln welche durch die Jalousien auf Doras Gesicht fielen. Ein leises Knarren riss Hektor aus seinen Gedanken. Ein großer, schlaksiger Junge stand unschlüssig im Türrahmen. Hektor legte den Zeigefinger auf seinen Mund.
„Sie schläft“, flüsterte er.
Er erhob sich, ging zu dem Jungen und schob ihn sanft hinaus in den Gang.
„Schön, dass ich dich endlich kennenlerne. Gehen wir doch nach unten. Ich habe einige Fragen an dich.“
Max hatte das schmale Gesicht mit den feinen Zügen seiner Mutter. Nur seine Augen waren anders.
„Du könntest mir helfen mein Junge.“
Max fuhr sich mit beiden Händen durch sein dichtes braunes Haar.
„Wie denn?“
„Du könntest mir einiges über deinen Bruder erzählen. Zum Beispiel über seinen Freundeskreis. Gab es Neider? Hatte er Streit mit Jemandem?“
Max hob die Schultern.
„Eigentlich mochten ihn alle. Er war überall beliebt. Bei seinen Klassenkameraden, sogar bei den Lehrern.“
Er dachte nach.
„Mein Onkel war der Einzige, der ihn einen verwöhnten Streber nannte.“
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Hektor schob einen der Sessel so, dass er Max direkt gegenüber saß.
„Martin war ein Einser Schüler, sportlich und künstlerisch begabt. Da müssen doch Einige neidisch gewesen sein?“
Max senkte den Blick.
„Glaub ich nicht. Martin hatte so eine Art, man konnte ihm nicht böse sein. Meine Eltern haben uns sehr streng erzogen. Wir durften viele Dinge nicht machen, die für andere Kinder normal waren. Es gab also keinen Grund auf uns neidisch zu sein.“
„Gut.“ Hektor erhob sich schwerfällig.
„Morgen werde ich mit seinen Klassenkameraden und mit den Lehrern sprechen. Mal sehen was dabei herauskommt.“
Es war ein wolkenverhangener Donnerstagmorgen als Hektor die wenigen Stufen, welche ins Schulgebäude führten, betrat.
Das Gewusel und das Lachen der Kinder versetzten ihn für einen Moment zurück in die eigene Kindheit. Warum merkt man erst wenn man erwachsen ist wie schön die Schulzeit war?
Hektor wollte gerade an die Tür mit der Aufschrift, Lehrerzimmer klopfen, als die Tür von innen geöffnet wurde.
Eine junge Frau, Hektor schätzte sie auf etwa dreißig Jahre, stand, die Hände voller Bücher, vor ihm. Das halblange, blonde Haar fiel ihr in weichen Wellen auf die Schultern. Eine gute, nicht zu schlanke Figur, helle, blitzende Augen. Nicht schlecht, dachte Hektor.
Die Lehrerin nahm schmunzelnd zu Kenntnis wie der Fremde sie musterte.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
Sie lachte. Nun war Hektor noch mehr fasziniert. Außer in Werbespots für Zahnpasta, hatte er noch nie so weiße Zähne gesehen.
„Ach, oh, Entschuldigung. Ich suche Frau Kreisel. Ich muss mit ihr über einen ihrer Schüler sprechen.“
Die Frau aus der Werbung lachte erneut.
„Sie haben die Gesuchte bereits gefunden. Aber wer sind Sie, wenn ich fragen darf.“
Hektor streckte ihr die Hand entgegen. Mit einem entschuldigendem Blick wies sie auf den Berg Bücher in ihren Händen.
„Gehen wir doch rein“, sagte sie und ging zum Schreibtisch um ihre Last abzulegen. Dann hielt sie Hektor ihren ausgestreckten Arm hin. Hektor nahm ihre Hand.
„Kommissar Hektor Stark.“, stellte er sich vor.
Sein Händedruck war kräftig. Die Lehrerin zog ihre Augenbrauen hoch. Hektor ließ los und hob beide Arme.
„Bitte nicht entschuldigen. Ich liebe starke Männer.“
„Also, ich würde gern mit ihnen über Martin sprechen.“
Der Blick der Lehrerin wurde traurig.
„Martin ist, ein außergewöhnlicher Junge.“ Sie stutzte. „War ein außergewöhnlicher Junge.“
Sie blickte auf ihre Hände, die auf der Tischplatte fest zusammen gefaltet lagen.
Hektor legte beruhigend eine Hand auf Ihre.
„Es ist wirklich furchtbar was diese Familie im Moment durchmacht. Gerade deswegen brauche ich jede Hilfe die ich kriegen kann.“Frau Kreisel nickte heftig.
„Leider kann ich nicht viel dazu sagen. Ich wüsste niemanden der Martin hätte etwas antun wollen. Aber ich kann Sie in die Klasse mitnehmen. Vielleicht weiß einer seiner Mitschüler etwas?“
